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Full text of "Archiv für die gesammte Medicin"

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4. 



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Irchiv 



für die gesammte Medicin 



• • 



• *. 



Herausgegeben 



▼ OB 

Dr. Heinrich Haeser, 

außerordentlichem Professor der Medicia sa Jena, praktischem Ante aad Secaa- 
dararste der acad. Poliklinik das., der aatarfortcheadea Gesellickafl sa Halle 
und der lateinischen sa Jeaa ordentlichem , des ärztlichen Vereins sa Bamberg 
außerordentlichem, der physikalisch - mediciaischea Societat sa Erlangen, der 
Sehlesischea Gesellschaft fär vaterlandische Kultur so wie der mediciaUch-chirar« 
fischen Societftt sa Brügge correspondirendem, des Vereins Grofshersogl. Baditcher 
Medieinalbeamter aar Förderung der Staatsarsaeikuade aad des arstlichea 

Vereins sa Hamburg Bhreamitgliede. 



weiter Baid. 



Jena, 

Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 

1842. 



t « 






« » 



Sr. Hochwohlgeboren 

Herrn 

* 

D r J. F. C Hecker, 

Ritter des Königl. Preufs« rothen Adlerordens und des Kaiserl. Russisch« St. Wla- 
dimir-Ordens vierter Classe, ordentlichem Professor der Heilkunde an der 
Friedrich - Wilhelms - Universität zu Berlin, Mitglied der mediciaischea Ober- 
Examinationseommission, der Akademie der Wissenschaften and Künste in Lyon, 
der Akademie der Medicin in Paris, der Akademie der Künste und Wissenschaf- 
ten in Dijou, der medicinisch - chirurgischen Akademieea in St. Petersburg und 
Wilna, der medtcinischen Gesellschaft in Hamburg, der Hunter'schen Gesell- 
schaft in London , der X. K. Gesellschaft der Aerzte in Wien , der Gesellschaft 
der Moskauer Universität für Natur- und Heilkunde, der medioinisohen und na- 
turwissenschaftlichen Gesellschaft zu Brüssel, des Vereins Grofsherxogl. Badi- 
scher Medtcinalbeamter zur Förderung der Staatsar zneikümde und anderer ge- 
lehrter Gesellschaften in Albaner, Berlin, Bonn, Dijon , Erlangen, Hanau, Hei- 
delberg, Kopenhagen, Leipzig, London, Lyon, Marseille, Metz, Neapel, 
New -York, Offenburg, Philadelphia, Stockholm, Toulouse, Warschau und 
Zürich Mitglied, Ehrenmitglied! und Correspondcnten 



widmet 
' diesen zweiten Band 

des Archivs far die gesammte Medicin 

als Zeichen seiner unbegrenzten Verehrung 



der Herausgeber. 






334871 






Vorwort 



JM.it. der innigen Freude, welche das Gelingen eines in 
regsamer Liebe für die Wissenschaft unternommenen und 
fortgesetzten Werkes gewährt, übergeben wir dem Publi- 
kum diesen zweiten Band des Archivs. Die Theilnahme 
der Aerzte' für dieses Organ ist nicht allein die frühere 
geblieben , sondern sie hat sich auch beträchtlich gestei- 
gert, und die Zahl der thätigen Mitarbeiter haben wir 
durch die Namen mehrerer hochachtbarer Collegen ver- 
mehrt zu sehen das Glück gehabt. Dem Archiv sind in 
kurzer Zeit mehrere neue medicinische Zeitschriften ge- 
folgt, eine Concufrenz, die nur dazu gedient hat, unsere 
Thätigkeit zu steigern, und unser Ziel, die Förderung der 
ächten Wissenschaft, immer unverrückter im Auge zu be- 
halten. Großsprecherische Versicherungen würden nicht 
im Stande seyn, den Mangel an innerer Gediegenheit 
zu ersetzen ; wir müssen es dem öffentlichen Urtheil über- 



VI 



Vorwort. 



lassen, ob der Inhalt des Archivs dieser Anforderung 
entspricht 

Fortwährend werden wir , um unserm Ziele ., das Ar- 
chiv zürn Organ der wissenschaftlichen Medicin in ihrem 
ganzen Umfange zu machen, der thätigen Mitwirkung un- 
serer Freunde und der tüchtigen, Aerzte überhaupt bedür- 
fen. Wir bitten angelegentlich um dieselbe , so wie wir 
für die bisherige Unterstützung zu innigstem Danke ver- 
% pflichtet sind. 

Damit empfehlen wir uns und unser Unternehmen 

» 

dem Wohlwollen, der Gleichgesinnten. 



Jena,, im Dec. 1841. 



Dr. JBU Haeser* 



<b 



Inhaltsverzeichnis» 

de« zweiten Bandes. 



.» ' -\ 



A. Abhandlungen* 

Ueber ärztliche Bildung and Bildungsanstallen. Von Dr. _ 

J, M. Leopoldt • ,. ..... ••••;;• •• S - 1 ~ Ä 

Docitment zur Geschichte des schwarzen Todes. Mitge- 

theilt und -eingeleitet von Dr. A. W. H e n s c h e 1 — 2o — 5» 

Zur Lehre von der Stase und vom Fieber. Von Dr. Eisen- 
m ann.^ (Fortsetz, der Abhandlung. Bd. I. S. 239 — 452 .) 
Fünfter Artikel. Ueber die Ursachen der Stase. — 60 — «S 

Ueber die Malpighi'schen Körper der menschlichen Milz. 

Von Prof. Gluge in Brüssel — ©3 -—88 

Ueber die Scrofelsucht ond ihre Behandlung , hauptsäch- 
lich durch den Leberthran und zweckmässige Diät. Von 

D*. Carl Rose h — 89— 121 

^^Die Schlange desAeskalap und die Schlange des Paradieses. 
Eine Remonstration im Interesse der .freien Wissen- 
schaft gegen die Restauration des Dr. Joh. Nep. von 

Ringseis. Von Dr. A. Siebert «.. — lo5 — 250 

n Ueber die Scrofelsucht und ihre Behandlung etc. Von 

Dr. C, Bosch. (Fortsetzung) ~Ss 22 

Varicocele. Von Dr. F. Pauli in Landau — ÄJU — Ä« 

Die Weiber von Salerne. Ein .Beitrag zur Geschichte der 

Medicin im Mittelalter. Von Dr. L u d w. C h o u 1 a n t. — 301 — 311 

Medicinisch - statistische Beiträge. Von Dr. C l e f «. .......— 312 — 321 

Zur Behandlung der Contraeturen und Ankylosen des Knie- 

gelenks. Von Dr. F. W. Fa b r i c i u s in Frankfurt a. M. — 322 — 329 

Kurze Mittheilungen. Von Dr. Eisenmann. # 

Vorschlag zur Behandlung des Schielens durch Elektricität — 330 — 334 

Eine merkwürdige Eigenschaft des Opiums — 334 — 341 

Zur Naturgeschichte der Menschen - Epiphvten. Liehen 

verum .................. • ..•••••••••••••• " ■ örtx ~~ ö*m 

Erinnerung an Willis. Von Prof. J. F. C. H e c k e r zu Berlin. —441 — 457 

Kritische Nachlese auf dem Gebiete der Ruhr. Von Dr. 

Hau ff, Oberamtsarzt zu Kirchheim unter Teck — 458 — 512 

Zwei beachtnngsWerthe Fälle von Krankheit der Aorta ad- 
scendens, des Arcus Aortae und des Herzens auf arthri- 
tischer Basis. Mitgetheilt von Dr. P h i 1 i p p zu Berlin. —513 — 524 

Ueber Milchmetastase. Von Dr. Roh. V o 1 z zu Pforzheim. — 525 — 535 

Ophthalmomyotorae cache. Von Dr. F. Pauli zu Landau 

in der Pfalz ,..—565 — 566 

B. Recensionen. 

Pathogen! e, von Dr. Ernst Moritz Naumann. Berlin, 

1840. Recensirt von Dr. H. Haeser —122 — 140 

Die Behandlung des Schielens durch den Muskelschnitt von 
Dr. F. A* v. A nimon. Leipzig, 1840. und 

Das Schielen und dessen operative Behandlung. Von Dr. 
Moritz Baumgarten, Leipz. , 1841. Recensirt 
von Dr, Schömann. —141 — 164 



Tiu Ifthaltsverzeichiüfs. 

Die mikroskopischen Forschungen im Gebiete der mensch- 
lichen Physiologie von O. K ö s 1 1 i n. Stuttgart, 1840. und 

Die specielle Gewsheiehre des Gehörorganes von Dr. S. - 
Pappen heim. Breslau, 1840« Recensirt Ton Dr. Jnl. 
Vogel S. 290— 297 

Traiii de VenUrite foUiculeiue (fitere typhoide ) j»ar C. F. 

Forget. Paris, 1841. Recensirt von Dr. H eyf eider —291 — 800 

Sydenham. Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Medicin. 
Von Ferd. Jahn. EUenach« 1840* Recensirt von Dr. 
H. Spiefs —345-7 366 

Die krankhaften Veränderungen der Haut und ihrer An- 
hänge, in nosologischer und therapeutischer Beziehung 
dargestellt von C. H. Fuchs, Göttingen, 1840. Recen- 
sirt Ton Dr. Eisen mann —30? — 385 

Die Blennorrhoe im Menschenauge. Von Jos. Fr. Pirin- 

g e r. Grätz, 1841. Recens. von Dr. Warn atz in Dresden — 386 — 411 

Versuch einer medicinischen Topographie und Statistik der 
Haupt- und Residenzstadt Dresden. Von Dr. E. J« J. 
Meyer. Stolberg und Leipzig , 1840. Recensirt von 
Dr. H. E. Richter zu Dresden... —412 — 419 

Die Kenntnifs und Behandlung der Eingeweidebruche. Von 
A. K. Hesselbach. - Nürnberg, 1840. Rec. von 
Dr. A. Siebert —419 — 422 

Medicinische Statistik der innerlichen Abtheilong des Ca- 
tharinenhospitalszu Stuttgart in seinem ersten Decennium 
1828 — 1838. Von Dr. G e o r g C 1 e s s. Stuttgart, 1841. 
Recensirt von Dr. C. R ös c h —422—427 

Commentatio de lithotomia Celriana critico - ehirurgiea , auctore 
I. F. X. Schoemann. Jenae, 1841. Recensirt von 
Dr. J. Rosen bäum in Halle —428*— 434 

Grofse Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten ein- 
fachen Heil- und Nahrungsmittel von EbnBeithär. 
A. d. Arab. übersetzt von Dr. Jos. v. Sontheiuier. 
Stuttgart 1840. Rec. v. Dr. L. C h o u 1 a n t in Dresden — 435 — 436 

Hippocratu Über de victus ratione in mortis acutis. Ed. F. Z. 
Ermerins. Lugd. Bat. 1841; Recens. von Dr. L. 
Choulant. , —431 — 440 

Handbuch der Bücherkonde für ältere Medicin, zur Kenntnifs 
der griechischen , lateinischen und arabischen Schriften 
im ärztlichen Fache etc. Von Dr. Ludw. Choulant. 
2. Aufl. Recensirt von Dr. Schrader au Hamburg. . • — - 536—544 

J. B. van Helmont's System der Medicin, verglichen mit 
den bedeutenderen Systemen älterer und neuerer Zeit etc. 
Von Dr. H. A, Spiefs. Rec. von Dr. H. Haeser.— 544 — 564 



Aus Versehen sind im Inhaltsverzeichnifs «um ersten Bande fol- 
gende Recensionen weggelassen worden: 

Jnecdota medica graeca e Codd. Mm, expromsit F. Z. Erme- 

rine. Lugd. Bat, 1840. Rec, von Dr. L. Choulant S. 550—553 
Di—, med* inavg. de originibus medicinae arabicac sub khali- 

fatu y auct. Alois. Sprenger. Lugd. Bat., 1840. 

Recensirt von Dr. Lud w. Choulant —553 — 556 

Umrisse zur Entwickelungsgeschichte der vaterländischen 

Natur - und Lebenskonde von Dr. J. P. V. T r o x 1 e r. 

St Gallen, 1839. Rec. von Dr. H. Haeaer ...... —557— 559 



I. 

Ueber 

ärztliche Bildung und Bildungsanstalten* 

Von 

Dr. J. M. Eieüpoldt. 



1. 

Mßer Medicm drängten sich zwar im Laufe ihrer Geschichte von 
Zeit zu Zeit ernstere Zweifel an ihren wissenschaftlichen Grund- 
lagen und Motiven, ein lebhafteres Bewufstseyn, dafs es ihr 
noch fehle, und emsigeres Bestreben auf, Fehlendes zu ergän- 
zen , Unzulängliches zu vervollständigen und Falsches zu berich- 
tigen. Kaum war dies aber in irgend einer solchen Epoche viel- 
seitiger und dringender der Fall, als im bisherigen Verlaufe des 
19. Jahrhunderts. 

Wohl gehurt nun solches Bewufstseyn und Streben an sich 
selbst schon zu den bessern Zeichen der Zeit; allein es handelt 
sieh denn doch auch wesentlich gerade darum, bald genug be- 
stimmter zu erkennen , wo . es hauptsächlich fehle und wonach 
vorzüglich zu streben sey. Um so dringender handelt sich's dar- 
um , wenn , wie in dieser Epoche der Fall ist , verschiedene be- 
reits gemachte Verbesserungsversuche nicht blos ungenügend, 
sondern zum Theil selbst das Uebel ärger machend gefunden wor- 
den sind , und wenn bereits auch das nichtärztliche Publikum auf 
eine bedenkliche Weise Antheil an der Sache nimmt. 

Und doch erscheint es an sich nicht so schwierig , bestimm- 
ter anzugeben , wo es hauptsächlich fehle und wie vorzüglich ge- 
holfen werden könne und müsse. Denn in Ansehung empirischer, 
Kenntnisse darf sich die Medicin dieser Zeit getrost mit der je- 
der früheren Epoche messen , ja in dieser Hinsicht unbedingt den 
Vorrang in Anspruch nehmen. Und dies nicht blos hinsichtlich 

1 



2 Leupoldt. 

der Zahl und des Umfangs , sondern auch der Genauigkeit empi- 
rischer Kenntnisse, die sie sich durch die exacte, die numerisch- 
statistische Methode, durch das Mikroskop, durch chemische 
Untersuchungen und dergleichen hereits in hohem Grade gesichert 
hat Zudem, welches vorzügliche diagnostische Hülfs mittel hat 
sie z. B. aHein durch die Auscultation und Pereussion sich zu 
verschaffen gewufst ! Welch' ein Reichthum von Heilmitteln strömt 
ihr noch immer zu ! Und an praktischer Tendenz fehlt es ihr so 
wenig, dafs man sie eher allzu überwiegend und voreilig finden 
konnte, indefs jedoch zu ihrer Ausbildung die klinischen Anstal- 
ten iu einer Anzahl , von einem Umfange und von einer Einrich- 
tung gegeben sind, wie sie im Ganzen früher nie und nirgends 
gefunden wurden. Wenn es nun der Medicin dennoch noch be- 
deutend fehlt, so kann es ihr demnach zunächst vorzüglich nur 
von Seiten der theoretischen Bildung fehlen. 

Dafs und wie dies der Fall sey, was sich unmittelbar daran 
etwa noch weiter anschliefse, und wie desfallsigen Uebelständen, 
besonders an den medizinischen Bildungsanstalten , zu begegnen 
sey, sollen denn nun die nachfolgenden Zeilen etwas näher er- 
örtern. 

Dafs es besonders um die theoretische Bildung der Aerzte 
nicht sonderlich befriedigend stehe, beweisen vor Allem sowohl 
allgemeinere Erscheinungen in der neuesten Geschichte der Me- 
dicin, als besondere Bekenntnisse von einzelnen eben so achtba- 
ren als von einander unabhängigen Aerzten. 

Welche bedeutende, einander zum Theil völlig widerspre- 
chende und ausschliefsende Verschiedenheiten der theoretischen 
Grundlagen bieten nicht die sich theils rasch folgenden , theiis 
neben einander auftretenden Erscheinungen des Brownianismus, 
der Erregungstheorie, der naturphilosophischen Medicin, der con- 
trastimulistischen Lehre, der Homöopathie, des Broussaiismus, 
der naturhistorischen und anthropologischen Medicin dar ( 

Hauptsächlich in Bezug auf die theoretische Bildung erneuern 
sich dann auch mit jedem Jahrzehnt , immer dringender werdend, 



Ueber ärztl. . Bildung u. Bildungsanstalt, 3 

die Bedenken, Klagen und Wünsche einzelner Aerzte. So fand 
P. Frank unsere Beobachtungen und Erfahrungen nur unordent- 
lich auf Haufen gethürmt,' die' zu schichten und zu richten noch 
geraume Zeit erforderlich seyn werde, so erschienen Val. v. 
Hildenbrand die medicinischen Kenntnisse nur als unvollen- 
dete Bruchstucke und die medicinischen Wahrheiten als immer- 
währender Zweifel , und so fand Hufeland die Medicin schon 
VQr 40 Jahren wieder reif für die Geifsel eines neuen Moliere. 
So fand Reil ungefähr ein Jahrzehent später, nach Ueberwin- 
dung eines Strudeis* grundloser Hypothesen , dafs es Regionen in 
der Medicin gebe, wo noch stockfinstere Nacht herrsche, und v. 
Wedekind, dafs, im Grunde blos unter dem Antriebe der 
Mode, nicht blos Dogmatiker und Empiriker, sondern diese uud 
jene unter einander selber sich bis zur gegenseitigen Vernichtung 
widersprechen. Und doch findet L. W. Sachs nach abermals un- 
gefähr zehn Jahren Theorie und Praxis mehr als je von einander 
abgeirrt, so zwar, dafs sie Monologe halten, ohne einander zu 
vernehmen, und Ph. C. Hartmann vollends den Entwicklungs- 
gang der Theorie, dem Punkte nahe gekommen , wo die Aerzte 
von dem höchsten Gipfel der Speculation in die tiefsten Abgründe 
der Empirie zurückstürzen , obwohl sie die letztere unter allerlei 
alten und neuen Deckmäntelchen zu verbergen suchen. Wieder- 
um nach ungefähr einem Jahrzehent klagt Choulant, dafs die 
Wissenschaft der praktischen Medicin , trotz der so reichen und 
ausgebildeten anatomisch - physiologischen Kenntnisse , nicht fort- 
schreite, weil man zu übersehen scheine, dafs jene als selbst- 
ständige, freie Wissenschaft sich entwickeln und vou andern Do- 
ctrinen wohl Belehrung annehmen, aber nicht bis zur Verleugnung 
ihres eigentümlichen Charakters von ihnen abhängen solle — und 
findet Jahn Veranlassung zu tiefer Trauer darüber, dafs wir 
noch immer nicht zu einer den Ansprüchen der Zeit einiger Mafsen 
genügenden Theorie der Heilkunde gekommen sind , und heischt 
vor Allem einen Mann von nicht gewöhnlicher Kraft zur Leitung 
und Zügelung der Entwickelungsstürme der ärztlichen Wissen- 
schaft, damit das gährende Chaos zu einer neuen höheren Schö- 
pfung sich gestalte. Und dennoch gewähren nach abermaligem 

1 * 



4 Leupoldt. 

Verflösse eines Jahrzehente gegenwärtig nach R. Wagner alte 
Hippokratiker, reine Theoretiker, krasse nnd, wie sich Viele 
wohlgefällig nennen, rationelle Empiriker, Anhänger der Erre- 
gungstheorie , der Naturphilosophie, Humoral- und Solidarpatbo- 
logen , Gastriker und Phlogistiker , Eklektiker , Homöopathen und 
Iisopathen, Wasserdoctoren , Magnetiseure und Charlatane aller 
Art, die sich auf der Bühne, in Schriften und in der Praxis, fried- 
lich und streitend umhertreiben , eben kein erfreuliches Bild ; und 
v. Ringseis findet noch zur Stunde die schreiendsten Contraste 
in der Praxis, babylonische Verwirrung in der Theorie, in bei- 
den Anarchie. 

Wir konnten noch auf manche Stimme der Art und auf man- 
ches ähnliche Zeichen der Zeit hinweisen , aus denen zu entneh- 
men ist , wie viel dermalen der Medicin überhaupt , wie viel ins- 
besondere der Theorie derselben Noth thut, welche letztere sich 
zum Theil noch viel schlimmer als die Praxis, ja ausdrücklich als 
schlechter denn je, charakterisirt findet; wie doch gerade die 
so enorm angewachsene Masse des empirischen Materials und ein 
sonst leicht mehr nachtheiliges als heilsames praktisches Treiben 
mehr und bessere Theorie heische , und wie ohnedies die Würde, 

wo nicht gar die Existenz der Medicin allzusehr gefährdet sey. 

« 

3. 

Leider kann man solche Zeugen und Zeichen nicht ohne Wei- 
teres Lügen strafen. Und wenn man auch den Stand der Sache 
nicht so ganz verzweifelt findet, so bleibt doch wahrlich genug 
zu beklagen, zu wünschen und zu bessern übrig, und zwar vor- 
züglich von Seiten dessen , was wir vorerst nur noch durch Theo- 
rie bezeichnen wollen. Wie grofs und Ausschlag gebend aber 
überhaupt der Einflute der Theorie zum Guten und Schlimmen 
ist, lehrt ein klarer Blick, aufser auf das Feld der Medicin, auch 
auf die Gebiete des Staates und der Kirche , der materiellen und 
sittlichen Interessen gerade in neuester Zeit unwidersprechlich. 

Um dies insbesondere auch auf dem Gebiete der Medicin 
nicht zu verkennen, ist nur namentlich auch nöthig, sich insofern 
nicht selbst zu täuschen oder täuschen zu lassen , dafs man die 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 5 

Theorie da wirklich aus dem Spiele glaubt, wo sie nur in gewisser 
Form und unter anderem Namen vorkommt» oder wo man aus- 
drücklich meint und vorgibt, man brauche, habe und befolge 
keine Theorie, indefs man doch in der That und Wahrheit in nur 
um so bedenklicherer Weise unter ihrem Einflüsse steht 

Das Erstere ist namentlich der Fall , wenn vom sogenannten 
praktischen Tacte als von Etwas die Rede ist, um! das es sich 
viel mehr als um Theorie handle. • Denn dieser Tacfc ist eben we- 
nigstens aum Theil auch selbst Theorie, nur Theorie auf niedrig- 
ster, embryonischer Entwickelungsstufe» mehr nur in Form blofsen 
Gefühls und Instincts. Wer konnte aber die blofse embryonische 
Anlage der entwickeltet! Theorie selbst vorziehen wollen? Wer 
dies wollte, der müTste consequenter Weise überhaupt dunkle 
Gefühlsregungen der klar bewufsten Erkenntnifs , den Instinct der 
niedern Thierwelt dem bewufeten und freien menschlichen Wollen 
und Handeln, der müsste auch Fühlfäden dem ausgebildeten Auge 
vorziehen. Nun bleibt zwar auch bei der entschiedensten und 
vollkommensten wissenschaftlichen Ausbildung immer noch ein 
Rest solchen instinetmäfsigen , embryonischen theoretisch - prak- 
tischen Wesens als tiefster Quellpunkt für die weitere Entwicker 
lung übrig, begründet ein gewisser Reich tbum daran — bei zu- 
gleich Statt findender gehöriger Entwickelung — wesentlich alle 
Originalität und Genialität in theoretischer und praktischer Hin- 
sicht, und hat dieses punctum saliens auch für sich seinen Werth. 
Allein durch gehörige Entwickelung wird es nicht blos nicht er- ' 
schöpft, sondern vielmehr, wie die Keimkraft einer Pflanze, nur 
noch lebendiger erregt und gekräftigt. Und wie eine Quelle , un- 
ter sonst gleichen Umständen , durch gehörigen Abflufs und Ge- 
brauch ihres Wassers nur um so reichlicher und reiner quellen ge- 
macht wird, indefe sie im entgegengesetzten Falle sich leicht 
trübt, versumpft, versiegt oder verschlägt, so gewinnt auch je- 
ner Tact nur durch methodische wissenschaftliehe Ausbildung, 
wo hingegen er in Ermangelung derselben nur zu leicht verküm- 
mert und entartet. Wo es aber vollends, wie dies in unserer, 
durch so Mancherlei auch in dieser Hinsicht erschöpften Zeit so 
häufig der Fall ist, an dem gehurigen Maafse solchen naturge- 



6 Leupoldt. 

gebenen Tactes fehlt , da thut sorgfaltige und gemessene theore- 
tische Bildung doppelt Noth. 

Und was den zweiten Umstand anlangt , dar« zwar Manche 
vorgeben und wohl auch selbst meinen, sie brauchten, hätten und 
befolgten keine Theorie bei ihrer Praxis, indem sie in der That, 
anstatt in einem freien Verhältnisse zu ihr zu stehen , nur in einer 
um so bedenklicheren Weise unter ihrem Einflüsse stehen, so 
m8ge man doch ja Folgendes nicht übersehen. Es heifst auch Ja : 
naturam expellat fitrca, tarnen usque recurret. Der Mensch 
denkt und theoretisirt denn also auch so noth wendig, als er ath- 
met. Wo er aber deshalb die Natur seines eigenen Geistes, 
selbst schon schlecht theoretisirend , verkennt und sein theoreti- 
sches Bedfirfnifs vernachlässigt und mifshandelt, da bleibt die 
Sache nicht aus, die gerade vor Allem in quantitativ und quali- 
tativ abnormes Entwickelung des Verkannten und Mifshandelten 
besteht. Auch in dieser Hinsicht bewährt sich dann: wo kein 
Gott waltet, da spuken Gespenster. Gerade weil in ganzen Zeit- 
räumen die Eine grofsere und bessere Theorie, so zu sagen, der 
Verwesung preisgegeben ist, wimmelt es dann von einer ganzen 
Brut winziger schlechter Theoriechen. Oder man gibt sich we- 
nigstens in demselben Grade, in welchem man sich gegen gründ- 
lichere , umfassendere und durchgebildetere Theorie auflehnt , ir- 
gend einer oberflächlicheren, beschränkteren und minder entwi- 
ckelten unbedenklich hin. 

Wenn man aber endlich heutzutage oft darüber klagen hört, 
dafs die praktischen Zweige der Medicin hinter den theoretischen 
zurückgeblieben seyen , so dreht sich die Sache mehr oder weni- 
ger um unklare Begriffe von Theorie und Praxis. Ja, da gilt 
leicht selbst für Theorie der Medicin, was eigentlich weder Theo- 
rie ist, noch so recht der Medicin als solcher selbst angehört, 
indem man empirische Bereicherung von Zweigen der Naturkunde 
daför nimmt, die zwar im Verhältnifs zur Medicin stehen, aber 
ihr eigentlich nicht selbst angeboren. Um sich aber vom letzteren 
Punkte eines Besseren zu überzeugen , sollte wahrlich schon die 
Verweisung auf Hippokrates und seine desfallsigen empiri- 
schen Kenntnisse hinreichen. Seinen naturhistorischen, anato- 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. % 

mischen und physiologischen Kenntnissen zufolge könnte er ent- 
weder gar nicht als Arzt, oder wenigstens nur als ein sehr schlech- 
ter gelten« Dafr er aber doch ein so grofser Arzt war, spricht 
dafür, dafs zur Medicio Anderes als jene allerdings werthen und 
unentbehrlichen Hülfekenntnisse gleichwohl noch wesentlicher ge- 
höre. Und dies Andere war eben auch schon bei Hippokra- 
t e & wenigstens zu einem guten Theiie gerade theoretischer Na- 
tur. Doch wiederum nicht so wohl seine theoretische Ansicht 
von der Constituirung aller irdischen Naturdinge durch vier Ele- 
mente, und selbst nicht seine Ansichten in Bezug auf menschliche 
Physiologie im engeren Sinne, als vielmehr seine unmittelbarer 
den Kern der Medicin betreffende Ansicht von dem Verhält- 
nisse der Krankheitsursache zum organischen Leben, von dem 
durch Crudititt, Kochuog und Krisis hindurchgehenden Kampfe 
beider, von der durch Natur- und Kunsthülfe zu bewirkenden Aus* 
Scheidung jener u. s. w. 

Und was die Verwechselung der Theorie mit Etwas betrifft, 
was diese nicht selbst int, so gilt dies den dem Arzte überhaupt 
notwendigen Keuntnissen, welche die Theorie selbst erst sowohl 
einzeln, als nach ihrem gegenseitigen Verhältnisse und allseiti- 
gen Zusammenhange deuten , verstehen und zweckmässig gebrau- 
chen lehren mute. 

Ehen weil es an ächter eigentlicher Theorie der Medicin als 
solcher fehlt, trifft es sich gegenwärtig auch so häufig, dafs Aerzlc 
trotz eines bedeutenden Retehthums von empirischen Kenntnissen 
aus dem Bereiche der Natur - und Heilkunde sich in der Praxis 
dennoch nur sehr leidlich bewähren — ein Umstand, auf den 
ganz neuerlich einer 'unsrer aditungswerthesten Aerzte, Stieg- 
litz, wenige Tage vor seinem Tode aufmerksam gemacht hat 

4. 

Um jedoch nicht allenfalls de lana eaprina zu Jeden, ist nun- 
mehr vor Allem etwas nähere Verständigung über die Begriff« von 
Empirie und Theorie, sowie aber ihr gegenseitiges Verhältnifs 
und ihre wechselseitige Vermitteluog «ölhig. 

Empirie ist du» «her das Resultat der Wechsejwjrkuug einer- 



8 Leupoldt. 

seite der blofeen Außenseite , der blofeen äufseren Erscheinung 
der Gegenstände unseres Wissens und Handelns, und andrerseits 
blos unserer äufseren Sinne. Die sinnlich wahrnehmbare üufeere 
Erscheinung ist jedoch fiberall nur die Kehrseite eines inneren 
Wesens, und die ganze äufsere Erscheinungswelt von Seiten der 
Natur und der Geschichte gründet auf einer wesentlichen Innen- 
welt , die auch nur Gegenstand eines höheren innerlicheren Er- 
kennens ist 

Diese wesentliche Innenwelt, die der den äufseren Sinnen er- 
scheinenden Aufsenwelt zu Grunde liegt, ihre eigentliche Sub- 
stanz, id, quod ei subitat, und ihr Lebensprincip bildet, ist ihrer 
reinen Ursprünglichkeit nach das System göttlicher Ideen und 
Ideale von und zu der erscheinenden Wirklichkeit. Diese sind 
aber auch insofern das vorzugsweise Wirkliche, als ihnen eine 
der Absolutheit Gottes analoge selbstständige Realität und ein 
schöpferisch fortwaltendes Leben zukommt, ja, als sie das Leben 
selbst sind, von dem die äufserlich erscheinende Wirklichkeit 
eben nur die äufserlich erscheinende Wirkung ist Jenes System 
göttlicher Ideen und Ideale ist zugleich der einzig wahre Prototyp 
aller menschlich wissenschaftlichen und namentlich auch aller so- 
genannten natürlichen Systematik. Es ist Ein vielgetbeilter und 
doch immer wieder zum Ganzen verschlungener Lebensstrom, 
dessen vorübergleitende, auf- und untergehende Wellen die 
empirischen Erscheinungen der Welt sind. 

Eben darum sind aber auch diese und ist die ganze äufser- 
lich erscheinende Welt, auch in ihrer vollständigsten Gegenwart, 
nie und nirgends der volle Ausdruck der Idee im obigen objectiven 
Sinne des Worts , sondern ist vielmehr die Verwirklichung dieser, 
'theils bereits der Vergangenheit angehörig, theils noch der Zu- 
kunft vorbehalten , sowi^ sie dem Räume nach da und dort nur 
theilweise in die Erscheinung tritt. 

Und doch fassen wir auch die stets und überall nur theilweise 
Erscheinung der Idee durch unsere äufseren Sinne selbst wieder 
nur theilweise neben und nach einander auf. Und wie sehr sich 
auch die unmittelbar selbsterworbenen empirischen Kenntnisse je* 
des Einzelnen durch historisches Kennenlernen der empirischen 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 9 

Wahrnehmungen Anderer vervollständigen mögen, so gewährt 
doch die aus beiden Quellen resultirende Empirie nie auch nur 
die volle äufserliche Erscheinung der Idee. 

Allein, wenn dem auch anders wäre, so wäre der Gegen- 
stand der Empirie doch immer nur die Schale und sie selbst nur 
gleichsam eine Kenntnifs von Buchstaben , und Zeichen , die nur 
zum Ausdruck eines Sinnes und einer Bedeutung dienen , welche 
letztere zu verstehen vollends erst die wesentliche Aufgabe ist, 
welche aber die Empirie allein nicht lösen kann. 

Dies ist vielmehr Sache der Theorie, d. b. eines Schauens, 
einer Anschauung; aber nicht des äufseren Auges , obwohl dies 
der höchste äufsere Sinn ist, sondern des Einen höheren inneren 
Sinnes oder der Vernunft. Doch bewährt sich auch deren Fun- 
ction nicht überall sofort als ein Schauen , sondern vorerst eben 
nur als ein Vernehmen überhaupt Werden ja doch selbst die 
äufseren Sinne ihrer Fuuction erst durch allmälige Entwicklung 
und Uebung mächtig, geschweige denn dieser innere Sinn. Da 
gibt es (Jäher gar manche Stufe von der leisesten, entferntesten 
und unbestimmtesten Ahnung des Vernehmens bis zum klaren, 
deutlichen und bestimmten Schauen. Dieses innere Auge erblo- 
det und erblindet schon auf den untersten Stufen seiner Entwicke- 
lung noch viel leichter und öfter, als das äufsere. Wenn dann 
aber die in dieser Hinsicht Blöden und Blinden oder diejenigen, 
die sich in dieses Auge allerlei Staub und Sand streuen lassen 
oder selbst streuen, wenig oder nichts von seinen eigentlichen 
Gegenständen sehen oder auch nur vernehmen , so folgt daraus 
so wenig, dafs es kein solches Schauen und keine solche Gegen- 
stände gebe, als eine äufserlich sichtbare Welt darum nicht wirk- 
lich nicht ist, weil sie der Blinde nicht sieht 

Die Gegenstände dieses höheren innerlichen Vernehmens 
und Schauens sind aber eben jene dem weltlichen Daseyn zu 
Grunde liegenden Ideen und Ideale, das Verwirklichende und 
Wirksame in allem Wirkliebem, die erst den vollen Sinn und die 
volle Bedeutung enthalten, welche in Zeit und Raum in den em- 
pirischen Erscheinungen nur theilweise leserlich werden. Die 
nächste Vermtttelung zu ihrer Anschauung bildet aber die Specu- 



10 Leopold! 

lation oder die selbstthltige Auf- nd AbsuicgHung derse lben, 
und unsere defsnllsigen Aiischanungeu sind die Ideen im sab- 
jediven Sinne des Worts. 

So liefst zwar unsere Erkenntnifs geineinsam ans den Quel- 
len der Empirie and Theorie; aber wie schon keiner der äulueren 
Sinne den andern wahrhaft ersetzen kann , so können sich noch 
weniger die Extreme unser e s EtkeimtniisTermSgens , weichen die 
Empirie und Theorie entsprechen , einander ersetzen. Dafs die 
erstere von der letzteren nicht gewährt werden könne, darüber 
ist bw allerdings* einverstanden. Dagegen stellt man sich nur 
m l|äofig so an, als ob die Theorie blos ans der Empirie erschlos- 
sen, abstrahirt oder subHmirt n. dergL werden könne , ja müsse. 
Wohl mfissen mm beide einzeln für sich durch verschiedene Ope- 
rationen des Denkens gefördert und gesichert, sowie gegenseitig 
auf einander bezogen und zur gegenseitigen concreten Einheit ver- 
mittelt werden, und ist dies ein vielseitiges und wichtiges Ge- 
schäft. Allein nimmermehr kann und soll dadurch allein die Theo- 
rie selbst aus der Empirie gewonnen werden; durch Reflexion, 
Abstractioo, Analyse, Induction u. dergL kann von der Empirie 
immer nur der Theorie sich angenähert und zu bloföeu Surrogaten 
und Schattenbildern derselben gelangt werden. 

Nur allenfalls ein Schein des Gegentheils kann namentficii 
auch dadurch bewirkt werden, dafs die Entwickehmg der mensch- 
lichen Erkeuntnifs im Ganzen vorherrschend von unten und anfsem 
nach oben und innen fortschreitet; allein die höheren und inner* 
liehen Sphären derselben sind so selbstständig, ab die unteren) 
und äu&eren; zuletzt muls fiberall die äufeere Erscheinung we- 
nigstens eben sowohl von dem inneren Wesen aus gedeutet und 
verstanden, und zu diesem Behufe durch entsprechende Deukope- 
tafionen die Theorie auf die Empirie bezogen werden, als umge- 
kehrt und die sog. empirischen Wissenschaften können davon 
keine Aus na hm e machen , sofern sie wirkKch Wissenschaft sind 
«nd seyn sollen, was zu seyn die Medicia am wenigsten ausgege- 
ben hat und aufgeben kann. Wissenschaft ist immer concreto 
Einheit von Empirie und Theorie, nur dafe im Einzelnen bald die 
andere von diesen beiden mehr Anfall hat Im Ganzen aber 



Ueber örztl. Bildung u. BUdungsanstalt. 11 

sind sogar die empirischen Erscheinungen ebenso vorzugsweise 
durch die Theorie zu. deuten, wie das innere Wesen, die Idee, 
das Ursprüngliche und das die äufsere Erscheinung Bedingende 
ist, wie nicht gleicher Weise umgekehrt. 

Mit all' dem soll jedoch die Empirie keineswegs unter ihre 
wirkliche Bedeutung herabgewürdigt werden. Denn sind auch 
die empirischen Kenntnisse nur Buchstaben und Zeichen einer 
Schrift zu vergleichen, so ist, obwohl diese erst durch die Theo- 
rie deutend und verstehend gelesen werden kann, dennoch die da- 
von unabhängige Kenntnifs der Buchstaben und Zeichen , sowie 
ihre Verbindung zu Sylben, Wörtern, Sätzen und zur ganzen 
Schrift durchaus ebenfalls nöthig. Ja, wie die Buchstaben einer 
Schrift gerade so, wie sie dazu eben verbunden sind, zu Erregern 
und Leitern des lesenden Verständnisses dienen müssen, so auch 
der Theorie die empirischen Kenntnisse. Es handelt sich ja bei 
jener nicht sowohl blos um die Ideen und Ideale an und für sich» 
sondern gar sehr auch um das Maafs und die Art ihrer jedesma- 
ligen zeitlichen und örtlichen äufseren Verwirklichung. Ohne ge- 
naue Respectirung der Empirie würde die Theorie einem Lesen 
gleichen , bei welchem etwa nur ein Theil der wirklich gegebenen 
Buchstaben und Wörter in der gegebenen Verbindung aufgefafst 
und ausgesprochen würde , indefs der Leser theils andere an die 
Stelle der übrigen setzte, theils sie wenigstens anders verbände. 

5. 

Ja, noch mehr. Auch das entwickeltste und geübteste spe- 

culativ - theoretische Schauen und Denken bedarf selbst noch eines 

* 

Weiteren zur Sicherung seines Geschäfts und seines Endzwecks. 

Wie nämlich zum Sehen unseres für sich auch noch so gut 
befähigten äusseren Auges und vollends zum möglichst deutli- 
chen, umfassenden und richtigen Sehen desselben, aufeer dem 
Auge und den zu sehenden Gegenständen, auch no*h äufeeres 
Licht , entsprechender Standpunkt und eine das Sinnwerkzeug ge- 
brauchende höhere Selbsttätigkeit erforderlich sind, so auch zum 
theoretischen Schauen und spekulativen Denken. Wenn nun aber 



11 LeupoldL 

die Gegenstände dieser die der äusseren Wifkiichkeit innerlich 
zu Grande liegenden göttlichen Ideen und Ideale sind , so kann 
auch das entsprechende Licht nur das der gottlichen Offenbarung, 
der erforderliche Standpunct nur der durch diese angewiesene, 
die angemessene höhere leitende Selbsttätigkeit nur die unseres 
höchsten und innersten geistigen Wesens seyn, sofern es im rech- 
ten Verhältnisse zu Gott und dessen Absichten und Willen steht 

Dann aber findet die Theorie jene wesentliche Innenwelt, 
jenes System der göttlichen Ideen und Ideale , vor Allem keines- 
wegs in reiner Ursprünglichkeit vor, sondern befangen in einem 
sie vielfach trübenden, hemmenden und störenden Conflicte mit 
abweichender und widerstrebender creatürlicher Freiheit und den 
beiderseitigen Resultaten davon. Und obwohl Gott selbst von 
Neuem auf ganz besondere, doch die Freiheit möglichst schonende 
Weise in's Mittel getreten ist, so fehlt und ruht dennoch in Na- 
tur und Geschichte der Kampf zwischen einem normirenden Zuge 
und Drange und* zwischen dem abnormirenden Widerstreben , so- 
wie zwischen den beiderseitigen Resultaten nie und nirgends 
ganz. Er erklärt insbesondere auch erst in letzter Instanz den 
Ursprung und das Daseyn der Krankheit und des Schädlichen 
überhaupt, und gewährt das grofsartigste Vorbild aller Erkran- 
kung und Heilung. 

Speculatives Theoretisiren , wo es auch gegeben ist, aber 
ohne in diesem Lichte und von diesem Standpunkte aus zu 
schauen, wähnt nur Normales oder höchstens Abnormes als not- 
wendige s Mittel für das Normale zu sehen, ist aber damit auch 
.aufser Stand gesetzt, wie auf dem Gebiete der Sittlichkeit, so 
insbesondere auch auf dem der Heilwissenschaft auch nur zu den 
einfachsten, aber auch fundamentalen, positiven Grundbegriffen 
zu gelangen, und bringt in der That und Wahrheit alles Wissen 
und Handeln, wie gut das auch übrigens beschaffen sey, einzeln 
und gegen «einander mannichfach in unheilvollen Widersprach, ja, 
bezeichnet im Grunde zum Theil selbst schon die Existenz der 
Medicin mehr als etwas Unnothiges und Gefährliches, denn als 
etwas Notwendiges und Heilsames. 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildimgsanstalt. 13 

' Wird aber mit all' dergleichen die Medicin nicht von dem 

'*' heilsamen Wege der Erfahrung abgeführt? 



er 

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Gerade das Gegentheil. Leider findet da , wo man am mei- 
sten auf Erfahrung pocht und vorgeblich und vermeintlich um der 
möglichst reinen Erfahrung willen so Manches von Kopf und Her- 
zen abweist, nur zu häufig eine sehr einseitige, niedrige, defecte 
w und unlebendige Erfahrung und zum Ersatz des daran Fehlenden 

* wenigstens verhältnifsmäfsig nur zu viel todtes Schattenwesen der 
ie Abstraction statt. Dann gilt mit Unrecht, und selbst schon gegen 
$ den alltäglichsten Sprachgebrauch von Erfahren, die blofse Em- 
■ pirie für Erfahrung. Nur zwischen dem äufs ersten Saume unse- 

* res Erkennens und zwischen der äufsersten Schale des zu erken- 

* nenden Daseyns, meint man dann wohl, gebe es ein unmittel- 
1 bares Begegnen und Berühren, zu allem anderen aber nur ein 

* durch Schlüsse, Abstraction und dergleichen vermitteltes Verhält- 
• ! nifs. Allein wie unmittelbar lebendig nur immer unsere äufseren 
' Sinne die äufsere Erscheinung erfahren können , so gibt es Erfah- 
J rang auch für jeden höheren und innerlicheren Kreis unseres er- 
^ kennenden Wesens in Bezug auf entsprechende höhere und inner- 
lichere Gegenstände. So ist auch achtes speculativ - theoretisches 
Vernehmen und Schauen ein Erfahren. Und so bilden Empirie 
und Theorie in dem bisher geltend gemachten Sinne nur zwei Ele- 
mente und Seiten der Einen ganzen Erfahrung. 

Was aber der Einzelne in der einen und andern Weise selbst 
erfährt, bildet stets nur einen kleinen Theil desfallsiger Erfahrung» 
die aber durch die Geschichte der Empirie und Theorie als 
Erfahrung im Grofsen ergänzt werden kann und soll. 

Und doch ist auch damit die Erfahrung weder materiell noch 
formell vollendet. Was das menschliche Bewufstseyn für sich 
von den Anfängen und tiefsten Gründen der bereits hinter uns lie- 
genden Geschichte nicht zu erreichen und zu erfassen vermochte, 
und was rücksichtlich des wesentlichen Fortganges und Endzieles 
der erst noch künftigen Geschichte über unsere Erfahrung und 
Divination hinausliegt, das hält uns in orientirenden Andeutungen 



i 



14 Leupoldt. 

und Grundzflgen die göttliche Offenbarung vor, zu welcher der 
Mensch ebenfalls im Verhältnisse der innigsten und lebendigsten 
Erfahrung stehen kann und soll. 

Nicht also um eine Schmälerung der Erfahrung handelt sich s 
bei dem von uns auch ftlr die Medicin Geforderten , sondern viel- 
mehr um die gebührende extensive und intensive Vervollständi- 
gung derselben. Die Medicin hat sich zur Zeit noch weniger , als 
dies bereits von anderen Wissenschaften geschehen ist , den er- 
weiterten und vertieften Erfahrungs - oder geschichtlichen Charak- 
ter angeeignet, der zum Besten der neuesten Zeit gehört. 

r 

Alle Bildung hat aber endlich ihren höchsten und innersten 
Zielpunkt in der Persönlichkeit , in Gesinnung und Charakter des 
Gebildeten und zu Bildenden. Da gewinnt sie auch erst volle Kraft 
und Reife zum Handeln und zu jederlei Praxis , und von da aus 
hilft sie auch rückwärts alles Erkennen erst wesentlich sichern. 
Alles menschliche Handeln, so denn auch das des Arztes als 
solchen, hängt im Ganzen wenigstens eben so sehr von Gesinnung 
und Charakter, als vom Wissen des Handelnden ab. Ja, bei 
gleichem Umfange und Werthe des Wissens können verschiedene 
Gesinnung und Charakter den Ausschlag für das völlig Entgegen- 
gesetzte geben. Undhnach ihnen richtet sich auch das Forschen 
und Wissen auf jedem Gebiete, auf jeder Stufe und in jeder 
Sichtung nicht blos nach Gründlichkeit und Zuverlässigkeit oder 
nach Seichtigkeit und Cngenauigkeit , sondern selbst bis znr Ver- 
tauschung von Wahrheit und Lüge. Das lehrt die tägliche Er- 
fahrung , wie die Geschichte , auf das Mannichfaltigste. 

Jedoch auf Gesinnung und Charakter überhaupt, und nament- 
lich vortheilhaft zu wirken , ist die blos mit Empirie identificirte 
Erfahrung ungleich weniger fähig, als dasjenige, was diese erst 
vollends zu ergänzen und zu vervollständigen hat So denn vor Al- 
lem ächte, wahrhaft speculative Theorie. Und zwar dadurch , dafs 
sie durch ihren eigentlichsten Gegenstand , die dem äufserlichen 
Daseyn innerlich zu Grunde liegenden objectiven göttlichen Ideen 
und Ideale» nothwendig auch an Gott selbst, als deren absolutes 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 15 

Subject, somit an die absolute Persönlichkeit und das Verhältnifs 
zwischen ihr und dem Geschaffnen überhaupt , menschlicher Per- 
sönlichkeit aber insbesondere, anknüpft. Die die Erfahrung eben- 
falls erst vervollständigende, aber freilich selbst nicht blos empi- 
risch aufzufassende Geschichte hat sodann nicht blos anziehende 
und abschreckende Beispiele menschlicher Persönlichkeit und de- 
ren Gesinnung und Charakter , sondern auch das gottliche Walten 
in ihr zu veranschaulichen und bildend zu machen. 

Je mehr dies auch von Seiten der Theorie und Geschichte 
der M edicin geschieht ,, desto mehr gewinnt diese an wahrem in- 
nerem Gehalte und Adel, und desto inniger verbindet sie sich 
mit anderen edleren Berufsarten und Interessen zu würdiger Ge- 
meinschaft und organischer Wechselwirkung , durch die sie selbst 
gewinnt, und Anderem erst wird und gilt , was sie kann und soll. 

8. 

Vergleicht man nun aber den wirklichen Bestand der Median 
mit diesen Anforderungen an die ärztliche Bildung, so vermifst 
man bei jenem nicht blos sehr viel von diesen, sondern findet auch 
mebr oder weniger entschiedene Abneigung und Vorurtheile da- 
gegen. Es ist daher wohl der Mühe werth , nach den Ursachen 
davon zu forschen. 

Da mochte man denn freilich leider vor Allem mit Paulus 
fragen: wie sollen sie glauben, von dem sie nichts gebort? Und 
wie sollen sie hören ohne Lehrer? — Im Allgemeinen ist nämlich 
an den ärztlichen Bildungsanstalten eine ernstere , höhere wissen- 
schaftliche Richtung überhaupt und die Theorie der Medicin ins- 
besondere, sammt demjenigen, was sich, wie namentlich die 
Geschichte der Medicin, zunächst daran anschliefst, noch zur 
Stunde verhältnifsmäfeig augenscheinlich am stiefmütterlichsten 
bedacht. Für besondere Lehrer der Anatomie und Physiologie, 
der speciellen medicinischen Pathologie und Therapie, wohl 
auch der Heilmittellehre, flu; besondere Lehrer der Chirurgie und 
Geburtshülfe, sowie für Kliniker wird in der Regel nach Ver- 
mögen gesorgt Allein die allgemeinen Theile der das Ganze 
der Medicin wesentlich constituirenden Disciplinen, die in ihrer 



16 Leupoldt. 

Gesammt- und Einheit die Theorie derselben zu bilden hätten, 
kommen zum Theil auch nur dem Namen nach kaum vor, zum 
Theil sind sie, anstatt wenigstens an der einzelnen Lehranstalt 
in' Einem Geiste bearbeitet und gelehrt zu werden — auch im 
besseren Falle , wo bessere einzelne Elemente gegeben sind — 
zu sehr zerrissen und vertheilt, und sind so, anstatt Eines harmo- 
nischen Ganzen, häufig nur ganz heterogene Fragmente gegeben; 
leicht noch öfter scheint man fiir dergleichen Lehrfächer den ersten 
besten Docenten für gut genug zu halten, sieht sie mehr oder we- 
niger für blofse Lückenbüfeer an, läfst sie wobl zu dürftigen 
Einleitungen und Anhängseln verkümmern , und es dahin gestellt 
seyn, ob und wie sich die Studirenden damit befassen. 

Dazu kommt, dafs wohl schon dem sich dem Studium der 
Medicin Nahenden solches Mifsverhältnifs und solche Mißachtung 
nicht entgangen ist, und er sich im Zusammenhange damit auch 
bereits die rein philosophische Vorbildung nicht sonderlich ange- 
legen seyn liefs, die bei dem gegenwärtigen Stande' der Philoso- 
phie auch ohne dies oft nicht sonderlich gedeihlich ausgefallen 
seyn dürfte, und dafs er durch die empirische Einseitigkeit und 
Breite der der Medicin als Vor- und HüUsdoctrinen dienenden 
Zweige der Naturkunde leicht mehr gegen als ftir ächte theore- 
tische Bildung gestimmt worden ist Nun kommt ihm aber auch 
noch von Seiten der Medicin selbst, anstatt einer ihr besonders 
aecommodirten, übrigens aber ernster wissenschaftlichen, Geist- 
und Lebenvolleren allgemeinen Biologie und Anthropologie viel- 
mehr vor Allem die Anatomie des Leichnams entgegen , welcher 
demnächst eine einseitige empirische Physiologie folgt, deren 
eigentümlicher Charakter noch überdies durch auch in ihr über- 
wiegende anatomische Richtung beeinträchtigt ist. Und endlich 
sind auch speziellere Zweige der Medicin , die noch mehrseitige 
und tiefere Anknüpfungen fordern würden, ganz vernachlässigt oder 
dem Zufalle preisgegeben, wie namentlich Eubiotik und Psychiatrie; 
und eben so bleibt man ein tüchtiges Studium der Geschichte 
der Medicin, wie es den ganzen Bildungscyclus würdig und frucht- 
bar schliefsen sollte, grofsen Theils ganz schuldig oder begnügt 
sich mit einer dürftigen äußerlichen Uebersi^ aber dieselbe. 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 1? 

Aus solchen Schulen gehen nun aber auch diejenigen hervor, 
die selbst wieder Lehrer an denselben werden. Und je mehr 
solche demnächst darauf bedacht sind, der Privatpraxis nachzu- 
gehen , desto weniger kann ihnen auch hinterher Zeit, Sammlung, 
Lust und Geschmack zu dem vorher Versäumten werden , gegen 
das sich so vielmehr leicht positive Vorurtheile bilden. Auch man- 
cher in dieser Hinsicht an sich mehr Qualificirte und Berufene hat 
unter solchen Umständen entweder die Vortheile und Annehmlich- 
keiten der Praxis, oder andere , mehr geschätzte, Lehrfächer ei- 
nem so wenig begünstigten und ermuthigenden Lehrberufe vorge- 
zogen , oder sich einer mehr oder weniger fabrikmäfsigen Schrift- 
stellerei hingegeben , und Einer und der Andere hat darüber gar 
der Medicin überhaupt den Rücken gekehrt. 

Bei Anderen werden einmal gefafste Vor urth eile gegen die 
theoretische Bildung der x\erzte leicht durch folgende Umstände 
unterhalten und genährt. Man muthet dann theils aus Unkunde, 
theils fast muthwillig der Theorie wohl zu, dafs sie ein für alle- 
mal die ganze volle Wahrheit gewähren solle, und bricht über sie 
den Stab, weil sie das weder früher noch jetzt vermochte , anstatt 
zu bedenken, dafs die beste einzelne Theorie nur ein bestimmtes 
Stadium in der ganzen geschichtlichen Entwickelung der Theorie 
überhaupt bezeichnen kann und soll. Sich ihrer aber darum lieber 
ganz entschlagen zu wollen, stellt jenen Thoren gleich, die nicht 
in's Wasser gehen wollen, bevor sie schwimmen gelernt haben. 

Auch Urheber von Theorieen selbst haben dies freilich wohl 
zu bedenken , um x von der Prätension abzustehen , in's Einzelnste 
ausgesponnene und ganz fertig abgeschlossene gewähren zu wol- 
len, zu welchem Behufe sie zum Theil vor/eitig und widerlich 
erkünsteln, was späterer natürlicher Entwickelung zu überlassen 
ist Statt dessen handelt es sich vielmehr hauptsächlich darum, 
im innigen und gemessenen Zusammenhange , theils mit der Cul- 
turgeschichte überhaupt , theils mit der Geschichte der Heilkunde 
insbesondere, die selbst mehr als organische Entwickelungen 
aufzufassen sind, eigentliche Ideen, wissenschaftliche Methode 
und lebendige Gedanken im Allgemeinen zu pflegen und zu för- 
dern, sowie übrigens je mehr nur da und in soweit systematisch 

2 



18 Lenpoldt. 

fortzubilden, wo und soweit dies durch bessere Interessen und 
Elemente der jedesmaligen Gegenwart besonders begünstigt und 
erleichtert ist. Durch das Gegentheil erregt die Theorie selbst 
nicht ganz unbegründete Abneigung gegen sich. 

Dergleichen haben jedoch besonders solche Aftertheoriecn 
der Mediciu in neuerer und neuester Zeit erregt, welche ihre 
Unfähigkeit fär wahre Theorie zum Theil mit offen erklärter Feind- 
schaft gegen ihr eigentlichstes Wesen bemäntelten. So nament- 
lich der Brownianismus mit seiner Warnung vor der giftigen 
Schlange der Philosophie, und vollends der Hahnemannianismus 
mit seiner zur abenteuerlichsten Aftertheorie umschlagenden Feind- 
schaft gegen alle eigentliche Theorie. Auch der Contrastimulis- 
mus und Broussaiismus beginnen ihr Werk sofort mit dem Ge- 
ständnis des Unvermögens für ächte Theorie und ihrer Ver- 
zweiflung an derselben. Aber eben die unbefriedigenden und ab- 
schreckenden Früchte dieser negativen Bestrebungen sollten dazu 
bestimmen» um so mehr Bedacht auf geeignetere positive zu 
nehmen. 

Das Gleiche gilt von jenen unbefriedigenden und vergeblichen 
Ursachen , die Theorie lediglich von der Empirie zu abstrahiren. 
In Bezug auf den entgegengesetzten Mifsbrauch einseitiger aprio- 
ristischer, die Empirie mifsachtender Theorie aber, wie in Bezug 
auf sonstige einseitige, übereilte und unreife theoretische Ver- 
suche, dergleichen uns allerdings namentlich in der letzten natur- 
philosophischen Periode zu Theil geworden sind , gilt ganz ein- 
fach : abums non tollit ttstnn. Und Sorge für rechten und tüch- 
tigen Gebrauch schützt sicherer vor Mifsbrauch , als das Bestre- 
ben , um dem letzteren zu entgehen , auch den erstem zu meiden. 

Viel Entfremdendes gegen Ideen bringt ferner für die Aerzte 
ein einseitiges Uebergewicht der Anatomie mit sich , das sich so- 
fort an der Schwelle des Studiums der Medicin geltend macht. 
Allein die einfachste Beobachtung und Analyse aller ursprüngli- 
chen organischen Entwickelung kann davon überzeugen, dafs nicht 
die Organisation das Erste und das Leben erst das daraus resul- 
tirende Zweite sey, sondern dafs das Erste und Ursprüngliche 
das Leben sey, das sich nur vor Allem als seine Organisation 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 10 

lebendig Bildendes und dann sie, wie der Meister sein Werkzeug, 
Gebrauchendes beweist. Wenn jedoch das einseitige anatomische 
Ausgehen von der Organisation , das zum Theil Veranlassung zu 
völliger Umkehrung des eigentlichen Verhältnisses, zwischen die- 
ser und dem gleichwohl auch dann noch sogenannten Lebens- 
pri ncipe wird, dessen ungeachtet so sehr vorherrscht und vor* 
erst auch noch durch die emsigen mikroskopischen Untersuchun- 
gen gefördert werden mag; so thut Fürsorge für den Blick fürs 
Leben selber und für eine gewisse geistige Makroskopie nur um 
so mehr Noth. Und dies um so zeitiger, als sonst gewöhnlich 
eine Richtung, die durch die sie ergänzende entgegengesetzte zu 
wenig in Schranken gehalten wird, erst in ihr eigenes Extrem 
aus - und dann zunächst ins gerade entgegengesetzte andere Ex- 
trem umschlägt. 

Wie weit es mit der Scheu der Aerzte vor Theorie bereits 
gekommen ist und was davon zu halten sey, legt namentlich auch 
der Umstand nahe, dafs man kein Bedenken trug und keinen An- 
stand fand, den Ausspruch des Mephistopheles , des Lügners 

und Verführers von Anfang: 

„Grau, theurer Freund, ist alle Theorie" 
zur Devise der Medicin zu machen , obwohl der Dichter den Erz- 
schelm zur Einleitung zu jenem Ausspruche ausdrücklich erklären 
läfst, er wolle nun einmal wieder „recht den Teufel spielen," und 
obwohl jenes Motto nur der Refrain dessen ist , was der Schalk 
dem naiven Schüler gegenüber vorher an die Stelle aller ärztli* 

eben Theorie gesetzt hat ; namentlich : 

Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen ; 

Ihr durchstudirt die grofV unjl kleine Welt, 

Vm es am Ende geh'n zu lassen, 

Wie's Gott gefällt. 

Vergebens dafs ihr ringsum wissenschaftlich schweift — 

Besonders lernt die Weiber fahren — 

Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebensachen , 

Um die ein Andrer viele Jahre streicht, 

Versteht das Pülslein wohl zu drücken , 

Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken, 

Wohl um die schlanke Hafte frei, 

Zu seh'n , wie fest geschnürt sie sey. 



20 Leupoldt. 

9. 

Aber an den Früchten soll man den Baum erkennen. Was 
von solcher Mifsachtung und Vernachlässigung wesentlicher Ele- 
mente der- ärztlichen Bildung die Folge war und ist , erhellt zur 
Genüge theils aus der bisherigen Darstellung, theils aus Folgen- 
dem. Das enorme Uebergewicht empirischen Materials bereitet 
nicht blos der ganzen Medicin eine niedrige und äufserliche Ein- 
seitigkeit, sondern die empirische Masse wird ihr auch als rudis 
indigestaque moles vielfach mehr zur druckenden und hinderlichen 
Last, als zum brauchbaren und forderlichen Reichthum. Auch 
dieser Reichthum wird erst zu einem Segen , wenn er recht be- 
nutzt wird. Dazu gehurt aber ein entsprechendes Maafs theore- 
tischen UeberMicks und geistiger Superiorität. Auch in Bezug 
auf solchen Reichthum gilt es, gehurig zu „speculiren." Sonst 
wird er bei allem Hin - und Herwenden und Zählen, wie der eines 
ungeschickten Geizhalses, zu sehr zum todten Schatze. "Wie 
reichliche Nahrungsmittel bei unzureichender Verdauungskraft mehr 
zur Schädlichkeit als zur Wohlthat werden, so empirischer Reich- 
thum ohne entsprechende Theorie. Wie die Seele den Leib erst 
vollends belebt, verschönt und in manchfacher Weise zweckmä- 
fsig bethätigt, so die Theorie in Bezug auf die Empirie. Und wie 
aller Reichthum von Vorstellungen und Gedanken sich nutzlos in 
Träumen oder Delirien umhreibt, wenn es an frei herrschender 
Ge- und Besinnung fehlt, so gibt es auch, wie namentlich auch 
schon van Helmont bemerkte, in der Wissenschaft etwas Ana- 
loges« Ja, die Theorie mufs der Empirie auf ihrem eigenen 
Gebiete Fragen vorlegen und Richtungen anweisen, um sie zweck- 
mässig zu bereichern und fruchtbar zu machen. , 

G. E. Stahl hat sich zu seinerzeit anheischig gemacht» 
zu jeder Stunde, ohne dafs es Ihm die geringste Mühe machen 
sollte, in etwa 50 Zeilen von ärztlichen Schriftstellern über ge- 
wisse Fundamental -Begriffe und Ansichten der Medicin eben so 
viele Verstöfse , als akoja , avvtkoya , aavXXoytara u. s. w. dar- 
zuthun. Wie Recht oder Unrecht er nun damit gehabt haben und 
wie viel unterdessen besser geworden seyn mag : welche Masse 
seichten, leichtfertigen, unbeholfenen, stümperhaften, sich allsei- 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt, 21 

tig widersprechenden wissenschaftlichen Treibens bietet gleichwohl 
auch noch zur Stunde die ärztliche Literatur, besonders die 
Journalliteratur , zum Theil immer von Neuem darl In solcher 
Masse Scheint es in der That auf keinem anderen Gebiete der 
Wissenschaft der Fall zu seyn. Schon dafs auf dem der Medicin 
so Viele nur überhaupt soviel schreiben , dürfte kaum weniger ein 
schlimmes als ein gutes Zeichen seyn. Es ist dies vielfach mehr 
das Resultat eines krankhaften Kitzels und colliquativen Zustan- 
des, als wahren Lebensdranges und Bildungstriebes. Und wenn 
das Bessere und Tüchtigere in sich selbst sicherer und unter sich 
selber einiger wäre und die gebührende Herrschaft hätte, so 
würde solches Unwesen nicht so leicht auf-, fort- und temporär 
selbst oben ankommen. 

So aber läuft die Medicin augenscheinlich Gefahr» sich von 
dem Gemeingut höherer, rein menschlicher und wissenschaftlicher 
Bildung zu sehr loszutrennen, sich selbst der Ebenbürtigkeit und 
Gemeinschaft mit anderen Wissenschaften, welche ihre wahre 
Würde besser behaupten, zu begehen und sich seihst im besse- 
ren Falle in zu enger und einseitiger Verbindung mit einer gewis- 
sen Seite und Richtung der Naturkunde einer , wenn auch sonst 
ehrbaren, aber fär sie doch nicht ganz passenden Gesellschaft 
zu sehr hinzugeben. Je mehr aber die allgemeine Bildung sich 
.in immer erweiternden Kreisen zum Theil auch auf ärztliches 
Wissen erstreckt und namentlich in Bezug auf Gegenstände, die 
unter diesen Umständen von der Medicin weniger geeignet be- 
handelt oder vernachlässigt werden , desto leichter lernt sie die 
schwachen Seiten dieser kennen. Ja, es kann nicht fehlen, dafs 
die Medicin durch wissenschaftliche Leichtfertigkeit und Ungründ- 
lichkeit zum Theil wesenüichtse Interessen des Menschen selbst 
positiver Weise gefährdend erscheint. Auch im Organismus der 
Wissenschaften gereicht Mangel an Gemeinschaft und Harmonie, 
sowie des Einen Geistes bei den noch so mancherlei Gaben, dem 
Ganzen und den einzelnen Gliedern zum Unheile. Und in Bezie- 
hung auf die praktische Wirksamkeit der Medicin sind ja Glau- 
ben und Vertrauen ohnedies bereits so bedenklich erschüttert. 



22 Leupoldt. 

10. 

Was auch sonst noch dazu mag beitragen können und müs- 
sen, solchen für die Medicin bereits bestehenden Nach th eilen 
zusteuern, weiter drohenden, vorzubeugen und ihr die entgegen- 
stehenden Vortheile zu sichern , so ist doch sicherlich ein Haupt- 
mittel dazu bessere Bedachtnahme auf acht theoretische Bildung 
an den ärztlichen Bildungsanstalten. 

Dergleichen müssen aber vor Allem keine anderen seyn sol- 
len, als medicinische Facultäten, die selbst organische Glieder 
von Universitäten sind. Die Erfahrung hat hinlänglich und zum 
Theil sehr schmerzlich gelehrt, wie sehr durch andere ärztliche 
Bildungsanstalten mit niedriger gestellten Anforderungen — die 
nüthigen Vorkehrungen zur Bildung von Hebammen und Kranken- 
Wärtern ausgenommen — fast nur ärztliche Stümperei und Pfu- 
scherei ganz methodisch befördert werden. Man verpflichte nur 
die Aerzte, an deren Bildung die höchsten Anforderungen gemacht 
worden sind, zu allen Verrichtungen, die über das gewöhnliche 
Geschäft einer Hebamme , guter Krankenwärter und Wärterinnen 
und höchstens eines in enge und sichere Grenzen gewiesenen 
Baders hinausgehen, und es wird sich bald finden , dafs sie auch 
so, und so im Ganzen nur um so besser, ausgerichtet werden. 

Wie vor nicht gar langer Zeit namentlich S a v i g n y zu be- 
denken gab , dafs ein Hauptmittel , das Universitätsstudium über- 
haupt zu heben und zu fördern, nicht darin bestehe, es den Ler- 
nenden zu leicht zu machen, sondern vielmehr darin, die ganze 
Aufgabe höher zu stellen ; so möchte dies dermalen in Bezug auf 
die ärztliche Bildung doppelte Anwendung finden. An Candida- 
ten fehlt es ja wahrlich nicht. Und es dürfte weit besser seyn, 
wenn zehn Unberufene abgeschreckt werden , als dafs Ein Aus- 
erwählter die rechte volle Aufgabe und Anregung nicht vorfinde 
und erfahre. 

Noch hat aber die tox viva, wenn sie nur eine geistig leben- 
dige und angemessen gebrauchte ist, ihre belebende Kraft nicht 
verloren. Noch fehlt es im Allgemeinen nicht so sehr an Bildsam- 
keit der Studirenden, wenn ihnen nur sogleich von vorn herein 
die rechte bildende Kraft des Lehramts entgegenkommt. Ja , je 



Ueber ärztl. Bildung u. Bildungsanstalt. 23 

mehr diese in Anspruch nimmt, desto mehr Grund und Boden 
wird Tendenzen zu Afterbildungen entrissen, die an und aufser 
Universitäten nicht so um sich gegriffen haben würden , wenn es 
nicht namentlich auch an ernsterer höherer WissenschafUichkeit 
verhältnifemäfsig gefehlt hätte. Damit aber insbesondere ächte 
theoretische Bildung bei den künftigen Aerzten aufkommen und 
gedeihen könne, mufs ihr nur, gegenüber den empirischen und 
praktischen Elementen, auch durch äufsere Veranstaltungen Raum 
und Bedeutung verschafft werden. 

Zu diesem Behufe sollte jedoch in jeder medicinischen Facul- 
tät auf eine eigene Professur för Theorie der Medicin eben so viel 
und zunächst wohl noch mehr Gewicht gelegt werden, als auf 
irgend eine andere Professur. Die Theorie der Medicin verträgt 
es ihrem Begriffe und Wesen zufolge noch viel weniger, dafs 
sie Trümmerweise an verschiedene Lehrer , mit deren Qualifica- 
tion es wobl noch dazu weniger genau genommen wird, vertheilt 
werde, als irgend ein bestimmtes empirisches und praktisches 
Fach. Und so eigentümliche Forderungen nur immer z. B. an 
den Professor der Chirurgie zu stellen sind , so auch an den Pro- 
fessor der Theorie der Medicin. 

Was dessen besondere Qualifikation anlangt, so mufs er, dem 
Bisherigen und der Natur der Sache zufolge, bei einem steten 
allgemeinen Ueberblicke des Standes der empirischen und prakti- 
schen Interessen der gesammten Medicin, vor Allem von Haus 
aus ein philosophischer Kopf seyn , eine tüchtige Schule in dieser 
Hinsicht durchgemacht und sich in gleich vorzüglichem Grade 
wissenschaftliche Methodik überhaupt und entsprechende Lehr- 

• 

fertigkeit insbesondere angeeignet haben , mit der Geschichte der 
Medicin und Philosophie, so wie mit der Culturgeschichte über- 
haupt , umfassend und eindringlich vertraut, und über dies Alles 
ein religiös - sittlich orientirter Geist und Charakter seyn. Man 
verzweifle nur nicht ohne Weiteres, , solche Männer zu finden. 
Bas Sprichwort : „Gelegenheit macht Diebe" findet auch in gutem 
Sinne seine Anwendung. 

Was aber die Lehrfächer solch' eines Lehrers anlangt, so 
gehören dazu jedenfalls die allgemeineren Grundlagen aller Haupt- 



24 Leupoldt. 

zweige der Medicin , vor Allem eigentlicher allgemeiner Jßiologie, 
demnächst der Anthropologie nach ihrem ganzen Umfange, nicht 
blos der Physiologie des Menschen , und zwar zugleich in engster 
Verbindung mit den allgemeinen Fundamenten der Lehre von den 
Lebensmitteln, Schädlichkeiten, Giften und Heilmitteln für die 
verschiedenen Seiten, Stufen und Richtungen des menschlichen 
Wesens , sodann vollends die allgemeine Pathologie und Therapie 
und endlich die Geschichte der Medicin. 

Indem sich aber alles vorher Genannte im innigen Zusammen- 
hange während eines einjährigen Lehrcursus zu folgen haben 
dürfte, neben dem jedoch noch philosophische, naturwissenschaft- 
liche, anatomische und speciell - physiologische Studien Platz fän- 
den, hat die Geschichte der Medicin vielmehr dem Studium der 
spezielleren Fächer möglichst erst zum Schlüsse des ganzen aca- 
demischen Studiums zu folgen. Je mehr dieselbe dann nicht blos 
von ihrer nur mehr subjectiven Seite, d. h. in Bezug auf Wissen 
und Handeln, Forschen, Meinen und Ansichten der Aerzte, son- 
dern auch von ihrer objecttven Seite , d. h. in Bezug auf die Ge- 
schichte der Gesundheit und der Krankheiten , sowie der Gesund- 
heits-, Krankheit«- und Heilungs - Bedingungen und Verhältnisse, 
cultivirt wird, desto mehr dient sie dazu, den ganzen übrigen Er- 
werb der bisherigen ärztlichen Bildung concret zu veranschau- 
lichen , lebendig anzueignen und fruchtbar zu machen. 

Gleichwohl dürfte mit dem Allen von dem Einen, wenn nur 
gehörig qualificirten, Lehrer nicht blos nicht zuviel gefordert seyo, 
sondern mit dieser Professur , und zwar in besonderer Beziehung 
zur allgemeinen Pathologie und Therapie, gar ersprießlich auch 
noch ein Antheil an der medicinischen Klinik, wenigstens eine 
propädeutische medicinische Klinik, zur alsbaldigen Veranschau- 
lichung eines Theils des Inhalts der genannten Doctrinen und zur 
ersten Uebuug in Kranken - Beobachtung und Behandlung för die 
Studirenden , wie zur Unterhaltung des praktischen Sinnes auch 
fiir den Lehrer der Theorie, zu verbinden seyn, hier und da 
wohl auch ein specielleres Fach, wie etwa die sonst ohnedies 
leicht vernachlässigte oder mifshandelte Psychiatrie. Man werde 
sich dagegen nur klar, wie häufig die von Lehrern der Medicin 



Ueber ärztl. Bildung u. BUdnngsanstalt. 25 

ausgeübte gewöhnliche Privatpraxis ihrem Lehrerberufe und der 
ärztlichen Bildung überhaupt leicht weit mehr Nachtheil als Vor* 
theil bringt, wie wenig verträglich mit dem Lehramte Analoges 
bei anderen Facultäten gefunden wird , und wie sie auch bei der 
medicinischen im Ganzen eher verpönt als gefordert werden sollte. 
Der so vertretenen theoretischen Bildung der Aerzte möge 
sodann nur auch» wie bei den Doctorprüfungen an den einzelnen 
Facultäten , so auch bei weiter angeordneten Prüfungen für Er- 
werbung der licentia practicandi und für Anstellungen im Staats- 
dienste , das nöthige Recht und Gewicht zugestanden und ange- 
wiesen werden. Auf dem Gebiete der Literatur werden solche 
Lehrer ihre Sache von selbst, einzeln und in Gemeinschaft» gel- 
tend zu machen wissen. Und die Heilkunde und der ärztliche 
Staat werden auf die eine und andere Weise gewifs wesentlich 
gewinnen. Mögen daher namentlich auch die medicinischen Fa- 
cultäten» die Curatel - Behörden der Universitäten und die ober- 
sten Medicinalstellen die Sache einer näheren Erwägung nicht nn- 
werth finden! 



II. 

Document zur Geschichte des schwarzen 

Todes. 

Mitgetheilt und eingeleitet 

tob 

Dr. A. W, Henachel. 

o. 6. L. 9m d. Univ. Breslau. 



1. 

.Nachdem durch die vereinten Bemühungen dreier der ausgezeich- 
netsten neueren Forscher, C. Sprengeles, J. F. C. Hecker's 
undH. Haeseris, die Geschichte derPandemie des sogenannten 
schwarzen Todes im 14. Jahrh. auf eine so gründliche Weise ins 
Klare gesetzt worden , wie wenige andere , scheint es fast über- 
flüssig, noch neue Zeugnisse über diese Krankheit abzuhören. , Da 
jedoch der Zufall mir ein, wie ich glaube, noch ganz unbekanntes 
dazu gehöriges Actenstück bei Gelegenheit meiner Durchforschung 
der Breslauischen Handschriftensammlungen för den Zweck der 
Geschichte der Mediciu in die Hände gespielt hat, so mag das- 
selbe der Kenntnifs des an diesen Dingen etwa Theil nehmenden 
med. Publicums nicht vorenthalten seyn, und es folgt dasselbe, 
von einigen Vorbemerkungen eingeleitet, nach einer von mir genau 
gemachten Abschrift aus einem Papier- Codex der Rhediger'schen 
Bibliothek zu Breslau*), welchen ich spätestens im ersten An- 



*) Der Codex, in Folio ziemlich deutlich mit nicht allzu vielen Ab- 
breviaturen in angespaltenen Colmnnen geschrieben, hat die Bibliothek«- 
Signatar Cod. cliart. L1X. Rep. I. Er hat 97 Blätter, 41 Zeilen auf der 
Seite. S. 78 wird ein Brief vom J. 1867 gegeben , er ist also nach die- 
ser Zeit geschrieben. 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 2? 

fange des 15. Jahdi. geschrieben schätze. Er führt auf dem er- 
steil Blatte die Inschrift : Iste Über Intitidatur flos ystoriarum ter* 
rae Orientis quem compillavit frater Aytonus dominus Curchi con- 
sangnineus regit armenie Ex mandato summt pontificis patris wo- 
stri domini Clementis papae Quinti Anno dominice Incamacionis 
MCCCV1I In civitate pictauiensi Regni Fronde. Es bezieht sich 
dieser Titel indessen nur auf das erste unter den, vielerlei ver- 
schiedenen Verfn. angehörigen , zahlreichen historisch - geographi- 
schen Stöcken , die der Codex enthält , und der bezeichnete Ge- 
scbichtsauszug , der den Prämonstratenser-Monch H a y 1 1 o n (einen 
Armenier, der um die Zeiten Marco Polos viel unter den Tar- 
taren sich aufhielt) zum Verf. hat, ist, doch weifs ich nicht ob 
vollständig, gedruckt in Reinecci histot. Orient 1585. 4. und zum 
Theil im Ramusio delle natigationi e viaggi Tom. IL foL 62. 
Unter No. XL enthält aber dieser Codex die uns zunächst ange- 
hende Geschichte des schwarzen Todes, mit der Ueberschrift in ro- 
ther Dinte : Historie, de morbo s. mortalitate quae fitit anno Dni 
MCCCXL VIII compiluta per Gabrielem de Mussis Plaeen- 
tinum, und daran schliefst sich, ebenfalls mit rother Dinte titulirt, 
Hutoria de Mortalitate anni MDCCCLXI et MDCCCLXXIV. 
Ihr ungenannter Vf. schrieb sie offenbar als Supplement der vor- 
an stehenden Geschichte : er scheint mir aus mehreren Gründen 
nicht einerlei Person mit dem besagten Gabriel de Mussis zu 
seyn. Den ganzen Codex halte ich überhaupt, seinen Schriftzü- 
gen nach, für später als 1375 geschrieben, und es findet sich Ei. , 
niges, was dafür spricht, dafs er vielleicht erst nach 1402 von 
einem Verwandten des obigen Gabriel de Mussis verfertigt 
seyn dürfte. 

2. 

lieber die Person des Gabriel de Mussis schweigen die 
bewährtesten Personalschriftsteller : doch wurde ich von J. A. F a- 

• 

bricius (Bibl. med. et inf. latinit lib. IX. p. 107), der eines 
nach 1402 geschriebenen Chronieon placentimtm von Johannes 
d e M u s s X s Erwähnung thut , auf M u r a t o r i , der dasselbe ab- 
gedruckt (Script rer. Ital. Tom. XVI. p. 440), verwiesen» und von 



28 Henschel. 

diesem auf Pietro Maria Campi geleitet, der in seiner HUt. 
ecclesiast. Piacent, auch den rechten Mann mich kennen gelehrt 
su haben scheint Aus Letzterem ergibt sich, dafs eine achtbare 
bOrgerliche Familie Mussi (jeder Einzelne hiefs Musso und 
war somit de' Mussi) vom 13. bis ins 16« Jahrh. in Piacenza 
existirthat, zu der ein Guiglielmo im Jahre 1369 (A. a. O. 
Tarn. III p. 134), ein Raphael im J. 1342 (A. a. O. Tom. J. 
p. 91.), der oben erwähnte Johannes nach 1402, und Andere 
derselben Familie „AI tri de* Mussi" (A. a. O. p. 134) gehör- 
ten. Der späteste schrieb sich D. Philippus Mussus, war 
1500 Arzt und Mitglied des Collegiums der Piacentinischen Aerzte, 
welche in diesem Jahre dem Wilhelm v. Saliccto (bl. 1270) 
ein Denkmal in der Kirche zu St. Johann in Piacenza errichten 
liefsen. Mehrere M u s s i s waren Rechtsgelehrte, und so findet sich 
auch Einer darunter, der Notar war, Gabriel deMussis hiefs, 
und genau in die Zeit fallt, in welcher er Augenzeuge der Pest 
gewesen seyn kann. Er wird zwischen 1301 und 1349 genannt *), 
seine Notariatsacten (rogito) benutzt Campi vielfältig und fast 
von Jahr zu Jahr : zugleich macht sich bemerklich, dafs zwischen 
dem 2. Mai 1338 und dem 22. Nov. 1346 seiner nicht gedacht 
wird (in welcher Zeit er vermuthlich im Orient war), dafs alsdann 
seine Documente vom J. 1347, 1348 und 1349 (in den Pestjahren) 
wieder häufig vorkommen, worauf nach dem 5« Nov. 1349 (A. a. 
O. p. 103) sein Name nicht mehr genannt wird , was anzudeuten 
scheint, dafs er hernach gestorben, während die Lebendigkeit 
der Farben, mit denen er seinen Bericht ausstattet, und die Ergrif- 
fenheit des Gemfiths, in der er abgefafst igt, andeutet, dafs er 
bald nach der Pestzeit in frischem Andenken derselben und ver- 
muthlich spätestens um 1351 **) geschrieben sey. Ein Documenta 



*) Er erscheint Zuerst 1301. (A. a. O. p. 29) 1317. (A. a. 0. p. 45. 
58. 54.) 1326. (A. a. 0. p. 65.) 1380. (A. a. 0. p. 72.) 1336 und 1837. 
(A. a. O. p. 79.) 1338. (A. a. 0. p. 81.) 184a (A. a. 0. p. 84 und 97.) 
1847. 5. Aug. Im Pesijahre 1848 wird er genannt zum 19 Apr. (A. a. 
0. p.102.) zum 10. Jul. (A. a. 0. p.100.) den 22. Nov. (A. a. 0. p. 101). 

+*) Er erwähnt der Indulgeni des Papstes Clemens VI. vom 
J. 1350. . 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 29 

welches er am 2. Juli 1348 för den Nepoten des Bischöfe von 
Piacenza, RogerrnoCaccia, ein Darlehn betreffend, aufnahm, 
das dieser 4 Tage vor seinem Tode an der Pest dem Capitel 
von St. Jobann gemacht» deutet au, dafs er geistlicher und 
zwar bischoflicher Notar gewesen: dafs er und seine Familie 
begütert war, geht aus den vielerlei Käufen , Lokationen u. s. w. 
hervor, bei denen seiner gedacht wird, und da uns kein Um- 
stand aufgestofsen , der einen Zweifel erweckte , dafs er . der 
Verf. des • in Rede stehenden Actenstücks gewesen , so wol- 
len wir ihn wirklich bis auf Weiteres* dafür anerkennen. Sein 
Verwandter Johannes de Mussis hingegen, der Verf. des 
Chromeon Plaeeutinum, scheint auch der Verf. des additioneflen 
Berichts über die Pesten von 1361 und 1374 deshalb gewesen 
zu seyn, weil seine Relation im Chron. Placentinum fast wört- 
lich und in charakteristischen Wendungen mit dem Bericht des 
Gabriel de Mussis von 1349 übereinstimmt, und es ist wahr- 
scheinlich, dafs wir diesem Johannes auch die Aufbewahrung 
des Berichts seines Verwandten verdanken, zumal da er Anfangs 
des 15. S. schrieb, was mit dem Alter unseres Codex genau zu- 
sammentrifft. 

3. 

Gabriel de Mussis war Augenzeuge der grofsen Pest: 
er hat sie nicht blos in Europa , sondern auch in Asien mit er- 
lebt , sie ist mit ihm herübergekommen *) , ja er hat sie mit her- 
über gebracht**), und fast scheint es, er habe die Krankheit 
selbst überstanden ***). Freilich ist er nicht Arzt gewesen, und 
seine Beschreibung der Krankheit zeigt die Spuren davon , doch 
hat er offenbar Theil an der allg. ärztlichen Bildung , die die Per- 
sonen geistlichen Standes seiner Zeit überhaupt charakterisirt ; ein 
der Medicin völlig Unkundiger konnte den eigentlich medicinischen 
Theil seines Berichts nicht geschrieben haben, auch würde er, 

*) Sane quia ab Oriente in oeeidentem transivimui licet omnia discu- 
tere que vidimua et cognovimus probobilibus argumentu. 
■ *') Heu nobis , qui mortis jacula portabamus etc. 

***) Et quia nos gravi» infirmita» detinebat etc. Ein von der Pest 
Befallener heifrt bei dem Verf. an einem andern Orte Infarmatus. 



SO ' Henschel. 

selbst wenn er der Medicin ganz unkundig gewesen wäre, den 
Werth wenigstens eines gebildeten Berichterstatters und somit 
seine Relation , alles Andere, was sie auszeichnet, abgerechnet, 
den Vorzug vor manchen anderen chronikalischen Nachrichten ha* 
ben. Kommt nun noch hinzu, dafs wir im Ganzen doch nur we- 
nige ausführliche Berichte von unmittelbaren Augenzeugen, und 
am allerwenigsten deren von Arzneikundigen übrig behalten haben, 
da die Pest eine so grofse Anzahl von Aerzten selber dahin raffte, 
und Andere, im Bewufstseyn der traurigen Rolle , die sie dabei 
gespielt haben mochten ,• davon geschwiegen haben mögen, so 
erhält das nächststehende Actenstück dadurch allerdings einen 
relativ gröfseren Werth , als es an sich unter anderen Umständen 
haben würde« Gleichwohl dürfen wir nicht verhehlen , dafs die 
Form desselben , welche eine rhetorische und emphatische ist, in 
ihrer Epideixis Manches sehr im Allgemeinen läfst, was wir gern 
bestimmter und klarer ausgedrückt gesehen , und gegen die lan- 
gen Jeremiaden , die uns der Verf. , freilich in der Lebhaftigkeit 
eines durch wirkliche Erlebnisse ergriffenen Gefähls, mittheilt, 
um so lieber ausgetauscht hätten, als an einigen Stellen gerade 
durch die Darstellungsweise selbst Schwierigkeiten und Zweideu- 
tigkeiten entstanden sind , die der Verf. durch ein Paar einfache 
andere, minder poetische Worte und Wendungen fuglich hätte 
vermeiden können: und allerdings reicht sie überhaupt nicht an 
die klassische Trefflichkeit und Naturtreue heran, mit welcher 
doch ein anderer Nichtarzt, der Dichter B o c a c c i o, das Bild des- 
selben Gegenstandes gezeichnet hat Der Styl ist durchaus mön- 
chisch , und die alterthümliche Schreibart und die Menge vorkom- 
mender halbitalienischer Worte verräth die Zeit und das Vater- 
land des Schreibers. Gleichwohl hat das Ganze so sehr die Farbe 
eigener, nicht vou Andern entlehnter Auffassung, stimmt aber da- 
bei so vielfältig mit anderweitigen Berichten überein, schliefst 
sich besonders so genau an die Aussagen , besonders der Byzan- 
tinischen Schriftsteller an , ohne sie eben zu copiren , und ergänzt 

dadurch so Manches anderwärts unbestimmter Gehaltene, dafs 

• 

wir nicht in den Fall kommen, das Stück für ein blofses am 
Schreibtisch fabricirtes Kunstproduct zu halten, und wenn wir 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. Sl 

gleich das darin Enthaltene nicht ohne Prüfung als entscheidend 
anzunehmen veranlagt sind, so müssen wir doch dasselbe wenig* 
stens als ein individuelles Zeugnifs von der grofsen Begebenheit 
neben Anderem in seinem Werthe bestehen lassen. 

4. 
Der Bericht des Gabriel de Mussis fährt, uns in Betreff 
des Fortpflanzungsorts der schwarzen Pest von Asien nach Eu- 
ropa, in das alte Kiptschak, d. h. das Land zwischen dem Jaik, 
der Wolga, dem Don und dem Dnjeßer, unter die sogenannten 
Tartaren, d. h. den Volkerstamm, der von den Byzantinern Sky- 
then genannt wird, unter denen aber, wie v. Hammer neuerlich 
unwidersprechlich gewiesen, nichts Anderes als die alten Türken 
(Jyrken schon bei Herodot) zu verstehen sind. (S. Ge- 
schichte der goldnen Horde in Kiptschak, d. i. der Mongolen in 
Ru Island ; 1840 p. 458.) Die erste dem Verf. durchaus eigene 
Angabe ist nun das zeither unbekannte Faktum, dafs die Peste- 
ruption , welche den Uebergang nach Europa machte , unter den 
Mongolen bei Gelegenheit ihrer Belagerung von Caffa (heut Feo- 
dosia , am südlichsten Punkte der Krimm , an der nordlichsten 
Küste des schwarzen Meeres) geschah. Dort hatten die Genue- 
ser seit der Mitte des 13. Jahrh. eine Niederlassung, von wo aus 
sie ihren beträchtlichen Seehandel mit Getreide, Salzfischen und 
Sklaven fährten; sie hatten sich aber auch der Stadt Assow an 
der ostlichen Seite des Assowischen Meeres bemächtigt , daraus 
ihre Handelsnebenbuhler, die Venetianer, vertrieben, die sich dar- 
auf dicht in ihrer Nähe in der alten Stadt Tana (Tanais) festge- 
setzt ; und durch Verträge mit den Herrschern von Kiptschak (erst 
Usbeg, dann Dschanibeg) war beider Colonieen Bestand gesichert 
worden. Unserem Verf. zu Folge war die Veranlassung zu dieser 
Belagerung ein in Tana vorgefallener Excefs (eine Rauferei zwi- 
schen einem Genueser und einem Mongolen, der dabei getodtat 
worden, wie wir anderweitig wissen) gewesen, wodurch die Mon- 
golen erzürnt, die Lateiner (Genueser und Venetianer) mit Krieg 
überzogen, und erst eine kurze Zeit Tana, dann durch (zwei oder) 
drei Jahre Caffa belagerten, nachdem sie vom erstem Orte die 
Christen ausgetrieben. 



82 Henschel. 

Das Faktum der Belagerung von Caffa wird von den Byzanti- 
nischen Geschichtschreibern ausführlich erörtert; auch läfst sich 
das von unserem Verfasser Erzählte sehr wohl mit ihren Angaben 
vereinigen, wenn sie gleich theils mehr, theils weniger, theils An- 
deres als derselbe darüber mittheilen, Nicephorus Grego- 
ras (Hut. byzant. ed. Niebuh r XU. 12. Tarn. XIX p. 685J 
und Job. Cantacuzenus (Hut. IV. 26. Tom. XX p. 19 1) ge- 
denken beide der Kriegesursache übereinstimmend ; Nicepho- 
rus versetzt den Vorfall nach Caffa, und gedenkt dabei Tanas 
gar nicht, auch stellt er das Gebot des Mongolenfürsten, den Ort 
zu verlassen , nur als eine Drohung an die Caffenser dar, die das- 
selbe hinter ihren befestigten Mauern verhöhnt und so den Krieg 
mit den erzürnten Fürsten unmittelbar provocirt hätten« Job. 
Cantacuzenus hingegen versetzt allerdings gleich unserem 
Berichterstatter die Kriegesveranlassung an den Tanais , erwähnt 
auch der schon vor der Belagerung von Capha, dieser durch ein 
Saar« deutlich davon unterscheidet, ausgebrochenen Feinseligkei- 
ten, gedenkt jedoch des Austreibungsgebotes aus Tana nicht. 
Des ungeachtet erscheint die Erzählung unseres Schriftstellers im 
Wesentlichen den Berichten beider Byzantiner entsprechend, und 
indem von dem Letzteren jeder nur einen Theil des Faktums angibt, 
tritt die Erzählung unseres Gewährmannes als die vollständigere, 
beide ergänzende, und nur um so besser zusammenhängende heraus. 

Ein Zweifel kann, jedoch nur auf einen Augenblick, in Rück- 
sicht auf das Jahr, indem der erwähnte Vorfall in Tana und die 
darauf gefolgte Belagerung von Caffa zufolge uusres Autors sich 
begeben hatte, entstehen. Er beginnt nämlich seine Erzählung 
mit der allgemeinen Verheerung, die die Pest im J. 1346 unter 
den Tartaren anrichtete, und knüpft daran die eben beregte Er- 
zählung von Tana und Caffa, letztere ohne nähere Bezeichnung 
der Zeit, in die sie fallt, so dafs es aussieht, als setze er diese 
Vorfalle ebenfalls ins Jahr 1346, was allen sonstigen historischen 
Angaben zuwider wäre, «da der Krieg der Lateiner mit den Mon- 
golen nur im Jahre 1342 begounen haben kann, die Belagerung 
von Caffa aber zuverlässig ins Jahr 1343 fällt, worauf im Juni des 
Jahres 1344 bereits der Friede zwischen ihnen (s. Hammer a. a. 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 33 

O. p. 307 und Captacuz: a. a. O. p. 192) geschlossen ward 
— womit beiläufig das Trienniuni der Belagerung nach unsrem 
Schriftsteller, Alles zusammengerechnet, richtig herauskommt, wäh- 
rend Cantacuzenus bestimmter nur von einem Biennium , den 
Vorfall mit Tana nicht hinzurechnend, redet. Aber man sieht bei 
näherer Beleuchtung der betreffenden Stelle, dafs unser Verf. von 
vergangenen Dingen spricht, die früher die Veranlassung zu der 
schon vollendeten allgemeinen Ergriffenheit des Kiptschak im Jahre 
1346 gaben , welche ihm allerdings vor «Caffa schon begann , und 
hier ist es offenbar nur die Undeutlichkeit des St vis, die uns aut 
den ersten Anblick verführen kann, den Verf. eines Anachronis- 
mus zu beschuldigen. 

Die Angabe des Verfs. , dafs unter den Tartaren vor Caffa 
zu allererst die Seuche ausgebrochen sey (zugestanden dafs die 
Belagerung 1343 und 1344 stattgefunden), ist ihm eigen. Dia 
»byzantinischen Schriftsteller erwähnen davon nicht ein Wort: sie 
erzählen übereinstimmend, Jeder auf seine Weise, dafs die Mon- 
golen nichts gegen die Stadt ausgerichtet, ungemein viele Leute 
verloren, und Nicephorus bemerkt, dafs, indem die Schiffe 
der Genueser die Küsten blokirt und die Zufuhr abgeschnitten 
hätten , die Belagerten eher selbst als die Belagerer erschienen 
wären. Es rechtfertigt sich aber die Erzählung unsres Autors 
vollständig durch russische Chroniken und Berichte, welche von 
Hammer a. a. O.-p. 308 beibringt, und wovon eine auch bereits 
Ha es er (hist. path. Untersuch, p. 114 Anm.) benutzt bat, dafs 
schon im Jahre 1345 die kiptschakischen Städte Astrachan, Serai, 
Ornatsch und Beschdesche flurch die Pest entvölkert wurden, 
während de Mussis ausdrücklich angibt, dafs sie durch die 
fliehenden Mongolen zuerst in deren Heimath verbreitet wurde. • 
1 Eigentümlich ist nun ferner unserm Verf. die merkwürdige, 

nirgends sonst bestätigte Aussage: dafs durch den Gestank der 
Pestleichen , welche die Tartaren , nachdem Tausende von ihnen 
der Krankheit unterlegen, verzweifelt auf ihren Wurfgeschützen 
in die belagerte Stadt geworfen hätten, sich die Pest weiter ver- 
breitet hätte, nachdem durch Berge aufgehäufter Cadaver die Luft, 
durch die ins Meer geworfenen das Wasser vergiftet worden« 

3 



34 Henschel. 

Freilich ist an dieser Erzählung Einiges befremdlich, ja Zweifel 
erregend : zuerst das Schweigen alier Schriftsteller über diese so 
auffallende, ja unerhörte und ich weifs nicht, ob den Sitten jener 
Volker entsprechende , indessen wohl am Ende durch die demo- 
ralisirende Kraft einer so furchtbaren Pest allenfalls begreifliche 
That. Ferner das, dafs der Erzähler nun gar nicht weiter von dem 
Entstehen und Umsichgreifen der durch den Gestank der hinein- 
geworfenen Leichen in der Stadt selbst, sondern lediglich von der 
Verbreitung unter das tar tarische Heer und die angränzenden asia- 
tischen Länder redet, wobei zugleich jede Andeutung vermifst 
wird, wo der Verf. sich damals befunden. Endlich dafs dadurch 
der vorhin kaum beseitigte Schein eines Anachronismus bedenk- 
licher zurückkehrt. War nämlich die Belagerung von Caffa in der 
Mitte des Juni 1344 den politischen Geschichtschreibern zufolge 
schon beendigt, so bleiben uns doch wenigstens zwei Jahre, 1345 
und 1346, eigentlich aber drei bis zum Jahre 1347, wo die Krank- 
heit in Constantinopel bereits den Prinzen Andronikus hinraffte, 
und nach V i i I a n i die Krankheit schon nach Italien sich Terbret- 
tete, unausgefütlt , sofern wir die nachfolgende Fortpflanzungsge- 
schichte der Pest daran zu knüpfen haben , und wir sind zu der 
Annahme, die indefs selbst nicht einmal durch ein ausdruckliches 
Wort des Berichterstatters gerechtfertigt wird, gedrängt, dafs die 
Gegend von Caffa seit 1344, also drei Jahre bereits inficirt gewe- 
sen, ehe sich Eude 1346, wie die Folge lehrt, von da aus die 
Krankheit weiter unter den Christen und nach Europa verbreitet 
habe. Unmöglichkeiten enthält freilich diese Relation keineswe- 
ges. Im Allgemeinen läfst sich hypothetisch annehmen, dafs der 
Uebertritt der Krankheit von den mongolischen zu den heterogenen 
christlichen Menschenstämmen nicht gleich allgemein epidemisch, 
sondern mehr in sporadischer Form, vereinzelt sich ausgebildet 
habe, und daher in Caffa sich nicht gleich als eine auffallende, un- 
ter den Christen gebildete Epidemie gestaltet, sondern mehr unter 
den Tartaren geherrscht habe, während nur die Saat derselben bei 
* den Ansiedlern einige Zeit proserpirte. Andrerseits ist mit Wahr- 
scheinlichkeit anzunehmen, dafs der Erzähler damals nicht selbst 
in Caffa mitbelagert gewesen sey , und daher auch über Caffa Nä- 



Document z. Geschichte cL schwarzen Todes 35 

heres nicht habe berichten können. Endlich aber und vor allen 
Dingen sind wir genöthigt, unter der Voraussetzung, dafs wir uns 
nicht ganz in der Person des Verfs. und seiner Augenzeugenschaft 
geirrt haben, selbst die ganze nachfolgende wichtige Verpflan- 
zungsgeschichte der Pest nach Italien etwas gegen die herkömm- 
liche Ansicht zu redatiren , und sie gegen das Ende des Jahres 
1346 zu versetzen, da Gabriel de Mussis, der Notar, wenn 
er mit der Person des Erzählers identisch ist, bereits den 22. Nov. 
1346 in Piacenza war, wie ein von ihm vorhandenes Notariatsin- 
strument (rogito) von diesem Datum beweist Unter dieser gar 
nicht widersprechenden Voraussetzung ist aber auch vollkommen 
die Chronologie in Ordnung. Im J. 1344 entstand die Pest vor 
Caffa, 1345 war sie russischen Berichten zufolge schon in Kipt- 
sebak verbreitet und 1346 dort allgemein, und in eben diesem 
Jahre, mit welchem der Verf. gleich seine Erzählung anhebt, war 
es* dafs er auch aus dem Oriente zurückkehrte, — 1347 wü- 
thete sie nicht allein bereits in Constantinopel , sondern war nach 
Matteo Villani selbst schon in Italien angelangt. Der Leser 
wird indefs die kritische Skepsis mit der wir unsern somit voll- 
kommen gerechtfertigten Berichterstatter bis jetzt behandelt ha- 
ben, in einer so wichtigen Angelegenheit hoffentlich nicht mifs- 
deuten. 

5. 

Der Verf. kommt nun nach einer langen dazwischen gescho- 
benen Jeremiade und Strafpredigt zur Erzählung der Fortpflauzung 
der Pest aus dem Orient, von Caffa aus. Sie enthält die be- 
stimmte Angabe, dafs ein aus der Gegend von Caffa (Caffensi 
terra) abgesegeltes Schiff, welches Pestkranke an Bord hätte, die 
Krankheit sogleich nach Genua und Venedig, und anderen christ- 
lichen Gegenden (Inseln) gebracht habe, als man irgendwo da- 
«elbst landete, und es ergibt sich aus seiner ganzen Darstellung» 
dafs von nun an der zeitliche und Ortliche Fortschritt der Krank- 
heit sogleich gar nicht mehr genau verfolgbar gewesen zu seyn 
scheint, indem alsbald die Inseln (Sicilien, Sardinien, Corsika) und 
das Küstenland von ganz Italien von der Krankheit wie üherfluthet 

3 * 



86 Henschel. 

worden wären ; und somit legte denn in Betreff des Wege», auf 
dem die schwarze Pest nach Südeuropa gekommen, unser Ge- 
währsmann ein Gewicht in die Wagschale für die Aussage des 
unglücklichen, frühen Opfers derselben, des Gen Ulis da Fo- 
1 i g n o *) , der ganz übereinstimmend mit ihm versichert, dafs ge- 
nuesische Schiffe sie aus dem Orient zuerst nach Genua und in 
der Folge weiter durch Italien ausgebreitet haben. Nicht weit ab- 
weichend von einem anderweitigen Hauptzeugen erscheint er auch, 
nämlich von den Angaben des Matteo Villani (dessen Bruder 
Giovanni 1348 in der Pest in Florenz starb), der italienische 
Schiffe die Krankheit erst nach Sicilien (welches unser Verf., wie 
es ja auch im Wege lag, ebenfalls erwähnt), dann nach Pisa 
und Genua bringen läfst **). Und so wird auch im Allgemeinen 
dadurch bestätigt, dafs die Krankheit vom Ausgange des Kara- 
vanenweges durch die östliche Tartarei , von Kiptschak aus , zu- 
nächst dann von der Krimm über das schwarze, mittelländische 
und genuesische Meer nach Südeuropa gekommen. Denn dafe 
die Tartaren vor Caffa von der Krankheit befallen wurden , kann 
wohl nun kaum anders als in Verbindung mit den Vewüstungeti 
gesetzt werden, die bereits in Kiptschak gleichzeitig durch die 
Pest angerichtet worden. Es begreift sich nun auch, warum man 
irrig geglaubt hat, dafs die Krankheit von Constantinopel , als 
dem Zielpunkte des Karavaneuzuges vou Assow aus, gekommen 
sey. Die genuesischen Schiffe mufsten freilich bei Constantino- 
pel vorbei; Constantinopel war auch wahrscheinlich um diese 



*) E in quel tempo galee di Taliani si partirono del Mare Maggiore 
't di Soria e di Ramania (soll offenbar Cotnania d. h. Kiptschak , heifsen) 
per fuggire la motte e recarono le loro mereatantie in Halia. E hon pote- 
tano eansare , che grau parte di loro non morisse in Mare di quclla tu/er- 
mita. E arrivoti in Cicilia conversarono co y paesani e lasciaronvi di loro 
malad*. Onde incontinentamente si commineib questa pe»tilenzia ne' Cid- 
liani , e venendo le dette galee a Pisa e poi et Genova per la eonversaziene 
di quegli huomini commineib la mortalitä ne' detti luoghi t ma non ge- 
nerale. Matt. Villani htorie, Muratori. F. XIV. p. 12. 13. 

*') Da« von C. Sprengel citirte Buch des Gentilis y Consil.f. 76. 
habe ich, da es in Breslau nicht existirt, nicht vergleichen können. 
Spr. Beitr. 1. p t M. 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 97 

Zeit schon angesteckt , aber Constantinopel selbst scheint wenig- 
stens fär Italien nicht den AnsteckungsstoS (wenn wir so mate- 
rialistisch reden wollen) geliefert zu haben, obwohl Südfrank- 
reich allerdings, den Angaben Oudeghersts*) zu Folge, un- 
mittelbar von Constantinopolis her durch venetianische Specerei- 
schiffe angesteckt worden zu seyn scheint. 

6. 

Die Weise selbst anlangend , wie die Pest an den Küsten 
ton Italien und von da weiter sich fortgepflanzt habe, hat die 
Relation des de Mussis das Interessante, dafs sie aufs Ent- 
schiedenste die Ansicht wirklich materieller Ansteckung festhält, 
und von derjenigen, welche in jener Pest das auffallendste Bei- 
spiel einer aus sich selbst fortwandernden Weltepidemie findet, 
noch gar nichts ahndet Eben so wenig merkt er, dafs die Weise, 
wie er früher die Krankheit durch den miasmatischen Faulgestank 
der tartarischen Pestleichen sich verbreiten liefs, eine ganz an- 
dere ist , als diejenige , in der er jetzt die Verbreitung derselben 
in Italien schildert. Wir dürfen indefs darüber nicht mit dem 
Nichtarzte rechten. Bemerkenswerth ist indessen jedenfalls, wie 
er, in eben so schauderhaften als den Stempel der Naturgetreu- 
heit an sich tragenden Zügen, das Bild der Verbreitung der Pest 
in Form einer von bestimmten Individuen bestimmt zu gamen 
Volksmassen fortschreitenden Contagion zeichnet. Er erzählt, 
wie die Schiffsmannschaft, von Tausend auf kaum Zehu zusam- 
mengeschmolzen, in Genua und Venedig gelandet (dabei spricht 
er summarisch in der ersten Person des Plural , als ob er selbst 
mit Anderen dabei gewesen sey **), in ihre Häuser zurückkehrend, 
und daselbst von Jüntkräßgng zurückgehalten ***) , vqii den zahl- 
reich herbeikommenden Verwandten und Nachbarn besucht' wor- 
den wäre , und in ihren Umarmungen , im Gespräche mit ihnen 
das Gift mitgetheilt hätte, worauf diese auf dem Rückwege sich 

*) S. Sprengel Beitr.l. p.56, denen Darstellung allerdings durch 
liniere Urkunde sehr bestätigt wird, 

") ZVos Januensit et J 7 enetu$ etc. 

**') Quia no9 gravis iitfirmitm detiucbat ctc* 



38 Henschel. 

selbst und den Ihrigen den Tod mitgebracht hätten. Interessant 
Ist auch die Erzählung von den Soldaten vor Genua , die nach 
Riparoli , uui zu plündern , entwichen , sich den Tod unter einer 
gestohlenen Wolldecke geholt hätten, und seine Angabe, dafs 
in Venedig in kürzer Zeit von 24 Aerzten, die also doch w©M 
treulicher als man gewöhnlich berichtet, ihre Pflicht erfüllt haben 
müssen, nur vier übrig geblieben seyen. Ganz besonders von 
Werth ist endlich sein Bericht über die Weise , wie die Pest von 
Genua aus im J. 1348 nach Bobio gelangt, und dann im Sommer 
nach Piacenza gekommen : hier beruft er sich abermals auf seine 
Augenzeugenschaft, die er in der That auch durch die Bestimmt- 
heit seiner Angaben bethätigt *). Er stellt sie in der Weise dar, 
wofür der Ultracontagionismus in unseren Tagen das beliebte Wort 
„Einschleppung" gefunden: denn in Bobio waren es (ganz ge- 
sunde) Kaufleute , die von Genua über die lombardischen Alpen 
in die Ebene hinabsteigend, um einen gesunderen Aufenthalt zu 
suchen, nachdem sie ihre Waaren verkauft, plötzlich so Käufer 
wie Verkäufer sammt dem, der sie beherbergt und seiner gan- 
zen Familie und der Nachbarschaft erkrankten und dahin starben : 
in Piacenza aber war es ein anderer auf dem Wege schon er- 
krankter Genueser, der dem Freunde, der ihn aufgenommen und 
seiner Familie, und darauf den Anderu weiter, den Tod brachte. 
Es unterliegt auch wohl keinem Zweifel , dafs in dieser Krankheit 
dasjenige entwickelt ward , was man insgemeiu die Contagiosität 
nennt, d. h. die Eigenschaft**) materieller Dinge, den nämlichen 
bestimmten Krankheitsprocefs anzuregen, durch den sie (diese 
Erregungsföhigkeit) selbst entstand : wie gleichfalls nicht zu be- 
zweifeln ist, dafs diese Contagiosität bei der Ausbreitung der 
Krankheit ihre Rolle mitspielte. Doch werden wir, wenn wir 



*) „Morbos et interitus omnes studeant suh litteria aperire. Verum 
quia placentinus plus de placentinis scribere mm hortatvs, quid aoäderit 
placencie MCCCLVHI ceteris innottscaU" 

*') Wir bitten dies Wort wörtlich zu nehmen. Nur die Eigenschaft 
anzustecken ist an Körpern (zu denen vielleicht auch der gesunde 
Mensch selbst gehört) beobachtet : eine selbstaneteckende Materie hat 
noch kein Sterblicher dargcthan. 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 89 

nicht schon eine höhere, vorurteilsfreiere Ansicht hinzu brin- 
gen , durch die übrigens schätzbaren Angaben des Verf. über des 
Contagiums Gang nicht mehr aufgeklärt, als durch ähnliche An- 
dere — was auch gar nicht zu verlangen ist. Wir sehen nur hier 
wiederum» was so unzählige Male die Geschichte der Epide- 
miecn gelehrt hat, dafs die Fortpflanzung der Krankheit an den 
Verkehr der Menschen, gleichviel ob krank oder gesund, ge- 
knüpft war, wiewohl auch das darin gegebene (persönliche dy- 
namische) Einwiiken eines Individuums auf das andere wiederum 
unter einer höheren Naturfügung stand, vermöge der z. B. der 
in Südrufsland aus Asien herüber gekommenen Krankheit nicht 
gestattet war, durch eben diesen Verkehr nach dem nordwest- 
lichen Rufsland vorzudringen, sondern ihr geboten ward, dem 
südwestlichen Verkehre folgend , erst quer bis an die Säulen 
des Herkules , dann aufwärts bis nach Skandinavien vorzuschrei- 
ten, und nach in drei Jahren erst vollendetem Kreislauf abwärts 
an die west - und südrussischen Provinzen zurückzugelangen. — 
Von einem bestimmenden tellurisch - meteorischen Einflüsse , auf 
welchen man in dieser Krankheit mit Recht so viel Gewicht ge- 
legt bat, weifs unser Verf. nichts, obwohl er gauz zuletzt als 
Zeichen und Prodigium ebenfalls getreulich die vielfältig anderweit 
bekannt gewordenen. Symptome des die Pest offenbar begleiten- 
den tellurischen Aufruhrs erwähnt : der Schlangen und Kröten in 
China, deren Mezeray und Oudegherst, der Erdbeben in 
China und Indien und der heifsen feurigen Dämpfe, die dazu 
gehörten , von denen Deguignes erzählt , der Feuerzeichen am 
Himmel (wie die Feuerkugel zu Paris und die Feuersäule über 
Avignon), des Blutregens, dessen so viele Chroniken gedenken 
und der Meteorsteine (deren auch fn Schlesien damals gefallen 
sind, nach Chladni); wie er denn auch gleich Anfangs, der Sitte 
semer Zeit gemäfs, der astralischen Zeichen am Himmel als 
Vorbedeutung zu erwähnen nicht unterläfst. 

Was nun die Pest selbst und ihre Erscheinung betrifft, so 
bietet der Bericht des Verfs.. ein reichliches Material zuvörderst 



i 
i 



40 Henschel. 

ober die Lethalität der Krankheit überhaupt , im Orient, in Italien 
und ganz insbesondere in Piacenza selbst» worüber er in die spe- 
ciellsten Nachweisungen eingeht , dar. Eben so erhalten wir ein 
höchst lebendiges Bild der traurigeu Zustände der Menschen , un- 
ter der Dauer der Epidemie : des Elends der Kranken , des Jam- 
mers mit den Leichen; der Losung aller äufseren geselligen bür- 
gerlichen und sittlichen Verhältnisse, kurz aller der unseligen 
Umstände, über welche wir bereits so vielfältig anderweitig be- 
richtet sind» obwohl auch hier im Einzelnen Partikularitäten vor- 
kommen, die theils als Bestätigungen vorhandener Angaben, theils 
für sich einen Werth haben, welchen wir indefs dem Leser selbst 
seines Orts herauszufinden überlassen. 

Wichtiger ist uns das Wenige, welches der Verf., obwohl 
ein Laie, und in ziemlich chargirten, schwülstigen, allegorischen 
Ausdrücken , über die pathologischen Erscheinungen , die Krank- 
heits -, Todes - und Rettungszeichen, so wie über die körperlichen 
und geistlichen Beilmittel in derselben Pest, doch im Ganzen 
zusammenhängend und sehr glaubhaft, mittheilt. Seine Krank- 
heitsbeschreibung erhält aber ein besonderes Interesse, wenn 
wir sie mit den von dem so geistreichen als gelehrten Herausge- 
ber dieser Zeitschrift angeregten Fragen und Ansichten über die 
Natur dieser Krankheit (Hist. path. Unters. 1. p. 120 ff.) verglei- 
chen, .welcher, auf nicht verwerfliche Zeugnisse gestützt, die Mei- 
nung aufstellt, dafs die schwarze Pest in China, ja selbst Anfangs 
in Europa, noch nicht die Form der Bubonenpest hatte, sondern 
überwiegend Lungenleiden war, das erst unter dem Einflüsse der 
damals in Europa verbreiteten , „der Bubonenpest zugewendeten" 
Pestconstitution die der wahren Pest eigen thüml ich en Erschei- 
nungen annahm. Man kann focht läugnen, es ist diese Ansicht 
a. a. O. mit so vielem Scharfsinn und so gründlicher Belesenheit 
vertheidigt, sie hat selbst soviel Einladendes und an allgemeine 
Ansichten sich Anschliefsendes , dafs man ordentlich bedauert, 
gleich Anfangs unsern Berichterstatter sich ihr entgegen erklären 
zu sehen, indem er angibt, dafs schon im J. 1346 die Krank- 
heit unter den Tartaren ausschliefslich die Inguinal -Bubonenform 
hatte, da sie „statim signati corporlbus in juncturU, Utmor$ 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 41 

coagtdato in inguinibus febre putrida subsequente eäpirabant," 
wonach man, sofern auf diese Aussage irgend ein Gewicht zu 
legen ist, nicht sagen konnte,' „dafs der schwarze Tod dich erst 
dann deutlich zur Bubonenpest ausbildete, als er sich der Acme 
seines universellen Verlaufes näherte." (Haes er a. a. O. p. 117.) 
Aber dieselbe widersprechende Auffassung der Krankheit ver- 
r&th unser Berichterstatter noch deutlicher, wo er zur Beschrei- 
bung ihrer Erscheinung in Europa übergeht Er beschreibt sie 
als eine mit Starrfrost , mit stechenden Gliederschmerzen , und 
Carbunkeln (ad Modum cuticelle durissime grosse et quondoque 
grossioris *) auftretende Krankheit , die in ein heftiges , höchst 
hitziges Fieber überging, welches (erst), wenn es seine gröfste 
Heftigkeit erreicht hatte (qua nimium praevalente) bei Eiuigen in 
den charakteristischen putriden Gestank, bei Anderen in Blutspu- 
eken, bei noch Andern in schmerzhafte Bubonen überging, wor- 
auf die drohenden Pestblasen (wie er in einem Wortspiel mit 
bulla, Blase und bulla, päpstliche = gottliche Verfügung, sagt; 
Ecce bulle domini comminantis) ausgebildet erschienen. Man 
siebt, dafs er alle drei Erscheinungen nur für symptomatische 
Aeufserungen desselben Uebels ansieht, und sie ganz kunstge- 
recht im Fieber motivirt darstellt. ; Wir müssen es nun weite- 
ren und competenteren Forschungen überlassen, in wie weit auf 
diese jedenfalls bemerkenswerthe Aussage, worin die specifi- 
sehen Pesterscheinungen völlig in gleicher Reihe mit dem Blut- 
spucken gestellt und hauptsächlich an das Fieber geknüpft sind, 
ein Gewicht zu legen sey. Sollen wir indessen freimütbig unser, 
aber nichts weniger als relevirendes Votum in dieser Streitfrage 



*) Das Wort cuticelle ist schwer zu verstehen« Anfangs glaubte 
ich , es sey ein Abschreibefehler und müsse uiticelle (so dick wie eine 
harte Weinbeere and noch dicker) heifsen: eine Emendation, die etwas 
Plausibles hat , wenn man die alten Handschriften des 14. Jahrh. kennt» 
in denen der Punkt auf dem i ganz fehlt , und der c— strich zuweilen 
so gerade ist, dafs man sehr leicht ui für cu lesen kann: nachmals 
fand ich aber im Charpentier (Supplem. zuDucange Tom, 1. p, 1256) 
cutis (woher cuticula) , „ulcus pestilens." — Dafs cuticula hier die ent- 
stehende Pestfolase bedeute , folgte mir dann aus dem weiter unten ste- 
henden „locus precedentk humom" ganz bestimmt. 



42 Heiischel. 

beifägen, so müssen wir bekennen, dafs unsere Ansteht der de» 
Berichterstatters nicht ganz fern steht. Auch schon in der Be- 
schreibung des Canta.cuzenus sehen wir die Erscheinungen 
des Lungenbrandes denen der Bubonenpest beigefügt, und glei- 
cherweise als eine der verschiedenen symptomatischen Riehtun- 
gen bezeichnet, und ohne dafis er etwa ein besonderes Gewicht 
auf die Pulmonalerscbeinnngen legte, oder etwa ihnen vorzugs- 
weise die Priorität zuschriebe, charakterisirt er gleichfalls wie 
unser Erzähler die Krankheit als eine schon auf dem Wende- 
punkte ihres Ueberganges nach Europa proteiform auftretende 
durch die Schlußworte: „Nwirtullis enim emeta kaec, afiisplura, 
aHis panciora contingebant. Cowplwribu* uniewn tantummodo" 
etc. etc. Wir können daher auch anderen Berichten, worin die 
Krankheit an einzelnen Orten in einer ihrer Formen einseitig auf- 
tretend geschildert wird, keine absolute Entscbeidungskraft zu- 
messen, und so wenig wir es gegen unseres wackeren Haeser 
Ansiebt brauchen wollen, dafs. sehr alte Ghroniken die erste Er- 
scheinung des Uebels in der Lombardei ausschliefstich ohne alle 
Erwähnung des Blutspeiens als Bubonenpest schildern*), so we- 
nig kennen wir Guy Chauliae's ZeugnMs, dafs die Epidemie 
in Avignon zuerst durch zwei Monate allein mit Blutepeteo er- 
schien , unbedingt fiir ihn anfuhren , sonst mflfoten wir ja wieder- 
um die von ihm selbst angeführten Berichte aus Norwegen und 
Rufsland, denen zufolge die Krankheit, nachdem sie viele Jahre 
ihren Kreislauf durch ganz Europa vorherrschend als Bubonenpest 
durchgemacht; d. h., nach H's. Worten, längst sich mit. der euro- 



•) Feter Maria Campi in der oben von uns benoteten Schrift, 
bei der er eine Menge der ältesten italienischen Chroniken so Rathe 
zog, beschreibt die Krankheit für Piacensa und Oberitalien über-' 
banpt rein als Bubonenpest, ohne des Bluthustens, den 6. de Mus eis 
doch wenigstens mit erwähnt, mit einem Worte zu gedenken. Era quel 
malore , sagt er , «n enfiaggione che neW anguinaja o sotlo le dileüa nas- 
teva allm grosaezza d'un pomo, che di poi commineiberi a cangiare in 
certe machte nere o livide neue braccia e per le coteie et in eiaseun' ultra 
parte del corpo : le quali in due o tre giorni daW apparitione di tai segni 
toglievano la vita alle povere creature umane et anehe agli animali etc. etc. 
A. a. 0. Tom. III. p. 101. 



Document z. Geschiebte d. schwarzen Todes. 48. 

patschen Buboneripest - Constitution amalgamirt und dadurch nieta» 
morphosirt hatte, ohne Bubonen in hämoptysischer Form erschien, 
als Waffe gegen ihn zu wenden berechtigt seyn. Wir sehen viel- 
mehr in diesem Widerstreit der Berichte nur dieselbe tausend- 
mal beobachtete Erscheinung, dafe die Gesammtsumme der zum 
Totalbilde einer Epidemie gehörigen Phänomene in der Ausbrei- 
tung sieb in ihre einzelnen Strahlen bricht, die, obgleich nur sin 
einzelnes Moment der Gesammtkrankheit darstellend, doch dem 
Wesen nach dasselbe Ganze enthalten und bedeuten. Wie schon 
in jeder Influenza der Fall eintritt, dafe Einer blos am Husten* 
«in Anderer blos am Schnupfen, hier Einer am Durchfall, dort 
Einer an Zahn -, Augen -, Ohren -, Hals - oder Gliederschmerz let* 
det, dieser von einer Pneumonie, Jener von Sehlagflufs oder Läh- 
mung befallen wird , und m dieser Hinsicht kein Früher oder Spä- 
ter gilt, während Andere an Allem dem zugleich leide», so glau- 
ben wir, dafs beim schwarzen Tode dasselbe im grofsartigsten 
Mafsstabe Statt gefunden habe , indem hier an ganzen Volksmas- 
sen, in ganzen Gegenden und Ländern als Theilen des. ungeheu- 
ren Erdgürtels, den er successive einnahm, sich ereignete, was 
im angeführten Beispiele wir an blofsen Individuen als vorkom- 
mend bezeichnet haben, dafs sich nämlich bald die eine, bald 
die andere Seite seines Gesammtbildes im Grofsen vorherrschend 
und einseitig äufserte, ohne dafs man mit Zuverlässigkeit anga- 
ben konnte, welches einzelne Moment der Gesammterscheinung m 
dessen Disjunction *) das Frühere oder Spätere , und das mehr 
'als Anderes Essentielle, oder gar das Genetische vorzugsweise 
war. Denn auch beim schwarzen Tode können wir nur in der 
Einheit aller irgendwo oder irgendwenn an ihm beobachteten Er- 
scheinungen i nicht in dieser oder jener für sieb , das Wesen des- 
selben suchen. 

Dies war zuvorderst im Allgemeinen und in höchster Ansicht 
(sofern uns gestattet ist, darüber beiläufig eine Meinung zu äufsern) 
dasselbe, wie bei allen andern Weltepidemieen , in denen sämmt- 
lich wir nur die verschiedenen Auftritte desselben groben Kampfe 



*) „Diytcta membra poetae .'" Hör. 



* 

44 Henschel. 

des physischen Menschengeschlechts mit den zeitweilig übermäch* 
tigen dynamischen und materiellen Einwirkungen des planetari- 
sehen Erdganzen (allerdings meist in Folge bedeutsamer astrali- 
seber Bestimmungen eintretend) erblicken , der sich ewig wieder* 
holt» der aber überall und jederzeit zunächst in demjenigen Or 
gane seine Wurzel hat und sich entspinnt, das selbst die Wurzel 
und Rinde des thierischen Leibes ist, der Haut, und damit be- 
ginnt > dafs eben dieses Organ, dem die grofse, von den Aerzten 
lange noch nicht genug gewürdigte Function obliegt, den Influen- 
zen der Aufsenwelt zu widerstreben, sie im Wechsel der Inhala- 
tion uud Exhalation lebendig zu zersetzen, und so die Selbstbil- 
dung des Organismus schützend in sich abzuschliefsen , in seiner 
Widerstandskraft entweder überreizt oder unterdrückt, oder ent- 
kräftet, indifferenzirt, päralysirt wird ; worauf es dann, wenn der 
Damm, den gleichsam das Hautleben den Strömungen der Aufsen- 
welt entgegensetzt, einmal durchbrocheu ward, in letzter Instanz 
für das Grundwesen, welches immer dermopathisch bleibt, ganz 
einerlei ist, welches innere Organ nun hauptsächlich in den da- 
mit eröffneten Streit gezogen , gleichfalls überthätig oder unthätig 
gemacht, oder zu anomalen Reactionen oder \ ikariationen proyocirt 
wird, und wie nach Mafsgabe der erregten Erscheinungen die 
Epidemie ihren Namen erhält. Seinem besonderen Wesen nach 
aber war am schwarzen Tode gerade eben das vielleicht die 
Grundeigenthümlichkeit , dafs jene furchtbare, durch lange und 
weitvorbereitete gewaltsame Erdrevolutionen aufgeweckte telluri- 
sche Uebermacht, welche in einem der Menschenhaut unüber- 
windlichen animalischen Zersetzungs- und Productionsreiz (Putri- 
dität und animalischer Plasticität) der Atmosphäre sich äufsernd, 
denselben bedingte und begleitete , gleichzeitig eben so wohl das 
Hautleben in seiner capillaren Perspirations - wie in seiner lym- 
phatischen Assimilationsseite deprimirt hatte, und daher eben so 
wohl das Athmungsorgan , wie das assimilirende Drüsensystem 
in pathologisch - reactiven Consens zu ziehen , und in ihnen einen 
anthracisch - entzündlichen Bildungsprocefs zu erregen vermochte, 
ohne dafs Jemand , den sich durchkreuzenden Berichten nach , zu 
sagen im Stande ist, welchem von beiden die temporeite und 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 45 

essentielle Priorität zukam, da. im Gesammtwesen der Krankheit 
beide Richtungen als gleich möglich vorausgesetzt waren. 

Ohne jedoch auf diese blofse Vorstellung , die wir von uns 
seitlich so fem abliegenden und unzureichend bekannten Verhält- 
nissen gefafst haben , einen sonderlichen Werth zu legen« wolle* 
wir, zum Schlüsse eilend, den Leser nur noch auf die in der Thal 
nicht unwichtigen prognostischen Angäben unseres Berichterstat- 
ters aufmerksam machen, und zugleich in Rücksicht auf das von 
ihm erwähnte Therapeutische hervorheben , dafe auch er auf den 
Nutzen eines rechtzeitigen Aderlasses , dessen methodische An- 
wendung die sacra anchora des ganzen Mittelalters, jselbst in den 
furchtbarsten adynamischen Epidemieen war, hinweist, und somit 
doch auch auf die von Ha es er sehr richtig durchgeblickte, tief 
verborgene phlogistische Diathesis des Mittelalters hindeutet. Und 
indem wir uns in Betreff der offenbar von viel späterer Hand hin- 
zugefügten Bemerkungen über die Pesten von 1361 und 1374, 
welche auch in Schlesien sehr bedeutend hervortraten , das Wort 
für einen anderen Ort vorbehalten, wollen wir nunmehr die nach- 
stehende Urkunde selbst der Kenntnifs des Lesers übergeben, 
dafs er sie weiter und hiemit unsere Befugnife prüfe, sie als ein 
Zeugnifs unter den anderen wenigstens dem Staube der Hand- 
schriften entrissen zu haben. 



In nomine domini amen. 

Jncipit ystoria de Morbo siue mortalitate que fuit anno 
domini MCCCXLVIIL Compy lata per Gabriel ein 
de Mussis placensem. 

Ad perpetuam rel memoriam Nouerint vniuersi presentes, 
pariter et futuri , quod omnipotens deus , rex celestis qui uiuorum 
dominator et mortuorum, in cuius manu sunt omnia, ex alto re- 
spiciens , vniuersum genus ad omnia scelera pronum et lubricum, 
criminibus obuolutum, innumeris perseuerancie delictis, et in omni 
genere uiciorum inextimabili malUia usque ad Interiora dimersiim, 



46 Henschel, 

4mm bonorum gracia denudatum , dei Judicta noo exborrena, ad 
omnia niatta opera prosilleret, tot abhominabilia , tot horribilia ul- 
Aerius ferro non ualens, damauit ad terram. Quid agis terra» 
miserorum captiuata cateruis, peccatorum sordibus maculata, tota 
48 Ineffecta quid agis . cur huraano sanguine madefacta non postu* 
las ultionem . cur faostes et adoersarios meos pateris . debuisses 
jam Inimicos meos, producta iibie (libitßoe?) suffocasse, prepara te 
ut possis exercere uindictam. § Et ego terra, tuo Imperio fun- 
<data, postquam jubes, apperiam venas meas et infinitos deglu- 
dam crimtnosos.negabo fructus solitos . blada , vma et olea non 
effandam« § Cumque in ceiestibus demisso tonitmo irattus uehe- 
menter. Judex, ellementa, planetas, sydera, et ordines Anger 
forum, contra humanuni genus ineffabili censura conduceret et 
singulos animatos in exterminium peccatorum armaret , et quodam 
-crudelitatis impetu prouocaret Inquit meum est exercere Justiciam. 

a 

Ego sum uita uiuencium . ego mortis cleues (!) gero . ego retribuo, 
reddens unicuique, quod suum est.manus mee formauefunt celos. 
lucem fabricauj , mundum constitui , omnibus ornamenta concessi. 
O, peccator infelix, et cunctis jnfelicior, cur mihi resistere de- 
creuisti, mandata mea, leges et omnes Justicias couterapsisti . 
ubi fides baptismi , et mee redemptionis merces. O, condam mea 
creatura , non de ea forte consideraueram , ut iu has piagas et in 
hoc exitium peruenires,_paradixuni tibi paraueram, nou Infernum, 
et ecce quo te perduxisti , ubi nie descendere compulisti , substi- 
nui globos vteri virginal'ts, famem, sitini, Labores, crucis, pati- 
bulum et mortem pertuli, quid fecisti Ingratissime , adhuc me po- 
stuias crucifigi , debuissem eternis te punire supplicijs , fateor -vin- 
eit me pietas. En ego tuj misertus fui, et me tuum saluatorem 
minime cognouisti, Indignus es beatitudinis eterne, te dignum con- 
stituisti tormenteium Infernj, egredere de terra mea, te desero 
draconibus lacerandum. Ibis ad tenebras , ubi perpetuus gemitus, 
et dencium Stridor erit. Jam tue calamitatis terminus adest . de- 
sinant vires tue, uanitates et uoluptates quibus te in omnibus de- 
•dicasti, conspicio ipsis ad iram me non modicam prouocasti. Ac-< 
cedant maligni Spiritus, te deuorandi eisdem concedatur potestas, 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 4? 

Don sit tibi libertas vlterius. Ago Judicia, gaudia tua connertan- 
tur jd luctum . prospera cooturbentur aduersis . nullus uite ordo. 
sed sempiternus horror Inhabitet. Ecce mortis ymago. Ecce ca- 
racteres et portas Infernales apperio , fames captiuatos prosternat 
Pax a mundi finibus euellatur. Scandalla consurgant. Regna ad» 
versus regna odio execrabili consumentur . pereat in terris miseri- 
cordia . clades , pestes, uiolencie, latrocinia, Utes, et omnia ge- 
nera scandalorum nascantur . post hec nutu meo, planete Aerem 
lnfficiant, atque vniuerssam terram corrumpant, vbique sit dolor 
et gemitus. Vndique mortis jacula Impietatis morsibus dominen- 
tnr. Nemini parcatur.non sexui non etati . pereant cum nocenti- 
bus innocentes. Nulli sit ex euadeudo libertas. Sed quia pasto- 
res mundi qnos constitui, greges suos lupis rapacibus dimiseruni 

V 

et uerbum deij non predicant, cuibis negligentes dominici, et pe- 
nitenciam minime clamauerunt , duram contra eos exercebo uin- 
dictam . delebo eos a facie terre . et texauros eorum absconditos, 
inimicus et aduersus possidebit, pacientur cum delinquentibus 
grauia onera delictorum. Nil proderit eis falax officium et quia 
plus homines quam deum timuerunt et magis suam graciam dilexe- 
runt, omnia pessima sustinebunt ypocritarum scelerata, religio 
suis finibus ellungata (elongata) lugebtt. Sacerdotum et tocius 
ordinis clericafis, falsa et inimica societas suis periclitata deffecti- 
bus Interibit Nulli dabitur requies . singulos sagita uenenata per- 
cuciet . febres superbos deicient • et morbus Incurabilis fulminabif • 
Sic sie monitione premissa mortalibus uibrata omnipotentis lahcea, 
duris aculleis undique destinatis, egressus morbus, totum gentis 
Infecit humanuni. Nempe Orion illa Stella crudelis et seua cauda 
draconis.et gelüs ueneni fiallis preeipitatis in mare.et Saturni 
horribilis et indignata tempestas, quibus datum est nocere terre 
et mari, hominibus et arboribus, ab Oriente in oeeidentem, pesti- 
feris gradibus incedentem , per mundi uaria climata , uenenata po- 
cula detullerunt . bullas igneas infirmantibus relinquentes , ex qui- 
bus mortis Impetus horribilis discurrens mundi comminans ruijnam, 
mortales subita percussione consumpsit ut infra patebit . plangite 
plangite populi manibus , et dei misericordiam inuocate. — 



48 Henschel. 



o 



§ Anno domini MCCCXLVL in partibus drientis, Infinita Tar- 
tarorum et Saracenorum genera, morbo inexplicabili, et morte 
subita corruerunt. Ipsarumque parcium latissime regiones, Infi- 
nite prouincie, regna magniüca, vrbes, Castra, et loca, plena 
hominum multitudine copiosa , morbo pressa , et horrende mortis 
morsibus, propriis Acollis denudata paruo tempore deffecerunt. 
Nan (!) locus dictus Thanna, in partibus orientis, uersus Acqui- 
lonem Constantinopolitana contrada (!) sub Tartarorum dominio con- 
stituta, ubi mercbatores ytalici confluebant, cum propter quosdam 
excessus, superuenientibus Tartaris infinitis, modico temporis In- 
teruollo (!) obsessa , et hostiliter debellata , deserta penitus rema- 
neret. Accidit ut uiolenter christianj mercbatores expulsi, Intra 
mcnia Terre Caffensis, quam ab olim iiia Regione Januenses ex- 
truxerant, fugientes christiani sese pro suarum tutione personarum 
et reruni, Tartarorum formidantes potenciam, Armato Nauigio 
receptarent. Ha deus. Ecce subito, gentes Tartarorum profane, 
vndique confluentes, Caffensem vrbem circumdautes , incluxos 
christicolas obsederunt, fere Triennio perdurantes. § Ibique ho- 
stium exercitu Infinito uallatl, uix poterant respirare, licet Naui- 
gio Alimenta ferrente illud talle subsidium intrinsecis spem modi- 
cam exhyberet. Et ecce Morbo Tartaros inuadente totus exerci- 
tus perturbatus longuebat et cottidie Infinita millia sunt extincta 
videbatur eis, sagittas euolare de celo, tangere et opprimere su- 
perbiam Tartarorum • qui statim signati corporibus In iuncturis , hu 
more coagulato in Inguinibus, febre putrida subsequente , expira- 
bant, omni conscilio et auxilio medicorum cessante. Quod Tar- 
tari, ex tanta clade et morbo pestifero fatigati, sie defficientes 
attoniti et vndique stupefacti, sine spe salutis mori conspicientes, 
cadavera, machinis eorum superposita, Intra Caffensem vrbem 
preeipitari Jubebant, ut ipsorum fectore(!) intollerabili , omnino 
defficerent Sic sie proieeta videbantur Cacumina mortuorum, nee 
christiani latere, nee fugere, nee a tali preeipicio liberari vale- 
bant, licet deffunetos, quos poterant marinis traderent fluetibu* 
inmergendos. Moxque toto aere inffecto , et aqua uenenata, cor- 
rupta putredine, tantusque fetor Increbuit ut vix ex Millibus vnus, 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 49 

relicto exercitu fugere conaretur qui eciam uenenatus alijs ubique 
aenena preparans, solo aspectu, loca et faomines, morbo Inffice- 
ret uniuersos. Nee aliquis sciebat, uel poterat viam Inuenire 
salutis. Sic undique Orientalibus , et meridiana plaga , et qui in 
Aquilone degebant, sagita percussis Asperima, que corporibus 
crepidinem Ihducebat, morbo pressis pestiffero, fere omnes, def- 
ficiebant, et morte subita corruebant. § Quanta, qualisque fuerit 
mortalitas generalis, Cathaijnj, Indi, Perses, Medi, Cardenses. 
Armeni, Tarsenses, Georgianj, Mesopotami, Nubiani, Ethijopes, 
Turchumani, Egiptij, Arabici, Saraceni, Greci et fere toto Oriente 

• 

corrupto, clamoribns, flectibus(!) et singultibus oecupati, a supra 

o o 

dicto Millesimo . usque ad Millesimo, CCCXL Villi in amaritudine 
commorantes , extremum deij Judicium suspicantur. § Sane, quia 
ab Oriente in oeeidentem transiuimus , licet omnia discutere que 
uidtmus et cognouimus probabüimus argumentis , et que possumus 
deij terribilia Judicia declarare . audiant vniuersi et lacrimis habun- 
dare cogantur. Inquit enim conetipotens , delebo hominem quem 
creaui a facie terre . quia caro et sauguis est , in cinerem et pulue- 
rem conuertetur. Spiritus meus non permanebit in homine. § Quid 
putas bone deus , sie tuam creaturam delere , et humanuni genus, 
sie jubes , sie mandas subito depperire . vbi misericordia tua , vbi 
fedus patrum nostrorum . vbi est uirgo beata, que suo gremio con- 
tinet peccatores . vbi martirum preciosus sanguis vbi confessorum 
et uirginum Agmina decorata , et tocius exercitus paradixi . qui pro 
peccatoribus rogare non desinunt . vbi mors Christi preciosa crucis, 
et nostra redemptio admirabilis. Cesset obsecro ira tua bone 
deus , nee sie conteras peccatores , ut fruetu multiplicato peniten- 
eie. Aufferas omne malum nee cum iniustis iusti dampnentur quia 
misericordiam vis et non sacrificium. § Te audio peccatorem, 
uerba meis auribus instillantem. Stille j üb eo . Misericordie 
tempora deffecerunt. Deus uocor ulcionum . Übet peccata et sce- 
lera vindicare . dabo signa mea morientibus preuenti studeant ani- 
marum prouidere saluti. § Sic euenit a preffata Caffensi terra, 
nauigio discedente , quedam paucis gubernata nautis , eciam uene- 
nato morbo infectis Januam Applicarunt quedam veneeijs quedam 



50 Henschel. 

alija partibus christianoram. Mirabile v dichi. Nauigantes , cum ad 
terras aliquas accedebant, ac si maligni spiritus comitantes, mix- 

(ierunt) a 

tis hominibus Intererint . omnis ciuitas, omnis locus, omms terra 
et habitatores eorum vtriusque sexus, morbi contagio pestifero 
uenenati, morte subita corruebant. Et cum vnus ceperat Egrotari, 
mox cadens et moriens vniuersam familiam uenenabat. Iniciantes, 
ut cadauera sepelirent , mortis eodem genere corruebant. Sic sie 
mors per fenestras Iotrabat.et depopullatis vrbibus et Castelüs, 
loca , suos deffunetos acolas deplorabant. § Die die Janua, quid 
fecisti. Narra Sijcilia, et Insule pellagi copiose, Judicia deij. 
Explica venecia, Tuscia, et tota ytalia, quid agebas. § Nos 
Januensis et venetus dei Judicia reuellare compellimus. § Proh 
dolor Nostris ad vrbes, classibus applicatis, Intrauimus domo« 
nostras. Et quia nos grauis Infirmitas detinebat.et nobis de 
Mille Nauigantibus vix decem supererant, propinqui, Affines, et 
conuicini ad nos vndique confluebant . heu nobis , qui mortis Jacula 
portabamus, dum amplexibus et osculis nos tenerent, ex ore, 
dum uerba uerba loquebamur , venenum fandere cogebamur. Sic 
Uli ad propria reuertentes, mox totam familiam venenabant . et 

n 

Infra triduum, percussa familia, mortis Jaculo subiacebat, exe- 
quias funeris pro pluribus ministrantes ,» crescente numero deffun- 
ctorum pro sepulturis terra sufficere non ualebant . presbiteri et 
medici , quibus Infirmorura cura maior necessitatis Articulis Inline- 
bat, dum Infirmos uisitare satagunt, proh dolor, recedentes In- 
firmi, deffunetos statim subsequuntur. O, patres. ,0, matres>, 
O, filij , et vxores , quos diu prosperitas , Incollumes conseruauit, 
nee Infelices et Infeliciores, pre ceteris, vos simul, eadem se- 
pultura eoncludit . qui pari mundo fruebamini leticia et omnis pro- 
speritas aridebat . qui gaudia uanitatibus miscebatis , idem tumulus 
tos suseepit, vermibus esca datos. O mors dura, mors Impia, 
mors aspera, mors crudelis, que sie parentes diuidis, dissocias 
coniugatos, filios Interficis, fratres separas, et sorores . plangi- 
mus, miseri calamitates nostras. Nos preterite consumpserunt. 
presentes corrodunt viscera.et future maiora, nobis discrimina 
eomminantur • quod Ardenti studio laborantes pereepimus , perdi- 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 51 

dimus vna hora. Vbi sunt delicate vestes , et preciosa Juuentus. 
Ubi nobiütas et fortitudo pugnancium . vbi seniorum maturitas an- 
tiquata, et dominarum purpurata caterua. Vbi thesaurus et pre- 
ciosi lapides congregati . proh dolor. omnes mortis Impetu deffe- 
cerunt. Ad quem Ibimus . qui nimium medebitur. Fugere non 
licet. latere non expedit. Vrbes, menia, Arua, nemora vie, et 
, omnis aquarum materia , latronibus circumdantur. Isti sunt maligni 
Spiritus , summi tortores Judicis , omnibus supplicia Infinita paran- 
tes. § Quoddam possumus explicare pauendum, prope Jan u am, 
tunc exercitu residente euenit . vt quatuor exercitus socij , Inten- 
cione spoliandi Ioca et homines , exercitum dimiserunt . et ad 
Riparolum pergentes in littore maris , ubi morbus Interfecerat vnl- 
uersos, domos clausas inuenieutes, et nemine comparente, do- 
nium vnam apperientes, et Intrantes lectulum, cum lana obuolu- 
tum Inueniunt , aufferunt et exportant . et in exercitum reuertentes, 

a 

nocte sequenti, quatuor sub lena, in lectulo dormitiui quiescunt. 
Sed mane facto, mortui sunt Inuenti. Ex quo tremor Inuasit om- 
nes , ut Rebus et vestibus deffunetorum contemptis , nullus postea 
frui velet . nee eciam manibus atraetar«. § Hec de Januensibus, 
quorum pars Septima vix Remansit. § Hec de venetis, quorum 
In Inquisitione facta super defunetis asseritur, ex centenario ultra 
Septuaginta. Et ex viginti quatuor medicis excellentibus , viginti, 
paruo tempore deffecisse. § Ex alijs partibus ytalie , Sycilie, et 
Apulie, cum suis circumdantibus plurimum dessolatis congemunt, 
florentini, Pisanij, lucenses, suis acollis denudati, dolores suos 
exagerant uehementer. Romana Curia, prouincie citra, et vltra 
Rodanum , hyspania , Francia, et latissime Regiones , Allamaniae, 
suos exponant dolores , et clades', cum sit mihi in narrando diffi- 
cultas eximia. § Sed quid aeeiderit Saracenis , constat Relatibus 
fide dignis. Cum igitur Soldanus plurimos habeat subiugatos , ex 
sola Babilonis vrbe vbi thronnm et dominium habet, tribus men- 
sibus non elapsis. In MCCCXLVIU. cccclxxx. m morbi cladibus 
Interempti dieuntur, quod quidem Innotuit ex Registro Soldanf, 
ubi nomina mortuorum notantur, a quorum quolibet reeipit bisan- 
cium vnura, quando sepulture traduntur. Taceo Damascum et ce- 



52 Henschel. 

teras vrbes eius , quaram Infinitus extiti(t) numerus deffunctormn. 

vi* 

Sed de alijs Regionibus orientis , que per trienium vis (!) poterunt 
equitari, cum tanta sit multitudo degentium, ut quando occidens 
vnum, genera X. M [10,000] Oriens producat.et nos refferunt, 
Insulatos, credendum et Innumerabtles deffecisse.§ morbos et 
Interitus omnes studeant suis literis apperire. § Verum quia pla- 
centinus plus de placentinis scribere sum bortatus, quid acciderit 
placencie, MCCCXLV1II. ceteris Inotescat § Quidam Januenses, 
quos morbus egredi compelebat , cupientes locis salubribus collo- 
cari, transactis Alpibus ad lömbardie se planiciem contullerunt. 
Et quidam Mercimonia defferentes, dum in Bobio hospitati fuis- 
sent, vendictis(!) ibi mercibus, accidit ut Emptor et hospes, cum 
tota familia, pluresque vicini subito Infecti morbo perierunt. § Qui- 
dam ibi suum volens condere Testamentum notario, et presbitero 
confessore, ac testibus emnibus auocatis mortuus est. et die se- 
quenti omnes pariter tumulati fuerunt. Et tanta postmodum ibi 
calamitas InvaKavit, ut fere omnes faabitatores ibidem repentina 
jnorte conciderrot . quia post defunctos paucissimi remansserunt. 
Hec de Bobiensibus, § Ceterum in Estate, dicto millesimo, alter 
Januensi«, se transtulit ad territorium placentinum, qui morbi 
dadibus vexabatur. Et cum esset Infarmato, querens fulchinum 
,de lacruce, quem bona amicicia diligebat, hunc suscepit bospicio. 
qjal statim moriturus occubuit . § post quem in medtate dictus fuU 
chious , cum tota familia , et multis vicinis exfrirauit. Et sie bre- 
utter morbus ilte effusus Intrauit placentiam. Nescio ubi possum 
JocJpere . vndique planctus et lamenta eonsurgunt. Videns con- 
fmuatis diebus Crucis defferi vexilla , corpus domini deportari, et 
mortuos absque numero sepeliri. Tantaque fuit mortalitas sub- 
acuta, ut vix possent homines respirare . superstites esse sepul- 
Juras parabant, deficiente terra pro tumullis per porticus et plateas» 
«bi nunquam extiterat sepultura , fossas facere cogebantur. Acci- 
dit quoque frequenter, vt vir cum vxore, pater cum filio et mater 
cum filia . demum post modicum tota familia, et plures conuicini, 
simul et Eadem fuerint sepultura locati. Idem in Castro arquato, 
et vigoleno, et Alijs villis, locis, vrbibus et Castellis.et nouissi- 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 53 

nie in valletidorij, ubi sine peste vixerant, plurimi ceciderunt 
§ Quidam dictus Obertus de sasso , qui de partibus morbosis pro- 
cesserat, iuxta Ecclesiam Fratrum minorum, dum suum vellet 
fetcere Testamentum, conuocatis Dotario testibus et uicitiis , omnes 
cum reliquis , ultra numero Sexaginta , Iufra tempus modicum mi- 
grauerunt. § Hoc tempore Religiosus vir frater Syfredus de Bar« 
dis conuentus et ordinis predicatorum , vir utique prqdens et 
magtie seiende, qui Sepulcrum dorn in i visitauerat cum XXIII eius- 
dem ordinis et conuentus, § Item Religiosus vir frater Bertolinus 
eoxadocha placentinus, minorum ordinis, scieecia, et multis virtu- 
tibus decoratus , cum alijs XXIIIj or sui ordinis, et conuentus , ex 
quibus uouem una die. § Item ex eonuentu heremitarum Vjj. Ex 
conuent* Carmelitarum , frater Franciscus todtschus , cum Sex sui 
ordinis et conuentus. § Ex Seruis foeate marie IIIj or . Et ex alijs 
preiatis et Rectoribus Ecclesiarum ciuitatis et destrictus placensig, 
ultra numero LX. Ex nobilibus mutti. Ex juuenibus Infiniti. Ex 
mulieribus presertim pregnantibus , innumerabiles , paruo tempore 
deffecerunt § Tedet plura contexere, et tante Calamitatis uul- 
nera deaudare. Cootremescat omnis creatura, Judicio deij per* 
terita , et suo creatori , humana fragilitas , non resistat . plus dolor, 
cordibus accendatur et oculi omnium uberes in lacrimas prorum- 

ptur. Audiant vitirri (victuri?) seculi huius calamitatis euentum. 
§ Jacebat solus languens in domo.nullus proxhnus accedebat. 
Cariores flentes, tantum Angults se ponebant. Medicus non 
Intrabat Sacerdos attonitus, ecclesiastica sacramenta timidus 
ministrabat. Ecce vox flebilis Infirmantis clamabat. Misereminj 
miseremini saltem vox amici mei , quia manus domini tetigit me. 
§ Alter Aiebat . O pater cur me deseris , esto non immemor geni- 
ture § Alius. O. Mater ubi es , cur heri mihi pia modo crudelis 
efficeris.que mihi lac ,vberum propinasti, et nouem mensibus, 
vtero portasti. § Alter, O, filij, quos sudore et laboribus mul- 
tis educauj cur fugitis. § Versa vice vir et vxor Inuieem exten- 
debant, heu nobis, qui placido coniugio leetabamur, nunc tristi, 
proh dolor diuorcio separamus. Et cum jn extremis laboraret egro- 
tus , voces adhuc lugubres emittebat. Accedite proximi et con- 



54 Henschel. 

vicinj mei . En sicio , aque gutam porrigite sicienti . viuo Ego . Wo- 
llte timere. Forsitan viuere plus lieebit . tangite me. Rogo , pal- 
pitate corpusculum , certe nunc me tangere debcretis. Tunc qui- 
spiam , pietate ductus remotis ceteris , accenssa in pariete cande- 
lam iuxta Caput fugiens Imprimebat (?) Et cum Spiritus exalaret 
sepe mater filium , et maritus uxorem , cum omnes deffunctum tan- 
gere recusarent in capsia pannis obuolutum ponebant. Non preco, 
non tuba , non Campana > nee Missa solempniter celebrata ad fu- 
nus amicos et proximos Inuitabant. Magno« et nobiles ad sepul- 
turam gestabant viles et abiecte perssone conduete peceunia, quia 
deffunetis consimiles, pauore percussi, accedere non audebant. 
Diebus ac noctibus, cum necessitas deposcebat, breuj ecclesie 
officio, tradebantur sepulcris . clausis frequenter domibus* deffun- 
ctorum , nullus lntrare , nee res deffunetorum tangere presumebat. 
Quicquid actum fuerit, omnibus Inotescat, vno post Alium dece- 
dente omnes tandem mortis Jaculo deffecerunt. § O durum et 
triste speetaculum vniuersis . quis pia compassione non lugebat . et 
superuenientis pestis cladis et morbi teribilibus non turbetur. In- 
durata sunt corda nostra et nullam futurorum memoriam compu- 
tamus. Heu nobis . Ecce hereditas nostra uersa est, ad Bue- 
nos et domus nostre ad extraneos. Addant si uolunt supersti-* 
tes , nempe lacrimas singultibus . oecupatus procedere non val- 
leo . quia vndique mors , vbique amaritudo describitur . plus et 
plus Iterato, manus omuipotentis extenditur. Judicium teribile, 
eontinuatis temporibus Inualescit. § Quid faciemus, o, bone 
yhesu . animas suseipe deffunetorum. Auerte faciem tuam a pec 
catis nostrijs . et omnes iniquitates nostras delle. Seimus sci- 
mus, quia quicquid patimur peccata nostra merentur. Appre- 
hendite igitur diseiplinam, ne quando Irascatur dominus, et pe- 
reatis de via iusta . humilientur ergo superbi. Errubescant Auari, 
qui pauperum detinent ellemosinas Impeditas. Invidi caritate 
calescant. Luguriosi spreta putredine, honestatis regula decoren- 
tur, Effrenes, Irracundi, salutis sue terminos non excedant. Gu- 
losi Jeiunijs temperentur. Et quibus aeeidia dominatur, bonis 
operibns Induantur. Non sie, non sie adolescentes et Juuenes, 
vestibus delectentur in eultu, Sit fides et equitas In Judicibus ; 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 55 

Sit legalitas Merchatorum. Notariorum parua et inordinata con- 
dictio, prius discat, et sapiat* quam scribere nieditetur. Reli- 
giosorum abiciatur ypocrisis. Ordinetur in melius dignitas prela- 
torum, Omnis populus yiam salutis Impetrare festines r Et domi- 
narum pomposa vanitas, que sie uoluptatibus Imiscetmv freno 
moderata procedat . contra quarum arroganciam ysayas ; suo vati- 
cinio resonabat . pro eo quod elleuate sunt filie Syon, et ambula- 
uemnt extento collo , et nutibus oculorum ibant et pläudebant am- 
bulabant, et pedibus suis» composito gradu Incedebant decalua- 
bit dominus verticem filiarum Syon et dominus crinem earuin nuda- 
bit. In die illa aufferet dominus , ornatum calciamentorum , lunul- 
las et torques, monilia, et Armillas, mitras et discriminalia, pe- 
riscelidas, et murenullas, et olfactoriola, et in Aures' Annullos 
et gemas in fronte pendentes , et mutatoria , et paliola , et lintea- 
mina, et acus, et specula, et.Syndones, et nittas, et terristra. 
et erit pro suavi odore fetor , et pro Zona funiculus , et pro cris- 
panti crine caluicium, et pro fascia pectorali cillicium . puleerimi 
quoque viri tili gladio cadent, et fortes tui in prelio.et moerebun- 
tur atque lugebunt ponte eius . et dessolata terra manebit. § hec 
contra dominarum et Juuenum superbiam elleuatum. . § Ceteruin 
ut condictiones cause et accidencia, niorbi huius pestiferi, Omni- 
bus patefiant Übet litteris apperire. § Existentes sani, vtriusque 
sexus, nee mortis pericula formidantes , lllj or Ictibus asperimis 
carnibus vexabantur. Et primo eos quidem rigor algens , bumana 
subito corpora commouebat que quasi lancea perforati sagitta- 
rum pungentes aculeos senciebant. Ex quibus quosdam, In 
Junctura braebij subter lagenam . quosdam in Inguinibus,*Inter 
corpus et cossiam, ad modum cuticelle durissiine grosse et 
quandoque grosioris, dirus Impetus affligebat, cuius ardore mox 
in febrem acutissimam et putridam, cum dolore capitis Incide- 
bant.qua nimium preualente, Alijs fetorem Intollerabilem re- 
linquebat. Alijs Sputum ex ore sanguineuin. AJijs Inflaturas 
iuxta locum precedentis humoris , post tergum , et cireba pectus, 
et iuxta femur, et alia acerbitate preeipua Ingerebat. Quidam 
uero inebriati sopore, non poterant excitari. Ecce bulle domini 
comminantis. Hij onines, mortis, pcricuüs subiacebant. ty"" 



56 Henschel. 

dam prjma die Inuasionis morbi, alij. sequenti die et alij pla- 
riores iriduo L uel v* die morituri cadebant. Circha saogui<- 
nis vomitum nullum poterat adhiberi remedium . dormientes lnflacti» 
et fectore cormpti, rarissime euadebaet • sed febre discedeate 
quandoque poterant liberari. Sed circha fectorem ab Infirmo su»- 
ceptum, noui querapiam sumpta optima tyriaca, illatum expullisse 
venemim, et mortale accidens euitasse. Si humor ille tumens* 
duriciem ostendebat, exterius nulla superaeniente molicie Signum 
mortis erat Et quia tunc ad venas cordis se venemim transferen* 
suffocabat lofirmum. Et si exterius desuper , uel de subtus , mo- 
licies apparebat, poterat liberari. Illico si in superiori parte, ex 
brachio pacientis , penam gerente. Et si Inferiori ja clauicula pe- 
dis, partis pacientis flebotomia subita. curabator. quandoque me- 

(Malvinal) 

dicamine subsequente . qui a loco Morbi , cum Aluina , Emplastro 
Maluauischij , cum maturitate Incisione et euacuatione humoris, 
pacientes graciam sanitatis habebant Sed si febris acerbitas per- 
durabat , omnino languentes , uita priuabat. § Assertum quoque 
experiencia manifesta quod In Eclypsi periculosior fuerit Infirmitas 
augmentata et tunc maxime expirabant. § In Oriente aput Ca- 
thaym , ubi est caput mundi et terre principium , signa horribilia 
et pauenda apparuerunt. Nam Serpentes, et buffones, in con 
dempsata pluuia descendentes, habitationes Ingressi, Innumera- 
biles sauciantes veneno, et corrodentes dentibus consumpserunt. 
In Meridie aput Indos, terre motibus subuersa loca, et vrbes 
consumpte ruijna faculis ardentibus igneis,* emissis celitus. In- 
finitqp uapores ignei cremauerunt et certis locis, sanguinis habun- 
dancia pluit et lapides ceciderunt. § Verum quia tunc tempus 
erat amaritudinis et doloris, et opus erat ad dominum coouertendi. 
Dicam quid Actum fuerit A quadam persona, sancta, visione 
recepta , precessit monitio. Vt In singulis Ecclesiis , tribus con- 
tinuatis diebus, omnes vtriusque sexus, ciuitatibus et Castellis 
et locis sue Ecclesiam parrochie conuenirent et Candella accensa 
In manibus, Missam beate Anastasie que In aurora natiuitatis 
dominice consueuit solempniter celebrari, devotissime audirent, 
et humiliter Inclinati misericordiam Implorarent, ut meritis sancte 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 57 

müsse liberarentur a morbo. Quidam beati domini martyrra , «uf- 
fragia postulabant. Alij ad Alios sanclos le conuertebant humi* 
liter , vt morbi possent euadere prauitatem. Nam ex prefactis (!) 
martiribus quidam, ut narrant hystorie, satis percussi, mortui 
dicuntur in nomine yhesu Christi. Ob quod oppinio multorum 
erat» ut contra morbi sagittas, possent prestare salutem. § De- 
nique sanctissimus papa clemens In Consistorio sedis apostolice, 
Statuit Indulgenciam generalem, In MCCCL duraturam per an- 
«um , a pena et culpa omnibus vere peuitentibus et coniessis. Ob 
quod» Infinita gentium multitudo vtriusque sexus Rome peregri« 
nationem peregit , basilicas beatorum Apostolorum petri et paoü 
et sancti Johannis Reuerentia et deuocione maxima visitando* 
§ Eija Ergo dillectissimi non simus vipere, crudelitate peioreg, 
manus nostras leuemus ad celum. An miserebitur nisi deuis et 
pro omnibus misericordiam Iniploremus. § Hijs explicatis finem 
facio . celestis medicus uulnera nostra curet *) et plus Animarum, 
quam corporum qui est benedictus laudabilis et gloriosus in 
Bccula seculomm Amen. — 



DE Morbo siue Mortalitate , que fuit Anno domini 
MCCCLXI. 

SImilis fere per omnia fuit Morbus et mortalitas , licet forsi- 
tan non fuerit sie generalis per totum mundum. Anno domini 
MCCCLXI. Et Incepit de Mense Madij , In Ciuitate et destrictu 
placencie. Et fuit In Culmine per totum Mensem Septembrem, 
et In prineipo Octubris dicti Annj et postea paulatim declinauit 
Ex qua mortalitate deffecit Tercia pars et ultra gentium vtriusque 
sexus et etatis placencie et districtus. Et que mortalitas diffusa 
est per totam ytaliam et fere per totum mundum. Sed inter Ciui- 
tates lombardi, primo et principaliter Inuasit Papiam, Et iUa 
signa morientibus Apparebant, tarn In inguinibus et sub Ascelis, 

*) Wenn die Wunden der Pest, während M. ichrieb, noch in hei- 
len waren , so mufs er wohl gleich nach derselben geschrieben habe*» 



I 

58 Henschel. 

quam In sputo sanguinis , quam eciam In sopore , que et sicut 
in Supra scripto morbo de MCCCXLV11I Apparebant vt supra 
coptinetur *). 

DE morbo siue Mortalitate, que fuit anno domini 
MCCCLXXIIUor. 

ITem SimiUs fere fuit Morbus et Mortalitas In Ciuitate et di- 
strictu placensi anno domini MCCCLXXII1I. Et qua fere [Lücke] 
pars gentium vtriusque sexus et etatis ciuitatis et destrictus pla^ 
censis deffecerunt. Et Incepit In ciuitate placencie, de Mense 
Madij dicti Anni et fuit In Culmine de Mense [Lücke] subsequen- 

*) Von der Fest von 1361 sagt C a m p i (III. p. 120,) dafs sie in Parma 
mit horribler Mortalität 6 Monate dauerte , und am stärksten sich im 
Aug. — Oct. zeigte. Aber in Piacenza währte sie fast ein Jahr , indem 
sie fast J des Volks hinraffte, so dafs es an Arbeitern fehlte, die Saat 
zu bestellen, und manche Itloster-Aebte , weil sie keine Einkünfte er- 
hielten, ihre Mönche entliefsen, um sich ihren Unterhalt selbst zu su- 
chen, wo sie könnten. In Crema nahm man nach einer von Jemand 
empfangenen Vision den heiligen Pantaleon d. Jüngern zum Protector 
an , aber es starben das Jahr darauf so viele Geistliche > als wie vor- 
her. Eben diese Pest betreffend finden wir in dem Chronicon Placenti- 
num Johannis de Massig (Muratori 1. o. Tom. XVI. p. 506. ad 
ann. 1361.) „Eodem anno de Mense Junii incoepit morbus sive morta- 
litas maxima in civitate et districtu Placentiae, quae duravit fere per 
annum et similiter fuit per totam Lombardiam. Ex qua tertia pars 
et ultra gentium utriusque sexus et aetatis Civitatis et di- 
strictu* Placentiae defecerunt. Morientibus quibusdam apparebat 
humor coagulatus in modum cuticelle sub ascellis vel in in- 
guinibus, et aliquibus apparebant pnstulae sive apostemata in circuitu 
capitis post aures: et aliqui spuebant sanguinem putridum, quod erat 
pessimum Signum. Et istos omne/i febris acuta aliquando praecedens, 
aliqnando succedens, suffocabat inOrmos secunda vel tertia die subse- 
qaente; et ex istis sie signatis valde pauci evadebant, illi praeeipue, 
qui in inguintbus signati erant. Si tumor signationis crescens aliquid 
raolle monstrabat in summitate , vel de subtus , tunc febre deficiente per 
emplastrum Malvavischi cum modica assungia superpositum, et 
deinde apostemate cum ferro aperto et putredine vacuato sanabatur.in- 
firmus. — Man bemerkt an den gesperrt gedruckten Worten die Ueber- 
einstimmung mit dem oben stehenden Bericht , und zugleich mit dem 
des Gabr. de Musais: daher wir wohl berechtigt sind, diese Zusätze 
dem Verf. des Chron. Plac. zuzuschreiben. 



Document z. Geschichte d. schwarzen Todes. 59 

tis et postea paulatim declinauit. Et que mortalitas occupauit to- 
tam lombardiam et alias diuersos partes mundi. Tarnen non fuit 
sie generalis , vt alie due Supra Scripte. Et inter Ciuitates Loni« 
bardie , primo Inuasit Januam. Deinde Bononiam , et Mediola*- 
num, videlicet Anno precedenti. Postea Acriter Par- 
mam, Deinde placenciam, pergamum Zaode, papiam, et alias 
ciuitates , et terra« lombardie *). 

Amen. Deo gracias. 



*) Ueber die Fest von 1374 iagt Campi (a. a. O. III. p. 148,) dafo 
sie im. Gefolge und während einer Hungersnot», eingetreten , die durch 
langen Regen und Nebel wahrend der Erndtezeit bei den obwaltenden 
Kriegslasten entstanden wäre. Sie nahm im Piacent mischen mehr als 
die Hälfte der Menschen weg , im Farmesischen starben von fünf drei, 
so dafs , da die Lebenden die Stadt verliefsen, Parma und Piacenza fast 
leer standen. Jon. de Mastis aber hat a. a. O. p. 520. ad ann. 1374: 
„Anno Chr. 1348 de mense Junii incoepit in Civitate et districtu Placen- 
tae morbus et mortalitas generalis . Cujus Causa, et causa dietae guerrae 
et caristiae defecit medietas perzonarum Civitatis et Episcopotus Pia- 
centiae , et ultra. Et duravit per sex menses et ultra , et fuit eulmine 
de mense Octobri dicti anni, et postea declinavit paulatim, quae Mor- 
talitas etiam fuit per omnes alias partes mundi . Eodem anno prope tem- 
pus Messium (also während der Pest) taliter blada corrupta sunt in 
campis per pluvias et nebulas multiplicatas quod nedum semina potue- 
runt colligi . Cujus occasione incoepit per totam Lombardiam fames et 
caristia maxima." Ginge übrigens das „anno precedenti" oben im Text 
auf die Zeit, da derselbe geschrieben, so wäre dieselbe für 1345 er- 
mittelt: doch ist die Stellung der Worte zweideutig und nicht entschei- . 
dend dafür beweisend. — 



III. 

Zur Lehre von der Stase und vom Fieber. 

Von 

Dr. Cisenmann» 



(Fortecteuag der im B«L I. Heft 4. abgebrochenen Abhanoinng.) 

Fünfter Artikel. 

Ueber die Ursachen der Stase. 

ich habe in der ersten Abhandlung den Mechanismus der Stase 
deraonstrirt, und in der aweiten Abhandlung die Behauptung aufge- 
stellt , dafs die Contraction und Expansion der Haargeßifse nicht 
durch die zu den GefiÜsen gehenden Ganglien - Nerven , sondern 
durch eigene Bewegungs- Nerven vermittelt werde, welche vom 
Gehirn oder Rückenmark ausgehen. Seit ich diese Abhandlun- 
gen eingesendet, ist Rem ak 's interessante Arbeit über die phy- 
siologische Bedeutung des organischen Nervensystems in v. Am- 
.ttdDS Monatsschrift (1840 Mai— Juni) erschienen. Remak hat 
gefunden, dafs zu den GefaTsen nicht blos graue Ganglien-Nerven, 
sondern auch weifse Cerebrospinal -Nerven gehen, und diese ana- 
tomische Tfaatsache spricht sehr zu Gunsten meiner obigen Be- 
hauptung; denn wenn die Contraction und Expansion der Gefäfse 
durch Ganglien - Nerven vermittelt würde, wie Remak annehmen 
möchte, so wäre nicht abzusehen, was noch die Cerebrospinal- 
Nerven hier bedeuten sollen. Dafs die weifsen Nerven Bewe- 
gungen hervorbringen können, ist gewifs, von den grauen Nerven 
aber ist eine solche Verrichtung noch nicht nachgewiesen. Es 
dürfte sohin der Satz , dafs die Contraction und Expansion der 
Baargefäfse ein Werk der an sie gehenden Cerebrospinal - Nerven 
seyen , vorläufig angenommen werden. 



Ueber Stase und Fieber. 6t 

Dieses aber zugestanden , so fragt es sich nun um diejenigen 
Einflösse , welche eine entsprechende Contraction mit darauf fol- 
gender Expansion oder eine unmittelbare Expansion der Haarge- 
ftfse in solcher Art hervorbringen , dafs dadurch die Erscheinun- 
gen und Vorgänge der Stase entstehen. Wir müssen nämlich 
wohl unterscheiden zwischen einfacher Hyperaemie oder Conge- 
stion und Stase; denn bei der einfachen Hyperaemie findet, so- 
viel bis jetzt bekannt, keine materielle Veränderung im Blute 
statt, auch werden keine Exsudate gebildet, welches Beides bei 
der wahren Stase der Fall ist. Die Stasezeugenden Einflüsse 
nun sind von zweierlei Art ; nämlich solche, welche unmittelbar 
auf die Bewegungsnerven der Capillarifät wirken und solche, 
welche diese Bewegungsnerven vom Blute aus afficiren. 

I. Alles, was reizend auf die Bewegungsnerven der Gefafse 
wirkt, veranlafst eine Contraction derselben, auf welche auch 
nach den in der ersten Abhandlung aufgestellten Gesetzen eine 
entsprechende Expansion und mit derselben ein Complex von Er- 
scheinungen folgen kann , welcher den Erscheinungen der Stase 
mehr oder weniger ähnlich ist; allein zu einer wirklichen Stase und 
zu Krankheftsproducten kommt es bei einseitiger und vorüberge- 
hender Reizung der Geföfsbewegungs- Nerven nicht; denn diese 
Nerven kehren, sowie die Reizung aufhört, zur Ordnung zurück, 
und die Blutüberfölfung gleicht sich wieder aus. Nur wenn Ein- 
flüsse in solcher Art auf die Gefafsbewegungs - Nerven wirken, 
dafs das Wirkungsvermögen derselben unterdrückt, eine unvoll- 
kommene Lähmung (Parese oder Paralyse) derselben zu Stande 
gebracht wird , dann erfolgt eine Art passiver Stase , die Gefäfse 
dehnen sich aus , das Blut fliefst langsamer in denselben , oder 
stockt ganz und zersetzt sich. Ich will dieses durch ein Paar 
Beispiele erläutern. Wenn mechanische Einflüsse auf die Haut 
einwirken, ohne deren Continuität zu verletzen, und ohne durch 
Quetschung einzelne Nerven zu paralysiren , dann entsteht durch 
die Contraction und darauf folgende Expansion der Haargefäfse 
eine starke Hyperaemie des Theils, eine heftige Congestion, selbst 
Blutextravasate , aber keine Stase, kein krankhaftes Exsudat. 
Wenn dagegen mechanische Einflüsse so einwirken, dafs sie ei- 



62 Eisenmann. 

nen oder den andern Nervenstrang durch Quetschung, Zerrung 
oder auf sonstige Weise bis zur Parese insultiren , dann bleibt es 
nicht bei der Congestion , sondern es kommt zur passiven Stase, 
weil die Wände der entsprechenden Haargefafse gelähmt sind, 
dem Blute nicht den gehurigen Widerstand leisten können , sich 
sohin ausdehnen lassen. Deshalb haben Quetschungen und Zer- 
rungen der Gelenke viel leichter Stasen zur Folge, als heftige 
Schläge auf fleischige Theile, denn die Gelenke lassen eine solche 
Ausdehnung und Verdrehung zu, dafs dadurch die Nervenstränge 
insultirt werden, abgesehen von den oberflächlichen Knochen, 
welche der mechanischen Einwirkung einen festen Widerstand 
bieten , und dadurch die Verletzung der Nerven begünstigen. 

Ein anderes Beispiel ! Wenn wir einen Theil unsers Körpers 
einer mäfsigen Kälte aussetzen , so veranlagst dieselbe direct eine 
Zusammenziehung der Haargefafse, die vor der coutrahirten Stelle 
gelegenen Gefäfse aber erweitern sich , das Blut schoppt sich an, 
der Theil wird hochroth oder selbst blauroth , so dafs man glau- 
ben könnte, er sey entzündet; allein es werden keine Exsudate 
gebildet, und so wie die Einwirkung der Kälte nachläfst, kehrt 
Alles zur Norm zurück , denn es war blofs Congestion zugegen* 
Setzen wir aber einen Theil unsers Körpers einer intensiveren 
Kälte aus, dann entsteht Parese in den Bewegungsnerven der 
Haargefafse, dieselben erweitern sich passiv, und es entsteht 
jene Art von Stase , welche wir Frostschäden , Frostbeulen nen- 
nen. Die Nerven sind nämlich nicht vollständig gelähmt , sondern 
nur im höchsten Grad geschwächt, so dafs sie in der Wärme zur 
Noth functioniren , in der Kälte aber immer wieder in den Läh- 
mungszustand verfallen. War aber die einwirkende Kälte noch 
heftiger, dann werden die Gefäfsbewegungs- Nerven vollkommen 
gelähmt, und die passive Stase geht schnell in Brand über. Bei 
der heftigsten Einwirkung endlich ist von gar keiner Stase die 
Rede, sondern es bildet sich primär ein Brandschorf. Zwischen 
der durch Kälte erzeugten activen Congestion und der durch Kälte 
erzeugten passiven Stase besteht kein Zustand, welcher als eine 
gewöhnliche Stase oder Entzündung gelten könnte: sowie in Folge 
der Kälte eine Stase eintritt, so ist sie paralytischer Natur, wo- 



Ueber Stase und Fieber. 63 

bei sich jedoch versteht dafs die Lähmung der Gefäfsbewegungs- 
Nerven nicht immer eine vollkommene seyn raufs. 

Was ich oben von der Kälte gesagt habe, das gilt auch von 
allen andern Enflüssen, welche direct auf die Gefäfsbewegungs- 
Nerven wirken : sie haben entweder vorübergehende Reizung die- 
ser Nerven und Congestion , oder Lähmung derselben und passive 
Stase zur Folge, und auf diese Art von Stasen, aber auch nur 
auf diese pafst der von Autenriethin unsere Wissenschaft ein- 
geführte Name „ueuroparalytische Entzündungen.' ' 

Bis jetzt kennen wir folgende Einflüsse, als die Ursachen 
neuroparalytischer Stasen : 

1) Mechanische Einflüsse. Hieher gehören Quetschungen 
und Zerrungen einzelner Nervenstränge , welche meist nur N eine 
vorübergehende Parese verursachen; ferner. Druck auf einzelne 
Nervenstämme oder Zweige durch Ligatur oder durch krankhafte 
Geschwülste. Dr. Mohr 4 ') hat die Krankheitsgeschichte eines 
Mädchens veröffentlicht, welche an einem harten Aftergebild auf 
der linken Seite der Hirnbasis zu Grunde ging; dieses Afterge- 
bild hatte unter Anderem den Trigeminus gedrückt und dadurch 
eine Stase und Vereiterung des linken Auges bei gänzlicher Em- 
pfindungslosigkeit der Conjunctiva verursacht. Aehnlich so kön- 
nen starke Parotiden - Geschwülste durch Druck auf den Vagus 
eine paralytische Stase der Lungen veranlassen. Ferner gehört 
hieher die Durchschneidung entsprechender Nervenstämme , und 
wir haben bereits in der zweiten Abhandlung gesehen, dafs die 
Durchschneidung des Trigeminus eine paralytische Stase und Ver- 
eiterung des Auges , die Durchschneidung des Vagus eine para- 
lytische Stase in der Lunge und im Magen zur Folge hat. 

2) Physikalische Einflüsse. Hieher gehören die Extreme in 
den Temperaturen , tiefe Kälte, hohe Hitze. Ich habe bereits 
oben beispielsweise die Wirkungen der Kälte besprochen und 
kann mich sohin auf das dort Gesagte beziehen ; bemerken will 
ich nur noch, wie es ganz mit dieser Theorie übereinstimmt, dafs 



*) Mohr, Beiträge zur Kenntnifs der organischen Hirnkrankhei- 
ten. Diö8. Wurzburg 1833. 



64 Eisenmann. 

erfirome Glieder am so gewisser verloren gehen , wenn man sie 
unmittelbar nach dem Frost der Wärme aussetzt, da die Wärme 
nicht erregend auf die gelähmten Theile wirkt, wohl aber den 
Zuflufs des Blutes gegen die Peripherie und auch gegen diese 
Theile steigert, und sohin den Lähmungszustand durch den Blut- 
druck noch verschlimmert; auch wird einleuchten > warum das 
Ammonium , welches so erregend auf die sensitiven Nerven wirkt, 
auch ein souveränes Mittel gegen die Frostschäden ist. 

Was aber den Einfiufs hoher Temperaturen betrifft, so erin- 
nere ich an die Insolation des Hirns und des Rückenmarkes. Die 
excessive Einwirkung der Sonnenstrahlen auf die Oberfläche eines 
Körpers, in welchem durch anstrengende Arbeit schon eine er- 
höhte Turgescenz gegen Hirn und Rückenmark und dadurch ein 
starker Blutdruck gegen die Wände der Capillargefäfse dieser Ge- 
bilde gegeben ist, erzeugt einen paresischen oder paralytischen 
Zustand in diesen Haargefafsen und ein copiöses Exsudat ; und 
eben weil dieser Zustand paralytischer Natur ist , darum trotzt er 
oft der stärksten Antiphlogose und hat so schnell Hirnlähmung 
zur Folge, während ein, den ganzen behaarten Kopf deckendes 
Blasenpflaster bei gleichzeitigem ableitendem Verfahren noch die 
besten Dienste leistet ; , denn die reizende Wirkung des Canthari- 
dins treibt die Wandung der Haargeföfse zur Contraction. Auch 
werden spätere Beobachtungen lehren , dafs der innere Gebrauch 
des Ammoniums hier eben- so nützlich ist, als gegen den hefti- 
gen Berauschungs - Zustand. 

3) Dynamische Einflüsse. Hierher gehören die narkotischen 
Gifte. Die Narkotika, mit Einschlufs der geistigen Getränke, wir- 
ken, in beschränkterem Maase genossen, auf das Cerebro - Spinal« 
System, und sohin auch auf die Gefäfsbewegungs - Nerven, die sie 
zur contrahirenden Thätigkeit bestimmen. Daher erklärt sich z. B., 
wie das Opium bei seiner direkten Anwendung auf positiv erwei- 
terte Gefäfse dieselben zur Contraction bringt ; daher erklärt sich, 
wie ein Zusatz von Opium die alterirende Wirkung so vieler Arz- 
neien steigert ; daher erklärt sich, wie das Opium die Secretionen 
beschränkt, indem es die Haargeföfse contrahirt ; daher erklärt sich, 
wie die Belladonna Trockenheit und Rauhigkeit im Halse verur- 



Ueber Stase und Fieber. 65 

Sacht, weil sie die dortigen Capillargefäfse zusammenzieht und 
dadurch die Absonderung derselben hindert. Wenn aber die 
Narcotica in zu reichlichem Maafse einwirken, dann paralysiren siq 
nicht blofs die Central -Nervengebilde, sondern auch die Gefäfs- 
Bewegungsnerven ; sie veranlassen neuroparaly tische Stasen, be-» 
sonders im Gehirn ; und gegen diese Stasen erweisen sich dann 
die reizenden und contrahireuden kalten Begiefsungen , sowie der 
innere Gebrauch des Ammoniums nützlich. Die Heilkraft dieses; 
Mittels zeigt sich besonders auffallend bei starker Berauschung. 

An die Pflanzen --Narcotica schliefsen sich die Metall - Nar- 
cotica an, das Zink, das Wismuth und* vor Allem der Repräsen- 
tant dieser Reihe von Metallen, das Blei, in welchem die narko- 
tische Kraft am Stärksten ausgeprägt ist. Das Blei kann eine 
solche Contraction der Haargefäfse hervorrufen , dafs die Abson- 
derungen der afäcirten Organe ganz unterdrückt sind, während die 
Empfindungsnerven sich im Zustande der Reizung (Algie) befin- 
den , wie wir solches bei der Bleikolik sehen. Und doch ist die-: 
$er Zustand keine Stase , keiue Entzündung ; wird aber die Ein« 
Wirkung des Bleis noch gesteigert, dann kommen auch sofort die 
Erscheinungen der Lähmung nicht nur in den Bewegungsnerven 
der willkürlichen Muskeln, sondern auch in den Gefäfs- Bewe- 
gungsnerven ,' es entstehen neuroparaly tische Stasen. So erzählt 
Casperin seiner Wochenschrift, 1835 Nro. 29 den Fall eines 
Frauenzimmers, die nach einer starken Bleivergiftung unter den 

Erscheinungen der Darmentzündung starb. Aus der contrahiren- 

i 

den Wirkung des Bleis läfst sich dann auch seine anerkannte 
Heilkraft gegen heftige Stasen, namentlich gegen Pneumonieen er- 
klären. — Von ähnlicher, vielleicht noch intensiverer Wirkung 
ist die Schwererde. 

4) Krankhafte Veränderungen der Nervenstämme, durch wel- 
che dieselben ihr Wirkungsvermögen ganz oder zum Theil ver- 
lieren.. Die merkwürdigste Veränderung dieser Art dürfte die 
in das Zwischennerven - Bildgewebe abgelagerte Knochenmasse, 
die Verirdung der Nerven seyn. Eine solche Verirdung kommt 
häufig im hohen Alter vor und trifft nicht selten den Nervus 
pneumo - gastricm , und diese Verirdung des eben genannten^ 

ö 



66 Eisen mann 

Nerren ist es, welche die chronischen Lungen - Blennorrhoeen und 
die sogenannte hypostatische Pneumonie der Greise zur Folge hat, 
und welche auch den aus andern Ursachen entstandenen Pneumo- 
nieen der Greise jene hohe Gefährlichkeit ertheilt. In demselben 
Grade, als der Vagus sein Wirkungsvermögen verliert, in dem- 
selben Grade verliert auch die Capillarität der Lungen die Fä- 
higkeit, dem andringenden Blute den normalen Widerstand zu lei- 
sten. Man wird daher bei solchen Pneumonieen durch die Anti- 
phlogose gar nichts ausrichten, während ein Senega - Decoct, 
nutbigenfalls mit Ammonium noch Dienste leistet, so lange der 
Vagus und seine einzelnen Fäden noch der Erregung fähig sind. 

In diese Kategorie gehurt wohl auch die Stase und Ge- 
schwulst der Prostata, welche im Gefolge der Tabes dorsalis auf« 
tritt ; denn wenn sich das Ruckenmark, und zwar jener Theil des- 
selben , welcher mit den Geschlechtsorganen in naher Beziehung 
steht, in einem lähmungsartigen Zustande befindet, so müssen 
auch die von diesem Theile an die Genitalien gehendeo Gefäfs- 
Bewegungsnerven ihr Wirkungsvermögen theilweise verlieren und 
so einer paralytischen Stase Raum geben. Endlich gehören hier- 
her die Fälle von Decubitus, welche sich zu Rückermarkslähmun- 
gen gesellen. 

5) Psychische Einflüsse. Deprimirende Cemfithsbewegun- 
gen, namentlich, wenn sie längere Zeit andauern, wirken nicht 
blos lähmend auf die Psyche, sondern auch auf die Gefafs- Be- 
wegungsnerven. Wenn sich schon ein Organ in einem krankhaf- 
ten Zustande befindet, so werden sie durch ihren Einflute das ort- 
liche Leiden jedenfalls verschlimmern , sie werden ihm den Cha- 
rakter der Paralyse aufdrücken. Ist kein Organ für ihren Einflufs 
vorherrschend prädisponirt, dann bleibt auch ihre Wirkung eine 
mehr allgemeine, die gesammte Capillarität wird geschwächt, 
der Blutlauf in derselben wird kürzer, und das Blnt selbst geht 
eine Art Zersetzung ein. Diese allgemeine Kachexie reflektirt 
sich endlich vorherrschend in einem oder dem andern Organ , am 
häufigsten im Herzen; welches allmählig in einen der Erwei- 
chung sehr nahe stehenden Zustand, oder in wirkliche Erweichung 
übergeht. 



Ueber Stase und Fieber. 67 

II. Wir kommen nun an jene Reihe von Stasen, bei denen 
die Reizung und später erfolgende Halblähmung der Gefäfs * Be- 
wegungsnerven vom Blute , resp. von einer anomalen Plastik aus* 
geht. Schon die älteren Aerzte haben es wohl beachtet, dafs die 
Stase im Gefolge von sehr verschiedenen Krankheitsprocessen 
auftreten kann ; und da «ie bei manchen Krankheiten gewisse Ei- 
gentümlichkeiten in der anatomischen Veränderung der leiden- 
den Theile im Verlauf der Stase und im Verhalten derselben zu 
gewissen Arzneimitteln stark hervortreten sahen , während bei an- 
dern Krankheiten einzig und allein die Erscheinungen der Stase 
zugegen waren , und die Blutausleerungen in der Mehrzahl der 
Fälle gute Dienste leisteten , so nannten sie die letzteren reine 
Entzündungen, die ersteren aber dyskrasische oder specifische 
Entzündungen , und so hatten sie denn erysipelatose, scarlatinuse, 
variotöse, rheumatische, morbillose, schleimige, gallige, faulige, 
scorbutische, gichtische, scrophutöse, psorische, syphilitische, 
leprose etc. Entzündungen , und um sich diese specifischen Ent- 
zündungen zu erklären, nahmen sie an, dafs die genannten Krank- 
heiten gewisse Schärfen oder Krankheitsstoffe erzeugten, welche 
dann die Entzündung veranlafsten ; defshalb nannten sie denn 
auch die Schärfen oder Stoffe, welche sie als die Grundbedingung 
der Krankheit betrachteten, die Maieria peccans, die alles Un- 
heil stiftet. Und diese Ansicht wird denn auch bei einer ent- 
sprechenden Ausbildung zu einer richtigen Theorie der Entzün- 
dungen oder Stasen fuhren ; denn allerdings werden die nichtneu- 
roparalytischen Stasen durch die Schärfen der älteren Aerzte er- 
zengt , und wir werden weiter unten sehen , dafs selbst ihre ver- 
meintlichen reinen Entzündungen unter demselben Gesetze stehen. 

Dafs bei vielen Stasen ein im Organismus erzeugter Krank- 
heitsstoff, ein Krankheitsgift mit ini Spiele ist, das beweisen die 
contagiosen Krankheiten , denn hier treffen wir ein durch Krank- 
heit erzeugtes Wesen , das wir als solches zwar bis jetzt eben so 
wenig sehen konnten , als die Luft , die wir athmen , oder als die 
Elektrizität, die überall in der Natur thätig ist, das wir aber aus 
seinen Wirkungen, namentlich bei willkürlich vorgenommenen An- 
steckungen (Impfungen) erkennen. Es fragt sich sohin nur noch, 

5 * 



68 Eisenmann. 

In welchem Verhältnisse diese Krankheitsstoffe zu den Stasen 
stehen , und ob sich bei allen Stasen , die nicht zu den oben be- 
sprochenen neuroparalytischen gehören, solche Krankheitsstoffe 
finden« 

Ueber das Verhältnifs der Krankheitsstoffe oder Krankheits- 
schärfen hat man verschiedene Ansichten aufgestellt. Schön- 
lein hat, wenn ich ihn recht verstanden habe» die Entzündung 
als eine selbstständige Krankheit betrachtet, welche durch ver- 
schiedene mechanische, chemische und dynamische Reize verur- 
sacht werden , und entweder in ihrer Reinheit bestehen, oder mit 
andern Krankheitsprocessen Combinationen eingehen kann, woraus 
dann die erysipelatosen , rheumatischen, iinpetiginöseu , gichti- 
schen, scrophulösen etc. Entzündungen entstehen sollen. In wie- 
fern ich von dieser Ansicht abweiche, wird man weiter unten se- 
hen, hier genügt, zu bemerken, dafs ich die Entzündung oder 
Stase nicht für etwas Selbstständiges oder Primäres erken- 
nen kann. 

Andere haben geglaubt, die Stasen seyen das Ergebnifc 
eines speeifischen Einflusses , durch welchen der Organismus an 
gefegt werde, gewisse Krankheitsstoffe zu erzeugen, indem diese 
krankhafte Production eine erhöhte plastische Thäfigkeit voraus- 
setze, welche sich dann unter den Erscheinungen der Stase be- 
merkltch mache. Allein wir werden weiter unten seheri , dafs die 
Erzeugung von Krankheitsstoffen früher Statt findet, als die Stase 
sich entwickelt, und überdies lehrt die Erfahrung, dafs contagiosa 
Krankheiten gerade dann die meisten und intensivsten Krankheits- 
stoffe erzeugen , wenn die Stase keine erhöhte Vitalität , sondern 
mehr einen asthenischen Zustand ankündigt. 

Eine genaue Beachtung aller über die Stasen vorliegenden 
Thatsachen und eine wiederholte unbefangene Prüfung derselben 
fährte mich zur Abstraction folgender Theorie : Wenn eine Stase 
entstehen soll , welche nicht durch primäre Lähmung der Gefäfs- 
Bewegungsnerven bedingt ist , so mufs zuvor in der Capillarität 
eine anomale Plastik bestehen, welche Stoffe erzeugt, die sich 
weniger oder mehr different gegen den Organismus verhalten , die 
daher die Geftifs- Bewegungsnerven reizen oder lähmen und so- 



Ueber Stase und Fieber. 89 

hin entweder Zusemmenziehung mit darauf folgender Erweiterung» 
oder unmittelbare Erweiterung der Haargeföfse veranlassen« Man 
glaube aber nicht, dafs die hier angedeuteten Fälle von unmittel* 
barer Erweiterung der Haargefäfse in Folge einer Parese der Ge- 
föfs - Bewegungsnerven in die Kategorie der neuroparalytischen 
Stasen gehören, denn in diesen Fällen geht die Stase von der ve- 
getativen Seite der Capiilarität und nicht primär von den Geföfs» 
Bewegungsnerven aus, dann tritt die unmittelbare Erweiterung der 
Haargeföfse nur ausnahmsweise bei einer sehr fruchtbaren Genese 
deletärer Stoffe ein, während dieselben Krankheitsstoffe, wenn 
sie in geringerer Quantität erzeugt werden, die Gefafs -Bewe- 
gungsnerven erst reizen, ehe sie dieselben überreizen; endlich 
findet hier keine wahre Parese oder gar Paralyse, sondern mehr 
eine Betäubung — wenn ich mich so ausdrücken darf — der Ge- 
fafs -Bewegungsnerven Statt, denn sowie die Einwirkung der 
Krankheitsstoffe auf sie aufhört , so treten sie ihre Function wie- 
der an und bewirken eine Zusammenziehung der Haargefäfse, 
während bei den neuroparalytischen Stasen der lähmungsartige 
Zustand der Geföfs - Bewegungsnerven noch kürzere oder längere 
Zeit fortbesteht, wenn bereits die .Gelegenheitsursache entfernt 
ist. Bei der Erzeugung der eben angedeuteten Krankheitsstoffe 
sind die Gefäfs - Bewegungsnerven gar nicht betheiligt, diese ano- 
male Plastik ist Sache der Geföfs - Gangliennerven und des Blu- 
tes, und sie kann eine allgemeine oder eine locale seyn. Die 
Krankheitsstoffe werden nämlich entweder in Folge einer allge- 
meinen Infection in der Gasammt- Capiilarität des ganzen Körpers 
erzeugt , oder sie werden in Folge einer örtlichen Infection an ei« 
ner begrenzten Stelle des Organismus gebildet« 

Wenn die Krankheitsstoffe in Folge einer allgemeinen Infec- 
tion in der Gesaramtcapillarität des Organismus erzeugt werden, 
dann wirken sie natürlich auch auf die Geföfs- Bewegungsnerven 
der gesammten Capiilarität zurück, und wenn sie nur einige Inten- 
sität besitzen, bo veranlassen sie in der Gesammtcapillarität eine 
Contraction mit darauf folgender Expansion , und diese Vorgänge, 
die, auf einen kleinen Raum beschränkt, die Stase bilden, diese 
constifaiiren in der Gesammtcapillarität das Fieber. Das Fieber 



?0 Eisenmann. 

ist eine über den Gesammtorganismus verbreitete Stase, aber mit 
dem wohl zu beachtend em Unterschiede, dafs die Contraction und 
Expansion der Gesammtcapillarität relativ schwächer ist, als die 
Contraction und Expansion der Haargefäfse bei der Stase, welche 
dem Fieber vorgeht oder ihm folgt. Auch scheint die Gesammt- 
stase keine Exsudate zu machen und in dieser Beziehung der Con- 
gestion näher zu stehen. Dieses durch allgemeine Erzeugung von 
Krankheitsstoffen und durch deren Rückwirkung auf die Gefafe- 
Bewegungsnerven der Gesammtcapillarität bedingte Fieber nennt 
man ein primäres Fieber, und insofern es den Ausbruch eines ort- 
lichen Leidens, einer wahren Stase einleitet, heilst es Eruptions- 
fieber. 

Dasjenige Organ oder Gewebe, in welchem die Stase auf- 
tritt, nennt man Krankheitsheerd oder Focus, und besonders ist 
der letztere Ausdruck sehr passend, denn er bezeichnet nicht 
blofs eine Feuerstätte , wo die Krankheitsstoffe gekocht werden, 
sondern auch einen Brennpunkt, in welchem sich die im Organis- 
mus verbreiteten Krankheitsstoffe sammeln oder concentriren, wie 
die Sonnenstrahlen im Focus der Linse oder des Hohlspiegels. 
Dieses Concentriren der Krankheitsstoffe in einem Punkte und die 
Entwicklung der Stase machen sich auf folgende Art : Wir haben 
eben gesehen , dafs beim Eruptionsfieber die Krankheitsstoffe auf 
die Gefäfs- Bewegungsnerven zurückwirken; diese Gefäfs- Bewe- 
gungsnerven besitzen aber nicht in allen Partieen der Capillari- 
tät eine gleiche Reizbarkeit und ein gleiches Widerstandsvermö- 
gen , denn es wird eine Verschiedenheit in diesen Eigenschaften 
bedingt 

a) durch die Luftconstitution. Schon die Schwere der Luft 
mufs in dieser Beziehung von Einflufs seyn, denn eine schwere 
Luft übt einen starken Druck auf die Peripherie des Korpers und 
unterstützt dadurch den Widerstand der peripherischen Haarge- 
fäfee der Haut und der Lungen gegen das Blut, während der Wi- 
derstand der Haargefäfse auf den inneren Häuten mittelbar er- 
schwert wird. Eine leichtere Luft drückt natürlich weniger auf 
die Peripherie des Korpers , der Widerstand der Haargefäfse ge- 
gen das andringende Blut ist sohio erschwert, während den Haar- 



Ueber Stase und Fieber. Kl 

geföfseu der Innern Häute unmittelbar eine Erleichterung zukommt. 
Abgesehen von der Luftschwere kommen aber uoch andere , zur 
Zeit nicht näher gekannte Einflüsse in der Atmosphäre vor , wel- 
che den Widerstand der Gefafs - Bewegungsnerven bald dieser 
bald jener Provinz der Capillarität begünstigen oder • benach- 
teiligen. 

b) Durch die Entwicklungsperioden und die erhöhte Thätig- 
keit der verschiedenen Organe; denn diese beiden Momente ha- 
ben immer einen stärkeren Blutzuflufs zu den entsprechenden Or- 
ganen zur Folge , die Capillarität derselben 'roufs sohiu ihr volles 
Widerstands vermögen aufbieten , und wird dann leicht tibermannt, 
wenn sie auch noch gegen den Eiiiflufs von Krankheitsstoffen rea- 
giren soll. 

c) Durch eine unordentliche Lebensweise, durch Excesse 
und Ausschweifungen aller Art, welche die Energie dieser oder 
jener Haargefäfspartie herunterstimmen. 

d) Durch frühere Erkrankungen eiues Organs oder Gewebes ; 
denn Haargefäfse, die früher schon an Stasen gelitten, besitzen 
in der Regel weniger Energie , als andere. 

Wenn nun, wie gesagt, die in der Blutmasse enthaltenen 
Krankheitsstoffe ein Fieber oder allgemeine Stase veranlassen , so 
wird natürlich die Stase in jenen Haargefafseu , die entweder 
blofs mehr Reizbarkeit oder bei einer grüfsereu Reizbarkeit weni- 
ger Energie besitzen, sich am Stärksten ausprägen, die Zusam- 
menziehung derselben wird sich sehr bald und schnell einstellen, 
und die Ausdehnung wird schneller erfolgen und bedeutender 
seyn, als in den weniger reizbaren und mit mehr Widerstand be- 
gabten Haargefafseu, mit einem Wort , hier veranlassen die Krank- 
heitsstoffe jene Rückwirkung, die wir Stase nennen, während in 
den übrigen Provinzen der Capillarität die Rückwirkung sich auf 
jenen Grad beschränkt, den wir als Fieber bezeichnet haben. 
Hat sich aber eiumal eine solche Stase gebildet, so leuchtet es 
wohl ein , dafs nun die Kraukheitsstoffe ihren Zug gegen das sta- 
sische Organ nehmen, da, abgesehen von allen elektrischen Vor- 
gängen, hier die Ausscheidung der Kraukheitsstoffe auf eine oder 
die andere Weise vor sich geht. Demzufolge sieht man 



11 Eisenmann. 

a) Bei einer Luftconstitution die Stasen der Haut und der 
Augen , bei einer andern die Stasen der innern Haut und der Le- 
ber vorherrschen. 

b) Im Kindesalter, wo die Entwicklung des Gehirns im 
Stärkstell Zuge ist, die Stasen des Gehirns, im Jünglingsalter, wo 
die Ausbildung der Lungen vollendet wird , die Stasen der Lun- 
gen, im späteren Mannesalter, wo die Congestionen vorzüglich 
gegen den Unterleib gehen, die Unterlei bsstasen , im Winter, 
wo die Lungen auf der Hohe ihrer Thätigkeit stehen, die Lungen- 
stasen, im Sommer, wo die Leber stark functionirt, die Leber- 
stasen, bei Schwangeren die Uterinstase , bei Gelehrten , welche 
anhaltend und anstrengend geistig thätig sind, die Cerebralstasen 
u» s. w. in den Vordergrund treten. 

c) Leute, die viele geistige Getränke geniefsen, öfter an 
Stasen des Kopfs und der Leber; Solche, die unmäfsig im Essen 
sind , an Stasen des Magens ; Jene , die sich Excessen im Ge- 
schlechtsgenufs hingeben, an Stasen des Rückenmarks leiden. 

d) Endlich bei solchen Personen, die schon öfter an einem 
Organ gelitten haben , bei jeder neuen Erkrankung immer, wieder 
dasselbe Organ befallen werden. 

Dafs aber wirklich vor dem x\usbruch der Stase in dem 
Blute Krankheitsstoffe vorhanden sind, welche als die Ursache 
der Stase gelten können , das beweisen die Thatsachen , dafs bei 
der allgemeinen Affection das Fieber früher ausbricht als die 
Stase, und dafs das Blut nicht nur vor Ausbruch der Stase, son- 
dern auch vor Ausbruch des Fiebers mehr oder weniger auffallende 
Veränderungen zeigt. Es ist bekannt , dafs schon vor Ausbruch 
der durch allgemeine Infection erzeugten hypersthenischen Stase 
das Blut die sogenannte phlogistische Beschaffenheit hat: es ist 
dunkler als im normalen Zustande, gerinnt langsamer, bildet ge- 
wöhnlich eine feste gebecherte Lederhaut, enthält mehr Faser- 
stoff und mehr Fett u. s. w. Man könnte vielleicht einwenden, 
dafs man ein solches Blut auch bei Personen beobachtet habe, 
die nicht an einer hypersthenischen Stase litten, so namentlich bei 
Schwängern und bei Männern nach starken Anstrengungen ; allein 
diese Thatsache spricht gerade für mich, denn sie beweist ja, 



lieber Stase und Fieber. 13 

dafs das pblogtstische Blut schon vor der entwickelten Stase vor- 
handen seyn kann; dafs aber bei den entsprechenden Personen 
nicht später eine Stase ausgebrochen wäre , wenn man nicht zur 
Ader gelassen oder andere Ausleerungen bewirkt hätte , wird man 
nicht geradezu behaupten wollen , da man ja eben deswegen zur 
Ader gelassen hat, weil Krankheitsgefühle eine Stase in Aus* 
sieht stellten. Uebrigens gebe ich gerne zu, dafs zuweilen ein 
phlogtetisches Blut vorhanden ist, ohne dafs es zur Hypersthe- 
nose kömmt , trifft man ja auch bei manchen Personen jene Be- 
schaffenheit des Bluts, welche den Gallen fiebern und in specie 
dem Gelbfieber eigen ist, ohne dafs diese Krankheit ausbricht. 
Die Ursache dieser negativen Erscheinungen werden wir weiter 
unten kennen lernen. Ferner hat Stevens darauf aufmerksam 
gemacht, dafs das Blut vor dem Ausbruch epidemischer Krank- 
heiten eine eigentümliche Veränderung zeigt; es ist schwarz 
und wird unter der Einwirkung der gewöhnlichen Neutral-* 
salze — namentlich des Kochsalzes und des Kalisubcarbonata 
— nicht wieder roth. Diese Beobachtung gilt für die meisten, 
wo nicht für alle epidemischen Krankheiten. Stevens hat sie 
beim Scharlach und beim Gelbfieber gemacht, und in der neueren 
Zeit hat man denn auch in Deutschland gefunden , dafs sie beim 
Abdominaltyphoid eben so gültig ist. Bei manchen Krankheiten 
gehen noch andere wahrnehmbare Veränderungen im Blute dem 
Ausbruch der Krankheit vorher: so zeigt bei den Cholosen das 
Blut schon vor Ausbruch des Fiebers und der Stase einen starken 
Gehalt von Gallenförbestoff ; bei den Variolen hat der Athem, so- 
hin die Lungenausdünstung, schon während des Fieberausbruchs 
einen eigentümlichen Geruch, wie solches z. B. Hufeland 
hervorgehoben hat; beim exanthematischen Typhus ist schon im 
Beginn der Krankheit, selbst bei dessen milderen Formen, eine 
Betäubung und allgemeine Belastung des Cerebro - Spinalsystems 
zugegen , welche nicht das Ergebnifs einer Stase seyn kann , und 
die schon v. Hilden br and für eine Art Narkose erklärte, er« 
zeugt durch die mit dem Blute circulirenden Typhusstoffe: Wer 
kann demnach läugnen , dafs schon vor dem Ausbruch der Stase 
eise entschiedene Veränderung im Blute zugegen sey, und wenn 



14 - Eisenmann. 

dieses zugegeben werden raufs , so kann nicht behauptet werden, 
dafs diese Veränderung des Blutes unter Anstrengungen erzeugt 
werde, die sich als Stasen kund geben, oder dafs diese Verän- 
derung überhaupt das Ergebnifs der Stase sey ; sondern wir müs- 
sen umgekehrt annehmen , dafs das krankhaft veränderte Blut rei- 
send oder deletär auf die Gefäfsbewegungs- Nerven wirke und 
dadurch die Stase erzeuge. 

Das Vorhergehende betraf die Entwicklung der Stase nach 
einer allgemeinen Iufection; die Infection, resp. die Einwirkung 
der Krankheitsursache kann aber auch eine örtliche seyn , ja gar 
manche Krankheit entsteht blos durch örtliche Infection , wie z. B. 
die Syphilis, während andere bald durch örtliche, bald durch 
allgemeine Infection erzeugt werden, z. B. die Variola. Wenn 
ein Miasma oder ein Krankheitsgift auf eine entsprechende Stelle 
des Körpers einwirkt , so glaube man ja nicht, dafs es unmittelbar 
eine Reaction oder Stase veranlasse, denn diesem widerspricht 
schon der Zeitraum, welcher zwischen der Infection und dem Krank- 
heitsausbruch verläuft, und der bei manchen Krankheiten, z. B. 
bei der Hundswuth, sehr lange ist ; auch ist bei Ansteckungen die 
Quantität des eingedrungenen Krankheitsgiftes jedenfalls viel zu 
unbedeutend, um die Gefafsbewegungs-Nerven afliciren zu können. 
Das örtlich einwirkende Miasma, z. B. die örtliche Verkühlung 
bei schwitzender Haut, und das örtlich einwirkende Krankheits- 
gift wirken zunächst nur auf die vegetative Sphäre der Cäpillarität, 
auf Blut - und Gangliennerven, und veranlassen diese Factoren des 
vegetativen Lebens, entweder dem Miasma entsprechende Krank* 
beitsstoffe, oder, wenn ein Krankheitsgift eingewirkt hat, ein gleich- 
namiges Krankheitsgift zu producireu , und erst wenn eine solche 
anomale Plastik Statt gefunden, dann bringen die erzeugten Krank- 
beitsstoffe die Gefäfsbewegungs-Nerven in den Zustand der Stase. 
Ich will hier eine Beobachtung hersetzen , die ich leider sehr oft 
an mir selbst gemacht habe, und die fiir die Genese der Stasen 
von Wichtigkeit seyn dürfte* Ich . arbeite im Hochsommer im 
Garten .der Art, dafs eine bedeutende oder auch enorme Trans- 
spiration erfolgt; auf dem Heimweg trifft mich ein starker Luft- 
zug aber ohne Masse, ohne Regen; ich wechsle zu Hause meine 



Ueber Stase und Fieber. 15 

Kleider, und der Luftzug bleibt in der Regel ohne Folgen. leb 
gehe im März oder Ende Septembers sehr warm gekleidet aus, 
an den Füfsen wollene Socken, auf dem Leib ein fianellenes 
Hemd , auf dem Kopf eine entsprechende Mütze , nur eine kleine 
Stelle des Nackens ist nicht verwahrt; diese wird von einer 
schwachen, aber meinem Gefühle bemerkbaren Zugluft etwa früh 
zwischen 10 und 11 Uhr getroffen; darauf fühle ich mich den Tag 
über ganz wohl, aber wie die Sonne den Horizont verlädst, so 
bricht zuverlässig und jedesmal eine rheumatische Entzündung 
des serösen Ueberzugs der Leber aus, welche alle Grade von 
Intensität, von der leichtesten Reizung bis zur heftigtsen synocha» 
len Stase haben kann, und wobei bemerkt werden mufs, dafs 
bei gleicher Luftconstitution die Intensität der rheumatischen Stase 
mit der Heftigkeit der vorausgegangenen Verkühlung im geraden 
Verhältnifs steht. Man beachte hier folgende Momente: 1) die 
Verkühlung hat im hohen Sommer, wo bekanntlich die Luft nicht 
so viel Eelektricität enthält als im Frühjahr und Herbst, in der 
Regel nur dann eine rheumatische Stase bei mir zur Folge, wenn 
sie mit einem (elektrischen) Regen zusammentrifft: dagegen bringt 
die Verkühlung im Frühling und Herbst sehr leicht eine rheuma- 
tische Stase hervor, wenn auch die Differenzen der Temperatur 
nicht beträchtlich sind. Im Frühling und Herbst ist aber die Luft 
sehr reich an Elektricität, und eine quantitativ mächtige Elektri- 
citfit fährt zu Anomalie der Plastik, wie solches Most längst 
gezeigt hat. 2) Die rheumatische Stase bricht nicht gleich nach 
der Verkühlung , sondern ungefähr 8 Stunden später aus ; dieses 
läfst die Meinung nicht aufkommen, als wenn die Geföfsbewe- 
gungs- Nerven unmittelbar gegen die einwirkende Gelegenheits- 
ursache reagirten. 3) Die rheumatische Stase erscheint nicht im 
Nacken , auf welchen einzig und allein die Zugluft wirken konnte, 
sondern jedesmal im serösen Ueberzug der Leber der nun einmal 
bei mir besonders zum Erkranken prädisponirt ist, und diese 
Thatsache läfst noch weniger an eine directe Reaction der Ge- 
filfsbewegungs - Nerven denken. 4) Die rheumatische Stase bricht 
aus' und exaeerbirt zur Zeit des Sonnenuntergangs, sohin zu 
jener Tagszeit, wo nach Schübler die Quantität der Luft- 



79 Eisenmann. 

elektricttät am grofsten ist. Diese Momente wolle der verehrliche 
Leser einer unbefangenen Prüfung unterwerfen ! 

Man wird vielleicht fragen,, wie es sich denn mit den nach 
mechanischen Einflüssen und Verletzungen entstehenden Stasen 
verhalte, und ob denn diese ebenfalls das Ergebnifs von Krank- 
heitestoffen seyen, oder ob vielleicht diese als die reinen Entzün 
düngen der älteren Aerzte gelten können? Meine Antwort darauf 
ist folgende. Diejenigen Fälle abgerechnet , wo die mechanischen 
Einflüsse einen. Bewegungsnerven lähmen, und dadurch eine neu- 
roparalytische Stase verursachen, ferner jene Fälle ausgenom- 
men , wo die mechanischen Einflüsse den Rückflufs des Blutes 
durch Einschnürungen hindern, wie z. B. die Einklemmung der 
Brüche, solche Fälle ausgenommen können die mechanischen Ein- 
flüsse, namentlich wenn sie nur vorübergehend einwirken, keine 
Stase erzeugen , wie ich sogleich nachweisen werde. Die mecha«- 
oischen Einflüsse sind von zweierlei Art: solche, welche die 
Continuität der Theile nicht aufheben und solche, welche Conti* 
nuitäts - Störungen veranlassen. 

Dafs solche mechanische Einflüsse, welche die Continuität der 
Theile nicht aufheben, namentlich Schläge und dergleichen, keine 
Stasen erzeugen, dieses bewahrheitet zusehen, haben dieMititär- 
iind Polizei - Aerzte in Oesterreich und Baiern reiche Gelegenheit, 
da die Prügel - Executionen in diesen Ländern nicht selten sind» 
und die genannten Aerzte zu solchen -entwürdigenden Scenen amt- 
lich eingeladen werden; nach einer solchen Execution ist die 
Haut der geschlagenen Theile oft so schwarz wie Rabengefieder, 
so dafs ein unerfahrener Arzt an Brand denken könnte, und den- 
noch ist eine Stase oder das, was man Entzündung nennt, durch- 
aus nicht zugegen ; die Hyperämie de? geschlagenen Theils ver- 
schwindet in wenigen Stunden, und das in die Haut extravasirte 
Blut wird albnälig resorbirt. Ein anderes Beispiel : nehmen wir 
einen Schlag oder Fall auf den Kopf, der zwar heftig einwirkt, 
aber keine Wunde veranlagst. Unter solchen Umständen entsteht 
eine heftige Congestion gegen den Kopf, oft auch ein ominöses 
blutiges Extravasat, aber keine Entzündung. Man konnte mir viel- 
leicht entgegnen , dafe Schläge und Stöbe auf oberflächlich lie- 



Ueber Stase und Fieber. 7t 

gende Knochen doch zuweilen eine*Periostitis zur Folge haben > 
allein man vergesse nicht, dafs solche Einwirkungen eben wegen 
der unterliegenden harten Knochen gar leicht einen oder den an- 
dern Gefäfsbewegungs- Nerven quetschen und lähmen, und da- 
durch eine neuroparalytische Stase erzeugen. 

Was nun ferner die mechanischen Einwirkungen betrifft, wel- 
che die Continuität der Theile auflieben, so hat die neuste Zeil 
sehr gewichtige Thatsachen zur Unterstützung meiner Behauptung 
geliefert. Die von Stroraeyer angeregte subcutane Tcnotoniie 
hat G u 6 r i n nicht nur in grofsem Umfange angewendet , sondern 
auch zu sehr interessanten Versuchen an Thieren benutzt *). Aus 
diesen Versuchen geht hervor, dafs sehr beträchtliche Fleisch- 
wunden, selbst wenn Gefafse von mittlerer Grofse durchschnit- 
ten sind , keine Stase zur Folge haben , wenn der Zutritt der Luft 
von der Wunde gänzlich abgehalten wird , sondern dafs in diesem 
Falle das ergossene Blut schnell resorbirt wird , und die Wieder- 
vereinigung der getrennten Theile sofort beginnt. Die Chirurgen 
der alten Schule werden aber einwenden, bei jeder Wandte 
müsse doch im glücklichsten Fall die adhäsive Entzündung ein- 
treten ; diesen Herren mögen ein Paar Kunstgenossen antwortet*, 
deren Autorität sie vielleicht anerkennen werden. Macartney*, 
Professor der Anatomie und Chirurgie zu Dublin , sagt in seinen 
Beobachtungen über die Heilung von Wunden ohne Entzündung : 
„Seit mehr als 30 Jahren habe ich gelehrt, dafs Entzündung, 
weit entfernt zur Erzeugung der Gewebe nuthig zu seyn , diesen 
Procefs verzögere, wenn sie mäfsig ist, und ihn verhindere, wenn 
sie in einem hohen Grade vorhanden ist**)." Und v. Walt her 
sagt in seinem System der Chirurgie: „Entzündung als Krankheit 
unterscheidet sich von einigen andern noch im Kreise des gesun- 
den Lebens eingeschlossenen , ihr in Beziehung auf Reizung, ver- 
mehrten Blutreichthum , erhöhte Plasticität ähulichen Zuständen 
(Brunst, Befruchtung, Eihautbildung , Sexualentwickelung, Den- 
tition, Organe -Wechsel) dadurch, dafs bei diesen die Reizung 



*) Cfr. Schmidt'« Jahrb. XXVIIf. 841. 
**) Cfr. v. Froriep's Notizen Nre. 1081. 



19 Eisenmann. 

von natürlichen , adäquaten IÄbensreizen abhängt, die Congestion 
eine mäfeige, vorübergehend ist, die plastische Thätigkeit auf 
Hervorbringung des Naturgemäfseu gerichtet , nicht in Pseudopla- 
sticität ausartet, und die Function des Organes nicht gestört, soor 
dem wahrhaft und wesentlich erhobt ist. Darum arten aber jene 
Zustände so leicht in Entzündung aus, weil bei ihnen öfters 
krankhafte Ueberreizung Statt findet, die Congestion übermäfsig, 
erdrückend und andauernd wird , nie aber sogleich auch Pseudo- 
plasticttät und Functionsstörung hervortritt," 

Durch obige Thatsachen halte ich mich zu der Behauptung 
berechtigt, dafs, abgesehen von den neuroparaly tischen Stasen, 
mechanische Einflüsse und Continuitäts - Störungen an sich keine 
Stase, sondern blos eine vorübergehende Congestion verursachen, 
dafs aber die durch Veränderungen blosgelegte. Capillarjtät sehr 
prädisponirt zur Stase ist , und dafs schon die Einwirkung der 
atmosphärischen Luft, resp. die in der Luft enthaltene Elektri- 
zität hinreicht, eine Stase in derselben zu erzeugen, indem sie 
eine anomale Plastik und die Erzeugung von differenten Stoffes 
anregt. Weil aber eine solche Stase erst mittelbar in Folge der 
angeregten anomalen Plastik entsteht, so entwickelt sie sich auch 
nicht unmittelbar nach Einwirkung der mechanischen Gelegenheits- 
Ursache , wie solches* bei den neuroparalytischen Stasen der Fall 
ist , sondern erst dann , wenn die oben angedeuteten Krankheits- 
stoffe erzeugt sind. Man wird aber wohl jene Fälle zu unter- 
scheiden wissen , wo fremde Körper eingedrungen sind , die eiue 
stete Reizung unterhalten , und die denn auch bei völlig abgehal- 
tener Luft eine Stase erzeugen können, weil sie ähnlich auf die 
Gefäfsbewegungs- Nerven wirken, wie Krankheitsstoffe« 

Aufser der normalen atmosphärischen Luft können aber auch 
noch andere Einflüsse in Wunden Stasen verursachen, denn es 
ist bekannt a) dafs Dyskrasieen , die im Körper des Verwundeten 
hausen, die Wunde zum Focus wählen und hier eine entspre- 
chende Stase erzeugen ; b) dafs äufsere miasmatische und con- 
tagiöse Einflüsse ebenfalls die diesen Einflüssen entsprechenden, 
Krankheiten und Stasen in der Wunde hervorbringen, wie ich 
solches in meiner Monographie der Wund- und Kindbettfieber 



Ueb er Staue und Fieber. 79 

zur Geniige gezeigt zu haben glaube. Es scheint aber noch Aerzte 
zu geben , welche nicht zugestehen wollen , dafs zwischen einer 
Impfung und der Einwirkung eines Contägs auf eine zufallige ent- 
standene Wunde kein wesentlicher Unterschied bestehe. 

Es durfte demnach der Satz feststehen, dafs die gewöhn- 
lichen Stasen im Gegensatz zu den neuroparalytischen Stasen 
durch Krankheitsstoffe verursacht werden , welche im Organismus 
selbst durch einen oder den andern Krankheitsprocefs erzeugt 
worden sind. Diese Krankheitsstoffe sind aber von sehr verschie- 
dener Natur , und wie die Krankheiten überhaupt eine fortschrei- 
tende Reihe bilden , deren erste Glieder nur eine leichte Abwei- 
chung des normalen Zustandes sind , während die letzten oder 
höchsten Glieder einen hohen Grad relativer Selbstständigkeit zei- 
gen , so treffen wir dasselbe Verhältnifs bei den Stasenzeugenden 
Krankheitsstoffen: die niedersten Arten sind nichts Anderes als 
mehr oder weniger modificirte Bcstandtheile des gesunden Blutes, 
die höchsten sind organisirte Contagien. Wir wissen, dafs das 
von einem gesunden Menschen genommene und Sofort einem an- 
dern Menschen in die Vene gespritzte Blut bei letzterem vorüber- 
gehende Fieberbewegungen verursacht, weil es sich schon etwas 
different zu diesem Organismus verhält und daher dessen Gefäfs- 
bewegungs- Nerven reizt, ja bei manchen Menschen soll sogar 
der nach der Verdauung ins Blut übergehende Chylus diese Ner- 
ven reizen und dadurch Contraction der Haargefäfse und Frost 
verursachen ; man sieht daher , dafs keine sonderlich giftigen 
Substanzen im Blute vorhanden zu seyn brauchen , um Stasen zu 
erzeugen , sondern dafs schon eine geringe Veränderung der nor- 
malen Bestandteile des Blutes dazu hinreicht. 

Man könnte vielleicht die Anforderung stellen, dafs diese ver- 
schiedenen Krankheitsstoffe ihre inneren Verschiedenheiten auch 
durch äufsere, sinnlich wahrnehmbare Verschiedenheiten beur- 
kunden müfsten , und das thun sie denn auch in der That Sie 
beurkunden eine solche Verschiedenheit: 1) schon durch ihre 
Wirkungen, indem sie bald amorphe Stasen, bald Exantherobil- 
düng und zwar in den mannichfachsten Formen veranlassen , bald 
eine Eigentümlichkeit im Verlauf der Krankheiten bedingen ; 



(SO Eisenmann. 

2) durch die Manftichfaltigkeit des ihnen innwohnenden Bildungs- 
triebes, und ihre raannich faltige Zeugung von Pflanzen undThieren ; 
ich brauche nur au die Porrigo lupinosa mit ihrer Confervenbildung, 
an den Tripper- und Schankerstoff mit ihren verschiedenen Infu- 
sorien, an den Krätzstoff mit seiner Milbe zu erinnern; 3) durch 
ihre unmittelbaren Eigenschaften, welche theils unserem Geruchs* 
organ , theils unseren Augen zugänglich sind : der Scharlachstoff 
riecht nach Heim wie ein Käse- und Häringsgewülbe, der Ma- 
sernstoff wie Federn frisch gerupfter Gänse, der Variolenstoff 
ttioschusartig , der Friesel säuerlich wie verdorbener Essig, der 
Petechialtyphusstoff bat einen eigenen, nicht zu beschreibenden 
Geruch (Stark vergleicht ihn mit dem Geruch der Kosaken), der 
so stark und charakteristisch ist , dafs mehrere englische Aerztö 
versicherten, durch den blofsen Geruch beim Eintritt in ein Zim- 
mer zu erkennen, nicht blos, ob ein an diesem Typhus Leiden* 
der in demselben Zimmer liege, sondern auch ob ein solcher Kran* 
ker kurz zuvor darin gewesen sey; einen eben so entschiedenen 
Geruch hat der Stoff des Wundtyphus , und die Pest riecht nach 
Baco wie Maiblümchen und süfse Aepfel; die Wechselfiebert 
Stoffe sollen wie frischgebackenes Brod riechen, die Krätzstoffe 
moderig , der Kopfgrind wi£ Katzenurin , die Scropheln wie sauer 
werdendes Bier, die Syphilis süfslich, das Pellagra wie schimm- 
liches Brod, der griechische Aussatz wie Bockausdünstung u.s. w. 
Die Unterscheidung dieser Krankheitsstoffe durch das Gesicht 
wird sehr schwierig seyn, und doch ist nach dem, was die mt* 
kroskopischen Untersuchungen von Gluge, und von Gruby be- 
reits ergeben haben , auch dazu Hoffnung vorhanden , doch wird 
man darauf verzichten müssen, auch jene Krankheitsstoffe zu er« 
kennen , welche blofse Veränderungen der normalen Blutbestand- 
tbeile sind , z. B. die rheumatischen Krankheitsstoffe. 

Die oft besprochenen Krankheitsstoffe müssen aber nicht 
notbwendig eine Stase zur' Folge haben, denn wenn sie nicht 
sehr differenter Natur oder nicht in reichlicher Menge vorbanden 
sind und der Organismus nicht reizbar ist/ so reagiren die GefaTs* 
bewegungs - Nerven nicht dagegen , sie circuliren sohin mit dem 
Blute , bis sie durch die Secretionsorgane ausgeschieden werden, 



Ueber Stase und Fieber. 81 

Dafe diese Vorgänge bei epidemischen Krankheiten öfter vorkom- 
men, weifs jeder Arzt; sie verdienen aber besondere Beachtung, 
weil sie manche andere Erscheinung aufklären. Es kommt näm- 
lich oft vor, dafs wir eine Stase durch eine Mos örtliche Behand- 
lung, welche eine Contraction der ausgedehnten Haargefäfse be- 
wirkt, unterdrücken, so durch kalte Umschläge, durch Brei- 
mittel, durch Einpinseln von Opiumtinctur u. s. w. Durch ein 
solches Verfahren wird, wie gesagt, die Contraction der ausge- 
dehnten Haargef&fse, aber keineswegs eine Vernichtung der in 
denselben enthaltenen Krankheitsstoffe, erzweckt. Diese Krank- 
heitsstoffe gehen nun ins Blut zurück, vertheilen sich da, und 
wenn sie nicht sehr giftig und die übrigen Haargefäfse nicht sehr 
reizbar sind, so verursachen sie keine weitere Ungelegeuheit» 
sondern werden durch die Secretiosorgane ausgeschieden; sind 
sie aber quantitativ oder qualitativ intensiv genug, oder ist einer 
andere Provinz* der Capillarität eben so reizbar oder gar noch 
reizbarer als die, von der sie vertrieben wurden, dann verursachen 
sie in jener eine neue Stase , und diesen Ortswechsel der Stase 
nennt man bekanntlich Metastase. 

Die Krankheitsstoffe veranlassen aber nicht blos die Stase, 
sondern sie haben auch einen grofsen-Einflufs auf den Charakter 
derselben. Wir haben zwar in der dritten Abhandlung gesehen, 
dafs die hypersthenische Stase im Winter, im Norden und auf 
Bergen, sohin da, wo die Elektricität der Luft nicht sehr co- 
piös, aber ziemlich gespannt ist, die asthenische Stase aber im 
Sommer , im Süden und in den Ebenen , sohiu da , wo die Luft- 
elektricität copiös, aber weniger gespannt ist, vorherrscht; aber 
unter sonst gleichen Umständen verhalten sich die Qualitäten und 
Quantitäten der Krankheitsstoffe ungefähr in folgender Art zu dem 
Charajrter der Stase: Milde und spärliche Krankheitsstoffe be- 
dingen den athenischen Charakter; milde und copiöse oder giftige 
und, spärliche Krankheitsstoffe begünstigen den hypersthenischen 
Charakter; giftige und copiöse Krankheitsstoffe aber führen zum 
asthenischen Charakter. Diese Sätze sind nicht aus der Luft, 
sondern aus der Beobachtung genommen : man vergleiche z. B. 
den Krankheitscharakter der Variolen oder der Varioloiden bei 

6 



88 



Eisenmann. 



mehreren Individuen an demselben Ort tmd zu derselben Zeit, 
und man wird finden, dafs er bei solchen Personen, deren Or- 
ganismus nur wenig Krankheitsgift producirte, die sehin auch 
wenig Pusteln haben, der athenische, höchstens der hypersthe« 
uische ist, während er bei solchen Individuen, die sehr viel Krank- 
heitsgift producirten, und die sobin viele oder gar zusammenflie- 
fsende Pusteln haben, der asthenische oder der asthenisch - pu- 
tride ist. 

Die Krankheitsprocesse , welche die Krankheitsstoffe erzeu- 
gen, sind flüchtig, acut, oder dauernd, chronisch. Bei ersteren 
hört die Genese der Krackheitsstoffe nach einer gewissen Dauer 
von selbst auf, und damit lost sich denn auch die Stase; bei 
den zweiten dauert die Stase so lange als die Erzeugung von 
Krankheitsstoffen währt, und das Substrat, auf dem sie haust, 
besteht. 

(Fortsetzung folgt.) 



IV. 

Ueber die Malpighi'schen Körper der mensch- 
lichen Milz. 

Von 

Prof. Ginge 

in Brüssel. 



JLfie krankhaften Veränderungen der Milz scheinen uns jetzt, wo 
das Mikroskop einen neuen Weg der Beobachtung bietet, mehr 
Aufmerksamkeit zu verdienen, als man ihnen gewöhnlich, viel- 
leicht verfuhrt durch die von so vielen Physiologen ausgespro- 
chene Ansicht über die geringe Bedeutung dieses Organs, schenkt. 
Schon bei an sehr verschiedenen Krankheiten gestorbenen Menschen 
habe ich längst zahlreiche und auffallende Verschiedenheiten der 
Form, des Gewichts und der Consistenz beobachtet, die sich 
vielleicht später als mit gewissen Krankheitszuständen in Bezie- 
hung stehend ausweisen werden. In gewissen Fiebern ist eine 
solche Veränderung fast constant und lange beobachtet, die Ver- 
größerung z. B. in den Wechselfiebern (ich beobachtete eine 
solche bei $iner 40jährigen Frau, weit über den Nabel hinaus- 
reichend und voneilf Pfund Gewicht, ohne dafs die Structur 
des Organs verändert war), ferner die Erweichung, z. B. in typhö- 
sen Krankheiten. Ich werde für dieses Mal mich nur mit gewis- 
sen, nach Malpighi benannten Körpern der Milz beschäftigen, 
und hoffe , dafs die folgenden Beobachtungen für Physiologie 
und Pathologie dieses räthselhaften Organs später von Nutzen 
seyn werden. 

Malpighi hat zuerst kleine weifse Körper in der Milz ei- 
niger Säugethiere, des Schafes, des Schweines, der Kuh u. s. w. 

6* 



84 Ginge. 

beschrieben ; in dem Menschen finden sie sich nach ihm seltener. 
Rudolphi , sie bei einigen Säugethieren völlig nach Maipighi 
bestätigend, läugnet sie durchaus bei dem Menschen. Er be- 
schreibt sie »als kleine, runde, weifsgraue Kurperchen, deren 
jedes an einem Gefafs , wie an einem Stiele hängt. Ihre Gröfse 
beträgt bei den kleineren Tbieren eine Viertel- bis eine Drittel- 
Linie, bei dem Rinde eine halbe Linie. Herausgehoben fallen sie 
zusammen , oder zerfliefsen. (Vergl. Rudolphi, Physiologie. 
Bd. II. 2. Abth. S. 175.) Eine sehr genaue Beschreibung dieser 
Körper gab J. Müller (Physiologie I. 8. 552); nach ihm sind 
bei den oben genannten Tbieren diese Körper Erweiterungen 
der weifsen , die kleinen Arterien des Milzgewebes begleitenden 
Scheide (die nicht mit dem fibrösen Grundgefäge der Milz zu 
verwechseln ist), sie communichren nicht mit den Gefäfsen, sind 
hohl, und enthalten eine Flüssigkeit, deren Kügelchen denen glei- 
chen, welche die Hauptmasse der Milz bilden. J. Müller 
glaubt, dafs die bei den Menschen zuweilen beobachteten, z. B. 
von Dupuytren, hiervon ganz verschieden, und ihre Natur 
ganz unbekannt sey. 

Hier jetzt meine Beobachtungen; es bedarf wohl kaum der 
Bemerkung, dafs die Milzkörperchen von Tbieren vorher sorg- 
fältig mikroskopisch untersucht wurden. 

I. Ein Soldat Starb nach mehrtägigem Delirium, von Betäubung 
und Erweiterung der Pupille gefolgt, ohne anscheinende Lähmung 
der Extremitäten. Die beiden Seitenhöhlen des Gehirns waren 
mit einer grofsen Menge eiweifshaltigen Serums angefüllt, die 
innere Oberfläche dieser Höhlen erweicht und zerfliefsend, ohne 
ihre Farbe geändert zu haben (doch war diese etwas grauer als 
gewöhnlich in der weifsen Substanz *). In dem untern Theil 
der Lungen befanden sich einige Tuberkelablagerungen, während 



•) Diese Erweichung war eine rein mechanische, durch das ausge- 
schwitzte Serum entstanden*, denn es fanden sich weder Exsudat noch 
Entzündungskugeln, noch Eiterkügelchen den zerrissenen Hirnröhren 
beigemischt. 

Dieser Ergufs von Serum und seine Folge, die Erweichung , scheint 
ong sehr die Aufmerksamkeit der Therapie zu verdienen. In solchen 



Malpigh. Körper der Milz. 85 

diese sonst gesund waren. Miliartuberkeln befanden sich außer- 
dem auf dem serösen Ueberzuge der Leber und sparsam in de- 
ren Innerem, ferner in den Nierenbecken und auf dem serösen 
Ueberzug des Herzens (beides nicht häufig vorkommend). Die 
eben nicht vergrüfserte Milz war mit weifsen, rundlichen, kleinen, 
nicht hervorragenden Flecken bedeckt ; bei einem Durchschnitt zeigte 
sich das Milzgewebe mit einer grofsen Zahl weifser hervorragen- 
der Korperchen durcbsäet. Sie hatten \ bis $ Millimetre Durch- 
messer. , Diese Korperchen waren weifslich, härtlich, isolirt, nicht 
mit der übrigen Substanz der Milz zusammenhängend, und bestan- 
den aus einer gleichförmigen Masse ohne Kyste. 

Unter dem Mikroskop erschienen diese Körper als wahre 
Miliartuberkeln, und die Vergleichung mit denen der übrigen Or- 
gane desselben Individuums und anderen Miliartuberkeln Meisen 
darüber keinen Zweifel übrig.*) Ohne das zufällige Vorhaoden- 



Fällen müssen Blutentziehungen den Ergufs vermehren. Die älteren 
Aerzte schenkten, wie überall der Therapie, der „Apoplexia serosa" weit 
mehr Aufmerksamkeit, als unser sich gern „das diagnostische" nennendes 
Zeitalter. 

*) Ich finde die harten Miliartuberkeln (und nur von die- 
sen spreche ich hier jetzt)* in zahlreichen Ton mir untersuchten 
Fällen ans folgenden Körpern bestehend: Kleine unregelmäfsige Kügel- 
chen, mit gleichmäßiger Oberfläche, weifslich, leicht isolirbar, Ton 
0,0002 — 6 franz. Zoll Durchmesser. Diese bilden die Hauptmasse der 
Miliartuberkeln; ihnen beigemischt ist eine kleine Menge formloser 
Masse. Aber nach der Verschiedenheit des Organs, in dem sie sich ab- 
lagern, können diesen Korpern Zellen und Zellenkörper, in den Lungen 
z. B., oder auch Fasern beigemischt seyn , denn die Tuberkelsubstanz 
hat mit einigen andern Entartungen und Ablagerungen das Eigenthüm- 
liehe, dafs sie die Continuität der Formelemente zerstört, und ihre 
Bruchstücke in sich oft lange unversehrt einschliefst. Die Nichtbeach- 
tung dieses Um st an des und der verschiedenen Entwickelungsetufen der 
tuberkulösen Ablagerungen haben wohl meist zu den so verschiedenen 
Angaben über die Struktur der Tuberkeln Veranlassung gegeben. Ich 
habe schon früher meine Ansichten über die gröfsern Tuberkelmassen 
mitgetheiit, und gedenke , die spätem Beobachtungen bei einer andern 
Gelegenheit hinzuzufügen. 

Ich bemerke nur noch, dafs die sogenannte Kyste der Miliartuber- 
keln als nothwendiger Bestandteil ihrer ersten Ablagerung mir sehr 
problematisch scheint. Wie viele Fhthisiker habe ich nicht untersucht, 



8« Gluge. 

■eyti der Miliartuberkeln in andern Organen, und ohne das Mikros- 
kop vorzüglich wäre es hier unmöglich gewesen, die Nator der 
Milsktirper in diesem Falle zu bestimmen. Hier waren dieses 
also Miliartuberkeln in ihrer ersten Entwicklung. 

Nach dieser Beobachtung , die uns also gewifs keine vorge- 
fafste Meinung geben konnte, beobachtete ich folgenden Fall : 

IL Diese wie die frühere Beobachtung wurde in dem von 
meinem Collegen und Freunde Hrn. Dr. Lebeau dhigirten Mili- 
tärhospitale angestellt. Die angegebenen, dem Tode vorhergegan- 
genen Krankheitserscheinungen sind ein kurzer Auszug «aus dem 
Krankenjournal. 

B, 28 Jahr alt, Soldat, lymphatisch-sanguinischer Constitu- 
tion, keine Krankheit vorhergehend (?), Eintritt ins Hospital den 11. 
October, sagt, dafs er, eine Last aufhebend, einen Stich in der 
rechten Seite empfunden , der ihn nur zuweilen verlassen. Mü- 
digkeit, Schmerz, Schweifs mitunter. Verstopfung, Haut bren- 
nend, Kopfschmerz, beschleunigter Puls, Urin gut Diese Symp- 
tome dauern mit einigen Modifikationen bis in die erste Woche 
des Novembers, wo der Kranke über Schmerz in der Brust, 
Dyspnoe, und am 15. über Schmerz in der rechten Schulter klagt, 
der den Kranken nicht mehr verläfst; der Leib treibt sich auf. 
Am 23. der Leib etwas eingesunken, der Puls 130; man versucht 
ein kaltes Bad und eine Reaction nach der Haut, die immer herfs 
brennend, hervorzurufen, als letztes Mittel ; der Kranke stirbt. (Dafs 
im Anfang strenge Antiphlogose angewendet worden , brauche ich 
kaum hinzuzufügen). Die Krankheit war als Peritonitis chronica 
anzusehen, die Symptome sprachen daför, wenigstens zum Theil, 
und konnten selbst einen so ausgezeichneten Diagnostiker wie Le- 
beau täuschen ! 

Leichenöffnung am folgenden Tage. Das Herz ist grofser 
als im normalen Zustande ; das rechte enthält ganz flüssiges Blut, 
das linke ist leer. Das Blut enthält schon sehr unregelmäßige 



«ad wie selten eine Kytta beobachtet; dafs die groTaere Tnberlcelablage- 
igen einachliefaenden Membranen spateren eatsündlichen Unprnng« 
, davon habe loh mloh lange nberaengt. 



Malpigh, Körper der Milz. «T 

Blutkügelcben (viel alu früh für normales Bldt !) , doch habe l<* 
«dich von der Anwesenheit von Eiterkügelchen picht überzeuget) 
können ; die Lungen sind mit Blut gefüllt , aber erepitiread. Voo 
.der rechten Niere geht efne sehr grobe Eiteransammlung aus, um 
«ich im umliegenden Zellgewebe zu ergiefsen. Zum Theil ist der 
eiternde Theil der Niere durch eine Pseudomembran von dem ge- 
sunden Theil derselben getrennt; an einer Stelle nämlich der Niere 
ist schon eine Infiltration von Eiter über diese durch Entzündung 
hervorgebrachte Gränzp hinaus da. Die Leber ist hypertrophisch» 
ohne krankhafte Structur. Alle übrigen Organe gesund, aufoer der 
Milz. 

Die Milz ist hypertrophisch, sie wiegt fast 17 Unzen. Sie 
ist von tausenden weifeer Bläschen durchsäet, diese Bläschen 
sind rundlich, und bestehen aus einer feinen Membran, die eine 
weifse Flüssigkeit einschliefst. Sie lassen sich nur so von den 
umgehenden Milzgewebe isoliren» dafs einige weifse Fädchen an 
Minen hängen bleiben. 

Diese Bläschen haben £ bis \ Millimetre Durchmesser; die 
weifsliche Flüssigkeit, die. sie enthalten, besteht aus etwas unre- 
gelmäßigen weifslichgrauen Kügelchen. Diese sind in ihrem In- 
nern granuiirt, doch habe ich mich nicht von der Existenz von 
Kernen, selbst bei öOOmalieer Vergrößerung, überzeugen können. 
Man sieht dann nur , dafs die Kügelchen aus einer weifslichen 
und einer dunklern Innern Masse bestehen. Sie haben alle gleichen 
Durchmesser, 0,0003 Pariser Zoll. Essigsäure und Wasser ver- 
ändern sie nicht, Salpetersäure coagulirt die ganze Masse. In- 
dem ich diese Kürpereben nun mit denen das übrige Gewebe der- 
selben Milz constituirenden, mit den Milzkorperchen einer andern 
gesunden, und mit denen eines Schafes vergleiche, so mufs 
ich jene Bläschen durchaus fiir wahre Malpighi'sche 
Körper halten, wie sie nur hei einigen Thieren vorkommen *). 

*) Durchschneidet man eine Schafrajta, so sieht man eine Men- 
ge randlicher weifrer Körperchen , die nur etwas fester als die oben 
beschriebenen sind, was von der grofsern Consistenz der Bläschen- 
wandong abzuhängen scheint; sie lassen sich gut tierausnehmen, doch 
so , dafs immer einige Fädchen an ihnen hängen bleiben. Ich fand in 



88 Ginge. 

Ich glaube somit eine pathologische Entwickehmg von den sogen. 
Malpighi'schen Milzkörperchen beim Menschen mit vollem 
Hecht annehmen zu können, und dieses Resultat scheint um so 
mehr Vertrauen zu verdienen , als ich diese zweite Beobachtung 
in der Hoffnung anstellte, dafs die Milzkörperchen sich wiederum 
auf Miliartuberkeln würden zurückführen lassen 4 )« 

Schlüsse. 

1. In der Milz des Menschen kommen kleine Kßrperchen im 
krankhaften Zustande vor, die man leicht ftir Malpighi'sche 
Körper halten kann, die aber nichts als Miliartuberkeln sind. 

2. Im krankhaften Zustande können sich wahre Malpigh i- 
sche Körper in der Milz entwickein, deren Inhalt den Milzkörper- 
chen des Menschen und denen der Thiere ganz analog ist. 

Möchten, die Anatomen und Aerzte diesem Gegenstande ei- 
nige Aufmerksamkeit bei Leichenöffnungen schenken ; selten dürf- 
ten diese Malpighi sehen Körper freilich* vorkommen, da ich in 
wöchentlichen, oft täglichen Leichenöffnungen und bei der Auf- 
merksamkeit, die ich seit langer Zeit den Krankheitszuständen der 
Milz zuwende, sie nur einmal beobachtet habe. 



dem Anwehen der Kugel chen, die sie einschließen, keinen bemerkbaren 
Unterschied von denen der menschlichen Milz, die ich hier beschrieben. 
*) In dem ganzen Cadaver zeigte übrigens kein Organ eine Spur 
von Tuberkeln. 



V. 

Ueber die Scrofelsucht und ihre Behandlung, haupt- 
sächlich durch den Leberthran und zweckmäßige Diät 

Von 

V 

Dr. Carl Rösch, 



I. 

jNicht von den Scrofeln im engeren Sinne, d. h. von Anschop- 
pungen und gewissen pathologischen Veränderungen der Lymph- 
drüsen werde ich hier reden, sondern von der Scrofelsucht, von 
der Cacbexia «crofulosa , von welcher die Anschwellung und An- 
schoppung lymphatischer Drüsen nur ein häufig vorhandenes , oft 
aber anch. fehlendes Symptom ist, welches übrigens auch vorhan- 
den seyn kann ohne Scrofelsucht. Unter Scrofelsucht verstehe 
ich diejenige Sucht, weide, au unterst begründet in einer Erkran- 
kung und hinter der Idee zurückbleibenden Thätigkeit des Lymph- 
systems, theils in dem letzteren selbst sich ausspricht, theils von 
diesem Systeme aus andere Systeme und Organe, ja den ganzen 
Organismus, ergreift und ins Verderben zieht Hiernach lä&t sich 
das weite Gebiet des in den mannichfaltigsten Formen sich aus- 
sprechenden Krankheitsprocesses ermessen. Derselbe wurzelt 
und wuchert also ursprünglich im Lymphsystem und, in unmittel- 
barer notwendiger Folge davon, im .Blutsysteme : hier wird zu- 
nächst verminderte und veränderte Lebensthätigkeit und die Bil- 
dung von Krankheitsproducten wahrgenommen, welche sofort 
theils in das Zellgewebe abgelagert werden , theils in den verän- 
derten gewöhnlichen, und in krankhaften neuen Absonderungen zu 
Tage kommen. Durch die veränderte, fehlerhafte Thätigkeit und 



90 Rösch. 

Beschaffenheit des Lymph - und des Blutsystems leidet natürlich 
die ganze Constitution , die Ernährung aller Gewebe und Organe 
geht unvollkommen und ungehörig vor sich, die Krankheit ergreift 
von dem vegetativen Leben aus auch das aniniale, und rankt sich 
selbst bis in die Centren des Nervensystems empor. 

Das System der Lymphe oder des weifsen Blutes ist in der 
Physiologie schon längst anerkannt als vorbereitend für das Sy- 
stem des rothen Blutes, als erste Stufe der den ganzen Organis- 
mus ernährenden organiscb-tbierischen Flüssigkeit , die wir in et- 
was erweitertem Sinne Blut nennen. In neuester Zeit hat C a r u s 
in eben so scharfsinniger Untersuchung als trefflicher Darstellung 
(Physiologie II. §. 384 ff.) die Stellung des Lymphsystems im Or- 
ganismus noch genauer bezeichnet als Vermittlung zwischen der, 
von eben dem genannten grofsen Physiologen so genannten und 
wissenschaftlich nachgewiesenen, parenchymatösen Bildungsfldssig- 
teit und dem im engeren Sinne so genannten Blute. Die nieder- 
sten tbierischen Organisationen haben, gleich den Pflanzen , kehl 
gesondertes Blut gefäfs System, also auch kein Lymphsystem, 
sie haben nur die erwähnte geftfslose parenchymatöse Bildunga- 
flässigkeit, — freilich in weiterem Sinne und der Bedeutung fihr 
diese Organisationen nach ebenfalls Blut Wo zuerst in der auf- 
steigenden Reihe der tbierischen Bildungen ein gesondertes Blut- 
gefäfssystem auftritt, da hat dasselbe wesentlich den Charak- 
ter des Lymphsystems. Wo in höheren Ordnungen Lymph- und 
Blnteystem (im engeren Sinne) zusammen auftreten, da hat zuerst 
das Lymphsystem immer noch eine fiberwiegende Ausdehnung 
und Bedeutung (Fische und Lurche mit ihren Lymphherzen u.s. w. 
S. Carus a. a. O.) Bei den Säugethieren ist dasselbe schon 
bedeutend in den Hintergrund getreten , und in dem erwachsenen 
.gesunden Mensehen spielt es eine so untergeordnete Rolle, dafs 
Magen die seine Bedeutung fast ganz verkennen konnte. Im 
kindlichen, niedrigeren tbierischen Bildungen analogen Organismus 
ist auch das Lymphsystem noch mächtig und bedeutend genug, 
wie durch die sprechendsten Thatsachen der Physiologie und der 
Pathologie bewiesen wird. Die Physiologie betreffend, so darf 
ich nur erinnern an die Weichheit und Rundung des von Säften 



*1 



L 



*3f 



Scrofelsucht. 01 

trotzenden kindlichen Körpers , an die leichte Assimilation , das 
Tasche Wachsthum und den schnellen Stoffwechsel, an die schnelle 
.Aufsaugung, selbst durch die Haut, an die rasche Heilung von 
Wunden , ohne Eiterung , durch Agglutination. In Beziehung auf 
Pathologie gehurt hieher das reichte und vorherrschende Erkran- 
ken des vegetativen Lebens, insbesondere des Lymphsystems, 
das Anschwellen der Lymphdrüsen , selbst ohne tieferen Grund, 
bei geringfügigen Veranlassungen, Absonderung von tvSssrigen, 
eiweifsartigen und schleimigen Stoffen durch Haut und Darmkanal, 
Erguss von Serum in das Zellgewebe , in die Höhlangen der ee- 
u rösen Häute, in das Parenchym der Organe selbst, daher Erwei» 
^ chung, Colliquation , Atrophie, schnelle Erschöpfung. Beinahe 

alle chronischen und viele acuten Leiden der Kinder können und 

» 

müssen zurückgeführt werden auf ein Erkranken des Lymphsy- 
stems , auf eine Verschlechterung der Lymphe und eine vermin- 
3Lerte Thätigkeit ihrer Gefäfse mit ihren unmittelbarsten Folgen, 
Verschlechterung des Bluts, Stasen, Infiltrationen u. s. w. , d. h. 
auf die Scrofelsucht Man vergleiche die Definition von Carus 
a. a. O. §. 400. 

Die Scrofelsucht ist eine Krankheit der Kinder. Im erwach- 
senen Menschen tritt mit der physiologischen auch die pathologt- 
"^ sehe Bedeutung des Lymphsystems in den Hintergrund, idiopathi- 
^ sehe Erkrankungen desselben sind hier selten, und an die Stelle 
w sind getreten die Erkrankungen des eigentlichen Blutsystems, die 

* Hämatogen. Hatte jedoch bei einem Individuum das Lymph- 
1 System in dem Kindesalter zu bedeutend vorgeherrscht , war das* 

* selbe zn tief erkrankt, hatte sich die Scrofelsucht zu tief in dem 
f-** Organismus eingewurzelt, lag insbesondere der Grund hiezu schon 
*" im Keime, als Erbstück von den Eltern oder selbst den Grofsel- 

* tern , so erlischt öfters der Krankheitsprocefs mit dem Ende des 

* Kindesalters nicht, sondern wird mit hinfibergenommen in die Pu- 
f x hertftt, in das Jünglings-, das Mannes-, ja selbst in das GteUiQ^, 
r f alter. Die Scrofelsucht greift dann hier um so tiefer, wkfct ^^ 
*K so zerstörender, da sie sich zum erwachsenen Organismus vW\ 
f ' fremdartiger verhält als zum kindlichen. Hierzu kommt, da£^ -^ 
p» d«* dq0»fe*»*~~ mT -firnisse cigentkttnaliche 



r 




92 Rösch. 

erleidet , welche 00 bedeutend sind, dafs die daraus entstandenen 
Krankheitsformen bei oberflächlicherer Betrachtung als eigene 
Krankheitsprocesse erscheinen, um so mehr» da diese auf scro- 
fulösem Grunde ruhenden föankheitsformen Erwachsener auch da 
vorkommen, wo die Scrofelsucht im Kindesalter weniger entschie- 
den, selbst gar nicht, zum Ausbruch gekommen ist. Man hat, 
die offenbare Verwandtschaft mehrerer bösartiger, tief im vegetati- 
ven Leben wurzelnder Krankheiten Erwachsener mit der Scrofel- 
sucht anerkennend, die Scrofeln, die Tuberkeln und den Krebs 
sammt dem Markschwamm zusammengefaßt unter der Benennung 
„weifser Dyskrasie," und dabei die Ablagerung von Eiweilsstoff 
(und Faserstoff) aus dem Blute (der Säftemasse überhaupt, Ref.) 
als das Gemeinschaftliche herausgehoben. (Gramer in der all- 
gemeinen medicinischen Zeitung von Pabst, No. 53, 54. 1837. 
Schmidts Jahrbb. 16. Bd. S.307 ff.) Ich rechne hierher, aufser 
den Tuberkeln und dem Krebse, nebst den zum Markschwamii 
gerechneten Afterbildungen, namentlich auch die Chlorose. In 
geradem Verhältnifs mit den Scrofeln der Kinder hat in unsere 
Tagen neben der Lungenschwindsucht die Bleichsucht überhand 
genommen. (Siehe meine Abhandlung über Chlorose in den „Ana- 
lekten über chronische Krankheiten. 1839. Stuttgart" ' 1. Bd. 
S. 177.) „Ich zweifle nicht, dafs die allgemeinste Ursache der 
jetzt in den höheren und mittleren Ständen immer häufiger vor- 
kommenden Bleichsucht eben in der sich forterbenden Zartheit 
und Schwächlichkeit, in dem fehlenden robur der Städter und 
der sogenannten Gebildeten liegt Unmittelbar hieran schliefet 
sich als weitere zur Bleichsucht prädispouirende Ursache die 
gleichfalls in unsern Tagen erschreckend überhand nehmende scro- 
fulose Diathese" u. s. w. (Vgl. „P h il a d e 1 p b u s, über die Bleich- 
sucht, eine Krankheit unserer Zeit. Tübingen 1839." S. 3 ff.) 
Häufig genug liegt der ätiologische und semiotische Zusammenhang 
der Chlorose, so wie der früher genannten schlimmen Krankheiten 
Erwachsener, mit der Scrofelsucht, selbst im engeren Sinne ge* 4 
nommen, so klar vor dem Auge des Beobachters, dafs die Patho- 
genese schon hieraus unmittelbar sich ergibt. Das mit Scrofeln 
behaftet gewesene Kind wird, kaum in die Jahre getreten , in de- 



Scrofelsucht. 93 

neu die Blüthe sich entwickeln soll, chlorotiach , schwindsüchtig, 
oder der böse Kränkbeltskeim schlammert viele Jähre, bis am 
Ende der Krebs und Markschwamm aus ihm hervorsprofst. Ich 
habe eine 40 Jahre alte Frau gekannt und ärztlich behandelt, die 
am Gebärmutterkrebs litt und starb. Vier Geschwister derselben 
waren in der Blüthe ihrer Jahre der Lungenschwindsucht zum 
Opfer gefallen, ein Bruder lebt noch, und leidet schon seit Jahren 
an Leberverhärtung ; die einzige jetzt erwachsehe Tochter der 
Frau ist zart und blond, hatte als Kind Drusenanschwellungen 
und häufig gerothete Augenlider mit Lichtscheu. Eine andere Frau 
beobachtete ich viele Jahre lang, welche blond und zart, in der 
Kindheit mit angeschwollenen Drüsen behaftet, als Jungfrau blä- 
hend, voll, strotzend von Säften, als Frau in dem ersten Wochen- 
bette, und auch in den folgenden noch , überfliefsend von Milch, 
später chlorotisch, mit herpetischem Ausschlag im Gesicht, j>f 
von den heftigsten Schmerzen im Rucken gefoltert, endlich unter 
den Symptomen von Schlundverengerung und beginnenden Lun- 
gentuberkeln nach unsäglichen Leiden starb. Die höchst abgema- 
gerte, blutleere Leiche zeigte eine einfache Verengerung im obe- 
ren Drittel des Oesophagus, ohne Desorganisation, mehrere ziem- 
lich grofsd gelbe Tuberkeln in der Spitze der Lungen, und hirn- 
ähnliche Masse in den Gallengang ergossen. Das erstgehorne 
Kind männlichen Geschlechts, jetzt erwachsen, ist gesund. Das 
zweite, jetzt ein Knabe von 14 Jahren, hatte angeschwollene Dru- 
sen, gerothete Augenlider, einen dicken Bauch, schlaffe Muskula- 
tur, blasses, gedunsenes Gesicht, und erst kürzlich behandelte ich 
ihn an einem herpetischen Ausschlag auf der geschwollenen Ober- 
lippe. Ein später gebornes Kind ist bald gestorben ; das letzte, 
ein Mädchen, gedieh zuerst anscheinend gut, d. h. es wurde fett, 
blieb aber schlaff, bekam spät Zähne, lernte nicht gehen, verfiel 
| Jahre alt in Rbachitis, und starb nach halbjährigen Leiden, abge- 
zehrt. Ferner, ein Mann von groben Gesichtszügen, fett, mit schlaf- 
fem, untersetztem Habitus, keuchend, öfters an den Augen lei- 
dend, im OOten Jahre an Brustwassersucht mit Hypertrophie des 
Herzens verstorben , hat 4 Kinder weibl. Geschlechts , 3 von der 
ersten, ebenfalls an den Augen leidenden, 1 von der zweiten, frü- 



t* Rösch. 

b« gestanden, jetzt hysterischen Frau. Alle diese Töchter amd 
blond, alle litten in der Kindheit an scrofulösen Zufallen, na« 
mentlich die zweite an scrofulösen Augen und Augenliderentzfin- 
dung und herpetischen Ausschlägen, die vierte (von der zweiten 
Frau) an eben solchem Ausschlag in einer Kniekehle, Drüsenan- 
schwellungen u. s. w. Die drei ersten Tochter verheiratbeten 
sieb* Die eiste ist in der Ehe bis jetzt gesund und hat mehrere 
Kinder, die von scrofulösen Zufallen nicht frei sind, namentlich 
litt das eine auch schon an scrofulöser Ophthalmie. Die zweite, 
an rheumatischer Hirnentzündung nach einer Frühgeburt gestor- 
ben, hat mit einem kräftigen Manne zwei Knaben gezeugt, welche 
bade mit bydrocephalischen Köpfen schon öfters Krämpfe mit 
Congestionen gegen den Kopf hatten. Die dritte Schwester bat 
zwei Kinder geboren, von denen das erste, ein Knabe, blond und 
zart, sehr aufgeweckt ist; das zweite, ein Mädchen, ebenfalls 
blond, gedieh niemals ordentlich, ist jetzt 4 Jahre alt, leinte nie 
gehen, Sängt den Kopf noch schlaff herunter, bat Glieder fast wie 
Spindeln so dünn, die Muskeln sind verkümmert, kraßlos, das 
Auge schielt, das Gehini ist todt ; das unglückliche Kind ist voll- 
kommen blödsinnig. Die vierte Schwester, bis zum 17. Jahr mit 
dem herpetischen Ausschlag in der Kniekehle behaftet, verfiel, 
noch ehe dieser sogenannte Salzfluls geheilt war, in Chlorose, von 
welcher sie noch jetzt, da sie im 20. Jahre steht, nicht geheilt 
ist Die Bleichsucht verschlimmerte sich bald, bald war es wie- 
der eine Zeit lang etwas besser. Die Verschlimmerung war im- 
mer mit einer beträchtlichen Zunahme des Körpers an Volumen 
verbunden, obgleich die Kranke fast nichts afs; besonders ver-, 
gröfiserte sich der Umfang, des Bauchs so, dafe das unschuldige 
Mädchen leicht in einen üMen Verdacht hätte kommen können ; 
dabei war die Haut durchaus ohne alle Blutförhuog, das Mädchen 
strotzte von weiften, lymphatischen Säften. Wie immer einige 
Besserung eintrat und die Lippen sich wieder mit zartem Roth 
färbten, nahm der. Umfang und die strotzende Fülle des Körpers 
wieder ab. Das Mädchen befindet sieb jetzt in Cannstatt und es 
sott Sir besser gehen. Ich könnte noch andere Beispiele anfüh- 
ren, aber ich hoffe, dafs es an den angeführten genügt, zum Be* 



Scrofelsucht. 

weise , dats die Chlorose, die Tuberkeln und selbst der Kifefttf 
Hiid Markschwamm der Erwachsenen entschieden pathogenetisch 
zusammenhängen mit den Scrofeln oder viehnehr mit der ScrofeP 
sucht, d. h. mit dem krankhaften Vorherrschen der weifsen Saftet 
die selbst nicht einmal die gehörige Vollendung erlangt haben, mit 
Erkrankung des Lymphsystems und deren notwendigen Folgen. ' 
Gleichwie aber nun bei Erwachsenen neben und aufser den* 
genannten eigentümlichen Formen der Scrofelsncnfc welche sieb 
gleichsam als besondere Suchten, wie Sprossen vom Würzet' 
stamme, losgelost haben, und nun für sich fortleben und weiter sieh 
entwickeln — Bleichsucht, Tuberkelsucht, Krebssucht — , ans**, 
nahmsweise auch noch die Scrofelformen des Kindesalters vor- 
kommen, wie Drüsenanschwellungen und Verhärtungen, Knochen-» 
erweichung, namentlich in Form der sogenannten Pädarthrocace; 
scrofalüse Ophthalmien u. s. w., so werden zuweilen die dem er 
waehsenen Alter angehangen Formen, Tuberkel, Marksckwanntt' 
und, in selteneren Fälle», auch Bleichsucht, schon im Kindesal* 
ter beobachtet Einen manches Interesse darbietenden Fall vo» 
Bleichsucht bei einem 6jährigen blonden, zarten Mädchen, wel- 
ches zuvor wiederholt an scrofnluser Augenlidentzfiudung, Otor~ 
ihoe,~Drusenanscb wellungen gelitten hatte, dessen Vater an Lw 
genschwindsucht gestorben ist, und dessen 4 Geschwister serofu« 
lGse Krankheitsformen verschiedener Art durchgemacht habeny 
habe ich in meinen „Untersuchungen aas dem Gebiete der Heu«' 
Wissenschaft" % Tbl. S. 90 ff. erzählt. Seiten begegnet ma» 
dem Krebs und Markschwamm in der Kindheit Ich sah bei ei-* 
nem einer skrofulösen, armen Familie angehörigen Knaben int 8te». 
Lebensjahr Markschwamm in beiden Augenhöhlen mit denk Ver- 
lost der Augen, neben, krebsiget Entartung beider Hoden sieh ent- 
wickeln. Der Knabe starb, nachdem derKrankheitsprocels | Jahre 
gedauert und in dem Organismus gewuchert hatte, und die Leichenoff* 
uung zeigte aufser den genannten Alterbildungen theSl? melanotische, 
theils tuberkulöse Infiltration und Entartung der Bronchialdrüsen, 
eben solche melanotische und tuberkulöse Ablagerungen zwischen' 
den Blättern der Bauchhaut, Tuberkeln in dem Gewebe der Lun- 
gen; Ekchymesen auf dem Herzen, wie auf der Haut, und fest kern 



96 Rösch. 

Blut h den GefaTsen. (S. v. Am m ob's Monatschrift ID. L)Fi n- 
det man Lungentuberkeln bei Kindern, wenigstens in der Privat- 
praxis, nicht eben häufig, so fehlen sie doch keineswegs, beson- 
ders in Kinderhospitälern und Waisenhäusern» in welchen man 
überhaupt nach keiner Form der Scrofelsucht vergeblich sucht. 
Tuberkulose Entartung der Bronchial- und noch mehr der Mesen- 
terialdrüsen ist sehr gewöhnlich bei scrofelsüchtigen Kindern« 
Delpech behauptet, die Spondylarthrocace* oder Pott'sche 
Krankheit bestehe in einer in Verschwärung endigenden Affection 
des Körpers der Wirbel. Und nun haben uns ja die Franzosen 
auch mit einer Meningitis tubercülosa beschenkt Die meisten 
neueren Bearbeiter der pathologischen Anatomie, und auch Lo- 
go 1, der ohne Zweifel in dem Kapitel über die Scrofeln eine 
Stimme bat (vgl. L.u. R. Froriep. Neue Notizen No. 305), er- 
klären Scrofel (im engeren anatomischen Sinne genommen) und 
Tuberkel für identisch. Sind sie nun dieses auch nicht, so fern 
man unter Scrofel eine angeschwollene, mit stockender und ge- 
ronnener, aber noch nicht bis zum Tuberkel entarteter Lymphe 
gefüllte Lymphdrüse versteht, so sind sie doch genetisch sehr 
nahe verwandt, indem eine solche Drüse weiterhin, oft mit wah- 
rem Tuberkelstoff erfüllt wird, und sie, die Scrofel, unmittelbar in 
■ ■ 

den Tuberkel übergeht. Die Tuberkelkrankheit ist ohne Zweifel 
ein Zweig, die Tochter der Scrofelkrankheit Sebastian be- 
hauptet ebenfalls die Identität desScrophel- und des Tuberkelstof- 
fes, unterscheidet aber doch den scrofulösen und phthisischen 
Habitus, und erklärt dann, beim Habitus scrofulosns bestehe eine 
scrofulöse Diathese mit Neigung zu äufseren Scropheln, während 
beim Habitus phthisicus eine Neigung zu inneren Scropheln, zu 
Bildung von Scrofelmaterie in den Lungen anzunehmen sey. J. 
Fr. H. A 1 b e r s unterscheidet Scrofel und Tuberkel (S. „Beobach- 
tungen aus dem Gebiete der Pathologie und pathologischen Ana- 
tomie/' % Tbl. S. SO ff.) durch folgende Merkmale : 1) die Sero* 
feisucht befällt vorzüglich das Alter vor der Pubertät ; die Tuber- 
kelkrankheit das Jünglings- und Mannesalter. 2) Die Scrofel- 
sucht zeigt bei starker Anschwellung einzelner Drüsen immer noch 
einen gut genährten Körper; die Tuberkelkrankheit führt rasch 



ScrofelflU-cht. 91 

aar Constitution. (Hier kommt das Meiste auf den Sit« an. Ret) 
3) die Neigung, Fieber herbeizufahren, ist bei der- Serofei- 
krankheit sehr gering, bei den Tuberkeln sehr gröfs, der Cbarak« 
ter der Scrofejn, auch der sogenannten reizbaren, im Verhält* 
nifs zu. den Tuberkeln sey torpid. (Dies ist sehr relativ, und 
wohl hauptsächlich ebenfalls auf den gewöhnlichsten Sitz der Tu- 
berkeln in den Lungen zu beziehen. Ref.). 4) Bei den Scrofeln 
betrifft die. Entartung die Drüsen, hei der Tuberkelkrankbek sind 
die Organe selbst erkrankt} degenerirt. (Dies ist wahr, allein 
häutig finden sich degenerirte, mit Tuberkelstoff erfüllte Drüsen« 
& B. die Bronchialdrüsen zahlreich geuug neben den Tuberkeln 
in dem Gewebe des ergriffenen Organs, wie der Lungen. Ref.) 
5) die Scrofeln sinjl injieirbar, die Tuberkeln nur unvollkommen. 
(Dies ist kein unbestrittener Satz ; wäre er aber auch unbestrit- 
ten, so würde er nichts gegen die Behauptung beweisen, dafe der 
Tuberkel nnr eine weiter vorgeschrittene Entartung lymphatischer 
Flüssigkeit sey. Ref.) 6) die Scrofeln sind fast in allen Formen 
heilbar, die Tuberkeln fast in keiner. (Ohne Zweifel hauptsäch* 
lieh defewegen, weil die vom Verf. sogenannte Scrofel ihren 
Sitz in den Drüsen hat, während der Tuberkel in dem Gewebe 
der Organe selbst sitzt Ref.) 7) „Die Scrofeln bieten eine beson- 
dere Anlage zur Entwicklung der meisten Degenerations - und dys* 
krasischen Krankheiten , das Carcinom entwickelt steh häufig bei 
Scrofelkraiiken , der Markschwamm nicht minder. Eben so die 
Tuberkelkrankheit. Wo sieh in der Kindheit scrofulöse Ge- 
schwüre an verschiedenen Tbeilen des Korpers, geschwollene 
Drüsen am Halse und Kopfgrind zeigten , da bilden sich im Jung« 
Imgs- und Mannesalter leicht Tuberkeln , und die damit verbun- 
[ dene Schwindsucht aus." So gibt also der Verfasser die genaue 
. pathogenetische Verwandtschaft der Scrofel und des Tuberkels 
, vollkommen zu, und wir wellen ihm nicht widersprechen, wenn 
er, vom anatomischen Standpunkte aus, fortfährt: „Was aber 
eine besondere Anlage zu Desorganisationen darbietet, ist noch 
nicht die Desorganisation selbst. Man könnte, wie die Identität 
der Tuberkeln und Serofein, so auch die Identität der Scrofeln 
und des Carcinoma« behaupten, und zwar aus denselben Grün- 

7 



i 



98 RS s eh. 

den.* Um nicht zu weit geführt zu werden, lassen wir hier die 
Tuberkeln , sofern sie gesondert auftreten , sowie auch den Krebs 
und Markschwamm und die Chlorose bei Seite, und betrachten nur 
die Scrofelsucht in den, freilich ebenfalls sehr mannichfaltigen 
Formen , in weichen sie gewöhnlich im Rindesalter zur Erschei- 
nung»kommt. 

Diejenigen Pathologen , welche in dem Nervensystem Dicht 
blos die Bitithe des Organismus sehen, nicht blos die Empfin- 
dung und Vorstellung und die Bewegung als* besonders ausge- 
schiedene Lebensthätigkeiten , und die Verbindung aller Theile 
und Verrichtungen des Organismus zur harmonischen Einheit zu- 
schreiben, sondern dasselbe auch als den Grund des ganzen ve- 
getativen Lebens betrachten , welche das Nervensystem zum un- 
umschränkten Monarchen des Lebens machen , suchen auch den 
Grund der Scrofelsucht, gleich wie aller oder der meisten übrigen 
Suchten j nicht in Erkrankung desLymph- und Blutsystems, sie 
suchen ihn hinter diesen Systemen in einer „Umstimmung" des 
Nervensystems, und zwar des Gangliennervensystems, wodurch 
erst Lymphe und Blut und sofort die ganze Vegetation verändert 
werde. Das Qualitative des Krankheitsprocesses erregt hierbei 
keinen Anstofs, denn die Nervenkrankheit des Sympathicus selbst, 
die ihm zu Grunde liegt, wird als eine qualitative bezeichnet. 
„Die ScrofelSucht hat ihre Wurzeln in einer qualitativ krankhaften 
Action des Gangliennervensystems u. s. w. ; daraus entsteht ein 
unvollkommenes weifees Blut und es leidet allerdings zuerst das 
Lympbsystem. Diese Deterioration pflanzt sich sodann weiter 
fort auf das venöse und arterielle System u. s. w." (S. Cr am er, 
in der neuen Zeitschrift för Geburtskunde, 7. Bd. 1. Heft.) In ahn- 
lichem Sinne sagt B 1 e i f ü f s (Med. Correspondenzblatt des Wür- 
temb. ärztlichen Vereins , 8. Bd. No. 51.) : „Der eigenthdmliche 
organisch - chemische Vorgang, den der Scrofelprocefs mvolvirt, 
wird allerdings zunächst in der Blutmasse documentirt ; ihr (der 
Blutmasse) kömmt aber keine telbstständige Thätigkeit zu, da sie 
nicht ohne Nerveneinflufs lebendig gedacht werden kann ( ! Ist der 
Nerv ohne Blut lebendig?), folglich müssen wir auf das vegeta- 
tive Nervensystem , dem die Hauptrolle beim organischen Chemis- 



Scrofelsuchh «9 

i mu8 Oberhaupt zukommt» unser vorzüglichstes Augenmerk rieh* 

i ten. Nach dieser Ansicht mufs denn auch das monarchische 

i Nervenprincip der gewöhnlichen Meinung, welche Nerv und B(üt 

i die beiden Factoren des Lebens (Dyarchie) seyn läfst , entgegen* 

treten, und wird es auch thun, wenn wir nur einmal so glücklich 

sind, der Physiologie des Gangliensystems näher gekommen zu 

j seyn. 41 Sodann*ieint der Verfasser, dafs Magnetismus, Elektro 

, cität und Galvanismus Aeufserungsweisen vom Gangliensystem 

, seyen , und dafs auf dem gegenseitigen .Gleichgewicht derselben 

I das normale Leben beruhe, und er ahnet, dafs die Prävalenz des 

f Magnetismus zu psychischen, die der Elektriqität zu somatischen 

Neurosen und die des Galvanismus zu organischen Krankheiten 

vorzugsweise Veranlassung gebe. Aus dem Vorherrschen des 

Galvanismus erklärt sich denn namentlich bei der Scrofelsucht die 

Säurebildung» welche so viel bedeutet für serofulöse Entartungen» 

Afterbildungen» als Reiz für die Nerven u. a* w* Es ist klar» 

dafs hiermit nichts erklärt ist» und der Verf. selbst sagt, es 

mutete (zu genügender Erklärung) die zunächst betheiligte Seite 

der Ganglienthätigkeit bei den Scrofeln aafgefundeu werden« 

Ohne uns hier auf den Streit der Humoralpathologie und der 
Nervenpathologie einzulassen» müssen wir gegen die Monarchie 
des Nervensystems in dem Sinne von Cr am er Und Bleifufs 
protestfcen. Der Organismus ist ein belebtes Ganze» in welchem 
alle Theile lebendig und thätig sind, harmonisch zwar und ffir 
Einen grofsen Zweck; aber jeder in seiner Art und bis auf einen 
gewissen Grad selbstständig und von den übrigen unabhängig» 
. (vita proprio). In diesem Einen Ganzen sind, namentlich enthal- 
ten die zwei mächtigsten Systeme ; das Bhitsystem (in seiner wei* 
testen Bedeutung) und das Nervensystem. Jenem sind Vorzugs* 
weise die vegetativen, diesem vorzugsweise die animalen Fup* 
ctionen des Lebens übertragen, wobei allerdings jedes fortwäh* 
read auf das andere einen notwendigen Einflufs übt, ohne den 
eben so wenig die eigenthümliche Thätigkeit des Systems, als 
das ganze Leben zur Ausführung kommen und überhaupt bestehen 
kann. Der Monarch des Lebens ist also nicht das Nervensystem»; 
aueh nicht das Blutsystem, sondern das Lebensprincip, da»eiiv6^ 



100 Rösch. 

das in beiden Systemen wohnt; man konnte jedoch das Nerven- 
system in der Hinsicht den Regenten des Organismus nennen, als 
nicht nur die höchsten Lebern» Verrichtungen , die animalen , psy- 
chischen, unmittelbar von ihm abhängen, sondern auch, in so 
fern es, wie gesagt, alle Theiie, Organe und Gewebe mit einan- 
der verknüpft und zu harmonischer Wirkung verbindet Diese 
allgemeinen, ohne Zweifel schwer zu bestreitüidfen physiologi- 
schen Sfitze vorangeschickt, bleiben wir in nächster Beziehung 
■u unserem Krankheitsprocesse bei dem vegetativen oder im enge- 
ren Sinne sogenannten organischen Leben stehen. Die Vegeta- 
tion im Allgemeinen besteht und gedeiht üppig, aber nach wenig 
complicirter Einrichtung, in den einfachsten Organismen, den 
Pflanzen ohne Nerven : die Zellen , aus denen die Pflanze be- 
steht, entstehen und wachsen von Nerven oder nervenähnlichea 
Organen durchaus unabhängig. Schon diese Nachweisung ist 
hinreichend, die Herrschaft des Nervensystems in dem Gebiete 
des vegetativen Lebens zu stürzen. Nun hat aber Schwann 
weiter nachgewiesen, dafs auch der thierische Organismus, gleich 
der Pflanze, aus Zellen entstehe, welche ein durchaus pflanzli? 
dies, von dem Einflüsse eines Nervenprincips unabhängiges 
Wacbsthum fuhren, nur dafs dieses selbstständige Zellenleben 
sich auch noch im erwachsenen Organismus, und zwar in den 
Schleimhäuten und den absondernden Drüsen vorfinde. • Die nie- 
dersten thieriseben Organisationen verhalten sich überhaupt noch 
nicht so viel verschieden von den Pflanzen, sie vegethren. In der 
höheren, zusammengesetzteren Organisation, mit bestimmt aus- 
geschiedenem Blut- und Nervensystem, verschlingen sich aller- 
dings auch iq den, dem vegetativen Leben vorzugsweise dienen » 
den Systemen und Organen zahlreiche Nervenftiden, die jedoch 
mit den Centren des Nervensystems, namentlich mit dem Gehirn, 
nicht ganz unmittelbar zusammenhängen. Wozu diese Nerven ? 
Wir antworten , ohne uns anzumafsen , mit Diesem so viele hier 
noch waltende Räthsel losen zu wollen : 1) die Nerven des ve- 
getativen Lebens im thieriseben Organismus sind dazu da, das 
vegetative Leben mit dem animalen und so den ganzen sa zu- 
9 am mengesetzten Organismus zu Einem Ganzen zn ver- 



Scrofelsucht. 101 

knüpfen; 2) sie dienen dazu, Empfindungen auch von dem vege- 
tativen Leben aus zum Gehirn zu leiten , um hier Vorstellungen 
zu erwecken, so wie auf der andern Seite auf das Centralnervenj 
System gemachte Eindrücke unter Umständen auf die Organe des 
vegetativen Lebens zu reflektireu. Damit aber diese Hin- und 
Zurückleitungen nicht gegenseitige Störungen des vegetativen Le* 
bens durch das animale und dieses durch das vegetative veranlas- 
sen , ist das Nervensystem des vegetativen Lebens so eingerich* 
tet worden , dafs die Leitung nicht vollständig ist, sondern halb 
unterbrochen durch die Ganglien , so dafs gewöhnlich und im ge- 
sunden Zustande keine so lebhaften Vorstellungen von Vorgängen 
des vegetativen Lebens und eben so wenig lebhafte Reflexe von 
dem Gehirn aus auf das vegetative Leben gemacht werden, dafs 
hierdurch Störungen des vegetativen oder animalen Lebens ent- 
stehen konnten. Unter besondern Umständen aber, nach Einwir- 
kung aufserordentlicher Impulse, in Krankheiten, wird dieses an- 
ders , die Leitung wird vollkommen , und die beiden Lehensphä^ 
ren benachrichtigen einander sehr genau von auf sie gemachten 
Eindrücken, Angriffen, von Gefahren, die sie erleiden, u. s. w. 
Was im gesunden Zustande störend gewesen wäre , das ist jetzt 
zweckmäßig, heilbriogend, jedenfalls nothwendig. Von hier aus 
ist denn auch eines Theils die psychische Bedeutung des ve- 
getativen Lebens, des Blut- und Lymphsysteras aufzufassen* 
Ich sprach in meinen Schriften zur Wahrung der Rechte des Blu- 
tes davon , wie die Nerven und das Gehirn vom Blute aus - und 
durch dasselbe vielfach angeregt und bestimmt werden , wie aber 
auch das Blut Eindrücke, die zunächst allerdings von den Nerven 
aufgenommen werden, empfinde, und fährte zum Beweis hef- 
tige Affecte an , wie Schreck , Zorn , plötzliche Freude u. s. w. 
Man hat mir dies von einigen Seiten als eine der extravagante- 
sten Behauptungen ausgerechnet* und auch Steifensand, dem 
ich übrigens für seine sehr lehrreiche Schrift: „Blut and Nerv 
u. s. w." sehr dankbar bin. sagt, „das heifse doch weit über das 
Ziel hinausschiefsen." Nun ja, das Blut empfindet den zunächst 
freilich auf das Nervensystem gemachten Eindruck. Die Sache 
ist, denke ich, ganz klar, und manscheint hierbei nur Empfinden 



102 Rösch. 

und Vorstellen zu verwechseln ; das Blut stellt sich freilich nicht 
vor, aber es empfindet, d. h. es erhält einen Eindruck und rea- 
girt dagegen vermöge des ihm innewohnenden Lebens; durch die 
Nerven wird die Empfindung des Bluts zum Gehirn geleitet, um 
dort die entsprechende Vorstellung hervorzurufen. Es ist übri- 
gens nicht nur, und ohne Zweifel weniger, das Hin- und Zuleiten 
gewisser Eindrücke durch die Nerven, was die psychische Be« 
deutung des Blutlebens ausmacht, dasselbe hat vielmehr seine 
eigenste innere psychische Bedeutung, wie Carus aufe Schönste 
entwickelt hat (Physiologie 2. Tbl. §. 380. ff. §. 402.). Die Senei«. 
bilität überhaupt kommt zwar vorzugsweise und am reinsten durch 
das Nervensystem zur Aeufserung", allein sie ist ihm nicht aus* 
schliefslich eigen ; es ist bekannt , dafs auch Theile und Organe 
ohne Nerven sehr empfindlich werden können ; am wenigsten aber 
kann dem Blute diese allgemeine Sensibilität abgesprochen wer- 
den, denn im Blute sind ja, wenn ich von der Geschichte der 
Zeugung und Entwicklung alles Organischen absehe, nur die 
Ernährung betrachtet, alle Organe sammt dem Nervensystem ent- 
halten. Was insbesondere die psychische Bedeutung des wei- 
ften Blutes der Lymphe oder des Lymphsystems betrifft, so kann 
sie demjenigen nicht entgehen , der häufig Scrofelsöchtige beob- 
achtet und deren Begehrungen und Launen angesehen hat , er 
habe sich denn der Monarchie des Nervensystems ganz und gar 
zu eigen gegeben. Remak hat es neuestens durch interessante 
anatomische und physiologische Untersuchungen wahrscheinlich 
au ' machen gesucht, dafs das Gangliennervensystem vorzüglich 
der unwillkürlichen Bewegung vorstehe, und er gibt als allgemein* 
stes Resultat seiner hierher bezüglichen Untersuchungen an, dafs 
seihst in dem sogenannten vegetativen Theile des 'thierischen Or- 
ganismus die pflanzenähnliche Unabhängigkeit und Selbstständig* 
keit dßr einzelnen Gebilde, auf welche Schwann' s Entdeckung 
gen hingewiesen haben, nur eine sehr bedingte sey, dafs auch 
hier, ein Sensoriwn commune , wenn gleich ein unbewufstes, herr* 
sehe, welches die pflanzliche Thätigkeit auf ähnliche^ Weise cen« 
tralisire, wie die animale zum gröfsten Theil von dem hewufsten 
beherrscht werde. Piese Centrajisation uqd die Regulirung der 



Scrofelsucht 103 

unwillkürlichen Bewegung (wie die Bewegung des Herzens, des 
Dannkanals, der Kanäle und Ausführungsgänge der Drüsen, 
selbst der Blutgefässe) durch die Gangliennerven auch zugegeben, 
so ist doch der hieraus resuttireode Einfloß» bei weitem zu hoch 
angeschlagen, wenn man von ihm die ganze Thätigkeit, die ganze 
Art und Mischung der organisch -thieriscben Flüssigkeiten abhän- 
gig macht, und deren Bedeutung für das Leben überhaupt, insbe- 
sondere aber fftr die vegetative Sphäre desselben, fiir durchaus 
unselbstständsg und secundär erklärt 

Nein, das Blut saramt der Lymphe und der parenchymatösen 
Bildungsflüssigkeit hat sein eigenes Leben , seine eigene Art und 
Thätigkeit wie die Nerven. Ihm gebort die Ernährung , die An- 
eignung des dem Organismus Zusagenden und Notwendigen von 
aufsen her , und die Ausstofsung des angeeigneten , ihm fremdar- 
tig Gewordenen« Von der Qualität der organischen Grundflüssig- 
keiten, die selbst abhängt von der Lebensenergie des individuel- 
len Organismus als Ganzes betrachtet, hängt zunächst, freilich 
unter Mitwirkung der die Geföfse dieser Flüssigkeiten begleiten- 
den und umschlingenden Nerven, so wie der Integrität der den 
einzelnen Geschäften in der vegetativen Thätigkeitssphäre vorste- 
henden Organe, der Zustand und Fortgang der Ernährung, die 
Beschaffenheit . des Angeeigneten wie des Ausgestochenen oder 
Auszustoßenden (Secretion) ab. Der Körper in allen seinen 
Theilen wird schlecht ernährt, wenn, er durch die organischen 
Grundflüssigkeiten schlechtes Material erhält, und die Secretions- 
organe sondern nur ab, was ihnen das Blut bietet Die Wichtig- 
keit der Organe selbst und ihrer Nerven noch so hoch angeschla- 
gen , so ist doch stets im Auge zu behalten die höchst merkwür- 
dige Thataache * dafs , wo das Absonderungsorgan aus irgend ei- 
nem Grunde seiner Verrichtung vorzustehen unfähig geworden ist, 
das Blut der ihm innewohnenden eigentümlichen Lebensthätig* 
keit gemäfe andere Wege sucht, sich des zum Auswurf bestimm- 
ten , weil ihm fremdartig gewordenen , somit schädlichen Stoffes, 
zu entledigen (vikarirende Absonderungen). Ich erinnere nur an 
das Auffallendste, die Gelbsucht bei Leberverhärtung. In diesem 
Augenblicke behandle ich einen Mann in den mittleren Jahren, 



104 Rösck 

v 

dein der Biiueh über Alle« gfag, bte die neidischen Götter ihm die 
Freude vergälltet], indem sie ihm das Hauptorgan der Pforte, 
durch wefthe das Blut sich immerfort verbrauchter Stoffe entle- 
digt , die Leber, verdarben. Er wurde gelbsüchtig, matt, schläf- 
rig, das Essen und Trinken schlug nicht mehr an, wie bisher» 
allein er machte sich nicht so viel daraus und dachte, die gütige 
Natur, der er ungestraft schon so viel Ungebühr zugemuihet,. 
werde auch dieses Mal schon von selbst wieder helfen und Mei- 
ster werden. Indessen kasteiete er sich etwas und trank Caoo- 
statter Wasser. Allein es geschah nicht, wie er gehofft hatte, 
und er fand sich genöthigt, ärztliche Hülfe zu begehren. Gleich 
die erste Untersuchung zeigte mir die Leber von enormem Um- 
fange, hart, jedoch nicht uneben, den Magen vollkommen be- 
deckend und hier för Druck ein wenig empfindlich ; Zunge rein, 
fader, bäfslicher Geschmack, vermehrte Absonderung von gelb- 
geftrbtem SjAichel, leeres Aufstofsen, Appetit nicht viel vermin« 
dert, Druck im Magen nach dem Essen, manchmal Grimmen, 
Stuhl bröcklig, weifs wie Hundskoth, Urin schwarzgelb, Haut 
allenthalben intensiv gelb, im Gesichte in's Schwarze stechend, 
dabei grofse Mattigkeit, Schläfrigkeit, kein Fieber. Iqh verord- 
nete nun der Reihe nach sogenannte resolvirende, abfährende« 
auch drastische Mittel , Quecksilber innerlich als Calomel in raitt- 
leren und grofsen Gaben, allein und mit Rbeum, äufserlieh Ung. 
neapolit. , sodann Unguent. Kali bydriod., Pflaster von Cicuta und 
Seife auf die Lebergegend , endlich Fufsbäder mit Salpetersalz- 
säure, allmählig steigend geschärft ; kurz, ich that Alles, was man 
gewöhnlich in solchen Fällen thut, that es mit Conseqaenz und 
Beharrlichkeit, und Patient befolgte alle Vorschriften pünktlich. 
Allein es wurde nicht ums Quentchen besser , vielmehr hatte der 
Arme nun eine Zeit lang nebenbei auch noch von der Mediein zu 
leiden , wodurch er bedeutend herunter gekommen ist. Von den 
An- und Eingriffen der. Mediein bat er sich wieder erholt, im 
Uebrigen befindet er sich jetzt nach 10 Wochen wenig anders, 
als zu der Zeit, wo ich ihn übernahm: er ist matt und schläfrig, 
er hat Appetit , aber das Genossene drückt ihn im Magen , der 
Koth ist weifs und hat auch durch die Abführmittel , die er er* 



Scrofelsucht. 10& 

halten, immentllch durch Caloinel, nie eine andere Farbe ange* 
nommen (au&er durch Rheura und Jalape, welche Arzneimittel 
ihm ihren Farbstoff in etwas mittheilten) * der Urin ist schwarz« 
braun, die Haut gelb und schwarzgelb. So lebt dieser Mann 
fort , er geht aus ■> ifst und trinkt und schläft Wie lange wird er 
es wohl so treiben? Durch die Leber und den Darmkanal wird 
keine Spur von Galle abgesondert, dieselbe bleibt nun aber doch 
nicht im Blute, sondern wird von dem Blute auf anderem Wege 
ausgeschieden , sie wird durch den Urin , durch den Speichel* 
durch die Haut abgesondert, wird in alle Gewebe abgesetzt, sie 
legt sich auf die Nerven, auf das Gehirn, daher die Mattigkeit, 
die Schläfrigkeit u. s. w. Zu verwundern und für die Physiologie 
der Verdauung wichjtig ist es , wie die Assimilation , die Absehet» 
düng und Aufnahme des Nahrungssaftes ohne alle Zumischung von 
Galle zum Speisebrei Statt finden , so lange fast ungestört Statt 
finden kann. Patient magert zwar ab, jedoch nur- sehr allmälig* 

Was die von Bleifufs (S. oben) herbeigezogenen Agentien 
oder vielmehr Aeufserungsweisen Eines Agens, Magnetismus, 
Elektricität, Galvanismus betrifft, so schlage ich^ihre Bedeutung 
und Wirkungsäufserung im Organismus keineswegs gering an, nur 
mochte ich solche nicht auf die Nerven beschränken, sondern 
eben ao 9 und gewife mit gleichem Rechte, auch auf das Blutsy- 
stem, auf seine Strömung und Mischung beziehen, worüber ich 
abermals Garus zu vergleichen bitte. 

Zum Zustandekommen einer jeden Krankheit gehört die An* 
läge (sogenannte prädisponirende Ursache) , welche als der männ- 
liche, und die Gelegenheitsursache, welche als der weibliche 
Krankheitsfactor betrachtet werden kann (Stark, allgemeine Pa- 
thologie). Die Anlage zur Scrofelsucht ist in sehr vielen, ja wohl 
in den meisten Fällen angeboren , und zwar sind es nicht nur die 
Scrofeln selbst, welche sich auf Kinder und Enkel fortpflanzen, 
sondern auch andere Kachexieen und Dyskrasieen der Eltern und 
Voreltern, namentlich Gicht (Sebastian),. Tripper (Auten* 
rieth) und Syphilis, können bei den Erzeugten die Anlage zur 
Scrofelsucht begründen. Die Scrofelsucht ist, wie jetzt in so 
vielen Orten, so auch hier in Schwenningen sehr verbreitet, und 



UM Rösck 

es findet sich hier keine Familie, in der sie nicht vorkäme, wäh- 
rend doch einige weitverzweigte Familien vor andern mit dieser 
fatalen Anlage behaftet sind. Der hiesige Ort war vor dem drei* 
feigjährigen Kriege sehr bevölkert, und weit mehr als jetzt Un- 
mittelbar nach diesem grofsen Unglück Deutschlands befanden 
sich hier nur noch etliche und dreifsig Bürger, deren Zahl jedoch 
bald durch Wiederhereinziehen Geflüchteter und Ansiedelung 
Fremder, so wie durch Fruchtbarkeit der Fortpflanzung zunahm, 
und gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bereits auf 300 gestie- 
gen war* Mehrere der früheren Geschlechter sind ausgestorben, 
andere haben sich mehr und mehr ausgebreitet. Ganz außeror- 
dentlich zugenommen hat aber die hiesige Bevölkerung seit dem 
Anlange dieses Jahrhunderts bis jetzt, und .zwar mehr noch in 
der zweiten Hälfte der verflossenen 40 Jahre, als in der ersten, 
so dafs wir jetzt mehr als 800 Bürger und 4000 Einwohner haben; 
darunter sind nur wenige in den letzten 10 bis 15 Jahren Herein- 
gezogene, so dafs die Vermehrung last einzig auf die in einigen 
Geschlechtern ganz ausserordentlich starke Fortpflanzung kommt 
Die Bewohner haben von jeher fast nur unter sich geheirathet, 
so dafs wohl keine Familie sich hier befindet, die nicht näher 
oder entfernter mit allen übrigen verwandt ist Es befinden sich 
hier, die wenigen kürzlich Hereingezogenen ausgenommen, nicht 
mehr als 25 Familiennamen, so dafs von einem Geschlechte 150, 
von zwei andern je 100 männliche Individuen vorhanden sind, 
welche denselben Namen führen, und durchschnittlich auf einen 
Familiennamen 150 — 160 Glieder kommen. Wenn das fortge- 
bende Heirathen weniger Familien nur unter sich die Entstehung 
der Scrofeln, wenigstens die Anlage dazu begünstigt und her« 
vorruft, wie einige Schriftsteller behaupten, so könnte man den 
hiesigen Ort als Beweis anfahren« Hingegen wird die Fruchtbar- 
keit durch dieses Zusammenheirathen nicht vermindert, wie eben« 
falls der hiesige Ort klar beweist; vielleicht aber, dafs eben die 
Fruchtbarkeit der Familien, ibre Extensität auf Kosten der Inten- 
sität, der Kraft und Gesundheit der einzelnen Individuen geht, 
und dafs diese grofee Fruchtbarkeit in so fern auch die Anlage 
zur Scrofebuoht theilweise hervorgerufen hat Von Gonorrhoe 



Scrofelsucht. Hft 

und Syphilis kann man diese Sucht hier nicht ableiten, denn diese 
Krankheiten sind und waren hier immer selten, und nur von den 
Kriegsjahren her mögen noch einige Sparen eingeimpften veneri- 
schen 'Giftes vorhanden seyn. Ein Geschlecht befindet sich hier, 
welches vor kaum 130 Jahren durch einen aus einem benachbar- 
ten Orte hereingezogenen , mit der reichen Tochter des einzigen 
hiesigen Müllers, verheiratheten Stammvater, jetzt in der vierten 
und fünften Generation 38, gröfstentheils zahlreiche Familien bil- 
det Gerade dieses Geschlecht, als das reichste, hat von den 
ersten Generationen an meistens unter sich geheirathet, und die 
den Namen Burk fähren, sind grofstentheils jetzt in Gesichtszug 
gen und im ganzen Habitus einander ähnlich. Sie zeichnen sich 
fest alle aus durch Gröfse und ebenmäfsige Bildung des Körpers, 
feine, ausdrucksvolle Gesichtszüge, weifseHaut, blaue, seltener 
braune Augen, blonde oder braune Haare, ferner durch Verstand 

A 

und ein offenes , heiteres , edles Gemüth. Zum Erbe dieser Fa- 
milie gehurt die Scrofelsucht mit vorherrschender Reizbarkelt, 
Drüsenanschwellungen, Augen- und Augenliderentzündung, Otor- 
rhoe, Hautausschläge, seltener Bauchscrofeln, Rhacbitis. In ei- 
nigen andern ärmeren Familien kommen mehr die torpiden Sero- 
fein vor, mit tiefer gehender Entartung, neuerdings in einzelnen 
Fällen bis zur Entartung des ganzen Menschen zum Cretinismus. 
Diese torpiden Scrofeln scheinen aber auch in vielen Fällen erst 
erworben zu seyn. 

Die Einflüsse , durch welche die Anlage zu der Scrofelsucht 
erworben wird, sind häufig dieselben, welche mit der schon be- 
stehenden Anlage die Krankheit zeugen. £wei, dem Gedeihen 
der Kinder hier sehr förderliche Umstände in der Erziehung sind : 
1) dafs die Kinder alle von den Müttern , oft zum Nachtheil der 
letztern nur zu lange, gesäugt werden, 2) dafe sie während des 
ersten Vierteljahrs ihres Lebens täglich gebadet werden, wone- 
ben freilich noch manche Unreinlichkeit mit unterläuft. Diesen 
günstigen Umständen stehen aber folgende feindliche, welche 
theils die Anlage zur Scrofelsucht erst hervorrufen, theils mit ihr 
die Krankheit zeugen, entgegen. Die armen Kindlein werden 
von Stunde der Geburt an von den Achseln bis zu den Knöcheln 



108 Rösch. 

so eingefelscht » dl h. mit einer breiten Binde so fest umwickelt; 
dafs sie' sich nur mit dem Kopfe ein wenig rühren können. In die« 
ser Tortur erkälten sie sich nun auch leicht, weil der ganze Hals, 
sowie die Vorfüfse, unbedeckt sind, die Hautausdünstung ist 
ohnedies erschwert durch das feste Einpacken , bei dem Mangel 
an Bewegung entsteht leichter Frost, die Kinder verunreinigen 
sich viel öfter, als sie frisch eingepackt werden, der Urin erkal-» 
tet an ihrem Leibe u. s. w. So ist es denn kein Wunder , wenn 
hauptsächlich durch Störung der Lebensthätigkeit und Absonde» 
rung der Haut die Leber erkrankt, wodurch Gelbsucht entsteht» 
die in der Tbat unter den Säuglingen hier so häufig ist, dafs es 
für eine Ausnahme gilt, die die alten Weiber nicht gerne sehen, 
wenn einmal ein Neugebornes nicht gelbsüchtig wird. Ferner, 
ebenfalls Ton Stunde der Geburt an erhält das Kind einen dicken, 
fetten Mehlbrei, der ihm mit rauhem, ungewaschenem Finger ein- 
gestrichen wird, nachdem ihn die Mutter oder Wärterin vorher 
durch ihren Mund gezogen hat, und einen Schlotzer (Zulp) von 
mächtiger Gröfoe, aus grobem Tuch und mit Zucker und Brod 
(häufig schwarzem) gefüllt. Dies ist ohne Zweifel die Ursache 
davon, dafs bei weitem die meisten der hiesigen Säuglinge in den 
ersten Tagen und Wochen ihres Lebens aufser der Gelbsucht auch 
den Soor, die sogenannte Mundfäule, bekommen, welche, wie 
die Gelbsucht, für „gesund" gehalten wird. Drittens, wenn die 
Zeit des Badens vorüber ist, d. h. ungefähr nach einem Viertel- 
jahr, nimmt die Unreinlichkeit überhand, während das Stopfen 
mit dem, jetzt mit noch viel weniger Sorgfalt als zuerst bereitete» 
Brei auf die genannte ekelhafte Manier fortgeht ; die Mütter ha- 
ben nicht Zeit, sich mit den Kleinen abzugeben, dieselben sind 
Geschwistern oder nachlässigen Kindermägden, selbst Kindern 
übergeben, oder werden auch allein in das Zimmer geschlossen, 
und Niemand bekümmert sich um ihr jämmerliches Schreien halbe, 
ja ganze Tage lang. Die schwächlicheren Kinder ertragen eine 
solche' Behandlung nicht, sie werden dickbauchig, schmierig, 
siech, atrophisch, bekommen später Ausschläge, Drüsenanschwel- 
lungen , böse Augen , verfallen wohl auch in die englische Krank- 
heit u. s. w.. Andere trotzen jeder Mifshandlung , gedeihen bei 



Scrofelsucht lOft 

der fetten Milch* und Mehlkost, werden fett, und bekommen ein 
breit Gesicht , das hier zu Land für Schönheit gilt 

Die Assimilation kann eine Zeit lang ungehörig vor sich ge- 
hen , ohne dafs noch Krankheit entsteht ; die ungeeigneten Ele- 
mente, welche das Blut aufnimmt, werden durch eine veränderte 
und gesteigerte Thätigkeit der gewöhnlichen Absonderungsorgane 
immer wieder entfernt Erat wo diese Hälfe nicht mehr ausrei- 
chend ist, wo also die ungeeigneten Stoffe im Blute zurückblei- 
ben, in das Gewebe der Organe, in das Zellgewebe abgelagert 
oder, auf ungewöhnliche Weise seeerakt werden, und verschiedene 
Symptome auf eine im Ganzen verschlechterte Säftemasse hinwei- 
sen , ist Krankheit vorhanden. Die Krankheit selbst kann eine 
Zeit lang vorhanden seyn, ehe sie durch entschiedene Zeichen 
deutlich sich offenbart So sind in der Scrofelsucht zuerst viel- 
leicht nur einzelne Lymphdrüsen angeschwollen , es entsteht ein- 
mal eine Diarrhoe mit geronnenem Nahrungssaft, ein Ohrenflnfs, 
es sind besondere Gelöste, Launen vorhanden, die Faser ist 
schlaff, aber dies Alles ist noch nicht festgewurzeltes Leiden, 
noch nicht Krankheit, oder offenbart sich wenigstens noch nicht 
. entschieden als solche. 

Wie die Krankheiten, den Lastern gleich, alle im Bunde 
stehen, so können auch andere Krankheiten, namentlich Masern, 
Scharlach, Keuchhusten, mit der Anlage zur Scrofelsucht letztere 
hervorbringen, oder ihren Ausbruch und Wiederausbruch veranlas- 
sen, und es geschieht dies in der That sehr häufig. Weitere 
Gelegenheitsursachen der Scrofelsucht sind: wiederholte Erkäl : 
tungen, Schlafen in kalten und feuchten Gemächern, schlechte, 
blos vegetabilische Kost 

Das gemeinschaftliche Krankhafte in den zu Tage kommen- 
den Absonderungen der Scrofelsüchtigen , entsprechend der auf 
eine niedere Stufe zurückgesunkenen Lebensthätigkeit des 
Lymph- und Blntsystems, und der hieraus resultirenden Beschaf- 
fenheit der Lymphe und der parenchymatösen Bildungsflüssigkeit 
und des Bluts, ist Wäforigkeit, Eiweifs und Schleim, und vege- 
tabilische Säure, die bald als Essig- und Milchsäure, bald als 
Kleesäure und IJarnsäure erscheint 



110 Rßsch, ' 

Was mm die einzelnen Formen der Scrofelsticht betrifft, wel- 
che näher zu beschreiben hier nicht meine Absicht ist, so lassen 
sie sich etwa unter folgende Kategorieen bringen : 

1. Scrofelibrmen , welche unmittelbar auf Erkrankung . des 
Lymphsystems beruhen: Anschwellung und Entzündung von 
LympbgeflUsen und Lymphdrüsen* sowohl denen unter der Haut, 
als den im Mesenterium verlaufenden, die sogenannten Bauchscro- 
fein, Vereiterung und Verschwärung solcher Drüsen, scrofuluse 
Geschwüre, Lymphabseesse, die sich in der Folge so gern mit 
Knochenauftreibungen und Verschwärungen vergesellschaften. 

2. Erkrankung der. Secretiooen und ihrer Organe, durch wel- 
che die sogenannte Scrofelschärfe entfernt werden soll; Ohren« 
flufe, weifser Flufs der Genitalien, scrofulöser Ausflufs aus der 
Nase, chronischer Catarrh der Bronchialschleimhaut, Diarrhoe» 
abwechselnd mit Verstopfung, Würmer, in seiner Mischung ab* 
weichender Harn und daraus entstehende saure Harnconcremente, 
krankhaft veränderte Hautausdünstung mit folgender Entzündung 
der Haut und reichlicher Secretion gelatinöser, saurer, oder we- 
nigstens neutraler, eigentümlich riechender Auswurfstoffe durch 
die krankhaft ergriffene, mehr oder weniger ausgedehnte Haut- 
flache« Diese Secretionen, besonders diejenigen der Haut, sind 
zwar einerseits Offenbarungen der Krankheit, andrerseits sind sie 
aber auch reinigende Colatorien, die selten, von selbst oder durch 
unzweckmäfsige Anwendung äufserlicher Mittel u. s. w* , unge- 
straft geschlossen werden. Harnsteine bei Kindern, am häufig- 
sten von \ bis zu 3, . aber auch noch bis zu 14 Jahren, sind hier 
und in der Gegend ziemlich häufig, während seit Menschengeden- 
ken kein Harnstein bei einem Erwachsenen vorgekommen ist 
Alljährlich kommen mir mehrere Fälle vor , dafs Knäbchen von 
Harnverhaltung mit heftigen Schmerzen befallen werden ; die Un- 
tersuchung findet einen Harnstein in der Harnröhre, der durch 
Manipulationen, Pincetten u. s. w. , oder am einfachsten und 
leichtesten durch den Schnitt entfernt wird* — Ich habe in der 
einen Niere, eines einige Monate alten, an Atrophie verstorbenen 
Kindes mehrere Harnsteinchen gefunden, die nach Rampold 
gröfatentheils aus Harnsäure und harrateurenq Ammonium bestan* 



Scrofelsucht. 111 

, welche Bestandteile überhaupt die vorwiegendsten bei die- 
sen Steinen sind ; kleesaurer Kalk findet sieh nicht so häufig. 
Kürzlich schnitt ich einen Stein aus der Harnröhre eines 2| Jahre 
alten Knaben» der von früh auf nicht gedeihen wollte, ein Jahr 
alt gegen Bauchscrefeln mit Abzehrung mit gutem Erfolg den Le- 
berthran nahm , jetzt gesund ist und blühend ausstellt. Demsel- 
ben Knaben sind vor einem halben Jahre innerhalb 8 Tagen 4 
Harnsteine, von der Gröfse einer Wicke etwa, wie der letzte, 
theils von selbst durch die Harnröhre abgegangen, theils durch 
Saugeil der Mutter an dem Gliede herausbefördert worden. Die 
5 Steine sind fast 'glatt, hellbraun, abgeschliffen, unregelmäfsig 
eckig, scbalig, doch hart Der Urin war nach der letzten Ope- 
ration klar, gelb, mittel -sauer reagirend, von dem gesunden Kin- 
derurin in keinem Stücke verschieden. Ohne Zweifel waren die 
Steine allesammt nur Reste früherer Krankheit , früherer Scrofel- 
sucht. So seheint es sich gewöhnlich zu verhalten, denn meist 
waren es bis jetzt blühende und gesunde Kinder, zu denen ich we- 
gen Harnverhaltung durch einen Harnstein in der Harnröhre geru- 
fen wurde. ( Vergl. H e y f e I d e r , Studien, 2. Tbl. S. 209. ff.) 

3. Ablagerung krankhafter Stoffe in das Zellgewebe und in 
das Gewebe der Organe, namentlich Tuberkeln und tuberkulöse 
Infiltrationen, seltener Markschwamm. 

4. Erkrankung verschiedener Organe in Folge schlechter Er- 
nährung, insbesondere der der Verdauung dienenden Organe und 
des Knochensystems, hauptsächlich als Erweichung und Auflö- 
sung sich aussprechend. Ich berühre die Magenerweichung der 
Kinder, so genannt von dem Leichenbefund , welcher, von Hun- 
ter und Andern nach ihm für blofse sogenannte Selbstverdauung 
angesehen , jetzt von den gediegensten Forschern als krankhaft, 
wenn gleich unter Mitwirkung chemischen Einflusses nach dem 
Tode, nachgewiesen und anerkannt ist, worüber man besonders 
eine sehr lehrreiche Abhandlung Hauffs in den Heidelber- 
ger medicinischen Annalen (6; Bd. 3. H. S. 443. ff.) nachlesen 
mag. Die gallertartige, gewöhnlich von der Schleimhaut ausge- 
hende und die. hintere Wand, den Blindsack und die grobe Krüm- 
mung betreffende Erweichung de» Magens ab solche kann aller- 



112 Rösch. 

ding* * wie Hauff richtig bemerkt, Im Lebdn nicht erkannt wer* 
den, denn sie ist im Leben (wenigstens in der Art» wie man sie 
in der Leiche findet) gar nie vorhanden; wo sie vorhanden ist, da 
ist der Tod. Bekanntlich stritten sich die Aerztö, ob die Magen- 
erweichung auf „Entzündung" beruhe oder nicht. Man unterschied 
hierbei Stase» und Pblogose eben nicht, und die Eotzüodungsmänr 
tier fragten hier eben so wenig als sonst nach dem mit dieser Eni* 
Zündung verbundenen oder ihr zu Grunde liegenden J£rankheifs« 
procefs, wobei ich jedoch Winter ausnehmen mufs, der die 
Entzündung mit dem Ausgange in Erweichung näher als *e»e seh 
che bestimmt, die nur in einem disponirten Kürper vorkomme, 
welche Disposition er in dem Blute und seiner von der Norm ab? 
weichenden Beschaffenheit findet. Der Knoten ist, glaube ich* 
su lösen , ohne dafs man ihn mit dem Schwerte zerhaut. , Die Er* 
weichung, von der hier die Rede, beruht nicht auf Entzündung; 
eisie ist kein Ausgang der Entzündung, sondern sie beruht auf 
ner eigentümlichen primären Gewebeveränderung, bervorger 
gangen aus der Scrofelsucht, zu der wohl auch am Ende, also 
rein seeuudär, eine, jedoch immer unbedeutende, örtliche Rea- 
etion im Blutsysteme, d. h. Entzündung, Stase, hinzutreten kann. 
Barkhausen, weist durch Seetionen eine Vergrufserung und 
Entartung der Schleimbälge der Schleimbaut des Magens als con- 
stante Erscheinung bei an dieser Erweichimg. verstorbenen Kin- 
dern nach; er fand oft aufser der gallertartigen Magen- und Dann* 
erwelchung Desorganisationen der Gekrus» und Darmdrüsen, der 
Leber u. s. w. (S. Hufeland's Journal, 75. Bd. 5. St., He* 
cker's neue Annale», 3. Bit 3. H. VergL Hirsch in.Hufe- 
1 and 's Journal, 90. Bd. 4. St) Die kranken Drüsen sondern, eit 
nen zu sauren Magensaft ab , das ganze Gewebe lockert sich auf; 
und die Auflockerung und Erweichung geht im Tode durch wei- 
tere chemische Einwirkung des sauren Magensaftes auf die aufge- 
lockerten, erweichten Häute in vollständige Auflösung über.. Der 
Habitos der Magenanflosung ist derselbe, welcher die Scrofel- 
sucht überhaupt charakterisirt, nur ist die, Schlaffheit noch grüfser, 
als dies *bei andern Formen dieser Sucht der Fall zu seyn pflegt. 
AitCser dieser idiopathischen, scrofolüsen Magener wekhung nun 



' Scrofelsucht. IIS 

gibt es eine deuteropafhiscbe, aus der Entzündung sich entwickeis- 
de, durch« -sie bedingte. Der bewegliche Organismus des Kin- 
des mit seiner überwiegenden Saftemasse ist zu Congesikraen und 
Entzündungen (Stasen), die zuweilen, einen buchst acuten Verlauf 
machen , sehr geneigt Solchen Congestionen und Entzündungen 
ist ganz besonders der Magen des Kindes ausgesetzt, der so viel 
zu leisten hat , dem so viel Ungebühr zugemutbet wird, derer- 
fahrungsma&jg . epidemische Einflüsse ganz besonders leicht : und 
stark empfindet So kommen denn Fälle von höchst acuter Ma- 
generweichung . oder vielmehr Magenentzündung mit dem Aus** 
gange in Erweichung vor, bei. Kindern, die nicht scrofelsüchtig 
sind, vielmehr bisher der besten Gesundheit sich erfreut hatten; 
in den Leichen der an solcher Magenerweichung verstorbenen 
Kinder findet man denn auch die Zeichen Statt gehabter Entzün- 
dung so ausgeprägt, dafe man letztere in der That für wesentlich 
halten mufs. Der Ausgang der aus irgend welcher Ursache ent- 
standenen, mit irgend welchem Krapkheitspreeefe verbundenen 
Entzündung in Erweichung aber erklärt sich durch die dem kind- 
lichen Organismus eigene ganze Constitution (S. oben) mit der 
Neigung zur Gedunsenheit, zur Wasserbildung, zur Auflocke- 
rung des Gewebes, besonders solcher Organe, die ohnehin eine 
weiche Textur babep» wie das Gehirn und Rückenmark, die' 
Schleimhaut , Milz , Leber u. s. w. Um so eher wird natürlich 
eine Entzündung den Ausgang in Erweichung nebinen, je mehr 
zu der allgemeinen Dispositfaff tos kindlichen Organismus die be- 
sondere zur Scrofelsucht kommt, und so kommen denn aueb Ue- 
bergänge vor von der idiopathischen. scrofidiisen Magenerweichung 
zu der deuterppathischen, t als Ausgang von Entzündung zu betrach- 
tenden. Hierbei kommen natürlich auch die verschiedenen ander* 
weitigen Krankheitsprocesse in Betracht , welche in dem einzel- 
nen Falle zu der Entzündung Veranlassung geben, sich mit ihr 
verbinden. Es wäre ohne Zweifel zweckmäfeig, wenn man den 
Namen Magenerweichung beibehalten will, denselben allein für 
die auf Scrofelsucht beruhende Erweichung zu gebrauchen« Diese 
auf scrofulOser Basis ruhende Magenerweichung kommt nicht plötz- 
lich heran, sondern sie hat ihre Vorzeichen, die dem Arzte die 

8 



114 Rösch. 

GeJahr zeigen, dkl flim den Wink geben, dafb die Affective de« 
Magens und Darmkauais, die er vor sich hat, sehr wahrscheinlich 
mit tfidttfeher Erweichung endigen werde, wenn es nicht gelingt, sie? 
lurfifikeubttdeB, zu heilen. In dieser Hinsicht kann atlerdiugg von 
einet Therapie der Magenerweiebong die Rede seyn, die, bei Zei- 
ten eingeschlagen, durchaus nicht ohne alle Aussicht auf Erfolg 
ist, wie mich mehrere eigene Beobachtungen lehren. Das Wi- 
dersprechende, das man in den Symptomen gefunden hat (8. 
Hauff a. a. O.), röhrt eben grtifstentheils daher, dafo man die 
idiopathische von der denteropathischen, dafs man die serofnlSse 
Erweichung von der ans andern Krankbeitsproeessen und deren 
Verbindung mit Entzündung entstandenen nicht unterschieden hat 
Allerdings aber machen die Ueberg&nge diq Unterscheidung oft 

* 

schwierig. Ausserdem Ist sich stets daran zu erinnern, dafs auch 
Wer» wie bei andern Krankheiten, und hier besonders, nicht ei« 
lüge wenige» sogenannte pathognemiscbe, Symptome es sind, de* 
ren Vnrbandenseyn die Diagnose* sichert, sondern dafs nur der 
gewannte Habitus der Krankheit nebst der AetieJogie entschei- 
det. Ich erlaube m)r auf meine „Untersuchungen" 2. TW. &. 110 ff. 
zu verweisen. . iv 

Die. aerofiilBse Ophthalmie, eine der häufigsten und be- 
stjnyntpit charakterishrten Formen der 8crofefsneht, ist wohl zu 
betrübten als Auflockerung und Erweichung verschiedener Ge-- 
webe .des Auges» namentlich der Bindehaut der Augenlider und ih- 
re* Dränen, der Bindehaut des ^AgafMs selbst, der Hornhaut, 
verbunden mit einer mehr oder weniger bedeutenden Stase, oft 
endigend in Versch wäroug ; hingegen haben die Nerven des Au- 
gen d«A o&nbnarten Antbeil, wie die Lichtscheu , das Schielen 
boyffaen» und man kann sich, wenn man so eine trübe, rauchige, 
ge*c]hjvHiijige Hornhaut mit den rothen Geföfseo ansieht, der Ver- 
gl^Achupg mit den Folgen der von mehreren Physiologen ange- 
stellten Dwrchschnetdung des Augenastes des THgetninus nicht 
ew/ahaen» 

Dis KAüdnensystem wird httufig genug der Schauplatz der 
Scjefefenjll** mi der attgeraemste Charakter ist auch hier Auf- 
loekeruQg» Erweichung/ Versebw&mng ; die Knochen werden gal- 



Scrofels'ticht. 115 

leitartig, schwammig, durdl Auflosung der Knochenerde und ver- 
minderte Ablagerung von solcher in dieselben aus dem Blute. 
Rhacbitis ist nichts Andere*, als im ganzen Knochensystem, mit 
Einschlufs der Zähne , sich offenbarende Scrofelsucht. Am mei- 
sten leiten bekanntlich die Epiphysen, welche auch im normalen 
Stande am spätesten verknöchern. Die langen Knochen werden 
krumm durch den Zug einzelner Muskeln, durch das Gehen und 
den Gebrauch der Glieder überhaupt, die Wirbel weichen aus ein- 
ander, seitwärts, auswärts oder einwärts (Skoliosis, Kyphosis, 
Lordosis); die platten Knochen des Gesichts und des Schädels 
werden flacher, dieSuturen treten von einander, und die Knochen 
vereinigen sich später wieder in Winkeln, daher das Breite, 
Eckige des Gesichtes und Schädels der Rhachitischen. Häufig 
findet man neben rhachttischer Anschwellung der Epiphysen, rha- 
ehkiecher Verkrümmung des BrtistkaBtetis u. s. w., Drüsenan- 
schwellungen, Bauchscrofeln und andere unmittelbarere Symptome 
eines Leidens des Lymphsystems. Ich hatte vor einiger Zeit ein 
Sjähriges Mädchen in Behandlung, welches zu gleicher Zeit an 
einem impetiginösen Kopfausschlag, Drüsenanschwellungen am, 
Halse, dickem, vollem Bauch mit unregelmäfsiger Oeffnung, Au 
genliderdrüsenentzfindung mit aufsetordentlicher Lichtscheu, ver- 
bunden mit kolbiger Anschwellung der äufsersten Phalangen aller 
Finger , bei remirtirendem Fieber litt, und durch Abzehrung starb. 
Gegenwärtig behandle ich ein 2| Jahre altes Mädchen mit grobem 
Bauch, rhachitisch verkrümmten» Brustkasten, scrofulöser Au 
geulider- und Hornhautentzündung, impetiginösem Ausschlag im 
Gesicht, ebenfalls mit remittirendem Fieber. Bei beiden Kindern 
ist die empfindliche, launische Gemfithsart besonders au bemer 
ken. — Wo die Auflockerung und Erweichung, auf einzelne Kno 
* eben und Glieder sich concentrireud, dgnnoeh aber oft zu gleicher 
Zeit mehrere, theils lange Knochen, und hier hauptsächlich wie- 
der die Epiphysen, theils kurze, wie Hand- und Fufswurzelkno- 
efaen ergreifend, mehr ältere Kinder befiillt, da entsteht gewöhn- 
lich eine mehr oder weniger starke örtliche Reaction, Entzündung 
mit nachfolgender AbUitterung (bei den Röhrenknochen) oder 
VerscbwfiruDg (bei den kurzen, compacten Knochen), und man 

8* 



116 Rösch. 

nennt das Leiden, nicht sehr passend, Paedarthrocace. Diese Art 
der Knochenscrofeln wird besonders häufig um die Zeit der Puber- 
tät und selbst noch nach derselben beobachtet Kürzlich wurde 
meinRatb begehrt für einen 20jährigen jungen Menschen, der, seit 
5 Jahren leidend, eine wahre Musterkarte der schlimmsten scro« 
fulosen Krankheitsformen darbietet Dieser Mensch überstand 
vor 5 Jahren die Pocken in hohem Grade, obwohl er in der Kind- 
heit, den hinterlassenen Narben und dem Impfscheine nach, gut vac- 
cinirt war; unmittelbar darnach schwoll eine Lymphdrüse am Hals, 
sie brach nach einigen Wochen auf, es schwollen noch mehrere, 
auch diese brachen auf, alle entleerten serösen Eiter, gingen in 
der Folge in grofse Geschwüre über, welche sich erst nach Jahr 
und Tag schlössen, und sechs grofse sehr entstellende Narben hin- 
terlassen haben. Noch ehe diese Geschwüre vernarbt waren, 
vor 3£ Jahren , entstand eine Anschwellung des linken Ellbogen-* 
gelenks und des ganzen Vorderarms, welche weich, elastisch war, 
und nach einiger Zeit am Gelenk unter Ergufs von serösem Eiter 
sich öffnete; jetzt ist der Arm unbeweglich flectirt, das Gelenk 
verwachsen, das Olecranon liegt blos und ist cariös. Ein halbes 
Jahr später fing der Tarsus des linken Fufses an zu erkranken, 
und auch hier kam es zum Aufbruch an mehreren Stellen; jetzt 
befinden sich dort drei grofse fistulöse Geschwüre, von denen die 
zwei äufseren mehr oberflächlich sind , das dritte mittlere in die 
Tiefe in und zwischen cariöse, seh wammig-löcherige Knochenmasse 
durchfährt. Seit einem Jahr besteht ein. scrofuloses Geschwür 
auf der zweiten Rippe linker Seite. Die Respiration ist kurz> 
schnell , der Kranke hustet zuweilen , besonders Morgens , meist 
trocken, Morgens aber mit Auswurf einiger kleinen glatten Klump- 
chen, der Athem stinkt, die Auscultation zeigt auf beiden Seiten 
oben vorn und hinten schwache, halbunterbrochene Respiration, 
die Percussion ist hier matt, ohne Zweifel sind Tuberkeln in den 
Lungen vorhanden ; der Puls ist klein , schnell , Nachschweifee, 
Fieberbewegungen (hektisches Fieber) ; Appetit ordentlich, Stuhl- 
gang consistent, ziemlich geregelt; grofse Abmagerung, dünne 
Haut, äufserst bleiches, blutleeres, leichenhaftes Aussehen. Ich 
verordpete dem Patienten den Leberthran, zum inneren und Hube- 



Scrofelaucht. 11? 

reo Gebrauch , neben sorgfältiger Diät Er kam 14 Tage später 
wieder mit besserem Appetite und vermindertem Fieber, sonst in 
gleichem Zustand. Seither, d. h. seit zwei Monaten, habe ich 
nichts mehr von ihm gesehen und gehurt — Zuweilen wirft sich 
der Procefs vorzugsweise auf ein Gelenk (Coxarthrocace , Gonar- 
throcace, Spondylarthrocace u. s. w.), und hier ist dann oft der 
Fall, dafs die Erkrankung ursprünglich nicht von den Knochen 
und Knorpeln ausgeht, sondern von den das Gelenk umgebenden 
Weichtbeilen, namentlich dem Zellgewebe, welches mit scrofulo- 
sem Stoff infiltrirt wird, und von wo aus erst allmähüg die Gelenk- 
bänder, Knorpel und Knochen aflßcirt und ins Verderben gezogen 
werden. So verhält es sich wenigstens immer mit der sogenann- 
ten weifseo Kniegeschwulst welche nebst der Höftgelenkskrank- 
heit hier nicht selten beobachtet wird. 

5. Erkrankung des Nervensystems, Gonvulsionen, unmittelbar 
vom Gehirn ausgehend , und Krämpfe in verschiedenen Provinzen 
des Nervensystems, selbst Lähmungen sind keineswegs seltene 
Symptome und Krankbeitsformeu der Scrofelsucht Das Nervensy- 
stem der Scrofelsöchtigen erkrankt auf doppelte Art : a) in Folge 
schlechter und mangelhafter Ernährung,, durch qualitative Verän- 
derung und Mangel der Säfte; b) in Folge von unordentlicher Be- 
wegung der £äftemasse* durch Andrang und Stagnation des Blu- 
tes. Häufig sind beide Zustände, nämlich Erkrankung durch das 
schlecht beschaffene Blut und durch congestive Reizung, mit ein- 
ander verbunden. — Erhält das Gehirn zu wenig und schlecht 
beschaffenes, nicht vollkommen ausgebildetes Blut, so werden 
seine Functionen nothwendig unvollkommen, schwankend, unor- 
dentlich. Daher die Convulsionen, welche schon Hippokrates 
von Säftemangel ableitete, die Eklampsie schlechtgenährter, atro- 
phischer, blasser, gedunsener, schlaffer, kraftloser, scrofuloser 
Kinder. Hierher gehurt dann auch der Stimmritzenkrampf junger 
Kinder, von welchem ich immer nur schwächliche, schlaffe, scro- 
fulose, rhacbitische Subjecte befallen werden sah. Findet man 
auch häufig in den Leichen der an dieser Krankheit gestorbenen 
Kinder die Thymus zu grofs, fleischig, blutreich, so ist dies doch 
nicht immer der Fall, und diese Vergrößerung der Thymus jjst 



IIA ' Rösch. 

keines Falk die einzige wesentliche oder nächste Ursache de» 
Krampfes. Mit diesem Krampf der Stimmritze verbunden sind 
gewöhnlich Convulsionen anderer Art» als Verdrehen der Augen, 
Verdrehung und Steifwerden der Arme und Bänden In einem 
noch nicht veröffentlichten Fall, den ich kürzlich beobachtete, 
gingen allgemein convulsiviscbe Anfälle dem Auftreten des Stimm* 
ritzenkraropfs längere Zeit voraus» bis der Kleine, dessen Habi- 
tus äufeerst schlaff und gedunsen war, endlich anfing, den Athem 
periodisch einzuhalten, in welchem Falle also die Convulsionen 
von dem Asthma und der Vergrößerung der Thymus, als dessen 
muthmafslicher nächster Ursache, nicht hergeleitet werden kön- 
nen. Das Kind genas (S. unten). Die Auscultation und Peronch 
sion liefs in diesem , wie in mehreren andern von mir beobachte- 
ten und geheilten Fällen, nur sonores Broochialrasseln und Pfei- 
fen , hingegen durchaus nicht die Gegenwart einer Vergrößerung 
der Thymus, als einer compacten, die Bronchien und Lungen 
teilweise bedeckenden Masse, wahrnehmen. Uebrigens ver- 
weise ich den geneigten Leser auf meine Abhandiaogen in Hu* 
feland's Journal, Januar 1836 und Januar 1840. 

Ich habe in meinen „Untersuchungen" (2. Tbl. S. 79 ff.) de» 
Fall einer unvollkommenen , durch Leberthran bedeutend gebes- 
serten , aber bis jetzt nicht vollständig geheilten , Hemiplegie bei 
einem 15jäbrigen scrofulOsen Mädchen nach vertriebenen Acbo- 
res erzählt. Ein älterer Bruder dieses Mädchens, mit stark aus- 
geprägtem torpid-scrofulosem Habitus, bat Lordosis und geht nur 
mühsam, ein jüngerer, oft halb kreuzlahm, kann sich au» gebück- 
ter Stellung nicht aufrichten, ohne die Hände aufzustützen , keine 
Stiege steigen , ohne sich zu halten n. s. w. , ist sonst gesund, 
sein Habitus ist aber ebenfalls serofutöss blasse Farbe, Gedunsen 
heit, dicke Lippen, Trägheit u. s. w. 

Es ist bekannt, dafs bis heute unter der Benennung Hydro- 
cephalus acutus von den meisten Aerzten verschiedene Krank» 
heitsformen, und, wie ich die Ueberzeugung habe, selbst verschie- 
dene Krankheitsprocesse zusammengeiafst worden sind. (Vergl. 
„F. Jahn, Versuche filr die praktische HetMoinde. 1. Heft. Ei- 
sefecbl835" und meine „Untersuchungen u.s.w»" 2. Tbl. S.9fiff«) 



ScrafeUucht. 11» 

Es ist aus den bereits oben bei der GastromalacSe angegebenen 
Gründen einleuchtend , dafs Hirn und Hif ahauteeitzuodusg der 
Kinder leicht den Ausgang in Wasserergiefaysg und Erweichung 
niuiint. Hiervon ist aber hier nicht die Rede. Hier bandelt es 
sich von de^enigen Gehirnwasseraoeht, welche von vom berein, 
primär, als solche auftritt, und Congestian und Entatindiiog, als 
Reactioa, erst aur Folge hat Ihr liegt eine innere Disposition* 
eine Anlage» eine besondere Te&den* aur Wässerjuldung und 
Erweichung au Grund; mit ihr ist verbunden ein eigener Habitus* 
und dieser ist kein anderer als* der scrofulose. Auch dieser Hy- 
drocephalus ist eine der vielen Ausdrucksweisen der weifeen Dys» 
krasie, der Serofeisucht. Hier tritt der doppelte Charakter die« 
ser Sucht, der torpide und der eretUecbe besoedets vor« Daher 
sind die Kinder, die vom Hydroeepbahie befallen werden und de* 
nee diese schlimme Krankheit droht, theils s#br refiabare, blühen- 
de, lebendige, feingebüdete, talentvolle, theils wenig reizbare, blafe 
und gedunsen aussehende, unlebendige, greibgebildete, dumme 
Kinder,' wobei freilich auch Uebergüpge vprkommea. Die Resction 
gegen die beginnende Auflösung des Gehirns, die Coagestieu* 
Irritation, Entzündung, ist sehr verschieden, und trögt gewtihnUcb 
selbst noch ihren Tbeil au der . Tudtlicbkeit der Krankheit, sobald 
jmo irgend ausgebildet, bei; aus dieser Verschiedenheit de* 
Reaction erklären sieh dann auch so manche 4er ypn den Patholo- 
gen angenommenen Formen der hitzigen Gehirnwensersuebt (Vgl» 
„Krebs, über die Natur und Behandlung des sogenannten httn 
aigen Wasserköpfe und einiger äbnüpheu Krankheiten, Qeiuv 
brück 1835.") 

Coovulsionen kommen , wie bereits gesagt, in der Seroiel* 
sucht nicht nur von Blutamutb , sondern auch 'von Blutandrang/ 
Rh*t&b£ r föH UD g vor, und ist Letzteres, sogar der gewobnliefcfere 
Fell* Kinder mit scrofulosera Habitus , groftfero Kopf, übrigens 
woMgepährt,. fett , werden, oft ohne wabraehiRbaf e Veranlassung^ 
hanfig nach schnell von selbst oder durch Salben geheiltem. Kopf» 
ausschlug, mit starker klebrig-seröser Absonderung, von 4en hef- 
tigsten Krämpfen befallen. Das Gericht ist oft Uauroth iurgescb 
read , oft abqf auch Uafs , 4a* Auge glknat, dier Ca* othtea pm k u 



IM R&sch. 

?en, 3er kalte Schweif» steht auf der Stirne. Befreiung des Ge- 
hiras von dem Uebermaafs des Bluts, von dem es gedrückt ist, 
ist hier Indicatio vitalis \ nachher ist die Scrofelsncht als solche 
Sri behandeln« 

Es gibt unglückliche Individuen, welche einen zu kleinen Kopf, 
zu wenig Hirn mit auf die Welt bringen, und daher Idioten bleiben, 
sogenannte Hirnarme, deren ich mehrere in meinem Wohnort 
Schwenningeu hatte und noch habe. Es lassen sich auch hier 
scroftriöse Keime nachweisen. Die Hirnarmuth kommt in gewis- 
sen Familien vor, welche offenbar mit Scrofeleucht behaftete Glie- 
der haben, sie wird vorzugsweise in den Hätten der Armen' genin« 
den, die Hirnarmen selbst haben oft Drüsenanschwellungen, Kopf- 
ausschläge, sie haben rhachitische Bildung und Verkrümmung 
der Knochen, leiden an Krämpfen epileptischer Art, An Contrac- 
turen, die zuKlump-Füfsen und Händen Veranlassung geben. Ich 
werde an einem andern Ort meine Beobachtungen und Ansichten 
hierüber näher , daliegen. 

• 6. Endlich gehört noch hierher diejenige Entartung des gan- 
zen Menschen* psychisch und somatisch, nach der animadeti und 
vegetativen Sphäre, welche man € retin Ismus genannt hat. Es 
handelt sich hier nicht blos um einen Mangel des höheren anima- 
foa Lebens und der diesem dienenden Organe* wie bei der Hiht- 
armutb, sondern, wie gesagt, um eine Entartung, nicht allein des 
Gehirns' und des gesammten Nervensystems, sondern auch 
des gesatnmten Btutsystems, und sonirt des ganztti 'Organismus. 
Wenn es irgend erlaubt ist, bei so allgemeiner Entartung den 
hauptsächlichsten Grund und Ausgangspunkt in dem einen der 
herrschenden Systeme de» Organismus zu suchen, so finden wir 
uns auf das der Vegetation, der Ernährung dteneride Blutsystem, 
und zwar die unterfete'Stttfe desselben, das Lym^hsystem, vefwie- 
stti. Der Gffetinismus hat mit dem Habitus des mit der-Scrofel* 
sucht torpiden Charakters Behafteten' gemein die grobe Bildung 
des Gesichts und des ganzen Körpers, dte Gedunsenheit und 
Schlaffheit, das blasse und hlafsgel Wiche Aussehen , endlich die 
Gefrftfeifekeit , die Lust nach Befriedigung thierisdiet Appetite, 
entsprechend der eben angedeuteten psychischen Bedeutung des 



Scrofelsucht. 121 

Lymphsystems. Die bei den Cretinen selten fehlende Anschwel- 
lung und lymphatische Infiltration der Thyreoidea und- des Zellge- 
webes des Halses weist wohl ebenfalls auf Erkrankung hin. 
Ueberdiefs leiden Cretinen gar nicht selten an Anschwellungen 
lymphatischer Drüsen , Ausschlägen scrofuloser Art, scrofuloser 
Augenliderentzündung, Ohrenflufs, Knochenleiden rhachitischer 
Art. Der Cretinismus kommt in Familien und an Orten vor, wo 
auch die verschiedenen und die schlimmsten Formen der Scrofel- 
sucht angetroffen werden. Nachdem jetzt in meinem Wohnort 
Schwenningen die Scrofeln so häufig und schlimm geworden sind, 
föngt auch der Cretinismus an, in mehreren Exemplaren unter der 
jüngeren und jüngsten Generation sich zu zeigen. Der Cretinis- 
mus ist somit zu betrachten als eine Steigerung der Scrofelsucht, 
eine Entartung des Lymph- und des gesammten Blutsystems, in 
der Art, dafs durch sie nicht allein verschiedene und bald diese 
bald jene Systeme und Organe erkranken, sondern dafs die Sy- 
steme und Organe alle zusammen, dafs der Organismus in seiner 
Gesammtheit erkrankt und degenerirt. S t e i n h e i m nennt die Cre» 
tinen die ScMeimthiere des Menschengeschlechts, und meint, ihre 
ganze Körpergestalt sei der Ausdrude des inneren Zustande« ih- 
rer Säftetaasse. Bier nur so viei*fiber einen Gegenstand, den 
ich später in einer besonderen Darstellung nach eigenen Beobach- 
tungen und Untersuchungen ausführen werde. 

Wir haben nun das Charakteristische der Scrofelsucht und 
deren viele Ausdrucksweisen , . freilich nur in den allgemeinsten 
Umrissen, mit steter Hinsicht auf dieses Charakteristische, darge- 
stellt Wer uns vorhalten wollte, dafs wir den Begriff der Sero* 
feisucht zu weit gefhfat, der- möge bedenken, dafs wir uns nicht 
eine KWnkbeite form, sondern einen Krankheitspro cefs zum 
Vorwurf unserer Darstellung gemacht haben, einen Krankheit*» 
procefs»' der an sich viehimfassend ist; viele andere Krankheitspro*» 
cesse berührt, mit vielen andern Krankheitsprocesseu Verbindun- 
gen «Ingebt, zum Tbeil wirklich mit ihnen verschmilzt Die The* 
rapie, gestützt auf diese unsere pathologische Auseinandersetzung, 
wird in einem zweiten Artikel folgen. 



Receiisionen. 

Pathogenie,\onT)r. Moritz Ernst Naumann, ord. Prof. 
d. Med. zu Bonn , u. 8. w. Berlin, bei Rücker o. Ptich- 
ler. 1840. S. XXII. 690. 

Recensirt von Dr. HL ÜAMleff* 

»Schon di0 Zahl der seit einem Jahre erschienenen Schriften über 
«Hgemeiuft Pathologie und Therapie läfet erkennen, dafs das Be* 
dtirf atf« des Fortschritte in diesen so wichtigen Doetriaoo ein sehr 
lebendiges geworden ist; eine oftbere Ansicht dieser Schritte* 
aber ergibt Im Allgemeinen da« erfreuliche Resultat* dafs die wich* 
tijgstee derselbe» zu diesem Fortsehritt wesentlich beigetragen, dafc 
ihre Verfasser vor Alton die Notwendigkeit erkannt haben, die seit 
Gaubins bis auf Stark, abgesehen von den Leistungen $er 
Naturphilosophie, ziemlieb unverändert gebliebene Lehre mit den 
Fortschritten der Physiologie in Uoberstimmung 
■ii bringen. 

Untet d*n uns zur Beurtbellung vorllegeadenSehriften gebftjbrt 
der zuletzt erschienenen ,»Fa4hegenie" NaumaatTs nach 
Umfang und Werth die erste Stelle. Dieselbe ist nach Tsude*** 
Form und Gebalt durchaus höchst tebtungswertb, und wird eine 
HHSbarim Zierde uneteü vaterländischen Literatur bilden- Ein 
VrtheH y H'ekbes forum So uoparteüscberwrrd g*Uan können, ai»wk 
in tiefen, selbst in wesentlichen Punkten mti den Ansichten des 
Verfs, nicht tteieinstimmeif können. Was diese Schrift aber na- 
mentlich für den gegenwärtigen AfugmUfek *o bedeutend macbk 
das ist die scharfe, niemal* indefe den Charakter des wbpen* 
schaftlichen Anstanden verlierende , «Opposition derselben gegen 



Naumann* Pathogenie. 189 

viele neuerdings zu grobem Ansehn gelangte Meinungen., beäou* 
ders gegen das Stark'sche Werk und gegen die unter dem Na« 
men Schön lein's bekannten und von mehreren seiner Schälet 
vertbeidigten Ansichten. 

Man kann sagen» dafs die Aeriste in Besug auf ihr allgemein« 
pathologisches Glaubensbekenntnifs gegenwärtig in zwei Klassen 
zerfallen; die rein empirische und die naturphiloso- 
phische, die ihre Extreme und. ihrJuste-milieu haben. Mau* 
mann gehört, unbeschadet seiner vollMtamenen Selbstständig- 
keit, zu dem letzteren. Er sieht die „TjKtsaehen" als notbwen* 
dige Grundlage der philosophischen Dentnng an, er aohtet die 
naturphilosophische Abstraction sehr hoch, aber nur insofern sie 
auf dem festen Boden der naturwissenschaftlichen Erfahrung ruht« 

Das Buch handelt zunächst von der Pathogenie.» weil diese 
nach der Ansicht des Vfs. den wichtigsten Theil der allgemeinen 
Pathologie bildet, weil aus ihr alle wahrhaft wissenschaftliehen 
Forschungen Aber Erkrankung und Genesung herzuleiten sind, 
und nur zufolge ihrer Begründung in der Pathogenie Gültigkeit 
haben können. Die letztere werde aber nur dann zu einer wirk* 
liehen Naturlehre des kranken Lebens, wenn man sie aus unert 
schauerlichen physiologischen Thatsacben abzuleiten vermöge« 
Diese Sätze, sie sind eben so das Glaubensbekenntnifs des Vfs* 
als das des Recenaenten und eines jeden wissenschaftlichen Arztes* 

Gleich die ersten Zeilen des Buches sind gegen Stark ge- 
richtet, der indessen erst später genannt wird, und sie kennen 
ohne die genaue Kenutnifs der Grundsätze der „Naturlehre der 
Krankheit" nicht verstanden werden. Nun behauptet N. gegen 
Stark, dafs die Gesundheit und die Krankheit nicht dem Wesen, 
sondern nur der Form nach verschieden seyen, und dafs die letz- 
tere nicht ein ganz eigenihtimlieher, besonderer Lebensprocefs* 
sondern nur ein Schema des Lebens , „eine durch die unzurei- 
chende Einwirkung der Lebensbedingungen herbeigeföbrte Anomalie 
des Lebens" sey. Der erste Vorwurf dieses Satzes, welcher 
es tadelt, dafs S t. die Krankheit ein von der Gesundheit dem 
Wesen nach Verschiedenes genannt habe, ist .Jndefs ungerecht, 
indem es hei St. (AUg. Path. L S. 55) heifat: „Krankheit ist ein 



124 Ha e 8 er. 

Lebensprocefe, der eich in einen andern eingedrängt, und, hin- 
sichtlich seiner Form, sich von der des ihn beherrschenden un- 
terscheidet Es besteht daher zwischen Krankheit und Gesund- 
heit auch nur ein formeller und relativer, kein wesent- 
licher und absoluter Unterschied." Mit der zweiten Hälfte 
des Satzes aber wird natürlich der Grundsatz des ganzen Stark'- 
schen Buches und der naturhistorischen Schule, die parasitische 
Natur der Krankheit, und somit auch die ganze Summe der Conse- 
quenzeu bestritten, wc^pfe Stark auf jene Ansicht gründet ' Es 
würde uns zu weit fähren, auch wegen dieses Satzes unsern hoch- 
verehrten Lehrer in Schutz zu nehmen, es würde uns selbst schwer 
werden, diesen Satz mit der Sicherheit, mit welcher er aufgestellt 
worden ist, zu beweisen; aber wir mögen nicht verhehlen, dafs 
diese Ansicht von der Natur der Krankheit, wenn sie nicht, wie 
es freilich 1 sehr leicht geschieht, auf die Spitze gestellt wird, weit 
tiefer dringt, als Bestimmungen, welche mehr die nächste Folge 
der Krankheit, die Beeinträchtigung des Lebens, in's Auge fassen. 
In diesen Fehler nun verfallt N. zwar nicht, aber er bleibt wie- 
der zu sehr bei der Ursache der Krankheit stehen, wenn er 
sagt: „Die Gesundheit entspricht der Forderung, die Krankheit 
der Beeinträchtigung der innern Bedingung des Lebens durch 
seine äufsere Bedingung/' Diese Beeinträchtigung, ist sie mehr 
als der erste Moment in der Reihe der Vorgänge, bei der Krank- 
heit? Was entsteht durch diese Beeinträchtigung? Die Krankheit! 
Aber, was ist denn eben die Krankheit selbst? Darauf bleibt N., 
nicht aber Stark die Antwort schuldig, so wenig wir die allge- 
meine Richtigkeit der Antwort, oder vielmehr ihre Outrirung, die 
strenge Abgrenzung des durch die „Beeinträchtigung*' gesetzten 
(kranken) Lebenszustandes von dein gesunden unterschreiben. 
Denn es liegt am Tage, und ist bereits von Eisenmann darge- 
than worden (Archiv, I. S. 273), dafs Stark eine den Centagio- 
sen Krankheiten zukommende Eigenthtimlichkeit zu allgemein auf 
alle Krankheiten anwendet 

Indem N. den ersten Hauptsatz S t a r k's leugnet, so verwirft 
er damit auch die erste Folgerung desselben , dafs nämlich die 
Krankheit durch einen Zeugungsprocefo entstehe» Eisenmana 



Naumann'ä Pathogenie. 125 

hat auch diesen Satz angefochten, wir müssen aber zu Stark 9 « 
Rechtfertigung bemerken, dafs derselbe das Wort Zeugung im 
weitesten Sinne, gleichbedeutend mif organischer Entstehung 
überhaupt , nimmt, und z, B. selbst einen Lungenkatarrh als ge- 
zeugt durch feuchte Kälte (männliches Princip) und die allgemei- 
ne Krankl|£Hsanlage der Bronchialschleimhaut (weibliches Prin- 
cip) ansieht Nur die Fortpflanzung der Contagien parallelisirt 
S t. mit der Geschlechts zeugung, und er führt die Analogie aller- 
dings sehr weit durch. So wenig wir, wie gesagt, derselben 
Ansicht siud, so grofs ist die Aehnlichkeit dieser Vorgänge 
mit der Fortpflanzung der niedersten Orgauismen, und N. hat Un- 
recht, wenn er sie deshalb nicht zugibt weil in derContagion kein 
Drittes gebildet werde, sondern nur eine „Gleichsetzung" des 
bisher gesunden Individuums mit dem kranken zugesteht. Dagegen 
spricht schon, dafs Variolenansteckung im Abschuppungssladhim 
nicht dieses, sondern das erste Stadium der Krankheit erzeugt 
— Am besten hat Eisenmann die Fortpflanzung der Contagien 
mit den Ablegern und Sprossen verglichen oder vielmehr identifi~ 
cirt Wir erinnern den Vf. an Langenbeck's Krebszellen. 

Diesen polemischen läfst N., wie es recht und billig ist phy- 
siologische Vorbemerkungen folgen. — Grundprincip der Natur 
ist unserm Vf. die Polarität, die er in eine mechanische (Di. 
rectionspolarität) und in eine chemische (Affinitätspolarität) schei- 
det. In höchst geistreicher Weise werden diese Sätze auf die 
Wecbselverhältnisse der Weltkörper ausgedehnt. Den Ueber- 
gang aber zur Betrachtung der Lebenserscheinungen bahnt sich 
der Vf. durch die Definition des Lebens (S. 19). „Man schreibt 
der Materie Leben ze, wenn dieselbe bei ununterbrochen Statt 

• 

findendem Stoffwechsel gleichwohl unverändert, die ihr einmal ver- 
liehene Form und Selbstständigkeit behauptet" Wir wollen nicht 
untersuchen, inwiefern dieser Satz eine Definition, und inwiefern 
er blos eine Description enthält Die Zeit ist vorüber, wo man 
auf haarscharfe Feststellung metaphysischer Begriffe ein unge- 
bührliches Gewicht legte. Indefs könuen wir nicht verhehlen, 
dafs in dem Buche statt solcher Sacbbestimmungen oft nur tauto* 
logische Umschreibungen -vorkommen« Ganz neu aber und für das 



126 Haeser. 

Folgende aehr wichtig ist die Vermittlung der Extreme de* 
Todteu und Lebenden durch die Begriffsbestimmung des Beleb- 
baren , des an sich nicht Lebendes, aber unter günstigen Um- 
ständen leicht zum Leben Hinüberzufahrenden. Die Wichtigkeit 
dieses allerdings sehr relativen, aber durchaus naturgem&fsen Be- 
griffs ftr die Pathogenie beruht in dem sehr häufigen \orkommen 
von belebbarer, normaler und pathischer, Materie im Organismus. 
—Eben so anziehend, geistreich und woblbegründef sind die Sätze 
von der Sonnenwiiknng, als das unserm Planeten gegenüber eigent- 
Heb Belebende, und von der innigen Durchdringung der Luft und des 
Wasserskis der eigentlichsten Lebenselemente, durch diese Sonnen* 
Wirkung. Die Lebenskraft wird als die Wiederholung dieser Sonnen- 
wkkung in der Erdmaterie geschildert, und ihr eine extensive 
und intensive Wirkung zugeschrieben , als deren allgemeinste 
Ausdrücke sich Wachsthum und Zeugung darstellen. Wir 
übergeben die Ausführung dieser Sätze, die freilich nicht mathe- 
matisch zu erweisen sind, und vielleicht Denen nicht genügen wer- 
den , die Nichts anerkennen , als Zahlen , M afse und Gewichte, 
deren aber doch in der einen oder andern Form weder die Phvsio* 
logfe noch die allgemeine Pathologie gänzlich entbehren kann, 
wenn sie nicht zu einem trostkisen Durcheinander von zusammen- 
hangslosen „Thatsachen" werden soll ; wir übergehen die Bemer- 
kungen über die Gestalt der Organismen, die Bedeutung des 
Stickstoffs für das thierieehe Leben, die hier eingeschaltete Hy- 
pothese von- der wahrscheinlichen Zerlegbarkeit 4es Kohlenstoffs 
in fernere Elemente , und die relativ reinste Offenbarung des in 
dem TWere unter den Einflute des indifferenairenden Nervensy- 
stems zurücktretenden Potaritütsgesetzes ift der Pflanze , um zu 
den Gruodansichten des Verls, in Bezug auf das thierische, resp* 
menschliche Leben zu gelangen. 

Wir haben oben den Charakter des ganzen Werks als den 
empirisch* philosophischen bezeichnet, und glauben damit da» 
hücbste Lob ausgesprochen zu haben , welches einem Arzte er- 
tfaeitt werden kann. Die Abschnitte des vorliegenden Werk» 
über das Blut und Nervenleben gehören zu dem Wohlbegründet« 
•ton zugleich und Geistreichsten , was auf diesem Gebiete gelefc- 



Naumanns Pathogenie. I2t 

Stet worden ist. Es Hegen denselben die neuesten Ergebnisse* 
der Anatomie und Physiologie, besonders des Nervensystems, zu 
Grunde, und selbst da, wo der Vf. sich auf ein Gebiet wendet/ 
welches der Hypothese näher als der festbegründeten Erfahrung 
Kegt, vergifst er nie, seine Meinung durch Gründe möglichst zu 
unterstützen. Den Darstellungen des Vfs. fehlt deshalb niemals 
das Interesse , welches neue Auffassungsweisen schwieriger Ge* 
genstände selbst dann darzubieten pflegen, wenn sie, die alten 
Klippen vermeidend, an neuen zu scheitern in Gefahr kommen. 
Das allgemeine Polaritätsgesetz der Natur wiederholt Steh 4 
im Menschen zunächst in dem Gegensatze des Blut - und Nerven-« 
lebenft, so wie *n der wechselseitigen Belebung beider durehefo« 
ander hu Gehirn , einerseits dureh die Vorzugsweise aus lMutge J 
fllfsen bestehende graue Substanz , und andrerseits in dem Capil" 
largeftfbsysftem, durch die Belebung des Blutes von Seiten de« 
Nervensystems. Das ist der erste Fntidamentalsatz des Verb, 
Schade, dafs der Beweis fehlt! Nichts ist allerdings richtiger/ 
alt dafs in der Capillarität überhaupt die innige Durchdringung de* 
Blut* und des Nervenlebens, und somit die Quelle der vegetativen 
Lebeasvotgänge gesucht werden mufs, wir wollen selbst zugeben, 
dafs den Nerven bei diesem geheimnifsvollen Vorgange die erste' 
Rolle zukomme, aber die polare Entgegensetzung eines ähnli- 
chen, büj umgekehrten Torganges in der grauen Substanz des- 
Gehirns scheint uns doch zu wenig begründet zu seyn. Die Rotte' 
de» Blutes in der CaprHarität ist überall dieselbe : Anregung <***' 
dem betreffenden Organe etgenthümlicheu vegetativen Vorgänge? 1 
hierzu bedarf es jederzeit des ungehinderten Einflösse» der vege-> f 
tativen Nerven. In den Nieren wird auf diese Weise Barn, m' 
der Leber Galle, im Gehirn das- bereitet, Was die Grundlage der' 
sensitiven Thätigkeit bildet, und was wir einstweilen Nervenmark ' 
nennen wollen. Ein polares Entgegenstellen des Blutes und der 
Nerven im Gehirn und der übrigen CapHlftritSt findet nicht Statt; 
höchstens kann von einem solchen Gegensatze der letztere» zu- 
dem BronehialgefUfcnetz der Lungen die Rede seyn. Wir Sind 
genöthigt, uns gleich von- vorn herein gegen diese Auffassungs Welse' 
zu- erklären, weil sie für die ganze Felge des Buch» von- 4er 



189 Haeser. 

gr&fsten Bedeutung wird, und mit ihr, wenn auch nicht das splter 
Abgehandelte selbst, doch wenigstens die Deutung desselben steht 
und fallt. — 

Auf festerem Boden steht der Verf., wo er, gestützt auf die 
neueren Entdeckungen über den Verlauf und das In -sich «Zurück* 
kehren der primitiven Nervenfaden (Valentin, Ehrenberg, 
Carus), einen Gegensatz zwischen den (vom Gehirn und Rücken- 
mark aus) centrifugalen und centripetalen Schenkeln derselben sta- 
tuirt, und jenen, den „activen," die Ernährung und Absonderung; 
diesen, den „passiven/* das Gefühl, auf höherer Stufe die Em- 
pfindung, zuschreibt. Aber die Darstellung wird wieder rein hy- 
pothetisch, wenn er es mit Carus für eine „ausgemachte und 
unleugbare" Sache hält, dafo ein Kreislauf des Nervenmarks 
innerhalb der Primitivfaden Statt finde, und auf diesen durchaus 
unerwiesenen Satz für die Folge das grofete Gewicht legt 

Die Reichhaltigkeit des noch zu Besprechenden hindert uns, 
in das Detail dieser Bemerkungen, welche die Grundzüge der 
Physiologie des.Vfs. bilden, einzugehen. — Seine patholo- 
gische Grundansicht würde man vielleicht eine nervenpa- 
tho logische nennen können, wenn sich nicht auf jeder Seite 
die. Belege fänden, dafs der Verf. die hohe Bedeutung und Selbst- 
ständigkeit des Blutlebens klar genug erkennt, um nur in der in- 
nigen Verschmelzung beider Grundfactoren den Quell der Lebens- 
erscheinungen zu erblicken. Dennoch schildert N. das Nervenle- . 
ben als das die Erscheinungen der Erkrankung und Genesung zu- 
nächst Bedingende, indem die Krankheitsursachen zunächst die 
centripetalen Nerven afficiren , wodurch nun wieder eiue Rück- 
wirkung der centrifugalen Nerven veranlagt wird. DieAnomaüeen 
des Blutlebens werden dagegen mehr entweder als die Folgen, 
oder als die» gewissermaßen äuiseren, Ursachen der nun erst in 
den Nerven sich offenbarenden Krankheiten geschildert Wie ' 
wir bereits anführten, leugnet der Verf. nicht im Mindesten die 
Bedeutung der primären Säfteerkrankungen, aber er würdigt doch 
immer wieder auch den Einflufs des entarteten Blutes auf die Be- 
lebung und Stimmung des Nervensystems. „Das Blut," sagt N. 
(S, 121) »ist von zwei verschiedenen Seiten her ajficirbar, einmal . 



Naumann'^ Patfcogenie. 12S 

negativ durch Vermmderang seiner Belebung, durch BeschrShkung 
der Innervation ; dann aber auch positiv, durch Verminderung sei : 
ner Belebbarkeit» durch Veränderungen, die es von aufsen erlei- 
det Diese ursprünglichen Veränderungen oder Alterationen der 
Mischungsverhältnisse des Blutes bilden einen für die Patbogenie 
sehr wichtigen Gegenstand, obgleich eigentliche Krankheitseri 
scheinungen nur insofern daraus hervorgehen , als durch dieselben 
die Functionen des Nervensystems eine Beeinträchtigung erfahren.** 
Als Beispiel der' besonderen Durchfuhrung dieser Sätze, de- 
ren wesentlichen Inhalt wir, wie gesagt, nur andeuten können, 
mag die von N. gegebene pathogenetische Erläuterung des Fieber- 
frostes hier stehen : ' 
„Wir wollen die Erscheinungen uns vergegenwärtigen , die httcH 
einer bedeutenden Verwundung wahrgenommen werden : 4ie fislrtfe 
Beeinträchtigung verursacht, die lebhafteste Impression* Jüan bemerkt 
bald , dafs das Reactionsverinögen des verletzten Organes , auf sich al- 
lein beschränkt, nicht zureichend ist, um Ausgleichung herbeizuführen. 
Indem nun das Reactionsvermögen nichts Anderes ist, als die Bethäti- 
gang der organisirenden Kraft , mithin das vorwaltende LeitungsVermo* 
gen der centrifugalen Nerven voraussetzt; — • während doch gegenwar* 
tig die Krankheitsbedingttng entschieden vorwaltend erscheint; — so 
ist offenbar das Nervencentrum in der entsprechenden Richtang so be-r 
stimrabar geworden, dafs die Resistenzkraft, in der zunächst betroffenen 
Region desselben , der Krankheitsbedingung sich nicht mehr gewach- 
sen zeigt. Auf einmal entsteht Fieber, das mit einem Anfalle von frosi 
beginnt. Der Grund dieser Erscheinung ist kein anderer, als der inten- 
sive Kraftaufwand, welcher erforderlich ist, um deitt Leltongsvermögen 
der centrifugalen Nerven des erkrankten Organes das üebergewkht zu 
verschaffen. Die Lebenskraft kann nur insofern gtgen den erkrankten 
Theil concentrirt werden, als der ganze Organismas die Mittel dazu 
darbietet. Es muH* daher die Energie des Lehens in jedem einzelnen 
Theile so lange vermindert werden, bis der auf diese Weise gewonnene 
Ueberschufs an Kraft hinreichend wird , um die Krankheitsbedingang 
beseitigen zu können. Wenn nun die letztere binnen knrzer. Zeit za 
einem sehr hohen Grad anwächst, so kann 'kein anderer Erfolg eintre-t 
ten, als dafs die Innervation* des Blntes im Allgemeinen immer mehr 
vermindert werden niufs > bis sie endlich ihr Minimum erreicht. Im 
Herzen hat dieses endlich den Erfolg, dafs zugleich, im Verhältnisse 
der Hindernisse, Welche die Ernährung erleidet, die Triebfeder für die 
Bewegotfg geschwächt werden mafs. Der mechanische Impuls für die 

9 



139 Haeser. 

Blutbewegung nimmt daher in einem solchen Grade ob , daf* nur ein 
•ehr geringes Blutouantam in die Haargefafse gelangt. Da nun gleich- 
seitig die Bedingungen für das Leitungtwermogen irt allen centrifiigalen 
Nerven wesentlich herabgestimmt worden sind, während nur wenig 
BInt in den Capillargefäfsnetzen sich befindet, so imifs der organische 
Stoffwechsel und die ihn begleitende Warmeentwickelung beinahe gäns- 
Ikh snspendirt erscheinen." 

Hiernach wird zunächst (S. 113 ff.) die „Entstehung der 
Krankheit vom Blute" geschildert, durchaus im Geiste jener phy- 
siologischen Begründung, welche den Charakter des ganzen Buchs 
bestimmt. Die kritische Untersuchung der Frage nach dem Grunde 
der Blutbewegung , welche einige Physiologen bekanntlich einer 
dem Blute selbst inwohnenden lebendigen Eigenschaft» andere 
(die Meisten) einer Attraction der festen Theile beimessen, fährt 
den Ver£ auf die Verneinung beider Einflösse. Die Circulation 
wird vielmehr lediglich als das Produkt der Propulsivkraft des Her- 
zens geschildert, die wiederum von der Innervation dieses Organs 
abhängig ist — Hierauf werden die vorzüglichsten Wege unter- 
sucht, aufweichen es äufseren Einflüssen gelingt, einen directen 
Einflute auf das Blut auszuüben , die Lungen, die äufsere Haut, 
der Magen und bereits kranke* Organe. Stark nennt diese Zu- 
gangsstellen „Atrien, Krankheitsheerde , u N. aber will diesen 
Ausdruck für die Concentratlonspunkte der bereits gebildeten 
Krankheit reservirt wissen. — Als eine fernere reichhaltige 
Quelle pathologischer Ereignisse im Blutleben wird alsdann (S. 
137) die Retention von Auswurfsstoffen geschildert. 

Vorzüglich wichtig und durchaus eigentümlich ist die Lehre 
von den „Krankheitsphänomenen." (S. 145 ff.). Der Verf. 
theilt dieselben 1) nach ihrer Entstehungsweise in q) lokale, 
b) consensuelle und c) Phänomene des Contacts; 2) nach ihrer 
Bedeutung in a) active, b) passive. Die consensuellen Phä- 
nomene werden alsdann (S. 157 ff.) wieder auf solche des centra- 
len und des peripherischen Consensus zurückgeführt. „1) Wenn 
die Lebensenergie in irgend einer Region des Nervencentrum ge- 
schwächt worden ist, so entstehen Functionsanomalieen zunächst 
und am deutlichsten in allen denjenigen Organen, deren Nerven 
aus jener Region entspringen. 4 / .(Als ßeispiel dieses „Consensus 



Naumann's Pathogenie. 131 

centralis nve efficiehüae" dient Rückenmarksleiden). „2) Wenn 
das centripetale Leitungsvermögen in einem Organe, das ah der 
integrirende Bestandtheil eines gröberen Apparats angesehen 
werden mufs, entschieden vorwaltend geworden ist, so wird allen 
übrigen dabei concurrirenden Theilen die Bedingung für ihre ge- 
meinschaftliche Wirksamkeit mehr oder weniger entzogen — ihre 
Selbstständigkeit wird beschränkt , die Wirksamkeit der organisi- 
renden Kraft in ihnen vermindert." — (Als Beispiel dieses „Cons. 
petiphericus s. coefficientiae" Krankheiten eines wesentlichen Ver- 
dauungsorgans). — Die oben bezeichnete Eigenthümlichkeit des 
phänomenologischen Abschnittes resultirt indefs besonders aus 
der Schilderung der vorzüglich durch das Blut bedingten Con- 
tactphänomene. (S. 1)56). Der Verf. geht hierbei von 
folgendem Grundsatze aus : „Ist diese Mischung des Blutes auf 
irgend eine Weise von der Norm abgewichen, so vermindert sich 
in dem Verhältnisse seiner qualitativen Differenz seine Empfäng- 
lichkeit fiir die Innervation , wogegen es , in gleicher Proportion, 
ein heterogenes Reizvermögen erhält, und dadurch die Eigenschaft 
gewinnen kann, das Leitungsvermögen der centripetalen Nerven 
hervorzurufen, da es auf dem Wege durch die Haargeföfse in 
beinahe unmittelbaren Contact mit den peripherischen Nerven- 
endigungen gelangt/' Es mufs auch hier genügen, auf diesen pa- 
thogenetisch so wichtigen Gegenstand aufmerksam gemacht zu 
haben. 

Die Betrachtung der äctiven und passiven Phäno- 
mene (S. ¥81 ff.) beginnt mit einigen polemischen Bemerkungen 
gegen Stark und Jahn, von denen der Erste „den ganzen Un- 
terschied zwischen den Reactionssymptomen des gesunden und 
kranken Lebens darin erblickt , dafs jene die Erscheinungen des 
Kampfes mit den Krankheitsursachen, diese mit der Krankheit 
selbst sind ," und der Zweite die untrennbare Einheit „zweier in- 
nerhalb des Lebens spielender feindlich entgegengesetzter Pro- 
cessen der der Krankheit selbst und der ihm entgegengesetzten 
Reaction" behauptet hatte. . Wir mögen uns nicht zum Schieds- 
richter dieser Differenzen aufwerfen, glauben aber, dafs dieselben 
zum Theil wohl' auf Mifsverständnissen beruhen mögen. Uebri- 

9 * 



132 Biese?. 

gen« ist die Schilderung der activen sowohl als der passivdn Phä- 
nomene bei N. , so wie ihre physiologische Erläuterung nach den 
allgemeinen Grundsätzen , höchst gelungen. 

"Wie überhaupt das Interesse des Buchs sieb von Anfang 
Ms zu Ende fortwährend steigert, so gehört besonders das Kapi- 
tel „Verlauf d er Krank hei t*' zu den anziehendsten« Auch 
hier begegnen wir zunächst einer (sehr strengen) Kritik der 
Stark'schen Stadienlehre, welcher der Verf. mit entschiedenem 
Erfolge eine der Hippokratischen nachgebildete, aber umfassendere 
Eintheilung gegenüber stellt:- die Zeiträume der erwachenden 
Krankheitsbedingung, des deutlich sich offenbarenden Kampfes 
zwischen der Lebens« und Krankheitsbedingung, und den des 
Unterliegens der einen oder der andern. — Sehr ausführlich ist 
die Revision, welche sodann der Verf. mit der einer solchen al- 
lerdings sehr bedürftigen Lehre von dem MetaSchematismus 
ijod der Metastase vornimmt Der Raum verbietet uns indefs 
das nähere Eingehen in dieses sehr wichtige Kapitel« — 

Diesen Sätzen folgt (S. 237) die Lehre von dem Charak- 
ter oder Ausdruck der Krankheit, mit andern Worten, die 
Eintheilung der Krankheiten nach ihren verschiedenen Beziehun- 
gen. Von der alten Zerfcllung in akute und chronische 
Uebel wird sehr richtig bemerkt, dafs kein Arzt dieselbe auf das 
Zeitverbältnifs beschränke, sondern wesentlichere Eigentümlich- 
keiten des Krankheitsverlaufs damit in Verbindung zu bringen 
suche. „Die Krankheitsbedingung," heifst es S. 250, „ist bei den 
akuten Krankheiten von der Art, dafs sie unmittelbar einen schrof- 
fen Contrast gegen die Lebensbedingung bildet, dafs daher bei 
der Heftigkeit, mit welcher die Lebenskraft in ihrer gewöhnlichen 
Wirksamkeit beschränkt und zur Gegenwirkung genüthlgt wird, 
der Sieg bald auf die eine oder die andere Sehe sieb neigen mufft»" 
Entgegengesetzt did chronische Krankheit Hierauf stützt steh 
(S. 260) die sehr wahre Bemerkung, dafs der Begriff der akuten 
Und chronischen Krankheit praktisch nicht ausreiche, weH eigent- 
lich zwei ganz verschiedene Dinge durch denselben Ausgedrückt 
werden sollen, nämlich einmal der Grad der Reaction, sodann die 
absolute Dauer der Krankheit. 



Naumann^ Pathogenie. 189 

Der zweite Abschnitt des Werks (S. 280 bis zu Ende) ist 
der besonderen Pathogenie oder der Betrachtung der 
Grundformen des Erkrankens gewidmet Es werden 
aber hier nach einander die Congestion, Plethora, Blutung, Ent- 
zündung, die mangelhafte Blutbildung, — die Neurose, die Algie 
und der Krampf abgehandelt« Wir heben aus. dem überaus rei- 
chen Schatze der wichtigen Bemerkungen nur Einiges hervor, um 
eu zeigen, wie auch hier der Charakter der ganzen Arbeit ein 
durchaus grundlicher und selbstständiger ist. 

Bei der Lehre von der Congestion (S. 283) leugnet der Verfc 
zunächst die bei ihr ziemlich allgemein angenommene vermehrte 
Blutzufuhr, nach Gründen seiner Ansicht von der Circulation (8. 
oben). Auch hier legt der Vf. auf das gestörte Gleichgewicht der 
centrifugalen und centripetalen Nerven das grofste Gewicht. N. 
widerlegt auch diejenige Ansicht, welche die Congestion mit da? 
Reizung identificirt, indem ein hoher Grad von Reizung in eiaem 
blutleeren und ein durchaus reizloser bei einem hohen Grade der 
passiven Congestion vorkommen könne. Als active Congestion 
bestimmt er „die ortliche Bluttiberfüllung, wobei das leidende Or- 
gan im Zustande fremdartiger oder pathologischer Erregung sich 
befindet** (S. 288). Unter den Gründen, weiche dagegen spre- 
chen sollen , dafs in dem Sitze der activen Congestion 'das Blut 
sich dem Einflüsse des Herzens entzogen habe, wird auch der ge 
nannt, dafs die Haargeföfse nicht den geringsten Einflufs auf die 
Bewegung des in ihnen sich befindenden Blutes ausüben, sondern 
dafs dasselbe nur insofern sich daselbst in grofserer Menge anzu- 
häufen vermöge, als der organische Scheidungsprocefs in der Ca- 
pillarität Hemmungen erfährt. Dagegen möchten indefs doch die 
neueren Entdeckungen He nies über die Contractilttät derGeföfse 
sprechen (vergl. Casper's Wochenschrift, 1840, Nr. 21 und un- 
ser Repertor. I, 8. 49). Die pathologischen Verhältnisse bei je- 
der Congestion sind also folgende : / 

„Indem das Blut durch die Haargefäße rinnt, wird es der Innerva- 
tion unterworfen, und dadurch zur Ausscheidung von Saften bestimmt, 
deren Charakter nach dem Crnde und der Art den organischen Schei- 
ctang*prute«s«t sich richtet. Der letztere wird weteniiioli erschwert, 



184 Haeser. 

Wenn heftige Reise auf das Organ einwirken, oder wenn dasselbe über- 
haupt in dem Znstande von anhaltender nnd sehr gesteigerter functio- 
neller Erregung sich befindet Die centripetalen Nerven werden zu 
Conductoren von peripherischen Impulsen, nnd treten, indem sie die 
aufgenommenen Eindrucke dem Nervencentrnm zuleiten, aus der 
Indifferenz heraus, in welcher sie bisher znm Gemeingefühle sich 
befanden. Das Nervencentrnm wird mithin vom Organe ans be- 
stimmt, verliert nach dem Grade dieser Abhängigkeit an eigner Rest- 
stenzkraff? nnd erleidet daher einen entsprechenden Abzug an der Herr- 
schaft, die es seinerseits zunächst auf das Organ auszuüben vermochte. 
Der nothwendige Erfolg davon ist, dafs die gesren die centrifugalen Ner- 
ven gerichtete Determination unzureichend bleibt , dafs mithin die In« 
nervation des durch die Haargefäfse des gereizten Theils fliehenden 
Blutes vermindert werden mufs. Die organischen Scheidungsprozesse 
in dieser Flüssigkeit erfolgen langsamer nnd schwieriger , und geben 
unvollkommenere Resultate. Das Blut, dessen Affinitätsbeziehung wach 
wird, ohne die erforderliche Ausgleichung zu finden, mufs zum längern 
Verweilen in den Haargefäßen gezwungen werden, fliefst in geringerer 
Menge ab, als es gekommen ist , häuft sich an , und dehnt die Capil- 
largefäCsnetze aus." 

Dem Einflüsse des Herzens wird alsdann noch eine besondere 

Betrachtung gewidmet — Eben so naturgetreu ist die Schilde- 
rung der passiven Congestion, Welche sehr richtig mit der chro- 
nischen Entzündung parallelisirt wird. Die allgemeinste Bedin- 
gung der passiven Congestion ist nämlich die' verringerte oder 
gänzlich aufgehobene Innervation des leidenden Theils. 

Eben so abweichend von 4er gewöhnlichen Ansicht ist die 
Schilderung der Plethora (S. 322. ff.), eben so klar die phy- 
siologische* Deutung der für diesen Gegenstand in Betracht kom- 
menden Thatsachen. Nicht weniger der folgende Abschnitt über 
die Blutungen. Es ist indefs nicht zu leugnen, dafs die grobe 
kritische Genauigkeit, welche eine der vorzüglichsten Eigenschaf- 
ten des Werks bildet, den Verf. zuweilen dazu führt, die Worte 
Anderer auf die Spitze zu stellen, so z. B., wo er die Meinung 
von einem eigentümlichen Leben des Bluts und von dem Ver- 
luste des Tonus der Haargefäfse als Ursache der passiven Blutun- 
gen (Rusch), so wie die Annahme blutiger Secretionen verwirft. 
Sehr richtig ist die Bemerkung über die durch Schwächung der 
Lebenskraft herbeigeführte Begünstigung wiederholter Blutungen. 



Naumanns Pathogenie. 135 

Rec. hat einen , dem S. 337 angeführten ähnlieben Fall beobach- 
tet, wo bei einem sehr kräftigen Hanne nach einer fürchterlichen 
Quetschung der rechten Hand , die eine halbjährliche chirurgische 
Behandlung zur Folge hatte , eine Apoplexie und nach dieser wie- 
derholte Pneumonorrbagieen folgten. — Interessant sind die Be- 
merkungen über die sog. hämorrhagische Constitution der Bluter« 
S. 388). N. ist sehr geneigt, als das Wesen dieser, vorzüglich 
bei männlichen Individuen vorkommenden Krankheit ein Mifsver- 
bältnifs in der ersten Entwickelung des Keimes anzunehmen, „wel- 
ches darin besteht, dafe, bei übrigens vollständig begründeter 
männlicher Organisationsforra , der Embryo dennoch in gewisser 
Hinsicht zugleich nach den Gesetzen des weiblichen Organisa- 
tionstypus, der im mütterlichen Korper auf ganz eigentbümliche 
Weise ausgeprägt ist, sich entwickeln mufste. So wrrd dem 
nach männlichem Typus gebildeten Nervensysteme kein adäquates 
Blut, sondern ein solches dargeboten, das seinen Mischungsver- 
hältnissen nach weiblicher Natur ist — Die beschriebene Ano- 
malie wäre daher als ein Hermaphroditismus» zwar nicht in der 
morphologischen , wohl aber in der constitutiouellen Bedeutung 
zu bezeichnen." — Wir wagen nicht, über diese Meinung ein 
bestimmtes Urtbeil zu fällen ; sie ist indefs in gewisser Hinsicht 
der in den unter Sch&nlein's Namen erschienenen Vorlesungen 
geäufserten sehr ähnlich, indem diese das Uebel mit den Mor- 
phen und Monstrositäten , besonders in Bezug auf ihr fast nur bei 
männlichen Individuen beobachtetes Vorkommen paraKleüsirt So 
haben auch schon Meekel, Nasse, Elsässer, Hopf, Kel- 
ler und Canstatt die Hämorraghophilie als einen angeborenen 
Constitutionsfehler, als eine Hemmungsbildung des Blutes betrach- 
ten wollen. (Vergl. Canstatt, Klinik, 1. S. 128.) 

Der Abschnitt über die Entzündung ist nach Umfang, 
Reichthum und Wichtigkeit neuer, grofeentheils auch durch selbst- 
ständige Beobachtungen und Forschungen des Verfs. gewonnene 
Bemerkungen der bedeutendste des ganzen Werks. Gewifs ist 
es sehr richtig, wenn der Verf. (S. 397-) sagt, dafs die wichtig- 
sten Rectificationsmittel der Lehre sicher in der genauen Beobach- 
tung des Verlaufs und der Ausgänge der Entzündung beim Men- 



196 -Ha es er. 

jrchen, und in der sorgfältigen VerglWcbung der Gewebeveran* 
dftnjpgen und der Produkte; der Entzündung mit den Ausgängen 
4fr Jfrankheit liegen. Demgemäß ist $r auch nicht geneigt , auf 
die neuesten Versuche Latour 's, welche diesen zudem Ter« 
meintlichen Resultate führten , dafs den kaltblutigen Thieren die 
Anlage zur Entzündung abgehe, das geringste Gewicht zu legen. 
Ja, N. fuhrt sogar den direct experimentellen Beweis, dafs auch 
bei kaltblütigen Thieren die Entzündung vorkom« 
ine, wenn man sich an den wahren Begriff dieses Zustande* 
halte. — Die Beschreibung der Entzündung beginnt der Verf. 
mit der seiner eigenen Beobachtungen. Zuvörderst leugnet er, 
daß* zu Anfang der Entzündung eine wirkliche Beschleunigung 
des Kreislaufs im Entzijndungsbeerde Statt finde. Dagegen be- 
stätigt er die von Schwann, Henle und Andern bemerkte an- 
fängliche Verengerung der Haargefafse, obschon er diese nicht 
aus einer wirklichen Contractilität derselben, sondern aus einer 
plötzlich vor sich gebenden Ausschwitzung des Blutserums erklat 
ren will. Wahrscheinlich hatte N. , als er dies schrieb, noch 
keine Kenntpifs von Henle's schon oben (S. 133.) erwähnten 
Untersuchungen, nach denen den Haargefäfsen allerdings eine 
contractile Organisation zukommt. Die höchst sorgfältige, durch* 
aus kritisch - experimentale Untersuchung führt zuletzt zu dem Re« 
sultate, dafs der wesentliche Grund der Entzündung in einer Sto- 
ckung des Blutes innerhalb der Haargefafse beruht. Wir heben 
aus dem überaus reichen Inhalte dieses Kapitels nur noch folgende 
Bemerkungen hervor. S< 441 werden die asthenischen Entzün- 
dungen durchaus naturgemäfs geschildert; der Verf. wird aber 
dadurch, dafs er diese mit Autenrieth's neuroparalytiscben 
Entzündungen und mit &chönlein's Neurophlogosen identificirt, 
zu einer Unbilligkeit verleitet. Abgesehen davon , dafs die Pole- 
mik gegen Schönlein» wegen der nicht authentischen Quelle, 
aus der der Verf. schöpft, in sich zerfällt, so sind Schön lein*« 
Schüler 4 z. B. Eipen mann, gar nicht dafür,, die angeführten 
Krankheiten, Stomacace und Putrescentta uteri, für Neurophlogo- 
seu zu halten. Die Schön lein' sehe Schule bezeichnet viel- 
mehr mit diesem Namen unseres Wissens mehrere Krankheiten» 



Naumanns Pathogenie. IST 

bei denen neben mehr oder weniger entzündlichen Erscheinungen 
ein directes' Ergriffenseyn des Nervensystems sich bemerken 
lädst,, welches auf das Gesammtbild der Erscheinungen von dem 
gröfsten Einfliisse ist Am besten scheint es , für alle diese Neu« 
rophlogosen, z. ?. Croup, Hydrocephatus acutus, das ganze Ge* 
schlecht der Malacieen u. s. w, ein spezifisches Leiden anzuneh» 
men, welches, je nach dem Charakter des Organs , des Indivi* 
duums und andern Verhältnissen , die verschiedensten Formen 
und Grad« der Reaction (unter diesen auch den Nullpunkt der 
letzteren, die gänzliche Lähmung, mit inbegriffen) erzeugt, und 
so bald mehr als reinere Entzündung, bald mehr als Neurose» 
bald mehr als asthenisch- septischer odar paralytischer Zustand 
auftritt. Das ist ja eben das Unglück unserer Nosologie, dafs 
man die Charaktere der örtlichen und allgemeinen Reaction so ganz 
mit denen des Krankheitsprocgsses vermengt , und dadurch theUs 
in die Terminologie, theils in die Therapie ein Babel hineinstellt 
welches nur durch die genaue Unterscheidung jener zwei Factoren 
der Krankheitserscheinungen wieder entfernt werden kann. ~* 
Wenn es sich übrigens darum handelt, ob die in Rede stehenden 
Krankheiten passender als Neurophlogosen oder als neuropsralyti- 
scbe Entzündung«» bezeichnet werden , so nagen wir uns mit N. 
allerdings der letzteren Benennung zu, obscbon auch d*e$e,wie 
gewöhnlich , nur den Charakter der Örtlichen Reaction eines sei* 
nem Wesen nach unbekannten Krankheitsproeesses , und zwar 
nur einer, nicht gerade der häufigsten, Form desselben entnommen 
ist Uebrigens — : in verbis $hnu* facUes t 

Ganz eigentbümlioh und überraschend ist die Art und Weise, 
wie der Verf. (3. 447 f.) die specifiscben Entzündungen 
mit der Lehre von dieser Krankheit überhaupt in Uebereiuatim- 
mung zu bringen sucht , ohne den nächsten Ursachen der charak- 
terisirtesten derselben, der variolosen, raorbülösen und scarlati- 
■ nusen Entzündung , das Zugeständnifs der» von ihm, wie wir oben 
sahen, verworfenen , parasitischen Eigentümlichkeit zu machen. 
Von diesen heifst es S. 448. : „Die bedingenden Schädlichkeiten 
verhalten sich hier nicht wie absolut äufeore Dinge, sondern sie 
sind als die pathologischen Produkte erkrankter Organismen anzu- 



140 Haeser. 

mit Recht) von dem Krämpfe und der AJgie trennt , indem er Neu- 
rose durch „vorwaltende Empfänglichkeit der centri- 
petalen Nerven" übersetzt. Indefs konnte man einwenden, 
dafs auf diese Weise die Neurose nur, die nervöse Krankheitsan- 
lage bezeichne. Auffallend ist es , obschon mit den allgemeinen 
Ansichten des Verf. zusammenhängend, dafs der sogenannten 
specifiscben Reize unter den Ursachen der Neurose gar nicht ge« 
dacht wird. — Wir übergehen aus dem schon oben angedeu- 
teteo Grunde die auch hier sich wiederholende Polemik gegen 
Schönlein. — Sehr wichtig ist das 8. 558 ff. über die Spi- 
nalirritation Mitgetheilte, und bis zum Schlüsse des Werks 
(welchem übrigens, nach einer Bemerkung in der Vorrede, noch 
18—20 Bogen fehlen) wird das Interesse durch die abgehandel- 
ten Gegenstände (Neuralgieen und Krämpfe) so wie durch die Art 
der Darstellung fortwährend festgehalten. 

Wir beschliefsen hiermit unsre Anzeige, die keine andere 
Absicht hat, als unsre Leser durch Vorführung der Hauptumrisse 
des Ganzen auf ein Werk aufmerksam zu machen, welches als 
eine der wichtigsten literarischen Erscheinungen auf diesem Ge> 
biete betrachtet werden mufe, indem es beseelt ist von dem Gei- 
ste der nüchternen Forschung, der allein den Naturwissenschaf- 
ten zum Heile gereicht Diese Vorzüge würden wir anerkannt 
haben, wenn wir auch im Einzelnen noch häufiger den Ansichten 
des Verfe. nicht hätten beipflichten können. — 

Zu dem überaus woblthätigen Eindrucke, den das Werk zu- 
folge dieser seiner wissenschaftlichen Gesinnung hervorbringt, 
trägt der würdevolle, klare, überhaupt musterhafte Styl wesent- 
lich bei; eben so die typographische Ausstattung» Uns sind in 
dem ganzen Werke nur 2 Druckfehler aufgestoßen , nämlich S. 
514. Z. 9. v. ob. (Ganulation statt Gran.) und S. 666. Z. 20 v. ob. 
(duch statt durch). Das Buch ist bei Carl GeorgK in Bonn ge- 
druckt. 



2. 

No. 1. Die Behandlung des Schielens durch den 
Muskelschnitt. Ein Sendschreiben an Herrn Ge- 
heimerath Profess. Ritter D. D i e f f e n b a cb zu Berlin von 
Dr. Fr. A. v, Ammon, Sr. Majestät des Königs vom 
Sachsen Leibarzt und des C. V. O. Ritter. Mit einer 
lithographirten Tafel. Leipzig , bei Weidmann. 1840. 8« 
38 S. (Ein Abdruck aus des Vfs. Monatsschrift für Me- 
dian , B. III. Heft. 5.) 

No. 2. Das Schielen und dessen operative Be- 
handlung nach eigenen Beobachtungen wissenschaftlich 
dargestellt von Dr. Moritz Baumgarten in Dresden. 
Mit einer Steindrucktafel. Leipzig, bei Leopold Vofs. 
1841. 8. 88 S. 

Recensirt von Prof. Dr. SchÖmann zu Jena. 

Nachdem durch Thilenius (1784), Särtorius (1806), Mi- 
chaelis (1809) und Del poch (1816) weniger günstige Ver- 
suche, Klumpfüfse mittelst vorgängigen Muskelschnittes zu heilen, 
und trotz der glücklicheren Erfolge, welche Dupuytren, Dief- 
fenbach und viele Andere in der Durchschneid ung des M. ster- 
noehid&Mttstoideus bei Opstipitas colli gewonnen battön , die Or- 
thopädie im Gebrauche coroplicirter Maschinen geraume Zeit ge- 
fesselt schien und bereits vielfach in ganz unberufene Hände ge» 
kommen war, griff Stromeyer, die Unzulänglichkeit des seit- 
herigen orthopädischen Verfahrens fühlend* jenen früher wieder- 
holt angeregten und von Delpech namentlich auf eine sehr voll» 
kötotmene Weise bereits realisirten Gedanken 1831 von Neu«« 
wieder auf, und versuchte auf ähnlichem , aber glücklich verbe»- 



142 Schömann. 

sertem Wege, durch den subcutanen Muskel- und Seh- 
nenschnitt nicht aHein die Nachtheile des früher geübten Mus- 
kelschnittes zu vermeiden, sondern dadurch wesentliche Vortheile 
zur ferneren orthopädischen Behandlung zu erreichen. 

Ungeachtet der glücklichen Erfolge, welche Stromeyer 
durch den subcutanen Sehnenschnitt wahrnahm und in verschiede- 
nen Zeitschriften wiederholt mittheilte, zögerte die chirurgische 
Welt dennoch geraume Zeit, dieser herrlichen Entdeckung Ver- 
trauen zu schenken; so dafs Dieffenbach im Jahre 1836 noch 
sah, wie Roux, erster Wundarzt im Hotel Dieu zu Paris, einen 
Klumpfüßigen amputirte. 

Indessen bald darauf verschwand das Mifstrauen, indem 
Stromeyer zu den bereits gewonnenen glücklichen Resultaten 
immer glänzendere hinzufugte ; es folgten nun auch Andere nach, 
und rasch wurde jetzt die Tenotomie durch die Forschungen 
v. Ammon's und Dieffenbach's in Deutschland , durch die 
Bouvier's, J. Guerin's, Duval's, Stoess's in Frank- 
reich, so wie L i 1 1 1 e ' s in England wissenschaftlich und praktisch 
auf überraschende Weise cultivirt 

In seinen 1838 zu Hannover erschienenen Beiträgen zur ope- 
rativen Orthopädie sprach Stromeyer S. 22. nicht nur die auf 
Versuche an Leichen gestützte Idee aus, dafs beim Strabismus 
convergens die Durchschneidung des inneren geraden Augenmus- 
kels zur Beseitigung jenes Fehlers beitragen könne, sondern er 
gab auch schon das ganze Verfahren zur Durchschneidung des 
üf. rectus oculi internus vollständig an, so dafs man ihn den Er - 
find er der Myotomia oeularis nennen mufs. — Pauli ver- 
suchte, bald nachdem er dies gelesen hatte, zuerst, aber 
vergebens, diesen Vorschlag an einem 14jährigen Mädchen 
su realisiren, (cf. Schmidt's Jährbücher der Medic. Bd. XXIV« 
S. 351); doch der glücklicheren Hand unsres genialen Dief- 
fenbach war es vorbehalten, im December 1839 diese Idee 
Stromeyer 's, mit glänzendem Erfolge gekrönt, wirklich ins Le- 
ben zu rufen. (Cf. Med. Zeit. v. V. f. Heilkunde in Preussen. 1839. 
No. 46. 1840. No 6 und 7.) — Ob Florent Cunier, wie er 



v. Ammon u. Baumgarten , Strabismus. 143 

nachträglich in T. III. Livr. 5 et 6 seiner Atmal. d'oculistiq* ad» 
giebt, schon zwei Monate vor Dieffenbach an einem Commis, 
Namens A. Nu h mann, wegen Strab. diverg. am 29. Octobec 
1839 die Myotomia ocularis wirklich vorgenommen habe, ob Ju- 
les Guerin früher schon von dieser Operation in seinen klini- 
schen Conferenzen im Hdp. des Enfants gesprochen und dieselbe 
dem Herrn Dr. Pin el-Grand-champ vorgeschlagen, — ob 
ferner Gensoul bereits 4 Jahre früher die Myotomia ocularis 
im Hotel -Dieu zu Lyon an Leichnamen geübt, auf seiner im 
Jahr 1838 nach Deutschland unternommenen Reise Dieffen- 
bach besucht und mit diesem über sein Operationsverfahren und 
von der Anwendung der Myotomia ocul. auf den Strabismus 
gesprochen habe K (AnnaL d'oculist. Liv. 7 u. 8.), — - darüber 
läfst sich , von unserem Standpunkte aus , durchaus nichts That- 
sächliches ausmitteln ; wir müssen dies vielmehr zur Zeit der 
Wahrheitsliebe eines Jeden der dabei Betheiligten überlassen. 
In Deutschland nimmt man allgemein Dieffenbach als den 
Begründer dieser Operation an, und es scheint, als wenn 
sich auch in Frankreich die Stimmen für ihn entscheiden wollten, 
wenigstens geht dies aus folgender Stelle eines Berichtes über die 
Operation des Strabismus, den Dr. AI. Donne im Feuilleton du 
Journal des Debqts vom 3. Febr. 1841 mitgetheilt, hervor: „Mais 
c'est ä un autre (als J. Guerin) qu'appartient l konnexer d* avoir 
execute lepremier eette Operation *ur le vivant, et d'avoir essayS 
avec succes de guerir le strabisme par la section des muscles de 
loeiL M. Dieffenbach ecrit aujourdhiä ä l Academie pour 
riclamer cet honneur, et noits navons pas V Intention de le lui 
disputer. Ce n'est pas notre äffaire & aller rechercher si un autre 
a, comme on le dit, pratique cette Operation avant lui dans 
quelque coin de la Hollande ou de la Belgique. On ne peut re- 
fuser ä M. Dieffenbach oV avoir fait un tres grand nombre de 
fois V Operation du strabisme avant tbus les autres, oVen avoir 
itabli le procede fondamental , den avoir demontre tinnocuite 
et le succes, de V avoir en un mot popularise , ce qui est toujours 
im grand point dans les sciences d'application. u 

Und gewifs kann Niemand, (am allerwenigsten J. Guerin, 



144 Schömann, 

dessen prltendirte Erfindungen längst anrdfhig sind*)) — Dief- 
fenbach mit Grund das Verdienst streitig machen, die Myoto- 
vda octdaris zuerst methodisch geübt und in kurzer Zeit durch 
eine Übergroße Zahl von Fällen praktisch bewährt zu haben. 

Die grofse Anzahl der rasch hinter einander von Dieffen« 
back Operirten und die schnelle Verbreitung der darauf wahrge* 
nommenen günstigen Erfolge durch die Journale waren unstreitig 
die Ursache» warum man diesmal nicht so lange zögerte, dem 
Factum Glauben zu schenken , sondern mit fast zu grofser Sehnet 
ligkeit vertrauensvoll zur Nachahmung sich anschickte. - — Es ist 
eben so unglaublich als wahr, dafö, während sechs Jahre ver- 
streichen mufsten, bevor Strom eyer's segensreiche Erfindung 
allgemeineren Eingang finden könnte, und bevor man wagte, eine 
Sehne am Fufse zu durchschneiden , — Die f f e n b a c h ' s ge- 
lungene Versuche der Myotomie, ocidaris in eben so viel Wo- 
chen die Chirurgen Deutschlands und der Nachbarstaaten zur Aus- 
übung dieser Operation bestimmten. — Diesmal wagte Niemand, 
an der Wahrheit der Journal - Evangelien über die Strabismus« 
Operation zu zweifeln, aus Furcht, solch obstinater -Skepticismus 
könne einen ähnlichen Stofs bekommen wie durch die Tenotomie* 
Chmtryoruniacerws .war frappirt, und folgte, ohne sich vorerst 
ton die Schwierigkeiten der Erkenntnifs des Wesens des Strabis- 
mus, der Indicationen zu einer vernünftigen Behandlung zu be- 
kümmern, und ohne die Daner des Erfolges der neuen Operation! 
weiter abzuwarten , schaarenweise dem eben so geistreichen als 
kühnen Operateur an der Spree. *— - 

Erst die dem glänzenden Lichte der neuen Erfindung not- 
wendig auch folgenden Schatten mahnten zur Notwendigkeit einer 
ruhigen und ernsten Prüfung des wahren Verhältnisses der Myo- 
tomie zum Strabismus. •— 

Es erschienen als Produkte derselben im Verlaufe des Jah- 
res 1840 eine ziemliche Anzahl Aufsätze in Journalen , die das 



# ) Rapport sur deux mdmoires du Dr, Pravaz, relaiif§ aux cause» 
et au traitement des luxations conginitales du femur ■, par te prof. Gerdy* 
Lyn 1840. Pag. 62. Note de M. Ptavaz. 



v. Ammon u. Baumgarten , Strabismus. 145 

Wesen des Strabismus und die Indicationen zur Myotonda ocukk 
ris, auf die zeitber gewonnenen Erfahrungen gestützt, zum Ge- 
genstände hatten. Unter diesen zeichnen sich die beiden Ein- 
gangs bemerkten Schriften von v. Ammon und Baumgarten 
durch Reichhaltigkeit des Inhaltes wesentlich aus. 

Die kürzer gefafste Schrift v. Amnion 's liefert eigentlich 
nur die Resultate der vom Vf. gewonnenen Wahrnehmungen und 
beschränkt sich vorzugsweise auf das Praktische in der Technik 
der Operation, während Baümgarten's etwas umfänglichere 
Arbeit vorzüglich darnach strebt, eine wissenschaftliche, eben- 
falls aber auf Beobachtungen gegründete, Darstellung des Wesens 
des Strabismus und des Verhältnisses der neuen Operation zu 
liefern. ' 

Herr v. Ammon richtete seine Schrift deshalb als Send- 
schreiben . an seinen Freund Dieffenbach, weil wir vorzüglich 
de/ssen Vorgange die Bereicherungen und Segnungen dieser neue» 
Operation verdanken, und weil er ihm gerne dafür im Namen der 
Augenheilkunde , deren Gebiet D. bereits so herrlich durch seine 
Methode der Blepharoplastik erweitert hat» öffentlich den. gebüh- 
renden Tribut der Dankbarkeit zollen wollte. — s 
Obgleich der Vf. in, der Zueignungssqhrift an D ieff enb. zu- 
nächst keines anderen Grundes, als des eben angeführten; Er> 
wähnung thut, so ergibt sich doch aus den S. 37 ausgesproche- 
nen Schlufsbetrachtungen und Wünschen desselben 
noch ein zweiter , für die Wissenschaft selbst nicht minder beach« 
tenswerther. Herr v. A. erwartet nämlich von der Myotomiä octtr 
lari$ 9 dafs durch sie die Natur des Schielens, diese Terra in- 
cognita, — näher erforscht werde, und legt in dieser Hinsicht fol* 
gendes Bekenntnifs ab : 

„Seit Monaten hat mich eine nähere, auf stete Beobachtung 
am Auge Schielender gegründete Erforschung des Strabismus be- 
schäftigt , aber je mehr [ich das Uebel beobachtete , je näher ich 
ihm zu treten versuchte, desto mehr entrückte sich mir die Ein- 
sicht in das Wesen desselben. Das ist der Grund, warum ich in 
diesem, an Dich, hochgeehrter Freund , gerichteten Sendschrei- 
ben , auch nicht mit Einem Worte über den wichtigen Punkt der 

10 



146 Schümann. 

fcdlcatUoen zur Myotomt* omilarU gesprochen habe. Doch die 
Zelt ist gewifs nicht entfernt, wo unsere jetzt schielende Kennt- 
»Us des Strabismus auch ihren Dieffenbach finden wird ! Dte- 
sen Kranz zu erringen , mttge das Streben der Aerzte seyn , die 
sich mit der Augenheilkunde und mit der operativen Orthopädie 
beschäftigen ! Verbinden sie mit diesen Forschungen Wahrbeits- 
Hebe in den Mittheilungen ober ihre Operationsresultate der Myot 
meul. , so wird dadurch unsere Kunst und Wissenschaft an Sicher- 
heit und Nützlichkeit nur gewinnen !" 

Gewifs stimmen wir Alle diesem eben so gerechtem als lei- 
der nur allzu oft unbefriedigten Wunsche v.Ammon's in der fe- 
sten Ueberzeugung bei, dafs nur in der Wahrheitsliebe 
berufener Forscher die Erkenritnifs des wahren Nutzens 
und der wirklichen Brauchbarkeit der neuen Operation zu hoffen 
•ey! — Es ist aber darum auch ferner zu wünschen, dafs man 
sieht fortfahre, auf roheropiriscbe Weise die Untersuchungen an- 
zustellen, und eine gedankenlose numerische Methode als Basis 
wissenschaftlicher Forschungen zu wählen. Dann wird auch das 
Frappante und Unwissenschaftliche der ganzen Erscheinung ver- 
schwinden, dann wird man gern die grofse Anzahl rein empiri- 
scher und fruchtloser Wahrnehmungen Aber dem unschätzbaren 
gewinn einer geläuterten Erfahrung vergessen, das Hysteron Pro» . 
teron wird dann in klarer Anschauung gefechtfertiget werden, und 
als glänzendes Gestirn des neunzehnten Jahrhunderts in den An« 
nalen der Chirurgie auf die Nachwelt segensreich berableucbteu» 
Bis dahin aber kann diesem Phänomenon, trotz der angeblich 
zur Zeit der grofsten Mehrzahl nach günstigen Erfolge, kein an- 
derer, als ein ephemer empirischer W er th zuerkannt 
werden , da die Beobachtungen über den Erfolg kaum die Dauer 
von zwOlf Monaten übersteigen, was bei einer so tief eingewurzel- 
ten chronischen Krankheit, wie der Strabismus ist, durchaus 
nicht genügt, um ein sicheres Urtheil über den bleibenden oder 
vorübergehenden Erfolg der Heilung auszusprechen *). 



*) Der Unterz. erlaubt sich bei dieser Gelegenheit und ohne Bezug 
auf die Anficht reine« verehrte* ifreundee die Bemerkung, dafe eine ah*~ 



v. Ammon u. Baumgarten, Strabismus. 141 

Fragen wir nach 2, 3 und 6 Jahren wieder nach: wie steht 
es mit den angeblich jetzt vortrefflich und grundlich vom Schielen 
durch die Myotomia ocularis Geheilten ? Lauted dann die Be- 
richte wahrheitsliebender Beobachter eben so günstige 
— wohlan, dann haben wir eine Erfahrung gewonnen, die, selbst 
ohne weitere wissenschaftliche Begründung, eben so schitzens- 
werth wäre , ab die Erfindung der Operation selbst. 

So dankbar demnach auch jetzt schon jede gründlich abge- 
faßte Mittbeäung über die Technik, Inaicationen und nächste» 
Erfolge der Operation aufzunehmen ist ; so bestimmt müssen voti 
Standpunkte der Kritik aus zur Zeit alle Behauptungen von dau- 
ernder, radicaler .Heilung des Strabismus durch die Myo- 
tomia ocularis als voreilige und zu frühzeitig verkündete Verlief* 
fsungen zurückgewiesen werden. — 

Die unter Nr. 1 angezeigte Schrift von v. Ammon zerfällt 
in 20 kleinere Abschnitte oder vielmehr Paragraphen, in denen 
der Vf. die Technik und den Werth der in Rede stehenden Opera«- 
tion nach dem jetzigen Standpunkte der darüber angestellten 
Beobachtungen in folgender Ordnung abhandelt. 

1. Beschreibung der Myotomia ocularis in* 
Allgemeinen. 

Er führt hier zunächst die von ihm bei fax Myotomia ocularis 
in Gebrauch gezogenen Instrumente an, welche aueh auf der bei- 
gegebenen Steindrucktafel abgebildet sind, und im Wesentlichst! 
mit den Dieffenb ach'scheu übereinkommen, als: zwei Ati* 
genlidhalter nach Ware, mit etwas längerem Handgriff, da* 
mit der denselben haltende Gehülfe den Operateur nicht hindere, 
einfache und doppelte Führungshäkchen des Bulbus, welche 
sich durch kurz gekrümmte Spitzen von den Fixirungshftk« 
eben unterscheiden, deren Krümmungen grlifser sind, und die 
mit doppelter und selbst dreifacher Spitze versehen seyn können. 
Die letzteren erscheinen indessen weniger zweckmäfsig, da sich 



liehe ah die oben angedeutete Uebereiltmg nach Jobert's Erfahrun- 
gen den Labpreitangaa der RadicalheilaftgeA der» lfaricas zur Last fäHt« 
(Vergl, «AI. JUpftor« Bd. IL Heft, & S. 14fr.) H. Haeaer. 

10* 



148 Schömanh. 

die mittlere Spitze wegen der gewölbten Form des Augapfels ge- 
wöhnlich zu tief einsetzen wird. Ferner eine Hakenpincette 
nach Art der B 1 8 m e r'schen , doch mit etwas schmäleren Sehen* 
kein versehen, kleine Messer und eine nach der Fläche und 
nach dem Rande gebogene Augenscheere* Das wichtigste 
Instrument ist der Muskel fixator, d.h. ein stumpfer kleiner 
Haken, den v. A. sehr zweckmäfsig behufs leichterer Einführung 
der schneidenden Instrumente an seiner Innern, coneave» Seite 
mit einer Rinne versehen liefs, so dafs derselbe einer im stumpfen 
Winkel gebogenen Hohlsonde gleicht. 

Auf S. 4, 5 und 6 beschreibt hierauf der Vf. das Manuell der 
Operation, welche Darstellung wir hier darum wörtlich folgen las- 
sen, damit diejenigen Leser dieser Anzeige, welche zur Zeit noch 
nicht mit der Technik der Myotomia ocularis genau bekannt sind, 
dieselbe ausführlich kennen lernen, zugleich aber auch eine Ein- 
sicht in die Darstellungsweise des geehrten Verfs. erhalten,* was 
Ref. für geeigneter hält, als sich darüber auszusprechen. — 

Dabei erlaubt sich Ref. nur die Bemerkung, dafs der Vor- 
schlag des V&., „dafs man Kinder auf dem Schoofse der Ange- 
hörigen sitzend operiren solle," nicht allein ganz gegen die allge- 
meinen Regeln über die Lagerung der Kranken bei Operationen 
ist, sondern auch der täglichen Erfahrung widerspricht, indem die 
Angehörigen eines Kindes in den.mchrsten Fällen nicht geeignet 
sind, schmerzhafte blutige Operationen an denselben ohne bedeu- 
tende gemüthliche\ Aufregung mit ansehen zu können, sondern 
häufig durch Ohnmächten die Operation stören. Immer sind zu- 
verlässige, an solche Anblicke gewohnte Wärterinnen zu wählen; 

„Für gewöhnliche Fälle reichen 2 geübte Gehülfen aus, bei Kin- 
dern sind 3 nothwendig. Der Kranke setzt sich wie znr Staaroperation, 
Kinder mufs man hoch anf einen Stuhl setzen, oder wohl auch auf den 
Schoofs der Angehörigen sitzend und von starken Händen gehalten, ope- 
riren. Es wird, nachdem das nicht zu operirende Auge verbunden ward, 
ein Augenlidhalter unter das obere Augenlid geschoben, so dafs die in- 
nere Fläche des vorderen Theiles desselben die innere Fläche des Au- 
genlides berührt , das Augenlid also zwischen, dem. Augenlidhalter liegt; 
Der Gehülfe ergreift den Angenlidhalter hoch am Stiel; während die- 
ses geschieht, applicirt der Operateur den zweiten Augenlidhalter auf 



y. Ammon u. Baumgarten , Strabismus. 149 

dieselbe Welse am untern Lide; dieses wird von demselben Gebülfen, 
wenn nur zwei vorhanden sind, mit der linken Hand auf dieselbe Weise 
gefaxt, und wenn dieses geschehen ist, werden beide Augenlidhalter 
stark angezogen. Durch diese Manipulation, die dem Kranken nie an- 
genehm, häufig schmerzhaf; ist, werden die Augenlider stark aus einan- 
der gezogen, der Bulbus wird dadurch blos gelegt, etwas nach vorn ge- 
trieben, und es wird die Conjunctiva an ihrer Uebergangsstelle zum 
Augenlide rings umher stark angespannt; man bute sich, dieses nicht 
zu stark zu bewerkstelligen, weil sonst die Conjunctivafalten die Opera- 1 
tion stören. Ist dieses mit Sorgfalt geschehen, so veranlafst man den 
Kranken durch Zureden, auf die dem bisherigen Schielen entgegenge- 
setzte Seite den Bulbus zu richten, und kann derselbe das nicht, be- 
harrt das Auge hartnackig in seiner schiefen Stellung , was jedoch zu 
den Ausnahmen gehört , and gewöhnlich nur bei Luscitae Statt findet, 
so ergreift der Operateur das Führungshäkchen, setzt es stark da ein, 
wo sich Sclerotica und Cornea verbinden , und fahrt den Bulbus nach 
der entgegengesetzten Seite , bis der Punkt , wo die Conjunctiva ein- 
geschnitten werden soll, ganz sichtbar ist. Hierbei dringen die Spitzen 
des Führungshäkchens durch die Conjunctiva in die Sclerotica, ohne je- 
doch zu verletzen. Dieser Akt ist nicht ganz leicht und mnfs mit 
Vorsicht und Umsicht geschehen. Jetzt setzt der Operateur hinter dem 
Führungshäkchen den Fixirnngshaken in die Conjunctiva Scleroticae, nicht 
in diese letztere ein, and entfernt, wenn dieses geschehen ist, des Füh- 
rangshäkchen. Jenes wird sodann von dem Operateur dem Gehülfen 
übergeben, wenn nicht die Fixirung ein geübter Gehülfe ausgeführt 
hat. Dieses Verharren des schielenden Auges im Winkel geschieht nur 
hei sehr hohem Grade des • Schielens, wie v. A. glaubt, bei wirklicher 
MusKelverkürzung oder bei tiefer Insertion desselben an der Sclero- 
tica; gewöhnlich sieht der Kranke auf Geheifs des Arztes auf die ent- 
gegengesetzte Seite, and v. A. hat die Bemerkung gemacht , dafa nicht 
selten während der Vorbereitung zur Operation der Kranke in Folge 
psychischer Einflüsse zu schielen aufhört, oder dafs er doch sehr 
leicht s wenn er dazu veranlafst wird, auf die entgegengesetzte Seite 
das Auge wendet« 

Nachdem der Bulbus fixirt ist , verzieht der Operateur mit der in 
der linken Hand geführten Pincette, nicht weit von der Stelle , wo der 
Haken in der Conjunctiva sitzt, die Conjunctiva, hebt sie in einer Falte 
in die Höhe, und schneidet letztere rasch mit kühnem Messerzüge 
durch. Nun erweitert* er mittelst einiger Messerzüge den Einschnitt 
nach oben nnd unten und hinten, und sieht dann sehr bald, wenn der 
Gehülfe das Auge inzwischen mittelst des Haltungshakens stark arizieht, 
die Insertion de» Muskels an der Sclerotica liegen. Dieser Akt der 



190 Schümann. 

OatraJat», der auch mittel«! der Scheere ausgeführt werden kann, geh« 
ahne BUtergaT* nicht ab, und et ist deshalb nothig, wenn derselbe) 
siatk ist f durch häufiges Betupfen mit kleinen Schwämmen das Blut 
rasch an entfernen, um die Operation nicht aufzuhalten. Der Operateur 
fahrt jetzt den Muskelfixator von unten nach oben, oder von aufsen nach 
innen gehend, awischen Sclerotien und Muskeltendo dureh» Die- 
net geschieht meistens leicht, jedoch dringt die Spitae desselben selten 
dttroU daa zwischen Muskel und Sclerotien liegende Zellgewebe oben 
durch, und es mufs dort die Spitae mit Gewalt durch dieses gedrängt 
werden, oder was scheuender ist, der Operateur mufs die membraaartig 
dort auf der Spitze des Instrumentes liegende Cellulosa durchschneiden, 
damit die Spitae des Muskelfixators durchgeschoben worden kann. Durch 
dfeseeMaaSver, was dem Kranken immer schmerzhaft ist, wird der Mus- 
kel mehr oder weniger in seiner Anheftung an die Sclerotien losge- 
brennt; Um dieses noch am vermehren, ist es gut, wenn der Operateur 
den Fizator. etwas zurückfuhrt und dann durch leises, aber kräftigen 
lUflr- und Herschieben alle Adhäsionen trennt 

Bierauf sieht der Operateur den Muskel aus der Tiefe hervor, waa 
oft kräftig geschehen mals , und durchschneidet dann denselben , waa 
sann mittelst der Scheere oder desselben Messers bewerkstelligt, dessen 
man sich zur Durehechneidung der Conjnuctiva bediente. Um Letzteres 
leicht und ohne Gefahr für den gana in der Nähe liegenden Bulbus 
au vollziehen, ist der Muekelfiiatot anf seiner mnern Fläche gerinnt; 
In dieser Biene läTst sich das Messer leicht und gefahrlos fuhren, waa 
ohnedem wegen der sich nun auf wulstenden Conjunctiva, oder wegen 
daa hervorquellenden Zellgewebes und Blutes sonst nicht so rasch uad 
lekht geschehen konnte. Aber der Duvchschneidang nuVttelat des Mos* 
sc** ist die Myotomie dureh die Scheere veazuuieheu , die man nun, 
ja« nachdem man mehr die tendSnöse Insertion oder die Muskelaubstana 
durchschneiden will, vor oder hinter dem Muskelnxatoc vornimmt; 
durchschneidet man vorn, so wird man die Tenotomie verrichten, 
während man im letztem Falle die Myotomie vollzieht. — Obgleich 
daa Eine oder Andere nach v. A'§. Ansicht einerlei ist, so zieht et doch 
da, wo das Schielen stark ist, und wo man eine starke Veraaderang 
in der Vitalität des Muskels hervorrufen will , die Myotomie der Te- 
notomie vor. — Sobald die Durchschneidang geschehen ist , wird der 
Haken ausgeführt, uad die Augenlidhalter werden entfernt Bisweilen 
Ut ea gut, je nachdem sich daa operirte Auge stellt, die Conjunotiva 
■ach oben oder nach unten zu dilatken, und da, wo dieselbe stark ab- 
nräparirt ward, ist es öfters wohl rathsam, ein Stack davon abzutra- 
gen,; da s s e l b e ist auch mit dem vordem Muskelstucke au thua*" 

Im 2. Abschnitte beschreibt der Vf. auf S. 7 a. 8 unter der 



v, Amnion u. BawBgattett , Strabismus. 161 

Benennung : „Allgemeine Casuistik bei der Myötomia ocularüff 
"die besonderen Zufälle, wekhe flieh während der Operation ereig- 
nen können, und theiit hierbei beachtenswerthe Verlialtungsregeln 
mit» von denen ganz besonders die zu berücksichtigen ist, dafs 
man den Einschnitt in die Conjuncliva genau an der Grense der 
Conj. bulbi und palpebrarum mache« Denn, bemerkt der VL mit 
Recht» macht man den Einschnitt in die Conj. bulbi, so nrofe ma 
diese in einer zu grofsen Strecke abläsen , um an die Muskeim* 
sertion zu kommen, die Blutung ist gröfser, und, was die Hanpt* 
sache ist» die Verletzung der Conjunetiva ist bedeutender; Allt 
der Einschnitt zu weit Tom Bulbus in die Conjunctivae so hat man 
sich su weit von der Insertion des Muskels entfernt» gelangt nicht 
auf sie» sondern geht neben ihr durch das Orbitalfett vorbei in die 
Tiefe. Die Folge davon ist Vorfall des Orbitalfettes » Bfatung, 
Verzögerung der Operation, grofse Vulneratien der Orbita, wöbi 
auch gänzliche Abirrung vom Muskel. — « 

Im & 4. 5. 6, u» 7. Abschnitt theiit der Vf. v<m SL 9—15 die 
besondern Regeln für die Durchschneidung des musc. rectum in- 
ternus, externus, superior, des m. obliq» superier und inferior mit 
Auch hier wird der Leser eine Menge beherzlgenswerther Winke 
nicht vergeblich suchen , welche hier nicht wiederholt , sondern 
nur angedeutet werden können. 

Im 8, Abschnitt berichtet der Vf., dafs er bei Str. cohverg. 
anfeer einer gewissen Coatraction des nach der Nase zu gelege- 
nen Theiles der Conjunetiva oft eine auffallende Blässe, Trecke»» 
beit, abnorme Dichtheit und Dicke dieser Membran gefunden habe; 
was für die Prognose nicht ohne Bedeutung ist. 

\£en nicht geringerer Wichtigkeit in dieser Hinsiebt sind die 
Wahrnehmungen desselben in Beziehung auf de» pathologischen 
Zustand des einen oder andern Muskels beim Strabismus. Er 
fand öfters die InserUen desselben tiefer nach hinten als gewöhn- 
lich, die Muskelsmbstanz bisweilen dick, btutstrotzend , runder 
und heftig blutend nach der Durchschneidung, in andern) FäUea 
fem! er ihn tendinös, düun, geschwunden, oder zäh und itetiiHob 
dkk, er hatte dann seine eigenthtimlicbe Muskularis* fast gaoe 
verloren , so data man beim Durchschneiden ein krachendes Cr*- 




1&2 Schümann. 

räuach hurte. Sehr oft aber nahm er gar keine Spur von Abnor- 
mität im Muskel wahr, weder hinsichtlich der Farbe, noch Con- 
sistenz, noch Länge. — 

Im 9. Abschnitt spricht der Vf. von seinen Wahrnehmungen 
über die nächste Einwirkung der Operation auf die Stellung , Be- 
wegung und Function des Auges. — Diese sind so verschiedet*, 
und erscheinen oft so transitorisch, dafs sich zur Zeit ein allgemei- 
nes Resultat nicht daraus ziehen läfst, am wenigsten ist dies 
aber durch die vom Vf. gewählte rhapsodische Mittheilung mög- 
lich. — Er hat nämlich nicht angegeben, unter welchen specia- 
len Verhältnissen die eine oder andere Erscheinung Statt fand, son- 
dern nur seine Wahrnehmungen im Allgemeinen, weder nume- 
risch, noch anamnestisch, noch in einem gewissen causalen Zu- 
sammenhange mitgetheilt, d. h. er hat nicht gesagt, bei dieser 
oder jener Ursache des Strabismus, unter diesen oder jenen Ver- 
hältnissen beobachtete ich, — sondern nude: ich sah bald dies, 
bald das. — Wir bedauern, dafs der sonst umsichtige Vf. in die- 
sem wichtigeu Punkte seine Beobachtungen nur mangelhaft anstellen 
konnte, oder sie nicht ausfuhrlicher mittheilte. — 

Die traumatischen Folgen der Operation, welche im 10. Ab- 
schnitt von S. 18—20 beschrieben werden, sind rein entzündlicher 
Natur, und von denen anderer Wunden nicht verschieden. Nur fiel 
Rec. dabei auf, was Vf. S. 20 von der Granulation der Conjunctiva- 
» Wunde sagt : „Ich habe beobachtet , dafs solche Granulationen 
bisweilen sich fest an die innere Fläche der untern Augenlider an- 
legten, und mit dieser sich organisch durch plastisches Exsudat 
verbanden, wenn die Conjunctiva palpebralis sich auch in einem 
Irritationszustand befand. Diese Beobachtung ist sehr wichtig, 
fährt er fort, weil sie einen Beweis liefert, wie grofs die Neigung 
zu krankhaften Verwachsungen im System der Schleimhäute ist." 
Nach Rec. Meinung ist dies vielmehr ein Beweis, dafs die Conj. 
palpebr. et bulbi mehr zum Systeme der serösen Häute zu rechnen 
sey, da bekanntermafsen entzündete Schleimhäute gerade nicht 
die Tendenz zu Verwachsung besitzen, wohl aber die serösen in 
hohem Grade. Uebrigens soll damit nicht in Abrede gestellt wer- 
den, dafs die Conjunctiva im pathologischen Zustande die Function 



v. Ammon n. Bauragarteh, Strabismus. 153 

einer Schleimhaut übernehmen kann, sondern Rec. wilf mir da- 
durch angedeutet haben, dafs die Neigung zu Verwachsung die- 
ser Membran, wenn sie entzündet ist, nicht für den schleimhäutigen, 
sondern för den serösen Charakter derselben spricht. — 

Im 11. Abschnitt wird die therapeutische, vorzugsweise anti- 
phlogistische, und die orthopädische Nachbehandlung dieser Ope- m 
ration mitgetheilt. Die üppig wuchernden Granulationen rathet 
der Vf. wegzuschneiden, und keinen Gebrauch vom Höllenstein oder 
schwefelsauren Kupfer zu machen. Dagegen rühmt er im An- 
fange Bleiwasser. — Zur Geradrichtung des operirten Auges em- 
pfiehlt Vf. das Zubinden des gesuuden, ein Verfahren, welches wegen 
seiner Einfachheit und Zweckmäfsigkeit höchst nachahmungswerth 
ist, und dessen sich Recensent auch früher schon mit Nutzen 
ohne Operation bediente. — Nur ist dabei nicht zu übersehen, 
dafe bei tieferem Grunde desUebels leicht Ueberspringen des Stra- 
bismus auf das gesunde Auge erfolgt, ein Fall, der sich eben so 
oft ereignet, als er bedeutungsvoll wird für die Prognose. — Wenn 
aber der Vf. S. 22 sagt, „dafs bekanntlich jedes schielende 
Auge nach Bedeckung des andern seine gerade Stellung einnehme» 
so irrt er, denn bei , wirklicher Verkürzung und Degenera- 
tion des betreffenden , den Strabismus erzeugenden Muskels , ist 
dies nicht der Fall. — 

Die Ueberschrift des 12. Abschnittes sagt: Was geschieht 
mit dem durchschnittenen Augenmuskel? — Die Antwort darauf 
lautet in wenigen Worten zusammengefafst : Der durchschnittene 
Tendo wächst an der Sclerotica weiter hinten an, 
— der durchschnittene Muskelbauch dagegen vereinigt sich 
wieder, oder es entsteht ein ausgebreitetes, dickes Conglome- 

* 

rat von plastischer Lymphe, wodurch die getrennten Mus- 
kelportionen mit der Sclerotica in einem gröfsern Umfange ver- 
wachsen , was nothwendig die Bewegung des Muskels beeinträch- 
tigt, und den Erfolg der Operation vereitelt, — wie der Vf. wie- 
derholt wahrnahm. — 

Diese Erfolge sind keineswegs geeignet, vom theoretischen 
Standpunkte aus der neuen Heilmethode ein günstiges Prognosti- 
ken zu stellen, da, abgesehen von der meist dynamischen Ursache, 



154 Schümann. 

wache durch die Myotomie gelten gehoben werden dfirfie> selbst 
das mechanische Hindernifs nicht nur nicht bleibend beseitigt» 
sondern sogar manchmal in heilloseren Znstand dadurch versetzt 
werden kann und wirklich versetzt wird; — 

Obgleich der geehrte Vf. sich aller theoretischen Cembina- 
tionen hi Beziehung auf diesen höchst wichtigen, aber auch zugleich 
Seichten Punkt der Myotomia ocularis zur Zeit enthält, so scheint 
ihm doch keineswegs die hohe Bedeutung dieser schielenden Frage 
entgangen zu seyn, indem er, S. 28 am Schlüsse dieses Abschnitt 
tes, diese Blofse auf ehrenvolle Weise mit folgenden Worten of* 
£eit bekennt: „Auf diesem Felde der Beobachtung herrscht noch 
greises Dunkel» und doch ist die physiologische Auf- 
klärung desselben die Cardo rei." — Sein Verspre- 
chen aber, keine Gelegenheit vorüber geben zu lassen, sich übe« 
diesen Gegenstand genauer zu unterrichten und seine Beobach- 
tungen öffentlich mitzutheilen , ist nicht allein dankbar anzuaeh* 
nten» sondern sogar die Bitte hinzuzufügen , dies ganz besonders 
in dem Falle zu thun, wenn die ferneren Beobachtungen ungünstig 
ausfeilen sollten, indem gerade dann von andern Seiten her ein 
ajtum silentium zu erwarten steht, wie dies mehrentheUs mit 
voreiligen Jouroalfenfareu der Fall ist. Wenn auch solche Be- 
kenntnisse weniger für den ruhigen und sachverständigen Forscher 
von Nfttben sind, so fordert sie doch eben sowohl das Interesse 
der Wissenschaft, als die vielleicht überspannte und um so mehr 
getäuschte Erwartung der unkundigeren Masse. — 

Für den 13. Abschnitt stellt der Vf. als Uebevschrift die 
Frage auf: „Entspricht die Teaofomia und Alyototnia oeularis als 
rationelles Heilmittel der verschiedenartigen Natur des Sirabis* 
jniift?" 

Er gibt eigentlich die Antwort darauf erst im 14. Abschnitte» 
welcher* nähere Betrachtungen der Wirkungen der Myotomia und 
Tenotomia oculari» enthält, erklärt aber doch im vorhergehenden 
beiläufig, dafs man die Wirkung dieser Operationen nicht als me- 
chanische, sondern ab dynamische, ald umstimmend auf die pa- 
thologischen Riebfangen in de« Bewegungsnerven der* Augenmus- 
kein anzusehen* habe, was dadurch bewiesen werde» dafs di« 



y. Ammon u. Baumgartea, Strabismus. 155 

• Operation, wenn irgendwo, bei dem spasztodischen Schiefen 
Nutzen gebracht habe« Das Bleibende dieses Nutzens aber ist 
es gerade, was erst durch fernere Erfahrungen bestätigt werden 
raufe. — 

Im 14. Abschnitt fährt der Verf. Ein Beispiel an, wo bei 
halb verrichteter Operation der Schnitt durch die verkürzte 
Conjunctiva zwar eine 14tSgige Besserung^ aber keine Heilung des 
Strabismus bewirkt hätte und schliefet, auf diesen Einzigen 
Fall gestützt, dieses sey ein sicherer (?) Beweis, dafe die 
Durchschneidung der Conjunctiva allein kein Schielen zu heilen 
vermöge. — Obschon wir diese Behauptung nicht geradezu in 
Abrede stellen wollen, so müssen wir doch diese Art der Scblufe- 
folge aus leicht einzusehenden Gründen desavouiren. (Jeher diesen 
Punkt dürfte die von B o n n e t gemachte interessante Entdeckung je- 
ner etgenthüantichen faserigen Kapsel, die das Auge umschliefet und 
so der sich die Augenmuskeln fest iasertren, vielleicht einen wich? 
tigen Aufechlufe geben* (Cf. r. Fcoriep's neue Notizen, Febr. 
1841, No. 14. XVIL Bd. S. 209—212). 

Der geehrte Vf. ist der Meinung, dafe die Durobscbne£dung 
des betreffendem motorischen Augennerveo, neben der mechani- 
schen Trennung des Muskels, besonders geeignet sey , eine Um- 
stinmung in der Vitalität dieses krankhaft gestimmten Nerve« her- 
beizuführen und dafe auf dieser physiologischen Wkkuag der Myo- 
tomie hauptsächlich der. günstige Erfolg beruhe. — 

Dafe die Duichschneidung eines krankhaften Nerven , d. h, 
die Neuro tomie, eine Umstiamuug in der Thätigkett desselben 
hervorbringen werdey kann Niemand in Abrede stellen, dafe aber 
diese Umstimnmng gerade die Taätigkeit des Nerven bleibend 
zum Normal zurückfahren müsse, ist eine etwas san- 
guinische Holzung , welche auf einen nicht ganz pbysfelegisehep 
und logischen Schhtf» überhaupt basirt, und sogar durch die Erfebv 
rang widerlegt ist, wie die ungenügenden Erfolge der Neufot*- 
mie bei Neuralgieen sattsam bewiesen haben.*) Sobald die 



*) Cf. Sab stier, Träte oomplet d'anatomic. Bd. 3. pag. 842. 
Kapp, in Hufelaud'« Journal Bd. 20. Stack 4. p. 63. Harless, in 



156 Schömann. 

■ 

getrennten Nervenenden sich wieder vereinigt haben, pflegt auch 
die krankhafte Thätigkeit in denselben wieder einzutreten. — 
Wenn aber die getrennten Muskelenden sich nicht wieder mit ein- 
ander vereinigen , so wird zwar keine krampfhafte Zusammenzie- 
hung in dem durchschnittenen Muskel mehr Statt finden , es kön- 
nen sich aber dann Verwachsungen einstellen , welche der Vf. im 
12. Abschnitte seines Schriftchens berührte , und die den Erfolg 
der Operation geradezu vereiteln. — 

Auch gegen die Erklärungsweise dieser vom geehrten Verf. 
der Myo-Neurotomia ocularis stipulirten günstigen Wirkung, wel- 
che derselbe mit aller Zuversicht ausgesprochen hat,, mochte 
Rec. einige restringirende Bemerkungen einfließen lassen. 

Wenn nämlich der Vf. sagt: 
„Diese physiologische Erscheinung findet ihre Erklärung darin, 
dafs nach der Durchschneidung des Muskels oder der Sehne ver- 
mehrte Zusammenziehung in den getrennten MuskeLstücken,zwischen 
denen Blutergufs Statt findet, entsteht; diese Zusammenziehung 
hat eine Erweiterung der Gefäfse des Muskels zur Folge, 
diese befördert nun die jetzt eintretende traumatische Reizung 
und die dadurch hervorgerufene Congestion, und der jetzt ver- 
mehrt auftretende Stoffwechsel ist nicht ohne Einflufs, dem nach 
und nach durch die Cicatrisation sich vereinigenden Muskel neue 
vitale Aeufoemngen zu gewähren. Dazu tritt aber auch 
ein veränderter Nerveneinflufs, da in den durch- 
schnittenen Zweigen der bewegenden Augenner- 
ven notbwendig auch mit der organischen Wieder- 
herstellung Verbesserungen der Innervation* Strö- 
mungen eintreten werden," so können wir ihm nicht ein- 
räumen, dafs die Züsammenziehung zweier durchschnittener Mus- 
kelenden Erweiterung der Geftfse derselben zur Folge habe, und 
dafs diese vom Vf. angenommene Gefafaerweiterung die trauma- 
tische Reaction, die Entzündung, herbeiführe. Es tritt im Ger 



Hufeland's Journal Bd. 49. St. 5. p. 111. Hörn, in •. Archiv 1819. 
Bd. 2. p. 284. Hill, in Edinburgh medical and aurgical Journal, April 
1822. Paletta, in Meraor. deir J. R. Institute del Regno Lonib. 
Venot. Milano 1819. Vol. I: No. 2. 



v, Ammon u. Baumgarten, Strabismus. 15? 

gentheil in den durchschnittenen MuskelgefÄfsen Retraction nnd 
Contraction ein, und die Contraction derselben , nicht aber die Ex- 
pansion , ist es , welche die Entzündung bewirkt. Ferner ist es 
durchaus unerwiesen» ja sogar unwahrscheinlich, dafs durch die 
Cicatrisation durchschnittener Muskeln und Nerven neue vitale 
Aeufserungen in denselben entstünden, .vielmehr beweist 
die tägliche Erfahrung, „dafs die früheren Verhältnisse in densel- 
ben wieder sich einfinden, d. h. wenn krankhafte Verstimmung im 
Nerven vorhanden war, so pflegt sie mit der Wiedervereinigung 
der getrennten Enden sich wieder einzustellen." Wenigstens ist 
es nicht die Cicatrisation, sondern die durch den Sehnen- oder 
Muskelschnitt möglich J gemachte Bewegung des Muskel s ? 
welche eine regere Vegetation und Irritabilität in demselben hervor- 
ruft. Dies beobachten wir nach Operationen verkrümmter Füfse, 
schiefer Halste u. s. w. Etwas anders gestaltet sich aber dieses 
Verhältnifs beim Auge. — 

Noch gewagter und näherer Bestätigung entbehrend erscheint 
aber die Behauptung des geehrten Vfs. , dafs sogar eine Ver- 
besserung der Innervationsstrümung noth wendig mit der 
organischen Wiederherstellung der getrennten Muskel- und Ner- 
venenden eintreten werde. Vergebens forschten wir in der Schrift 
des Vfe. nach einem triftigen und beweisenden Grunde für diese 
Behauptung, und wünschen deshalb im Interesse der Wissen- 
schaft, dafs er auf eine einleuchtende und genügende Weise die- 
selbe theoretisch und praktisch erörtern mochte. 

Von Wichtigkeit erscheinen Rec. die , wenn auch sehr kur- 
zen, Bemerkungen, welche der Vf. im 15. Abschnitte über das 
Verhalten des Auges einige Zeit nach der Operation und über 
die Noth wendigkeit der Wiederholung derselben macht, — und 
zwar verdient davon das nach der Operation wahrzunehmende stär- 
kere Hervortreten des operirten Auges, welches der ganzen Phy- 
siognomie des Operirten eiu eigentümliches fremdartiges Gepräge 
verleiht, besondere Aufmerksamkeit. — 

Der 16. Abschnitt enthält in 32 Zeilen die akiurgischen Re- 
geln, welche bei der Wiederholung der Operation zu beobachten 
sind. * Die Frage, ob man das 2te Auge später operiren, oder die 



158 Schümann. 

Operation auf beiden Augen in einer Zeit verrichten «olle , beant- 
wortet der Vf. im 17. Abschnitte, auf seine Erfahrung gestützt, 
dahin, dafs bei Strabismus convergens duplex, oder da, wo da« 
Schielen von einem Auge auf das andere überspringt, am besten 
beide Augen zugleich operirt würden. 

Im 18. Abschnitt sind die (bis jetzt — ) vom Verf. selbst 
operirten und beobachteten Fälle von Strabismusoperationen nume- 
risch niedergelegt. Von 72 Myotomieen hatten 45 einen durch- 
aus befriedigenden, 13 einen weniger guten, 14 gar keinen Er- 
folg. — 

Der 19. Abschnitt enthält einige kurze Bemerkungen über 
subcutane und subjunctivale Myotomieen , welche, wenn der bis- 
her wahrgenommene gunstige Erfolg der in Rede stehenden Ope- 
ration sich als ein bleibender herausstellt, Beachtung verdienen, 
indem dadurch möglicherweise für die spätere Stellung des Auges 
erhebliche Vortheile errungen, und namentlich die, durch die Ad- 
häsionsstelle der durchschnittenen Conjunctiva an der Caruncula 
lacrymalis manchmal eintretende erhöhte Narbe vermieden wer- 
den dürfte. 

Im 20, Abschnitt S. 36 spricht der Vf. die Ansicht aus, dafs 
die Myotomia ocularis in allen pathologischen Zuständen der hin- 
tern Augenkammer, wo active Congestion qder chronische und 
acute active Entzündung in den zarten, für das Sehen unmittelbar 
bestimmten Theilen des Bulbus Statt finden, durch Beseitigung 
der von ihm durch die Muskeln vermutheten Einschnürung des 
Bulbus mehr Nutzen schaffen werde und rationeller wäre, 
al$ die Behandlung solcher Uebel nach den Dogmen der 
sogenannten rationellen Heilkunde. 

Wenn wir auch zugeben wollten, dafs bei wirklicher Einschnür 
rung des Bulbus durch die Augenmuskeln (welche freilich erst 
näher zu beweisen wäre, und die weit eher durch die Sclerotica 
geschehen dürfte) die Durehschneidung eines Augenmuskels diese 
prBsumirte Spannung mindern konnte ; so würde doch die auf die 
Myotomie folgende entzündliche Reaction , welche ohne Blutcon* 
gestion nach der Arteria Ophthalmien nicht gedacht werden kann» 



v. Ammon u. Baumgarten , Strabismus. 15Ä 

zweifelsohne bei weitem gröbere Nachtheile bringen, und jene 
innern Augenentzfindungen eher vermehren als vermindern. 

Deshalb werden wir wirklich rationeller handein» bei den Dog- 
men der rationellen Heilkunde auch im Betreff dieses, wohl nur 
flüchtig vom verehrten Vf. hingeworfenen Vorschlages zu bleiben. 
— Wir bitten ihn, bei nochmaliger reiflicher Ueberlegung des 
S. 36 seines Schriftchens von ihm Gesagten, das Epitheton „so* 
genannt" gefalligst zu streichen, indem es an dieser Stelle 
eine. unverdiente Beleidigung gegen die rationelle Heilkunde ausr 
drückt, und etwas stark nach Hahne mann riecht. — 

Ganz rationell dagegen und durch Beobachtungen bestätigt 
ist die Myotomie als Heilmittel bei Nystagmus und permanentem 
Schiefsehen mit einem Auge wegen Erschlaffung des M. obliquus 
superior oder Verkürzung des M. obliquus inferior. 

Da wir den Inhalt des Schriftchens Schritt vor Schritt ver? 
folgt und, soweit tbunlicb, hier angegeben, da wir ferner mehrere 
Stellen desselben wörtlich mitgetheilt haben ; so können wir uns 
füglich eines besonderen Urtheiles über die Anordnung des Ganzen 
und dessen stilistische Bearbeitung enthalten. — 

Der Druck so wie die äufsere Ausstattung des Werkchens 
sind vortrefflich , die beigegebenen lithographischen Abbildungen 
wenigstens deutlich. Nur wenige Druckfehler sind zu rügen, doch 
ftllt es sehr auf, dafs man stets Strohmeyer statt Stro- 
mey er liest. 

2. Die Abhandlung von Baumgarten zerfällt in 8 Ka- 
pitel, in denen die vollständige Literatur , Begriffsbestimmung und 
Aetlologie des Strabismus, die Indicationen und Contraindicationen 
für die Myotomia oculyis, die operative Technik, die Nacbbe* 
handltmg, Physiologie 4er Angenmuskeldurchschneidung und 10 
Interessante Beobachtungen über die in Rede stehende Operation 
in recht passender und anschaulicher Form mitgetheilt werden. 
Besonders wichtig und dankenswerth anzunehmen ist das, was der 
Vf. hn 3. 4. u. 7. Kapitel über Aetiologie des Strabismus, Indrca* 
tionen und Physiologie der Myotomia ocularis angibt, obschon da* 
mit nicht angedeutet werden soll, ab ob dfe übrigen Kapitel nicht 
gleichfalls von wesentlichem Interesse wären. 



1119 Schömann. 

Wir wolle» hier der Kürze balber mir die Seite 12 ange- 
stellte tabellarische Uebersicht der mannichfachen Ursachen des 
StrahjBnras wiedergeben , um zu zeigen , wie wohl geordnet der 
Verf. diesen Gegenstand auffaßte und roittheilte. Dabei wollen 
wir aber den Wunsch picht verschweigen« dafe derselbe auch die 
Diagnose der verschiedenen Strabismusarten einer ähnlichen 
genauen Auseinandersetzung gewürdigt haben mochte ! — 

Aetiologie des Strabismus. 

I. Krankheiten des Il.Krankkeiten der IIT. Krankh. der IV. Krankh. der 

Bulbus, Augenmuskeln, bewegenden JSer- Orbita. 

l)Krankh. der ^Organische ven. 1) Fehle rhaf 

Hornhaut. Krankheiten l)Organi8che te Bildung* 
Trübungen , Fle- a) Angebornes Krankh., be- derselben, 
cken , Pterygien, Fehlen einzelner dingt 2) Krankhafte 

Staphylome. Augenmuskeln. e) durch organ. Gegohwul- 

2) Krankh. der 6J Abnorme In- Gehirnkrankh.; ste. 

Iris, sertion. b) durch organ. Exostosen, Nodi 9 

Synechieen, Colo- c) Atrophieen. Krankh. der Au- Tophi, Aneurys- 
bome, Ektopieen d) Hypertro- genniuskeln,inde- men u. s. w. 
der Pupille. phieen. * , nen sie verlaufen. 

3) K r a n k h. d e r e) Fortbildungen. 2) Neurosen. 
Linse. /) Wahre Verkur- o)W\t vermehr- 

Cataracta central, enngen. ter, 

cong. g)Sehnigwerden. b) mit vermin- 

4)Krankh. des 2)Dyn aniische derter Irritabili- 

Corpus vi- Kran kheiten. tat. (Krämpfe u. 

treum. o)Entzündungen, Paralysen). 

Synchysis , Hy- besonders Myitis 
drophthalmus. rheumatica und 
5) Krankh. der scrophulosa. 

Retina. oJSpaami tonici 

Einseitige Ent- et clon. 
Wickelung des c) Paralyse«. 
{Sehvermögens in 
der Kindheit, ab- 
norme Insertion 

des Nerv, optic, , 

Amblyopieen, A- 
maurosen. 

Auf diese Eintheilung der Ursachen des Strabismus sucht 
nun der Vf. im folgenden Kapitel die Indicationen und Cootraindi- 
cationen für die Myotomia ocularis zu begründen. 

Mit Recht verwirft er bei jedem Schielen, was aus Krankhei- 
ten des Bulbus oder Fehlern der Orbita entspringt, im Allgemei- 
nen die Operation. Nur ist er geneigt, von der ersten Gasse der 
Krankheiten Eine Form auszunehmen, bei welcher sich die Durch- 
schneidung des ergriffenen Augenmuskels mit einiger Hoffnung auf 



v. Animon u. Baumgarten, Strabismus. 161 

Erfolg verrichten Heise, nämlich das ans einseitiger Entwickelang 
des Sehvermögens hervorgegangene Schielen. Er hofft* .dafs 
die Myotomie hier ein bedeutungsvoller Act des gegen den Stra- 
bismus einzuschlagenden Heilverfahrens werden könne. Man solle 
be aucU nämlich durch zweckmäßige Mittel das schwache Sehvermögen 
gleichzeitig so weit zu vervollkommnen suchen, dafs, wenn die Mus« 
kelthätigkeit durch die Myotomie wieder normal hergestellt ist, keine 
fernere Ursache zum Schielen fortbestehe. * — Wir möchten noch 
hinzufügen, dafs nur in den Fällen, wo solch einseitig verminder- 
tes Sehvermögen auch wirklich gehoben werden kann (was freilich 
sehr selten möglich seyu dürfte), die Myotomie dann von Nutzen 
und wirklich indicirt wäre, — wenn nach Beseitigung der vermin- 
derten Sehkraft ohne Muskelschnitt das Auge seine normale Stel- 
lung nicht von selbst wieder gewinnt. Jedenfalls würde es zweck- 
mässiger seyn, schon von der Myotomie die Ursachen des Schie- 
lens in's Auge zu fassen und möglicherweise zu beseitigen, als 
nach der Operation, indem sonst die in kurzer Zeit erfolgende 
Wiederverwachsung des getrennten Muskels, sowie die entzünd- 
liche Reaction nach der Durchschneidung, abermalige Hindernisse 
für die Wirkung der übrigen Mittel abgeben möchten. — 

Was die 4te Krankheitsciasse als Ursache des Strabismus, 
die Fehler der Orbita nämlich , betrifft : so glaubt der Vf., dafs 
die Myotomie nur in dem einzigen noch sehr problematischen Falle 
indicirt seyn könnte , wo die Ursachen des Strabismus in einer 
fehlerhaften Bildung der Orbita liegt, durch welche einzelne Mus- 
keln eine Disposition zu perverser Function bekommen können. — 

Das eigentliche F^d zur Myotomie öffnet sich nach des Vfe. 
ganz richtiger Ansicht bei den Strabismen, welche von Krankhei- 
ten der Augenmuskeln und deren Nerven herrühren, und er nimmt 
fast nur die paralytischen Affectionen davon aus. Nach den bis- 
herigen Beobachtungen sind es aber vorzüglich dynamische 
Krankheiten der Augenmuskeln, welche durch den Mus- 
kelschnitt beseitigt werden können, nämlich Entzündungen 
und Krämpfe der Augenmuskeln. Ganz besonders soll sich die 
Myotomia ocul. bei Myitis scrophulosa und rbeumatica hülfreich 
bewiesen haben , wie der Vf. in drei Fällen selbst beobachtete. 

11 



16Z Schömann. 

Obgleich Rec. dem geehrten Vf. in dieser Hinsicht im AUgdmel- 
Ben beistimmt» so. glaubt er doch noch die Cautei hinzufügen svt 
müssen, dafij wir nur dann mit Grund Hülfe von der Blyot. ocuf« 
hei Augenmuskel-Entzündungen und Krämpfen erwarten können» 
»renn gleichzeitig oder besser schon vorgängig die. Causa proxinu* 
der Entzündung, d.h. z.B. die Scrophulosis, der Rheumatismus uu 
s. w., oder des Krampfes, d. h. z. B. gastrische Reize, Würmer 
h. a. w. gehoben worden ; — denn aufserdem dürfte derselbe Fall 
eintreten wie bei dem Strab. aus Gesichteschwäche eines Augeä« 
•— Es versteht sich von selbst , dafs dies da nicht nöthig wird, 
wo die Ursache nicht mehr fortwirkt und die Verkürzung de» Mus* 
kels nur als Rückstand früherer Myitis oder Krampfes besteht* 
Im letztem Falle ist es aber nicht Myitis oder Krampf, welche 
die Myotomie indiciren, sondern organische Verkürzungen des) 
Muskels. — Nicht zu übersehen ist bei jedem Strabismus, der 
yiele Jahre bereits bestanden hat, dafs, wenn auch ursprünglich 
das Sehvermögen des schielenden Auges, gut war, die Sehkraft 
desselben aber in den bei Weitem mehrsten Fällen bedeutend und 
bleibend geschwächt wird, weil das schielende Auge wenig oder 
gar nicht in Gebrauch gezogen wurde. — Daher entsteht dann 
selbst nach bewirkter Geraderichtung des Augapfels jener geist- 
lose,, stiere BKck des Auges, welcher fast noch unangenehmer 
wirkt, eis das Schleien. — Es ist darum auch in jedem 
Falle der Stand der Sehkraft des schielenden Au- 
ges genau zu untersuchen, und du bemessen, ob man 
ihn dem de« anderen Auges adäquat herzustellen 
Hoffnung haben kann. — Ist das Letztere nicht der Fall, so 
bleibt die Myotomie immer ein sehr unsicheres und zweifelhaftes 
Mittel. — Diese Frage aber ist nicht so leicht befriedigend zu 
beantworten, -r- und doch hängt von der Lösung dieses Probleme» 
der Erfolg der Myotomie in sehr vielen Fällen vorzugsweise ab. — 
Von den organischen Krankheiten der Augenmuskeln indicirt 
nach des Vfi§. Ansicht nur die wahre Mnskelverkürzung 
die Myotomie bei gleichzeitig gutem Sehvermögen, 
worin wir völlig mit ihm einverstanden sind, und die Meinung hegen, 
dafo in diesem Falle die Operation das einzige und zugleich si* 



v. Ammon u. Baumgartert, Strabismus. 103 

oberste Heilmittel ist. — ' Beschränkteren -Nutzen schafft dieselbe 
bei teodinös gewordenem Muskel« indem die ContractiBtät desselben 
immer mangelhaft bleiben wird. Beim Schielen von ängeboruem 
Mängel eines Augenmuskels ist die Durchschneidung des Oppo- 
nenten immer ein problematisches Mittel. Eber iiefse sich von 
ihr bei abnormer Insertion der vordem Muskelenden, zu weit von 
der Hornhaut entfernt, etwas erwarten. 

Wenig Hoffnung der Heilbarkeit durch die Myotomie geben 
diejenigen Formen des Schielens, welche durch Atrophie oder Hy- 
pertrophie eines Augenmuskels bedingt werden. — Wenn die 
Beobachtung wirkliche Bestätigung finden sollte , dafs der Mus-» 
kelschnitt den gesunkenen Vegetationsprocefs im Muskel zu heben 
vermag, und deshalb bei Atrophie der Augenmuskeln in gewisser 
Hinsicht nützlich werden könnte: so müfste er bei de* Hypertrophie 
geradezu schädlich seyn. — Indessen es ist dabei nicht zu überse- 
hen, dafs zwar durch die entzündliche traumatische Reaction eine 
vorübergehende vegetative erhöhte Thätigkeit eintreten kann, dafs 
aber schwerlich \ler Vegetationsprocefs bleibend in einem atroph!« 

* 

sehen Muskel durch die Durchschneidung desselben gehoben wird. 
Es dürfte dieses Phänomen vielmehr nur darin seine Erklärung fin- 
den, dafs, nach geschehener Durchschneidung und Wiedervferwach- 
Sung, der Muskel wieder thätig wird und mithin dadurch eine stär- 
kere Ernährung bedingt Diese regere und gewissermafsen nor- 
male Thätigkeit durchschnittener atrophischer Augenmuskeln ist 
aber sehr zweifelhaft, und nicht in derselben Weise zu bewirken, 
wie etwa beim durchschnittenen M. Sternocleidomastoideus, Tendo 
Achillis u. s. w. — Doch wollen wir den noch zu erwartenden Be- 
stätigungen durchaus nicht vorgreifen, und der Myotomie vorläufig 
gern auch diesen Nutzen gönnen. — 

Sehr interessant sind die im 7. Kap. vom V£ niedergelegten 
Beobachtungen über die unmittelbare Vereinigung der getrennten' 
Muskelenden (welche vorzugsweise dann zu' erfolgen pflegte, wenn 
die Durchschneidung in der Muskelsubstanz, und nicht in der seh- 
nigen Insertion derselben geschah) , und über die Vereinigung je- 
des einzelnen Muskelendes mit dem Augapfel, die der Vf. nur vier- 
mal unter 16 Fällen beobachtete, und zwar Immer dann, wenn wirk- 



164 Schümann. 

liebe MuskeJverkürzung bestand und der Opponent des durch- 
schnittenen Muskels zu stark wirkte. — 

Was die dynamische Wirkung des Muskelschnittes auf die Au- 
genmuskeln, Muskehierven und selbst auf den Bulbus u. s. w. be- 
trifft, weiche der Vf. S. 49—52 hervorhebt , so kann und soll die- 
selbe zwar nicht geradezu in Zweifel gestellt werden, da sie sich 
ebenso leicht theoretisch erklären als durch die bisherigen Erfah- 
rungen praktisch bestätigen läfst; jedoch meint Rec, dafs wir zur 
Zeit noch keine genügenden Beweise besitzen , welche aucn die 
andauernde, bleibende Verbesserung der vegetativen 
und irritabeln Thätigkeit kranker Augenmuskeln durch die Myotomie 
bestätigen. Rec. mochte hierin nicht mifsverstanden und etwa für 
einen hartnäckigen Skeptiker gehalten werden, da er im Gegen- 
theil ein warmer Verehrer derTenotomie u. Myotomie ist und diese 
Operationen vielfach selbst mit dem besten Erfolge zeither übte ; 
nur hält er es für Pflicht, nicht mehr zu hoffen und zu versprechen, 
als mit gutem Grund zur Zeit geschehen kann. — 

Aufser deu bekannten Instrumenten gibt B. noch eine an ihrer 
Spitze hakenförmig gebogene Pincette zum Ausschneiden eines 
Stückes aus dem Augenmuskel, so wie ein mit Spitzendecker nach 
Art dea Langenbec k sehen Lithotomes versehenes feines Mes- 
serchen zum subjunctivalenMuSkelscbiutte an, und hat beide Instru- 
mente in den Fig. 6. 10. u. 11 auf auschauliche Weise abbilden lassen. 
Man soll das Messer mit zurückgezogenem Spitzendecker am ionern 
oder äufsern Augenwinkel in die Conjunctiva perpendiculär einsto- 
fsen, sobald die Schneide eingedrungen ist, den Spitzendecker vor- 
schieben, ihn gegen den Bulbus kehren, und mit der Fläche des Intru- 
mentes zwischen den zu durchschneidenden Augenmuskel und Bulbus 
zu gelangen suchen. Wenn dies geschehen ist, wendet man die 
Schneide nach dem Muskel und schneidet ihn, während der Gehülfe 
den Bulbus stark abducirt, von innen nach aufsen durch. — Die Fig. 8 
u. 9 geben sehr instruetive Ansichten vom Gebrauche der Instrumente 
bei der Myotomie. In Fig. 8 ist die Einkerbungsstelle eines früher 
durchschnittenen und wieder vereinigten Muskels recht deutlich dar- 
gestellt. — Der Steindruck ist fein und sauber, Druck correct und 
schün. — Rec. bekennt, diese Schriften mit wahrem Vergnügen ge- 
lesen zu haben, und empfiehlt sie Jedem, der sich für den Gegen- 
stand derselben interessirt, bestens. — 



VI. 

Die Schlange des Aeskulap und die Schlange 

des Paradieses. 

Eine Remonstration im Interesse der freien Wissenschaft gegen 
die Restauration des Dr. Job. Nep. von Ringseis. 

Von 

Dr. A. Siebert. 



„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, 

Durch des Frühlings holden , belebenden Blick ; 

Im Thale grünet Hoffhungsgtück; 

Der alte Winter, in seiner Schwäche, 

Zieht sich in rauhe Berge zurück. 

Von dorther sendet er, fliehend, nur 

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises 

In Streifen über die grünende Flur. — 

Aber die Sonne duldet kein Weifses, 

Ucberall regt sich Bildung und Streben, 

Alles will sie mit Farben beleben !" 

Goethe. 



Einleitung. 

An unsern Tagen des bewaffneten Friedens, in den diplomatischen 
Jabrzehnden des Zauderns und Ueberlistens , während von Oben 
eine Kabinets- Doktrin nach der andern vorübergejagt wird, und 
Geltendmachung der Freiheiten und materiellen Interessen von 
Unten die Reaktion in Athem erhält; in diesen Tagen des soma- 
tischen Friedens und des psychischen Unfriedens der Völker und 
Staaten jagten auch in der Medicin Doktrinen und Sekten baut an 

12 



166 Siebert. 

uns vorüber, wie sie denn zu allen Zeiten die politischen Zustände 
in sämmtlichen wissenschaftlichen Zweigen reflektirten. 

Die armen Aerzte waren von Brown erhitzt , von Brous- 
s a i s geschwächt , von Hahnemann gelangweilt , von P r i e f s - 
nitz erschöpft. Hier und da restaurirte man sich bei van Hel- 
mont, Sylvius, Sydenham, Boerhaave, Haller, Hoff- 
roann, aber die schlechte Kost der Gegenwart wollte kein Ge- 
deihen aufkommen lassen. Die ausscbliefsliche Krankenbett - Em- 
pirie nährte wie Zwieback, dessen einziger Zweck Befriedigung 
der Notbdutft, und man liefs die übrige Natur eine gute Frau 
seyn; es ward angesehen wie „spielende Liebhaberei/ wenn 
klinische Aerzte sich noch sonst mit Naturwissenschaft beschäf- 
tigten. Ganz geräuschlos und ohne Eclat nahm diese Spielerei 
Oberhand , und droht die ganze Medicin zu überfluthen. Man fin- 
det in den physiologischen Merkmalen der übrigen Naturreiche 
formelle und essentielle Analogieen für die Krankheiten der Men- 
schen; man konstruirt durch scharfe Beobachtung der Zeichen, 
unter welchen die Natur in die Erscheinung tritt, Naturgesetze, 
und verschafft ihnen im Lebens - , Krankheits - und Heilprocesse 
Geltung. Seit mehr als 26 Jahren begannen diese kerngesunden 
Attribute der neuen Medicin ohne Usurpation oder forcirte Propa- 
ganda Boden zu gewinnen, und aus Noth wendigkeit den gebüh- 
renden Rang einnehmend , war sie auf einmal allen übrigen Leh- 
ren und Schulen so weit voraus , dafs man gern oder ungern der 
ohne Vorbedacht Herrschenden den Platz einräumen mutete , und 
ihr den Namen „naturhistorisch - physiologische Medicin" beilegte 
ohne dafs derselbe durch Prätension hazardirt worden wäre. „Der 
Wahnwitz erschöpft sich schnell , die Vernunft geht ruhig und si- 
cher. Sie will keine starre Legitimität des Herge- 
brachten, sie hat ihre Opposition in sich selber. 
Sie »ist demokratisch , aber nicht jacobinisdi , nicht tempelräube- 
risch. Sie ist langathmig und weitbrüstig, sie überhetzt sich 
nicht *)." 

Mittel-, Südwest- und Norddeutschknd wurden aufmerksam 
# )IKuhne. 



v. Rings eis. JffJ 

und oach und nach hingerissen. Es war kein Meteorstein, ^ 
sie ängstigte, kein Komet, vor dem ihnen bangte, es zerrtes kein 
Tempelvorhang und verfinsterte sich keine Sonne ; es thaten sich 
keine Gräber auf und zerschnitt keine Fluth die Fluren. Ruhig 

und sicher sah man eine stetige Entwicklung ; keine gewinn#Ü£fcti- 

* 

gen Verleger schlugen Lärm, es geschah keine Verfluchung, nur 
hier und da ein behagliches Lächeln über zurückgebliebene Ne- 
bel der Nacht neben der wohlthätigen Morgensonne. Die Belehr- 
ten gingen heim, und waren sich dessen bewufst, was sie hatten. 
Mit einem Worte : die also gebildeten Mediciner untersuchten ihre 
Kranken viel besser und schärfer, als vordem, ihre Meditation 
gründete sich auf sicherere Basis , sie waren sich des Errungenen 
klarer; man hielt an den wesentlichen Symptomen, und stellte die 
unwesentlichen in den Hintergrund ; man betrachtete die Krankhei- 
ten in ihrer Totalität, forschte der historischen Entwicklung der- 
selben nach; man hörte da und dort und bald allenthalben mit dem 
eigentümlichen Ausdruck dieser Schule sprechen ; selten wurde 
Widerspruch provocirt, zeigte er sich aber aus MuthwjUen oder 
Hais , so bedurfte es keiner Polemik, denn er zerfiel von selbst 
alsbald in. sich. Es begann einem wohl zu werden ; map fehlte 
den richtigen Standpunkt, weil man dessen richtiges und ent- 
sprechendes Objekt gefunden hatte. Man erschrak nicht vor 
Sündfluth , Sternschnuppen und Lawinen : man wandelte in dem 
Garten, sah den Wachsthum, pflanzte, pflegte, schnitt und ocu- 
lirte; in demselben Garten, der heute noch das volle Renommee 
des Paradieses hätte , wäre die fatale Sqhlange nicht erschienen, 
und hätten die fatalen Theologen uns .dasselbe nicht mit Lastee- 
pfuhl und Sündenlauge angeschüttet 

Darob aber, dafs wir in neuem Veikehr mit der Natur stan- 
den, ärgerte sich der Alte im härenen Gewände, der mit dem Ka- 
puzinerstrick Umgürtete, auf oder dürrer Haide Klausnernde. Was 
verschlüge es ihm, wenn er uns auf grüner Wiese, am frisqhen 
Bache fröhlich arbeitend und zufrieden geniefeend beliefse? Aber 
nein! der Alte schmifis die Gesetzestafeln in Stücke, hieb unsern 
Dienst einen Baalsdienst und verfluchte den Tanz um das „goldene 
Kalb/ Und der Sturm jagte die Wolken und der Donner grojltfe 

12 * 



168 Siebert. 

und Er vernahm eine Stimme, die da sprach: Die Schlange hat 
gesiegt zum zweiten Male ! — 

Es geschieht kein Ereignifs, es beginnt keine historisch -wich- 
tige Phase ohne ihre vorangehenden Symptome, ohne wirkliche 
Vorbereitungen , und ohne Corollarien. So gehören die physiolo- 
gischen und pathologisch - anatomischen Bestrebungen, die Ver- 
mehrung und Vervollkommnung der mechanisch - nosognostischen 
Hfilfsmittel, die organische und pathologische Chemie, die Mi- 
kroskopie schon zu der neuen Schule, welche, dem Leben ent- 
sprossen, ihre Nahrung aus dem Leben zieht, und ihre Kräfte nur 
dem Leben widmet. Die Notwendigkeit dieser Erscheinungen 
lag in den von allen Seiten mit Schrecken gefühlten Anzeichen 
eines schlimmen Zerfellens , oder mindestens einer entwürdigen- 
den Reduktion auf die bannale und zunächst auf Broderwerb zie- 
lende Empirie. 

Obwohl die neue Schule in der Wissenschaft keine tempel- 
räuberische , sondern eine konservative ist , so keimten dennoch 
im Stillen schon lange die Verdrehung , die M^disance ; die „Ab- 
götterei der Natur" wurmte die südlichen Brüder in Jesu; man 
lächelte über die Vermessenheit , den Krankheiten die Objectivi- 
tftt der übrigen Naturgegenstände abgewinnen zu wollen , zuckte 
die Achseln über da» Bestreben, die Krankheit in ihrer Totalität 
aufzufassen, schlug ein Bein hier und dort, und suchte den ver- 
hafsten Anhängern der neuen Schule materiellen Schaden in An- 
stellungs« und Berufungssachen zu bereiten. Aber diese Taktik 
brachte wenig Erfolg; die hartnäckigen Thoren wurden verspottet, 
tmd der Baum grünte und gedieh ; man sah die Früchte allenthal- 
ben, und ein grofser, mächtiger und gut regierter Staat adoptirte 
die neue medicinische Schule. 

Das konnte der Herr Obermedicinalrath, Geheimerath, Pro- 
fessor und Ritter etc. Dr. Johann Nepomuk von Ringseis 
nicht länger ertragen. Er schleuderte eine vehemente Herausfor- 
derung („System der Medicin. Ein Handbuch der allgemeinen und 
speciellen Pathologie und Therapie; zugleich ein Versuch zur 
Reformation und Restauration der medicinischen Theorie und Pra- 
xis." Bei 6. Joseph Manz in Regensburg) , den Handschuh einer 



v. Ringseis. 109 

Reformation und Restauration der medicinischen Theorie und Pra- 
xis , einen wohlorganisirten Bannstrahl , einen sauber paragraphir- 
ten Sturmwind gegen S c h ö n 1 e i n und die in schnödem Materia- 
lismus versunkene Median, gegen alle Nichtkatholiken, gegen alle 
Nichtchristen, ja gegen die ganze jetzige in Sündenschuld und Er- 
blindung verkommene Menschheit Die qtlaestio belli ist: tradi- 
tionelle Offenbarung« oder Hülle und Tod — Glaube oder Ver- 
dammhifs — R i n g s e i s oder Teufel. 

Die Zeit des medicinischen Messias ist gekommen, weil sie 
H. v. Rings eis nothwendig schien. Wir haben das Paradies 
verloren und die Krankheit erworben. Die Schlange des Paradie- 
ses verdarb uns , die Schlange des Asklepios : Ringseis, soll 
uns wieder erretten. Ob sich das der Ophiuchos , ob es sich der 
Agatho- Dämon der Kneph - Schlange von Epidauros gefallen las- 
sen wird ? — Wer möchte hier den Handschuh aufheben ? Wer 
mag streiten wider die 5 Bücher Mosis, wider den Sündenfall, 
wider die Erlösung, wider die dräuende Kirche, wider die Per- 
sonalität Gottes? — Er hält in der einen Hand das schwertum- 
gürtete Kreuz, in der andern die Schale der Hygea» Ich wage es 
nicht, den Heiltrank zu analysiren. Die Waffen sind zu ungleich. 
Meine Armatur ist einfach und nicht verletzend: ein hölzernes Ste- 
thoskop, ein Paar anatomische Messer, eineLoupe, eine Se- 
kundenuhr, einige Reagentien, ein Elektrometer, fünf gute Sinne, 
ein frisches Herz , ein unbefangener Kopf; — das ist Alles. 

Wie ist ein Kampf mit dem geharnischten Glaubenshelden, mit 
dem die Geister des Jenseits streiten, dem die Heiligen sammt und 
sonders zur Seite stehen , der Gomorrha's Schwefelregen in An- 
spruch nehmen kann, — wie ist mit dem Erzengel zustreitep? — 
Die Mediciner können's nicht lassen , stets hinter die Coulis- 
scn zu gucken. Wie war s , wenn die ganze Rüstung nur aus 
Flitterstaat bestünde? wenn der Glaubenspauzer von Pappende- 
ckel wäre, mit nachgemachtem Walpurgis - Ocl überfirnifst? wenn 
der Heiligenschein von ölgetränktem Papier und durch Conventua- 
lenlämpchen der Trugzellen erleuchtet wäre? — Wir wollen 
einige nosognostische Hülfsmittel anwenden. Vielleicht ist dann 
mit dem denudirten Helden besser in die Schranken zu treten! — 



170 Siebert. 

Ach , wir leiden Alle an der „g r o f s e n L ü g e ,* die auf un- 
gern Jahrhunderten tastet; die uns von frühster Jugend an ver- 
bietet, die Dinge nicht so zu betrachten, wie sie sind, sie nicht 
beim rechten Namen zu nennen , sich nicht mit der direkten An- 
schauung und Ergreifung des Nächstliegenden zu befassen, die 
uns zu dem harten Glauben an Lehrsätze zwingt, gegen welche 
steh unsre Vernunft sträuben würde, liefse man sie anhaltend 
wachen. Die grofse Lüge überschattet so sehr unser häusliches, 
sociales, staatliches und religiöses Leben, dafs der Einzelne nur 
manchmal , in glücklicher Stunde , ein helles Streiflicht in sein In- 
neres fallen läfst, und lächelnd und beschämt sich als Befange- 
nen in dem künstlichen und gewohnten Nothstalle ertappt. Nach 
diesem Einzelnen zeigt die Menge mit Fingern , und die „Reak- 
tion/ wenn sie sich nicht seiner entäufsert, beruhigt ihn durch 
Bezeichnungen, welche seine moralische Ablösung von der Ge- 
cräÜschaft dekretiren, und seiner eigenen Schuld beimessen. Die 
im Wahn befangene Menge thürmt am liebsten dem „Sonderlinge" 
seine eigenen Gebrechen auf die Schulter, und wie der einzelne 
Freie, 60 wird ein ganzes Volk, dem eS einmal einfällt, an der 
alten grdfsen Lüge zu rütteln , des Wahnsinns oder der Lasterhaf- 
tigkeit fcezüchtigt. 

Ob nun der „Versuch zur Reformation und Restauration der 
medicinischen Theorie und Praxis" geeignet sei , die grofse Le- 
benslage, welche auch die Medicin verdüstert, an das Tages- 
licht zu ziehen, das werden manche aus Grundsatz oder Ge- 
wohnheit Befangene nicht bezweifeln , und ich halte es nur für 
allzu grofse Bescheidenheit, wenn sich der Verfasser präsumtiv in 
die Minorität setzt. 

Wir wollen betrachten : I. welche P r i n c i p i e n diesem Sy- 
stein der Medicin unterlegt sind ; 

II. welche politische Bedeutung dieselben haben; 

HL was die Medicin durch das Buch gewonnen hat, und 

IV. welche Motive den Verfasser zur Herausforderung und 
Bekämpfung Schönlei n's und seiner Lehren trieben, und wel- 
cher Waffen sich derselbe bedient. 



I. 



V orrede und Einleitung des v. Rfngs eis 'sehen Werkes expo- 
niren den Standpunkt und Bildungsgang des Verfassers klar und 
deutlich. Während eines zehnjährigen akademischen Studiums 
zu Landshut keimten bereits die Ideen zu seinem jetzigen System, 
welche ihre Veranlassung in den Vorträgen Röschlaub's und 
ihren Ausdruck in seiner und seines seligen Herrn Bruders Dis- 
sertation fanden. Er will seinen geistigen Blick (Blick - Theorie 
von torao*» , ich blicke) an dem Handeln der alten grofsen Prakti- 
ker, an eigenen Beobachtungen auf vierjähriger Reise« und an 
50,000 selbstständig behandelten Kranken geprüft haben. In 
manchen Hauptresultaten stimmt er mit den Koryphäen philoso- 
phischer Wissenschaft an der Münchner Universität überein*), 
geht indefs aufser diesen doch seinen eigenen Entwickelungsgang. 
Da alle Wissenschaften eine physiologische, pathologische und 
therapeutische Seite haben, so wählte er zur Verständi- 
gung (?) Analogieen aus andern, insbesondere der Theologie. 
Endlich lebt er der strengen Ueberzeugung, dafs die Medicin, wie • 
alle Wissenschaften , ihre Principien in der traditionellen Of- 
fenbarungslehre habe. 



*) Schelling's Aenderung raufe demnach eine vollkommen« 
seyn; denn sonst war es seine Aufgabe, der Natur nicht allein die ihr 
bestrittene Wesenheit wieder zu vindiziren, sondern auch die Lebendig- 
keit, die Geistigkeit und daher auch die Erkennbarkeit zu behaupten, 
zu deduciren und zu demonstriren , und die Einheit von Realem und 
Idealem , von Natur und Geist nachzuweisen. 



1?2 Siebert 

Nach solchen Antecedentien , mit solch vortrefflichem Mate- 
rial ausgerüstet, ist es befremdend , dafs der Verfasser bei sei- 
nem grofsen schöpferischen Talente mit einer gewaltigen Pole- 
mik beginnt , und dieselbe bis zum Ende sich fortwährend stei- 
gern läfst. Indem er seine Sätze mit Asseverationen und präoc- 
cupirter Vernichtung oder Drohung der Vernichtung jedes Ein- 
spruchs begleitet, schmäht er Andersdenkende und Andersieh- 
rende mit einer bis jetzt unerhurten Härte und Brutalität. Schon 
auf der 2ten Seite der Vorrede bricht der Aerger über eine Schule 
los, die er der Ausbreitung seiner eigenen Ideen bezüchtigt : „Es 
trieb mich nicht unreifer Autorkitzel, ja, ich schwieg noch, als 
längst einzelne der im Folgenden vorkommenden Lehren von An- 
dern, den Anhängern der sogenannten natur -(?) historischen (?) 
Schule (!) in ganzen Bänden breit getreten und bis zur widerlich- 
sten Affenfratze entstellt wurden/' Er schwieg; er schwieg An- 
fangs, und schwieg noch, als die im Jahre 1841 von ihm erschie- 
nenen Lehren bereits im Jahre 1830 von Andern breit getreten 
wurden. Hieraufmache man einen Vers! Er schwieg, und die 
Andern beuteten dieses Schweigen aus. Es ist manchmal der 
Fall, dafs klinische Vorträge in die medicinischo Literatur über- 
gehen , aber dieselbe konnte doch wahrlich bis jetzt von der Kli- 
nik des H. v. Rings eis keine Notiz nehmen, am allerwenigsten 
aber sahen sich hierzu ermüfsigt die Anhänger der naturhisto- 
risch en Schule, welchen Namen sie recht gern fahren las- 
sen wollen, wenn inan ihnen einen bezeichnenderen gibt. Ja, 
sie benutzten nicht allein dieses Schweigen — denn die Leh-. 
ren des Bruders vom Verfasser sind noch im Manuscript, und 
zu den für die vorliegenden Fragen relevanten Lehrsätzen Rösch- 
laub's hat sich noch kein Herausgeber gefunden — sondern sie 
entstellten auch etwas, was sie noch nicht gehurt hatten, 
was sie sogar nicht wissen konnten. Doch wir wollen, aller Ana- 
chronismen ungeachtet, Concessionen machen, und C an statt, 
Eisenmann, Fuchs, Haeser, Jos. v Heine, Jahn, 
Rösch, Stark, Sicherer, Volz u. A. als Plagiarii erklä- 
ren, wenn irgend ein vernünftiger Mensch sich erbietet, • die 
Hauptgrundsätze der Rings eis' sehen Lehre ans ihren Schrif- 



v. Ringseis. 173 

ten herausfinden zu wollen. Es ist nicht schwer zu entscheiden, 
auf welcher Seite der bis zur Affenfratze entstellte Autorkitzel zu 
suchen ist 

Die Rings ei s 'sehe Reformation und Restauration der Me- 
dicin beruht also auf seiner Ueberzeugung, dafe die Medi- 
cin ihte Principien in der traditionellen Offenbarungslehre habe, 
und da der Verf. ein guter Synthetiker und passabler Dialektiker 
ist, so mufs es ihm vor dem Forum des ultramontanen Katholi- 
cismus gelingen, sich den Anschein der Durchführung zu sichern. 
Es sind nur einige leichte Irrthümer, welche diese „Ueberzeu- 
gung" zu einer Ueberfruchtung des Systems durch Rings eis' 
geile Speculation erheben , denn wissenschaftliche Ideen machen 
in abstracto Analogieen aus allen Wissenschaften zulässig , han- 
delt sich's aber um eine Synth esis in concreto, so mochten die 
Analogieen der Theologie und Medicin ein schlechtes Fundament 
für die eine wie die andere abgeben. Die Theologen werden 
in grofsem Irrthume seyn, wenn sie die Berufungen auf das 
R i n g s e i s ' sehe System in Professor K 1 e e ' s Dogmatik für eine 
Bereicherung der Theologie halten, so wie sich die M^iciner 
kein Haar darüber grau werden lassen, wenn es in Ringseis' 
Propädeutik von dogmatischen Schnitzern wimmeln würde. 

Ja, die Analogieen sind eine treffliche Sache, sie geboren 
aber nur zur Verständnifs, zum Ornament, und niemals zur Bau- 
stütze, am allerwenigsten werden sie Principien für eine ganz 
aufeer ihrem Kreise liegende Wissenschaft. Mit Analogieen läfst 
sich kärglich auskommen , wenn man gar kein anderes Bau - und 
Beweismaterial hat; Analogieen geben magische Beleuchtung, 
Knalleffekte, und manchmal bengalisches Feuer; Analogieen 
sind transparente Architektur, womit man in einer Camera obscura 
oder auch in einer andern Kammer , wo es auf Täuschung abge- 
sehen ist , Furore machen kann ; aber unsere heutigen M ediciner 
sind verdammt eigensinnig, und sie würden selbst ihrem altea 
Hippokrates nichts mehr glauben, wenn er sie mit Analogieen 
abspeisen wollte ; die Erfahrungen der Tüchtigsten will Jeder für 
die Autopsie reproducirt sehen ; man verlangt ungestüm die An- 
wendung der fünf Sinne, und weil man nicht mehr hat, so ar- 



17-1 Siebert. 

rafrf vod potensrt man diese guten Gotiesgaben. Gott segne 
diese moderne Richtung der Hedicin! — Und jetzt, gerade wo 
man die Hände voll zu thun bat mit Unterbringung und Verwen- 
dung de» sefaon erworbenen Materials, kömmt ein Reformator, 
ein Restaurant, und gibt Gastrollen ab? medteiniseher Systemati* 
ker; er will „aus einer Menge bisheriger Aengsten und Nuthen in 
der Theorie befreien." Und warum diese Austrengung? Weil er 
glaubt, dafs die Medicin ihre Prineipien in der traditionellen Offen- 
barung habe. Warum aber glaubt er dies? Weil er ein Liebha- 
ber der Analogieen ist, weil ihm die Theologie und Philosophie 
Analogieen an die Hand geben, die er in den medtcinisehen Do- 
etrinen wieder fand. 

Wer kann läugnen, dafs sich in der Instrumeoienmacher- 
kunst Analogieen mit der Medicin finden 1 Eine Orgel kann von 
der physiologischen Seite , wenn sie gut pfeift , von der patholo- 
gischen, wenn sie verstimmt ist, und von der therapeutischen, 
wenn man sie wieder stimmt, betrachtet werden; aber es wird 
keinem Orgelbauer einfallen, sich in einer neuen Ausgabe seiner 
„Anweisung, Orgeln zu bauen/' auf die Medicin berufen, noch 
weniger sein System der Orgelbankunst auf die Prineipien der 
traditionellen Medicin basiren zu wollen. Die Natur offenbart 
sich allerdings den Medicinern auf traditionellem Wege, aber wir 
treiben die Ketzerei so weit, uns keinen Deut um diese Tradition 
zu scheren , wenn uns nicht untrügliche Merkmale die unmittel- 
bare Offenbarung verbürgen, oder diese jene bewahrheitet. Je- 
der Christ dankt täglich für die Tröstungen und Stärkungen durch 
die göttlichen Offenbarungen aus der Bibel , jeder Mediciner för 
die natürlichen. Sofern das Einerlei seyn sollte, mufs der Medi- 
ciner auch ein Christ seyn ; wenn Zweierlei, ist es nicht notwen- 
dig. Uebrigens hat man s ja schon weit gebracht, und den Kreis, 
in welchem Mediciner gedeihen sollen und können, enger gezo- 
gen. „Christliche Medicin" lassen wir uns gefallen, sofern christ- 
lich mit edeldenkend, wohlthätig, brav gleichbedeutend, und 
christliche Erleuchtung förderlicher ist „Christliche germanische 
Medicin 4 ' ist schon beengender , indem sie viele Beraubungen des 
orientalischen, ägyptischen, arabischen, griechischen, romani- 



v. Ringseis. 115 

sehen Elementes mit sich bringt« „ChTistHcb-gennanisch-mfinch- 
nerische Medicin" ist nicht übel zur VervolHsommtrang inländischer 
Medicinalangelegenheiten und persönlicher Beförderung. 

Der Kampf ist schwer, «Jen» der edle Dr. Nepomok von 
R i n g s e i s hat furchtbare Waffen , die Waffen der „Minorität," 
der Glaubenshelden, der Fanatiker, der Märtyrer, Er känipft; 
nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Nacke*, der aas Tragen: 
gewohnt ist; wer fleifsiger trägt, ist der Sieger. Damm klagt 
er über unsern „harten Nacken/ weil er davon besiegt zu werdeft 
fürchtet. Er irrt, der Gute, unsere Nacken sind erektil; Er mag 
immerhin tragen, wie ein müder Atlas 4 welthistorische Mo- 
mente: Geschfchte (wahre und falsche), Stabilität, Kirche und 
' Papst, keuchend daher schleppt; wir tragen kaum noch mit 
der letzten Geduld solche ultramontane Minoraten der gletfs- 
nerischen Zusammenherdung. Ja wahrlich, wie ehemals und jetzt 
das Christenthum den Juden eine Thorheit und den Heiden ein 
Aergernifs, so ist den wahren Christen und redlichen Medicmera 
der congregationelle Obskurantismus , womit unsere edle Wissen« 
schaft verkleistert werden soll, ein ekelhafter Gräuel, der es 
wünschenswerth macht, der Ringseis'schen „Ebenbürtigkeit* 
enthoben zu seyn. 

Mit der Vorrede hätte man eigentlich schon genug, und konnte 
das Uebrige entbehren, indem der Mifsmuth über solche Ver- 
schrobenheit von Seite zu Seite gesteigert wird, ja, die Humanität 
würde gebieten, vor dem Unbehagen zu warnen und zu schützen, 
hätten wir nicht die Verpflichtung, gegen solche Lehrsätze öffent- 
lich und feierlichst zu protestiren, damit nicht einst in der Ge- 
schichte der Medicin durch die jetzige Periode ein schwarzer 
Querbalken gezogen werde, andeutend die traurige Sterilität und 
Gesunkenheit. 

Die Einleitung fängt mit dem grotesken Style der medicini- 
öchen Humoristen und Polemiker an, allenfalls in der Art des 
Democritus medicus, nur dafs hier ein heulender und zähneklap- 
pernder H e r ak 1 i t predigt. Es werden die verschiedenen sich oft 
lächerlich widersprechenden Heilmethoden, wie scharfe Contraste 
- im burlesken Maskenzuge vorgeführt, woraus denn hervorgeht» 



170 Siebert 

dafs eine Theorie Noth thue, in welcher sich das Gute aller übri- 
gen zu einem organischen Ganzen vereinige , und die unfehlbare 
Schupfung derselben verspricht der Verfasser. 

Derselbe Ton , welcher in der Vorrede und Einleitung ange- 
schlagen wurde, geht durch das ganze merkwürdige Buch, dessen 
logische Einheit und meisterhafte Anordnung, dessen gedrängter 
Styl und Correktheit Bewunderung einflöfsen würden, verbreiteten 
die mysteriösen , unnatürlichen Prämissen nicht ein Mifsbehagen, 
dessen man sich gewaltsam erwehren mufs , um keine Ungerech- . 
tigkeit durch Nichtanerkennung des vielen Vortrefflichen und Aus- 
gezeichneten, welches dieser in seiner Art grofse Mann uns gebo- 
ten, zu begehen. Ich will nicht als Insekt an dem Werke herum- 
flattern, hier aussaugend, dort befleckend; ich will nicht mit Un- 
gestüm in das mystische Gespinnst hineinrennen, damit meine 
freien Glieder nicht verstrickt und gefangen werden ; ich will nicht 
als Antilope hier und da dem stolzen Kasuar einen leichten Stofs 
versetzen, dann über die Felder hinfliehen; ich will auch nicht 
als tölpelhafter Kämpe Stand halten, nicht gegen Wolken fechten, 
nicht Speere gegen körperlose Schatten schleudern , nicht mich 
von Gespenstern und Kobolden an der Nase zupfen , nicht vom 
Teufel braten lassen ; ich will nur eine Verwahrung im Namen der 
freien Forschung, der jetzigen Medicin, die kaum eine reelle er- 
folgreiche Bahn betreten hat, gegen dieses hierarchische Interdikt 
einlegen, und die richtige Polemik andeuten, falls sie in der Folge 
noch nothwendig wäre. 

Eine erschöpfende Widerlegung gehurt in die Gebiete der 
Theologie und Philosophie, und wird, wenn anders die Sache von 
so grofsem Belang, wahrscheinlich des Breiteren erfolgen. Was 
nützte es uns Medianem , wenn wir die Zeit vergeuden , und in 
allen Variationen immer wieder sprechen würden : „Das ist nicht 
wahr !" und Jener seine esoterischen Gesetzestafeln* hinwürfe und 
sagte: „Das ist so!"? — Die medicin:sche Ausbeute ist eine äu- 
fserst geringe und zur Zeit gänzlich entbehrliche ; was sich Neues 
in diesem Buche ergibt, ist für den Arzt stets das Irrelevanteste, 
und nur dann für den Anthropologen und Philosophen von Werth, 
wenn seine Bekehrung zu den Dogmen der Congregation entweder 



v. Ringseis. 17? 

bereits geschehen ist , oder das Bach selbst dieselbe nach und 

nach zum Durchbrach bringt. Der Verf. versieht sich auch sol- 

eher Proselyten, und meint auf eine höchst naive Weise (S. 29): 

„In das in meinen Vorträgen Palpablere eingehend, bekommen 

sie vielleicht Lust, auch das Andere zu lesen." Der Vf. hofft 

nämlich durch seine eminenten Kenntnisse zur weitern Notiznahme 

anzuziehen : „Welche das Christentum und alle Beziehungen zu 

demselben verkennen oder verhöhnen — finden Anderes genug 

darin zu lernen ; denn was sie wissen , wissen wir auch ; aber 

aufserdem noch Einiges Andere» wodurch die Oberfläche 

erst erklärlich wird." 

Und was ist dieses „Einiges Andere?" Es ist die Einsicht 

in göttliche Dinge, welche den Rationalisten abhanden kam« 

„Was kein Verstand der Verständigen sieht, 
In Einfalt erkennt es ein kindlich Gemüth." 

In den Naturwissenschaften und der Medicin sind Schöpfung; 
Sünden fall und Erlösung nicht allein abgespiegelt, sondern 
diese Verkörperungen einer guten Idee wirklich inkarnirt. „Schö- 
pfung , Sündenfall und Erlösung sind zentrale und univer- 
selle Vorgänge , darum nothwendig sich abspiegelnd in Allem. 
Die zweite göttliche Person ist <M i t - A 1 1 s c h ö p f e r, Allerhalter, 
Allwiederhersteller, somit wirksam nicht blos in jeder sittlich- 
geistlichen , sondern auch leiblichen Erhaltung und Hei- 
lung.'* TLeils verführten den Vf. die lockenden Analogieen: der 
Physiologie ~ Schöpfung, der Pathologie ~ Sündenfall, der The- 
rapie ZZ Erlösung , dafs er die Sünde zur matrix et causa mor- 
bifica und Jesum Christum zum ersten Heilkünstler und selbst 
Medicament verwendete; theils hat's ihm Jemand gesagt, d.h. 
er erfuhr's durch die Tradition. Zur Confirmation seines ersten 
und Hauptgrundsatzes bedarf s natürlich einiger Beseitigungen, und 
hier stellt sich als erster und Hauptfeind die Ratio hin. Der 
Vf. macht diese nun vor Allem niederträchtig, und travestirt den 
Rationalismus in Vernünftelei; den freien Gebrauch, unsrer 
Vernunft nennt er eine Schmach , in die wir versenkt sind durch 
die vernünftige Deutung Gottes und der ganzen Schöpfung 
Durch diese vernünftige Deutung, weil sie von der Ueberlie- 



118 Siebert. 

fernng (auch und vorzüglich der aufserevangeliscben) in 
Einigem abweichen muft, entsteht „Unverständnifs in allen gött- 
lichen Drogen , und das ist Ursache des Unverstandes 
in allen anderen: Geistesleere von Gottesleere" (S. 28). 

Wie ans solchen Prämissen» aus solchen eingekeilten — An- 
sichten selbst bei diesem logischen Kopfe die paradoxesten 
Folgerungen , wahre Salto-moriale's entstehen müssen,» sieht man 
aus dem Passus, der die Emanzipation der Vernunft von 
der Offenbarung als lebendige Fäulnifs und organische Cor- 
ruption hinstellt (S. 28) : „Die Emanzipation der Vernunft von der 
Offenbarung führte zur Emanzipation des Staates von der Kirche *), 
des Menschen von Gott» des Weibes vom Manne» eines Jeden 
von Jedem» des Fleisches vom Geiste, des Atoms vom Atome; 
sie führte folgerecht auch zur Emanzipation der Medicin von Kirche» 
Kultus» Sakramenten und Sakramentalien» und diese Emanzipation 
gleicht völlig der Emanzipation .der Muskeln von den Nerven, oder» 
wie in der Fabel des Agrippa» der Emanzipation der Glieder vom 
Magen; emanzipirt vom Dienste der Nerven sind die Muskeln 
freilich los von jenen » aber um zu verwesen» und in den Dienst 
.und die Aehnlichkeit der niedersten Naturdinge zu sinken» da sie 
vorher in Dienst und Ähnlichkeit des höchsten Organischen 
waren." 

Es ist interessant» das in einer Zeit hören zu mjSssen» wo 
die Auflösung der Dogmatik in Dogmengeschicbte » aller positiven 
Theologie in Geschichte» und aller lebendigen und wirklichen Theo- 
logie in Philosophie bewiesen und durchgeführt wird; in einer Zeit» 
.wo dasPrincip der freien Wissenschaft; oder der Auto- 
nomie des Geistes im Gegensatz zu dem alt christli- 
chen Glauben an die Autorität zur Ausführung kömmt »»Der 
Sturz des alten dogmatischen Systems in allen seinen Tbeilen war 
schon längst keinem denkenden Menschen ein Gebeimnifs mehr. 
.Aber man gibt sich Mühe» diesen Hauch des verjüngenden Geistes» 
dieses „ «Giß "" nicht in dieJBierzen der „»»Diener des Wortes " ge- 



*) Vgl. „Staat nnd Kirche." Von D. Carl Riedel. Berlin* M. 
Simion. 1840. 



v. Ringseis, 179 

langen zu lassen.* Die Medtciner sind zwar keine Diener des Wortes, 
aber durch R i n g s e i s und Consorten partizipiren sie an dem neuen 
Zwiespalt, der nun nicht mehr die katholische oder protestantische 
Dogmatik betrifft, sondern das simpliciter credere der Unter- 
worfenen, «»Gegensätze zur Kritik der freien Wis se li- 
sch a f t. 

Doch das kKngt nach dem Dämouengesang der Hallischen 
Jahrbücher, und riecht nach der Atmosphäre des Erzfeindes, der 
seine Eier nicht in heüfsen Sand, sondern mitten in die kalte 
Kirche, hi den Tabernakel, unter die Weihkessel, in die Kapuzen 
hineinlegt Man mag sie wegschieben, so oft man will, sie zer- 
brechen nicht und werden dennoch ausgebrütet Bange Christen- 
seeften, schlagt ein Kreuz! Es ist wahrhaftig von Straufs die 
Rede, von Dr. Straufs und seinen Teufelswerken! — 

"Wir haben schon mancherlei Teufel kennen gelernt Die der 
romantischen .Schute sind abgeschmackte Speiteufel ; mit Mephisto 
haben wir uns bis .-zur Brüderschaft vertraut gemacht ; L en a u's 
Teufel ist ein Weltmann; die Hoffmann-Callotscben sind Fin- 
sterlinge und häufig betrunken. Wir haben noch eine Masse von 
Teufeln , aber sämmtliche zeichnen sich durch ihr umgängliches 
Wesen und mitunter durch Humor aus, Rings eis präsentirt 
uns wieder den mittelalterlichen mürrischen Gesellen, mit Hörnern, 
Schweif und Pferdefufs, wie wir ihn an den Mauern alter Kirchen 
sehen, wenn bei der Restauration tlie Kalkdecken abgekratzt wer- 
den , — lauter wiedererstandene Höllen-Breughel. 

In früheren Zeiten hat der Teufel gar oft zur Belustigung des 
Publikums bei feierlichen Prozessionen mitspielen müssen, seit 
Hm aber die Polizei auf dem Markte und den fttrafsen nicht mehr 
duldet, g&t er Privatvorstellungen in den Schriften einiger Aerzte, 
namentlich des Hrn. Heinroth und Hrn. v. Rings eis« Aber 
wie weiland Abraham a Santa Clara mit einem ¥ uchsscbweif 
anderCepuze dieKanzel bestieg, und den kleinen Theil seiner Zu- 
hörer, welcher die Bewegungen des Tuchsschwanzes nicht sehen 
konnte, durch seine Predigt zu Tbränen führte, während der grö- 
Isere Theil in eine exeessive Heiterkeit versetzt wurde, so bat 
auch der Ri n,g s e i s'sche Teufel seinen Fuchsschwanz an, und wem 



180 Siebert. 

derselbe zu fürchterlich werden sollte , der drehe ihn nur hemm, 
dann lost sich der Spuk in eine passable Kapuziner-Farce auf. 

Wenn man's recht genau betrachtet, so ist der Gedanke nicht 
abzuweisen , dafs diese dreieinige Medicin einer grandiosen My- 
stificationsidee entsprungen sey ; wenigstens mufs man eine grofse 
Bequemlichkeit für die ärztliche Meditation anerkennen. Sind 
im Paradies die Wurzeln aller Gesundheit (Physiologie), im Teu- 
fel die aller Krankheit (Pathologie)» so kann man fuglich die Sa- 
kramentalia (Therapie) zur Heilung nicht entbehren. Aber zu 
letzterem Endzweck stehen uns auch noch unvorhergesehene Zei- 
chen und Wunder zur Seite, und bereichern den Arzneischatz, 
der mit nur sieben Sakramenten allzu spärlich bedacht ist. Je- 
denfalls sind wir des mühsamen Forschens nach Naturgesetzen * 
überhoben, da „man sich nicht auf Naturgesetze berufen kann, 
um des Erlösers und Anderer Gehen und Kommen durch Wände 
und geschlossene Thüren zto läugnen" (Syst. d. Med. S. 57). Es 
gehören blitzende Mönchsaugen und sehr feine Jesuitennasen da- 
zu , um so etwas nachzumachen , aber leider bleiben die Männer 
des Spiritualismus, selbst des edelsten, vor den Wänden und 
Thüren stehen, und werden nichts von dem Jenseitigen entdecken. 
Im Grofsen zeigen sich solche Bemühungen in den ausgeschnit- 
zelten und durchbrochenen Mauern der durchgeistenden Baukunst 
Der seltsame Humor, welcher an den gothischen Domen abge- 
schmackte Ungeheuer, grinsende Affen und lächerliche Teufel an- 
brachte, findet sich aber nicht allein dort, sondern auch zu. allen 
Zeiten. Wir wollen damit nicht sagen , dafs das System des H. 
v. R i n g s e i s ein ähnlicher Appendix an dem grolsen Bau des Chri- 
stenthums sey; keineswegs, wir hegen zu viel Achtung vor der 
Geistestiefe dieses {grundgelehrten Mannes ; aber er sorgte doch 
durch zahlreiche, den oben bezeichneten ähnliche Schnörkel, 
dafs der Leser sich von der Großartigkeit des Werkes hinläng- 
lich erholen, und von Zeit zu Zeit erheitern könne : „Wir glauben 
übrigens auf ihr Wort, dafs die sich also Berufenden (nämlich 
auf die Naturgesetze) nicht durch Wände zu dringen, jdafs viel- 
mehr ihre dicken , harten Schädel eher die stärksten Mauerwälle 
einzurennen vermögen.« Gegen diese von Hm v. R. S. 57 ausge- 



v. Ringseis. 181 

gprochene Bemerkung läfst sich erwidern , dafs allerdings Stärke 
vonnothen ist, um Mauerwälle einzurennen, die man gerade in 
neuster Zeit an manchen Orten um die Wissenschaft zu legen sich 
bemüht. Zur Durchbrechung des Ringseis'schen Gespinnstes 
bedarf es indefs keiner harten Schädel, sondern nur eines Paares 
klarer Augen, höchstens einer Lufterschütterung. 

Es ist unmöglich, eine Quintessenz oder ein Extrakt dieser 
medicinischen Reformation und Restauration zu geben ; es ist ein 
in Theosophie, Philosophie, Psychologie, Physiologie, Patholo- 
gie und Therapie nach Innen und Aufsen vielgliedriges System, 
bei dessen organischer Ordnung, die das Besondere stets dem All- 
gemeinen folgen läfst, keine Auslassung möglich , keine Zeile ent- 
behrlich. Das zeugt für eine mit allem Aufwand eines starkgfäu;- 
bigen und denkenden Mannes gefertigte Theorie, so wie für eine 
meisterhafte Form, aber keineswegs für die innere Wahrheit, und 
zwar gerade, weil sie keine Lücken bietet, gerade, weil sie er- 
schöpft scheint ; denn alle Wahrheiten, die dem Fleifs der Natur- 
forscher und Aerzte als Errungenschaft zu eigen geworden sind, 
gaben bis zur Zeit immer noch ein locheriges System, dessen Ver- 
vollständigung noch manchem Jahrhundert aufbehalten ist 

Reformation nennt v. R. seine Lehre , weil er die mei- 
sten modernen Grundsätze der medicinischen Theorie und Praxis 
wissenschaftlich bekämpft. Wir nennen aber eine solche 
Bekämpfung nicht wissenschaftlich , die als letzten Beweis und 
letzte Appellation sich selbst im Glaubens-Furor ergrimmt einsetzt 
und schnaubt: Es ist so, und ihr seid durch Satan geblendete 
Sünder! — Restauration heifst die Lehre, weil sie ange- 
knüpft ist an die uralten Lehren der grofsen Beobachter und 
Praktiker, und an die göttliche Tradition. Das Erste ver- 
säumt kein halbweg guter Lehrer , die letzte ist für eine medici- 
nische Theorie und Praxis durchaus irrelevant, und der Medici- 
ner — wenigstens diesem als solchem sei es erlaubt ! — darf sie 
nur als ein allem Irrthum unterworfenes Mensch enmach werk be- 
trachten, und nur in so weit Notiz davon nehmen, als die Tradition 
einschlägige Artikel für die Geschichte der Medicin im Allgemein 
> neu , für die Geschichte der medicinischen Polizei , für di$ Ge- 

13 



182 Siebert. 

schichte der Krankheiten , für die Anthropologie u. s. f. ent 

hält. — 

Um diese sogenannte medicinische Restauration kennen zu 
lernen, ist es nothwendig, das 564 Seiten starke Buch, dem noch 
ein zweiter und dritter Band folgen soll, Wort für Wort zu lesen, 
und die Geduld nicht zu verlieren , wenn man auf der einen Seite 
von der trefflichen Auffassungsgabe und der spekulativen Verwen- 
dung des Verfassers angezogen und gehlendet wird , auf der an- 
dern aber der Gewinn durch die mystische Durchgeistung wieder 
ins Schattenlose zerrinnt, und auf der dritten der Ueberglaube sich 
in Paradoxen erschöpft. Bunt wie dieses Buch — der Vf. nennt 
es vielgliedrig — mufs auch jeder Versuch einer Beurtheilung, 
jeder Commentar, jede exegetische Bestrebung seyn , und wenn 
man sich nothgedrungen zur Skepsis hingezogen fühlt, so kann 
man in einem dieser angemessenen Tone nicht lange verweilen, 
weil- man auf eingestreute Goldkörner stufst, deren Würdigung 
uns die eingefleischte Liebe für unsere herrliche Wissenschaft, 
die in keinem, auch noch so verkehrten Gewände ihres Geschmei- 
des ganz entbehrt, befiehlt. — 

Folgende deutlich ausgesprochene Tendenzen und nackt hin- 
gestellte Glaubensartikel sind von allgemeinem Interesse : 

1) Strenge und rücksichtslose Polemik gegen den Unglauben 
der Theologen und Philosophen, der sich hinter die naturwissen- 
schaftlichen Nachweise der Unmöglichkeit der persönlichen Un- 
sterblichkeit, des dreipersönlichen Gottes, der göttlichen Tradi- 
tion und Wunder wirft (S. 27). 

2) Die gewöhnlichen Menschen sind Blinde und Lahme, die 
deshalb auch keine Blinden und Lahmen führen können; die Natur 
kann nicht begreifen die Uebernatur, der Ungeist den Geist, der 
in Knechtschaft Erlahmte die Freiheit ; uro dazu zu gelangen , ge- 
hört Glauben und Begreifen = Einsicht in die göttlichen Dinge, 
die man sich durch Sakramentalia und Gebet verschaffen , erhal- 
ten und erhöben kann (S. 27.). 

r 3) Durch die religiöse und göttliche Begeisterung, durch 
die Annäherung an Gott im Gebet und von dorther erhalten wir Er- 
leuchtung, Intelligenz und Tiefe, an welche das armselige Maafs 



v. Rings eis. 185 

der Ungläubigen, Blinden und Verworfenen nicht zu legen ist 
(Einleitung). 

4) Es ist Blödsinn , von ewigen Naturgesetzen , von Sponta- 
neität und Autokratie zu faseln , und gleichzeitig die personliche 
Unsterblichkeit, Tradition, Wunder u. s. f. läugnen zu wollen 
(S. 27). 

5) Da die Emanzipation der Vernunft von der 
Offenbarung den allgemeinen Zerfall herbeigeführt hat, so ist 
die Autorität der letzten wieder einzusetzen , und der Kampf ge- 
gen die erste zu beginnen und zu vollführen (Einleitung). 

6) Die Natur ist nicht selbstständig , nicht weise und nicht 
gottlich , denn sonst gäbe es weder Krankheit noch Verbrechen, 
und es wäre Unrecht, diese zu bekämpfen ; Verbrecher wären die 
Aerzte, Priester und Richter (S. 27. Man bewundere dieses 
Resultat jesuitischer Syllogismen!) 

7) Im ursprünglichen Menschen , wie er aus der Hand des 
Schopfers kam — im Paradiese war die vollkommenste Har- 
monie der innersteh, mittleren und äufseren Region ; der Mensch 
war weise, einsichtig in die gottlichen, mensch tischen und natür- 
lichen Dinge, Gott unter-, den Mitmenschen bei-, den Thie- 
ren, Pflanzen und der ganzen Erde als Herr, König und Priester 
übergeordnet, die untergeordnete Natur segnend und beherr- 
schend. — Der Gesammtorganismus die vollständigste Theo- 
kratie (S. 119). In diesem Zustande war der Mensch zwar im 
Zustand vollkommener Unschuld, aber nicht vollendeter Heilig- 
keit (denn Sittlichkeit und Tugend wird durch Kampf, der da- 
mals nicht war, und Heiligkeit durch Sieg bedingt), folglich 
auch vollkommener Gesundheit (S. 117). Im Paradiese wa- 
ren auch schon alle Thiere, und ohne Verbrechen 
der Menschen wären sie wohl kaum gestorben 

(S. 109). 

8) Der Mensch wendete seine mütterlich empfangende Liehe 
freiwillig, durch die bösen Engel verführt, von Gott ab (S. 118). 
Der Mensch fiel; Unwissenheit, Irrthum, Rohheit, Krankheit u. 
s. w. folgten (S. 160). Von der geistigen Region blieb nur mehr 
ein Keim, ein Schatten zurück. Der gegenwärtige Körper ist das 

13* 



184 Siebert. 

Kind des Versehens am Bilde der Schlange. Das Zeugungs- 
vermögen wurde abnorm, das beweisen der allzu frühe» allzu 
häufige Geschlechtstrieb, die Neigung zur Vielweiberei, die Scham 
und Heimlichkeit bei der Begattung, das Mifsverbältnifs der Men- 
schenvermehrung mit der Vermehrung der Nahrungsmittel, der 
freiwillige Cölibat bei Weisen , der gezwungene bei Sklaven, Sol- 
daten u. s. w., die Beschneidung (?) (S. 119 u. 120). Jene mensch- 
liche Individualität ist im gegenwärtigen Zustande ein Bastard- 
leben in allen ihren Regionen, und zwar schon im Samen. Ne- 
ben dem menschlichen Keime ist überall schon im Samen ein nicht 
z» seiner Eigeuthümlichkeit Gehöriges, der Schlangensamen 
enthalten (S. 183). 

9) Wohl ist Natur ein Gottesbild, aber, wie der Mensch, ein 
durch Sunde getrübtes und entstelltes (S. 27). Wie der Mensch 
durch den Sündenfall elend und krank wurde, so wurden es auch 
die Thiere, und ebenso die ganze Natur, wie Hitze, Frost, 
Sturm, Hagel, Erdbeben, vulkanische Eruptionen, Ueberschwem- 
mungeu (warum nicht auch Regen ?) , ungewöhnliche Vermehrung 
von Insekten, Würmern, Mäusen erweisen. Gegenwärtig ist voll- 
kommene Gesundheit in keinem sichtbaren Theile des universel- 
len Organismus (S. 189). 

10) Einst aber werden Kirche und Staat wieder Eins , Gott 
Alles in Allem, jeder Mensch Priester und König, Vermittler zwi- 
schen dem dreieinigen Gott und der Natur, das Ganze eine voll- 
kommene Theokratie seyn (S. 159). Vollkommenste Ge- 
sundheit wird künftig befestigt und ohne mögliche Trübung nach 
der Wiederauferstehung seyn (S. 189). Gleichwie der Mensch 
durch die Erlösung wieder theilhaftig wird der ursprünglichen 
paradiesischen Glückseligkeit, so steht der ganzen Natur eine 
Verklärung bevor.' 

11) Das Christenthum ist einzig und ewig. Alle Haupt- 
rtchtungen der alten Geschichte laufen in Christus zusammen, und 
von ihm wieder aus einander (S. 125). 

12) Gut ist nur, was. Gott will, alles Uebrige 
böse. Alte Dinge, die nicht von Gott zugewendeten und von 
ihm absteigenden Kräften beseelt sind, werden von böswilligen 



v. Rings eis. 185 

Gott und dem Menschen feindlichen, zerstörenden In Besitz ge- 
nommen, weil wegen Scheue vor dem Leeren (horrot vacui) not- 
wendig die bösen Kräfte eintreten (S. 121). 

13) Ex infemo nulla redemptio (S. 94). Weil die Bilder 
des Bösen zum individuellen Leben mit uns verwachsen, 
ist keine Erlösung aus der Hölle (S. 143). 

14) Im Leben kann nicht der Grund » des Todes seyn, 
sondern nur in dem, was dem Leben feindlich ist. Kröten leben, 
ohne Krankheit, 1000 Jahre im karrarischen Marmor (S. 184). 
Unser Leib stirbt, weil er sich nicht gehörig entwickeln kann, ge- 
hindert durch den angebornen, zugleich einerzeugten Schlangensa- 
men (die sich verleiblichende S(inde). Der Tod ist also nicht 
nothwendige Folge der Entwicklung, was die Beispiele von Chri 
stus und Elias, deren Leib unsterblich, beweisen. Das beweist (?) 
ferner die Versicherung, dafs auch unser Leib nicht gestor- 
ben wäre ohne die Sünde, die jetzt seine Dauer untergräbt. 

15) Es ist eine flache, in ihren Consequenzen zur Läugnung 
des Unterschiedes zwischen Gut und Böse fuhrende Lehre : «Die 
einzelnen Dinge entstehen und bestehen nur im Kampfe unter ein- 
ander und mit dem Gauzen." Gottes Bild, die Schöpfung aber 
ist Werk der Liebe, und die Dinge sind unter einander und zu 
Gott nicnt in feindlicher Spannung, sondern mit dem Trieb zur 
stufenweisen Verinnerlichung in Liebe vereinigt. 

16) Die Trinität, Dreiheit, Dreifacbbeit Gottes und des gan- 
zen Organismus wiederholt sich in allen 'Stufen, Sphären, Krei- 
sen und Regionen, und besteht nicht durch Nacheinander und Ne- 
beneinander, sondern Ineinander und Durcheinander« Jede der 
drei Stufen (höhere , mittlere oder niedere) haben ihre dreimal 
drei Regionen, so die niederste ihre äufsere, mittlere und innere, 
und davon wieder die äufsere ihr Aeufserstes, Aeufseriicheres, 
Aeufseres u. s. f. und wie Vater, Sohn und Geist In Seele, Leib 
und Geist das Gestaltende, Gestaltliche und Gestaltete spiegeln, 
so findet man diese Dreiheit ^herab bis in den niedersten physio- 
logischen Vorgängen : Bildendes, Bildsames, Gebildetes, und wie- 
der hinauf: Schöpfung, Sündenfall, Erlösung, welchen alle wte- 



186 Siebert 

senscbaftliche Doktrinen, in der Medicin Physiologie, Pathologie 
und Therapie, entsprechen. 

17) Allem Ponderablen und Materiellen entspricht ein im- 
ponderables und immaterielles Agens, und Letztere verhalten sich 
zu Ersteren wie Bestimmendes zum Bestimmbaren. Der Nerven- 
geist im Orgaliischen ist wie das lmponderable, Seelisch-Bestim- 
mende, Bildende, Gestaltende im Kry stall. Gleich diesem Im- 
materiellen und Innerlicheren der produktiven Sphären haben auch 
die sensitiven ihr immaterielles, imponderables Substrat. Zur 
Wahrnehmung der Bilder der Aufsenwelt, wie des eigenen Kor- 
pers kommt es nicht ohne erhöhte Innigkeit, d. i. erst nachdem 
durch tiefere und innigere Fassung, durch Entstehung eines inner- 
lichen Kreises des Seyns, das eigene Innere zum Objekte wird, 
was nur gegenüber einem noch innerlicheren (sich erinnernden) 
Subjekte geschehen kann (S. 86). Im körperlichen Wachsthum 
der Pflanzen und Thiere bilden die immateriellen Pflanzen- und 
Thierseelen sich selber bewufstlos im Materiellen nach. In den 
Sensationen bildet die Seele durch das Sinnorgan etwas anderes 
als sich, ein von ihm Verschiedenes immateriell nach, und ist 
sich in einer innerlicheren Sphäre des immateriellen Nachbildes 
bewufst. Die Sensation geht in den immateriellen und unzerstör- 
baren Theilen der Nerven und des Gehirns vor sich u. s. f. 

Doch genug dieser- allgemein interessanten Sätze , von wel- 
chen das durchgeistende, übergeistliche, vergeistete Buch strotzt, 
insofern das Stofflose strotzen kann, indem gerade die gegenthei- 
lige Verinnerlichung — das Aetherisirende, Aetherliche, Geätherte 
~ der hierarchische Aetber, gemäfs welchem es kein egoisti- 
sches, sondern nur ein hierarchisches Princip gibt, prä- 
dominirt. Was aber mit dem Aether für eine handfeste Keule» 
mit „astralischem Nahrungsstoffe" für eine Bufs - Sternengeifsel, 
welche .völkerklopfende Streithämmer, Daumschrauben, Schnür- 
brüste und Zwangsjacken gemeint seien, werden wir später sehen. 

Einige dieser 17 Sätze — • man könnte ähnliche zu Hunderten 
herausheben, da sie aber alle und immer wieder in einen Fokus, 
im. Paradiese einerseits, und im Sündenfalle andrerseits , zusam- 
menlaufen , so mögen diese Proben hinreichen — bedürfen eines 



v. Rings eis. 18t 

Commentars , und ich will , da die Verkehrtheiten an der Tages- 
ordnung, gleich von Unten anfangen. 

Ad 17. Die Mühe, welche sich der Verf. gibt, den Seelen- 
funktionen die groben materiellen Erklärungen abzunehmen , und 
der Sensation den immateriellen Antheil der Nerven und des 
Gehirns zu sichern, erhält ihn fortwährend im Harnisch , und nur 
bei dem Gedanken des Widerspruchs speit er schon Gift' und 
Galle; er spielt solchergestalt die Rolle eines komischen Polte- 
rers, den fröhliches Leben verlacht; man behält dadurch gutes 
Spiel und ein leichtes Gemüth. Die fünf Beweise der Imruaterialr- 
tät der Sensationen {S. 85) hinken aber allzumal: 1) „die gleichzei- 
tige Wahrnehmung vieler Töne und Lichtstrahlen" verräth nichts 
als wohlorganisirte, durch Uebung gebildete Nerven. Dem Kinde 
und dem Wilden stürzen die Rouladen einer Sängerin auf Einmai 
als ein Convolut von Tönen ins Ohr, die nur nach und nach durch 
Uebung und Gewohnheit zum gesonderten Verständnifs kommen 
u s. f. 2) „Die fortwährende Empfindung bei Amputirten an der 
Stelle verlorener Glieder." Würde derjenige Theil eines centra- 
len Nervenorganes, in welchem die Sensation des amputirten Thei- 
les reflektirte, mit der Amputation auch hinweggenommen, so 
hörte wohl das Gedächtnifs an diesen Theil sogleich gänzlich 
auf, aber da in den Organen, welchen die Funktion des Ge- 
dächtnisses für den weggenommenen Theil zusteht, keine 
Veränderung vorging, so kann man nicht begreifen, warum das 
Gedächtnifs mit dem Abschneiden seines Substrates sogleich mit 
wegfallen soll. 3) „Die Möglichkeit und Wirklichkeit von Wahr- 
nehmung bei grofser (?) Zerstörung des Gehirns." Das ist eine 
blanke Unwahrheit, und der Vf. hätte diesen falschen Beweis lie- 
ber fallen lassen sollen, denn er ist es gerade, welcher gegen die 
Infallibilität des immateriellen Antheiles zeugt. Sobald Theile 
des Gehirns von minderer Dignität zerstört oder weggenommen 
sind, können die Hauptfunktionen des Gehirns, insbesondere die 
Wahrnehmung, ungestört fortgehen; die Verletzung oder Beein- 
trächtigung eines auf Sinnes - und Geistesthätigkeit direkt influi- 
renden Theiles beeinträchtigt oder zerstört allemal den entspre- 
chenden Funktionskreis. Dank Burdach und den Nervenphy- 



188 Siebert. 

«fotogen I das läugnel uns kein Spiritualist weg. Ein fataler 
Schlag auf den Kopf des besten Denkers kamf ihn dem unver- 
nünftigen Thiere gleichstellen, darum sagt man von einem Klugen : 
er ist nicht auf den Kopf gefallen. Dieses Sprüchwort findet 
übrigens eine falsche Anwendung, weil geborene Dümmlinge 
manchmal durch einen Fall zu Verstände gekommen sind. Es 
ist uns Medicinern ganz Einerlei , wo die Seele des Philosophen 
bei Verlust seiner Denkkraft durch eine Gehirnverletzung hin- 
kommt, und wir gönnen den Theologen ihr Auskunftsmittel mit 
der tyv%ri iksv&iqa ; wenn es uns nur gelingen mochte, die Struk- 



tur des Gehirns in ihrer Integrität herzustellen , dann sollte die 
frei herumschwärmende Seele alsbald wieder zurückkehren, und 
im Hirnkasten eingeschlossen willig serviren. 4) „Die Sensation 
der Somnambulen bei Unthätigkeit der materiellen Seite der Sinn- 
Organe." Um den Materialismus zu bekämpfen , müfs man sich 
nicht auf das Gebiet des Somnambulismus wagen, denn dieser 
bietet gerade die meisten Chancen zurVertheidigung des erstem. 
Im normalen Zustande ist es der Ganglien-Sphäre nicht vergönnt, 
Aktivität bei Funktionen der Cerebrospinal-Sphäre zu zeigen, so 
wie Letzterer die Blicke und Eingreifung in Erstere versagt sind. 
Im kranken Zustande dagegen gelangt das Gehirn allerdings durch 
die beide Sphären vermittelnden Nerven zur Einsicht und zum Ge- 
fühl in die gangliöse Werkstätte. Es ist schlimm, wenn man 
fühlt, dafs man eine Lunge, eine Leber, eine Niere, einen Magen 
habe, wenn man das ganze Bild der Herzbewegung getreu sich 
mit geschlossenen Augen und ohne fühlende Hand vorschweben 
lassen kann. Warum soll nun aber die gangliöse Sphäre durch 
dieselben vermittelnden Nerven gar keinen Antheil an den Functio- 
nen der sensitiven bekommen? Da sich ja doch auch, wie der 
Vf. S. 107 sagt: „ein Uebergreifen des sonst isolirten Sensoriel- 
len in's Gangliengebiet kund gibt." Zudem ist. Somnambulismus 
ein Zustand von Halbschlaf, und die Sensationen der Somnambu- 
len sind nur halbe, da die Thätigkeit der materiellen Seite der 
Sinnorgane auch nur eine halbe ist. 5) „Die in Gestorbenen fort- 
dauernden Gedächtnifs- und Fantasiebilder, die also in einem 
nicht verweslichen Theile des Menschen befindlich seyn müssen." 



— \ 



v. Ringseis. 189 

Ich mochte wissen, wer das Hn. v. R i n g s e i s gesagt hat. Diese 
niedliche Geistererscheiming kömmt als Beweis der lmmaterialität 
der Sensationen nackt und naiv hinterdrein, als ob das gar nichts 
Besonderes wäre ; etwas schüchtern freilich und nicht sogar be* 
stimmt im Ausdruck, aber doch sehr verständlich , wie Alles von 
dem gelehrten Verfasser, der jeden Satz ein dutzendmal wieder« 
holt. Also wirklich ein Hereinragen der Geisterwelt der Abge- 
storbenen in die unsrige als ein wissenschaftlicher Beweis für den 
immateriellen Antheil der Nerven an der Sensation! O heiliges 
Weinsberg, Kernbeifser und Eschenmichel! — Der gute Ober-' 
medicinalrath mochte etwas davon fühlen, wie männiglich diesen 
hübschen fünften Beweis hinnehmen wird, er wartet auch Nichts 
ab und macht keinen Uebergang , sondern fangt gleich zu poltern 
und zu schimpfen an gegen Alle, die nicht unbedingt an Gespen- 
ster glauben wollen: „Es ist Frechheit, Unwissenheit oder un- 
vergleichliche Dummheit, die unzähligen hierüber vorhandenen 
Thatsachen zu läugnen oder zu ignoriren. Man läugnet aber diese 
Thatsachen nur, weil man sie läugnen will, und nicht auf grob ma- 
terielle Weise erklären k a n n." Der alte Emanuel vonSwe» 
d e n b o r g ist gewifs Einmal dem Pater Nepomuk erschienen, als 
er gerade von einer Geifsel - Visite aus Gor res Zelle heimkam, 
und hat ihm etwas von seinen fortdauernden Gedächtnifs* and 
Fantasiebildern mitgetheilt! — Doch wir wissen längst, wie die 
sogenannte historische Schule ihre Consequenzeu und Beweis- 
mittel aus Histörchen, Gespenstergeschichten, von Ammen, Schä* 
fern und Hexen herbeischafft, und müssen erinnern, was Feuer- 
bach in dieser Beziehung über Stahl sagt: „Aber was ist ki- 
eonsequenz für Hrn. Stahl? Er hat ja von vorn herein allen 
Vernunftzusammenhang, alle PJothwendigkeit als eine lä- 
stige Bürde sich vom Halse geworfen, und der Willkür Thüre 
, und Thor geöffnet." 

Ad 16. So meisterhaft v. Rings eis die Lehre der Dreiheit 
durchgeführt hat, so ist doch weder die Noth wendigkeit noch der 
Nutzen davon abzusehen. Die echten Naturforscher begnügen 
sich mit dem Dualismus ebenso gut , als sie sich eine Vlerheit, 
Fünfheit u. s. f. gefallen lassen. Auch kann der gelehrte Verf. 



190 Siebert. 

seinem System Dicht ganz getreu bleiben» und mute bei der Eio- 
theilung der Naturreiche von der Dreiheit abweichen, um den 
Menschen nicht in die unanständige Gemeinschaft mit dem Thiere 
zu bringen; deshalb: 1) das Reich der sogenannten unorganischen 
Wesen, 2) das Pflanzenreich, 3) das Thierreich und 4) das Men- 
schenreich. Hier stimmt er mit den Geologen überein, welche 
den Menschen erst nach der tertiären Formation setzen. Allein 
ich hätte mir auch bei den Naturreichen geholfen, und entweder 
das Pflanzen - und Thierreich , oder das Thier - und Menschen- 
reich zusammengeschmissen , denn die Grenzen sind ja nicht so 
genau zu bezeichnen , wo bei den Pflanzen die leibliche Region 
von der seelischen, und bei deu Thieren die seelische von der 
geistigen überordnet zu werden beginnt, und im andern Falle ist 
das Vorhandensein der geistigen Region bei den Thieren fast eben 
bq schwer, wie bei den Menschen abzuläugnen. Es käme nur 
darauf an, wie stark der innere, mittlere und äufsere Kreis — 
"Wollen, Begehren und Trieb — des Systembereiters sind. Die 
Vierheit hätte eigentlich v. Rings eis besser zusagen sollen» 
denn in : Schupfung, Sündenfall und Erlösung fehlt eine Position. 
Wagner versäumte das nicht, und wie dieser die Vierheit nach 
den Prototypen: Schöpfung, Christus, Wagner und die Weltge- 
schichte construirte, so könnte es nun heifsen: Schöpfung, Sün- 
denfall, Erlösung und Wiedererlösung, oder: Gott, Natur, Chri- 
stus und Ringseis. Aber die Vierheit inkommodirt ohnediefs 
mehr als wünschenswerth , z. B. bei den Temperamenten, den 
thierischen Cardinalflüssigkeiten, den vier Lebensaltern, den Him- 
melsgegenden, den Jahreszeiten, den vier chemischen Grundstof- 
fen u. s. f., so dafs den Scholastikern um ihre Trias bangen 
würde, wüfsten sie nicht, dafs es die Vierheit nur mit der Breite, 
die Dreiheit aber mit der Tiefe und Innerlichkeit einer Sache zu 
thun habe: Thesis, Antithesis und Synthesis. 

Es fehlt mir durchaus die Courage, an der kirchlichen Ausbil- 
dung der Trinitätslehre im Geringsten zu mäkeln, aber ich schiebe 
einen wohlbewehrten, mutbigen Helden voran , der über die Drei- 
einigkeit unsäglich viel hohle Phantasieen scholastischer 
Unwissenheit und historischer Unbehülflichkeit 



_ I 

v. Ringseis. 19t 

aufgeräumt : „Die Förderung des christlichen Bewußtseins, über 
Christum und das durch ihn in die Menschheit gepflanzte Heil da* 
Höchstmögliche auszusagen, auf der einen Seite; und die Sorge, 
die monotheistische Voraussetzung des Christenthums nicht zir 
verletzen , auf der andern , sind die beiden Faktoren , aus deren 
Zusammenwirken sich die ganze Entwicklungsgeschichte der Drei- 
einigkeitslehre erklärt. Die ältesten und bekannten Gestaltungen 
dessen, was sich später zur Trinitätslehre ausbildete, fallen auf 
die hellenische Seite, auf den Einflufs der griechischen Phi- 
losophie. Für das begreifende Denken sind nach Hegel jene 
Momente des absoluten Lebens (Dreieinigkeit) Unterschiede, die 
ebenso unmittelbar aufgelost als gemacht, und ebenso unmittelbar 
gemacht als aufgelost sind, ruhelose Begriffe, die nur sind, ihr 
Gegentheil an sich selbst zu seyn, und ihre Ruhe nur im Ganzen 
zu haben, so dafs das Wahre und Wirkliche eben nur diese in sich 
kreisende Bewegung ist. Aber das Vorstellen der Gemeinde hat 
den Inhalt ohne seine Notwendigkeit, und bringt statt der 
Form des Begriffes die natürlichen Verhältnisse 
von Vater und Sohn in das Reich de*s reinen Be- 
wufstseins. Die Benennung des dritten Momentes als G e i s t, 
obwohl für sich dem Begriffe angemessener , als die der beiden 
ersteren , pafst doch zu diesen nicht, deren höhere Einheit zu be- 
zeichnen, eine Kategorie wie Liebe noch geeigneter wäre. 
Doch, auch abgesehen von den Bezeichnungen, treten dem Vor- 
stellen theils die Momente der Bewegung des. Wesens als isolirte 
Substanzen, oder gar Subjekte aus einander, theils tritt es von 
diesem seinem reinen Gegenstande zurück; er ist ihm ein Ande- 
res, indem es die Natur des Geistes und sich selbst als M o m e n t 
nicht erkennt." (S. Straufs' christliche Glaubenslehre). 

< 
Es ist freilich ein sonderbarer Gedanke, Straufs'sche 
Leuchtkugeln in den Kampf mit geweihten Blasiuskerzen zu 
schicken. Man wird die „Ebenbürtigkeit" abläugnen, gleichwie 
die gerüsteten Riesen der urweltlichen Fabel ein gut exerzirtes 
Corps freiwilliger Jäger ebenfalls für nicht ebenbürtig halten wür- 
den» Auch der Riese Goliath zog die Kampffähigkeit des Hirten- 



192 Siebert. 

knaben so lange in Zweifel , bis die Schleuder der Vernunft den 
Philister schwer am Haupte verwundete. 

Ad 15. Der Zusammenhang und die gegenseitige Abhängig- 
keit der Dinge wird weder forderlich und erschöpfend erklärt 
durch die Annahme der Gegensätze als Regel, noch durch die 
Annahme der Verbindung und Assimilirung mittelst Sympathieen 
und in Liebe. Auf dem einen Wege droht in letzter Instanz die 
Vernichtung, auf dem andern die gegenseitige Ergänzung mit 
f r e i w i 1 1 i g e m Zurück - und Abtreten des Assimilirten oder Ue- 
berwundenen. Die bis jetzt ziemlich anerkannte „Regel der 
Grundsätze" bedarf keiner Erörterung, aber die Regel der Liebe 
empfängt von ihrem Schopfer selbst bedeutende Streiche , Blofs- 
Stellungen und schwächende Auskunftmittel ; z. B. S. 39 „Alle 
Verschiedenheit ist später hervorgerufener Gegensatz, Polaris!* 
rang des ursprünglich Erschaffenen/' S. 44 : „Es ist der freund- 
liche sogenannte Gegensatz zu unterscheiden von feindlichen , ei« 
gentlich so zu nennenden." S. 45 ; „Es ist keineswegs Gegen- 
satz und Kampf, wenn Erde, Wasser und Luft von den Pflanzen, 
die Pflanzen vom Thiere, und das Thier von andern Thieren und 
Menschen gespeist, ein Ding in ein anderes verwandelt wird. Al- 
lerdings kann Aeufseres einem Innern nur assimilirt, ähnlich wer- 
den durch Aufgeben seiner Eigenheit und Selbstheit, somit durch 
ein Flüfsig-, Chaos-, Selbstlos- Werden, gegenüber dem Höheren, 
Inneren , Bildenden , Selbstigen. Allein da das Unterste * d. \* 
Aeufserste und Einfachste, als von dem Obersten , Innersten und 
Reichsten hervorgebracht, beständig den Trieb hat, sich 
zu verinnern, erhöhen, vervollständigen, so bekämpft es nicht, 
begehrt vielmehr das Aufnehmende, Verähnlichende, Erbe* 
beude, Bereichernde und Ergänzende/' d. h., läfst sich mit Ver- 
gnügen verspeisen. „Auch das Unterwerfende unterwirft das 
Coordinirte und Subordinirte , hilft und ergänzt nicht ohu^Selbst- 
thätigkeit, Arbeit und Anstrengung, aber das Eine und Andere 
ohne Streit, Kampf und ohne Zwietracht." Und 
das Alles mit Freudigkeit um Gotteswillen, eine Waltung Ae» 
hierarchischen Princips, und um die Lehren vom Kampf und 
von den Gegensätzen, welche zur Läugnung des Unterscbie- 



t. Ringsei», 19S 

des zwischen Gut und Böse führen konnten, nicht aufkommen zu 
lassen. 

Ad 14. Wäre die Sünde nicht gekommen, so lebten alle er- 
schaffenen und geborenen Menschen und Thiere noch , und wären 
gesund. Das glauben wir nun eben nicht, wohl aber sind wir 
überzeugt, dafs im Leben nicht der Grund des Todes seyn 
kann, sondern nur in dem, was dem Leben feindlich ist. Dafs 
tugendhafte Greise sich mit Gemüthlichkeit und Seelenruhe ganz 
gesund hinlegen, segnen und sterben, weil sie gerade lange genug 
gelebt haben , das gehört in lehrreiche Kinderschriften und Bei- 
spiele des Guten. Es stirbt kein Mensch und kein Thier ohne 
Torausgehende und den Tod herbeiführende Krankheit. Das wol- 
len wir nicht allein zugestehen , sondern immerdar behaupten und 
verfechten ; ingleichen , dafs kein Organismus ganz vollkommen 
entwickelt ist , oder so vollkommen , um dem Tode widerstehen 
zu können. Insofern nun überdiefs zugestanden wird , dafs jede 
Krankheit von der Ursünde herzuleiten ist, trägt dieselbe freilich 
die Schuld alles Sterbens. Wir begreifen aber durchaus nicht, 
warum Kröten , welche 1000 und weit mehrere Jahre im Gestein 
lebendig konservirt werden, hier, ohne von den äufsern Feindlich- 
keiten berührt zu seyn , fortleben , da doch auch den Kröten, wie 
der ganzen Natur , der giftige Schlangensame angeboren und ein- 
gezeugt seyn mufs, und es somit nicht des Aufklopfens und der 
feindlichen äufsern Berührung bedurft hätte, sie zu verderben, 
sondern schon das inwohnende einerzeugte Verderben rechtzeitig 
wirken müfste. Wäre das Gestein nicht zerklopft worden, so 
würden die Kröten wahrscheinlich fortleben, und ihr unsterbli- 
cher Leib genösse mit dem des Elias ein und denselben Vor- 
theil. Sind aber die Kröten keine Eliasse, so ist es auch nicht der 
einerzeugte Schlangensame, welcher die Entwicklung hemmt 
und tödtet, sondern es sind diefs lediglich die von Aufsen feind- 
lich einwirkenden Potenzen. 

Ad 13. Ewig verdammt! Hu! — der Teufel wird ernst- 
haft ! Wenn die Bilder des Bösen zum individuellen Leben mit 
uns verwachsen , dann geht's den Beichtigern und Kriminalrich- 



IM Siebert 

.fern schlecht, und sie können keine Erlösung aus der Hölle hof- 
fen — inaj «inh — 

Ad 12. An den Handlungen der sogenannten guten Menschen 
kann man den Willen Gottes erkennen. Sobald die Füllung des 
Innern ganz oder th eil weise der gottlichen Kräfte entbehrt, so 
tritt der horror tacui ein , und die Kräfte des Teufels setzen sich 
ganz oder theilweise an die verlassene Stelle. Mich ergreift ein 
horror, wenn ich diesen Verlust meiner Selbstbestimmbarkeit, 
wenn ich dieses Ich betrachte, das kein Ich mehr ist, sondern 
einGefäfs, in dem die Subjekt- Objektivirung mir keine andere 
Wahl läfst, als die zwischen der fertigen Prädestination oder dem 
Vactaan, jedenfalls aber ein Aufgeben meiner selbst gebietet, 
was so schlimm ist wie sein Gegentheil , die Selbstvergötterung 
und das Fichte' sehe Ur-Ich. Kiihne's Irreuarzt meint: 
„Alles Heilbestreben ist umsonst, alle Ichheit ist wie fortgehla- 
sen und in alle Winde zerstoben, in seiner tiefsten Seele sitzt 
dem armen Menschen nur ein Paragraph, ein sich selbst schlecht- 
hin wissender, sich selbst schlechtweg erfassender Kettensatz 
des Systems. Wer inmitten der praktischen Werkthätigkeit des 
Lebens aus Unglück, schmerzlichem Verlust, zügelloser Leiden- 
schaft und Verirrung der Sinne eine Geistesstörung erlebte, ist 
viel einfacher , leichter und rein medicinisch zu heilen , als so ein 
in seinem Ideenkreise verunglückter gelehrter Mensch." 

Der Glaubenszwang und die Sclaverei des Ichs, womit uns 
Alle beschenken, welche dieser famosen mittelalterlichen Schule 

* 

angehören , tritt iudefs bei keinem ihrer Anhänger so eckig ver- 
letzend hervor, als bei Hrn. v. Ri ngseis. (S. 126). Analo- 
gieen geben Material und Richtschnur zu allen Beweisen, und 
wie zur Aufnahme des sinnlichen Nahrungsstoffes , so wie zu den 
Wahrnehmungen der materialen Gegenstände eine passiv-ak- 
tive Hingabe an diese Stoffe und Gegenstände, ein Oeffnen der 
aufnehmenden Organe und Einwirkenlassen der Objekte erforder- 
lich, so ist diese Hingabe, d.i. Glaube, noch nöthiger zur 
Aufnahme des höchsten Bildungsstoffes. Dieser geistige Bil- 
dungsstoff zur Bildung der geistigen Stufe des Leibes ist — der 
herabgelassene Leib des ursprünglichen Mit -Schöpfers, in Sa- 



v. Rings eis. 195 

kramenten und Sakramentalien, „welche in sichtbarer 
Hülle das Innerste enthalten." Ohne diefs nichts , kein 
Heil , keine Heilung und kein Heilprocefs — nur Verworfenheit, 
Krankheit , Tod. Es mag wohl auch daher rühren , dafs Schwer- 
kranke so häufig nach Darreichung der letzten Sakramente besser 
werden und genesen. „Diese innerste geistige Region des Lei- 
bes wird ohne unser Bewufstseyn und unabhängig von unserra 
Willen durch die vom Schöpfer eingehauchte geistige Seele gebil- 
det Et inspvravit in fadem ejus spiraculum vitae, et f actus est 
homo in avimam viventem. Durch Ausbildung dieses Geistleibes 
wurde auch der sichtbar materielle erhöht , wie der verklärte laut 
Historie auferstandene Leib Christi , unvollkommener der 
des Elias." Recht bequem wäre eigentlich diese unbedingte 
Glaubensunterwerfung, besonders für Aerzte, die nicht nöthig hät- 
ten, sich fortwährend dem Echauffement des Rationalismus auszu- 
setzen ; nur Schade, dafs dieser strengen Unterwerfung des Geistig- 
Innerlichsten eine Blasirtheit des Innersten zum Grunde Hegt, und 
eine lahme Abgeschlagenheit nach Aufsen folgt. Ja, ja, wir sahen 
den siegenden Glaubenshelden zur Zeit der Cholera - Epidemie in 
München in voller Unterwerfung und erbarmungswürdiger Zerknir- 
schung vor den Betten der im schmetternden Witz der Verzweiflung 
mit einer vox sepidcralis hohnsprechenden Unglücklichen , und e r 
sah Gottes Zorn und Strafe wegen des neuen Siegs der Schlange, 
und suchte den therapeutischen Heiland bald im Morphium, bald im 
Quecksilber, bald im Glüheisen, aber sein Glaube war doch nicht 
stark genug , weil ihm eine vernünftige Heilmethode gebrach, 
und der Himmel schützte seine Kranken nicht sonderlich , weil e r 
sich nicht zu helfen wufste, und seine ganze Kraft durch aber- 
gläubische Unterwerfung gelähmt war. 

Ad 11. „So wenig Homer, der doch auch der vollkommene 
Ausdruck des göttlichen Geistes als religiösen Gemeingeistes der 
griechischen Nation war, für die christliche Welt noch normales 
Ansehen in religiösen Dingen hat : so wenig könnte das neue Te- 
stament ferner ein solches ansprechen, wenn jemals eine Zeit 
und eine Entwicklung der Menschheit einträte, welche sich zu der 
christlichen so verhielte , wie sich diese zur griechischen verhält. 



196 Siebert. 

Dafs eine solche niemals eintreten werde , ist die christliche Vor- 
aussetzung, welche auf altorthodoxem Boden , mit der Gleich- 
setzung des christlichen und des absoluten Geistes als Solchem 
gegeben war. So wie auf dem Boden der neueren Religionsphilo- 
sophie die christliche nur eine der verschiedenen Erscheinungs- 
formen -des Absoluten ist, kann sie andere dergleichen eben so 
gut nach sich als vor sich haben , und dafs dies nicht der Fall 
seyn werde, darf nicht» wie in der Schi ei er mach er' sehen 
Glaubenslehre vorausgesetzt, sondern mufs bewiesen wer- 
den, und zwar besser, als bei Hegel durch die blofse, in sich 
selbst und dem System widersprechende Bezeichnung des Chri- 
stenthums als der absoluten Religion." (S t r a u f s). So spricht 
ein Glaubenslehrer, der seine Vernunft nicht über Bord geworfen 
hat; die Mediciner fügen aber bei: Dem grofsen deutschen Grü- 
belgeiste war es vorbehalten, die weltgeschichtliche Bedeutung 
der Medicin sammt allen Ausstrahlungen und Bezügen dem Hei- 
lande, Herrn Jesus Christus als erb- und eigentümlich zu vindi- 
ziren , eigentlich aber nur seinen spätem Sachwaltern , und zwar 
nicht den persönlichen, sondern den massenhaft rezessirenden 
und plaidirenden, nämlich nicht den Aposteln, sondern der Tra- 
dition, in deren schlammigem und trübem Boden die Principien 
der Medicin, die immer etwas Sumpfpflanzenartiges hat, am 
Besten wurzeln , und besser als in den krystallhellen Lehren Jesu 
und seiner Jünger , denn diese erklärten sich niemals sonderlich 
deutlich, und kurirten sogar der Wissenschaft zum Trotze ge- 
gen alle Paragraph e der Therapie mit Zeichen und Wundern. 

Wie nun die der Medicin, so laufen alle Fäden der Weltge- 
schichte in Christus zusammen, und von ihm wieder aus einander. 
Nach diesem Schema mufste die Medicin um Christus ihren Cul- 
minationspunkt haben. Ein „gläubiges, von Oben erleuchtetes 
und begeistertes Bewufstseyn" zweifelt daran nicht ; wir „Gemei- 
nen, Kranken und Gefallenen" dagegen begreifen diefs freilich 
nicht, und hielten bisher dafür, mit der Medicin sei es um die 
Zeit Christi nicht sonderlich gut bestellt gewesen. Nach obiger 
Behauptung und nach des Verfassers Ansicht des jetzigen Ab« 
Schnittes der Menschengeschichte, ist die Gesunkenheit der Sit« 



y. Ringseis. 197 

ten und Wissenschaften in dem Maafse vergröfsert, als man sich 
der Zeit nach von Christus entfernt hat* Was Wunder ! wenn - 
Anno 1841 ein begeistertes Bewufstseyn sich berufen ftihlt, die 
trfrzu sehr aus einander weichenden Strahlen wieder zip sammeln, 
und eine Restauration und Reformation im Namen des dreieinigen 
Gottes zu beginnen. Doch scheint mir der neue Messias vorsich- 
tig, denn er trat nicht mit einfachen blöden Jüngern sein Geschäft 
an, sondern erst, als er hinlänglich gerüstet war mit Macht und 
Einflufs, die ihm den Kreuzestod ersparen, und die gläubige, 
d. h. um Anstellung und Beförderung supplizirende Majorität der 
seiner Coterie sich anheuchelnden Kunstjünget sichern. 

*Ad 10, 9, 8, 7 u. s. f. Schöpfung, Urzustand der Men- 
schen und Thiere, Sündenfall — Jammer um das verschwundene 
goldene Zeitalter; Hoffnung auf die künftige Theokratie, auf das 
tausendjährige Reich! das ist die Parole der Fanatiker 
undSektirer, Aller, die^nach einer geschenkten Glückseligkeit 
schmachten , weil sie in ihrer Unkraft und destruirten Jämmerlich* 
keit sich selbst keine bereiten können, von jeher gewesen. Die 
kosmogenetischeu Versuche des alten Testamentes , welche zürn 
Theil in das Gebiet der Poesie , zum Theil der Philosophie gehö- 
ren , dienten zu alleu Zeiten den Schwachen theüs als ein Mittel, 
durch das gemeinsame Elend aus dem Fluch der Ursünde ihre 
eigene Geistessclaverei zu entschuldigen, theils als Hoffnungs* 
strahl und Rettungsanker in der steten Gefahr zu versinken. Dem 
relativ geistig und körperlich Gesunden fiel es niemals ein , in un- 
serer Kosmogenie etwas Anderes als eine wunderschöne Mythe zu 
sehen. Alle Paradies - Gläubigen werden so wenig als ich selbst 
mit der Erklärung fertig werden * warum Nichts absolut gesund 
ist, und der Schlangensame ist nur ein getroffenes Expedient, 
welches den Samen der Absurdität in sich trägt. Appelliren wir 
an eine echt englische Teleologiö, so kann uns diese nie erreichte 
Gesundheit gar nicht wundern, wir müssen sie im Gegentheile 
zu unsern Beneficien zählen, dehn gäbe es absolut gesunde Leute, 
so muteten einerseits die Leidenden in vollkommene Trostlosigkeit 
versinken , andrerseits wäre den Gesunden ihr letztes und hoch* 
stes Ideal geraubt; für die, welche im unwandelbaren Besitz der 

14 



108 Siebert 

absoluten Gesundheit sind, hat doch wahrlich die Gesundheit 
keinen Werth mehr, wie auch die Liebe ohne Sehnsucht, und das 
Leben ohne Tod. 

Der Urzustand im Paradiese» im heitern Schabbesgärtlein, wo 
der Mensch als Herr , Konig und Priester die untergeordnete Na- 
tur gesegnet , beherrscht und nebenbei verzehrt hat, mag recht 
behaglich gewesen seyn, besonders weil man kein System der 
Medicin brauchte, und weil es (nach Rings eis) keine Heili- 
gen gab. Für einen Zoologen bot der Umstand grofse Bequem- 
lichkeit dar, dafs schon alle Thiere vorhanden waren, die ohne 
Verbrechen der Menschen kaum gestorben wären. Später mar- 
schirten auch von jeder Art, wie uns Hr. v. Ringseis auch er- 
zählt, ein Pärlein in den Kasten des Noah, damit der Samen 
und die Art erhalten werde, da nur die Ersten erschaffen wurden, 
und die Spätem sich Alle durch Samen, in dem die Descen- 
denten bis zuni jüngsten Tage ei nges<Ji achtelt ruhen, fortpflan- 
zen müssen, * 

Ich will weder den Schein der Frivolität auf mich laden, noch 
würde ich an den aufserordentlichen Kenntnissen des Hrn. v. R. 
zweifeln, wenn diese barbarische Unkenntnifs der Geschichte 
unsres Planeten, sammt Allem, was darauf ist, mich nicht ei- 
nerseits nöthigten, den Verf. der medicinischen Restauration als 
Richter über Naturwissenschaft und naturwissenschaftliche Streit- 
fragen für durchaus inkompetent zu erklären , und andrerseits das 
Urtheil geistvoller Orientalisten, Philosophen und Geologen ent- 
gegenzusetzen. 

Gesenius: „ — Diese denkwürdige Urkunde (Genesis), 
welche an der Spitze der heiligen Schriften der Hebräer steht, 
enthält ein kosmogonischcs Philosophem, oder einen Versuch ei- 
nes uralten Weisen über die Entstehung der Erde und des Welt- 
gebäudes, in geschichtlichem Gewände vorgetragen, und in die 
Volkssage übergegangen. Der Erzähler folgt dabei seiner, frei- 
lich sehr unvollkommenen, Kenntnifs der Natur, aber seine Vor- 
stellungen enthalten doch vieles Würdige und Erhabene , welches 
seiner Darstellung den Vorrang vor vielen ähnlichen Versuchen 
des Alterthums sichert." 



y. Rings ei s. 199 

Straufs (Christliche Glaubenslehre): „In der Bibel, sagt 
Hegel, wird von einem Paradies erzählt; viele Völker ha- 
ben so ein Paradies im Rücken liegen, das sie als ein verlorenes 
beklagen. Wir müssen dieser Vorstellung ihr Recht widerfahren 
lassen : — Diese Einigkeit der Menschen mit Gott , die Vernünf- 
tigkeit, Geistigkeit ist allerdings das An-sich, die wesentliche Be- 
stimmung des Menschen ; aber der Begriff, das An-sich , ist nicht 
einzelner Zustand , sondern liegt dem ganzen Verlaufe der daraus 
hervorgehenden Zustände als ihr Princip zum Grunde. Indem 
nun aber die Menschen das, was Begriff, An-sich ist, sich zur. 
Vorstellung bringen wollen,, verfallen sie gewöhnlich darauf, das- 
selbe sich, nicht als ein glei ch bleibendes Innere, 
sondern in der Weise äufserlicher, unmittelbarer 
Existenz, als vergangenen oder auch künftigen 
Zustand vorzustellen; eine mangelhafte Vorstellung , in- 
dem sie die ewige Gegenwart des Ideals in der Verworrenheit der 
realen Existenz verkennt. Ohnehin ist, was dabei von dem ver- 
gangenen Zustande ausgesagt wird, ein lediglich Gemeintes. 
So sollen hier die ersten Menschen ein vollkommenes Wissen, 
namentlich von Gott und göttlichen Dingen gehabt haben. Allein 
dies ist eine thörichte Vorstellung. Das Wissen der Wahrheit 
ist kein unmittelbares, sondern wesentlich vermittelt; um zu Gott 
insbesondere als dem Wahren ohne alle Schranke zu gelangen, « 
mufs der Mensch die natürliche Besonderheit des Wissens sich 
abgearbeitet haben ; der Geist in seiner Wahrheit ist nur für den 
freien Geist , und dies ist der , welcher absehen gelernt hat vom 
unmittelbaren Wahrnehmen und Vorstellen, und ebenso die Re- 
flexion des abstrakten Verstandes überwunden hat. Nicht aqders 
verhält es sich mit der höchsten sittlichen Vollkommenheit, die 
der Mensch in dem sogenannten Zustande der Unschuld gehabt 
haben soll. In Wahrheit ist der erste unmittelbare 
Zustand des Willens nicht sowohl ein Zustand der 
Unschuld, als vielmehr der Begierde, der Roh- 
heit, Wildheit. — Diese Reinigung aber ist die Erziehung 
und Arbeit der Vermittlung, die nichts Unmittelbares seyn 

kann." — 

14* 



200 Siebert. 

Wir wollten es übrigens den Theologen und Philosophen 
nicht so sehr verargen , wenn ihre Vorstellungen von der Bildung 
der Erde und dem Alter des Menschengeschlechtes von der Auto- 
rität der mosaischen Erzählung beherrscht würden, aber unver- 
zeihlich sind heutzutage die Geogonieen jener Naturforscher, die 
weit hinter Leibnitz zurückbleiben, „denen der heutige Zustand 
der Erde erscheint als das Ergebnifa der nfechen Gährung der 
Elemente, welche sich eilends zum Garten geordnet, in dem 
Gott »»alle Thiere auf Erden, alle Vogel unter dem Himmel, Al- 
les , was auf dem Erdboden kriecht , und alle Fische im Meere" " 
in des Menschen Hände gegeben." — Es ist unverzeihlich , aus 
eigensinniger Orthodoxie den Gang der Wissenschaft hemmen zu 
wollen, und die Triumphe des menschlichen Geistes aus christ- 
lich -theokratischem Fanatismus in Finsiernifs und Armin* h zurück- 
zuschleudern ; es Ut absurde' Aufgeblasenheit, das Menschenge- 
schlecht der letzten Paar tausend Jahre mit allen Anknüpfungen, 
Erinnerungen, Traditionen, das nur einen unmerklichen Abschnitt 
in dem lmermefalichen Entwicklungsgänge der Erde bildet, ins 
Centrum zu setzen, vor dessen Erscheinung ein Chaos sich zer- 
quälte, welches für den Menschen sich plötzlich zum vollendeten 
Organismus ordnete. Wollte man auch daran zweifeln , dafs die 
Erde manches Jahrtausend hindurch in immer hoher organisirten 
. Produktionen sich versuchte , bis es ihr endlich in der jüngsten 
Periode, und zwar lange nach der tertiären Formation gelang, den 
Menschen hervorzubringen, so lassen es die schlagenden Argu- 
mente, die faktischen Beweise unserer* besseren Naturforscher 
nicht zu. Ich glaube auch , dafs ohne einen neuen Schöpfer und 
ohne Untergang der jetzigen Erde ein ganz neues , dem Menschen 
fiberordnetes Geschlecht auftreten wird, das sich zum jetzigen 
verhält, wie alle höheren Thiere zu den niedrigem, aber ich bin 
auch überzeugt, stünde es in unserer eigenen Macht, wie den 
Geist zu kultiviren , so auch die materielle Organisation hoher zu 
bringen, die kehren des Hm. -v. Rings eis würden nicb/s dazu 
beitragen. — • Wahrlich ! die besten Philosopheme sind nicht im 
Stande, das mosaische Schöpfung* - und Paradies- Mähr chen so 
zu erschüttern, als es die einfachen Argumente eines tüchtigen 



v. Rings eis. 201 

Geologen vermögen. Wir wollen die Worte eines solchen (aus 
den „Geologischen Briefen* des II H. der Augsb. Allg. Zeitung) an- 
führen , die nichts an Wahrheit und Kraft verloren , obwohl dage- 
gen in derselben Zeitung vun einem doppelt Bekreuzten (ff vom 
10. u. 17. April) eine altorthodoxe Strafpredigt mit unwissenschaft- 
licher Emphase herunterdeklamirt wurde. 

„ — Seit das erste Gewächs , das erste Thier ins Daseyn ge- 
rufen worden, mufs noth wendig ein Zeitraum verflossen seyn , in 
dem die Erinnerung des Menschengeschlechtes verschwindet, wie 
eine Stunde im Jahrtausend ; aber alle Schöpfungen .der heutigen 
Natur j die mineralischen Bildungen, wie die Gestalten der Thiere 
und Gewächse , und der Mensch selbst sind Epigonen einer un- 
endlichen Vergangenheit. Alles, was auf Erden geschieht und 
geschah, so weit der Mensch zurückblickt, ist der unmerkliche 
Abschnitt eines unermefslichen Epos , das bald in leidenschaftlich 
beschleunigtem Gange, bald in ruhiger Breite, aberfolgerecht 
durchaus, in poetischer Einheit der Katastrophe zufliefst." 

„ — Wie die grofse Klasse der Thierwelt nach den äufsern 
und innern Merkmalen ihres Baues wieder iu Familien, Geschlech- 
ter und Arten aus einander geht, so bilden die Gesteine, vom 
dichtesten, körnigten Kalksteine bis zur erdigen Kreide, vom 
gleichartigen dünnblättrigen Thonschiefer bis zum gemeinen Töp- 
ferthon , von der härtesten feinkörnigten Grauwackc bis zum losen 
Saud eine zusammenhängende Reihenfolge. Blickt man an bei- 
den Reihen hinauf und vergleicht sie mit der heutigen organi- 
schen und unorganischen Natur, so zeigt sich, dafs die Mineral- 
korper , und dafs Thiere und Gewächse in ihrem Anblick ihren 
heutigen Verwandten ungefähr in dem Verhältnifs unähnlich sind, 
in dem sie alteren Epochen angehören ; dafs mit dem wachsenden 
Alter der ganze Styl der Bildung fremdartiger, abweichender wird 
von demjenigen, nach welchem die Natur heutzutage baut und 
zeugt." 

„— Das Thierreich hatte eine Entwicklung in der Zeit : ge- 
wisse Organisationen konnten nicht auftreten , bevor nicht in der 
äufsern Natur im Verlauf der Ausbildung der Erdrinde gewisse 
Lebensbedingungen eingetreten waren. So muteten die Typen 



202 Siebert. 

des Fisches und des Reptils in zahllosen Formen entstehen und 
wieder verschwinden , bis im Leben der Erde der Punkt eintrat, 
wo der Natur die Conception des Säugethiers ge- 
lang." 

Hr. v. Ringseis nimmt S. 38 freilich eine andere Präsum- 
tion in Anspruch : Wie der Mensch das höchste unter den be- 
wufsten Wesen, so die ursprüngliche Erde der höchste 
(höchst entwickelte) unter den Weltkörpern. 

Die Geologie fahrt fort : „ — Die abgeplattete Kugelgestalt 
der Erde weist nach physischen Gesetzen unmittelbar darauf hin, 
dafs sich ursprünglich die ganze Masse in flüssigem , und zwar in 
feurig flüssigem Zustande befunden haben mufs. Sie erkaltete 
allmählig, und so bildete sich rings eine starre krystallinische 
Kruste , vielfach zerrissen und aufgeborsten durch die Explosio- 
nen des noch glühenden Innern." 

Der vor dem allmähligen Erkalten bestandene höhere Tem- 
peraturgrad der Erde , wodurch Pflanzen und Thiere in Zonen ge- 
diehen , welche jetzt iiierfür zu kalt sind , leistet der R i n gs e i s'- 
schen Paradies - Vortrefflichkeit einen bedeutenden Vorschub ; 
S. 120: ;,Wenn der Mensch, die angewiesene Stellung freiwillig 
verlassend , nicht mehr mit all seinem Sinnen , Wollen , Lieben 
und Denken Gott zugewendet (Sündeufall) , so müssen alle un- 
ter demselben befindliche Wesen, die er mit Gott vermittelte» 
denen er nach der heiligen Schrift Namen gab» deren Sonne» 
Herz, Mittelpunkt er war, die er beherrschte, nothwendig in al- 
len Beziehungen leiden. Durch den Fäll des Menschen entstan- 
den in der Natur: — statt überall gleichmäfsig verbreiteter, wohl- 
thätiger mittlerer Wärme, in Pole getrennte äufserste Hitze 
und Kälte." Und nur daraus ist ihm erklärlich , warum Elephant 
und Rennthier, wie noch jetzt ihre aufgefundenen Knochen be- 
weisen, an demselben Orte waren. Sonach gehörten die damali- 
gen Elephanten und Rennthiere in die paradiesische Zeit, wo es 
kein Leiden und keine Krankheit , und überall eine gleichmäfsige 
Temperatur gab *). 



*) Das* Mammuth hat uns früher verlassen, als das Elennthier, wel- 



v. Rings eis. 203 

Doch zurück zur Geologie: „ — Jene frühesten neptunischen 
Gesteine , Gneifs und sogenannter Urschiefer, zeigen in ihrem 
Gefü'ge deutliche Spuren von der sehr hohen Temperatur, 
welche damals noch an der Oberfläche herrschen mufste , und in 
ihnen ist noch niemals eine Spur, weder eines Gewächses , noch 
eines Thieres entdeckt worden. Aber gleich in den zunächst fol- 
genden Bildungen, in der Grauwacke und dem Kohlengebirge, 
treten organische Körper in bedeutender Menge auf. — Und so 
sehen wir , wie die langsame Verkühlung der Erde , die Entwick- 
lung des Festlandes, und die Ausbreitung des Pflanzen- und 
Thierreichs zu immer höheren und vielseitigeren Formen Hand in 
Hand gehen." Aber noch lange , lange währte es , bis die Zeit 
kam ? welche das Menschengeschlecht sah. 

' „ — Weil der Sprung von der Kreide zu den Bildungen über 
der Kreide , zu dem oberflächlichen Gerolle , zu den Sand - und 
Tbonlagern ein so jäher war (nämlich noch vor Cuvier und 
Brogniart), so nährte man die alten Vorstellungen, als ob 
durch ganz allgemeine Katastrophen alles Lebendige auf Erden 
mit einem Male vernichtet , und eine ganz frische Schöpfung nach 
etwas geänderten Planen ins Daseyn gerufen worden wäre. Dort 
eine fremdartige Natur, Kolosse der Reptilienform, zum Theil 
nach einem Styl gebildet, den die Natur längst verlernt, die Säu- 
gethiere erst skizzenhaft angedeutet ; hier dagegen auf einmal eine 
ganz befreundete Welt, kein paradoxes Reptil mehr, dafür alle 
Säugethiergeschlechter, deren Reihe der Mensch so dominirend 



che» mit gigantischen Geweihen in Torfmooren, und zugleich mit roh 
gearbeiteten Booten mit Topfscherben and Aexten vorkommt. Wir wis- 
sen nicht, ob letztere Requisiten zu dem Paradiese gehören, glauben 
aber nicht, dafs man daselbst Boote, Töpfe und Aexte nöthig hatte. 
Jedenfalls wird dem Mammuth die Anmuthnng der paradiesischen Ge- 
sundheit und Herrlichkeit entzogen werden müssen, weil sich an seinen 
Knochen Spuren von Krankheiten — Bruch, Exostosen, Knochen- 
schwamm, Garies — vorfinden. Von dem Elennthicr behauptet Seb a 
Münster, dafs es bis in das Mittelalter herein existirt habe. Das 
Mittelalter scheint aber den Congregationellen gewissermafsen ein neues 
Paradies zu seyn. 



204 Siebert. 

abschliefst — Jene Kluft zwischen den jüngsten sekundären 
Bildungen und der dritten grofsen Epoche der Erdbildung auszu- 
fällen, ist die Wissenschaft auf dem Wege, Man kennt bereits 
Gebirgsarten, welche junger sind als die Kreide und älter als die 
bisher bekannten tertiären Gebilde, und die, näher erforscht, ohne 
Zweifel den geologischen und zoologischen Uebergang vermitteln 
werden. Wir wissen zwar , dafs in dieser grofsen Periode der 
Mensch erst aufgetreten ist, und zwar, weil er in dieser gelebt ha- 
ben feann." 

„— Jene Anhäufungen von Gerollen, Sand und* Thon, wei- 
che in Europa, Asien, Amerika, weit gegen den Polarkreis Thä- 
ler und ihre Gehänge bedecken, und nach allen ihren Verhältnis-* 
seil aus der Wirksamkeit heutiger Strome nicht zu erklären sind, 
bilden das sogenannte Diluvium. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dafs wir im europäischen Diluvium die Monumente mehrerer, viel- 
leicht vieler solcher Fluthen vor uns haben ; ebenso wenig, dafs 
diese Fluthen , wenn sie gleich auf grofse Erschütterungen hin- 
weisen, sich doch jedesmal auf einen gewissen Rayon beschränkt 
haben, und dafs man nicht daran. denken darf, darin eine Bestä- 
tigung der alten Begriffe allgemeiner , den ganzen Erdball betref- 
fender Umwälzungen zu erblicken. — In diesen überall zerstreu- 
tes Sand - und Lehmlagern begegnen wir auch lauter bekannten 
Gestalten aus der Thierwelt ; das Einzige , was sie immer noch 
aus unserer gewohnten Naturumgebung wegrückt, sind die Pro- 
portionen ihres Körpers, welche sich zu den heutigen Verwandten 
verhalten , wie die mythischen Heroengestalten der Culturaufange 
zu der jetzigen abgeglätteten Menschheit." —r 

„ — • Wie alle Familien von Organismen, so ist auch der 
Mensch ins Daseyn getreten, sobald sich in der äufsetn Natur die 
Elemente zu seiner Existenz gefügt hatten." 

n — r- War aber der Mensch schon Zeuge jener Fluthen, wel- 
che den Boden von Europa fegten, so konnte die Vernuqft gewifs 
die menschliche Bevölkerung nicht ganz vor dem Untergange 
schützen ; und wenn man nun in jenem Diluvium niemals äch- 
ten Menscfienknocheu begegnet ist, so mufste man 
dies als einen Beweis gelten lassen, dafs d^r Mensch da- 



v. Ringseis. 205 

mals, wenigstens im Bereich dieser Flutlieo, nicht exi- 
stirt habe/ — - 



ii. 

Es gab eine Zeit, in welcher die mediciniscben Doctrinen 
sich in strenger Ferne hielten von allen übrigen, in deren Bereich 
sociale und politische Fragen fallen, wo die Priester, der übrigen 
Welt verborgen, ihrem mysteriösen Dienst hinter dem Vorhang ob- 
lagen. Diese Zeit ist vorüber. Die Laien treten nun hervor, 
nehmen Einsicht in die mediciniscben Dinge, mafsen sich Kritik 
und Parteiergreifung an. Und nicht ganz mit Unrecht, denn es 
handelt sich um ihre höchsten Güter, um Gesundheit und Leben ; 
und somit kann man die Einsprache nicht zurückweisen. Grofse 
Herren, Staatsmänner und Philosophen ergeben sich theils einem 
mediciniscben Dilettantismus, theils ergreifen sie Partei und üben 
Protektion zu Gunsten der einen oder der andern Schule, je nach- 
dem deren Maximen ihnen Sympathieen einflössen, oder ihren po- 
litischen Bestrebungen forderlich erscheinen. Die Mediciner fin- 
den ihre Geheimnisse verrathen, den Schleier heruntergerissen, 
die Mysterien aller Welt preisgegeben , und können sich nur mit 
der äufsersten Anstrengung in der Anerkennung als ursprüngliche 
Herren und Eigenthümer erhalten. Dagegen sind auch sie heraus- 
getieten, wagen es , bei philosophischen , theologischen, juridi- 
schen Dingen mitzureden und mitzuhandeln ; ja, wir sahen in neu- 
ster Zeit auf politischem Boden Vorfechter für sehr verschiedene 
Prinzipien in Bezug auf Staatslehre und Staatsform, so für den 
hierarchischen Absolutismus (Rings eis), für den konstitutionel- 
len Monarchismus (Eisenmann), für den Republikanismus 
(Cavaignac), und wie theoietisch die medicinischen Lehrsy- 
steme Influenz gewinnen auf Docfrinen der fremden Fakultäten, 
und umgekehrt theologische , philosophische und juridische auf 
medicinische, so stehen sogar auch praktisch die Meditationen am 
Krankenbette, und auf der andern Seite die Behandlung religiö- 
ser, politischer und socialer Fragen nicht aufser Yerhältnifs und 
EiuUufs zu einander. Mit andern Worten : Wir erkennen an dem 



206 Siebert 

Landtagsdeputirten v. Rings eis dieselben Lebren* und die- 
selbe Wirkung dieser Lebren genau wieder, welche sieb bei dem 
Referenten im Ministerium und bei dem Professor der Pathologie 
und Therapie kund geben. Der Tbeokrat wird in den medicini- 
schen Wissenschaften unsre göttliche Natur mit dem Bannfluch 
belegen und wegstreichen, wie er als Obermedizinalrath hellleuch- 
tende Männer aus Amt und Wirken zu drängen , und als Gesetze- 
Diskutirender Feudallasten und Servitute gottlichen Ursprungs zu 
erklären, und abscheulich erworbenen mittelalterlichen Besitz zu 
heiligen weifs. Ein solcher Mediciner mufs um so mehr auf allen 
diesen Feldern bekämpft werden, als der Entscheidungskampf des 
freien Denkens, der freien Wissenschaft gegen die 
Reaction, als der Kampf gegen Congregation und Ultramonta- 
nismus, der Kampf gegen jene Bestrebungen, welche neuerdings 
den Geist mit finster n Lehren umstricken wollen, um ihn alsdann 
um so leichter jeglicher Unterdrückung zu überliefern, 
nahe gerückt ist. 

Wenn auch die Hierarchie im Mittelalter die civilisirende 
Kraft des Ghristenthums ausdrückt, so wollen wir uns zwar des 
Dankes nicht für überhoben erklären, aber dafür, dafs wir durch 
sie schreiben und lesen lernten, nicht willig den Nacken unter 
die alte Form beugen, nicht willig die Früchte des Forschens und 
Fortschrittes opfern , nicht zurückkehreu zu den Institutionen der 
Hierarchieen und Staatskirchen mit Zerstörung unserer wissen- 
schaftlichen Altäre der freien Errungenschaft, der Freiheit des 
Denkens und Wissens. Wir wolleu die Weisheit nicht aus den 
Händen der heiligen Jungfrau, die sie auf tausend Wundermedail- 
len in alle Welt spendet, nicht von dem neuen Mittelalter mit sei« 
nem 1600jährigen Jubiläum der heiligen Ursula, nicht von 11000 
klugen oder thörichten Jungfrauen, nicht vom heil. Lateran und 
nicht von dem Grafen Dysbach-Belleroche, nicht von Gor- 
res, Brentano, Oettl, Hauber, Riester, Irenäus Haid, 
Eberhard, Wiedemann und Win dischmann, auch nicht 
von Rings eis und allen Brüdern ex societate mit und ohne Or- 
denstracht. 

Man mag sich stellen, wie man will, so können die Aufgaben 



v. Ringseis. 20? 

unserer Zeit weder verhehlt Doch zurückgedrängt werden. „Das 
Prinzip, um das sich jetzt Alles dreht, ist die Autonomie des 
Geistes, und zwar im Wissenschaftlichen die Fortbildung des 
Rationalismus, und im Staatlichen des Liberalismus. 
Die Entscheidung ist noch erst zu erwarten, vorläufig der rein gei- 
stige Kampf in der Wissenschaft fortzusetzen, um so eifriger , da 
allerdings dieser innerliche jenen äufserlicheu Krieg sparen wür- 
de, wenn es bei Zeiten gelänge, ein grofsartiges Interesse der 
gauzen Nation .für die Seite des freien Geistes ins Leben zu ru- 
fen. Die Krisen der Theologie, der Servilismus der Jurisprudenz, 
die Mystik der Medicin , die Scholastik der Philosophie und der 
Romantizismus der Kunst — welch' eine Gährung! und — die 
Bestechlichkeit durch Amt, Geld und äufsere 
Rücksichten — welch' eine Masse des natürlichen Wider- 
standes, welch' ein Instrument in der Hand des Jesuitismus un- 
serer Zeit ! u (Arnold Rüge. Hallische Jahrbücher). — 

Es' ist gut, dafs die deutschen Gelehrten so überaus gelehrt 
sind, denn das nöthigt sie, in einer Sprache zu reden, welche das 
Volk unmöglich verstehen kann. Drängen Lehren wie die des 
Hrn. von Ringseis zu den Ohren des Volkes, würde dasselbe 
sie begreifen und sich zu seiner Denk- und Handlungsweise be- 
stimmen lassen , so wäre das Ziel der retrograden Bewegungen 
schneller erreicht, als mit jeder andern heimlichen und öffentlichen 
Macht, und das Volk kehrte zu jener vollendeten Unmündigkeit 
zurück, die durch Gehorsam, Unfreiheit, unbedingte Glaubensun- 
terwerfung erzielt werden kann. Unter welches Joch verlangt 
man aber diese Beugung? Unter den Willen des dreieinigen Got- 
tes , der in allerhöchster Person Oben sitzt , die Guten belohnt 
und die Bösen zur Hölle schickt? — Man wird doch nicht so gut- 
müthig seyn , und den weisen Lehrern aufs Wort glauben ! Sie 
geben einer Usurpation nur den hehren Namen, damit man geblen- 
det von der erhabensten Autorität sich williger unterwerfe; es 
handelt sich hier weniger um den lieben Gott als um seine Stell- 
vertretung, um die päpstliche Unfehlbarkeit, um die allein seelig- 
machende christkatholische Kirche, um die hierarchische Allge- 
walt mit allen Corollarien und Gonsequenzen. 



208 Siebert. 

O der Kurzsichtigen , welche ein Schnippchen schlagen und 
sprechen : was kann es uns denn schaden , ob dieser oder jener 
ein Pantheist, ein Monotheist oder ein Trinitarier sey ! O der Fei- 
ge», die vor jeder Vernunftprobe zittern, und in jedem Zweifel ei- 
nen aufkeimenden Bannfluch und ewige Verdammnifs wittern! 
O der Trägen, welche indolent, indifferent und ohne Renitenz 
sich einen Strick nach dein andern anlegen lassen, und inzwi- 
schen alberne Lieder von Freiheit und süfsem Weine singen ! Un- 
ser jüngster Patriotismus ist ein Äffender im Käfig Grimassen 
schneidet, und hin und: wieder von den Vornehmen einen Apfel, 
eine Nufs, einen Pokal, ein Bändchen zugeworfen bekömmt; er 
weist niemals die Zähne, sondern bückt sich stets tiefer. — 
Glaubt man denn, es*sei einerlei, ob der Eine so oder so über die 
Existenzialform Gottes spricht, ob der Eine uns als freie Wesen, 
der Andere als in Sünden Gefallene, Abtrünnige, d. h. der Eine 
uns als Starke, der Andere als Schwache dekretirt? Wer sich für 
stark erklärt, oder dafür erklärt wird, ist es auch. Wir sind 
stark in dem Herrn und durch den Herrn , aber nicht ohne unsern 
eigenen rüstigen Willen, nicht ohne eigenes muthiges Beginnen« 

Es kann die Geschichte einer Kation ändern, ob sie den 
Worten eines Theokraten beipflichtete oder denen eines Parallel- 
sten, welcher sagt: „Gott ist der Begriff alles Daseins, der Inbe- 
griff der Welt, ihre Kraft, ihre Schönheit und Unendlichkeit. 
Gott ist Natur als Geist gefafst, Gott ist der lebendige Comple* 
ihrer Geheimnisse und ihrer Offenbarungen, Gott ist das All als 
Eins gedacht, Gott ist die Urpersönlichkeit der Weit. Er ist das 
Lebende, das Athmende, das Schaffend - Treibende, das Zerstö- 
rende und Auferstehende ; Gott stirbt im Leben und lebt im Ster- 
ben, Gott ist die Trauer um das Versinkende, der Jubel um das 
Neuerscheinende, Gott ist die unendliche Liebe, weil er das un- 
endliche Leben ist. Die Natur ist nicht das Abgefallene. Es 
gibt keine Teufel — » nur kleine Teufeleien der Menschenkin- 
der!"*) 



*) Hr. v. R. citirt gerne Dichter, well sie, „die in der Verstandes- 
anschauung leben, oft eine richtigere, tiefere Ansicht der Dinge ha- 



t. Rings eis. 209 

Dieser exquisite Pantheismus diene nur als scharfer Kontrast 
gegen das sogleich Anzuführende, aber immerhin bleibt der 
Menschheit absolute Autonomie , Selbstgesetzgebung und Selbst- 
herrschaft , wenn wir Gott innerhalb der Natur und Menschheit 
setzen, indem sohin nur diese selbst ein höchstes Gesetz geben 
und eine höchste Herrschaft üben kann ; und was dieselbe auf je- 
der Entwicklungsstufe produzirt, ist das Vernunftige und einzig 
Göttliche, und (S. Augsb. A.Zeit. Nr. 56, 1841) „wenn der Staat 
die höchste Form der Existenz des Menscliheitgottes ist, so hört 
auch das dem bisherigen Liberalismus eigentümliche Streben 
nach einzelnen Verbesserungen des socialen Lebens auf, weil es 
sich um etwas weit Gröfseres , die Erlangung göttlicher Rechte 
für alle Menschen, handelt, und weil sich das Volk in seiner un- 
bedingten , von eigenen Gnaden stammenden Souveränität selbst 
diejenige Gestalt des öffentlichen Lebens gibt, welche dem in 
ihm lebenden göttlichen Geiste die allein entsprechende ist." 

Lesen wir dagegen die Attribute Gottes, welche Rings eis 
aufführt und knüpfen einige Consequenzen daran : 

„Gott (Vater, Sohn und Geist), obwohl in allen, ist doch 
unabhängig von allen Dingen, in seiner Drei Persönlichkeit; 
im absoluten Denken seiner selbst war und ist er unendlich und 
ewis sich selbst offenbar, und der endlichen, zeitlichen 
und äufsern Offenbarung in der Schöpfung durch-, 
aus nicht bedürftig*). — Gott ist nicht der Monismus 



ben," und so sei es erlaubt, eine Stelle aus Kühne'« „Quarantäne im 
Irrenhaus" nn geführt zu haben. 

*) Dieser Begriff (S. S t r a tifs p. 659) setzt einen tot und abgesehen 
von der Schöpfung fertigen Gott voraus, welcher, wie ein fertiger 
Mensch zur Ausarbeitung eines Boche«, eines Kunstwerks, so sich zur 
Herrorbringung der Welt entschlofs. Nach der Lehre der Philosophie 
und spekulativen Theologio hingegen fällt das Setzen der Welt in den 
Prozefs der Vollendung des absoluten Wesens anf ähnliche Art hinein, 
wie in den Prozefs der Vollendung eines menschlichen Individuums die 
Bildung und das Wachsthum seines Organismus; nicht als ob nach die- 
ser Ansicht Gott einmal unvollendet gewesen, und erst mit der Zeit zur 
Vollendung gelangt wäre , sondern er ist von Ewigkeit fertig jind voll- 



210 Siebert. 

• 

aller Gedanken, nicht der Weltgeist; Er macht sich nicht 
erst zu Gott aus Etwas , das nicht Gott; Gott ist also nicht ein 
Glied des Gesammtorganismus , nicht das höchste Entwicklungs- 
moment, nicht die Welt , in dem Sinne, als wäre diese' ein Unge- 
schaffenes, mit ihm ewig zumal Vorhandenes , der Substanz nach 
mit ihm Identisches, als gäbe es nur eine einzige Substanz. Wir 
und alle Wesen sind nicht Eines Wesens mit Gott, durchaus 
nicht der Leib Gottes. Gott ist, trotz seiner Allmacht und 
Allgegenwart, in noch unvergleichlicherem Sinne persönlich, als 
der König , dessen Intelligenz , Wille , Macht , Arm sich überall 
offenbaren; im unvergleichlicheren Sinne ein Besonderer, als das 
Gehirn, das, alle Nerven beseelend, noch etwas aufser und über 
den Nerven; in noch unvergleichlicherem Sinne von der Schöpfung, 
als der geschaffene Vater vom Sohne, und der Künstler vom 
Kunstwerke verschieden. — Man kann nicht sagen, Gott will 
das Gute, Rechte, Schöne, Wahre, Vernünftige, als wären diese 
ein von ihm Verschiedenes, sondern Er und was Er will , ist das 
Gute, Rechte, Schöne, Wahre.* — 

Wir beugen uns diesem Willen Gottes , und bestreben ' uns, 
ihm jederzeit gemäfs zu leben. Darüber sind wir alle einig, und 
es handelt sich nur um die richtige Erkenntnifs der Offenbarung 
dieses Willens. In uns waltet und offenbart sich ein 
Gott, aber das ist nicht der Gott des Rings eis, denn dieser ist 
aufser uns , und offenbart seinen Willen nicht durch seine 
Schöpfung. Worin sich Gott offenbare? diese Frage ist 
durch den Verf. in obiger Polemik gegen Hegel und S p i u o z a 
und durch seine unbedingt anerkannte Tradition erledigt und beant- 
wortet. Seine und unsere Lebens- und Handlungsweisen entspre- 
chen dann freilich sehr verschiedenen Prinzipien, indem er die 
Offenbarung in der Tradition , wir aber in der gesammten Natur 
finden. So oder so, Gott wird -immer nur geahnet ; diese Ahnun- 
gen treten aber in der lebendigen Natur erhabener, würdiger und 



kommen, aber er ist die« nur, weil und insofern er von Ewigkeit her 
geschaffen hat und schafft ; sein ewiger Eingang in sich selbst ist durch 
seinen ewigen Ausgang ans sich selbst bedingt. — 



V. Ringseis. 211 

gröfser hervor, und erhalten eine bessere Weihe, als durch die 
Tradition, die ohnedies ein gebrechliches Menschenmachwerk 
ist, und zudem nicht frei von Schimmel und Falschheit. Die Con- 
struktion Gottes, welche sich bei Hrn. v. Rings eis findet, mag 
noch so ausnehmend schon und kräftig klingen, wie es von einem 
solchen Redner und Dichter zu erwarten , aber es ist doch kein 
lebendiger Gott, doch nur ein gemachter, ein vom Ultramontatiis- 
mus vorgeschobener Götze, ein glänzendes Phantom, hinter dem 
sich die wurmstichige Hierarchie verbirgt, und lauert , wie sie die 

Völker berücke. 

« 

Wir lassen uns nichts mehr weifs machen , und wenn .wir 
auch bei den Nachbarvölkern dafür bekannt sind, dafs es uns nicht 
wohl ist, wenn uns nicht etwas drückt (sei es politischer, 
philosophischer oder religiöser Druck), so blieben doch unsre 
Augen nicht geschlossen, und wir kennen jene Stabilitätsmänner, 
die nicht aus den reinsten Adern der Geschichte schöpfen ; wir 
kennen die ultramontanische Zusammenherdung an den Federn, 
die so christlich-fromm glänzen, wie Katzensilber im verlockenden 
% Mondschein , wir wissen , dafs ihre Bestrebungen ihr nächstes' 
Ziel darin finden , vor Allem die Klarheit des Volkes zu zerstö- 
ren , und seine Selbstständigkeit zu zerbrechen. Sie mögen uns 
die einfachen und göttlichen Lehren Jesu in ihrer Reinheit las- 
sen! — Aber freilich darin offenbarte sich nicht die Einheit 
von Kirche und Staat, nichts von der mittelalterlichen 
Hierarchie ; das sind sehr nutzbare Dinge für den Ultramontanis- 
mus, wovon die evangelische Geschichte nichts wufste. Christus 
und die Apostel dachten gar nicht daran , die Religion mit der 
Politik zu verbinden (am allerwenigsten aber mit der Med i ein) 
und nahmen den Staat als etwas, „in das man sich schicken 
müsse.* 4 Christus selbst begab sich jedes Gedankens an Theo- 
kratie, denn er verkündete: „Mein Reich ist nicht von dieser 
Welt !" Durch das originale Christenthum verlieren wir nichts an 
unserer Freiheit und Selbstbestimmung, an der Entwicklung der 
Begriffe „zunächst nur aus der Vernunft." — „Wir sind frei, 
wir wollen, wir dürfen gegen die Tradition keine Verpflich- 



212 Siebert. * 

tungen haben!* 4 *) Aber gerade daraus werden die göttlichen Of- 
fenbarungen konstruirt, weil Christus und die ganze Natur der 
Theokratie zu wenig Macht und den Menschen zu viel Freiheit 
einräumen. Wir lassen uns aber nichts mehr weife machen und 
sind sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen ; wir wit- 
tern den alten jesuitischen Maulwurf, ob er unter philosophischen 
Blumengärten oder medicinischen Aehrenfeldern wühle. Wir 
lieben die Geschichte, besonders wenn wir sie uns selbst gemacht 
haben, wir leben uns aus ihr heraus, nicht in sie hinein, 
wie die historische Dreifaltigkeits-Schule gerne mochte ; wir sind 
in Benutzung und Anwendung der Geschichte Empiriker, und zie- 
hen Vortheil aus den historischen Erfahrungen, und wenn uns 
solche hierarchische Stabilitätsmänner als Volksrepräsentanten 
zu vertreten haben, so merken wir gleich, wohinaus man will mit 
der Trinität, mit der Personalität Gottes, dem Sündenfall und der 
Menschenverderbnifs, der Einheit von Kirche und Staat , der my- 
stischen Reformation und Restauration , der Göttlichkeit des Be- 
sitzes, der Heiligkeit der Servitute und Lasten. „Die Freiheit 
mufs auch ihre Jesuiten haben," und zwar lauernde, mifstrauische 
und mahnende» Keinen Fufs breit darf man den Männern lassen, 
welche als Philosophen unsere freie Wissenschaf:, als Theologen 
unser freies Bewufstseyn, als Mediciner unsere freie Natur, als 
* Politiker den unabhängigen Staat, als Volksvertreter theure wie- 
dererworbene Freiheiten der Curie überantworten wollen, um 
sich den transalpinischen Beifall zu verdienen. Wir dürfen nicht 
allein auf medicinischem Felde für unsere freie Wissenschaft kam- 
pfen, sondern auf allen, wo sich die vielgeschäftigen Brüder ex 
societate mit der überkommenen Industrie annisten ; denn lassen 
wir sie das eine oder das andere Feld behaupten , so werden sie 
bald alle besitzen, beherrschen und restauriren ; und dann möchte 
es ihnen auch gelingen, unsere herrliche Wissenschaft in eine 
Theurgie zu verwandeln, und nach und nacji in eine finstere aber- 
witzige Clausur zu stecken, wo sich die Herrn Collegen aus ei- 
nem mittelalterlichen Breviarium Rath holen , nach einem Pater' 

+) Gutzko w. 



v. Ringseis. 213 

noster die Pulsschläge zählen, und den Kampf gegen die Krank* 
heit mit dem Exorcismus beginnen können. Darum seht sie, diese 
Männer ! Seht, wie sie hintreten die Heiligen, und Zeugnifs able- 
gen! Seht, wie sie Christum auf der 2unge und Habsucht und 
Herrschbegierde im Herzen tragen ! — Wir erinnern uns, in der 
Ständeversammlung 1837 merkwürdige Worte des Abgeordneten 
Dr. Job. Nep. v. Ringseis gehurt zu haben: 

(XI. Sitzung am 17. März 1837). „— Durch die möglichste 
Feststellung der Lokalitäten in einzelnen Körperschaften und durch 
Ruckkehr zum altern Gemeinde- und Staatsleben wird dieses, 
wie überhaupt das Geschichtliche und Provinzielle, recht ausge- 
bildet, und als das allein Richtige befördert, auch die dereinstige 
Einführung von Provinzialständen, wie sie ehedem gewesen odei; 
noch historisch überall augedeutet sind, selbst in den Farben un- 
seres Staatswappens, vorbereitet werden." 

(Sitzung am 30. April). „ — Jeden Versuch zur Aufhebung 
der Zehnten erkläre ich als Antastung der Heiligkeit des Besitzes; 
ich nenne das hier unterliegende Prinzip ein gottloses, ein *Jle 
Religion, Sittlichkeit und Gerechtigkeit zerstörendes, das in kon- 
sequenter Durchführung selbst die Krone und das sie tragende 
Haupt gefährdet. — Ich fordere alle Stände auf zu festem Zu- 
sammenhalten gegen die Angriffe der Proletarier, d.i. de? 
Revolution , und verwahre mich feierlich gegen solche gottlose, 
revolutionäre Anträge." 

(XXV. Sitzung). „ — Ich bin betrübt, dafs in einem deutscher* 
Lande solch ein Antrag (Ablösung des den nützlichsten Theil der 
Bevölkerung furchtbar drückenden Zehnten) angenommen. Wo 
der Besitz (resp. Feudalbeute) es nicht ist, da ist in letzter Con- 
sequenz nichts und Niemand mehr sicher. Principiis obsta etc. 
Jedes Prinzip treibt, wenn auch langsam, doch mit unaufhaltsam 
stetiger Gewalt zu allen, selbst seinen äufsersten Consequenzen." 
— Nun wird von dem prinzipienfeindlichen Besitz-Manue R o 1 1 e c k 
geschmäht, weil er sagte: „Frankreich hat in der unsterblichen 
Nacht vom 4. Aug. 1789 die Aufgabe (die Abschaffung des Zehn- 
tes und der Grundherrlichkeitslasten) praktisch gelöst. Aber solch', 
außerordentliche Momente des Sieges edler Begeisterung über 

15 



214 Siebert. 

die fast allenthalben herrschenden selbstsüchtigen Triebfe- 
dern des Handelns wiederholen sich nicht leicht. tt 

(Rings eis führt in der XXV. Sitzung fort): „Durch das mo- 
derne revolutionäre Staatsrecht verlören Adel und Geras schon 
einen grofsen Theil ihres Besitzes. Fahren wir fort , an der Fe- 
stigkeit des Besitzes noch ferner zu rütteln, wird nicht die Unan- 
tastbarkeit desselben von diesem Augenblicke an heiliges Prinzip, 
so ist die Stunde nahe , in welcher auch der dritte Stand seines 
Besitzes beraubt wird. Mit Fürst, Adel und Clerus haben alle 
andere Besitzer gemeinsames Interesse, gemeinsame Gefahren. 
Stehen wir nicht alle mit einander zu Schutz und Trutz vereint, 
so geben wir Alle zu Grunde. Ich weise die Motion zurück als 
eipe revolutionäre, verfassungswidrige." 

In der Sitzung am 19. Junius geräth Rings eis in eine 
grundherrlicbe Ekstase; er pries leidenschaftlich die alte Kam« 
mer- und Kastenwirthschaft, er erhob sich mit Furor ge- 
gen die verderblichen, ungerechten Fixationen und Ablösungen 
der Zehnten, Handlohne und aller Grundlasten, gegen „das seichte 
Geschwätz von Rotteck und Gonsorten und den grofsen Auf- 
wiegler 0*ConnelI," und schlofs damit: wer die am Himmel ge- 
schriebenen Zeichen, und die aus dem Abgrunde aufzuckenden 
Flammen nicht sehe, sei mit Blindheit geschlagen. 

Es ist Methode in diesem Wahnsinn, denn in der XXXVII. Stän- 
deversammlung kommt er auf die Anpreisung der Lasten und Ser- 
vitute zurück, und schliefet eine ähnliche Philippika mit den Wor- 
ten: „Aus dem Streben zur gänzlichen Unabhängigkeit wie des 
Feldes so des Waldes, die beide aber ihrer ursprüng- 
lichen guttlichen<Besti'mmung nach nie und nim- 
mer unabhängig, nie servitutenfrei sein sollen» 
aus derselben Quelle entstand — die Holztheurung." 

Am 16. Aug. stimmt derselbe Mann für Einführung körper- 
licher Züchtigung mit Stock- und Ruthenstreichen. 

Auch die Landwirtschaft weifs er zu heben» Am 6. Sept. 
begehrt er Musterwirtschaften , welche von Klöstern hergestellt, 
und denen dazu vom Staate Grund und Boden und Geldvorschüsse 
gegeben werden sollen; die Bernhardiner, Trappisten, Karthäu- 



v. Ringseis. 215 

«er u. a. Ordeo hätten die Kultur trefflich besorgt, und seit deren 
Aufhebung sei die Landwirtschaft so gesunken. — 

Die hier beispielsweise angeführten Aeufserungen cbarakteri» 
eiren den Mann als einen Anhänger und Vertreter des sogenann- ' 
ten historischen Rechts zur Genüge. Mit diesen Leuten ist über 
Prinzipien So wenig zu streiten, wie mit jenen, welche Polen 
durch das Recht der Eroberung mit Rufsland verbunden aner- 
kannten. 

Auf einer solchen usurpirten Gewalt, d. h. auf einem solchen 
Mifsbrauch der Stärke über die Schwäche, beruhen alle jene Zu- 
stände, welche von den Sinnesverwandten des Redners in der De- 
putirtenkamraer als durch die Zeit und durch den Besitz geheiligt 
angesprochen werden. Schon der Sachsenspiegel 111, 42. 81 sagt: 
„Nach rechter Wahrheit zu reden, so hat Leibeigenschaft von 
Zwang, Geföngnifs und unrechter Gewalt ihren Ursprung, die man 
vor Alters zu einer widerrechtlichen Gewohnheit gemacht hat, und 
nunmehr für Recht hält" 

Diese Männer, die so gern mit Moral prunken, vergessen 
das alte deutsche Sprichwort: „Hundert Jahre Unrecht, niemals 
Recht." 

Rechtstheorieen können hier füglich gleichfalls aufser Erörte- 
rung bleiben, denn das Recht, gröfstentheils von den Bevorzugten 
gepflegt und in deren Interesse ausgebildet, erscheint nur als will- 
kommenes Gewand für jene in ihrer Nacktheit hier und da etwas 
zu anstößigen Ursprungsverhältnisse. Die geschlossene Phalanx 
historischer Argumente steht ganz auf Seite des Hrn. Abgeordneten. 
Das, was ihm Staat bedünkt, und die Institute, welche er mit so 
grofsem Eifer in Schutz nimmt, sind von durchaus identischer 
Bedeutung. Es ist daher zunächst erfreulich, dasjenige, was die 
Reaktionäre den Anforderungen des modernen Staatsbegriffes 
entgegenhalten, mit so grellen Farben und in so scharfkantiger 
Weise hervorgehoben zu sehen. Genau genommen handelt es 
sich nämlich doch um weiter nichts, als: ob wir — abgesehen 

von aller Erleuchtung des Geistes und Wärme des Herzens 

daran Geschmack finden, uns fürderhin in jenen barbari- 
schen Zuständen zu bewegen , denen unsere Intelligenz ebenso 

15 * 



216 Sieberi. ' 

sehr entwachsen ist , als den starren Gesetzen des katholischen 
Dogma und den Zumuthungen der römischen Hierarchie. 
» Es handelt sich blos um eine Vergleichung der Aufgabe, die 
der moderne Staat dem mit diesem Nameu mißbräuchlich beleg- 
ten früheren willkürlichen Zustande gegenüber »ich gesetzt har, 
mit diesem letztern. Leider haben es die Reaktionäre noch lücht 
dahin gelangen lassen , ihnen ein vollendetes Bild des modernen 
Staates, wovon noch keine fertige Erscheinung aufzuweisen ist, 
entgegenhalten zu können. Indefs dürfte die Bemerkung genügen, 
dafs er mit vorzugsweiser , ja ausschliefslicher Basirung auf das 
für Alle und durch Alle gleiche Gesetz, so ziemlich gerade 
das Gegentheil von dem bezweckt, was von den Vertheidigern 
des Althergebrachten als Vorrecht in Anspruch genommen wird. 

Es fragt sich, wie gesagt, ob wir uns — abgesehen von dem 
materiellen Druck — fernerhin in einer Lage gefallen, in welcher 
diesen oder jenen Herrn Ritter nur eine gewisse Diskretion abhält, 
uns, die wir ibm allenfalls mit grundherrlichen Abgaben oder der- 
gleichen verpflichtet sind, als seine Leibeigenen zu behandeln, 
und wo es genau genommen nur landesherrliche Bedienten, aber 
keine Staatsdiener gibt. 

Ich spreche nicht von der klugen Weise, mit welcher man — 
insbesondere seitdem in diesem Jahrhundert manche Hereinragun- 
gen des modernen Staates sich unabweislich geltend gemacht ha- 
ben — Altes und Neues auf frappante Weise zu verquicken und, 
mit einer sogar die öffentliche Moral höhnenden Freimüthigkeit, 
unter Beibehaltung der alten Mifsstände, das neu aufgetauchte 
Staatsrecht zu förderlichen Zwecken (für Haus und Küche) aus- 
zubeuten gewufst hat. 

Ich beschränke mich darauf, nach gediegener Autorität eine 
kleine Skizze des Ursprungs und des Wesens der in Frage sie- 
henden Institute, so wie einige kurze Betrachtungen, die sich dem 
denkenden und vergleichenden Forscher hierbei aufgedrungen ha- 
ben, einzuflechten. 

Vollgraf bemerkt in seiner dem IX. Bande des Archivs 
für civilistische Praxis (von Löhr, Mittermaier und Thi- 
baut) beigegebeuen gründlichen Revision der verschiedenen 



v. Rings eis. 21? 

deutsch-rechtlichen Theorieen, insbesondere hinsichtlich der soge- 
nannten Realiasten S. 3 u. 4: „Ich finde im deutschen und euro- 
päischen Mittelalter (das ich in politischer Beziehung bis zum 
•fahre 1806 herab datire) keine Spur vom Staate; ich sehe nur 
Privatverhältnisse, Stolz und Eigennutz, das ausschliefsliche Ei- 
genthum sämmtlicher Barbaren» im Kampfe mit einander» die 
Mehrzahl der Landesbewohner als blofse Mittel zu eigennützigen 
Zwecken mite braucht, die Freiheit als eine Gnade gestattet, aber 
ihrem eigeneu Schutz überlassen, kurz nur die beiden Gegensätze : 
Licenz, Gesetz oder Zügellosigkeit und Sklaverei. Ich mufs da- 
her auch wohl darüber lächeln , wenn ich neuerdings das Ritter- 
thum, diese Brandfackel des Mittelalters, von gewissen Schriftstel- 
lern so albern gefeiert und gepriesen lese und höre; denn dieses 
Ritterthum feiern und anpreisen heifst denn doch konsequenter- 
weise auch die Verhältnisse zurückwünschen, welche seine Exi- 
stenz bedingten, und diese standen und stehen in gerader Oppo- 
sition mit dem Staate, wovon ich noch im Jahre 1825 mehr auf 
dem Papier als im Leben finde; — das Wort „Staat" natürlich 
im juristisch politischen Sinne genommen , nicht im historischen 
Sprachgebrauche, wo es jedes in der Zeit einmal vorhanden ge- 
wesene Aggregat von Menschen auf einem bestimmten Erdflecke, 
unter irgend einem Verbände bedeutet — 

S. 10 1. c: „Der Mensch kam (in jenen Zeiten) nur als 
blofses Objekt iu Betracht; das Ganze — nicht ein Staat, eine 
Rechtsgesellschaft, sondern ein blofses Privat - , Vertrags- oder 
Zwangsverhältnifs — ruhte auf dem Grundbesitze, und der Barbar 
wufste sich kein Herrscherrecht zu denken, das nicht auf Grund- 
besitz basirt war. Was nicht mit den Fäusten e r griffen werden 
konnte, war ihm auch nicht begreiflich. Wohl hat sich vieles 
im Verlauf der Zeit hierin geändert, aber die Basis ist ge- 
hlieben/' 

Alle Rechte beruhten auf Persönlichkeit, auf Stände- 
Verschiedenheit 

S. 38 u. 39. 1. c. : „Persönlichkeit der Rechte aber ist ein 
Institut oder eine Erscheinung , die wir gleichzeitig bei allen ro- 
hen , noch auf den niedrigeren Stufen der Kultur stehenden Völ- 



218 Siebert. 

kern finden. Alle rohen, kaum aus der Wildheit hervorgetretenen 
Volker legen namentlich auf die Gehurt einen hoben Werth. 

Lehnsystem und Ständeverschiedenheit bedingten es, dafs 
die Freiheit kein Gemeingut Aller mehr, sondern lediglich Ge- 
schenk der Geburt oder der Willkür war. 

Es war hierdurch die unterste Grundbedingung aufgehoben, 
ohne welche wir uns keinen Staat denken können, Gleichheit vor 
dem Gesetz , Freiheit als ein Allen gleichmäfsig aber beschränkt 
zustehendes Gemeingut. 

Als Resultat der gründlichsten Quellenforschung ergibt sich 
für den Verfasser (Vollgraf), dafs sogar die Scheidung in Ober- 
und Untereigenthum (dominium directum et utile) nur eine die 
Praxis mildernde Fiktion der Romanisten bildet, während sich 
im Durchschnitt in Wahrheit die Sache so verhielt, dafs der zins- 
bare Dienstmann, welcher mit dem Leibeigenen fast ganz zusam- 
menfallt, in der That gar kein Eigenthum besafs. 

S. 103 u. 104 1. c. : „Auf welche Weise Fürsten und Adel 
in den frühesten Zeiten in Deutschland zum Besitz so grofser 
Landstrecken gelangten, ist durch die Existenz der anti - merovin- 
gischen und anti - karolingischen Königreiche und Herzogtümer, 
dann nach deren Vernichtung durch die neuen Belehnungen von 
Seiten der Kaiser und Könige mit diesen Ländern erklärlich und 
bekannt; hauptsächlich waren es aber wohl die Kreuzzüge, wel* 
che im Lauf von zwei Jahrhunderten ganze Strecken entvölkerten, 
und sie als wüstes vakantes Gut den Landes- und Gutsherrn, 
so wie den Kirchen und Klöstern zufallen liefsen. Qiezu kam 
alsdann noch jener gesetz- und rechtlose Zustand, 
unter welchem Alles , was sich nicht mit eigener Faust zu schir- 
men wufste, ja wohl nicht einmal durfte, weil ihm das Waffen- 
recht fehlte, seine Habe den Immunitätsherren auftrug, um Schutz 
für seine Person und sein Gut zu erhalten, und zum äufsern Zei- 
chen dieses Schutzverhältnisses einen Zins gab, wozu das zurück- 
geliehen erhaltene eigene Gut den Titel abgab. S o wurde . der 
gröfsere Theil aller Territorien jener Jahrhunderte Eigenthum 
der Fürsten und Geistlichkeit; und die spärlich hier und 
da aufblühenden Städte lagerten nur in Mitte der Feudalität, gleich 



v. Ringseis« , 219 

Oasen in der Wüste, geschützt durch den Kaiser und duicli ihre ' 
Mauern , aber gehafst und geplündert von denen, zu deren Frei- 
heitsrechten der Strafsenraub gehörte." 

S. 111 1. c: „Man unterschied sich faktisch als freier 
Zinsmann oder Leibpächter oder Pächter vom Leibeigenen nur 
dadurch , dafs man frei aus dem Verhältnifs heraustreten konnte, 
wenn man sonst zu leben hatte* War dies nicht der 
Fall, so befand man sich in einer weit gefahrdeteren Lage als ein 
Leibeigener, den sein Herr nicht wegjagen durfte, sondern futtern 
mufste, wenn er erschöpft war ; den der Herr in Krankheitsfällen 
pflegen lassen mufste, wofür er ihn aber freilich auch todtschla- 
gen konnte, wie im Schwabenspiegel eines Weiteren zu lesen ist/ 4 

Der verhältnifsniäfsig geringe Betrag des Zinses spricht kei- 
neswegs für eine Anerkennung des Eigenthums des Zinsmannes ; 
dieser Zins „mufste (S. 107) relativ sehr gering seyn, theils weil 
man häufig nur Wüstungen auslieh, um sie urbar gemacht zu se- 
hen, wo noch heutzutage ein blofser geringer Rott- «der Noval- 
zefcent die ganze Pacht ist; theils weil der Zinsmann das Gut erst 
mit Gebäuden versehen mufste , wenn es anders sollte urbar ge- 
macht werden können ; theils und endlich, weil wegen Mangel al- 
len Verkehrs der Landmann kein oder nur sehr wenig Metallgeld 
zu Händen bekam ; statt dessen bedung man sich also gröfsten- 
theils Naturalien aus , und auch wohl Dienste/' 

Die scheinbare Vererbung der Zinsgüter spricht durch- 
aus nicht gegen die aufgestellte Ansicht. S. 109 : „Es fand näm- 
lich nicht blofs bei Lebzeiten des Zinsmannes selten «hie Kündi- 
gung Statt , weil der Gutsherr dem Zinsmann die Gebäude und 
alle Besserung hätte erstatten und ablösen müssen, wenn er nicht 
das Gut von Neuem in eine Wüste verwandelt sehen wollte ; son- 
dern, da dasselbe Verhältnifs mit den Erben des Zinsmannes ein- 
trat, so rieth dem Gutsherrn sein eigener Vortheil, das Gut den 
Erben ferner zu leihen , um so mehr , da das gebesserte Gut es 
ihm auch oft möglich machte, den Zins zu steigern, und weil um- 
gekehrt auch die Erben wohl gern ein Opfer brachten, um nur 
im ruhigen Fortbetrieb zu bleiben, und weil sie sich und den 
Gutsherrn nur geschadet hätten, wenn sie Gebäude hätten ab- 



220 Siebert 

f brechen wollen , wozu sie nicht gleich wieder andere Bauplätze 
hatten/* 

Ebenso verhielt es sich beim V e r kau f e, der zunächst auch 
nur die Ueberbesserung betraf, und daher gleichfalls des 
Consenses des Gutsherrn bedurfte. S. 129 I. c: „Der deutsche 
simple Zinsmann hat also genau genommen am Zinsgute selbst 
keine, weder deutsche noch römische Erbrechte, sondern der auf 
seine Erben, selbst auf seine entfernten Cognaten übergehende 
Besitz des Zinsgutes ist eine blofse faktische Consequenz der 
Vererbung der Oberbesserung auf dieselben." 

Durch diese Anfuhrungen glaube ich — (als Laien in der 
Rechtswissenschaft durfte es mir erlaubt seyn, mich auf einen 
Gewährsmann zu berufen) — ein hinlänglich anschauliches Bild 
über Ursprung, Charakter und Vorzüglichkeit jener Zustände ge- 
geben zu haben, welche v. Ringseis als göttlich und hei* 
1 i g anpreist , und deren Verewigung in der Zeit sein sehnlichster 
Wunsch ist. Er vergifst aber dabei, dafs, sofern diese Zustände 
anfein persönliches Element zurückgeleitet werden, „durch- 
aus nicht gesagt werden kann , dafs der Leibherr ein wohlerwor- 
benes Recht auf Fortdauer des bisherigen Zustandes habe, denn 
mit seinen jetzigen Leibeigenen hat er nicht koutrahirt, und der 
Kontrakt des Ahnherrn kann diese nicht verbinden, da das P r i - 
vat recht keine Befugnifs dem Vater verleiht, über das Perso- 
nenrecht seiner Nachkommenschaft auf ewige Zeiten zu verfugen." 
(S. Grand au er II. Heft der Beiträge zur Gesetzgebung und Ju- 
risprudenz in Bayern. Bezüglich der F r o h n d e n S. 162 u. 163). 

Andrerseits aber, sofern .v. Rings eis für diese Zustände 
eine Quelle im öffentlichen Rechte postulirt, stehen ihm 
alle jene Gründe entgegen, welche insbesondere hinsichtlich des 
Zehnts und dessen Ablösung der von ihm so verachtete v. Rot- 
teck in seinen Landtagsreden (Sammlung kleinerer Schriften von 
Dr. C. von Rotteck. 5. Bd. 1837) gegen diese Institute und 
für deren Aufhebung entwickelt hat 

Wir theilen in dieser Hinsicht gern die „Seichtheit" des 
Hrn. v. Rotteck, welcher Licht und Freiheit vertritt, und über- 



v. Ring s eis. 221 

lassen dem Herrn v. Rings eis seine gründliche Servilität und 
seinen klostermauerdieken Obscurantismus. 



in. 

Was ist Krankheit? — Gott, wie haben sich die armen 
Menschenkinder mit der Antwort auf diese Frage schon zermar- 
tert! Sie gleichen jungen Hunden, die sich vergeblich bemühen, 
eine grofse steinerne Kugel zu apportiren. Ist es nicht gerate- 
ner , die Frage : Wie sieht die Krankheit aus ? nach allen mög- 
lichen Richtungen zu beantworten , als die edelsten Kräße an der 
unentdeckten Atlantis des Krankheitswesens zu vergeuden? Wa- 
ren nicht alle betreffenden Systeme geistvoller Männer in ihren 
ersten Anregungsmomenten interessant und gewinnend; in ihrer 
Fortbildung zweifelhaft, Iöcherich, hinkend, keine durchgreifende 
Probe haltend; in ihren äufsersten Consequenzen hdehst lächer- 
lich und abgeschmackt? Haben nicht Alle, denen die Trübung 
der reinen Vernunft durch Autoritätsglauben ein Gräuel ist, sich 
bei Zeiten derselben begeben , mit Resignation die Klippen um- 
schifft, an denen die Köpfe der Hartnäckigen noch alle zerschell* 
ten, ohne der Welt nur das Geringste genützt zu haben? — 

Nichtsdestoweniger bereichert uns Hr. v. Rings eis aber- 
mals mit einem - pathologischen System, das unsere Raritäten- 
sammlung durch eine groteske Seltenheit vermehrt, ohne der 
Wissenschaft — ich will nicht einmal sagen der Menschheit — 
Auch nur einen andern Vortheil bereitet zu haben , als den nega- 
tiven : die Sandbänke der Absurdität leichter vermeiden zu ler- 
nen nach diesem Beispiel eigensinnig theoretisirender Festren- 
nung. 

Aus früheren mündlichen Andeutungen des Hrn. v. Rings- 
eis ging hervor, dafs er die Krankheit nicht blos für eine Nega- 
tion der, Gesundheit halte, sondern dafs etwas Positives auf un- 
serem Organismus schmarotze. Das konnte nicht zurückgewiesen 
werden, und mufste gefallen, da es überdiefs bereits zu den 
herrschenden Ansichten gehörte. In der weiteren Entwickelung 



222 Siebert 

seiner Lehren , ans seinen akademischen Vorlesungen ergab sich 
ein pseudoplastischer, ein parasitischer Procefs, ein Pseudorga- 
nismus, der etwas stutzig machte , und in seinen Consequenzen 
Wolfsgruben und spanische Reuter ahnen liefs,*an denen diejeni- 
gen, welche getrost mit zugedrückten Augen in verba magistri 
schworen, baldigen Schaden leiden mufsten. In seinem System 
der Medicin , in der medicinischen Reformation und Restauration 
aber hat sich der Schöpfer derselben, wie alle hartnäckigen Syste- 
matiker, bereits im Tellereisen gefangen, .und wird von Einigen 
gepriesen, von Andern verhöhnt, am Ende aber sicher von man- 
niglich vergessen werden. 

Sein Pseudorganismus ist ein mit individuellem Leben begab- 
tes Weseq, hat eine Seele, strebt, kämpft und leidet; lebt und 
strebt im Organismus noch fort, auch wenn diesem die eigene 
Seele schon „ausgefahren", wird selber krank — ja wahrlich! 
die Krankheit (resp. die Krankheitsursache) wird selber, krank — 
und kann somit eine eigene Doktrin hervorrufen , so dafs man ne- 
ben den Menschen - und Thierärzten auch noch Aerzte der Krank- 
heitswesen heranzubilden gezwungen seyn wird. 

Welcher Natur diese parasitischen Organismen nun sind, 
kann nicht aufser Zweifel stehen , wenn man in Betrachtung zieht, 
dafs sie fremde Wesen mit eigener Individualität, mit eigener 
Seele, mit eigener Passion und eigenen Krankheiten, wirkliche 
Kobolde oder dergleichen vorstellen. Da nun aber ohne die Teu- 
felskunst bei der Paradiesverführung mit dem bewufsten Apfel es 
gar keine Krankheiten gäbe , so müssen dieselben disponible Die- 
ner, Emissäre, Untergebene des giofsen Teufels, d. h. kleine 
Teufelcheu seyn , die die Menschen quälen , sich in ihnen festni- 
sten , und dort selbst sogar erkranken können. 

Um die Krankheit als fremdes, aufser der organischen Natur 
stehendes, dämonisches Wesen zu erkennen, mufs vor Al- 
lem die Physiologie aus «der Pathologie verbannt 
werden: 

S. 245. „So lange der individuelle Organismus allen in ihn 
eingehenden Potenzen seine Individualität aufdrückt, oder sich 
dieselben assimilirt, so lang ist er gesund, und da dieses Bestre- 



v. Rings eis. 223 

ben eines ist mit seinen Lebensgesetzen, so kann auch die Krank- 
heit nicht aus diesem Bestreben , nicht aus den Gesetzen 
des organischen Körpers entstehen. 

S. 262: „Auf physiologischem Standpunkte sind 
die pathologischen Erscheinungen schlechter- 
dings nicht zu begreifen. Die Krankheitserscheinungen 
sind wohl natürliche , ja organische ; aber nicht dem kranken In- 
dividuum» ja nicht einmal der Menschenspecies ei- 
genthümliche." 

Diese fremden dämonischen Wesen haben ein eigenes Le- 
ben, welches den befallenen und getödteten menschlichen Orga- 
nismus sogar überdauert. 

S. 247 : „Wäre nicht in dem Krankmachenden und seinem 
Procefs ein eigenes, vom Lebensprocefs des kranken Individuums 
Verschiedenes, mit eigenem Leben Begabtes, wie könnte die Ent- 
wicklung des Krankheitsprocesses, z. B. mancher Exantheme 
noch nach dem Tode währen ? M — 

Hier hat offenbar irgend ein Schalk seinem Professor etwas 
weifs gemacht , denn die Veränderung exanthematischer Produk- 
tionen nach dem Tode unterliegen andern als organischen und 
pseudorganischen Gesetzen, nämlich chemischen und physikali- 
schen ; oder die manchmal nach dem Tode schärfer gezeichneten 
Florescenzen stellen sich durch Zerfallen des mehr erektilen Ge- 
webes der Umgebung heraus. Indefs, Hr. v. Ringseis bleibt 
dabei. 

S. 261 : „Ist das, was nach dem Tode noch Exantheme 
entwickelt, Convulsionen, wie in der Cholera, erregt, 
die organische oder vielmehr die Kraft der Krankheitsursache, die 
noch lebt, nachdem die individuelle Seele des Menschen schon 
ausgefahren?" — 

S. 262: Die eigene, selbstbewegende Bildungsthätigkeit 
der Krankheitsseele bezeugt der Umstand, dafs in entzündeten 
Theilen Blutbewegung nach dem Tode noch Statt hat, nachdem 
sie in allen andern verschwunden." 

Solchen Heiligen stehen immer die seltsamsten Wunder zu 
Gebote; vernünftige Leute nennen es — Unwahrheiten. 



224 Siebert. 

Convulsionen entstehen nicht durch reaktive Thätigkeit 
gegen den fremden Reiz , sondern es sind Passionen, hervorgeru- 
fen durch die aktive des Letzteren; die Muskeln werden durch 
den Pseudoorganismus beunruhigt, gezwickt, geschlagen, gesto- 
fsen, bis sie geoöthigt sind zur Raumvertauschung , zur passiven 
Bewegung, und zwar nach folgenden kuriosen Analogieen: 

8» 261 : „Warum läugnet man das Bewegtwerden bei Con- 
vulsionen ? — Wäre der in den Korper eingedrungene Blitz 
nicht etwas Fremdartiges , Nichtassimilirtes , somit nicht zur In- 
dividualität Gehöriges? Wenn der Blitz Körper zehn Schritte 
weit unwillkürlich aus dem Bette schleudert , wäre diefs die Tbat 
der eigentümlich organischen Kraft? Tbat des Organismus das 
Wackeln des Kopfes nach einer Ohrfeige? Organische Tbat der 
Schlag, d. i. die passive Bewegung, die mein Arm erfährt, von 
der Raja Torpedo berührt ?" — 

Wollen wir ähnliche, acht jesuitische Syllogismen auflösen, 
um zu sehen , welcher Schule der Verfasser angehört : 

Krätze kann zurücktreten und konvulsivische Bewegungen 
der Muskeln verursachen ; 

Raja Torpedo bringt denselben Effekt hervor; 

Krätze ist dem menschlichen Organismus ein Fremdes ; 

Raja Torpedo desgleichen ; 

Die Convulsionen würden ohne Beide nicht entstanden seyn : 

Ergo entstehen Convulsionen nicht aus organischer Thätig- 
keit, sonderu sind ein Bewegtwerden. Oder: 

Compression bringt Lähmung hervor; 

Compression bringt Convulsionen hervor ; 

Lähmung ist häufig Folge von Convulsionen; 

Die Compression ist bedingt durch einen fremden Körper : 

Ergo, da Lähmung eine Passion ist ohne reaktive Thätig- 
keit, so sind Convulsionen auch» Passionen ohne reaktive Thätig- 
keit des Organismus — beide ein Bewegtwerden. 

Aus ähnlichen und gleichen Syllogismen macht der Verfasser 
rasch synthetische Passus; S. 258: „Da, wo die organische Bil- 
dung und Bewegung gänzlich verschwinden , z. B. in Convulsio- 
nen und Lähmungen , herrscht gleichfalls nur das Pseudoorgani- 



v. Ringseis. 225 

sehe. Das von der organischen Seele gebildete Organ dient 
nicht der thierischen, sondern der Seele der Krankheitsur- 
sache." — 

Doch weiter in der Description und Construktion der Krank- 
heitsursache , des Parasiten, welchen Namen (S. 251) „auch 
eine blos dynamische Krankheitsursache, als fremdartig wirken* 
des» wenigstens im weiteren Sinne verdient." Der von Aufsen 
eingebrachte Parasit, der männliche Same, braucht aber zur 
Krankheitsbefruchtung einen dem menschlichen Organismus ange* 
hürigen weiblichen Samen (nach Andern eine Keimstelle) , dieser 
wird folgendermafsen construirt: 

S. 249 : „Krankmachend wird Etwas dadurch , dafs ein von 
Aufsen Kommendes seine Seele, sein Centrum und seinen Stoff 
nicht dem organischen Gesetz des Individuums unterwirft, oder 
dafs im Innern desselben ein dynamisches Etwas (aber nui 
ein Element , sogenannter sekundärer Lebensgeist) aus der Unter- 
werfung tritt, und den Herd eines besondern Nichtunterworfenen 
bildet" Das ist nun der mütterliche Same, und die Krankheit»* 
seele, die Seele der Krankheitsursache zusammt ihrer palpablen 
Verkörperung findet im Organismus seelisch durch das dynamisch 
Nichtunterworfene ihr bestimmendes, erzeugendes und bildendes 
Moment, leiblich den Krankheitsherd, Und so ist der Pseudopro- 
cefs konstituirt 

Diese Krankheitsursache ist bald ein seelisch - immaterielles 
Moment, was sogar (S. 252) aus dem »Ev reo aptqu xcera xr\v ao-> 
ji)v , i| jjjg dvsxQldy" des Hippokrates nachgewiesen . wird ; 
bald ist sie aber wieder ein pseiido plastisches Wesen , wel- 
ches sich von den pflanzenhaften oder zoophytischen , korallenähn- 
lichen , mit ihrem Boden dem Organismus Verwachsenen , bis 
zur selbstständigen Absonderung von demselben in den Würmern 

abstuft. 

In den Heerden der pseodoplastfischen Processe (topisches 
Leiden) herrscht g a n z (?) das Pseudoorganische ; das Organisehe 
herrscht weder, noch reagirt es, sondern liefert gezwungen, 
leidend, den Stoff nur zur abnormen Bildung und vegetativen Be- 
wegung. S. 258: „Entzündung und Exanthem sind somit keine 



226 Siebert. 

aus organischer oder pseudoplastischer Thätigkeit entstandene 
mittlere» neutrale Processe, sondern in ihnen bildet ebenso die 
pseudoorganische Krankheitsseele aus den Säften des Organismus 
ihren abnormen Leib , wie die organische den normalen." 

Zu den Eigenschaften der pseudoplastischen Parasiten gehurt 
auch , trotz dem , dafs sie eine Seele haben , und mithin weit ho- 
her organisirt sind , als die Parasiten des Professor Heule, der 
sie doch nicht über die vegetabilischen Pilze hinauf graduirt, trotz 
dem , dafs sie selbst leiden und erkranken können , eine negative» 
nämlich der Mangel an Sensation ; S. 259 : „Die Krankheitsur- 
sachen und ihre Prozesse, z. B. Contagien, Exantheme, Ent- 
zündung, empfinden keinen Schmerz» keine unangenehmen 
Sensationen." Darnach bemerkt der tiefsinnige Verf. ganz naiv : 
„Schmerz, Convulsionen u.s.w. sind Symptome des Organismus»" 
mithin doch, Gott sei Dank, nicht Eigenschaften und Attribute 
der Krankheitsteufelchen. Es wäre besser, ein solcher pseudo- 
organischer und doch organischer Kobold, der nicht animalisch 
und nicht vegetabilisch , sondern ein aufser der organischen Na- 
tur, wie die Sünde ein aufser der Kirche, Stehendes ist, kün- 
digte sich gleich selbst vor der Invasion durch Convulsionen und 
Spektakel an, dann könnte man sich durch einen Drudenfufs oder 
ein rechtzeitig angebrachtes Kreuz davor verwahren; das wäre 
die wahre Prophylaxis , welche das spätere Teufelaustreiben ent- 
behrlich machte. In den äufsersten Consequenzen der Rings - 
eis* sehen Lehre sind dergleichen Betrachtungen unabweisbar. 
Will man sich wundern, dafs die Zeit wieder naht, wo uns ein 

Amulet /fj^ vonnothen ? denn Alpe , Druden , Kobolde fahren 

in der hohlen Säule des Wirbelwindes über's Land, und setzen 
sich bald auf diesen, bald auf jenen armen Sünder. 

Jede Krankheit bietet nach den genannten Prämissen Folgen- 
des ; S. 267 : 

„1) ein Angreifendes (causa morbifica afficiens) und seinen 
Angriff (affectio acuta), 2) ein diesem Angriffe entsprechendes 
Leiden organischer Theile (affectio passiva, Afficirtwerden), 



r 

v. Rings eis. 227 

3) Widerstand der organischen Natur , R e a k t i o n (!) , ^Lei- 
den der Krankheitsursache in Folge erwähnter Aktion 
des Organischen." 

Die Symptome werden nun natürlich nicht in Gruppen einge- 
teilt, welche den physiologisch zu betrachtenden Sphären des 
Organismus oder den anatomischen Systemen entsprechen, son- 
dern je nach dieser affectio acuta der Krankheitsursache und der 
affectio passita des Organismus, nach ihren Folgeäufeerungen, 
Attributen und Corollarien ; S. 269 : 

„Ich unterscheide 

I. Symptome der Ursachen , und zwar 1) der einzelnen ur- 
sächlichen Momente, 2) der Gesammtursache ; 

II. Symptome des Leidens des Organischen durch die ein- 
zelnen ursächlichen Momente und die Gesammtursache ; 

III. Symptome des Heilbestrebens in verschiedenen Epochen 
der Kochung und Krise ; 

IV. Symptome des Leidens des Pseudoorgani- 
sehen. 

Auf diese Weise kann man den Symptomenwust, der leider 
in mancher Schule ohne strenge Würdigung der wesentlichen vor 
den unwesentlichen eine sandige Basis für die spätere Praxis gibt, 
nur vermehrt, und zugleich keine Möglichkeit finden , eine Krank- 
heit als bestimmte Species in ihrer Totalität zu betrachten. Wol- 
len wir einmal in der Kurze diese Theorie der Krankheitselemente 
und die ihnen entsprechenden Symptomenklassen praktisch prü- 
fen, und zusehen, welche Capriolen der darnach Behandelnde 
machen müfste. 

Man mufs vor Allem die Idee festzuhalten suchen , dafs sich 
nach Hrn. v. Rings eis zwei heterogene Wesen, Pseudoorga» 
nismus und Organismus, einander angreifen und herumpauken ; da 
aber ersterer mit einem individuellen Leben begabt ist, so hat er 
seinen selbstwilligen Angriff und auch seine Beeinträchtigungen, 
Geschlagen werden und Leiden gerade wie der Organismus, nur 
fehlt ihm die Empfindung dafür, die der Verf. wahrscheinlich 
nur deswegen abgeläugnet, weil er sich T nicht ganz in die Seele 
des Pseudoorganismug hinein zu versetzen weifs , und nicht ah- 



228 Siebert. 

sieht , wie dieser allenfalls fahlen und empfinden mächte. Da die 
Pseudoorganismen aber nicht zu den Seeligen gehören , nicht zu 

„Den Unsterblichen , den Reinen , 

Die nicht fühlen , die nicht weinen ," 
sondern vielmehr zu den bösen Geistern, die doch wenigstens 
lachen , mithin empfinden, so hoffe ich, dafs auch diese Erkennt- 
nifs Hm v. Rings eis durch Beten, Fasten und Kasteien wohl 
zu Theil werden wird. 

Nehmen wir einen einfachen Keuchhusten zum Beispiel: 
Er hat sein Angreifendes — sei es eine pseudorganische Seele, 
die sich das Rheuma zum Körper gewählt hat — und seinen An- 
griff, indem das befallene Kind trübe Augen, ein aufgedunsenes 
Gesicht bekommt, sich still in die Ecken setzt und zu husten an- 
fangt. Der Husten wird heftiger, kömmt paroxysmenweise mit 
Erbrechen , Nasenbluten , Convulsionen ; das soll nun die affectio 
passiva seyn. Es stellt sich erhöhte Respirationsthätigkeit und 
vermehrte Lungensekretion ein ; das mag der Widerstand der or- 
ganischen Natur seyn , oder ist es alleiniges Herrschen des Pseu- 
doorganismus im Bereich des Pneumogastricus , des Herdes ? — 
Die Paroxysmen werden nach und nach seltener, werden been- 
digt durch starke Sekretion gekochten Schleimes, die Respira- 
tion wird leichter ; es kommen Scbweifse , oder auch ein papulö- 
se8 9 selbst pustulöses Exanthem im Gesichte, welches nach und 
nach vertrocknet. Natürlich besteht nun in Letzterem das Leiden 
des Pseudoorganismus, der Krankheitsursache, dafo sie nämlich 
nicht mehr wirtschaften darf, wie sie will , dafo sie stillschwei- 
gend und unsichtbar das Feld räumt, wie sie gekommen ist, oder 
wirklich sichtbar leidet, indem sie aus dem Organismus hinaus- 
geworfen wird — mit dem Auswurf, oder am Organismus ge- 
trocknet und verkümmert abfällt — durch Abborkung des Keuch- 
hustenexanthems. 

Wenn man sich die Mühe geben will , kann man sich diese 
wenigen Symptome ein Dutzend- mal verschieden unter den 
R i n g s e i s ' sehen Symptomen - Rubriken austheilen , das ist ganz 
Einerlei, man kann damit würfeln, die Symptome werden wie 
runde Kugeln in die von dem Ver£ gegrabenen Spatien rollen; man 



v. Ringgeis. 229 

kann sie dem Organismus oder dem Pseudoorganismus zutheilen, 
je nachdem man Lust hat; man kann das Unterste* zu Oberst keh- 
ren, kann die Husten - Paroxysmen und Convulsionen Reaktion 
oder Passion heifsen, die sichtbaren Krisen kritische Bestrebung 
des Organismus oder Leiden des Pseudoorganismus ; — an dem 
bestimmten zuverlässigen Krankheitsbild, an dem höheren und 
niederem Werth der Symptomengruppen, für den Heilplan u. s. f. 
hat man nicht nur gar nichts gewonnen , sondern dieses Ziel ver- 
nünftiger Bestrebungen wird nur noch ferner gerückt; aber die 
gute Natur mufs sich noch mehr gefallen lassen ; man wirft am 
Schreibtische ihre Manifeste hinüber und herüber ; 

„Da kommt ein Teufels - Pfäfflein ia's Land, 

Der hat uns Kopf und Sinn verwandt ; 

Da kriegt er meinen Kasten Caffee 

Und setzt mir ihn oben hinauf in'* C, 

Und stellt mir die Tabaksbüchsen weg, 

Dort hinten in's T , zum Teufelsdreck ; 

Kehrt eben Alles drüber und drunter, 

Ging weg und sprach : So besteh's jetzunder !" 

Ein vernünftiger Mann in Goethe' 8 Fastnachtsspiel. 

Die Aerzte dürfen sich das nicht gefallen lassen, denn wenn 
sie den Pseudoorganismus ganz aufser den Orga- 
nismus setzen, wenn jener aufserhalb der physio- 
logischen Gesetze steht, wenn die Ursachen an 
sich ihre Symptome haben, und das Leiden der 
Ursachen wieder an sich seine eigenen Symptome, 
so finde sich einmal Einer aus diesem lrrsal des Unwahren und 
Unpraktischen. Welchem Arzt die Symptome der Ursachen 
nicht mit den Symptomen des Leidens des Organischen, und 
nicht dielSymptome des Heilbestrebens mit den Symptomen das 
Leidens des Pseudoorganischen ganz und gar zusammenfallen, 
der wird noch im günstigsten Falle ein nebelnder und schwebeln- 
der Symptomenjäger, der heute incitirt, was er beruhigen, 
morgen lähmt und abtodtet, was er erheben sollte. Ich frage: 
wo hat Hr. v. R i n g s e i s jemals Symptome der Ursache , Sym- 
ptome der einzelnen ursächlichen Momente und der Gesammtur- 
sache (nicht Symptome von der und durch die Ursache, die sich 

16 



230 Siebert* 

von selbst verstehen), wo hat er Symptome des Leideos der 
Krankheitsursache gesehen , ohne dafs Erstere in Erkrankung des 
Kranken, und Letztere in den Krisen, in theilweiser oder voller 
Genesung des Kranken bestanden hätten? — Aber freilich in 
bäfslichem Auswurf, in trübem Urin, in stinkenden kritischen 
Stühlen findet sich die ei krankte und besiegte Krankheitsursache, 
da ist ihr Leiden zu erkennen, denn der Teufel, wenn er aus- 
fahrt, hinterläfst ja stets einen üblen Geruch. 

Der Verf. liebt die Analogieen, und so konstruirt er auch 
den Pseudoprozefs aus den Unäbnlichkeiten und Aehnlichkeiten 
zwischen Schwangerschaft und Krankheit, wobei zu seinen Gun- 
sten die Aehnlichkeiten überwiegen müssen. Dergleichen Spiele- 
reien , mit Gewandheit vorgetragen , klingen nicht übel , und er- 
innern an die weiland naturphilosophische Periode, wo sie dutzend- 
weise fabricirt wurden. — 

Es verträgt sich weder mit der Aufgabe vorliegender beleuch- 
tender Remonstration , noch ist es überhaupt möglich , dem gan- 
zen Buche kritisch zu folgen , ohne ein noch viel dickeres zuwege 
zu bringen ; ich beschränkte mich demnach , einige der interes- 
santesten Paragraphe mit Bemerkungen zu begleiten. 

Die Therapie entspricht den oben angeführten pathologi- 
schen Grundsätzen. Sie kämpft gegen die Verwechselung des 
Krankheits - mit dem Heilprozesse, daher keine Leitung der Reak- 
tion und kritischen Bestrebung, sondern direktes Verfahren zu 
Gunsten des Organismus und Ungunsten des Pseudoorganismus. 
Wie aber Alles in den Körper Eingebrachte Verbindungen ein- 
geht, oder als halbtodt niedergehalten, oder als ganz todt ausge- 
stofsen wird, so wirken die Heilmittel als solche Verbindungen 
eingehend, entweder 

1) mit den organischen Theilen, sie durch ihre phlogistiscbe 
oder antiphlogistische Natur kräftigend, oder 

2) mit dem Pseudoplastischen, dieses schwächend oder 
tudtend, oder 

3) auf beiderlei Weise zugleich. 

Das riecht nach Erregungstheorie, nach speeifiker und nach 
entgiftender Heilmethode, nach Brown, Markus, Rösch- 



v. Rlngaeis. 231 

laub, Eisenmann, selbst nach den Epigonen Hahnemann's; 
wie auch in der Propädeutik (im physiologischen Theile) Carus 
und Andere die sinnigen , und Swedenborg die übersinuigen 
und unsinnigen. Sätze und Ansichten begründet haben mögen. 
Aber das tbut nichts, denn Rings eis bringt aufserdem noch 
Neues genug: 

1) Einen Versuch, die Forderungen der Wissenschaft in Ue- 
bereinstimmung zu bringen mit den kirchlichen Lehren. 

2) Eine neue Doktrin von den relativen Gesundheitsbreitegra- 
den ; Trennung von Disposition und disponirenden Ursachen. Es 
gibt leibliche, seelische und geistige Gesundheitsbrei- 
tegrade; die somatischen Dispositionen sind dreierlei: arteriöse, 
venöse und lymphatische. Ceber diese mit Pomp verkündete 
Originalität der Doktrin wird man bitter getäuscht, denn man be- 
gegnet nur lauter längst Bekanntem und fast allseitig Adoptirtem, 
nur sind die Auffassung und Einkleidung möglichst barock. 

3) Geistige Mittel in leiblichen Fällen, Sakramente, Sakra* 
mentalia und Gebet als Heilmittel. Ferner sympathetische Mittel. 

4) Eine allgemeine Prophylaxis bei epidemischen Krankhei- 
ten. Wie sie nämlich Hrn. v. Rings eis bei der Cholera -Epi- 
demie zu München gelehrt wurde. 

5) Eine höhere Kosmetik , eine Veredlung des Geschlechtes 
durch Einflufs der christlich katholischen Religion, des Kultus 
und der öffentlichen Erziehungsanstalten. 

6) Nachweisung der Art des Zusammenhanges der medicini- 
scben Wissenschaft und Kunst mit den übrigen Wissenschaften 
und Künsten. Die Resultate dieser Nachweisung sind : Die K i r- 
che vereint alle Künste im engern und weitern Sinne, und alle 
Künstler, namentlich alle Künstler des praktisch christlichen Le- 
bens ; sie ist zugleich der Künstler aller Künstler und das Kunst- 
werk aller Kunstwerke; nach und in ihr der Staat, wenn er ihr 
Abbild, sie schützend und tragend; sonst ist er nur Scheinbild. 
Alle einzelnen Künste sind nur Arabesken in und am grofsen Dome 
der Kirche, wie alle wahren Wissenschaften nur zu Ihr führender 
Wege. Aus allem Gesagten ergibt sich, dafs wahre Wissen- 
schaft und Kunst nichts für sich , sondern lediglich in rechter Be- 

16* 



232 Siebert. 

Ziehung auf das verlorne oder wieder zu erobernde Paradies Et- 
was sind. — Anker der Arche Noah's wird Niemand gerettet ; 
aufser der Kirche- weder Kunst noch Wissenschaft , ' nur 
Schein- und Zerrbilder Beider: mithin aufser .der Kirche — 
keine Medicin. 

7) Eine nach Analogie der Pflanzen und Thiere geordnete 
genetisch - historische , also eine naturhistorische Beschreibung 
der einzelnen pseudoorganischen , pseudoplastischen , parasiti- 
schen Krankheitsprozesse. Diese ist zusammengefafst in einer 
magern Tabelle voll Verschränkungen, Klauseln , Bedingtheit und 
wesentlicher Leere , wie man's eben nur möglicherweise anfan- 
gen kann, eine Sache recht unklar, uninstruktiv und nutzlos zu 
machen. Diese Tabelle ist voll: „insofern" — „fast nur" — „zu- 
gleich" — „vorwaltend" — „zusammengesetzt" — „bald so, 
doch auch wieder in untergeordneter Weise s o," je nachdem eben 
die drei in allen Krankheiten vorkommenden Momente: pseudo- 
organischer Prozefs, Charakter und Passion sich 
entweder wegen allgemeinen Ergriffenseyns so berühren, oder 
durch Ausbreitung über mehrere Gebiete so vermischen, dafs man 
sie nicht mehr von einander unterscheiden kann. 

8) Eine Widerlegung des kapitalen lrrthums , dafs in irgend 
einer Krankheit die Vitalität des eigentümlichen Lebens er- 
hobt sei. 



Jedem therapeutischen Versuche mufs (S. 451) Folgendes 
vorausgehen : 

„Da die Krankheit ursprünglich Folge der Sünde, und der 
Sündige den erhaltenden und wiederherstellenden Kräften in den 
Kreisen des bewufsten und unbewufsten Lebens viel weniger, 
den bewufst und unbewufst zerstörenden aber viel leichter zugäng- 
lich: so ist, wenn auch laut Erfahrung nicht immer unerläfslich, 
doch ohne Vergleich sicherer, dafs sich der Kranke und Arzt vor 
dem Heilversuche entsündigen lassen. Der Heiland begann alle 
Heilung mit Vergebung der Sünde oder Anerkennung des Glau- 
bens des Kranken. Der christliche Arzt betrachtet unter bestän- 



v. Rings eis. 233 

digem Gebet am Erleuchtung, wie die gröfsten Heiligen thaten, 
den Kranken als Stellvertreter Christi, und sich als seinen Die- 
ner. Gewissenlose, unsittliche, aufser den höhern Einflüssen 

» 

stehende Aerzte entbehren nicht blofs dieser Einflüsse, sondern 
wirken, cjurch unlautere , z. B. politische (!) parteiliche (!) Zwecke 
mifeleitet, noch positiv gefährlich. Auch der entsündigte beru- 
fene Arzt heilt nicht jeden entsündigten Kranken ; das wissen wir, 
aber er ist sicher (?), ihm nicht zu schaden (?). — Die Mittel 
der Entsündigung lehrt die Kirche." 

Nach diesem wäre eine christliche Sanftmuth , eine Gott ge- 
weihte Stimmung, eine religiöse Demuth zu erwarten, und es ist 
uns die ewige Feindlichkeit, mit der Hr. v. Rings eis sich in 
ein unnöthiges Ecbaufferaent fast auf jeder Seite versetzt, als 
seien alleuthalben feuergefährliche Teufelsspuke , allenthalben ein 
von Sünden erbebender Boden , es ist sein fortwährendes Käm- 
pfen gegen Dinge und Leute, die noch niemals zu einer Offensive 
sich ermüfsigt gesehen haben , eine krankhafte Gereiztheit, wahr- 
haftige Armesünder - Stoßseufzer , unbegreiflich. Nirgends eine 
Versöhnung, nirgends christliche Duldung, nirgends eine Spur 
von Liebe, wie wir's eben vom schrecklichsten der Schrecken, 
vom blinden Fanatismus, gewohnt sind. 

Es kann sonach nicht befremden, dafs er in seiner rucksichts- 
losen Wuth , in seiner eifrigen Ueberstolperung gerade das , was 
er am heftigsten zu bekämpfen sich bemüht, deutlicher und kla- 
rer macht, und unbewufst bekräftigt. Als ein erbitterter (wo- 
durch?) Feind von Allem, was an Schonlein erinnert, hafst er 
auch Ausdrücke, wie z. B. naturhistorische Merkmale 
der Krankheit, das egoistische Princip, die Reaktion; er 
desavouirt und gibt ihnen einen Hieb, wo er nur immer kann, 
und doch ist Keiner für die Adoption solcher Ausdrücke so ge- 
schäftig, als er selbst. 

Die eigentlichen Symptome der Krankheit entstehen nach 
ihm durch die Passion des Organismus, die er erduldet durch 
die Läsiou des pseudoorganischen Wesens - der Krankheitsur- 
sache. „Das Exanthem ist (S. 208) das Symptom der entwi- 
ckelten Krankheitsursache, ja diese selbst, und nicht das 



134 Siebert. 

Symptom der Krankheit* Wahrscheinlich doch Frucht der vä- 
terlichen und mütterlichen Faktoren = Krankheitsprodukt. Wenn 
nun (S. 269) der ganze Symptpmencomplex (der wohl die Krank- 
heit in ihrer Totalität zur Anschauung bringt) aus 1) Symptom der 
Ursache, 2) Symptom des Leidens des Organischen, 3) Sym- 
ptom des Heilbestrebens und 4) Symptom des Leidens des Pseu- 
doorganischen besteht, so gehören doch die Symptome des Pseu- 
doorganischen, z. B. die naturhistorischen Symptome des Exan- 
thems, notbwendig zur Krankheit. Die Krankheit bietet mithin 
naturhistorische Merkmale, ohne dafs man daran erinnert werden 
mufs, dafs die Passion, die sogenannten passiven Symptome, 
nicht auf dieselbe Weise rubricirt werden können , indem es kei- 
nem Menschen einfallen wird, z.B. den Frost, den Präkordial- 
druck, die Ohnmacht, den Kreuzschmerz zu den naturhistori- 
schen Merkmalen des Blatternexanthemes zu rechnen. S. 259 
heifst es: „Die Symptome der Krankheit der Eiche, z. B. ihr 
Schwinden, sind verschieden von den botanischen Merkmalen der 
schmarotzenden Mispel , der Ursache des Schwindens der Eiche." 
Abgesehen davon, dafe dieser Vergleich mit dem parasitischen 
Pseudoprozefs hinkt, denn der Eiche ist keine Reaktion, keine 
Zerstörung und Abstofsung der Mispel möglich ; es müfste denn 
seyn , dafs ein Arzt die Mispel zerstöre und den Baum befreie, 
was ein vollkommenes Bild der entgiftenden oder neutralisirenden 
Heilmethode (welcher zu huldigen und sich dazu zu bekennen Hr. 
v. Ringseis als noth wendige Consequenz angemuthet werden 
mufe) gäbe; abgesehen davon, so ist das Bild der schmarotzenden 
Mispel der naturhistoiischen Schule nur ein forderliches, denn 
diese sucht ihre Merkmale auch nicht an den individuellen Sym- 
ptomen , sondern an der Krankheit als solcher , in ihrer histori- 
schen Bedeutung, d. i, nach Ringseis an der Krankheitsur* 
Sache, an dem pseudoplastischen, pseudoorganischen, parasiti- 
schen Wesen, und nicht an der Passion des H. X oder Y, wel- 
che einmal die Blattern gehabt haben. 

Für die Pathologie ist es ganz Einerlei , ob ein egoistisches 
oder hierarchisches Prinzip in dem Menschen erhält und wider- 
strebt Jedenfalls sind wir mit den Conzessionen des Hrn. von 



I 

y. Ringseis. 235 

Rings eis, die er an vielen Stellen macht, in diesem Betreff zu- 
frieden, besonders mit S. 264: „Jedes belebte Wesen strebt, 
seine Art und Individualität zu erhalten. Die Beschaffenheit des 
eigentümlichen Lebens kann daher nicht ohne Kampf von einer 
feindlichen Potenz vernichtet werden." 

Aus den Symptomen der Reaktion allein die Krankheit zu 
konstruiren, fiel noch keinem Menschen ein , und kein Vernünfti- 
ger sagte : „Die Krankheit ist Reaktion u. s. w." Aber es ist un- 
begreiflich, warum Hr. v. R. so erbost gegen diese Reaktion 
kämpft, während er sie doch selbst alle Augenblicke in voller 
Breite zugesteht. So S. 257: „Allerdings entsteht auch von 
krankhaften Reizen oft (?) grofser Tumult, grüfsere Bewegung» 
als im Gesunden ; dieser Tumult und diese Bewegung sind aber, 
nicht blos (?) Ausdruck der Reaktion des eigenen organischen 
Lebens gegen den kränkenden Reiz, sondern zum T h e i 1 Aus- 
druck der Aktion des feindlichen krankmachenden Reizes." Wo 
also dieser Vorgang nicht Reaktion des organischen Lebens ge- 
nannt werden soll, da tumultuirt der krankmachende feindliche 
Reiz auf eigene Faust, und macht seine Sprünge vor dem in b& 
haglicher oder unbehaglicher Passivität zuschauenden Organismus. 
Wir sind in der doktrinellen Düftelei noch nicht so weit gekom- 
men , dafs wir eine feindliche Aktion im organischen Leben ohne 
Reaktion, oder wenigstens Reaktionsbestrebung anerkennen müch? 
ten. — Auf derselben Seite heifst es dagegen : „Der Organis- 
mus aber , so lange der Mensch lebt, hört nicht auf, wieder auf 
die Krankheitsursache und ihren Prozefs, ihn beschränkend, zu- 
rückzuwirkend Die absolute und unsichere Bezeichnung „Tumult" 
wird sein Lieblingsausdruck, um nur der Reaktion nicht zu viel 
einräumen zu müssen« S. 263 : „Es ist die von heftigen Schäd- 
lichkeiten entstehende Asthenie nicht immer eine sogenannte indi- 
rekte, und auch die Sthenie, die ihr vorherzugehen scheint (?), 
war entweder nicht krankhaft (?), oder nur durch die Krankheit er- 
zeugter Tumult." S. 267 : „Das in jeder Krankheit noch Ge- 
sunde führt den Kampf gegen die Krankheitsursache, ihr Thun 
und ihre Produkte. Wir sehen also in jedem Kranken 1) ein An- 



236 Siebert. 

greifendes, 2) diesem Angriff entsprechendes Leiden, 3) Wi 
derstand der organischen Natur u. s. w." — 



IV. 

Dieses merkwürdige Buch, das Resultat angestrengten Den- 
kens bei Geistestiefe und Geistesschärfe, vielleicht die Frucht le- 
benslänglicher Mühe und Arbeit , reifst uns auf der einen Seite 
hin, erregt auf der andern seltsames Staunen , und auf der dritten 
Ekel und Ueberdrufs, denn die anthropologischen, physiologischen 
und pathologischen Bemühungen verdienen Anerkennung ; die na- 
turphilosophischen Sätze, die Anwendung der Theosophie, Theo- 
kratie und cbristkatholischen Hierarchie auf die Medicin sind mon- 
strös; und endlich der Ehrgeiz, die Eifersucht und die bittere 
Polemik gegen einen Mann, der ihm nichts zu Leide that, der 
ihn stets lächelnd gewähren liefs, dessen Lehre in den enggezo- 
genen Kreisen der Pathologie und Therapie blieb , und daselbst 
gar nicht einmal unüberwindliche Gegensätze zu der einschlägigen 
des Rings eis bietet, sondern im Gegentheile, ohne noch ein 
geschlossenes Ganze zu seyn, in seinen Einzelheiten die Letztere 
verstärkt, ergänzt und nach allen Anzeigen sogar veranlafste und 
iu's- Leben rief, — diese feindlichen Ausfälle ziehen sich , nicht 
wie ein rother Faden der Liebe, sondern wie ein grüngelber des 
Hasses und Neides durch das ganze Buch , und beschmutzen die 
Gottbegeisterung des Verfassers , trüben seine von ihm selbst an- 
gepriesene huhere Einsicht, und zwingen uns, seine christliche 
Liebe stark in Zweifel zu ziehen. 

Wahrlich die Polemik des Hrn. v. Rings eis gegen Schon- 
lein ist so beispiellos von Gleifsnerei, Perfidie und alle Gesetze 
der Humanität und Ehre durchbrechendem Hasse getränkt, dafs 
es zur Beleuchtung dieses merkwürdigen, im Glauben starken, 
im Heilande seeligen Charakters der Mühe verlohnt, ihr einige 
Aufmerksamkeit zu widmen. 

Hr. y. Rings eis befolgt eine sehr ignoble Taktik, um die 
Vernichtungsstreiche gegen Schönlein anzubringen; er beifst 



v. Ringseis, 237 

in die Fersen, er sucht ein Bein zu schlagen, und rupft und zupft 
an den Aufsenwerken ; denn hätte er einen Begriff von einer an- 
ständigen Polemik, so würde er den Feind an den kräftigen und 
bewehrten Stellen, an der Brust und dem Kopfe packen; er würde 
ihn auf dem Terrain aufsuchen, wo derselbe Grofses leistete, 
oder in seinem Sinne zu leisten scheint; er würde die klinische 
Lehrmethode Sc hü nl eins, sein. Krankenexamen, seine Diagno- 
stik, seine Technik der Diagnostik u. s. w. sich zum Gegenstande 
der Erörterung und Bekämpfung erwählt haben. Ist es nicht ein 
unwürdiges, ja doloses Verfahren , ein konfus nachgeschriebenes 
und fehlerhaft abgedrucktes Heft eines talentlosen Schülers unter- 
zulegen, von diesem die allerschlechteste Auflage zu wählen, und 
aus dieser einige allerdings seltsam klingende Sätze, und noch 
seltsamer wegen der geflissentlich bunten Nacheinanderstellung, 
herauszuheben ? Ist es wohl rechtlich, S. 384 in a) „ „Alles auf 
der Erde sind Produkte u. s. w." " der Schön 1 ei n'schen Lehre 
als ersten Paragraph voranzustellen? Muthet er denn wirklich 
Schönlein zu, gesagt zu haben: „„Krankheit ist also der 
Kampf — uu ; glaubt er denn nicht, dafs Schönlein eine ähn- 
liche Deduktion wahrscheinlich beginnen würde mit: Krankheit 
entsteht -— , und dafs er kein „also" setzen würde, wenn es 
den früheren Sätzen nicht entspräche ? Wo oder wann hat Schön- 
lein jemals gesagt : „„Jede Krankheit kann man als Entzün- 
dung ansehen,"" oder „„Blut sei ein Gewebe"" — oder 
„ „die Zunge sei im Exanthem rauh , im Nervenfieber glatt" " — 
wie R. S. 475, 422, 548 geradezu behauptet, ohne merken zu 
lassen, dafs der erste Schlufssatz nur bedingungsweise eine bild- 
liche Anwendung bedingungsweise angenommener Voraussetzun- 
gen seyn könne, oder dafs durch perfide Anwendung eines 
schlechten Syllogismus ein solch monströser Unsinn, wie der 
zweite , herausspränge; oder dafs einer schlechten Wiedergabe 
einer mifsverstandenen Aeufserung in irgend einem Journale die 
dritte Behauptung entlehnt worden sey? 

Doch es bedarf wohl der Beleuchtung, und Widerlegung sol- 
cher geflissentlich begangener Abgeschmacktheiten nicht. Wenn 
es v. R. um Auffindung von mehreren dergleichen Fetzen der 



238 Siebert. 

Schönlein'schen Lehre so eifrig zu thun ist, so darf er steh 
nur geringe Muhe geben ; fast auf jeder Seite des nachgedruckten 
Heftes giht es deren hinlänglich, z. B. Bd. IV. S. 194: „Die 
Kranken bekommen einen heftigen ziehenden Schmerz (bei Testi- 
kulär -Epilepsie) in einem, seltener in beiden Hoden u. s. w. 
Diese Erscheinungen enden mit Erbrechen nur bei Frauen, bei 
welchen eine bestimmte Degeneration der Genitalien zugegen ist/* 
Was hätte v. R. nicht für Yortreffliche Pfeile gegen Seh. daraus 
schnitzeln können? Warum hat er nicht behauptet, Seh. ver- 
gleiche den Kreislauf des Blutes mit einem Feldgeschütz-Manöver, 
denn statt Arterien heifst es Einigemale Artillerie. — 
Aber so ist die Manier der vornehmen , der Menschheit Schnitzel 
kräuselnden Mandarinenweisheit. 

Hr. v. R. scheint das Unbillige und Rechtlose seines Begin- 
nens selbst zu fühlen, und benimmt sich zum Theil wie ein Kater, 
der ironisch schnurrend um die Ecke schleicht mit etwas, Diebs- 
gelüst im Herzen, zum Theil wie ein Jesuit, der dem zuckenden 
Opfer von der christlichen Liebe vorpredigt; er sagt S. 385: 
„Diese Lehren, zuverlässig von Schönlein's bitterstem, hin- 
terlistigstem Gegner für dessen Ansichten ausgegeben, sind so 
leichtfertig, so schülerhaft, platt und gedankenlos, dafs sie keine 
Erwiderung verdienten. Schönlein verläugnete dies Werk auch 
wie natürlich/' Da man nun einwenden könnte, warum Rings- 
eis sich denn so angelegentlich damit abgegeben habe, so be- 
gegnet er solchem Einspruch : „So zeige ich zum allgemeinen 
Frommen durch Darstellung seiner Nichtigkeit, dafs solches Ge- 
schreibsel von S c h ö n 1 e i n , der so kolossal in der Medicin , als 
Rotteck in der Geschichteist, unmöglich seyn könne." In einer 
Anmerkung wird nun Rotteck beschimpft, wie es R X n g s e i s schon 
vor einigen Jahren Einmal öffentlich in der Klinik auf so pöbelhafte 
Weise gethan hat, dafs die Wiedererzählung gegen das Schicklich- 
keitsgefuhl anstofsen würde. Aber das ist die Ehrenhaftigkeit, Ge- 
radheit, Mannhaftigkeit der sanften Brüder in Jesu ; daist wirklich ein- 
erzeugter Schlangensame, und vergiftend ist der Bifs congrega- 
tioneller Rache! Wie artig übt Hr. v. Rings eis die „Milde 
und Liebe gegen Personen" durch den ganz unbefangen und naiv 



v. Ringseis. 239 

eingeflochtenen Satz : „Mehrere und nahmhaße unter S c h 8 n 1 e I n's 
Schülern schwören, jene Behauptungen seien in Wahrheit 
seine Lehre." Ich will weniger an dem Verstände und der Ein- 
sicht dieser den Verräthereid Leistenden zweifeln, obwohl 
der Umstand, dafs sie in der Umgebung des Hrn. v. R i n g s e i s 
anzutreffen sind, keine sichere Garantie für diese Präsumtion ge- 
währt, als vielmehr an ihrem guten Willen und redlichen Charak- 
ter, sonst würden sie im Eide eine Klausel nicht vergessen 
haben, in der die augenfällige CorruptSon der ursprünglich reinen 
Lehrsätze hervorgehoben wäre. O! es gab manchen falschen 
Jünger in Schönleins Klinik zu Würzburg, der die noch un- 
beschriebene Patentkarte in der Tasche festhielt, und der einzu- 
zeichnende Grad künftiger Erhebung hing von dem Eifer ab, mit 
welchem er den Meister verrieth. Als die Passionszeit heran- 
kam , da stellte sich Einer um den Andern, und sie verleugneten 
um die Wette und in dem Grade» als sie Gelüsten trugen nach 
den Brosamen, die von des Herren Tische fielen. Die also Ge* 
segneten verleugneten aber nicht nur, sondern sie legten auch 
Zeugnifs ab wider den Verrathenen, und eine Paraphrase der 
Worte des Hrn. v. Rings eis (S. 27) t „Diese Naturanbeter mifs- 
handeln dieselbe Natur gleich einer feilen Metze, frech experi- 
mentirend mit Menschenleben, als sei der Mensch wegen ihrer 
sogenannten Kunst und Wissenschaft, nicht diese des Menschen 
willen vorhanden" — ganz ähnliche Worte , sage ich , hurten wir 
vor Kurzem in demselben Hörsaale , wo einige Jahre vorher der 
Redner die Worte von S c h ö n 1 e i n's Munde wegfing, und emsig 
niederschrieb, nun aber Zeugnifs wider den ablegte , dem er die 
einzigen guten Flicken zu seinem zusammengeflickten Lumpenkram 
verdankt Und solche armselige Bemühungen sollten das ver- 
hafste Andenken an Schönlein verwischen, sollten die ausser- 
ordentlichen Erfolge seiner Lehrbemühungen ungeschehen machen t 
— Jetzt zausen die Fleischerhunde an S c h ö n 1 e i n's Purpurman- 
tel, die Krähen hacken nach den Juwelen seines Diadems , die 
Affen exerciren mit seinem Scepter, und kurzsichtige Pedanten 
treten diese fürstlichen Attribute, welche Schuljungen gestohlen 
haben, im Koth herum. Der Rechtliche sieht mit Verwunderung 



240 Siebert. 

und Indignation diese Gräuel, und «fl aus: „Wehe, sie haben 
seinen Purpur gestohlen, begeifert, zerrissen! aber trotz des 
Schmutzes erkenne ich noch an den Fetzen den herrlichen Stoff 
und die unverwüstliche Farbe." Hr. v. Rings eis weife freilich 
nichts Anderes daraus zu machen, als die Corruption, die Besu- 
delung mit industriuser Rachsucht und wahrhaft diabolischer Lust 
zu vermehren, damit er dann hervortreten, sein härenes Ge- 
wand aufheben und sprechen könne : „Seht her ! ist dieses Kleid 
nicht ganz, deckt es nicht passabel meine Blöfsen, hemmt es nicht 
hinlänglich die Freiheit der Glieder und die ungemessene Bewe- 
gung? Geht hin, bekleidet Euch damit, nehmt den Strick und den 
Bettelsack, und thuet Bufse in Sack" und Asche, dafs die Mensch- 
heit von dem Fluch, der dem Sundenfalle folgte, erlöset werde, 
und alle Kranken unverzüglich gesunden ! u — 

S. 29 sagt der Verf.: „Unerbittliche Strenge gegen gefähr- 
liche Grundsätze, der Person aber Milde und Liebe." 
Das Gegentheil davon blickt schon in der Vorrede durch, wird 
S. 384 nicht mehr verhehlt, indem böswillige Verdrehung . der 
Worte und Verunglimpfung der Person* aufser Zweifel stellen, dafs 

die Person ihm ein Dom im Auge; S. 547 — 549 steigert sich aber 

♦ 

die Wuth gegen den „ausserordentlichen Mann" bis zu der eines 
wahnsinnigen Kapuziners, der am Ende Alles, selbst den mön- 
chischen Anstand vergifst 

Diese immer wiederholte Ironie: . — „der grofse Mann — 
diese Blüthe der medicinischen Wissenschaft — Zeitgötze — 
Grofsfürst der medicinischen Wissenschaft — aufserordentlicher 
Mann — unumschränkt gebietender medicinischer Kaiser" — las- 
sen die eine Haupttriebfeder zu seiner Polemik, und zwar die 
Eifersucht nicht verkennen. Es ist seltsam, dafs den christ- 
lichen Dulder , den frommen Gläubigen , den Märtyrer der tradi- 
tionellen Offenbarung und des Teufelsglaubens Schönleins 
ausgebreiteter Ruf so gewaltig inkommodirt. »Nur Stu- 
denten und Liberale verbreiteten seinen Ruf." Das ist ein grofses 
Lob und überhaupt ein gutes Zeichen, denn ein jeder Lehrer 
würde es mit Schmerz beobachten, wenn seine Schüler, die man 
bei uns Studenten zu nennen pflegt, unempfindlich für seine Vor- 



v. Ringseis. 241 

träge blieben und keine Miene machten, seineb Ruf zu verbreiten, 
und noch schmerzlicher würde es ihm seyn , wenn es diesen zu- 
nächst die Illiberalen wären, welche Notiz von seinen Lehren 
nähmen, während sich die Liberalen mitleidig von ihm abkehrten« 
Studenten und Liberale sind gewöhnlich nicht die Schlechtesten 
einer Nation ; jene Kliniker, welche ihre Schüler kalt lassen, sind 
in der Regel mittelmäfsig; jene Institutionen, welche die wahr- 
haft Liberalen gegen sich haben, sind in der Regel nicht die 
besten. Wir wünschten, Studenten und Liberal mochten ein- 
mal beginnen, den Ruf des Hrn. v. Rings eis zu verbreiten! — 
Niedrige Leidenschaften, wie Ehrgeiz und Eifersucht sind es 
wohl nicht allein, welche Rings eis in Harnisch bringen, auch 
nicht der religiöse Abscheu vor den materielleren Meditationen 
der naturhistorisch - physiologischen Schule , nicht der christliche 
Eifer gegen den Götzendienst und die „Naturabgötterei." Es gibt 
Gründe, für Leute mit einem starken egoistischen Prinzip 
unabweisbare Gründe, S c h ö n 1 e X n's Ruf durch jedes Mittel her- 
abzudrücken; es ist sogar Lebensfrage: ob Schön lein als 
Lehrer grofs oder gar nichts sey; es gehört zur moralischen 
Selbsterhaltung, Schönleins Andenken an gewissen Orten um 
jeden Preis zu verdächtigen und auszulöschen* Die Entdeckung 
der zweiten Triebfeder zum grofsen Zorn liegt nicht ferne , wenn 
man die Aeugstlichkeit in Erwägung zieht, mit welcher v. Rings- 
eis sich die Priorität seiner pseudoplastischen Parasiten- 
Theorie zu sichern sucht. Seine Bestrebungen hierzu sind um so 
krankhafter erregt, als sein pathologisches System mit jenen Leh- 
ren , die der S c h ö n 1 e i n'schen Klinik zu Grunde liegen , in Ei- 
nigem harmoniren ; als im eigenen Lager , bei Meinungsdifferenz 
nur im Detail , ihm die Bedingung gerade zum bittersten Kampf 
gegeben scheint; als Rings eis selbst schon im Jahre 1836 die 
Unvorsichtigkeit hatte , in Bezug auf Lehren , die ihren Ursprung 
in die Schönlei n'schen setzten, zu äufsern: „Die Ansicht, dafs 
die Krankheiten nicht blos eine Negation der Gesundheit, sondern 
etwas Positives, eine Art organischer Wesen seyen , die auf un- 
serm Organismus schmarotzen, macht sich immer mehr 
geltend, und kann kaum länger zurückgewiesen 



242 Siebert. 

werde n." Weil sich nun R i n g s e i s selbst unmöglich die Prio- 
rität sichern kann, so schiebt er sie wenigstens Männern zu , die 
mit ihm innig verbunden; so Röscblaub, der über die Wirk* 
samkeit eines mit eigenem Leben begabten Fremdartigen , Para- 
sitischen, Schwängernden in jeder Krankheit (in dessen „Maga- 
zin." Bd. X. S. 221) schrieb; so seinem Bruder, der 1812 
in einer Dissertation (Seb. Ringseis: de morbi natura et ortu. 
LandisL), einem Auszuge eines gröfseren noch ungedruck- 
ten Werkes, die erwähnten Hauptlehren gegeben haben soll. 
Wir zollen dem Hrn. Seb. Ringseis, dem verehrten Rösch- 
laub, dem Hrn. Job. Nep. v. Ringseis unsern Dank für ihre 
glücklichen Gedanken, wir räumen ihnen mit Vergnügen die Priori- 
tät der Entdeckung ein. Schönlein wird wahrscheinlich auf 
die Ehre, gewisse Gedanken zuerst gehabt zu haben , gern ver- 
sichten. Einzelne Gedanken sind glückliche Treffer , man 
kann sich darauf ein Patent verleihen lassen , man kann sie 
mit hinlänglicher Anzahl von Worten herausstaffiren , man kann 
ein schimmerndes System daraus bereiten. Das System wird 
von einem und dem andern Syötenihuldiger adoptirt werden ; es 
wird Mancher dafür und Mancher dagegen streiten; es wird ver- 
standen und nicht verstanden ; es ist ein Juwel oder ein böhmi- 
scher Stein in der Literatur; es wird den Bibliotheken einver- 
leibt, es geschieht seiner im höchsten Fall Erwähnung in einer 
Geschichte der Medicin ; — aber im Leben und für das Leben 
ist es Nichts , es müfste denn seyn , dafs dieses System durch 
alle Theile in der Anwendung seine stets wiederholte Bestätigung 
fände, dafs es sich unter den Händen Tausender segensreich er« 
wiese, dafs es die Vernunft adoptiren müfste. Dann wird es 
aber eine Schule, und zwar eine durch die Notwendigkeit he« 
dingte; es mag dann dagegen geschehen, was immer, man mag 
verbieten oder einsperren, zurücksetzen oder belohnen, verketzern 
oder heiligen; die Schule bricht sich immer selbst die Bahn. 
Wenn man z.B. Straufs nach Grönland verbannte, ihm die 
Augen ausstäche und die Zunge ausschnitte , so würde sich den« 
noch eine S t r a u f s'sche Schule bilden. — 

Schönlein hat auch grofse. und gute Gedanken , es läfet 



y. Ringseis. 243 

sich wohl auch ein hübsches System daraas bereiten, aber 
Schade, nlafs die dem Leben entsprossenen Gedanken demselben 
stets wiedergegeben werden , und sich nicht durch ein eng um- 
gränztes System abtödten lassen. Schon lein hat seine Gedanken 
nicht von der traditionellen, sondern von der unmittelbaren und na- 
türlichen Offenbarung, er geht nicht' durch verschlossene Tbüren 
und dicke Mauern, rennt sich auch den Kopf nicht daran ein, er glaubt 
und macht keine Wunder ; aber er sieht zu, von welcher Höhe die 
Thüre und ob sie zu übersteigen, von welcher Breite die Mauer 
und ob sie zu umgehen sey, von welcher Weise das Holz, ob es zu 
durchbrechen, von welcher Härte der Stein, ob er zu erweichen sey. 
- Tief und geistreich zu erscheinen , das sind Bestrebun- 
gen , welche unsere Wissenschaft häufiger verderben als fordern, 
unsere Jugend häufiger irre leiten als zu guten Aerzten heranbil- 
den. Wer geistreich erscheinen will, läfst sich weder durch die 
Wahrheit noch durch die Ehre beschränken ; in der T i e f e wohnt 
nicht selten der Wahn, weil sie auf dem Grunde dunkel ist 
S c h ö n 1 e i n ist wohl auch geistreich und tief, aber er zieht es 
vor, wahr zu seyn, und klar zu reden. Die einfachste That- 
sache fordert mehr, als der noch so tief heraufgeholte Irrthum. 

Ich will Schönlein nicht das Leid, und v. Ringseis 
nicht die Ehre anthun , die Grundzüge der Lehren des Ersteren 
denen des Letzteren gegenüber zu stellen; das wäre eine übel- 
gewählte Taktik, denn hier sind ungleiche Prämissen, ungleiche 
Bewaffnung und ungleiche Führung. Während der Eine Leben, 
relative Gesundheit, Krankheit und Tod uns tbeils aus den heili- 
gen Büchern , theils aus der Tradition konstruirt, während er die 
Natur als eine durch das Urverbrechen des Menschen korrumpirte 
schildert, während er ein therapeutisches Moment in der Sühnung 
durch Sakramentalia und Gebet findet, einen wirklichen und wahr- 
haftigen Exorcismus übt und anempfiehlt ; während er mit aprio- 
ristischer Methode uns ein künstliches Gebäude, an dem kein 
Definitionseckstein, keine syllogistische Klammer, keine Fallthüre 
für Andersdenkende fehlt, einen starren Eispallast vorführt, in 
dem nichts grünt und blüht, von dem nichts mehr gebrochen und 
dem nichts hinzugefügt werden kann ; — beschaut und fafct der 



244 Siebert. 

Andere das Leben in Beiner nächsten Nähe» in seinen Ausstrah- 
lungen, in seinen tausendfältigen Aeufserungen , zeigt uns den 
Werth und das Verhältnis der einen Erscheinung» in welchem sie 
zur andern steht ; er bereitet sich einen grofsen Vorrath von le- 
bendigem Material» von wirklich existirenden und darum wahrhaf- 
tigen Dingen» zu deren Verwerthung und Verwendung das imma- 
terielle Substrat» der Geist nicht fehlt» denn die Auffassung der 
physiologischen und anatomischen Charaktere geben eine kräftige 
und genaue Darstellung der einzelnen Krankheitsformen , dafs sie 
sich unter allen Verhältnissen wiedererkennen lassen ; so baut er 
denn eine Säule nach der andern mit wirklichem Besitz» mit müh- 
sam zu Tag geförderter unjl weise verwendeter Errungenschaft» 
und bringt auch der unendliche Wechsel des Lebens in der Zeit 
und im Räume hier und da eine Verwirrung in die Säulenordnung, 
so kann das den » der mit den Gesetzen und der Bewegung des 
Lebens durch so viele und getreue Naturbeobachtungen vertraut 
ist» der durch seine originelle Combination in Analogieen zwischen 
physiologischen , naturhistorischen und pathologischen Zuständen 
(nicht zwischen den Prinzipien der Medicin und der traditionellen 
Offenbarungslehre) weiter sieht als der vom Sonnenlicht des Aprio- 
rismus Geblendete , nicht aufser Fassung bringen ; die Harmonie 
ist schnell und mit Nutzen für den Arbeiter und Beobachter wie- 
der herzustellen» das Gebäude stürzt nicht ein» denn es lasten 
keine unabwälzbare hierarchische Allgewalt» keine Ursünde» keiue 
Dämonen und Gespenster» kein Teufel darauf; es ist frei wie die 
Ceder und unzerstörbar wie die Gesammtnatur selbst» kein Win- 
ter wird das Gestein zerbröckeln , keine Glühhitze es schmelzen» 
aber — das Gebäude ist nicht fertig» und wird auch wahrschein- 
lich nicht eher fertig werden» bis die Natur selbst fertig 
ist. Keine medicinische Doktrin wird früher fertig» abgerun- 
det und geschlossen dastehen» bis die Natur selbst einmal inne 
hält und stille steht. 

Das sind nun freilich lauter „Gemeinplätze/ aber sie sind 
gut » um von Jeglichem verstanden zu werden. Zum vollkomme- 
nen Begreifen gehört auch das Fühlen des Wahren» und 
wenn manche Philosophen nicht damit einverstanden sein mögen, 



y. Rings eis. 245 

die Aerzte sind es gewifs, denn sie müssen mehr abnen und füh- 
len, als Jene jemals auszusprechen im Stande sind. 

Das grofse Räthsel, warum Schönlein seine Lehre noch 
nicht im Druck erscheinen liefs , warum in dem bisher sehr man- 
gelhaft Erschienenen hier und da kleine Fehler in der Classifica- 
tion sich nachweisen lassen, warum der allgemeine Theil, näm- 
lich die allgemeine Pathologie, in ihren ersten Paragraphen die An- 
fechtung einiger Theoretiker auszustehen hatte, diese Räth- 
sel und Zweifel sind bald gelost, wenn man nicht an der Schale, 
an dieser oder jener Form herumnagt, diesen oder jenen Ausdruck 
bemäkelt, nicht aus abstraktem Dynamismus die nähere und 
nächste Grundlage der Medicin überspringt, oder sich auf eine 
Höhe stellt, von welcher aus man sie gar nicht sehen kann; wenn 
man nicht vom Allgemeinen aufs Besondere schliefst, sondern 
gerade im Gegentheil erst das Besondere wachsen und anschie- 
fsen läfst, bis man zur endlichen Vereinigung , zur Systematisi- 
rang im Allgemeinen schreiten kann ; wenn man endlich in Erwä- 
gung zieht, dafs Schunlein ganz und gar ein klinischer 
Lehrer ist Den wahren Werth eines guten klinischen Unter- 
richts können nur Diejenigen schätzen, deren fünf Sinne frei sind, 
welche die Natur betrachten in ihrer Nacktheit, wie sie ist, und 
wie sie sich der unverdorbenen Auffassung offenbaret; die von 
der grofsen angewöhnten und anerzogenen Lüge unseres ganzen 
jetzigen Kulturzustandes sich emanzipirt haben, und keine Eman- 
zipation der Vernunft von der traditionellen Offenbarung, von dem 
Autoritätsglauben, von der hierarchischen Allgewalt, von der lex 
universalis der christkatholischen Kirche anerkennen. Rost und 
Würmer zerfressen Stereotype und Bücherballen, aber das leben- 

s 

dtge Wort, das dem Leben frisch Entnommenes behandelt, schlägt 
Keime und Wurzeln in den Köpfen von Hunderten und Tausenden, 
die dann hingehen, darnach handeln und darnach lehren, und das 
gibt eine Schule, welche wohl manches geschriebene System 
überlebt, wenn auch die Scheelsucht sie begeiferte, oder kein 
Prefsbengel darüberhin ging. 

Das ist es aber. Hr. v. Rings eis war stets ein schlechter 
klinischer Lehrer und wird es bleiben ; er ist nicht im Stande» 



246 Siebert.: 

jemals ein naturgetreues Krankheitsbild zu geben, wesentliche 
Symptome vor den unwesentlichen hervorzuheben, die wichtigsten 
in Gruppen zu reihen , sich einen Ueberblick der Krankheit in ih- 
rer Totalität zu verschaffen; er ist deshalb auch nicht im Stande, 
einen Heilplan zu entwerfen ; er wird von den wechselnden Sym- 
ptomen hinüber und herüber geworfen; heute hat er's mit einer 
Febris catarrhalis zu thun , morgen bei demselben Patienten mit 
einer gastrica ; später wird's eine pituitosa ; t delirirt der Kranke, 
so heifst's: ad nervosam tendens; ist das Gesicht roth: et cum 
ctmgestionibvs ad eneephalum ; sind die Diarrhöen belästigend : 
et cum diarrhoea protracta ; zeigt sich irgend ein Exanthem, so 
kommt eben dieses auch noch zufällig hinzu; dauerfs lange, so 
heifst die Febris lenta, dauert's kurz: acutUsima; reicht das£me- 
ticum, das Sal amarum nicht aus, so versucht man inzwischen 
das Gebet, dann wird mit Valeriana, Serpentaria, Campbor, 
Moschus hineingestürmt, bis der Kranke mit hochrothen Wangen 
und glänzenden Augen sammt der Eiskappe auf dem Kopf als 
Opfer des einerzeugten Schlangensamens Zeugnifs von dem Tod 
durch die Ursünde ablegt. Sein richtiges. Sterben wird nicht ein- 
mal durch die Section kontrotlirt, denn der Versuch, den Mani- 
festen der Natur nachzuspüren , ist eitles und sündhaftes Begin- 
nen, und das aus dem Leichenbefund gezogene Resultat Teufels- 
Mendwerk. Ohne pathologische Anatomie , ohne fleifsiges Seci- 
ren kann man wohl ein passabler Routinier, aber niemals ein gu- 
ter klinischer Arzt seyn. Wer in einem Lehrbuch (wie Rings- 
eis S..295) schreiben kann: „Oft findet sich bei der Section der 
an verschiedenen Krankheiten z. B. am Scharlach Verstorbe- 
nen keine materielle Veränderung, diese sind somit an nervö- 
ser Apoplexie gestorben" — der war und wird niemals ein 
Kliniker. Das mufs eine saubere Section gewesen seyn, die an 
einer Scharlach-Leiche keine materielle Veränderung finden konnte, 
so dafs man sich genöthigt sah , an den letzte/) Sattelknopf der 
Unwissenheit, an eine nervöse Apoplex! ezu appelliren l 

Was Wunder, wenn die Schüler nach Hause gehen , von ei- 
ner Febris gastrico - catarrhalis , pituitosa, nervosa, lenta, cum 
congestionibus, cum diarrhoea protracta, cum petechiis et cum — 



v. Ringseis. 247 

ted non cum spiritu tuo — und Von dem Recipe Heute und dem 
Rtcipe Morgen gehört haben, und so treffliche Aerzte werden wie 
der Herr und Meister ! — 

Wer S c h ö n 1 e i n's Lehren kennen lernen will, der lese die 
von einigen Studenten herausgegebene Pathologie und Therapie 
nicht. Es erschienen zwar zu Wurzburg bei EtUnger 1831 und 
1832 zwei Auflagen, sodann Nachdrücke von dem Nachdruck bei 
verschiedenen Verlegern, am Rhein, in Oestreich, in der Schweiz, 
eine dritte Ausgabe in Herisau 1838, eine englische Uebersetzung 
und ejne franzosische in Paris durch den Neffen Dupuytren's, 
aber sie taugen alle nichts , und es stellt sich das Mtfsliche ein, 
dafs manche wahre und gute Lehren von S c h ö n 1 e i n's Munde 
mit fatalen Mifsverständnissen , Corruptionen und Sinnlosigkeiten 
durch einander vorkommen. 

Um über die Entstehung des Nachdrucks von Schonlei n's 
Vorträgen, und überhaupt die Art und Weise, wie derselbe von 
Rings eis benützt worden, volle Aufklärung zu geben, erlaube 
ich mir die briefliche Mittheilung eines Mannes, der nächst 
Schonlein am besten unterrichtet sein mufs, und dessen Tüch- 
tigkeit und Ehrenhaftigkeit in der Wissenschaft und im Leben von 
Allen auf das Vollständigste anerkannt und hochgeachtet wer- 
den , hier unverändert wiederzugeben. Der verehrte Briefeteller 
mufs mir die Veröffentlichung seiner konfidentiellen Mittheilung 
verzeihen, da es sich um Wahrung der guten Sache, für die er 
stets selber einstand, einer finstern, böswilligen Geschäftigkeit ge- 
genüber handelt. < 

G.......n, den 8. April 1841. 

» 

„— Der Eindruck, welchen das R i n g s e i s'sche Buch auf 
mich machte, war ein sehr unangenehmer; nicht weil Rings eis 
sonderliche Schwächen Schonlei n's aufgedeckt, oder das ganze 
Gebäude desselben, wie er will, über den Haufen geworfen hätte» 
sondern weil ich über dem Buche meinen bisherigen Glauben an 
die bona fides des Hrn. Geheimeraths zu München aufgeben 
mufste, und weil es mich schmerzt, Schönlein nach dem Et- 
lingerschen Nachdruck beurtheilt zu sehen. Ringseis und 

17 *■ 



I 



248 Siebert 

Seh 5 nie In sind so heterogene Individualitäten, und gehen von 
so verschiedenen Standpunkten aus, dafs ein Conflikt erklärlich 
ist; allein wenn der fromme Mann immer die Gottlosigkeit dort 
wittert» wo nicht von Gott die Rede ist , wenn er Sachen, die auf 
platter Hand liegen, falsch deutet, z.B. Schönleins Abtbei- 
lung in Morphen, Hämatosen und Neurosen als nach den Gewe- 
ben betrachtet, während sie doch Störungen des Blutlebens, 
Nervenlebens und der Form bezeichnet; wenn er sich dumm ge- 
nug stellt, zu fragen, weshalb Schön lein die Encephalitis nicht 
au den Neurosen rechne, wenn er (was weder SchÖnlein noch 
der Nachdruck thut) die Syphiliden im Prospektiv der Schön- 
te in sehen Glassifikation unter die Nervenkrankheiten reiht, sei- 
nen Tadel auf Druckfehler basirt u. s. w. , so kämpft er mit Waf- 
fen, die ihm der Jesuitismus vergiftete, und es hat allen Anschein, 
dafs er nur deshalb so über Schönlein herfällt, um zu recht- 
fertigen - . 

In Betreff der Authentität des Nachdrucks kann ich Dir Eini- 
ges mittheilen, was Du vielleicht nicht weifst. Die Studenten 

R,.. und G (keine Schüler Schönleins, sondern 1831 

im ersten Semester zu Würzburg) unternahmen, um das Heft nicht 
sehreiben zu müssen , den Abdruck in 100 Exemplaren für Studen- 
ten auf Subscription ä 7 fl., nach Heften, die sie von den verschie- 
densten Commilitonen (namentlich K., H* u. A.), und aus den ver- 
schiedensten Zeiten stammend, entliehen. Schönlein inhibirte, 
sobald er es (durch mich) erfuhr, den Druck, und drohte mit Klage. 
Der Student R... versprach, ihn nach 25 Bogen einzustellen, 
.schichte aber den Rest des Manuskripts nach Erlangen , Bamberg 
und Nürnberg, und nach wenigen Wochqp verliefs die Schmiererei 
die Presse, und wurde an die 100 Studenten vertheilt; allein R. . . 
und G ...... . reisten ab. E 1 1 i a g e r verschaffte sich einen der er- 
sten Abdrücke und druckte ihn (2te Auflage) nach; an eineCorrek- 
tur durch einen Mediciner war nicht zu denken. S c h ö n I e i n's 
Prozefe mit Etlinger begann. Die 3te und 4 te Auflage sind Ab- 
drücke der früheren, nur Druckfehler sind theilweise corrigirt. 

Was ein solchergestalt entstandenes Opus enthalten könne, 
wissen wir aHe, die wir die Schwierigkeit kennen, mit der Schön- 



t. Rings eis. 249 

lein'* Vortrag nachzuschreiheil ist. Insbesondere mufs die all- 
gemeine Pathologie, auf welche Rings eis sich vorzüglich pi- 
q'uirt zeigt, durchaus desavouirt werden. Es ist ja einleuchtend, 
dafs sie (fast nur von Entzündung handelnd) mit der speziellen 
im Widerspruche steht S ch o n i e i n hat meines Wissens seit 
1822 nicht mehr allgemeine Pathologie gelesen, nnd jedenfalls 
stammte das Gedruckte aus früherer Zeit, als meine Studien ge- 
hen, ans Schönlein's erster Zeit, in welcher er noch zu den 
Antiphlogistikern hinneigte/ 1 — - < 

Dem jüngst in Leipzig bei Brockhaus erschienenen Buche 
von Georg Friedrich Most u. s* w. in Rostock („ Ueber 
alte und neue medicinische Lehrsysteme im Allgemeinen, und über 
Dr. J. L. Schönlein's neustes natürliches System der Medicin 
losbesondere") wurde leider auch ein solcher Nachdruck zu 
Grunde gelegt, obgleich Most glimpflicher und unparteiischer 
▼erfahrt; auch ergab sich die vergebliche Mühe, Schönlein's 
allgemeine Pathologie kritisch zu beleuchten. 

Wer S c h 5 n 1 e i n's Lehren kennen lernen will, der besuche 
seine Klinik in Berlin. Dort findet man eine Schule, weil des 
Schülern das Material vorgezeigt, und der Mechanismus des 
Bauens erklärt wird ; sie haben dann freilich kein abgeschlossenes 
starres Werk zu bewundern, von dem man nicht weifs, wie es 
erstand ; aber sie gehen hin, und wissen nun , wie sie es anfan- 
gen sollen, um in der Wissenschaft sich den richtigen Weg, Frei- 
heit und Selbstständigkeit zu sichern. Ringsei s' System kann 
man anstaunen, aber man mufs sich daran erinnern, was Herzog 
Heinrich der Reiche von seinen Ingolstädter Gelehrten sagte: 
„Was sie mit alten Weibern ausheckten, oder Nachts träumten, 
schreiben sie nieder — sie sind nur nicht zu gutem Rathe da; 
am Besten, man verbrannte alte ihre Schriften auf einem Haufen ;" 
oder man ruft mit Shakespeare aus : „Also treiben wir Possen 
mit der Zeit , und die Geister der Weisen sitzen in den Wolken 
und spotten unser;** oder mit Goethe: „ — Wer etwas leisten 
will, mufs sich beschränken." 

Wer sich vor dem Einflufs des Teufels fürchtet, dem rathe 
ich, des Lebens goldnen Baum tücht grün und die Theorie nicht 



250 Siebert. 

grau zu nennen, denn das erklärt v. Ringaeis S.55S fflr Worte 
des Teufels. Das helfet mit andern Worten: er heiligt die Theo- 
rie als ein Resultat der intuitiven, und verdammt die Praxis 
als das der diskursiven Erkenntnifs; aber den Theoretikern 
mangelt die letztere» wohingegen den Praktikern beide Wege of- 
fen stehen. Die besten Schüler Schönleins gingen wieder 
ihren eigenen Weg; sie bauten theils auf seine Schultern, theils 
verfolgten sie die eine oder die andere bereits von ihrik angedeu- 
tete Bahn ; aber in der Hauptsache, wie man die Natur beobach- 
ten, erforschen, erfassen, wie man ihre Gesetze würdigen müsse, 
darin blieben sie Alle Schönleinianer. Sollten sich Schüler von 
Rings eis geltend machen, so werden sie über den Zauberkreis 
der Dreipersonlichkeit Gottes , des Sündenfalls , des Schlangen- 
samens und der pseudoplastischen Schmarotzerei nicht hinaus 
können , ohne Verräther an ihrem Herrn und Meister zu werden. 
Das macht aber, weil Rings eis ein starres System verfer- 
tigt, und Schonlein eine bildende Schule gegründet hat; 
das eine ist für ein stilles, geheimes Bibliothekenfach, die andere 
für das laute, offene Leben. 

Aber es ist Recht so, diese Repristination des symbolischen 
Ultra -Orthodoxismus mufste kommen, ein strenger Offenbarungs- 
gläubiger mufste mit hierarchischen Gespenstern in die Medicin 
hinein fahren, um recht lebhafteif Ekel zu erregen, damit der Sauer- 
teig des Autoritätsglaubens Einmal den freien Boden der 
Naturforschung ganz und gar verlasse. 

Es mufs auch solche Käuze geben ! — 



VI. 

Ueber Scrofelsucht und ihre Behandlung, hauptsächlich 
durch den Leberthran und zweckmäfsige Diät. 

Von Dr. C. Rösch« 

(ForUetsung der im vorigen Hefte abgebrochenen Abhandlung). 



IL 

▼ V enn die Scrofelsucht ein allgemeines, constitutionefles, haupt- 
sächlich in den Säften begründetes Leiden ist , so läfst sich Hei- 
lung derselben nur von einer solchen Behandlung erwarten, welche 
Umänderung und Verbesserung der ganzen Organisation , der Ge- 
sammteonstitution, der Säftemasse zum Zweck und zur Folge hat. 
Und diese hohe Aufgabe ist um so schwieriger zu lösen, je mehr 
einer Seits die Anlage zu der Sucht scjfon rm Keime liegt, und 
je weniger vollständig anderer Seits die mancherlei Bedingungen 
der Heilung in den äufsern Verhältnissen so vieler Kranken gege- 
ben sind. Es handelt sich darum, der Organisation den ihrer 
Idee nicht angemessenen, mehr pflanzlichen Charakter, wie der 
der Scrofelsucht eigenthümlich ist, zu benehmen, und sie zum 
rein animalen Charakter, wie der dem kindlichen Leben entspricht, 
zurückzuführen. Diesen Zweck zu erreichen, mufs die ganze As- 
similation von Grund aus verbessert, mufs zunächst die Verdauung 
als die Grundlage der Assimilation , die in der Scrofelsucht nie- 
mals so ist, wie sie sein soll , geordnet werden. Regulirung der 
Verdauung ist die erste Indication zur Heilung der Scrofelsucht 
in allen ihren Formen. Die hierzu einzuschlagenden Wege aber 
sind folgende; a) Man wirkt der Art der krankhaften Verdauung, 



252 Rösch. 

ihren Produkten und ihren unmittelbaren Folgen in Beziehung auf 
die Se- und Excretion des Verdauungskanals direct entgegen. 
b) Man regt die Vitalität der Verdauungsorgane an , und bewirkt 
dadurch, dafs sie das ihnen Dargebotene so zubereiten und ver- 
arbeiten, wie es dem Bedürfnifs des Organismus gerade angemes- 
sen ist c) Man bietet den Verdauungsorganen schon solche Nah- 
rungsstoffe dar, welche nicht nur überhaupt leichter verdaut wer- 
den, sondern durch ihre Beschaffenheit insbesondere der Art der 
Verdauungsstörung in der Scrofelsucht entsprechen. 

A. Säurebildung in den ersten Wegen ist die Cardiqaler- 
scheinung in allen Scrofelleiden, daher spielten säuretilgende Mit- 
tel von jeher eine grofse Rolle in der Therapie derselben. Je 
nachdem die Säure mehr oder weniger mit Diarrhoe verbunden 
war, wählte man aus nahe liegenden Gründen Magnesia oder koh- 
lensauren Kalk, kohlensaures Kali und Natron oder auch das 
flüchtige Alkali. Zuweilen setzte man diesen Mitteln Rhabarber 
oder ein anderes abführendes Mittel zu, um die Produkte der feh- 
lerhaften Verdauung zu entfernen, und dadurch die Schleimhaut 
des Darmkanals wieder fähiger zu machen zu besserer und voll- 
ständigerer Verarbeitung der Nahrungsmittel. Fürchtete man eine 
nachtheilige chemische, corrodirende , auflösende Wirkung von 
der Säure, so setzte man den säuretilgenden Mitteln wohl auch 
einhüllende, schleimige Dinge zu , namentlich arabisches Gummi, 
Tragantschleim u. s. w. Glaubte man eiuen entzündlichen Zu- 
stand der Darraschleimbaut annehmen zu müssen , so verordnete 
inan Calomel in kleinen Gaben, mit Magnesia und Schleim. Diese 
Behandlung ist klar eine blofs palliative, denn sie ist nur gegen 
die immer neu erzeugten Producte der Krankheit, nicht gegen letz- 
tere selbst gerichtet, und eben so wenig auf das Leben und die 
Widerstandskraft der zunächst leidenden Organe, der Verdauungs- 
organe, gegründet. Sie leistet daher nur wenig, und kann höchsten« 
als unterstützend betrachtet und angewendet werden. Eine gro- 
ssere , radikale Bedeutung gewinnt jedoch diese Methode da, wo 
die sauren Producte und die durch dieselben bewirkten Gerinnun- 
gen und Concremente, Stockungen geronnener Lymphe in denDrü- 



Scrofulosis. 253 

sen des Mesenteriums, und Anschwellungen dieser Drusen, krank- 
hafte Vermehrung der SKure in den Urhiwegen, Sand und kleine 
Steine , die in der Regel aus Harnsäure mit harnsaurem Ammo- 
nium und kleesaurem Kalk bestehen , nach getilgter Krankheit als 
Reste fortbestehen , welche aufgelöst nnd entfernt werden müs- 
sen. Hierzu, zur Auflösung sowohl innerer Drüsenanschwellungen 
als von Harnconcrementen, sind die auflöslichen kohlensauren Al- 
kalien, Kali und Natron, besonders letzteres als das mildere, ganz 
besonders geeignet. Neben ihnen können auch pflanzensaure Al- 
kalien, Obst (gekocht), angewendet werden, da sie nach Wüh- 
ler im Urin kohlensauer wieder erscheinen. 

B. Zur Anregung der Vitalität der Verdauungsorgane und 
Herstellung ihrer gesunden Energie, vermöge welcher sie im 
Stande sind, die ihnen dargebotenen Nahrungsmittel gehörig zu 
verarbeiten, sind die sogenannten Nervina und Tonica benützt wor- 
den. Zu den ersteren gehören die ätherischen Oele, Chamille, 
Anis und dessen Verbindung mit Ammonium, in der That ein sehr 
wirksames Mittel gegen Säure mit Blähungen , Krämpfen und Ko- 
lik verbunden , Kümmel , Pfeffermünz ; ferner Wein. Der Wein 
geht in einem Magen, der nicht gut verdaut, sehr leicht in Säure 
über, und taugt daher im Allgemeinen in der Scrofelsucht nicht, 
um so weniger, je jünger die Kinder und je ausgeprägter die Zei- 
chen von Säure sind. Bei bedeutender Schlaffheit und Trägheit 
jedoch, mit geringerer Säurebildung uud Abwesenheit nachhaltige- 
rer Blutaufregung pafst wohl vorübergehend und in kleiner Gabe 
ein starker bitterer Wein (Madeira). Malaga, so wie man ihn ge- 
wöhnlich bei uns hat, und selbst ächter, taugt nicht, eben so 
wenig unsere, bei alier Güte, für das zarte Alter zu sauren Land- 
weine. Schwächlichen scrofulösen Kindern, die über ein Jahr alt 
sind, mag man zuweilen etwas Weniges von gewöhnlichem gutem 
Landwein geben, wenn sie, wie dies manchmal der Fall, beson- 
ders begierig darnach sind. Für unumgänglich nöthig halte ich 
jedoch dies nicht ; auch scrofulöse Kinder brauchen keinen Wein, 
in etwas gröberer Quantität schadet er ihnen immer, und um so 
mehr, je gröfser die Reizbarkeit des Blut- uud Nervensystems 
solcher Kinder ist Die mit den torpiden Scrofeln Behafteten er- 



254 Rösch. 

tragen den Wein am besten , und man möchte ihnen solchen' wohl 
Öfters verordnen» wenn nicht gerade sie gewöhnlich unter Ver- 
hältnissen lebten, welche eine- Diät, in welcher Wein eine Rolle 
spielt, nicht gestatten. 

Von besonderer Wirksamkeit, hauptsächlich gegen Blenno- 
rrhoe und gegen Koochenleiden scrofutöser Art sind die flüchtigen 
Hanse befunden worden, insbesondere die Asa foetida, die Myr- 
rhe, zum innerlichen und äufserlichen Gebrauch. Gegen Paedar- 
ikrocace hatte die Ata foetida lange den Ruhm beinahe eines 
Specificum; ich kann aus eigener Erfahrung hierüber nichts 
sagen. 

DenUebergang von den flüchtigen, excitirenden zu den fixen, 
bittern, tonischen machen die aromatisch - bittern Mittel, deren 
Repräsentant der Calmus ist Unter den bittern hat sich die Och* 
sengalle den meisten Ruf erworben. Die Chinapräparate, na- 
mentlich das kalte Extract und die Alkaloidsalze finden ihre Indi- 
cation in bereits bedeutend vorgeschrittenem Marasmus Scrofutö- 
ser, so wie in jenen lymphatischen Eiterungen, welche ältere 
Kinder und Erwachsene, die den Keim der Scrofelsucht in sich 
tragen, befallen. 

Das Eisen, ohne Zweifel eins der wirksamsten Mittel, die 
Blutbereitung und die Verwandlung des weifsen Blutes in rothes 
zu unterstützen, paust vorzüglich theils in denen seltenen Fällen, 
in welchen die scrotulOse Kachexie schon in der Kindheit die Ge- 
stalt der Chlorose annimmt, wovon mir ein im zweiten Theile mei- 
ner „Untersuchungen 11 erzähltes Beispiel vorgekommen ist, theils 
da, wo die Schleimhaut des Dannkanals, insbesondere das Drü- 
sensystem, in der Art erkrankt, dafs anhaltend serös -schleimige 
und saure Flüssigkeit im Ueberflufs aus - und abgesondert wird, 
die Schleimhaut sich lockert, erweicht, verdünnt und erodirt wird. 
Hierher gehört die Magenerweichung. Ich habe in dem schon 
angefahrten zweiten Theile meiner „Untersuchungen die Krank- 
heit eines halbjährigen Knaben geschildert, welche ganz entschie- 
den auf Magenerweichung losging. Ich gab salzsaures Eisen, 
und die befürchtete, und wohl nahe bevorstehende todtliche Er- 
weichung trat nicht ein. Der Knabe ist jetzt 5 Jahre alt und ge* 



Scrofulosis. 255 

«und. Einen ähnlichen Fall von einem jjährigen Knaben, der un- 
ter Anwendung von salzsaurem Eisen mit* 1 bis 2 Tropfen Lauda- 
num auf 24 Stünden genas, habe ich im medicinischen Correspon- 
denzblatt des Würtemb. ärztlichen Vereins 1840 No. 2. erzählt 
Dieser Knabe bekam später Achores; ich gab ihm den Leber- 
thran innerlich, und liefe mit demselben auch den Kopf einreiben. 
Die Achores verschwanden, bald darnach starb das Kind schnell, 
ohne dafs ich es nochmals sah. An demselben Orte habe ich 
den Fall eines J Jahr alten Knaben erwähnt, welcher unter Diar- 
rhoe und Erbreehetr mit Schlaffheit des ganzen Körpers und ra- 
schem Verfall starb, in welchem ich mich verleiten liefe, einige 
Dosen Calomel, gr. £ pro dosi, gewife unzweckmäfeig, zu rei- 
chen» Ganz kürzlich , während der hier herrschenden Epidemie 
von gastrisch -nervösem Fieber und vielleicht unter deren Einflufe 
beobachtete ich folgenden Fall : Ein halbjähriger Knabe war etwa 
3 Wochen krank, als ich zu* ihm gerufen wurde. Die Mutter er* 
zählte mir, dafs derselbe während der ganzen Dauer der Krank- 
heit schleimige, wäfsrige Diarrhoe habe, beinahe alles Genos- 
sene, namentlich Milch, erbreche, vielen Durst habe, früher viel 
geschrieen und gewimmert habe , seit einigen Tagen aber fest ru- 
hig daliege, nur von Zeit zu Zeit leise und heiser wimmere, und, 
wie der Augenschein lehrte, sehr abgemagert sey. Das Kind 
lag apathisch und verfallen da, der Mund und die Zunge trocken, 
letztere nach hinten mit gelblichem trockenem Schleim belegt, 
matte Augen, die oft verdreht werden, Bauch nicht aufgetrieben, 
Haut schmutzig, leblos, runzlich, die Oeffnung ist wenig copios, 
schleimig, von gelbbräunlicher Farbe. Ich verordnete salzsaures 
Eisen zuerst mit Laudanum, dann allein Fleischbrühe ohne Fett 
Zuckerwasser. Das Erbrechen hörte auf, nur noch einmal kehrte 
es zurüde, als die Mutter dem Kinde gegen Vorschrift etwas 
Milch einflöfete. Auch die Diarrhoe wurde beschränkt, 4ie Oeff» 
nung schwarz gefärbt. Am vierten Tage vom Eintritt der Behand- 
lung an starb das Kind, allmählig auslöschend wie ein Licht 
Section : Eröffnung des Unterleibes. Sämmtliche Gedärme «ehr 
stark von Luft aufgetrieben , der Blindsack des Magens bekam, 
kaum angerührt, ein Loch, derselbe war von innen heraus im 



256 Rösch. 

Umfange etwa eines Vierundzwanzigkreuzeretückes io eine Sülze 
aufgelost» am Rande allmählig in die festere Wandung überge- 
bend, deren Consistenz und übrige Beschaffenheit von der nor- 
malen wenig abw'ch, nur zeigte sich die Schleimhaut hin und 
wieder gestreift geröthet, am meisten gegen den Rand der sulzi- 
gen Stelle hin« Das Duodenum zeigt keine Abnormität Die 
Schleimhaut des ganzen Dünndarms, schon hoch oben im Jeju- 
num, abwärts zunehmend, hat eine Menge von kreisrunden ein- 
fachen Erosionen , ohne Rothe , Geschwulst oder irgend eine be- 
sondere Veränderung im Umfang; die rundlichen und langen 
Drüsenstellen stehen markirt hervor, und haben eben solche Ero- 
sionen der Schleimhaut, die theilweise in einander übergehen, 
am Meisten unmittelbar am Coecum und im Processus vermiformis* 
Hin und wieder befinden sich durch den ganzen Dünndarm <*urch 
rothe oder braunrothe injicirte Stellen, aber nicht vorzüglich an 
solchen Stellen, wo die Erosionen stärker und häufiger sind; das 
Mesenterium blafs, einzelne Drüsen vergrofsert, blafs, nicht ent- 
artet. In der Schleimhaut des Dickdarms bis gegen das Rectum 
hin, welche da und dort, besonders tiefer unten, baumförmig in- 
jicirt geröthet ist, welche Rüthe sich auch im Weingeist hält, 
befinden sich unendlich viele kleine runde Löcherchen. Durch 
den ganzen Darmkanal hindurch findet sich halbgeronnene, schlei- 
mige, (vom Eisen) scfa warzgrün gefärbte Flüssigkeit, welche 
durchweg sauer reagtrt ; ausnehmend sauer reagirt die Sülze im 
Blindsack. Milz und Leber zeigen keine Abnormität, die Leber 
ist ziemlich blutleer; die Gallenblase, sehr klein, enthält keine 
Spur von Galle, sondern ist mit einem weifsen dicklichen Schleim 
erfüllt, die Schleimhaut verdickt. Die Nieren enthalten wenig Blut, 
sind dagegen erfüllt mit feinem gelbem Sande, die Blase enthält ein 
gelbes Korn von der Gröfse eines Hanfisamenkorns. — Eröffnung 
der Brust: Es findet sich weder in den Lungen, noch im Herzen 
eine Abnormität, die Herzvorhöfe enthalten ein wenig schwarzes 
halbgeronnenes Blut mit Luftbläschen. Die Kopfliöhle wurde 
nicht eröffnet. Die Section wurde 20 Standen nach dem Tode 
gemacht. Die Fäulnifs war schon sichtbar , die Bauchhaut grün- 
lich. — Sehr bemerkenswert!! und bezeichnend ist die Säurung 



Scrofulosis. 25? 

durch den ganzen Darmkanal und das gänzliche Fehlen der Galle, 
welche den sauren Schleim hätte neutralisiren können ,. ferner die 
Ausscheidung von Säure im Ueberschufs noch in den Nieren (Harn- 
säure) , die vollständige gallertartige Erweichung und Auflosung 
des Blindsacks des Magens, die Anschwellung der Drüsen im 
Dünndarm , die Erosionen der Schleimhaut durch den ganzen 
Darmkanal, und hin und wieder die Injection, als Zeichen schwa- 
cher Reaction gegen den langsam zerstörenden Krankheitsprocefs. 
Die Luft in dem Blute gehört wohl der bereits begonnenen Fäul- 
nifs an. 

Die Mittel dieser Kategorie beschränken ihre Wirkung nicht 
auf das Verdauungssystem, sie erregen nicht nur den Darmkanal 
mit seinen Anhängen , sondern sie erregen von hier aus das ganze 
Blutsystera , denn sie wirken nur, wenn sie verdaut werden, wenn 
sie in die Säftemasse übergehen. Dies gilt am meisten von der 
China und von dem Eisen , offenbar den wirksamsten der hierher 
gehörigen Mittel. Liefsen sich die Lebensverrichtungen, hier 
die Verdauung und Blutbereitung , nur so nach Belieben determi« 
niren und steigern, so hätten wir an den aufgeführten Mitteln 
übrig genug , die Scrofelsucht von Grund aus zu heilen , allein be- 
kanntlich geht es mit dem „Stärken" nicht so leicht, als man wohl 
schon geglaubt hat, und es geht gar nicht damit, wenn nicht 

C. den Verdauungsorganen zur Verwandlung in Saft und Blut 
solche Stoffe dargeboten werden , welche schon an sich gut zu 
verdauen und dem Bedürfnisse des Organismus in dem besondern 
Falle am angemessensten sind. Die Aerzte sind darüber einver- 
standen , dafs das erste Erfordernifs zur Heilung der Scrofelsucht 
eben so, wie zur Verhütung der Entwickelung des etwa noch 
schlummernden Keimes derselben, eine sorgfältige Auswahl der 
Speisen und Getränke mit der gehörigen Berücksichtigung des Al- 
ters ist; ja Manche sind der Meinung, dafs die Erfüllung dieser 
IndicatSon schon allein zur Heilung der Scrofelsucht ausreiche. 

Muttermilch, gut und reichlich genug gewährt, ist anerkannt 
die beste Nahrung für Kinder bis zum Durchbruch der ersten 
Zähne, und schwächliche, den Keim der Scrofelsucht in sich tra- 
gende und wirklich schon scrofelsüchtige Kinder bedürfen und ver- 



258 Rösch, 

tragen aufser und neben ihr Nichts, wenigstens nichts Solides, 
und am allerwenigsten den beliebten Mehlbrei. Kann die Mutter 
selbst nicht nähren , so ist sie durch eine passende Amme zu er- 
setzen. Dafs viele unserer heutigen „gebildeten" Frauen ihre Kin- 
der nicht selbst nähren wollen oder können , ist leider eine be- 
kannte Sache, und Beispiele, wie das folgende, dürften ziem- 
lieh selten seyn. Die Frau eines Beamten kam zum ersten Male 
nieder , sie hatte Hohlwarzen , und der nicht sehr kräftige Neuge- 
boroe vermochte sie nicht gehörig zu fassen und festzuhalten» 
Man versuchte lange Alles , die Warzen herauszuziehen , man 
setzte künstliche Warzen auf, aber der Kleine wollte oder konnte 
nicht trinken. Ich gab die Hoffnung , ihn zum Saugen zu bringen, 
auf, und ordnete die künstliche Ernährung an. Die Frau aber, 
der es grofsen Kummer machte , ihr Kind nicht selbst nähren zu 
können , liefs sich die Milch durch das Glas aus den Brüsten zie- 
hen, erwärmte sie hernach künstlich wieder und gab sie so dem 
Kinde, dem diese Kost gut bekam; sie that dies in der Hoff* 
nung, das Kind werde, älter und kräftiger geworden, schon noch 
dazu kommen, die Warzen fassen und die Milch selbst ausziehen 
zu lernen. So trieb sie es mehrere Wochen fort und legte in die- 
ser Zeit das Kind versuchsweise an die Brust, und siehe da, in 
der vierten Woche konnte das Kind so weit die Warzen fassen 
und herausziehen, dafs es sich seine Nahrung selbst nehmen 
konnte, zur unendlichen Freude der zärtlichen Mutter, die den 
Zweck mit so unbesiegbarer Beharrlichkeit 1 erreicht; hatte. Sie 
nährte nun das Kind f Jahr lang, dasselbe gedieh und wurde voll 
und stark, wie Kinder, die von gesunden Müttern genährt werden» 
Wo die Umstände die Ernährung des Säuglings durch die 
Mutter oder eine Amme nicht gestatten, da mufs an die Stelle der 
Menschenmilch eine andere, für das zarte Alter passende Nah- 
rung gesetzt werden , und die Auswahl ist um desto sorgfältiger 
zu treffen, je schwächlicher das. Kind ist, je mehr es Anlage zur 
Scrofelsuchf hat, die sich durch schnelle Abmagerung, grofsen 
Bauch, unregelmäfsige, grüne, gehackte Oeffnung, unlebendige, 
schmutzige, runzlige Haut, Ausschläge öfters schon in den er- 
sten Wochen des Lebens kund gibt Dieser Ersatz geschieht 



Scrofulosis. 259 

nun am einfachsten durch die Milch/ anderer S&ugethiere, und der 
Mensch bleibt hierbei, wie Professor G. Jäger in einem Auf* 
satze im medicinischen Correspondenzblatt des Württ. ärztlichen? 
Vereins , 7. Bd. No. 18. „über die künstliche Ernährung der Kin- 
der in dem ersten Lebensalter" sagt» gewissermaßen innerhalb 
der Grenzen der natürlichen , d. h. auch bei manchen Säugetbie- 
ren in Folge des Instinkts gewählten oder gebotenen Nahrung, 
indem z. B. von Katzen junge Hasen oder Ratten gesäugt worden 
sind. Untermischte Kuh - oder auch Ziegenmilch ist dem mensch- 
lichen Säuglinge , wenn er nicht besonders kräftig, zu dick und 
fett , und wird von ihm nicht gut verdaut Wenn man aber diese 
Milch, frisch gemolken, oder, bei noch zarteren Verdauungsor- 
ganen und wirklich schon vorhandenen Zeichen der Scrofelsucht, 
eine Weile gestanden und abgerahmt, mit dem vierten Theile bis 
zur Hälfte Wasser mit etwas Zucker vermischt, so ist sie für die 
ersten Wochen ein ganz zweckmäßiger Ersatz für die Mutter- 
milch und zur Ernährung des Kindes hinreichend. Von der drit- 
ten , vierten Woche an mufs etwas Nährendes gereicht werden. 
Der Brei, selbst von Arrowroot, wird von zarten scrofulösen San- 
dern am wenigsten ertragen. Wenn es gut geht , so erbrechen 
sie ihn wieder, und dies ist besser, als wenn er den langen 
Weg durch den Darmkanal hinab machen mufs , um in Form ge- 
ronnener, saurer, schleimig - eiweifsstofliger Flüssigkeit durch 
den After wegzugehen, nachdem er überall die Verdauung, die 
Bildung und Aufsaugung gesunden Milchsaftes durch die Milchge- 
föfse aus dem Darmkanal gehindert hat. Der Kleister mit der 
dicken Milch geht in saure Gährung über, anstatt verdaut zu wer- 
den. Wie ist nun hier zu helfen ? Wie beugt man durch zweck- 
mäßige Nahrung schon im ersten Lebensalter der Entwicklung der 
Scrofelsucht vor, wie heilt .man mittelst derselben die schon in 
der Entwicklung begriffene? Zur Beantwortung dieser so wichti- 
gen praktischen Frage hat meines Erachtens Professor Jäger in- 
dem schon angeführten Aufsatz einen sehr dankenswerthen Bei- 
trag geliefert. Jäger führt nämlich an, Vauquelin habe ge- 
funden > dafs eine Mischung von Kuhmilch und Fleischbrühe der 
Menschemmlch am ähnlichsten sei, und dafs" die Anwendung 



200 Rösch. 

dieser Mischung zur gewöhnlichen Nahrung die eigene, unter dem 
Namen Mvguet bekannte Art von Atrophie mit Anschwellung 
der Drusen im Unterleib und Schwämmchenbildung viel seltener 
unter den Findelkindern zu Paris gemacht habe, von denen bis- 
her sehr viele ein Opfer dieser Krankheit wurden. Diese Be- 
obachtung veranlagte ihn schon im Jahr 1820 , Kindern , weiche 
keine, oder nicht hinlängliche Muttermilch bekommen, in den er- 
sten 8 — 12 Tagen frischgemolkene Kuhmilch mit £— £ Wasser 
vermischt zu reichen, dann 10 — 14 Tage lang reine Kuhmilch 
(Ref. gibt diese immer mit £ bis £ Wasser und etwas Zucker ver- 
mischt) , hierauf bis zur 8ten oder 9ten Woche Kuhmilch mit un- 
gesalzener , vom Fett befreiter Fleischbrühe (2 Loth Fleisch zu 
\ Schoppen Brühe) , zuerst zum vierten , dann zum dritten Theil, 
sodann bis zum 8ten Monat läfst er den Kindern gewöhnliche 
Fleiscbbrühsuppen und die unvermischte Milch geben. Die Kin- 
der werden von dieser Nahrung, wie Jäger beobachtet hat, 
nicht so voll , wie die durch Milch und Mehl ernährten , aber sie 
werden kräftiger und kommen eher auf die Beine (schon weil sie 
eine geringere Last zu tragen haben) , sie werden seltener von 
sporadischen Krankheiten befallen, und insbesondere scheinen 
sich bei ihnen viel weniger scrofuluse Symptome, 
auch bei erblicher Geneigtheit, zu entwickeln. In 
einigen Fällen von sehr weit gediehener Atrophie mit Aphthen 
fand Jäger in der Ernährung mit kräftiger Fleischbrühe und ei- 
nem Zusatz von Malaga zu derselben (neben China und salzsau- 
rem Eisen) das Haupthülfsmittel , das zugleich den Uebergang zu 
der angegebenen Art der Ernährung machte, welche bis über das 
erste Jahr hinaus fortgesetzt wurde. Nur in einigen Fällen schien 
dem Verfasser die Beibehaltung dieser Nahrungsweise Trägheit 
des Stuhls und entzündliche Congestionen zu begünstigen. Al- 
lein dies wird wohl ein Weniges seyn. Sind es Phlogosen, von 
denen die Kinder zufallig befallen werden, so sind schon, wie 
Jäger richtig bemerkt, die theil weise Entziehung der Fleisch- 
brühe und der Milch , und Verdünnung der letzteren mit Wasser 
die einfachsten antiphlogistischen Mittel. Wenn abei Stasen mit 
Phlogose confundirt werden wollten» so werden von solchen eben 



Scrofnlosis. 261 

kachekti&che, scrofulose Kinder viel eher befallen, als kräftige, 
gut genährte , und diese Stasen müssen nicht antiphlogistisch be- 
handelt werden , sie verschlimmern sich durch Entziehung , und 
werden vielmehr verhütet und geheilt durch dieselbe leichtverdau- 
liche animalische, säfteverbessernde, kräftigende Nahrungs weise. 
Der Eichelkaffee , mit Sorgfalt bereitet, eins der ausgezeichnet* 
sten Mittel gegen Scrofelsucht mit bedeutender Atome der Faser, 
Schlaffheit, Auflockerung und drohender Erweichung der Schleim- 
haut des Mahrungskanals und daher rührendem Schleimflusse, 
wird gewifs oft neben der Jäger' sehen Ernährungsart mit Vor- 
theil angewendet. Er macht den Uebergang von den unter B an- 
geführten excitirenden und tonisirenden Mitteln zu den Nahrungs- 
mitteln. 

Aeltere Kinder , bei denen sich die Zeichen der Scrofelsucht 
offenbaren, bedürfen allerdings gemischter, doch mehr animali- 
scher Nahrung als gesunde Kinder, welche die fatale Anläge zu 
dieser Sucht nyiht haben. Fleischbrühe, Suppen mit Fleisch- 
brühe , mit Fleischbrühe ganz weich gekochte , breiartig zuberei- 
tete frische Gemüse, Kartoffeln mit Fleischbrühe, gut ausge- 
foackenes Weifsbrod, Milch, gekocht oder auch geronnen, zu- 
weilen gekochtes Obst, nicht viel auf einmal, nicht Alles durch 
einander, Alles zur bestimmten Zeit, .so mufs die Ernährungsart 
scrofuloser Kinder, die das erste Lebensalter hinter sich haben, 
beschaffen seyn. Der Eichelkaffee bekömmt auch in diesem Alter 
noch recht gut. Die Kartoffeln sind mit Unrecht angeklagt wor- 
den, und wir können den Verfasser des Democritus wiedicus 
nicht tadeln, wenn er die Meinung, als haben sie an der 
jetzigen Verbreitung der Scrofelsucht einen namhaften Antheil, 
persifflirt Die Kartoffeln sind eine treffliche Nahrung für Kin- 
der, die das erste Lebensjahr zurückgelegt haben, mit und neben 
Fleischbrühe selbst für solche Kinder, die bereits an der Sero- 
feisucht leiden. Wäre nur der Brei, von dem unsere Mütter, 
hoch und nieder , so schwer abzubringen sind , so unschuldig wie 
die Kartoffeln , denen so unzählige Arme , Kinder und Alte, ihr 
Leben urid, man darf dies ohne Anstand behaupten, ihre gut« 
Gesundheit verdanken. Freilich lauter Kartoffeln taugt nicht, 

18 



202 Rösch. 

eine solche Nahrung wäre zu massig» zu reizlos, und möchte 
die Ausbildung torpider Scrofeln begünstigen. Eine zu reizende 
Nahrung indessen , zu viel Fleisch , Kaffee , Wein taugt eben so 
wenig, und begünstigt die reizbaren Scrofeln. Zwischen den Ex- 
tremen durch geht die goldene Mittelstrafse, nicht das Justo 
milieu, welches nach dem Begriffe, den man neuerdings damit 
verbünden bat, die Mitte ist zwischen Wahrheit und Unwahrheit, 
wenn eine solche möglich wäre. 

Ob Kindern, namentlich scrofulösen, Fett zuträglich sei? 
Die Leser erinnern sich der interessanten Arbeit Baur's im zwei- 

« 

ten Hefte des Archivs, durch welche bewiesen wird, dafs Oei- 
Einreibungen gegen verschiedene Formen der Scrofelsucht heilsam 
.sind. Baur setzt diese Wirksamkeit des Oels gegen Scrofel- 
sucht scharfsinnig in Beziehung zu Ascherson's Beobachtung 
der in den Primitivzellen der thierischen Organisation enthaltenen 
Oeltropfchen , und nimmt an , dafs das in die Haut eingeriebene 
Oer aufgesogen , in die Circulation aufgenommen und assimilirt 
werde, und auf diese Weise unmittelbar die Ernährung fördere. 
Die von Baur erwähnten überraschenden Heilungen lassen ohne 
Zweifel diese Erklärung zu , viel beweisender für dieselbe aber 
wäre die innerliche Darreichung des Oels oder Fetts gewesen. 
Es ist wohl zu bemerken, dafs sehr jungen, und besonders 
schwächlichen, scrofelsüchtigen Kindern Fett, in welcher Form 
es ihnen auch dargeboten wird, nicht gut bekommt; die Verdau- 
ung wird durch dasselbe noch mehr gestört, und die Säurung be- 
fördert, was man nicht erwarten sollte , wenn man blofs vom che- 
mischen Standpunkte ausgeht. Kinder, die über ein halbes Jahr 
alt sind, vertragen Fett schon viel besser, wenn man nur darauf 
hält, dafs sie mit und neben dem Fette nichts Saures bekommen. 
Meine Bauerweiber halten die Kinder für schön , wenn sie recht 
feist' sind und ein breites Gesicht haben. Dieser Stolz wird er- 
reicht durch den schmalzreichen Brei, den die Kleinen vom 
ersten Athemzuge an bekommen, und der den meisten Kjndern 
nur in den ersten 4—6 Monaten schlecht bekommt , so dafs in 
diesem Alter wohl manche damit zu Tode gefuttert werden , spä- 
ter aber um so besser anschlägt. Freilich ist die auf diese Art 



Scrofulosis. 263 

erzielte Dickleibigkeit nicht immer mit gesunder Kraft und Straffheit 
verbunden. Rundung und Straffheit der Faser zugleich wird erreicht, 
wenn nach zurückgelegtem erstem Halbjahr Fleischbrühe mit dem 
Fett (und der Milch) verbunden gereicht wird. Vom zweiten Jahre an 
und selbst noch früher verzehren unsere Bauernkinder mit grofsem 
Behagen Speck, roh und gekocht , das summum bonwn der Alten, 
und er bekommt ihnen gut, denn sie sind wohlgenährt und derb 
und rothwangig dabei. Ueberhaupt bekommt unsern Landleuten, 
Alt und Jung, der reichliche Genufs von Fett (in unserer Volks- 
sprache „Schmolz"), Rindschmalz und vorzüglich Schweinefett, 
Speck , geräuchert und roh oder gekocht , zu der übrigen rauhen 
Kost ganz vortrefflich. Unsere jungen Leute beiderlei Ge- 
schlechts sind sehr wohlgenährt, stark, robust, meist blühend, 
und vielleicht hat eben dieser Speck Antheil an der erfreulichen 
Erfahrung, die ich während meiner nun zwölfjährigen Praxis hier 
gemacht habe : dafs , so häufig die Scrofeln in allen Formen hier 
sind, so viele Kinder im ersten Lebensjahr an scrofulöser Atro- 
phie (und „Gichtern") zu Grunde gehen, so selten verhältnifsmä- 
fsig die doch gewifs als eine Tochter der Scrofelsucht zu betrach- 
tende tuberkulöse Lungenschwindsucht beobachtet wird. Haben 
die Söhne und Töchter unseres Landvolks , besonders der Wohl- 
habenderen unter demselben , nur erst die Kindheit mit dem gro- 
fsen Bauche, den angeschwollenen Drüsen, dem bösen Kopfe 
u. s. w. hinter sich, so gehen sie auf. wie die Dampfnudeln, sie 
werden dick und stark , sie verdauen und athmen vortrefflich, und 
die Lungenschwindsucht kann ihnen nicht beikommen. Sie rei- 
ben den Magen mit Speck ein. 

Will man die Scrofelsucht gründlich heilen , so darf man we- 
der die chemisch neutralisirendq , noch die reizende und tonisi- 
rende, noch die unmittelbar nährende Einwirkung vernachlässigen, 
und also verdienen diejenigen Methoden und Mittel den Vorzug, 
welche die genannten Rücksichten möglichst zweckmäfsig in sich 
vereinigen. Ein solches Mittel ist nach meiner Ansicht der Ber- 
ger Leberthran , dessen ausgezeichnete Wirksamkeit gegen die 
Scrofelsucht in allen Formen den Erfahrungen vieler tüchtigen 
Aerzte, so wie meinen eigenen zahlreichen Beobachtungen seit 

18* 



2Ö4 Rösch. 

10 Jahren zu Folge in der Art feststeht« dafs die entgegenstehen- 
den Behauptungen einiger übrigens höchst ausgezeichneten Auto- 
ren dieselbe nicht mehr in Frage stellen. Ich verordne den Le- 
berthran zum innerlichen Gebrauche seit einer Reihe von Jahren 
immer rein, d. h. ohne allen Beisatz, zu 3 — 4 halben oder gan- 
zen, selbst zwei Efslöffeln voll (je nach dem Alter, der Hart- 
näckigkeit des Uebels u. s. w.) täglich. Früher verschrieb ich 
den dunkelbraunen trüben , seit einigen Jahren verordne ich den 
hellen, gelbrotben, rein thranig (nicht brenzlich) schmeckenden 
Thran. Die letztere Sorte wird mit weniger Ekel genommen , er- 
regt auch weniger starkes Aufstofsen und scheint leichter verdaut 
su werden ; sonst habe icb in der Wirkung beider Sorten keine 
Verschiedenheit wahrgenommen. In den ersten Tagen des Ge- 
brauchs vermindert sich häufig der Appetit, besonders bei Er- 
wachsenen , welche das Mittel aueh mit viel mehr Widerwillen 
nehmen , als Kinder ; später wird der Appetit vermehrt und die 
Verdauung verbessert. Der Stuhlgang wird regulirt, wo Ver- 
stopfung oder schleimig - wäfsrige Diarrhoe vorhanden war; der 
Thran ist in den Stühlen nicht mehr zu erkennen. Selten tritt bei 
fortgesetztem Gebrauch Diarrhoe ein, und der Thran geht halb- 
verdaut wieder weg. Er hört in diesem Falle auf, wohlthätig zu 
wirken , und ich habe ihn in diesen seltenen Fällen immer für 
einige Zeit ausgesetzt, später wieder gegeben und fortgegeben, 
wenn er besser vertragen wurde. Der Urin wird nicht wesentlich 
verändert unter dem Gebrauche des Lebertbrans, insbesondere 
sah ich keine Tropfen von Fett oder Harz auf demselben ; hinge- 
gen verliert sich das molkenartige und milchige Ansehen, welches 
der Urin der Scrofulosen oft hat. Häufig wird die Hautausdun- 
stung ganz entschieden vermehrt, und die Haut riecht nach Thran. 
Ich sah öfters bedeutende Schweifse und einen papulosen fr i esel- 
ähnlichen Ausschlag oder auch wirkliebe scrofulöse Ausschläge, 
Achores, unter dem fortgesetzten Gebrauche des Thrans ausbre- 
chen oder wieder ausbrechen. Kinder unter einem halben Jahr 
vertragen den Thran selten gut, er scheint die Verdauung viel- 
mehr zu stören , wenn er nicht in sehr kleiner Gabe gereicht wird. 
Sein Gebrauch mufe Wochen ■, Monate, Vierteljahre fortgesetzt 



Scrofulosis. 285 

werden , wenn der Erfolg bedeutend und dauernd seyn soll. Die 
aufsere Anwendung unterstützt die innere ; für sich allein scheint 
sie nicht auszureichen zur Heilung der Scrofelsucht, worüber ich 
jedoch noch keine ausgedehnten Erfahrungen besitze. Mit einem 
bedeutenden und auhaltenden Reizzustande des Blutsystems im 
Ganzen (Fieber) und örtlich (Entzündung, Stase), insbesondere 
mit einer derartigen Irritation der Magenschleimhaut verträgt sich 
der Thran nicht. Aus diesem Grunde bekommt er auch Lungen- 
schwindsüchtigen in vorgerückteren Stadien schlecht, wovon ich 
mich mehrmals zu überzeugen Gelegenheit hatte. Hingegen wirkt 
er im Beginne der Phthisis, nach den Beobachtungen einiger 
Aerzte , vorzüglich des Herausgebers dieses Archivs, vortrefflich ; 
eigene Beobachtungen hierüber stehen mir nicht zu Gebote. In- 
dem ich mich auf meinen in der Versammlung des Württembergi- 
schen ärztlichen Vereins zu Stuttgart im Mai 1840 von Dr. A. 
Riecke in meinem Namen vorgetragenen Aufsatz beziehe (Med. 
Corresp. - Blatt des Württ. ärztl. Vereins 1840. No. 16.), be- 
merke ich nur, dafs ich auch während des verflossenen Jahres 
den Leberthran häufig gegen allerlei Formen der Scrofelsucbt mit 
dem erwünschtesten Erfolge angewendet habe. Ohne den Leser 
mit langen Krankengeschichten und Auszügen aus meinem Tage- 
buche aufzuhalten , erzähle ich nur kurz folgende gewiss merkwür- 
dige Heilung. 

Der neunjährige, seither gesunde. Sohn meines Schwagers» 
des Pfarrers L. in H bekam im Spätherbst J837 ohne äufsere 
Veranlassung eine kleine, halb elastisch sich anfühlende, un- 
schmerzhafte Anschwellung , ohne Rüthe der Haut, ohne Span* 
nung, ohne Härte. Der Knabe sah blafs aus, war übrigens mun- 
ter, afs und trank, und schlief wie sonst. Einige Monate dar« 
nach fing er an, ein wenig zu hinken, die Geschwulst war gröfser 
geworden, fluctuirte imbedeutend und schmerzte beim Druck, 
aber auch jetzt war die Haut über derselben nicht iot|i, keine 
Spannung, keine Härte zu bemerken. Inzwischen wurde der 
Knabe blasser, magerer. Wieder nach einigen Monaten brach 
die mit Salben verschiedener Art behandelte Geschwulst, die für 
eine Lymphgeschwulst erkannt wurde, auf, entleerte jedoch kei- 



266 Rösch. 

nen Eiter, sondern wahre Lymphe. Die Wunde Schlote sich 
nicht wieder und fortwährend entflofs ihr ganz dünne Lymphe in 
geringer Menge. Auch jetzt war in der Wunde und in ihrem Um- 
kreise Nichts von Entzündung, von Rötbe, Härte» Hitze u. s. w. 
zu bemerken. Einige Wochen nach dem Aufbruch entstanden 
lymphatische Anschwellungen auf dem Rücken des Fufses , hier 
deutlich mit Knochenauftreibung, und in der Sohle, und bald wa- 
ren mehrere kleine fistulöse Oeffnungen mit lividem Umkreis vor- 
handen, «aus welchem dünne lymphatische Flüssigkeit hervor- 
sickerte : Paedarthrocace. Wieder nach einigen Wochen schwoll 
der linke Ellbogen, die das Gelenk bildenden Epiphysen der Arm 
knocben trieben sich bedeutend auf und waren bei stärkerem 
Drucke sehr schmerzhaft ; die Geschwulst wurde hoher , fast wie 
ein Hühnerei, fluctuirte und wurde nun mit der Lanzette eröffnet. 
Sie entleerte viel lymphatisch- eiterige Flüssigkeit und schlofs sich 
nicht wieder. Die Knochen blieben aufgetrieben, schmerzhaft, 
das Gelenk wurde flectirt und konnte nicht mehr gerade gestreckt 
werden. Indessen war der Knabe sehr blafs und mager gewor- 
den, hatte keinen rechten Appetit, der Stuhlgang war unregel- 
mäfsig, gewöhnlich dünn, das Athmen geschah oberflächlich, 
das Respirationsgeräusch war schwach, der Puls klein, al/e 
Abende Fieber. In diesem Zustande kam der Kranke im Mai 
1838 von der Schule in sein elterliches Haus und in meine Be- 
handlung. Ich ordnete eine leichte, vorzugsweise animalische 
Diät an: Fleischbrühe, Milch, Weifsbrod und liefs Soolbäder 
gebrauchen, die ich allraählig hochgradiger, bis auf 8, machte, 
den Kranken in Flanell kleiden und in möglich gleicher Tempera- 
tur halten , ohne ihm den Aufenthalt im Freien , an trocknen und 
windstillen Tagen zu versagen. Die offenen Stellen wurden mit 
Cicutapflaster bedeckt. Alles wurde pünktlich befolgt, der Kranke 
nahm etliche und 30 Bäder, befand sich aber darnach in keinem 
Stücke besser, vielmehr war das abendliche Fieber eher stärker, 
das Athmen schwächer und oberflächlicher, die Diarrhoe stärker ge- 
worden. Nun wurde vier Monate lang, Juni, Juli, August, Sep- 
tember Jod ununterbrochen innerlich und äufserlich gebraucht, 
ganz nach Lugols Vorschrift, und Jodbäder wurden unterlassen. 



Scrofulosis. 26T 

Aber auch dies war ohne Nutzen, die Knochenauftreibungen 
wurden stärker, und am Fufse wie am Arme entstanden mehrere 
neue Oeffnungen und Fisteln, der Kranke konnte gar nicht mehr 
auf dem Fufse stehen, die Oeffnung blieb unregelmäßig, meist 
Diarrhoe, der Appetit hatte sich etwas vermehrt. Im October 
wurde das Jod ausgesetzt , und ich liefs nun abermals etliche und 
30 Soolbäder nehmen , nochmals ohne allen Nutzen. Der Kranke 
war sehr mager, sehr bla&, hatte immer noch abendliches Fie- 
ber, athmete schwach und oberflächlich, die Knochenanschwel- 
lungen , Geschwüre und Fisteln hatten sich bisher immer mehr 
ausgebreitet und verschlimmert. Tod durch allmählige Abzehrung 
schien das Laos des unglücklichen Knaben zu seyn. Am 1. No- 
vember 1838 verordnete ich erstmals zum innerlichen Gebrauche 
den Leberthran, vier Unzen, an denen der Kranke, da das Ein- 
nehmen dieses Mittels zuerst nicht recht gehen wollte, bis zum 
16. hatte. Der Diät hatte ich schon seit geraumer Zeit etwas 
Fleisch, hauptsächlich Kalbfleisch, frisches Gemüse mit Fleisch- 
brühe bereitet, Butter zum Brode,. und täglich etwas Wein zuge- 
setzt , und mit dieser Diät liefs ich fortfahren. Die offenen Stel- 
len wurden mit Empl. Cicutae und saponat. aa bedeckt. Am 17. 
Nov. erhielt der Kranke eine neue Portion Leberthran, der nun 
5 Monate lang ununterbrochen fortgenommen wurde. Vom 17. 
Nov. bis zum 21. März nahm Patient 138 Unzen von da bis Ende 
Juli's (1839) 42 Unzen, zusammen vom 1. Nov. bis 31. Juli 184 
Unzen (=: 15 J Pf. M. G. oder 11J Pf. C. G.). Der Kranke hatte 
den Thran etwa einen Monat genommen , als bereits das abend« 
liehe Fieber aufhörte; der Stuhlgang geregelt, die Verdauung 
verbessert, das Athmen kräftiger, das Ausseben besser gewor- 
den war. Mehr und mehr erholte sich der Kranke, er afs mit 
Appetit und nahm an Fleisch zu, er bekam wieder Farbe, wurde 
muskelkräftiger, heiterer, lebensfroher; die Geschwüre und Fi- 
steln nahmen ebenfalls ein besseres Ansehen an , die Knochenen- 
den und Knochen des Tarsus schwollen ab, der Kranke lernte 
gehen ; |- Jahre nach dem ersten Tage des Gebrauchs des Thrans 
waren alle offenen Stellen zu , der Kranke war heiter und munter, 
gutgenäbrt und kräftig, hatte rothe Lippen, rothliche Wangen, er 



268 Rösch. 

war geheilt; dennoch wurden ihm noch zwei Monate gegönnt zur 
vollständigsten Kräftigung, ehe man ihn wieder zu den Verwand- 
ten in der Stadt brachte« um die Schule dort zu besuchen. Hier 
befand er sich mehrere Monate wohl, als er (im Januar 1840) aufs 
Neue erkrankte; der Appetit nahm ab, der Stuhl wurde unregel- 
mäßig , der Kranke wurde wieder ganz bleich , magerte ab , der 
Tarsus desselben Fufises , der früher erkrankt war, wurde wieder 
aufgerieben , schmerzhaft , dann brachen mehrere Stellen auf, es 
bildeten sich wieder Fisteln und Geschwüre, das Gehen war bei- 
nahe unmöglich. Später schwoll auch der linke Vorderarm , der 
Knochen (radius) war nach seiner ganzen Länge aufgetrieben» 
nur beim Druck schmerzhaft; eine angeschwollene Drüse, von 
der Gröfse eines Taubeneies, befand sich am Halse unter dem lin- 
ken Ohr. Es stellten sich Abends Fieberbewegungen ein. So 
trat der Knabe am 14. April 1840 abermals in meine Behandlung, 
nachdem bis jetzt Verschiedenes ohne Nutzen mit ihm gebraucht 
worden war. Ich verordnete wieder den Leberthran und Patient 
verbrauchte davon bis zu Ende des Juli 57 Unzen (= 4f Pf. M. 
G. oder 3£ P£ 1 Unze C. G.). Bald, nachdem der Thran einige 
Wochen genommen war, besserte sich das Allgemeinbefinden, 
später nahmen die Geschwüre ein frischeres Ansehen an , es bil- 
deten sich Granulationen; am Vorderarm bildete sich ein Ab- 
scefs aus , der , mit der Lanzette geöffnet , guten Eiter entleerte 
und dann bald sich schlofs ; die Drüse am Halse ging ebenfalls 
in gute Eiterung über, wurde geöffnet, und die Oeffnung schlofs 
sich sehr bald. Ausgangs Junis war Alles geheilt , nur auf dem 
Metatarsusknochen des grofsen Zebens befand sich noch eine 
kleine fistulöse Oeffnung ; diese ist auch bis jetzt nicht vollständig 
geschlossen. Der linke Arm ist durch Verkürzung der Sehnen 
flectirt. Uebrigens befindet sich Pat. seit dem Juli bis jetzt 
vollkommen wohl, sieht gut aus, ist kräftig und munter. Aeufser- 
llch war diesmal, aufser demEmpl.Cic. et saponat. der Höllenstein 
fleifsig gebraucht worden. — Die Heilung dieses weit gediehe- 
nen Falles von Knochenscrofeln , sowohl in der ersten, als in 
der zweiten Erkrankung, ist ohne allen Zweifel der alleinigen be- 
harrlichen Anwendung des Thrans neben zweckmäßiger, leicht 



Scrofulosis. 269 

reizend - nährender Diät und sorgsamer Pflege Überhaupt zuzu- 
schreiben. Untef seinem Gebrauch regulirte sich der Stuhl, die 
Diarrhoe horte auf, niemals entstand Diarrhoe vom Thran, er 
wurde stets verdaut; der Urin veränderte sich nur in so weit, als 
er die gesunde Beschaffenheit wieder annahm ; die Haut wurde 
thätiger, reindünstend , turgescirend , der Appetit wurde ver- 
mehrt. 

Wie wirkt nun der Leherthran so Grofses? Ich behauptete 
oben, der Leberthran scheine die Wirkungen der bisher aufge- 
führten drei Klassen von Mitteln gegen die Scrofelsucht , nämlich 
die chemisch neutralisirende , die reizende und stärkende und 
endlich die unmittelbar nährende Wirkung , in sich zu vereinigen. 
Die bisher in allen Sorten des Leberthrans gefundenen Bestand- 
teile sind: weiches und hartes Harz, thierische Gallerte, Oel- 
säure und Margarinsäure, Glycerin, Farbstoff, salzsaurer Kalk, 
schwefelsaures Kali, salzsaures Natron , endlich zuweilen Jod in 
sehr geringer Menge. Das Harz und die Gallerte machen zusam- 
men £ des ganzen Gewichts; die Oel- und Margarinsäure sind 
ebenfalls nicht ganz unbedeutend und in dem dunkelbraunen, di- 
cken, ranzig gewordenen, der Verwesung mehr ausgesetzten 
Thrane in gröfserer Menge enthalten. Das Glycerin, der Farb- 
stoff und die Salze kommen kaum in Betracht, Jod ist nicht im- 
mer gefunden worden , auch in solchem Thran, der sich als wirk- 
sam an Kranken erwiesen hat. Jedenfalls aber war der Gehalt an 
Jod immer nur höchst unbedeutend , so dafs man schwer anneh- 
men kann , er habe einen wichtigen Antheil an der Wirksamkeit 
Man vergleiche den interessanten Aufsatz des Dr. Falk er im 
dritten Heil des sechsten Bandes der Heidelberger medicinischen 
Annalen S. 429 ff. Der ersten Klasse nun , den säuretilgenden 
und einhüllenden Mitteln gehört der Thran durch seinen Fettge- 
halt an, welcher übrigens, wie erwähnt, nicht so bedeutend ist, 
und also schwerlich in Hinsicht auf die Wirksamkeit die erste 
Rolle spielt. Der zweiten Klasse, den die Verdauuogsorgane 
refzenden und belebenden , tonisirenden Mitteln gehurt der Thran 
an durch seinen Gehalt an Harz (analog der Wirkung der Asa foe- 
tida, Myrrhe, -des Wachholders u. s. w.)* Die dritte Klasse, 



270 Rösch. 

die der unmittelbar nährenden Mittel , repräsentirt im Thran die 
Gallerte , die für sich allein ohne Zweifel als zu reizlos die Ver- 
daunngsorgane beschweren würde , in Verbindung mit dem Harz 
(und dem Fett) aber gut verdaut wird. Der, wenn auch sehr ge- 
ringe, Jodgehalt würde, wenn Lugol's Beobachtungen sieh fer- 
ner bestätigen und die daraus in Beziehung auf die Wirksamkeit 
des Jods gegen die Scrofeln gezogenen Folgerungen richtig sind, 
die durch die glückliche Verbindung des Oels, des Harzes und 
der .Gallerte bestehende Wirkung des Leberthrans gegen die Sero- . 
feisucht noch erhöht werden. 

Da die Blutbildung mit der Verdauung nur begonnen und erst 
mit der Athmung vollendet wird, so reicht es nicht aus, die Nah- 
rungsweise der Scrofelsüchtigen zu ordnen, die Verdaüungsor- 
gane zu kräßigen und die Assimilation, die Verwandlung des 
Milchsaftes in Blut zu begünstigen ; das gut genährte Blut mufs 
auch gut mit demjenigen pabidum vitae versehen werden, durch 
welches es die letzte Vollendung erhält. Ich brauche mich hier 
nicht darüber zu verbreiten , wie nothwendig Scrofelsüchtigen der 
Aufenthalt im Freien, in luftigen, trockenen Wohn- und Schlaf- 
zimmern ist. Auch das Licht , die Sonne , gehurt zur Heilung der 
Scrofelsucht , der weifsen Kachexie , von welcher thierische wie 
pflanzliche Organisationen im Finstern befallen werden. 

Eine gleichmäßige warme Temperatur ist ein wesentliches 
Erfordernifs zur Heilung aller Formen der Scrofelsucht. So zweck- 
mäfsig es ist , gesunde Kinder zur Winterzeit in kalten Kammern 
schlafen zu lassen, so wenig taugt es für Scrofulöse. Kinder un- 
ter einem Jahr, die an irgend einer Form von Scrofeln leiden, dür- 
fen, wenn es kalt und nafs ist, nicht ins Freie getragen werden; 
ältere Kinder müssen wenigstens durch warme wollene Kleider 
gegen Witterungseinflüsse dieser Art verwahrt werden. Kinder 
unter einem Jahr , welche den Keim der Scrofelsucht in sich tra- 
gen oder bereits scrofelsüchtig sind, dürfen nicht kalt gebadet, 
und, Gesicht und Hände ausgenommen, auch nicht kalt gewaschen 
werden. Dagegen bin ich mit meinem Herrn Recensenten in 
S c h m i d ts Jahrbüchern, 27. Bd. 3. Hft. (S c h r e b e r) darüber 
einverstanden , dafs „kalte Waschungen (versteht sich im warmen 



Scrofulosis. * 271 

Zimmer), von Zeit zu Zeit und unter Beobachtung der entsprechen- 
den Cautelen angestellt, für ältere (und selbst scrofulöse) Kin- 
der unbedingt zu den trefflichsten Gesundheitsmitteln, eben weil 
dadurch die Reactionskraft des, Körpers — die wahre Schutzwehr 
gegen äufsere krankmachende Einflüsse — ausgebildet und ge- 
stählt wird," gehören. Die Methode der Abhärtung von früher 
Jugend auf , „unter Beobachtu ng der entsprechenden 
Cantelen," durchaus nicht verdammend, bin ich nur der Mei- 
nung, dafs sie allgemein, auch bei schwächlichen, scrofulösen 
Kindern*, und ohne die entsprechenden Cautelen angewendet, wie 
die Kaltwassermanie unserer Tage empfiehlt und thut, ohne Zwei- 
fel manches zarte Leben zu Grunde richtet, welches so rücksichts- 
lose Herausforderungen, so rohe Behandlung nicht verträgt. Ich 
wiederhole, gleichmäfsige warme Temperatur und warme wollene 
Kleidung, mit Vermeidung jeder bedeutenden und schnellen Ab- 
kühlung, nach mehr freilich anhaltender. Erkältung, ist unumgäng- 
liches Erfordernifs zur Heilung der Scrofelsucht. Ueberhaupt er- 
heischt die durch äufsere Wärme und warme Kleidung begünstigte 
Hautperspiration in der Scrofelsucht eine ganz besondere Rück- 
sicht, denn die Haut ist unter den Wegen, durch welche die Aus- 
Scheidung der scrofulösen Schärfe, wenn ich so sagen darf, zu 
Stande kommt, offenbar der wichtigste, wie die so häufigen, hart- 
näckigen zur und relativen Gesundheit sehr vieler Kinder notwendi- 
gen Hautausschläge beweisen. Es ist eine alte Sache, und mir 
selbst durch zahlreiche Beobachtungen bestätigt, dafs mächtige 
und einige Zeit bestandene pathische Hautabsonderungen scrofu- 
löser Kinder selten ungestraft schnell heilen oder geheilt werden, 
und die so häufig, besonders auf dem Lande und bei Mädchen, 
die einen „säubern Kopf" haben sollen, gemachten Versuche, 
solche Ausschläge rasch zur Heilung zu bringen, richten nur darum 
keinen so bedeutenden Schaden an, wejj die Natur diese Ver- 
suche abweist, und die pathische Secretion, eine Weile oder theil- 
weise sistirt, immer bald wieder ausbricht. Um nicht diese noth- 
wendige Secretion zu verhindern, halte ich auch die äufserliche 
Anwendung des Leberthrans (so wie des Theers und anderer, 
Hautausschläge mehr oder weniger rasch zur Trocknung bringen- 



\ 



272 Rösch. 

der örtlicher Heilmittel) für unzweckmäfsig und nacbtheilig, so 
lange noch irgend Zeichen fortbestehender Dyskrasie vorhanden 
sind. Nur da« wo die Dyskrasie bestimmt für getilgt anzunehmen 
ist und das Exanthem selbstständig fortwucbert, wie es wohl bei 
Sitereu Kindern und Erwachsenen öfters der Fall ist» dürfen und 
müssen solche örtliche Heilmittel angewendet werden, und auch 
ich habe hier ein Paar Mal von der Theersalbe (vgl. Clefs, Jah- 
resbericht im med. Corresp.-Bl. des Würtb. ärztl. Vereins, 10. Bd. 
Nr. 38) schnellen und vollkommenen Erfolg gesehen. Hingegen 
habe ich Drüsenanschwellungen häufig mit Thran warm einreiben 
und mit in Thran getauchten Leinwandstückchen bedecken lassen, 
und hiervon besonders schnellen Erfolg gesehen, nachdem die in 
Verschwärung übergegangenen Geschwüre von selbst oder künst- 
lich geöffnet waren : die Wunden schlössen sich unter diesem Ver- 
fahren schnell, während ich früher, beim Verband mit Cicuta- 
pfiaster u. s. w. , wie Andere, solche Wunden Monate und Vier- 
teljahre lang offen bleiben und am Ende fistulös werden sah. Un- 
ter dem lange fortgesetzten inneren Gebrauche des Thrans sah 
ich scrofulöse Exantheme und Drüsenanschwellungen gewöhnlich 
von selbst heilen, ohne Anwendung irgend örtlicher Mittel, und 
heilten sie auch nicht vollkommen, so konnten sie jetzt , nachdem 
die Dyskrasie getilgt, als von dem Krankheitsprocesse abge- 
trennte, für sich fortwuchernde Reste, ohne Gefahr durch örtliche 
Mittel ausgetilgt werden. 

Werden die constituirenden Säfte, d. h. Lymphe und Blut, in 
den dem gesunden kindlichen Organismus entsprechenden Stand 
gesetzt, so wird eben damit auch das Nervensystem gekräftigt, 
die krankhafte Reizbarkeit oder Torpidität verliert sich, die Ver- • 
richtungen der einzelnen Gebiete des Nervensystems werden wie- 
der in den gesunden Einklang gebracht, Krämpfe, Lähmungen 
werden geheilt. Hierbei will ich nicht iäugnen, dafs mehrere der 
angeführten Mittel und nothweodigen Erfordernisse zur Heilung 
Scrpfelsücbtiger , namentlich warme, trockene Luft, sorgfaltige 
Cultur der Haut, das gegen Scrofeln aller Art nicht genug zu eni- 
»fehlende warme Bad, neben ihrer Wirkung auf Blutbildung auch 
noch direct auf die Nerven einen wohlthätigen heilsamen Einflufs 



Scrofulosis. 273 

üben. Eines der vorzüglichsten Mittel zur Kräftigung des Blut- und 
Nervensystems und ihrer Einheit im Organismus ist noch dieBewe- 
gung. Sie ist scrofulosen Kindern vor allen nothig. Das Ein* 
wickeln und Einpacken der Kinder hat gewifs seinen Antheil an 
der Verkümmerung mancher Säuglinge unserer Landleute. Her* 
umfragen, Schwingen, Wiegen, überhaupt leidende Bewegung er- 
setzt die selbstthätige nicht ; das Wiegen hat noch den Nachtheil 
der Erschütterung des Hirns , welcher wahrscheinlich nicht unbe- 
deutend anzuschlagen ist. Nach dem Essen und Trinken bekommt 
lebhafte Bewegung Kindern so wenig als Erwachsenen, man über- 
läfst hier die Kleinen am besten sich selbst, ohne sie zu wiegen, 
zu schaukeln , umherzutragen u. s. w. Durch diese Bewegungen 
bei gefülltem Magen wird Säurebildung ungemein begünstigt. 
Aeltere Kinder lebhaften Temperaments müssen von zu starker 
selbsttätiger Bewegung , besonders nach dem Essen , zurückge- 
halten werden. Ohne Zweifel gehurt auch eine zweckmäfsige 
Behandlung des Psychischen wesentlich zur Heilung Scrofelsüch- 
tiger. Bekannt sind die Gelüste und Launen der an der Scrofel- 
sucht Leidenden (mit Einschlufs der Chlorotischen und Phthisi- 
schen). Zuweilen treffen die Wünsche und Gelüste mit dem Be» 
dürfnifs zusammen und können dann der Vis medicatrix naturae 
zugerechnet werden ; so wenn Scrofelsüchtige mit geringerer Reiz« 
barkeit Wein, Kaffee, gut gesalzene Fleischbrühe, überhaupt rei- 
zende Dinge verlangen , wenn sie immer warm haben wollen. 
Oefter aber noch sind diese Begehrungen selbst krankhaft und 
dürfen also nicht befriedigt werden , so, wenn nur vegetabilisch* 
Nahrung, rohes Obst, Salat, Backwerk, kleistrige und ganz un- 
verdauliche Dinge, wie Sand, verlangt und bei Gelegenheit mit 
Behagen verzehrt werden. Die Launen der Kinder, die sich nicht 
auf Essen und Trinken beziehen, müssen ohne Zweifel ebenso 
wenig immer befriedigt werden , doch soll man die Kinder auch 
nicht zum Zorne reizen und sie Stunden lang schreien lassen. 
Heiterkeit und Ruhe desGemüths ist ohne Zweifel für die gesunde 
Entwicklung des kindlichen Organismus von um so gröfserer Be- 
deutung, je weniger entwickelter die Intelligenz ist, je mehr die 
Gefühls- oder Gemüthsäufserungen fast noch die einzigen Seelen- 



274 Rösch. 

äufserungen des Kindes sind. Die Trägen und Scblummereücli- 
tigen müssen geweckt, die durch übergrofse Lebhaftigkeit des 
Geistes sich Verzehrenden müssen beruhigt und zurückgehalten 
werden» anstatt dafs sie, besonders Knaben, jetzt gar häufig frühe 
schon noch gespornt werden, weil sie das Unglück haben, schnell 
und gut aufzufassen, und Eltern und Lehrer mit den gelehrten 
Kindern brilliren wollen. Es ist hier nicht der Ort, über diese 
und andere Verkehrtheiten in der heutigen Erziehung mehr zu 

sagen. 

Es ist noch übrig, dafs ich von denjenigen Mitteln rede, de- 
nen man eine specifische Wirksamkeit gegen die Scrofelsucht zu- 
geschrieben hat und noch zuschreibt, Mitteln, welche die kranke 
Vegetation so umzuändern vermögen, dafs die Austilgung des scro- 
fulösen Krankheitsprocesses die Folge davon ist, oder welche dem 
Krankheitsprocesse selbst , als selbstständig im Organismus wu- 
cherndem und fortwucherndem Leben, direkt entgegen sind. Un- 
ter diesen Mitteln hat sich das Jod, besonders seit Lugols Mit- 
theilungen, den ersten Platz errungen. Ich habe, ehe mir die 
Wirksamkeit des Leberthrans ganz bekannt war, und auch später 
noch in einigen schlimmen Fällen , nicht selten Jod angewender, 
bin aber nicht im Stande, eine Heilung durch dieses Mittel nach- 
zuweisen. In dem oben erzählten Falle von Paedarthrocace hat 
es, lange genug unausgesetzt und ganz nacb Lugols Vorschrift, 
äufserlich und innerlich bei sorgfältig geordneter Diät angewendet, 
auch nicht das Mindeste geleistet. — Ein 20jähriger Jüngling 
Jitt seit Jahren an fistulösen Scrofelgeschwüren , war sehr abge • 
magert, hatte abendliches Fieber, afs wenig, hatte Herzklopfen 
mit aussetzendem ungleichem Puls (wahrscheinlich Klappenfehler), . 
als ich ihn in Behandlung bekam. Ich wandte mehrere Monate 
unausgesetzt Jod innerlich und äufserlich an ohne allen Nutzen. 
Die Fisteln wurden aufgeschnitten und mit Jodauflusung behan- 
delt, und heilten dennoch nicht. Nun liefs ich den Leberthran 
nehmen, viele Wochen lang, allein gleichfalls ohne Erfolg. Der 
Kranke starb hektisch. — Ein 17jähriger Schullehrer hatte seit 
3 Jahren Paedarthrocace am linken Vorfufs. Die Metatarsus- und 
Tarsusknocheo waren hoch aufgeschwollen, von mehreren fistulo- 



Scrofulosis. 275 

sen, wässrige Lymphe absondernden Fistelgeschwüren durchbohrt, 
so dafs man in verschiedenen Richtungen die Sonde tief einbrin- 
gen und in einer Richtung von einer Seite zur andern dieselbe 
ganz durchstecken konnte; der Vorfufs war rückwärts gezogen, 
und sah, wenn man die Zehen nicht betrachtete, mehr einer Pferd- 
hufe als einem menschlichen Vorfufse gleich. Der Unterschenkel 
war bis auf Haut und Knochen abgemagert, bleibend flectirt. Der 
Kranke war sehr niedergeschlagen, reizbar; hektisches Fieber 
nicht vorhanden. So bekam ich ihn in Behandlung. Ich wandte 
Jod innerlich und äufserlich in schwächeren, stärkeren und sehr 
starken Solutionen, nach Lugols Methode an, und diese Behand- 
lung wurde über drei Monate fortgesetzt — ohne allen Erfolg. 
Lebertbran wollte der Krauke nicht nehmen, und ich sprach ihm 
auch nicht sehr zu, da es mir beinahe unmöglich schien, dafs 
sich die bedeutenden örtlichen Desorganisationen wieder zurück« 
bildeten. Hektisches Fieber und Tod konnte aber nicht ausbleiben, 
wenn dieser äufserst bedeutenden ortlichen Zerstörung nicht in 
Kurzem Einhalt gethan wurde. Der Kranke verschob die ihm 
vorgeschlagene Amputation noch ein halbes Jahr, willigte dann 
ein, und die Operation wurde unter meiner Assistenz von dem 
Wundarzt 1. Abth. Herre in Thuningen vollzogen. Die Aroputa- 
tionswunde heilte gut und bald, der Mensch nahm an Fleisch wie 
an Kraft zu, wurde heiterer, geht jetzt, 1£ Jahre nach gemachter 
Operation, mit einem künstlichen Fufse rüstig einher, und lebt 
seinem Berufe als Lehrer. — Die beiden letzten Fälle waren 
freilich eine zu harte Probe für das Jod; auch der Thran hatte 
im ersten Falle nichts genützt, und hätte wahrscheinlich auch im 
zweiten fehlgeschlagen. Scrofeln bei Erwachsenen sind überhaupt 
äufserst schwer heilbar. Einen Fall habe ich indessen, der ganz 
entschieden für Thran , und gegen das Jod, auch bei scrofulosen 
Uebeln Erwachsener spricht. Eine etliche und 30 Jahre alte Frau 
nahm angeschwollene Halsdrüsen aus der Kindheit mit in das ju- 
gendliche Alter und seit einiger Zeit waren diese Drüsen zu bei* 
den Seiten des Halses so grofs und umfangreich geworden, dafs 
sie den Unterkiefer überragten und die Frau ganz entstellten. Sie 
fohlten sich hart, doch verschiebbar und schmerzlos au. Die 



276 Rösch. 

Frau hostete öfter«, Tuberkeln waren aber nicht vorhanden. Der 
Appetit war gut, Secretionen in Ordnung. Jod innerlich» in 
Tinctur, und äufaerlich, als Salbe, viele Wochen fortgebraucht, 
hatte keinen Einflute; da lief« ich den Thran nehmen, täglich 
4 Efslöffel voll. Mach 4 Wochen waren die Drüsen bereits klei- 
ner, nach 4 Monaten, während welcher der Thran mit geringen 
Unterbrechungen in der angegebenen Art fortgenommen wurde, 
waren nur noch unbedeutende Spuren des entstellenden Uebels 
vorbanden. Einige Zeit nachher wuchsen die Drüsen wieder, 
der innerliche Gebrauch des Tbrans schmolz dieselben abermals. 
Jetzt, nach einem Jahre, vergröfsern sie sich wieder, und die Frau 
ist entschlossen, den Thran wieder zu gebrauchen, um die häfs- 
lichen Drüsen verschwinden zu machen. — Gegenwärtig wende 
ich gegen Scrofelformen aller Art nie mehr das Jod, sondern immer 
den Thran an, dessen Heilwirkung, vorausgesetzt, dafs er lange ge- 
inig fortgebraucht und die geeignete Diät beobachtet wird, bei Kin- 
dern kaum etwas zu wünschen übrig läfst. Ich erinnere hier an die 
in der Antologia medica Settemb. 1834 und in Schmidts Jahrb. 
9. Bd. S. 159 ff. enthaltene Abhandlung des Professors Spe- 
ranza, welcher den Nutzen, den man sich vom Jod gegen Krank- 
heiten des Lymphsystems und gegen die Scrofelsucht verspricht, 
noch keineswegs für ausgemacht hält, dagegen die Thierkohle in 
mehreren weit gediehenen Fällen allgemeiner Scrofelsucht als 
ausgezeichnetes Heilmittel erprobt hat Er liefe zwei Theiie Rinds- 
oder Schöpsenfleisch und einen Theil Knochen, gänzlich vom Fett 
befreit, klein hacken und rösten, und 5 Monate lang täglich Früh 
und Abends 1 — 3 Gran steigend nehmen. Auch äufserlich wandte 
er dii^ Kohle in Verbindung mit Oel oder Ung. resolvens an. Der 
Erfolg war überraschend. Allein der Herr Professor hat uns das 
Ergebnifs ungewifs gemacht, indem er neben sorgfältigst regulirter 
diätetischer Behandlung salinische Mineralwässer, Abkochungen 
auflösender , gelind abführender Vegetabilien, ferner zur Beförde- 
rung der Transspiration Sassaparille, Dulcamara, Sassafras, end- 
lich auch Molken trinken liefs! Wober weifs nun Speraüza, 
dafs unter all' dem Wüste die Thierkohle und diese allein das 
Wirksame war? Uebrigens verwerfe ich die Thierkohle nicht, ich 



STcrofulosis. l ^IT 

glaube vielmehr, dafs es der Mühe werth ist, reine Versuch? 
joait derselben zu machen. 

Dem Jod zunächst stehen an Ruf die Soolen. Die, inner? 
Anwendung derselben hat manche Schwierigkeiten und ist häufig 
wegen zu starker Reizung der Schleimhaut des Magens nicht aus r 
.zuführen. Soolbäder haben ohne Zweifel schon manche Heilung 
j»crofuloser Leiden bewirkt, besonders scrofulöser Hautleiden, 
Tief eingewurzelte Scrofelsucht wird durch Sool - und Seebäder 
nicht leicht geheilt, hingegen sind solche immer ein treffliches 
Unterstützungsmittel der Kur, sofern die Haut in der Scrofelsucht 
immer eine entschiedene Rucksicht erfordert, die 'Soolen aber 
ganz besonders geeignet sind, die weniger thätige Haut zu ver- 
stärkter Reaction anzutreiben , wozu noch die resolvirende Wir- 
kung der Salze auf verhärtete Drüsen u. s. w. überhaupt kommt 
Auch salinische Wasser anderer Art» Thermen , Stahlwasser, sind 
gegen die Scrofelsucht schon gerühmt worden» und es kommt dein 
Rufe aller Quellen, die schon Scrofelsüchtige geheilt haben sollen 
und wirklich geheilt haben , gleichwie demjenigen der Soolen, die 
ausgezeichnete Wirkung des warmen Bades überhaupt ohne allen 
mineralischen oder medicamentösen Gehalt sehr zu Gute. — Ueber 
die Wirksamkeit der salzsauren Schwererde gegen die Scrofel- 
sucht kann ich nichts sagen, da ich sie nie allein und aus- 
dauernd, seit Jahren gar nicht mehr angewendet habe. 

Dafs Metalle, welche tief in die Vegetation eingreifend eine 
Starke Reaction hervorrufen, um am Ende durch allseitig ver- 
mehrte Secretion wieder über die Gränzen des Organismus ge- 
bracht zu werden, wie Quecksilber, Spiefsglanz, manchen Beobach- 
tungen zu Folge auch Gold , eingewurzelte Dyskrasieen und na- 
mentlich die Scrofelsucht zu tilgen vermögen, indem sie dieselben 
während ihrer Wiederausscheidung aus dem Körper gleichsam 
mit fortnehmen, ist durch zahlreiche Beobachtungen erwiesen.; 
allein zu solcher Procedura gehört denn doch ein noch kräftiger 
Organismus, wenn man nicht riskiren will, den Kranken sammt 
der Krankheit zu vertilgen. Ich habe keine Erfahrung über die 
Anwendung dieser Mittel gegen die Scrofelsucht. 

Narkotische Mittel, namentlich Cicuta, Belladonna, Digitaljs, 

19 



tT9 RS seh. 

sind ebenfalb gegen Scrofeln angewendet und empfohlen worden. 
Sie leisten zuweilen gute Dienste in Neurosen, die der Scrofel- 
•ucht entsprungen sind. Insbesondere wirkt dieCicuta, im Ex- 
tract und als Coniin , gegen scrofulöse Lichtscheu manchmal über- 
raschend, und ich selbst beobachtete einige Mal diese Wirkung, 
während ich freilich in andern Fällen auch von der Auflösung des 
Cicutaextracts (innerlich gebraucht) , eben so wie von andern ge- 
rühmten Mitteln , verlassen wurde, so lange es nicht gelang, der 
scrofulösen Dyskrasie gründlich beizukommen. Unter dem Ge- 
brauche der Digitalis heilte mir einmal ein Stimmritzenkrampf ei- 
nes J Jahre alten schwächlichen Kindes (sogenanntes Asthma 
thymicum); später wandte ich auch gegen dieses in scrofulosem 
Boden stehende Nervenleiden den Leberthran mit günstigem Er- 
folge an. 

Wie sind scrofulöse Stasen zu behandeln? Ohne zu läugnen, 
dafs z. B. scrofulöse Stasen der Schleimhaut des Magens, der 
Drusen des Mesenteriums, der Conjunctiva des Auges in seltene- 
ren Fällen einen Grad erreichen, welcher Blutegel und überhaupt 
eine strengere ortliche Antiphlogose erfordert, behaupte ich, auf 
vielfältige Beobachtung gestützt, dafs diese Antiphlogose gewöhn- 
lich nicht nur nicht nothwfendig und nützlich, sondern sogar positiv 
schädlich ist. Ich bin namentlich ganz davon zurückgekommen, 
in scrofulösen Ophtbalmieen auch nur einen Blutegel anzulegen. 
Sollen hiev örtliche Mittel angewendet werden , so sind es viel- 
mehr erregende, eine energischere Reaction hervorrufende, welche 
den gewünschten guten Erfolg mit herbeiführen. Insbesondere 
leistete mir hier eine Salbe aus Opium und Mercur. praeeip. alb. 
tut 1 — 2 Gran auf lDrachm. Butyr. recent, täglich 2 — 3mal lin- 
sengrofs in das Auge zu bringen , immer sehr gute Dienste. Die 
scrofulöse Ophthalmie ist, wie ich in dem ersten Artikel nach- 
zuweisen mich bemüht habe, vorzüglich ein Nervenleiden, und die- 
ses wird durch die Antiphlogistik , wfenn sie in der That ihren 
Zweck erreicht und nicht vielmehr eine stärkere Reaction hervor- 
ruft, wie zuweilen das Anlegen nur weniger Blutegel thut, ver- 
schlimmert und hartnäckiger gemacht. Ich behandle seit vielen 
Jahren eine jetzt 40jährige Frau, welche, vom blühenden Alter an 



Scrofulosis. JTft 

mit scrofulüser Ophthalmie behaftet, periodisch in hohem Grade 
an dieser Krankheitsform leidet; die Anteile kommen jährlich und 
noch öfter, und dauern ein Vierteljahr und darüber« Sie haben 
ihre täglichen, ander- oder dreitägigen, ode* auch weniger regel* 
mäfsigen Exacerbationen, mit Fieber, Anschwellung der Nase und 
Wange der befallenen Seite. Zur Zeit der Menstruation sind die 
Augen schlimmer, während der Schwangerschaft litt die Frau noch 
niemals. Nach einer Menge von Versuchen hat sich als das 
Zweckmäßigste erwiesen : ortlich trockene Wärme und das ange- 
führte Sälbchen, innerlich Chininsalze. Eine Radikalkur konnte 
bis jetzt nicht bewirkt werden, weder durch Jod, noch durch 
Soole, noch durch Leberthran, Alles consequent und beharrlich 
angewendet 



19 



CT» 



VIII. 

Varicocele. 

Von 

Dr. J. Pauli 

* » • . 

zu Landau in der Pfala. 



M$dm so häufiges *) Uebel die Varicocele auch ist , so selten fällt 
sie verhältnifsmäfsig doch in den Bereich poetischer ärztlicher 
Thätigkeit. Nicht leicht suchen mit Varicocele Behaftete des- 
halb allein ärztliche Hülfe nach. Gewöhnlich führt sie ein ande- 
res Leiden zum Arzte, oder dasselbe wird bei der Visitation der 
Conscribirten entdeckt. Nie habe ich mir eine Gelegenheit vorbei- 
gehen lassen , zur Operation aufzufordern ; allein es entschliefsen 
sich doch die, so dieses Uebel an sich tragen, selten dazu, weil 
ihre Beschwerden gewöhnlich so unbedeutend sind, dafs sie kaum 
darauf achten, zumal wenn sie erst mit einem guten Suspenso- 
rium versehen sind. Manche wissen gar nicht , dafs sie einen ab- 
normen Zustand an sich tragen. Auf diese Weise sind zuweilen 
Leute vom Militärdienste losgesprochen worden, ohne dafe sie 
begriffen, warum. Ein höherer Grad des Uebels zieht indessen 
auch hier und da Beschwerde nach , aber selten sind sie doch 
der Art , dafs die Leute sich deshalb einer Operation unterwer- 
fen möchten. Jedenfalls haben mehrere französische Chirurgen 



*) Dafs indessen diese Häufigkeit so grofs, dafs von 100 Individuen 
60 an Varicocele leiden , wie Landouzy (s. dessen Schrift über Vari- 
cocele, übersetzt von Herzberg, Berlin 1889. S. 21.) anführt, ist 
•ehr sn bezweifeln. Auch stellte Marjolin, auf den man sich beru- 
fen wollte, diese Angabe ia Abrede. 



Varlcocele," Äfc* 

iq lieberer Zeit die gefebr vollen Zufälle sehr übertrieben , dt* vin » 
einer vernachlässigten Varioecele entstehen sollen. leb »ei»* 
TJräls habe nie Degeneration des Hoden» darnach wabrgenom* 
njen, wenn dieses Organ nicht schon früher in irgend einer Weint 
leidend war. Warum das Uebel weit häufiger auf der linke* 
Seite vorkomme, als auf der rechten, welche Ursachen*) densel- 
ben znro Grunde liegen» lasse ich un erörtert, da ich die man«:, 
cheriet Hypothesen nicht noch durch neue vermehren mochte» ' 
Auch die Symptome , die diese Krankheit in höherem Grade her* - 
vprruft, wie z. B. Atrophie des Hodens, Schmerzen darin, so; 
wie im Samenstrange, Melancholie, übergehe ich, da es vm . 
schwer hegreiflich, wie ein Arzt, nachdem er einmal eine Vati- , 
<wede gesahen und ernstlich untersucht bat, dieselbe noch mit, 
einer anderen Krankheit verwechseln kann. Was nun die Haftung.- 
der Varicöcete betrifft, so kommen alle Verfahren zuletzt darin t 
überein, dafe dadurch ein gewisser EnUundungsoustaud erzielt . 
werden muft , in Folge dessen das Lumen dar erweiterten Ve- f 
nen entweder ganz verschlossen* oder doch so zusammengezogen; 
ward, dafs keine krankhafte Erweiterung derselben mehr Statt fin* . 
det So hat man die Vene biosgelegt und unterbunden, *o hat. 
man sie acupunctirt, so bat man eben Faden durch sie oder un- 
ter ihr hinweggezogen und dann zusammengeschnürt, so hat man: 
nach Isolkuog des Vas deferens die Venen durch Zangen co*nprl- 
rairt. Ich will nun zwar nicht in Ahrecje gellen, dal* durch diese . 
sämmtlichen Verfahren schon mandbe Heilungen , wie ich deren 
selbst in meiner Praxis einige aufzuweisen habe, erzielt worden 
sind , aUein alle trifft doch der gemeinschafificiie Vorwurf, daXs 
Ae durch Quetschungen' oder Quetschwunden vermittelt worden 
sind , Quetschungen , deren Ausgang nie mit Sicherheit zu ermes- • 
sen, wenn auch bis jetzt der in den Tod nur selten war, obgleich, 
naeh dem Verfahren von Davat, Velpeau und Bresche! 
uugJficküch abgelaufene F&Ue bekannt sind. Niicfct uabaHfebfr 



'•) Ich lialie Venusritter, Onaniaten, Reiter, Tänzer u. s. w. frei 
*#n 4ie*em Uebel, und Andere, Mt weder ritte» * uuch tancUn, neeb 
den Bejatfilaf ubprtuafrtf frötateu , 4s vou tafelten fejppftn» \ 



Pauli. 

Hebe Entzündung, ja sogar Eiterung hat man in mehreren FftRei» 
wahrgenommen; zudem erheischte die Heilung gemeiniglich eine 
SMtfiist von 4 bis 6 Wochen. Ehe ich nun zur Erörterung der 
Frage, ob es keine einfachere und sichere Heitert geben könne» 
übergehe, will ich zuerst einen Fall von Varicoeele mittheilen, 
bei dem mir Gelegenheit ward, Breschet's Methode in An wen* 
dang za bringen. Es war im Spätjahre 1837 , als mir mein Vater 
neben anderen neuen Instrumenten auch die Compressionszang6 
von Dreschet aus Paris mitbrachte. Mein Wunsch, von der-* 
selben Gebrauch zu machen, ward von Tag zu Tag lebhafter» 
und den 5. December desselben Jahres fand sich endlich ein 
Schreiner von 25 Jahren, der mich wegen eines Schankers eon- 
sultirt hatte, und sich bewegen liefs, seine Varicoeele operiren 
zu lassen. Als sein Schanker geheilt war, nahm ich am 3. Ja- 
nuar 1838 die Compression der linken Serotalhaut mit den varico- 
seu Gefäfsen vermittelst der Compressionszange vor. Obgleich 
Breschet zwei solche Zangen anzulegen empfiehlt, so begnügte 
ieh mich dennoch , — nur im Besitze einer einzigen — mit die- 
ser. Es ist unmöglich , die Venae spermaticße von der 'Arterut 
spermatica mit Bestimmtheit abzusondern, wie Breschet will. 
Es ist am zweckmäfsigsten , und genügt auch gewifs , die Sero- 
talvenen zu comprimiren , indem die dadurch hervorgerufene Eni* 
zÜndung sich auf die Venae spermaticae fortsetzt, und sie da* 
durch zusammenzieht. Der Kranke litt die ersten 1^ Tage sehr, 
doch mäfsigte pich der Schmerz allmählig, und als die Zange am 
6. etwas lockerer werden zu wollen schien , zog ich die Schraube 
noch fester an. Die Geschwulst des ganzen Hodensacks blieb 
trotz der kalten Fomente beträchtlich, höchst empfindlich und 
glänzend roth, und war besonders Nachts bei Erectionen sehr 
schmerzhaft , was mich zu einer Aderlässe am 9. bestimmte, wo* 
rauf dann am 11. die Eiterung sich einfand. Nun entfernte ich 
die Zange. Die Heilung ging langsam Vor sich , denn die Ver- 
narbung war erst Mitte Februar's vollendet Von Varicoeele, die 
indessen ursprünglich nicht sehr beträchtlich gewesen, war nun' 
freilich keine Spur mehr zu sehen , allein der Kranke war auch 
6 Wochen zu Bette gelegen, hatte eine Entzündung seines Sero* 



Varicocele. , 2$3 

tum erfahren , io Folge deren man nicht erstaunen darf» wenn die 
erweiterten Venen desselben sich zusammenzogen oder verwuch- 
sen, und hatte eine grofse Narhe davon getragen« Dieser FaH 
beweist nun allerdings, dafs durch Breschet's Verfahren, und 
zwar nur mit einer einzigen Zange, die Varicocele beseitigt wer? 
den kann, allein er beweist auch, dafs es langwierig ist, wenn 
auch dabei keine beunruhigenden Zufalle eingetreten sind, die je« 
doch, wenn man den Samenstrang unterbindet, nicht ausbleiben 
werden« 

Nach meinen Untersuchungen von Varicocele, die ich be- 
sonders in der jüngstvergangenen Zeit vervielfältigt habe , glaube 
ich 3 verschiedene Arten dieser Kraukheit annehmen zu müssen« 
Man bat nämlich gewifs zu einseitig bisher das Wesen dieser 
Krankheit allein in einer abnormen Erweiterung der Venen des 
Samenstranges mit dem Hoden, oder des Hodensacks gesucht« 
und darnach die Krankheit in Cirsocele und Varicocele unterschied 
den, ein Unterschied, der zwar etymologisch nicht besteht, aber 
doch in Wirklichkeit vorhanden ist, wenn gleich Landouzy*) 
ihn nicht zugibt, bemerkend, Varicosität des Skrotum sei stets 
nur Felge der des Samenstranges. Den krankhaften Zustand des 
Cremaster oder der Tunica dartos , der meistens gleichzeitig mit 
dieser krankhaften Venenausdehnung beobachtet wird, scheint 
man bisher ganz übersehen zu haben ; wenigstens finde ich in kei- 
ner mir bekannten Schrift darüber irgend eine Notiz mitgetheilt, 
und doch ist der Gegenstand, wie mich bedünken will, vpn ho- 
her Wichtigkeit, zumal die Behandlungsweise darnach eine be- 
sondere Modifikation erleiden mufs. Eine Schlaffheit des Hoden« 
sackes kann zwar auch ohne Venenerweiterung Statt finden , so 
wie Venenerweiterung ohne Schlaffheit des Hodensackes. Sehr 
häufig sind aber beide mit einander vereinigt. Im höheren Alter 
wird nicht selten der Hodensack schlaff, indem die Tunica dartos 
ihre Zusammesziehbarkeit verliert; zu diesem Einbüfeen der Con- 
tractilit&t der Tunica dartos gesellt sich dann auch zuweilen eina 
Erweiterung der VeBen des Hodensacka allein, ohne dafs die Ve- 



281 Pauli. 

toen des Bodens und des Samenstranges daran Theil nehmen.' 
Hierdurch wird eine Varicocele proprie sie dicta constituirt, im 
Gegensatze zu der Cirsocele, welche in Erweiterung der Venen 
äes Hodens und des Samenstranges besteht. Zur ausgebildeten 
Cirsocele gesellt sich in der Regel früher oder später eine Vari- 
cocele. Beide Zustände ziehen aber, wenn sie primär vorban- 
den , früher oder später meistentheils eine Erschlaffung des Cre- 
master und der Tunica dartos nach sich, welche letztere indes- 
sen auch der Erweiterung vorhergehen kann , was vorzüglich zu 
beachten ist Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, glaube 
ich folgende Arten von Varicocele im weiteren Sinne* statuiren zu 
können : 

1. Die Venen des Hodensacks sowohl , als die des Samen- 
stranges und des Hodens sind erweitert ohne Erschlaffung des 
Cremaster und der Tunica dartos. Wie der ganze volle Hoden- 
sack, so fühlt sich auch der Hoden der leidenden Seite umfang- 
reicher und gröfser an ; drückt man ihn aber sanft, so wird er et- 
was kleiner. Die Scrotalhaut ist gerunzelt, und die der ergriffe- 
nen Seite sondert etwas mehr ab , fäblt sich aber niemals kalt an. 
Damit in geringerem Grade Behaftete können noch ohne Suspen- 
sorium umhergehen. Erst wenn die Erweiterung zunimmt, und 
sowohl Cremaster, als Tunica* dartos an ihrer Zusammensiefabar- 
beit verlieren, wird das Bedürfnifs einer Unterstützung des Ho- 
densacks fühlbar. Sie ist das Loos junger Männer, und keines- 
wegs Folge von Geschlechtsausschweifungen. Diese Art von Va- 
ricocele ist es wohl, die man mit einem Netzbruche verwech- 
selt hat. 

2. Die Venen des Hodensacks sind erweitert, die des Ho- 
dens und Samenstranges dagegen wenig oder gar nicht. Dabei 
sind Cremaster und Tunica dartos in erschlafftem Zustande. Aach 
hier sondert die Scrotalhaut der ergriffenen Seite etwas mehr ab, 
und fühlt sich kälter an , als die gesunde Seite. Die Hoden er- 
fahren keine merkliche Veränderung, hängen aber welk herunter ; 
die Scrotalhaut ist ganz schlaff und runzelt sieh nur bei Äawir- 
kung von Kälte. Dieser Zustand wird bei älteren Männern beob- 
achtet, zuweilen in Verbindung mit Scrotalbrüchen. 



VaiäcociÜe. Ä85 

3. Cremaster und Dartos befinden sich schob lauge Im er-« 
schlauen Zustande» ehe die Venenerweiterung hinzutritt, welche» 
wie ich- in einem Falle beobachtete , wach einer erysipelaresen* 
Entzündung des Scrotum zurückblieb. Die Venenerweiterung;,* 
zumal die des Hodens und des Samenstranges , wird hier gewöhn- 
lich sehr bedeutend. Die leidende Seite des Hodensacks sondert? 
reichlich ab und ffthit sich kühl an. Das Bedürfbifs , ein Suspen« 
sorium zu tragen, ist hier dringend. Die Krankheit wird vielleicht 
mehr jungen Leuten zu Theü, die sich Excesse in Venere oder 
Onanie zu Schulden kommen lassen. Auch hier können die Ho- 
den atrophisch werden, die 'in der welken Scrotalhaut schlaff 
herunterhängen. 

Drängt sich für No. 1 die Indication vorzugsweise auf, die 
Venenerweiterung zu beseitigen, was dann nach einem der ge- 
nannten Verfahren von Dreschet, Reynaud, Velpeau, 

* 

Davat oder Fricke, Wutzer, Grossheim, Kuh u. A. be- 
werkstelligt werden mag , so bleibt es für No. 2 und besonders 
No. 3 Aufgabe, die Erschlaffung des Hodensacks, bedingt durcb 
eine Atome der Tunica dartos , so Wie den Nachlafs des Crema- 
ster zu heben. Letzteres geschieht am Leichtesten , schnellsten 
und einfachsten durch Hautverkürzung de» Scrotum, ein mittel, 
das, wie ich im 1. Hefte des 4. Bandes der Med. Annaleo, S. 154» 
gezeigt habe, auch vortrefflich zur Radicalheilung von Hernien ist« 
Durch diese Hautverkürzung, ohne welche andere gegen No. 3 
gerichtete Verfahren höchstens momentan hülfreich erscheinen, 
(daher z. B. die Recidive nach Breschet's Methode,) wird aber, 
ein mehrfacher Zweck erreicht, indem 

1. Der Hoden ein natürliches , organisches Suspensorium er- 
hält, zu dem es keiner belästigenden ScbenkeMeraen bedarf, 

2. Wird durch den entzündlichen Wuudreiz dem zurückblei- 
benden Theüe der Tunica dartos eine erhöhte Energie, ein gestei- 
gerter Tonus verliehen , der sich auf den Cremaster fortsetzt. 

3. Wird aber dadurch ein Theil der varicosen Geßjfae des 
Hodensaks ein für allemal entfernt, und die Enden der abge- 
schnittenen Gefäfse ziehen sich dann zusammen , wodurch eine 
organische Versohliefsung in denselben bervorgerofeo wird. Ob- 



286 Pauli. 

gleich mir bis jetzt nur ein Fall zu Gebote steht, worin ick dies 
Verfahren angewendet habe , so war der Erfolg doch so schnell, 
sicher und dauernd — es sind nun 8 Monate verflossen — , dafs 
ich dasselbe mit aller Zuversicht empfehlen zu dürfen glaube. 

Jacob H. von Bergzabern, 26 Jahre alt, kräftigen Korper* 
baues und sanguinischen Temperaments, hatte nur wenige Male 
Onanie getrieben , aber von seinem 17ten Jahre an sehr häufig 
den Beischlaf ausgeübt Seh ungefähr 3 Jahren ward er hierin 
etwas mäfsiger, als er bemerkt hatte, dafs sein Hodensack min- 
der schlaff und runzlich war, als früher, und er ein lästiges Zie- 
hen zuweilen darin empfand. Die Schlaffheit des Hodensacks 
nahm nachgerade zu , so dafs er durch einen Arzt , dem er seine 
Beschwerden geklagt hatte, sich ein Suspensorium verschaf- 
fen liefs. Dieses war indessen schlecht gemacht, und die Sehen- 
kelriemen, die häufig in die Kerbe der Hinterbacken gleiteten, 
belästigten ihn dabei noch am meisten. Es war am 15. Mai 1839, 
als Patient zu mir kam. Beide Hoden hingen, besonders aber 
der linkte, in dem welken Scrotum schlaff herunter, zugleich wa- 
ren die Venen des Hodens und Sameiistranges , so wie die des 
Hodensackes dieser Seite, Federkiel «dick angelaufen. Unerträg- 
lich war demselben das Herabhängen des Hodensackes ohne Un- 
terstützung. Ich schlug dem jungen Manne eine Operation vor> 
zu der er sich auch ohne weiteres Nachdenken entschlofs , mich 
versichernd , dafs er nur in dieser Absicht mich aufgesucht habe« 
Meinem Grundsatze gemäfs, das Eisen zu schmieden, so lange 
es warm , schritt ich noch denselben Tag in Beisein meines Ta- 
ters zur Operation. Nachdem daher Patient horizontal gelagert, 
und -die Haare der linken Scrotalhaut abrasirt waren, fafste ich 
da, wo die Scrotalvenen am dicksten waren, die Scrotalhaut in 
der Breite mit dem Daumen und dem Zeigefinger, zog dieselbe 
stark an und schnitt ein ovales Stück > ungefähr 2$ Zoll lang, aus 
derselben heraus. Die abgeschnittenen Venen gaben weit weni- 
ger Blut,' als ich erwartet hatte, und nachdem etwa { Stunde 
kalte Fomentationen darauf gemacht waren , stand die Blutung 
gänzlich, worauf ich dann zur Sutura nodosa der Wunde schritt. 
Ich legte 6 Hefte nahe ai> einander an, die ich nach 2. Tagen wie- 



Varicocele« 289 

der entfernte. Die Vereinigung der Wunde war ob der runzligen 
Haut nicht gleichmäfsig auf allen Puncten der Wunde erfolgt, und' 
es bedurfte noch 8 Tage, bis die völlige Vernarbung zu Stande 
gekommen war. Patient war ohne alle weitere Zufälle rädical ge- 
heilt, denn von Venenerweiterung war nichts mehr zu gewahren, 
und der Hodensack straff zusammengezogen. Hieraus sieht man/ 
dafs dies Verfahren unbezweifelte Vorzüge vor den bisher he* 
kannten hat, und zwar einmal wegen der kurzen Dauer der Cur* 
zeit, sodann wegen der geringen damit verbundenen Beschwer-» 
den , da aufser dem durch den Schnitt hervorgerufenen Schmerz« 
gar keine Zufälle sich kund gaben , zuletzt aber wegen der Si- 
cherheit der Heilung , die hier nicht blos mechanisch durch Ver- 
kürzung der Scrotalhaut , wie man wähnen mochte , sondern auch 
organisch, durch vermittelst des operativen Eingriffes bewirkte Er* 
htihung der Vitalität in den erschlafften Theilen , der Tunica dar« 
tos und dem Cremaster , erzielt war. Obgleich die Entzündung 
durch die Verwundung keinen hohen Grad erreicht hatte, so war 
sie doch genügend , die Erschlaffung dieser Theile zu entfernen«: 
Wohl schwoll der Hodensack etwas an in Folge der Verwundung, 
allein diese Anschwellung war nicht sehr schmerzhaft, und verlor 
sich auch schnell wieder. Bemerken mufe ich noch, dafs die 
Hodensacknarbe nicht, wie man vielleicht vermuthen könnte , mit 
der Scheidenhaut des Hodens eine Verwachsung eingegangen 
war, denn dieser war noch wie vorher im Hodensack verschieb- 
bar. Durch dieses Verfahren wird nur eine einfache Schnitt« 
wunde ohne alle Quetschung hervorgebracht, und dies ist die 
Hauptaufgabe eines jeden Chirurgen , der nichts so sehr zu ver- 
meiden trachten mufs , als Quetschwunden , die in ihren Folgen 
gar nicht zu bemessen sind. A. Cooperhat, wie ich so eben 
in v. F r o r i e p's n. Notizen No. 257. (No. 15. des XII. Bandes) Dec 
1839, lese, auch schon angerathen, bei Varicocele ein Stück Scro- 
talhaut auszuschneiden (S. dessen Krankheiten des Hodens, Wei- 
mar 1832. S. 120. u. Guy's Hospii reports VI.), allein die 
Fälle, wo eine solche Ausschneidung angezeigt, nicht genügend 
bestimmt. Die Brescbet'sche Methode, die Varicocele zu be- 
seitigen, hat schon mehr als einmal Zufalle von nicht geringer 



88ft Pauli. 

Bedeutung hervorgebracht» und wer steht dafRr, daf? nicht aoclr 
schwerere dadurch erzeugt werden mOgen? Es ist keine Garan- 
tie vorhanden, dafe man nicht vielleicht früher öder später be- 
trächtliche, mit Gangraen endigende Entzündungen wahrnehmen 
wird nach diesem Verfahren« Zudem ist dasselbe gar nicht so 
leicht «u bewerkstelligen, als man vielleicht denken mochte; 
denn die isolirang des Vas deferens ist schwierig, und leicht ent- 
gleitet dabei eine oder die audere Vene, h 2 Fällen, die mir 
seit Kurzem vorgekommen sind, und die unter No. 1 gehören, 
habe ich folgendes Verfahren eingeschlagen, das mir einigen Vor- 
zog vor denen von Breschet, Davat, Velpeau, Fricke 
und Reynaud zu besitzen scheint Dasselbe besteht darin, 
dafs in der Rückenlage nach rasktem Scrotum, wie' Velpeau 
und Reynaud thun, eine Nadel unter der erweiterten Vene 
durch die Scrotalhaut gestochen wird, u*d eine zweite mit den- 
selben Einstichs- und Ausstichspunkten über derselben hinweg. 
Hierdurch findet, nachdem die Nadelenden durch Kork oder 
auch Heftpflaster befestigt und durch Faden umwunden sind, 
eine vollkommene! Unterbindung der Venen ohne alle Hautver- 
letzung — - denn die beiden Stiebpunkte sind kaum dahin zu zäh- 
len — Statt Nach 4 bis 5 Tagen werden die Nadeln ausgezo- 
gen, die Obliteration ist vollendet, und zwar beinahe ohne alle 
Spuren von EntzündungszuföUen *). So geschah es wenigstens 
bei den zwei Individuen, L. S. von L., 35 Jahre alt, und J* M. 
von A., 30 Jahre alt, welche ich diesem Verfahren unterwarf. Bei 
Beiden wurden 3 Unterbindungsstellen gewählt, und bis heute, 
3 Monate nach der Operation , ist noch kein einziges Zeichen von 
Wiederkehr des Uebels wahrzunehmen. Schließlich will ich das 
Suspensorium beschreiben , das ich bei Variocele gewohnlich an- 
fertigen lasse. 

Dasselbe besteht 1) aus einem 2 Finger breiten leinenen Gür- 
tel , der um den Leib gebt , und dessen Enden durch eine mit 
einem kleinen Polster unterlegte Schnalle vereinigt werden. 



•) R i c o r d (Journ. des conn. med, chir. 1839. — t. Froriep, neue 
Notizen, XIII. Nu. 14. Febr. 1840.) macht eine subcutane Ligatur der 
Venen vermittelt* einet «ektaien Faden*» wie ich sie mit Nadeln mache. 



Varicocele. 289 

2) aus dem Tragbeutel, der aus Seidentricot , um ihn ela- 
stisch zu machen, gefertigt ist, und folgende Eigenschaften ha- 
ben mufs: 

a. Er mufs etwas schräg au den leinenen Gürtel genäht seyn, 
so dafs an dem hinteren Theile des Tragbeutels keine zu grofse 
Oeffnung entsteht. 

b. Zugleich mufa er am hintern Rande eine Coulisse haben, 
welche man vermittelst eines seidenen Bandes anziehen oder lüf- 
ten kann. Diese Coulisse mufs die höchst unbequemen Schen- 
kelriemen ersetzen , indem sie das Suspensorium hinten schliefst, 
und somit dessen genaues Anlegen an den Hodensack befördert. 

c. Mufs dessen Penisöffnung nicht 2U grofs seyn, und diese 
selbst mufs unmittelbar unter dem Gürtel beginnen ; dies ist des- 
halb nothweodig, damit nicht ein Tfaeil des erschlafften Hoden- 
sackes mit durch dieselbe heraustrete. Auf der anderen Seite 
darf diese Oeffnung ffir den Penis aber auch nicht allzu klein seyn, 
damit nicht derselbe während der Erection dadurch geklemmt 
werde. 

Ich würde diese Erfordernisse eines guten Suspensorium 
hier nicht angegeben haben, wären mir in meiner Praxis nicht 
schon zu verschiedenen Malen Fälle vorgekommen, wo die Kranken 
Viel Unbequemlichkeit und selbst wirkliche Beschwerden durch 
'ein unzweckmäfslg verfertigtes Suspensorium durchzumachen ge- 
habt hatten *). 



.*) An merk, des Heraasgebers, lodern ich dem verehrten 
.Herrn Verf« in seinem Tadel der gewöhnlichen Suspensorien beistimme, 
welche den Kranken durch ihre zu grofse Dichtheit, besonders im Som- 
*tiier , sehr beschwerlich werden , und sehr häufig eine äufserst lästige 
-Intertrigo herbei fahren , kann ich nach mehrfacher Erfahrung die ela- 
stftisohe* Suspensorien empfehlen, welche bei Bettenhäuser, Sohn, 
in Frankfurt a. M. zu haben sind , indem diese bei grofser Leichtigkeit 
und Bequemlichkeit hinreichende Festigkeit darbieten. Zu dichte Sus- 
pensorien sind wegen der durch sie herbeigeführten Wärme eher nach- 
theilig als nutzlich. 



Recensionen. 
3. 

Die mikroskopischen Forschungen im Gebiete 
der menschlichen Physiologie* von Otto Kost- 
1 i n ; eine von der medic. Fakult in Tübingen gekrönte 
Preisschrift Stuttgart, Schweizerbart 1840. VIII — 304. 

und 

Die specielle Gewebelehre des Gehororganes f 
nach Struktur, Entwicklang und Krankheit von Dr. S. 
Pappenheim. Mit 1 Tafel. Breslau, Aderholz 1840. 
VIII — 160. 

Angezeigt von Dr« JuL Vogel. 

Jtfei der Beurtheilung von Schriften, welche, wie die hier ge- 
nannten , sich nicht mit hundertmal abgehandelten Gegenständen 
beschäftigen , sondern sich auf einem neuen Felde bewegen , ja 
gewissermaßen die ersten ihrer Art sind, ist es gewifc die Pflicht 
des Ref., aufser der Angabe ihres Werthes oder Unwerthes auch 
noch die Stelle zu bezeichnen , die sie im System der Medicin 
einnehmen , und den Boden zu beschreiben , auf dem sie wurzeln« 

r 

Da die beiden genannten Werke , wenn auch ihr Inhalt nicht der- 
selbe ist, doch demselben Zweige der Medicin angehören und die 
dem einen vorauszuschickenden allgemeinen Bemerkungen auch 
grofstentheils für das andere gelten, so wollen wir hier beide zu- 
sammen betrachten. 

Durch die Anwendung des Mikroskope« in der Anatomie 
wurde dieser Wissenschaft bekanntlich ein ganz neues, bisher 
nur von Hypothesen bevölkertes Gebiet eröffnet , die 6 e w e b 8- 



Köstlin. — Pappenheim« 291 

lehre oder Histologie. Sie beschäftigt sich mit den dem 
unbewaffneten Auge meist nicht mehr sichtbaren morphologischen 

* 

Elementen der verschiedenen Theile des Körpers, beschreibt ihre 
Form und Beschaffenheit, ihr Zusammentreten zu Geweben und 
ganzen Organen. Die Anfange einer positiven Histologie sind 
ziemlich alt, sie reichen bis in die zweite Hälfte des siebsehnten 
Jahrhunderts, wo Malpighi und Leuwenhoek bereits ganz 
brauchbare mikroskopische Untersuchungen lieferten. Später ver- 
nachlässigt , wurde die Gewebslehre erst seit etwa einem Jahr- 
zehnt aufs Neue in's Leben gerufen , und seitdem von vielen For- 
schern , ja mit Vorliebe bebaut. 

Wie die Anatomie, ja wie jeder Zweig der medicinischen 
Wissenschaften, so zerfallt auch die Histologie naturgemäfs in 
eine allgemeine und eine specielle. Während nun bei der 
Entwicklung einer jeden Wissenschaft zuerst ihr specieller, dann 
ihr allgemeiner Theil kultivirt zu werden pflegt, war es bei der 
Histologie umgekehrt, aus Gründen, die wir nicht lange zu su- 
chen brauchen. Die bisherige Anatomie, wir wollen sie zum Un- 
terschiede von der mikroskopischen hier die gröbere nenten , gab 
in ihrem speciellen Theile ziemlich befriedigende Aufschlüsse 
über die Zusammensetzung der einzelnen Organe und Korper* 
theile; indem sie dieselben auf bestimmte, genau cbarakterisirte 
Gewebe, wie Nerven, Muskeln, Zellgewebe,- Knochen, Knor- 
pel und dergl. zurückführte, konnte sie Jedermann genügen. Nicht 
so die allgemeine Anatomie; wenn diese versuchte, jene Ge- 
webe, wie Nerven y Muskeln u. s« w., die man sich bei der spe- 
ciellen Anatomie als konkrete Theile gern gefallen liefs, noch 
weiter zu zerlegen , so mufsfe sie sich nothwendig in Hypothe- 
sen einlassen , welche die Zweifel und zugleich die Wifsbegierde 
der Forscher erregten. Daher drängte sich, so wie durch die 
Einführung des Mikroskopes die Möglichkeit gegeben wurde, po- 
sitive Resultate zu gewinnen, Alles zur allgemeinen Histologie. 
Sie wurde auch in der kurzeu Zeit der letztverflossenen fünf bis 
sechs Jahre so weit angebaut, dafs wir gegenwärtig, wenn auch 
keine ganz vollständigen und erschöpfenden, doch ziemlich hin- 
längliche Kenntnisse über alle einzelnen Theile derselben besitzen. 



JuL Vogel, 

tAber diese Kenntnisse waren bisher noch nicht gesammelt ; sie 
.waren in einer Menge kleinerer und grösserer Schriften , Journa- 
len und dergl. zerstreut; dem Uneingeweihten war es sehr schwer, 
ja unmöglich, sich darüber zu belehren« wollte er nicht ganze 
Bibliotheken durchblättern 

In der genannten Schrift von Kost Hu finden, wir zum ersten 
.Male die zerstreuten histologischen Angaben der verschiedenen 
Beobachter gesammelt und zu einem Ganzen zusammengestellt. 
•Sie umfafst die ganze Histologie» und zwar nicht nur die Beschaf- 
fenheit der Gewebe im ausgebildeten Zustande, sondern auch die 
Vorgänge bei ihrer Entstehung und Entwicklung , so weit sie Ge- 
genständ der mikroskopischen Beobachtung sind. Der Verf. bat 
«ich sehr viele Mühe gegeben , alle Angaben der verschiedenen 
Beobachter zu sammeln, und da er die fleifsig benutzte Literatur 
überall genau citirt, so wird seine Schrift zu einem sehr vollstän- 
-digen Repertorium der Histologie» welches wir Allen, die sich spe- 
zieller für diesen Gegenstand interessiren , .empfehlen können. 
•Nicht nur die Vollständigkeit dieser Schrift verdient alles hob, 
sondern much ihre gute Anordnung und zweckmässige Zusammen- 
stellung, wodurch die Auffindung einzelner Gegenstände sebr er- 
leichtert wird. Auch eine andere Klippe bat der Verf. ziemlich 
glücklich umgangen. Es ist nämlich bei vergleichenden Zusam- 
menstellungen der Angaben verschiedener Beobachter nicht immer 
leicht, .den Sinn derselben in kurzem Auszuge wahr und treu wie- 
derzugeben , namentlich bei Gegenständen , die auf Anschauung 
beruhen und vollends dann, wenn die einzelnen Angaben sehr 
von einander abweichen. Aber eben der Umstand, dafo der Verf. 
sich begnügte, die Angaben verschiedener Beobachter zusam- 
menzustellen, ohne dabei eine auf eigene Anschauung sich stu- 
tzende Kritik anzuwenden , macht das Buch für alle diejenigen, 
denen mikroskopische Untersuchungen fremd sind, welche also 
nicht eigene Anschauungen zu seiner Lektüre mitbringen, sehr 
unverständlich, und es mochte fär Viele geradezu unmöglich seyn, 
sich von der Mehrzahl der beschriebenen Gegenstände aus den 
zusammengestellten , oft sehr abweichenden Angaben verschiede- 
ner Beobachter eine richtige Vorstellung zu machen. Freilich 



Köstlin. — Pappenheim. 298 

trägt der Verf. keine Schuld an diesem Uebelstande, der in der 
Natur der Sache selbst liegt. Der Ver£ hat vielmehr einen Ver- 
such gemacht, ihm dadurch abzuhelfen, dafs er am Ende eines 
jeden Abschnittes in einer Reihe von Schlüssen und naturphiloso- 
phischen Betrachtungen eine kurze Uebersicht über die jedesma- 
ligen Leistungen dem Leser vorlegt. Ref. , der innig überzeugt 
ist, dafs eine philosophische Betrachtungsweise und die Auffin- 
dung allgemeiner Grundsätze, die aber mit mathematischer 
Genauigkeit bewiesen werden müssen, wenn sie gül- 
tig seyn sollen, die Jiöchste Aufgabe der Naturforschung bilden, 
ist im Allgemeinen mit diesem Bestreben des Verf. ganz einver- 
standen, kann aber die Ausführung nicht überall billigen. Denn 
' von den Schlüssen und allgemeinen Betrachtungen des Verf. , die 
ihn übrigens als einen höchst geistreichen jungen Mann ankündi- 
gen , sind einige blofse philosophische Spielereien ohne eigentli- 
chen Inhalt, manche zu eng, zu weit, oder auch geradezu falsch. 
So heilst es z. B. S. 278. : „Der hohe Grad von bildender Thä- 
tigkeit, durch welchen der Uterus sich auszeichnet, Sprint. sich 
durch stärkere Wärmeentwickelung aus; wie in den Lungen, Ho 
bringt auch hier die bedeutende Wärmeströmung das Flimmerepi- 
thelium mit sich, dessen Cilien hier ganz nach dem Zuge des 

* 

Wärmestromes von innen nach aufsen schwingen. Dieser, vom 
Verf. behauptete kausale Zusammenhang zwischen Wärme und 
Flimmerepithelium mochte sich wohl schwer beweisen lassen. Ist 
doch die Flimmerbewegung gerade bei vielen Thieren von sehr 
niedriger Temperatur am meisten entwickelt, so bei vielen Infuso- 
rien, Mollusken, und unter den Wirbelthieren bei den Amphi- 
bien. — Was der Verf. S. 204 von den Milchdrüsen sagt — 
„der Hauptbestandteil ihres Sekretes sind aufser Sauerstoff, Koh- 
lenstoff und Wasserstoff, auch Salze" — ist einmal nicht genau, 
denn die Milch enthält im Käse auch Stickstoff, und zwar in be- 
trächtlicher Menge, und überdies ein blofyes Spielen mit Wor- 
ten, denn so ziemlich alle Sekrete undExkrete des menschli- 
chen Korpers enthalten Sauerstoff, Wasserstoff» 'Kohlenstoff, 
Stickstoff und Salze ; nicht die Zahl der unorganischen Ele- 
mente, sondern die Beschaffenheit der organischen Grund- 

20 



894 Jul. Vogel. 

Stoffe und unorganischen Verbindungen und das 
quantitative Verhältnifs derselben bestimmen den Cha- 
rakter der verschiedenen Sekrete. Wenn diese beispielsweise 
angeführten Stellen und manche ihnen ähnliche auch Tadel verdie- 
nen, denn jede allgemeine Betrachtung, die das Positive verl&Tst 
und in das Hypothetische hinausgeht , wird in der Wissenschaft 
zum verderblichen Irrlicht, — so kann Ref. doch anderen allge- 
meinen Darstellungen der Verf. seinen Beifall nicht versagen , so 
z. B. seiner Entwicklung der Zellenbildung und KrystaHisatioo, 
in §. 178. ff. 

Ich scbliefse diese Anzeige, indem ich die vorliegende Schrift 
nochmals allen denen empfehle, welche, schon eingeweiht in den 
Gebrauch des Mikroskopes , sich eine vollständige Uebersicht 
über die bis auf die neueste Zeit veröffentlichten Angaben ver- 
schaffen wollen , und wünsche nur , dafs der Verf. , wenn er den 
hier betretenen Weg weiter verfolgt, in seinen allgemeinen Be- 
trachtungen und Schlüssen sich weniger von einer lebhaften Phan- 
tasie ftirtreifsen lassen und mehr der kalten Ueberlegung folgen 
möge. 

Indem ich zur Beurtheilung der zweiten Schrift übergehe, 
müssen wir den oben abgerissenen Faden wieder aufnehmen. 

Wir haben gesehen , dafs der Entwicklungsgang der Histolo- 
gie bisher vorzugsweise ein analytischer war , dafs die Bemühun- 
gen der Forscher sich hauptsächlich auf die allgemeine Gewebs- 
lehre beschränkten. Die Vollendung, gemissermafsen die höch- 
ste Stufe dieses analytischen Verfahrens , bildeten histologische 
Monographieen über die Nerven, die Knochen, das Blut u. s. w. 
Je genauer man mit dem Bau einzelner Gewebe vertraut wurde, 
um so mehr mufste das Streben rege werden , das, durch den ana- 
lysirenden Verstand Getrennte wieder zu verbinden , und das Zu- 
sammentreten der einzelnen histologischen Momente zum Ganzen 
zu betrachten. Dies ist aber die Aufgabe der speciellen Histolo- 
gie , welche -die Struktur der einzelnen Gewebe als bekannt vor- 
aussetzt und sich mit der Anordnung und den verschiedenen Mo- 
difieationen derselben In gewissen Körper theilen beschäftigt. AI« 
eine der ersten Leistungen auf diesem Felde tritt uns die Schrift 



Köstlln. — Pappenheim. $Kk 

von ßa p p e n h e i m entgegen, welche . sieb mit der speeiellen Ge- 
webslehre des Gehörorganes beschäftigt Das gröbere anatomi- 
sche Verhalten der verschiedenen zu diesem Organe gehörigen 
Tbeile wird als bekannt vorausgesetzt, eben so aber auch- die 
allgemeine Histologie. Der Verf. hat alle Theile» welche da» 
äufcere» mittlere und innere Ohr bilden» mikroskopisch unter- 
sucht , er belehrt uns über die specielle Beschaffenheit der Ohr« 
knorpel, Ohrknochen, der äufseren Haut» Schleimhäute, Drü- 
sen, Blutgefäfse, Nerven» kurz aller der Theile» welche das Ge- 
hörorgan zusammensetzen. Er zeigt » wie die aus der allgemei- 
nen Histologie ihrem Typus nach bereits bekannten Elementarge-, 
webe in diesem speciellen Organe verschieden modifiotrt» nach 
Entwicklung» örtlichen Verhältnissen und dergl. gewisse Verän- 
derungen erfahren haben. Wenn uns die gröbere Anatomie des 
Gehörorganes gewissermaßen das trigonometrische Netz einer 
Karte liefert» welche Jedem» der eine allgemeine Uebersicht 
wünscht» die nötbigen Anhaltspunkte liefert» und ihn in den Stand 
setzt» sieh im Allgemeinen zu orientiren» so finden wir hier einen 
detaillirten Situationsplan» auf dem jeder Fufspfad , jedes Haut» 
ja jeder Baum verzeichnet steht und seiner Beschaffenheit nach 
beschrieben wird. Dieser Vergleich mag hinreichen» einen Bc* 
griff von dem Inhalte und dem Zwecke der vorliegenden Schrift 
zu geben. 

Die Wichtigkeit solcher Arbeiten bedarf wohl kaum einer ge* 
naueren Beleuchtung. Namentlich beim Gehörorgan» wo die 
Funktion und der Werth der einzelnen Theile noch so räthselhaft 
ist» dessen Krankheiten noch so sehr in Dunkel gehüllt» und der 
Kunsthülfe nur wenig zugänglich sind » ist eine solche Arbeit dop* 
pelt dankeoswerth. Sie mufs die Materialien liefern» aus denen 
später mit Hülfe von Experimenten und pathologischen Beobach- 
tungen eine solide Grundlage ftir das ärztliche Eingreifen aufgen 
führt werden kann. Arbeiten der Art haben aber noch einen an? 
«leren Nutzen. Sie sind der Prüfstein für unsere Kenntnisse von 
der allgemeinen Histologie ; sie dienen » die in dieser aufgestell- 
ten Gesetze zu bestätigen » zu berichtigen » und indem sie zeigen, 

20* 



_ r 

JuL Vogel. — Pappenheim. 

wie das allgemein Gehende im einzelnen Falle modificirt wird, 
eben so, sie zu erweitern. 

Der Verf. bat seine Schrift in drei Abtheilungen gebracht : 
die erste betrachtet die Struktur des Gehörorganes nach seinen 
verschiedenen Tbeilen; die zweite behandelt die Entwicklungs- 
geschichte der Gewebe des Ohres« Beide stützen sich auf sehr 
zahlreiche Untersuchungen * an Menschen und an Thieren mit 
Hfilfe des Mikroskopes angestellt; auch die Anwendung chemi- 
scher Hülfemittel, so weit sie hierher gehört, ist nicht vernach- 
lässigt Die dritte Abtheilung enthält die Resultate pathologi- 
scher Untersuchungen, welche der Verf. theils durch Beobach- 
tungen am Menschen , theils durch Versuche an Thieren erhalten 
bat Sie sind zwar nicht sehr zahlreich, bilden aber doch immer 
einen wichtigen Beitrag zur Pathologie des Gehörorganes. 

Was den Inhalt der Schrift betrifft, die der Verf. selbst in 
der Vorrede nur als Anfang einer Lösung der gestellten Aufgabe 
ankündigt, so gesteht Ref. gerne zu, dafs er sich kein Urtheil 
darüber anmafsen wolle. Denn wer wäre im Stande, diese Masse 
der mhgetheilten Beobachtungen gründlich zu beurtheilen, der 
dich nicht, wie der Verf., Jahre, oder wenigstens Monate lang 
mit diesem Gegenstande speciell beschäftigt hat? Die Tüchtig- 
keit des durch andere Arbeiten ähnlicher Art rühmlich bekannten 
Verfassers ist wohl die sicherste Bürgschaft für die Richtigkeit 
der mitgetheilten Thatsacben. Der Verf. hat seinen Gegenstand 
mit vielem Fleifse behandelt , namentlich die beiden ersten Ab- 
tteilungen sind sehr vollständig; der pathologische Theil mufete 
seiner Natur nach kürzer ausfidlen , da man auf diesem Felde die 
Beobachtungen nicht in seiner Gewalt hat. Wir erwähnen noch, 
dafe der Verf. sich hauptsächlich auf eigene Beobachtungen be- 
schränkt, und nur in wenigen Fällen, wo ihm eigene fehlen, sich 
auf fremde vertätet. Sehr erfreulich ist eine gewisse allgemeine 
Betrachtungsweise, welche sich nicht mit der Darstellung des Ge- 
sehenen begnügt, sondern auch mit philosophischem Scharfsinne 
das Getrennte zu verknüpfen, zu einem Ganzen zu vereinigen und 
auf allgemeine Gesetze zurückzuführen versucht, wenn auch Ref. 
nicht mit allen Schlüssen des Verl einverstanden seyn kann. 



Heyfelder. — Forget. 191 

Bei vollkommener Anerkennung des vielen Trefflichen und Neuen, 
welches diese Schrift enthält, wünschte Ref. indessen doch Eini- 
ges verändert. Die Schreibart des Verf. ist nämlich nicht immer 
ganz klar, so dafs man bei der Schwierigkeit und Trockenheit des 
Gegenstandes nicht selten Mühe hat, eine klare Vorstellung von 
dem zu bekommen, was der Verf. sagen will. Eben so wird 
häufig durch eingestreute Bemerkungen verschiedener Art, die 
nicht streng zur Sache gehören , die Aufmerksamkeit des Lesers 
abgelenkt 



4. 

Tratte de V entirite folliculeuse {fiivre ty- 
phoide) par C. P. Forget, professeur de clinique 
m^dicale de la faculfe* de Strasbourg« Paris, chez Bail- 
lie-re. 1841. XIV u. 856 S* a 

Recensirt von Dr. Äeyfelder«, 

"er Titel entspricht der Tendenz des Buches, in welchem nach- 
gewiesen werden soll, dafs die Krankheit, die typhöses Fieber 
genannt wird, auf einer Entzündung der Pey er 'sehen Drusen 
beruhe, welche als das Wesen des Typhoids zu betrachten sei. 

Unter den Schriften, welche der VerC als diejenigen bezeich- 
net, die er bei Abfassung dieser Monographie zu Rathe gezö- 
gen, vermissen wir besonders die von Lesser, v. Pommer, 
Berndt, Bosch, Bartels, Sicherer. Dagegen zeigt der 
Abschnitt, welcher die Geschichte des Typhoids betrifft, von einem 
gründlichen Studium der Literatur , die ihm zu Gebote gestanden'. 
Ein hartes Wort ist hier gegen P in eT gesprochen, so wie über- 
haupt alle derb angegangen werden , welche die Veränderungen 
in den Pey er 'sehen Drüsen nicht als das Wesen der Krankheit 
gelten lassen mögen. 

Die pathologische Anatomie des Typhoids ist mit besonderer 
Vorliebe bearbeitet. Die Veränderung der solitairen und conglo- 
merirten Drusen wird als die einzig constante Erscheinung in der 



288 HeyfelUer. 

Leiche bezeichnet, und bald ab körnig, bald punktirt, bald als 
netzförmig, bald als waffeiförmig, bald als pustulös, bald als 
gangränös, bald als ulcerös angegeben« Dafs krankhafte Verän- 
derungen der solitären und Pey er* sehen Drüsen auch nach an- 
dern Krankheiten gefunden werden, räumt Forget zwar ein, be- 
hauptet aber, ohne es zu beweisen, dafs diese Veränderungen 
dann weniger in die Augen fallend seyen. Dies bestätigt indefs 
die Erfahrung keinesweges und wollen wir in dieser Beziehung na- 
mentlich auf die Alb ers' sehen Beobachtungen verweisen. 

In dem Capitel • welches der Symptomatologie gewidmet ist. 
verfährt der Verf. in der Art, dafs er alle Krankheitssymptome 
einzeln discutirt, und unter Beziehung auf eigene und fremde Er- 
fahrung ihren diagnostischen und prognostischen Werth zu wür- 
digen sieb bestrebt , was mit Wahrheitsliebe und auf vorurtbeils» 
freie Weise geschieht Dies gilt auch von seinen Untersuchun- 
gen über die Form des Typhoids, wo er zu zeigen sucht, dafs 
die «Annahme einer entzündlichen, schleimigen, biliösen, adyna- 
mischen und ataxischen Form rein willkürlich ist, und dafs die 
meisten Erscheinungen , welche als Zeichen dieser einzelnen For- 
men gelten, mehr oder weniger bei jedem vom Typhoid ergriffe- 
nen Kranken wahrgenommen werden. Von einem Cerebral-, Pe- 
ctoral - und Abdominaltypbus will F. eben/all? nichts hören, Indem 
er namentlich die beiden ersten (mit Unrecht !) ganz läupet. Wir 
sagen mit Unrecht, denn wir berufen uns auf bestimmte Fälle, wo 
die Section ein statt gehabtes Leiden der Respirationsorgane bei 
vollkommener Integrität der Dairmscbleimhaut, und namentlich der 
Fey er 'sehen Drüsen nachwies. Einen Einflufs der Zeit, der 
Örtlichen und klimatischen Verbältnisse , sowie der Constitutfo an- 
nua auf das Wesen der Krankheit , weist F. ebenfalls durchaus 
zurück; ob mit vollem Rechte, geben wir anheim, da z. B. das 
gelbe Fieber doch gewifs nichts weiter, als ein durch örtliche und 
klimatische Verhältnisse modificirtes Typhoid seyn dürfte. Die 
mittlere Dauer des. Typhoids zeigte sich dem Verf. zu 25 Tagen» 
der seinen Ausspruch auf die numerische Methode basirt. 

Die Entzündung der Pey er' sehen Drüsen kann sieh Zar- 
theiten, und in. diesem Falle allein ist eine rasche Genesung mög- 



Forget, Enterite folliculeuse. 299 

* 

licfi. An kritische Tage glaubt F. so wenig, als an die Möglich- 
keit, dafe nach eingetretener Geschwfirbildung die Vernarbung 
durch kritische Bestrebungen eingeleitet werdeu könne. 

Complicationeu mit andern Krankheiten sind eben nicht sel- 
ten , nur sah F. das Typhoid nicht häufig sich zur Schwindsucht 
gesellen, was er dadurch erklären will, dafs der durch die Phthi- 
tus bedingte Zustand, von Schwäche an sich schon schützend 
sei , dafs die Tuberkelbildung in den Lungen eine präservirend« 
Fluxion hervorrufe, und dafs die Schwindsüchtigen überhaupt 
mehr die Ursachen des Typhoids vermeiden. 

Einräumen mufs der Verf. den Mangel an Ue berein Stimmung 
zwischen den Symptomen der Krankheit und den Veränderungen 
in der Leiche , was ihn aber nicht bestimmen kann , seine Ansicht 
über das Wesen des Typhoids aufzugeben, indem daraus nur 
hervorgehe , dafs das Typhoid , gleich sehr vielen andern Krank- 
heiten, keine pathognomonischen Symptome habe, aber deonöch 
mit einer andern Krankheit nicht wohl verwechselt werden könne. 

In Bezug auf die Prognose werden alle Umstände , die mög- 
licher Weise influiren , erwogen. Das Geschlecht scheint ohne 
Belang zu seyn , nicht so das Alter und die Körperconstitution, 
indem junge und kräftige Individuen am ersten unterliegen. Ei- 
nen sehr entschiedenen Einflufe üben manche somatische, und vor 
Allem psychische Einflüsse. 

F. verlor im Hospital den siebenten Kranken , ein Resultat, 
das gunstig genannt werden kann , wenn man berücksichtigen 
will , dafs die Kranken hier selten gleich Anfangs die Aufnahme 
im Hospital nachsuchen , und in der Regel erst kürzere oder län- 
gere Zeit in ihren Wohnungen durch die Cantonnalarzte behandelt 
werden , welche nur im Elsafs , nicht aber in den übrigen franzö- 
sischen Departements bestehen. 

In der Beurtheilung und Abwägung der ursächlichen Momente 
zeigt sich F. frei von Vorurtheil und von vorgefafster Meinung, 
eine miasmatische Entstehung und eine Verbreitung durch ein 
Contagium nicht unbedingt verwerfend. Die nächste Ursache 
kann er weder in einer Affection der Nervensphäre, noch in einer 
Alteration des Blutes finden. Das durch die Venäsection aus der 
Ader gelassene Blut wurde durch ihn häufig physikalisch, che- 
misch und mikroskopisch untersucht, aber die Resultate dieser 
Untersuchungen sind nicht von der Art, dafs man ein primäres 
Blutleiden daraus folgern kann. Er bleibt daher dabei stehen, 
dafs eine primitive entzündliche Affection der Pey er 'sehen Drü- 
sen das Wesen der Krankheit ausmache. Hiermit will er indes- 
sen nicht die Möglichkeit in Abrede stellen, dafs diesem entzünd- 
lichen Darmleiden ein Leiden des Blutes vorangehen könne, was 
namentlich beim Contagium des Typhus bellicus der Fall sei, aber 
auch unter diesen Umständen sei das Darmleiden als etwas durch- 



800 Heyfelder. 

aus Wesentliches zu betrachten, welchen der Krankheit ihr eigen- 
tbüraJiches Gepräge verleihe. Als ein • Analogen der akuten Exan- 
theme kann F. di& Geschwürbildung auf den Pey er' sehen Dru- 
sen nicht ansehen, was bekanntlich von Bretonneau, Cho- 
mel und Cruveilhier geschah. 

Der zweite Theil der Schrift behandelt die Therapie der 
Krankheit Etf werden hier die verschiedenen Yerfabrungsweisen 
einer strengen Kritik unterworfen , welchen die Aerzte gehuldigt 
haben , oder noch huldigen. Zuerst werden die Reizmittel abge- 
fertigt, wobei wir unter Anderem die unrichtige Aeufserung finden, 
dafs Reizmittel bei den deutschen Aerzten noch in Ansehen stehen. 

Nächst den Reizmitteln werden die als Specifica gegen das 
Typhoid empfohlenen Mitte! besprochen , namentlich die Säuren, 
das kohlensaure Gas, die Neutralsalze, die Chlorsalze, die Kälte 
u. s. w. Hier hätten wohl die grofsen Dosen Calomel eine Stelle 
verdient, welche sonderbarer Weise gar nicht erwähnt werden, 
was um so mehr auflallen kann, als der Yerf. den Verhandlungen 
über diese Methode in der Naturforscherversammlung zu Freiburg 
beiwohnte. 

F. empfiehlt in dieser Krankheit ein entzündungswidriges 
Verfahren im weitesten Umfange des Worts« Gewissermafsen 
mit Bouillaud übereinstimmend, öffnet er, namentlich gleich 
Anfangs , Coup sitr covp die Ader, verschmäht aber auch die Ört- 
lichen Blutentziehungen nicht , wenn die Periode der Krankheit, 
das Alter und die Constitution des Kranken diesen den Vorzug 
geben. Bei trockener Zunge, üblem Geschmack und heftigem 
Durste verordnet er kalte säuerliche Getränke, sonst auch wohl 
reines Wasser (und das mögen die meisten Kranken am liebsten 
lange trinken), gegen die Reconvalescenz hin erst schleimiges 
Getränk gestattend. 

Ein exspeetatives Verfahren sieht er als zulässig nur bei 
leichten Graden der Krankheit an, ein eklektisches, wenn 
es sich darum handelt, einzelnen besondern Auswüchsen der 
Krankheit zu begegnen, die der Reihe nach speciell besprochen 
werden. 

Das Buch ist mit vielem Beifall in Frankreich aufgenommen 
worden und verdient auch bei uns nicht unbeachtet zu blei- 
ben, obwohl es den deutschen Leser nicht unbedingt befriedigen 
dürfte« 



IX. 

ie Weiber von Salerno. 



Ein Beitrag zur Geschichte der Median in Mittelalter 

von 

Dr. Ludwig Choulant. 



"ie Schale zu Salerno ist eine so bedeutungsvolle und wir- 
kungsreiche Erscheinung des früheren Mittelalters und ihre Ge- 
schichte ist, selbst nach Mazza und Ackermann und nach 
dem» was neuerdings Henschel (Gesch. d. Med. in Schlesien 
1. Heft. Breslau» 1837. 8.) beiläufig zwar, aber dankenswerth 
über dieselbe geleistet hat, so wenig hinreichend erforscht, daß) 
auch ein geringer Beitrag zu dieser Geschichte, wenn er nur 
quellenhaft gearbeitet wurde, nicht ganz abzuweisen ist Und ifl 
dieser Beziehung möge das hier Folgende über die ärztliche Kunst 
der salernitanischen Weiber gewürdigt werden, welcher weder 
Schacher (de feminis ex arte meddca claris. Mps., 1738* 4.) 
noch Harlefs (die Verdienste der Frauen um Naturwissenschaft, 
Gesundheit- und Beilkunde u. s. w. Götting., 1830. 8.) ir- 
gend eine Erwähnung haben angedeihen lassen. 

Am frühesten wird einer heilkundigen Frau zu Salerno ge- 
dacht in der Hisioria ecchsiastiea des Ordericus (Odericus) 
Vitalis, eines aus England gebürtigen Benedktiners zu St, 
Evroul, der, 1075 geboren, erst nach 1142 gestorben seyn muls, 
da er seine Kirchengeschichte bis zu diesem Jahre fortführt Bei 
dem Jahre 1059 gedenkt er eines Abbas üticensis, Namens Rodr 

21 



Choulant. 

bertus de Grentemaisnilio, welcher „in grammatica et dialectica, 
tu astronomia quoque nobiliter eruditus est et mmica. Physicae 
qitoque scientiam tarn copiose habuit, ut in urbe Psalemitana, 
tibi maximae medicorum scholae ab antiquo tempore habentur, ne- 
winem in medicinali arte , praeter guandam sapientem matronam 
$ibi purem invcniret." (Orderic. Vital, histor. eccles. L 3. 
in Andr. Duchesne historiae Normamior. scriptt. antiqid. Paris, 
1619. Fol. pag. 477J. Diese Stelle führt zwar Ackermann 
ebenfalls an, nennt aber falschlich den Ordericus einen Salerot- 
taner und den in Rede stehenden Abt: Robertus Mala- Co- 
rona, ein aus der Ansicht der Stelle in der Urschrift leicht er- 
klärbarer Irrthum. (Regim. Salem* ed. Ackermann. Stendal, 
1790. 8. pag. 30 et 05.) 

Fortunatus Fidel is (f 1630) erwähnt einer salernita- 
nischen Aerztin namentlich: „Clara etiam sunt medicorum mulie- 
rumnomina, Medea, Circe, Anguitia, Ocyroe, Hepione, Aspa- 
sia, Agämeda, Cleopatra et nostra memoria Sentia Saler- 
nitana: multaeque praeter ea aliae, quas ne longus sim minime 
attingo" (Fort. Fidelis Bissus s. medicihae patrocimum. 
Punormh 1598. 4. /. % cap. 12. pag. 116). Zweifelhaft bleibt es, 
ob der Ausdruck nostra memoria auf eine noch zu den Zeiten des 
Verfs. lebende Frau deuten oder nur in Beziehung auf die vorher 
genannten Frauen des AKerthumes . gesagt seyn soll. Anton« 
Mazza, welcher steine Historia urbis Salemitanae im Jahre 1681 
zuerst herausgab (Neapoli, 4., später aufgenommen in Graevü 
et Btrnnanrd thesaur. antiquitatum et historiar. ItaUae. Tom. 4. 
pars 9), nennt, diese von Fidelis erwähnte Frau Sentia Guar na 
und erwähnt anfer ihr noch einer A b e 1 1 a, einer Mercuriadis, 
einer Rebecca und einer Trott a als solcher Frauen , welche 
„in patrio studio (sc. Salerni) docendo ac in cathedris discep- 
tando floruere," und einer Constantia Calenda, welche die 
Laurea doctoralis erhalten haben soll. Diese letztere nennt 
Toppi in seiner Biblioteca Napohtana (Neap., 1678. Fol. 
pag. 67) Costanta Calenna, figlia dt Salmtore Calenna, 
Priore del collegio di medicina di Salerno e di Napoli, und 
sagt von ihr: „leggesi dottorata in medicina, cosa di maravi- 



Weiber von Salerno. 

ff Ha, accasata con Baldassaro Santomango dt Salerno." Mazzn 
erwähnt noch a. a. O., dafs die auch von Toppi aufgeführte 
Ab eil a de atra bile and de natura seminis kumani in Versen 
etwas nicht nur geschrieben, Bondern auch in Druck gegeben 
habe (typis dedit) , dafs eben so Mercuriadis Bücher de crisib., 
de febre pcstilenti, de curatione tidnerum und de unguentis 
habe drucken lassen , und dafs Rebecca einen Band herausge- 
geben habe de f ehr ib., de urinis und de embryone. Doch möchte 
von alle dem kaum etwas anders als handschriftlich zu finden 
seyn. Die von ihm erwähnte Trotta oder Trotüla (bei 
Toppi a. a. O. Trutula de Rogiero, gentil donna di 
Salerno), , wird als die Verfasserin des unter diesem Namen ge- 
druckten Buches über Weiberkrankheiten angesehen , in welchem 
sie selbst als Magistra operis, d. h. als Meisterin einer gewis- 
sen chirurgischen Operation vorkommt, wie die weiter unten 
wörtlich mitzutherlende Stelle zeigen wird. Dafs diese Trotuia 
wahrscheinlich eine in Salerno lebende geschickte Hebamme 
gewesen, das genannte Buch aber dagegen zwar nicht von 
ihr, vielleicht aber von einer Frau zu Salerno im 13. Jahrhun- 
derte geschrieben worden sey, findet sich ausführlich untersucht 
in meinem historisch - literarischen Jahrbuche Air die deutsche 
Medicin, 3. Jahrgang, S. 144 ff. Derselben Trotuia Wird noch 
ein Buch de feris beigelegt , das aber nicht gedruckt ist 

Wichtiger als diese blofe namentlichen Anführungen der sa- 
leruitanischen Frauen, ist die Angabe einiger ihrer Rathscbläge 
selbst in den Schriften salernitanischer Aerzte. Es. geschieht 
dies weder von Constantinus Afer, noch von Garropontus und 
Copho, wohl aber von dem ältereu Pfotearius in der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts. In dem praktischen Handbuche 
des Joannes Platearins (s. ra. Bücherkunde för die ältere 
Medicin, 2. Auflage, Leipzig, 1841. 8. S. 295) kommt fol- 
gende Stelle, die salernitanischen Weiber betreffend, vor: De 
pustulh in tirga nascentibus: Pustulae quandoque fiunt in trirga, 
guibus eraptis fit eandceraHo, et nonnunquam fistula ibi eowri- 
tut* Curat imxngatur virga et fomentetur cum aqua callda et 
sapone ut superficies pustnlarum fiat rata et attenuetwr et mar 

21 * 



ttft Cfaoulant. 

Uria in sasdem convertatur. Suppanatur feßum cmdis facta 
sanie, qußd per dealbationem pustutarum cagnoscitur. Frice- 
tur leruter virga per coxam externa et repente comprimqtur. 
Per talem enim campressionem guandoque rumpitur pusttda. 
Sic qonsueverunt facere mulieres Salemüanae. (Platear. pro- 
ftica. Venet., 1530* Fol. f. 183 b). 

Id dem pharmakologischen Werke des Matthäus Pla- 
tearius, welches unter dem Namen Circa instans bekannt ist 
(s. m. Bficherkonde S. 297) , finden sich folgende hieber gehö- 
rige Stellen: Borax B, 6: Ad fadem mssndificandam et de- 
purandam conficiunt midieres (boracem) cum melle albo dispu- 
mato et mundato et cum unguento citrino. Conficiunt etiam 
unguentssm ex gaUinacea assungia cum pulvere boracis et fades 
iUistiunt. — Bernix (wahrscheinlich Succinum) B. 8: Pulvis 
autem dm apponunt mulieres Salemüanae ad clarificandam 
faciem. — Ciclamen C. 1: Quaedam autem mulier Saternitana 
probavit, quod ad omnes ficus et haemorrhoydas valet snccus 
dm* — Ad idem (sc* ad splenis Vitium) mulieres Salemitanae 
in ultimo die Jovis luna deficiente accipiunt ciclamen et ponunt 
supra spknem et cum securi incidwit in tres partes dieente 
patiente: 21 quid incidis. Jpsa respondet: Splenem, et postea 
euspendit in fumo ad dessiccandum dicendo: Sicut desiccantur 
partes istius ciclamiuis, ita desiccetur spien , et postea. bum- 
gatur unguento praedicto. — Cerusa C. 7: Habet wtem ce- 
rusa drtutem mundificandi et abstergendi super fluitatess mde 
quaedam muUerm de ea utuntssr: prima faciem abheunt, postea 
pulverem cerusae medioeriter superdueunt subtilissirmmu Aliae 
melius faeiunt: qma cerusa aUquantuhsm fetida est, conficiunt 
cerusam cum aqua rosanan et exponunt soli, maxime in aestate, 
qua consumpta aliam appommt et hoc faeiunt donec sit albissima 
et aliquantulum ar&matica, postea infarmant pilhdas et faciei 
apponunt AUae autem apponunt pulverem boracis vel campho- 
Tue vel utriusque et belüctdi marini et melius operantur. Et nota 
q*od illae, quae utuntur longo tempore adMbitione cerusae» do- 
lorem dentkun inemrunt, putrefactiones oris et fetorem* — Ca- 
lamentum C. 9: Ad exiccaudsm superflmtatem et htaniditar 



Weiber von Salerno. 805 

tem matricit fidt f Omentum ex aqua decoctionis erat; hoc, ut 
testantur midieres Salernitanae , satis valet. — Papaver 
P. 4 : Midieres Salernitanae dant pueris semen papaverh albi 
cum lade proprio. — Paritaria P. 14: Midieres Salernita- 
nae crispellas faciunt ex paritaria aqua et farina contra prae- 
dicta accidentia (sc. contra dolorem stomachi et intestinorum 
ex frigiditate vel ventositate). — Pulegium P. 16: Fomen- 
tum factum ex aqua decoctionis eitis humidUatem matricis de- 
siccat 9 vulvam mirabiliter coarctat, hoc fomento utuntur muU 
tum mulieres Salernitanae. -«— Rosmarinus R. St Ad men- 
strua provocanda et matricem mundificandäm et ad conceptum 
adiuüandum fiat f Omentum circa pudenda ex aqua decoctioni* 
eins. Mulieres Salernitanae etiam flores in oleo muscelino de* 
coquunt et decoctos tibi suppommt. — Spica S. 1: Ad men- 
strua provocanda et matricem mundificandäm et conceptum adr 
iuvandum pulvis ehis subtilis in panno Uneo vel sacculo formato 
ad modum digiti ponatur, sie diu in oleo muscelino vel sattem 
commimi bulliat et postea sibi mulier supponat. Mulieres Sa- 
lernitanae in oleo bulliunt eins pulverem et cum bombace sibi 
supponunt. — Serpillum S. 37: Fomentum etiam factum ex 
aqua decoctionis eins solvit stranguriam, dissuriam, mirifice 
confortat et mundificat. Mulieres Salernitanae hoc fomento 
multum utuntur. — Tetrahit T. 10: Ad matricis et urinalium 
viarum mundificationem et confortationem naturalis caloris. Mu- 
lieres faciunt pilltdas ex ipsa herba contrita et farina et aqua 
et eis utuntur contra stranguriam dissurium (Platear. de simplici 
medicina Hb. dictus Circa instans. Venet., 1530. Fol., f. 191, 
1926, 193, 206, 208, 2106, 211). Da Platearius in Salerno 
lebte, so kann man wohl dort, wo er von Weibern überhaupt 
spricht, die salernitanischen verstehen. 

In desselben Matthäus Platearius Glossen zu des Nico- 
laus PrapOsitus Antidotarium (s. m. Bilcherkunde S. 300) findet 
sich bei Ungt. citrinum Folgendes: Mulieres Salernitanae faci- 
unt gersam (Schminke) mistam de solo sueco serpentariae posito 
in scutella cum aqua ad solem et aquam saepe renovant ut su^ 



806 Choulant. 

pra sed non tantum valct (Platear. glost. am . Mesue VeneU 
1549. Fol /12286; Venet. 1562. Fol. f. 3956;. 

Aus dem schon erwähnten Buche Trotula de aegritudt- 
mbus muliebribus ante in et post partum , welches jedenfalls zu 
Salerno, wahrscheinlich 13. Jahrhunderte geschrieben wurde , ist 
zuerst die Hauptstelle aufzuführen , von welcher das Buch seinen 
wahrscheinlich unrichtigen Namen erhalten hat; Jdem ventus 
per vuham ingressus, ut supra diximus, et receptus in dex- 
tram partem vel sinistram matricis tantam generat ventosita- 
tem, quod quasi ruptae vel iliacae appareant. Unde communi- 
ter Trotula vocata fuit quasi magistra operis: Cum enim quae- 
dam puella debens incidi propter hujusmodi ventositatem quasi 
ex ruptura laborasset : cum eamvidisset Trotula, admirata fuit 
quam plurimum* Fecit ergo venire eam in domum suam 9 ut in 
"secreto cognosceret causam aegritudinis. Qua cognita, quod 
non esset dolor ex ruptura vel inflatione matricis sed ex ven- 
tositate, fecit hoc modo ei fieri balneum, in quo coquebatur 
malta et parietaria, et eam intromüit ac eas partes frequenter 
et satis plane tractavit mollificando et diu fecit eam in balneo 
commorari et post exitum a balneo faciebat ei emplastrum de 
succo tapsi barbati et rapistri et forma hordei et totum ilhtd 
ad ipsam ventositatem constimendam calidum apposuü et iterum 
balneo praedicto insistere fecit et sie curata remansit (Tortul* 
cap. 20. ecL Lips. 9 1778. 8. pag. 54). — Dann eine kosme- 
tische Vorschrift: Nota singulare ungnentum Valens ad solis 
adustionem et quam Übet fissvram maxime ex vento, et contra 
pustulas faciei ex a'ere, simulier contra maculas et exeoriatio- 
nes faciei, quo utunfur midieres Salernitanee. Recipe radicem 
Uliiunc.j., cerusae tmc. ij., masticis, olibani ana unc. V» 9 eam- 
phorae drac.j., axungiae unc.j., aquae rosatae q. $., cmficiantur 
sie: radix lilii mundata decoquatur in aqua et haec extraeta 
bene teratur, aanmgia veno liquefiat ad ignem et bene colata et a 
sale mundata: simul haec duodistemperentur prius, addendo ve- 
rwarn in aqua rosacea dissolutam, deinde reliqua seeundum artem 
pülverizata et ßat unguentum. Hoc igitur unguento solent prae- 
dktue mitlkreise ad igmm inwgete in sero, ut in nume a praedi- 



Weiber von Salerno. 90T 

ctts, selHcet a solh adustione et ßmtris et pustutis et kwusmodi 
tarn per aSrem quam per solis ardorem Ülaesae de die permaneant 
etc. (I. c. cap. Ol. pag. 88 .) — Ferner : Midieres Salemitanae 
pammt radicem titicellae, id est bryoniae, in melle et cum tali 
melle immgunt fadem suam et miro modo rubescit (l. c.p, 92,). 
Io dem sehr ausführlichen Capitel über Kosmetik wird auch eine 
Methode, die Haare am ganzen Körper zu entfernen, angegeben, 
und dabei bemerkt: Uoe psilothro nobiles Salemitanae uti con- 
sueverunt (L c. p. 10iJ . nach echt orientalischer Sitte ; wie denn 
Salerno zu den Zeiten der Kreuzzüge wohl einen nicht unwichtigen 
Verknüpfungspunct des Morgen - und Abendlandes abgeben , und 
unter seinen Einwohnern manchen Saracenen zählen mochte. War 
doch SicUien selbst bis gegen Ende des XI. Jahrhunderts noch 
unter saraceniscber Herrschaft t In demselben kosmetischen Ca- 
pitel werden denn auch die saracenischen Weiber erwähnt: Ego 
autem vidi guandam Sarracenam cum hac medicina multas übe- 
rare, quae accipiebat parum de foliis lauri, parum de musca et 
iubebat midieres teuere sub lingua, ne pereiperetur ab eis gravis 
anhelitus (L c. p, 96); auch wird einer Methode gedacht, durch 
welche die saracenischen Weiber ihr Gesicht färben, a. a. O. 
S. 93. Es scheint demnach , als ob die zu Salerno lebenden sa- 
racenischen Weiber eben so, wie ihre christlichen Mitschwestern, 
sich mit Ertheilung medicinischer und kosmetischer. Rathschläge 
be(a£st hätten. , 

Noch sei hier einer mehrfach von älteren Aerzten erwähnten 
Eigentümlichkeit der salernitanischen Weiber gedacht, welche 
man Frater Salernus oder Beneventanus, auch Fera 3 Harpa und 
Harpinum nannte. Es war nämlich ein mit den* gesunden Fötus 
zugleich im Ei enthaltenes molenartiges Gebilde, welches , wenn 
es bei der Geburt die blofse Erde berührte, das nachkommende 
Kind oder auch die Mutter selbst tödtete. Man schrieb ihm 
selbst Leben zu, suchte es durch Arzeneien, während der 
Schwangerschaft genommen, zu tödten, oder man bedeckte bei 
herannahender Entbindung den Fufsboden mit Decken , damit es 
beim Herabfallen nicht denselben unmittelbar berühre, auch schlug 
man es dann mit bereit gehaltenen Stocken todt. Man scheint in 



MB Choulani. 

Salerno nicht sowohl dem Weibe, ab vielmehr dem Manne die 
Ursache beigemessen zu haben , denn die SalernHaner hielten das 
Vorkommen der Harpa bei den Entbindungen ihrer Weiber för 
ein Zeugnifs ehelicher Treue derselben. Das Ganze aber scheint 
man mehr für eine Strafe des Himmels angesehen zu haben , so 
daf« Benevent und Saleroo gegenseitig den Ursprung desselben 
einander ztizuwälzen suchte. Die Sache verdient wohl von neue- 
ren Gynäkologen einer genaueren Erforschung unterworfen zu wer- 
den, und gehört jedenfalls in das Gebiet der historisch - ethnogra- 
phischen Pathologie , daher mögen hier die mir bekannt geworde- 
nen Steilen darüber vollständig wieder gegeben werden. 

Joannes Platearius (Practica XIV. 1. de menstruor. 
tetentione. Venet., 1530. Fol. f. 184); Item notandum quod ea 
quae valent ad menstrua provocanda educunt et secundinam et 
fetum mortuum et bufonem fratretn Salernitanorum. 
Notandum etiam, quod mulieres Salemitanae in principio con- 
eeptionis et ma&ime quando debet fetns vivificari praedictwn 
animal nituntur oceidere bibentes suecum apii et porrorum. 

Matthäus Platearius (Glossae in Nicolai Propos. an- 
tidotar., sub Theriaca ; an Mesue Opp. Venet., 1549. Fol. f. 224 
oder Venet., 1562. Fol. f 391b): Menstrtta educit cum succo 
artemisiae bibita vel supposita [theriaca] , alias mortuum proji- 
dt^sciUcet fetum Salernitanorum cum succo porri bibita 
si mortuum est, quod si vimtm emittitur et terram tangat, stathn 
infam moritur. 

Der parapbrasirende Versificator dieser Glossen des Pla- 
tearius, Gilles de Corbeil, Aegidius Corboliensis, zu Ende 
des XII. und Anfang des XIII. Jahrhunderts verbreitet sich sehr 
ansfährlich darüber (de laudib. et vvrtutib. medicam. c&mpositor. 
I. 4. v. 664 sq. in dessen Carmina medica. Lips. 1826. 8. 
pag. 167 fg.): 

Cum 9ucci$ arihemmae data (Tiriaca) menstrua purgat, 

HauHa vel inferin$ per tntfoom peesarizmta 

Exammem fetum peüit fratremque Salernum: 

Vegeneris formae monstrum enormis geniturac, 

Prodigium natae noväer eonforme suillpe, 

Sed magis horrendum speck visuque pavendum, 



Weiber von Salerno. löfr 



Matronae SamniUe habet praecurrere partum, 
Quod socium maturato tarn tempore partus 
Praevenit infantem , cum 9110 #&* lectulus idem, 
Una domus fuerat , eadem »ubstantia victus, 
Matricis quam cista suis collegit in ulnis. 
Ostia naturae reserans et claustra monetae 
Sternit Her tentatque vaäum , praenunciat ortum 
Fernula funestue et subplantator iniqwts, 
Ezpeshus luci dulces prueconoipit auras 9 
Infanti primae bravium rapiens genilurae, 
Se pater Italiens probat hoc praecone par entern, 
Perpenditque svae iam vera prognostica prolis: 
Sic probat uxoris meritum , talique sigillo 
Imprimit et eigaat deooti foedus amoris. 
Omine feliei gaudet matrona nee ipsam 
Instantis gravat ex partu pressura doloris 9 
Alleviat mens laeta malum , pondusque labores 
Exonerat, leve fit , quod sustinet aequa voluntas» 
Inde pudiciliae dotes salvique pudoris 
AUegat titulum , quae formae forsan inhaeret 
inde resarcitur eulpae semura priori» 1 
Impetfrat hoc solo veniam redimitque reatum. 
Quam licet accedens intermolat advena Francus 
Concutiatque vagus mercator plus mulieri 
Gratus , privato dum partus limine tale 
Prodeat ostentum , morum se laude eoronat. 
Motte perit subita mater si corpore nudo 
Contingat nudam deformis bestia terram: 
Unde domus variis substernitur area pannis 9 
Jnterimunt baculis animal lignisque reeepturn, 
Eius ut interitu salvetur vita perennis. 
Naturae hoc vitium , tarn detestdbile sortis 
-Dedecus humanae , demissam coelitus iram, 
Nummis offensi vindiciam , infame tributwn 
Gens Beneventana aatagit transferre SaUmum 9 
Ut cum partieipes habeat sociosque pudoris 
Immeritamque suo contemnat crimine gentem. 
Absit ut egregiam talis nota polluat urbem 
Cuius forma nitet late diffusa per orbem, 
Quam medicinalis ratio , quam physicus ordo 
IneoUt atque regit, quam nostrae prooidus artie 
Cultu» 9 odoriferus specierum inbahamat orbis* 



tl0 Choulant. 

f 

l 

Si dornt kvio monstro eorruptio spermatia ortum 
Herbarumve csus vel menstruua humor abundans, 
Aul intemperies matriei» sive auperni 
Ullio iudicii meritis inflicta priorum : 
Physica per species herbat ^tt aromata totum 
Deleret vitium causamque mali removeret, 
Sanctua et osaiduo plocotus thure Matkaeus 
Compatkn* populo coeli converleret traut« 

Bei den letzten dreizehn Versen wird man nicht fibersehen, 
dafs Aegidins ein Schüler und grofser Verehrer der salernitani- 
schen Lehranstalt, und dafs der Evangelist Matthäus der Schutz- 
patron von Saierno war, das auch seine Reliquien bewahrte. 
Uebrigens sieht man. dafs Aegidins weder eine natürliche , noch 
eine übernatürliche Ursache des endemischen Uebels anzugeben 
weifs. (Vgl. m. Bücherkunde für die filtere Medicin, 2. Aufl. 
S. 318 fg.) 

Franciscus Pedemontanus zu Verona, welcher im 
Anfange des XIV. Jahrhunderts ein Complement zu des jüngeren 
Mesue unvollendet gebliebenem Werke: Practica medicinarum 
particularium (de remediis appropriatis) gab, erwähnt in der 
Abtheilung de aegriiudwib. matticis diesen Gegenstand ebenfalls. 
Es heifst hier Cap. XV» de mola folgendermaßen : Contingit ta- 
rnen in meridionalibus et australib. regionibus in mulieribus multi 
et pravi sanguinis ex malitia nutrimenti supra eoncepttan verum 
qnoddam frustufi carnis a praedicta materia generari, portans 
et Habens speciem animalis s. bubonis vel harpae vhens, quod 
mulieres feram appellant, quae quandoque embryonem oppri- 
mity perimit et interimit et quandoque cum eo in partu emittitur 
et, ut asserunt, tantae proprietatis existit et malitiae, quod H 
cadens in terram hora partus mordeat embryonem statim moritur 
fetus. Cuius animalis forma et vita non existit a virtute sperma- 
tis viri primi, sed errore ipsius cum, iam animal et hominem in- 
formaverit 9 red secundi in coitu secundo emissi, cuius error pro- 
cedit ab influentia constellationis seu virtutis celestis, ut Arist. 
XVIII de animalib. dixit, et quandoque accidit, quod illa call- 
ditas illam maieriam non condensat in sanguinem prae multitu- 
dine sui 9 sed iüam natura cooperante digerendo dissokat, con- 



Weiber von Salerno. 811 

vertat In aquositatem vel ventttm, quod emissum cum egredielm 
erit sicut aquositas sanguinis mixta vel ventus ut dicit Au er. 
(Mesue opp. ed. Venet. 1549. Fol f. 137 .) 

Von neueren Schriftstellern vermag ich nur den Ferraresen 
Lnigi Bonaccivoli als einen solchen zu erwähnen, welcher 
der salernitanischen Mola gedenkt : Quasdam enim regionibus non- 
nullis meridionalibus animal vivens (quod feram cognominant, 
frequentissimum in Hispania Vitium) genuisse mulieres compertum 
habetur. Quod si dum editur terram parietesve easu aliquo inaur* 
spicatum animal id teügerit, puerperae mortem veridico auspicio 
auspicari extra omnem fortunae aleam autumant. Quocirca prius- 
quam enitatur loci illius, in quo praegnans parturire debet, pa- 
rietes ornamentis protegunt, tapeta et in genus reliqua pedibus 
substemunt. (Lud. Bonacioli enneas muliebr. c. 9. in Sp ac- 
ta gynaee. Argentor. 1697. Fol. f. 147.^ 

Weder in der eben angefahrten Sammlung der Gyn&cie, noch 
in den Compilationen gynäkologischen Inhalts des Martin Schu- 
rig von Dresden findet sich irgend etwas über diesen Gegen- 
stand. 



X. 

Medicinisch - statistische Beiträge. 

Ton 

Dr. Cless*). 



Jlo meiner jüngst erschienenen Schrift: „Medicinische Statistik 
der innerlichen Abtheilung des Catherinen - Hospitals zu Stuttgart. 
(Stuttgart 1841)," habe ich die Ergebnisse des genannten Hospi- 
tals in medicinisch - statistischer Beziehung auszubeuten versucht. 
Eine weitere Verfolgung des Gegenstandes führte mich zu Untersu- 
chung einiger neuer, in der genannten Schrift nicht berührten Fra- 
gen , deren Beantwortung auf statistischem Wege , nach den Er- 
gebnissen desselben Hospitals , hier folgen soll. 

Voraus zu bemerken ist, dafs die Kranken des Hospitals 
grufstentheils der Classe der Dienstboten und Handwerksgesel- 
len, und somit auch gröfstentheils dem Blüthen- und Mannes- 
alter angehören. 

1. Welchen Einflufs üben Jahreszeiten und Ge- 
schlecht auf die Dauer der Krankheiten im Allge- 
meinen? 

Was den ersten Tbeil unserer Frage, den Einflufs der 
Jahreszeiten auf die Dauer der Krankheiten, betrifft, so 
wurde Behufs der Beantwortung derselben von acht Jahrgängen 



*) Yergl. unten die ftecension der Schrift des Verfs. : Medic. Sta- 
tistik des Catherinen -Hospitals in Stuttgart Stnttg, 1841. 



M edic.-statistische Beiträge, 



S13 



die Zahl sämmtltcber io jedem einzelnen Monate aufgenommenen 
Kranken und die Gesammtzahl der Verpflegungstage derselben 
notirt, und daraus die mittlere Dauer des einzelnen Krankheitsfal- 
les in jedem Monate berechnet Die monatlichen Zahlen der ein* 
zeinen Jahrgänge werden hier» der Kürze halber,, übergangen« 
und nur das Resultat der Summen und Berechnungen aus den 
acht Jahren zusammen in folgender Tabelle gegeben : 



Jahreszeit. 


Zahl der Kran- 

Irpn 


Mumme der 
Verpflegunga- 


Mittlere Dauer 
eines Krank- 




>CH 


tajre. 


heitsfalles. 


Januar 


998 


22341 


22,4 


Februar 


921 


21237 


23,0 


Mars. 


1076 


20640 


19,2 


April 


953 


18797 


19,7 


Mai 


896 


16504 


18,4 


Juni 


1053 


19806 


18,8 


Juli 


92? 


18158 


19,6 


Augast 


94? 


17881 


18,9 


September 


800 


1572? 


19,7 


October 


811 


17196 


21,2 


November 


898 


19343 


21,6 


December 


842 


18976 


22,5 


Frühling ') 


2925 


55941 


19,12 


Sommer 


292? 


55845 


19,0? 


Herbst 


2504 


52266 


20,8? 


Winter 


2761 


62554 


22,65 


Die 12 Monate 


11117 


226606 


1 *M 


zusammen. 


1 




1 



Somit haben die Krankheiten im Sommer die kürzeste Dauer; 
ihm folgt sehr nahe stehend der Frühling, auf diesen der Herbst; 
die längste durchschnittliche Dauer seiner Krankheiten zeigt der 
Winter. Unter den einzelnen Monaten fallt auf den Mai, das Mi- 
nimum , auf den Februar das Maximum der Dauer. Die sieben 
Monate März bis September stehen sämmtlich unter dem Jahres- 
mittel , die fünf Monate October bis Februar über demselben. 

Dafs diese Erscheinung keine blofs zufällige ist, sondern auf 
constanten Gesetzen beruht, zeigen die Ergebnisse der einzelnen 



*) Frühling = Bf in bii Mai; Sommer = Jnni bis August; Herbst 
September bis November $ Winter = December bU Februar. 



314 Cless. 

Jahrgänge. Von den acht Jahren fiel das Maximum der Verpfle- 
gungstage in eechsen auf den Winter, in zweien auf den Herbst, 
das Minimum in fiünfen auf den Sommer, in dreien auf den Früh- 
ling. Unter den einzelnen Monaten fiel das Maximum einmal auf 
den Oetober, einmal auf den November, zweimal auf den Decera- 
ber, zweimal auf den Januar, und zweimal auf den Februar; das 
Minimum einmal auf den März, zweimal auf den April, zweimal 
auf den Mai, einmal auf den Juni, und zweimal auf den Septem- 
ber. Somit bewegt sich hier das Maximum zwischen October 
und Februar, das Minimum zwischen März und September. 

Aus dem Bisherigen ergiebt sich das Gesetz: Die Dauer 
der Krankheiten steht unter dem Einflüsse der Jah- 
reszeiten; in der wärmsten Jahreszeit ist die- 
selbe am kürzesten, und wächst mit dem Sinken 
der Temperatur. 

Aehnliche Berechnungen, die wir für die unsrigen zum Mu- 
ster genommen haben, hat Fenger in Copenhagen in seiner 
kleinen Schrift: „Quid faciant aetas annique tempus ad fre- 
quentiam et diutumitatem morborum hominis adulti, disquisi- 
tio medico-statistica (Havniae MDCCCXL)" angestellt. Das 
Material seiner Arbeit schöpfte er aus den Acten des Institutes 
der Scbiffszimmerleute an der königlichen Flotte zu Copenhagen. 
Seine Untersuchungen über die mittlere Dauer der Krankheiten 
erstrecken sich auf einen Zeitraum von 15 Jahren und eine Zahl 
von 7608 Kranken. Seine Ergebnisse für die mittlere Dauer der 
Krankheiten in den einzelnen Monaten und Jahreszeiten sind fol- 
gende: 

Januar 28,7 Tage Juli 17,0 Tage 

Februar 24,0 August 17,9 

März 21,4 September 18,7 

April 18,9 October 20,7 

Mai 17,6 November 20,4 

Juni 18,9 December 23,0 



Winter 25,5 Sommer 17,& 

Frühling 19,2 Herbst 19,8 

* « 

« Jahresmittel 20,2. 



Medic-statistische Beiträge. &15 

Somit stellt sich bei F eng er das oben besprochene Gesetz 
über den Einflute der Temperatur auf die Dauer der Krankheiten 
noch weit entschiedener und regelmässiger heraus 4 als bei uns, 
indem es selbst für die einzelnen Monate, mit Ausnahme einer 
kleinen Unregelmäßigkeit , im Juni und November, Stand hält. — 
Sicher darf das übereinstimmende Resultat unserer beiden, an 
zwei von einander so entfernten Punkten angestellten Untersuchun- 
gen als schöne Bestätigung eines auf statistischem Wege ermittel- 
ten Gesetzes angesehen werden. 

Fragt man nach der Ursache dieser Erscheinung, so liegt al- 
lerdings die Erklärung am nächsten, dafs, je ungünstiger und 
kälter die Jahreszeit ist, der Reconvalescent desto vorsichtiger 
vor einem zu frühen Austritt in die freie Luft und der Rückkehr 
zu seiner Beschäftigung bewahrt werden mufs. Ob aber dieser 
Umstand als die einzige Ursache der genannten Erscheinung anzu- 
sehen ist, oder ob derselben nicht auch ein Einflußs der äufseren 
Temperatur auf Dauer und Verlauf der Krankheiten selbst zu 
Grunde liegt, soll vor der Hand dahin gestellt bleiben, wiewohl 
ich geneigt wäre, für Letzteres mich zu entscheiden. 

Vergleichen wir die mittlere Dauer der Krankheiten in den 
verschiedenen Jahreszeiten mit der Häufigkeit der Erkrankungen, 
so finden wir, dafs beide Verhältnisse sich ganz verschieden von 
einander verhalten. Während bei uns Frühling und Sommer 
mehr Kranke zählen als Herbst und Winter, sind dagegen die 
Krankheiten der beiden ersteren von kürzerer Datler als die der' 
beiden letzteren. Auf ähnliche Weise haben die Untersuchungen 
in meiner oben genannten Schrift gezeigt, dafs Aforbitität und 
Mortalität nichts weniger als gleichen Schritt mit einander halten. 
Somit erkennen wir, dafs Häufigkeit , Dauer und Toddichkeit der 
Erkrankungen in keiner Abhängigkeit von einander stehen* son- 
dern dafs jedes dieser Verhältnisse von eigenen 'Gesetzen regiert 
zu werden seheint. 

Zur Untersuchung des 1 zweiten Theiles unserer Frage, über 
den Einflufs des Geschlechts auf die Dauernder Krankheiten 
im Allgemeinen , habe ich folgenden Weg eingeschlagen. 

„ Von säinnitlicbgn innerhalb drei Jahren . auf der innerlichen 



316 



Clesa. 



Abtbetlung des Cnthartnen* Hospitals behandelten Kranken wurden 
f&r jedes Geschlecht besonders von Semester zu Semester <tte 
Zahl der Kranken, die Gesammtzafa! der ihnen zukommenden Ver- 
pflegungstage, und daraus die Durchschnittszahl der letzteren für 
den einzelnen Kranken berechnet Nur die der innerlichen Ab* 
tbeilung gleichfalls zugetheilten Krätzigen wurden aus der Berech- 
nung weggelassen , so dafs die Untersuchung ausschließend nur 
auf innerliche Krankheiten sich bezieht. Die Resultate dieser Be- 
rechnung sind in folgender Tabelle verzeichnet : 





Männer 


Weiber 




Zahl der 
Kranken 

* 


Geflammt- 
tahl der 
Verpfle- 

gnngstage 


Durch- 
schnitts- 
zahl der 
Verpfle- 
gongstage 


Zahl der 
Kranken 


Gesammt-I Durch- 
zahl 1 Schnitts« 
1 zahl 
der Verpflegangstage 


1. Semester 

2. 

3. 

4. 

S. 

6. 


235 
227 

287 
819 
220 
263 


5039 
4468 
590 L 
5724 
8851 
5085 


21,4 
19,6 
20,5 
17,9 
17,5 
19,3 


413 
263 
335 
406 
282 
353 


9241 
6318 
6952 
7899 
6256 
7216 


22,3 
24,0 
20,7 
19,4 

22,2 
20,4 


Gesammtsnmme 
der 3 Jahre 


1551 


30068 


19,88 


2052 


43882 


21,39 



Wir erfahren hieraus, dafs sich für das männliche Geschlecht 
constant, ohne Ausnahme eine kürzere durchschnittliche Dauer 
der Krankheiten herausstellt, als für das weibliche« Der Unter- 
schied zu Gunsten des erstem beträgt in den drei Jahren im Gan 
sen etwas über zwei Tage für den einzelnen Krankheitsfall. Bei 
der Constanz, mit welcher sich diese Erscheinung in jedem von 
uns berechneten. Halbjahre bestätigte» schien es erlaubt, Zeit und 
Blühe f&r Berechnung grofserer Zeitabschnitte und Zahlen zu spa- 
ten, und die Sache schon aus den Resultaten des vorliegenden 
dreijährigen Abschnitts als ausgemacht zu betrachten. 

Der Grund dieser Erscheinung kann ein doppelter seyn : ent- 
weder verlaufen im Allgemeinen die Krankheiten beim männlichen 
Geschlechte rascher und kürzer als beim weiblichen» d. h. der 
Grund läge in der Innern Organisation beider Geschlechter, in 
ihrer verschiedenen Widerstandskraft gegen Krankheiten; oder 
•bei der Grund liegt in der Ali der jedem Geschlechte Vorzugs- 



Medic.-statistische Beiträge. 311 

• 

weise zukommenden Krankheiten. So schlägt z. B. das weibliche 
Geschlecht bei den rheumatischen Affectionen, den gastrischen 
und nervösen Fiebern vor, Krankheiten , denen an und für sich 
im Durchschnitt eine längere Dauer zukommt als den Entzündun- 
gen , bei denen das männliche Geschlecht überwiegt. Die unter 
dem weiblichen Geschlechte bei uns so verbreitete Bleichsucht 
ist gleichfalls eine Krankheit, deren Kur in der Regel die mittlere 
Verpflegungszeit überschreitet , Dagegen bilden bei andern chro- 
nischen, langwierigen Krankheiten, namentlich bei der drohen- 
den, und ausgebildeten Schwindsucht , in unserem Hospitale die 
Männer die bei weitem überwiegende Anzahl. Durch Berechnung 
der Dauer einzelner beiden Geschlechtern gemeinschaftlicher 
Krankheiten , in einer gehurigen Anzahl von Fällen , abgesondert 
für jedes Geschlecht, liefse sich ohne Zweifel die Frage ihrer 
Entscheidung näher bringen. Vor der Öand müssen wir uns mit 
der unbestimmteren, allgemeineren Fassung des durch unsere 
Berechnung erhobenen Gesetzes begnügen: die Dauer der 
Krankheiten ist im Durchschnitt beim männlichen 
Geschlechte etwas kürzer als bei-m weiblichen* 

2) Welchen Einflufs üben Epidemieen auf die 
Zahl der übrigen Krankheiten während ihrer 
Dauer? 

Ueber diese Frage äufsert sich F enger aus Gopenhagen 
In seiner schon oben citirten Schrift (S. 62) folgender Mafsen: 
„Markos epidemicos relinquere non possum, antequam errorem 
disjecerim, quo fere otnnes medici ducuntur. Quando morbus 
quicwque epidemicns jaevit, ille attentionem medicorum adeo 
allicit, ut ceteros morbos minoris faciant ; inde ortum est dictum 
illud antiquum, sub epidemiis ceteros morbos rariores evadere/' 
Er führt seinen Beweis aus einer einfachen statistischen Berech- 
nung nach den 15jährigen Resultaten seines Hospitales, und 
schliefst mit folgenden Worten: „Si igitur mensibus 9 qtäbus 
epidemia saevit, casus epidemiae debitos subtraMmus omnes, tot 
restant, ut plerumque numerum vulgarem casuum Ulis mensibus 
potius excedant; quare falsa habenda est illa opinio, epidemia 
praesente ceteros morbos stiere." 

22 



318 



Cless. 



Dieses unerwartete Resultat machte mich neugierig, die 
Frage einer ähnlichen statistischen Untersuchung aus den Erfah- 
rungen des Catharinen - Hospitales zu unterwerfen. 

Im verflossenen Jahrzehend haben in unserer Stadt 7 Epide- 
mieen unter den Erwachsenen geherrscht: dreimal die Influenza, 
zweimal das Schleimfieber, und einmal . Cholera und Ruhr. In 
folgender Tabelle sind sämmtliche Epidemieen mit den einzelnen 
Monaten , über die sich ihre Herrschaft erstreckte , zusammenge- 
stellt. Die Reihe A giebt die Zahl sämmtlicher in dem betreffen- 
den Monate in's Hospital eingetretener Kranker; wie viele davon 
der Epidemie angehorten, zeigt B, die Zahl der übrigen, nicht 
epidemisch Kranken C. Zur Yergleichung mit letzterer giebt D 
die zehnjährige Durchschnittszahl der Kranken des betreffenden 
Monats , berechnet aus den Monaten , in welche keine Epidemie 
fiel. Die Differenz zwischen beiden letztern enthält E. 



B 



CI DIE 



Infjnensa 
Influenza 

Influenza 



1831: 
1833: 

1837: 



Schleimfieber 1835* 



Schleimfieber 1830-10: 



Cholera 



Bahr 



1834: 



1834: 



Juli 

Mai 

Juni 

Man 

April : 

Augast 

September 

October 

November 

December 

December 

Janaar 

Februar 

Juli 

August . | 

August t 

September 



14? 
122 
184 
283 
139 
117 
128 
134 
185 
9» 
171 
171 
128 
131 

119 
122 



48 
37 
110 
220 
56 
57 
103 
94 
79 
40 
87 
98 
46 
13 
22 
11 
39 
20 



99 
85 
74 
63 
83 
60 
25 
40 
56 
59 
84 
73 
82 
118 



102—3 
101 —16 



86 

83 
95 



104 

101 

104 

104 

76 

79 

94 

87 

87 

109 

110 

102 

104 
76 



—30 



—21 
—44 



—51 
-39 

—38 



— 3 
—36 

-28 
+16 

—18 
+ 7 



October 1 115 20 J 95 j 79 1 +16 

Die nächstfolgende Tabelle enthält, Dach ähnlichem Schema, 
die Epidemieen als Ganzes zusammengefaßt : 






Medic. -statistische Beiträge. 310 



Influenza - Epidemieen 
Schleimfieber - Epidemieen 
Cholera- u. Ruhr - Epidemie 



Sämuitliche Epidemieen zu- 
sammen 



875 
1083 

487 

2445 



B 



471 
604 
105 

1180 



D 



404 
479 
382 

1265 



Verhältnis 
von B zu C 



512 
746 
361 

1619 



100:86 
100:78 
100:363 



100:107 



Verhältnis 
von D zu t 



100:78 
100:64 
100:105 



100:78 



Wir sehen schon aus der ersten Tabelle, dafs fast ohne Aus- 
nahme während der Dauer einer Epidemie die Zahl der nichtepi- 
demisch Kranken in . den einzelnen Monaten beträchtlich gerin- 
ger ist, als die Krankenzahl in denselben Monaten aufser der 
Zeit von Epidemieen. Diesem entsprechen die Resultate der 
zweiten Tabelle. Die bedeutendste Verminderung der übrigen» 
Krankheiten zeigen die Schleimfieber-Epidemieen ; bei ihnen kom- 
men auf 100 epidemisch Kranke 78 andere Kranke ; und die Zahl 
der letztern verhält sich zur Durchschnittszahl der Kranken aufser 
der Zeit der Epidemieen wie 64 zu 100. (Am stärksten hierin 
zeigte sich die Epidemie von 1835, auf deren Höhe im Monat 
September mehr als vier Fünftheile sämmtlicher Kranker dem epi- 
demischen Fieber angehorten , und die Zahl der nicht epidemisch 
Krauken von der sonstigen Krankenzahl dieses Monats in epide- 
miefreien Zeiten nicht ganz ein Dritttheil betrug. (Vgl. die 1. 
Tabelle). — Dem Schleimfieber folgt die Influenza, in deren drei 
Epidemieen auf 100 epidemisch Kranke 86 andere Kranke kamen, 
und die Zahl . der letztern zur Durchschnittszahl der Kranken in 
epidemiefreien Zeiten wie 78 zu 1Q0 sich verhielt. — Läge der 
Grund des Üeberwiegens der epidemischen Krankheit 'über- die 
audern Krankheiten, der Grund der Verringerung , der letztern 
während der Dauer der Epidemie nur in der Intensität der letz- 
tern, so müfste bei uns die Influenza die Oberband über das 
Schleimfieber gewonnen haben, indem sie mit weit stärkerer In- 
tensität auftrat, als die letztere, wie sich dies aus den Zahlen 
der Reihe B der. ersten Tabelle ersehen läfst; einmal steigt die 
Zahl ihrer Kranken in einem .Monate auf 110, in einem anderen 
sogar auf 220, Summen, wie sie das Schleimfieber nie aufzuwei- 
sen hat. Somit begründet der Grad der Intensität einer Epidemie 

22* 



320 Cless. 

nicht aHein schon den Grad ihrer Herrschaft über den gesammten 
Krankheitsgenius. Dafs ein epidemisches SchleimGeber, wenn es 
mit einiger Intensität auftritt, die Zahl der übrigen Krankheiten 
während seiner Dauer noch weiter herabdrückt, als eine selbst 
mit noch stärkerer Intensität auftretende Influenza - Epidemie , fin- 
det, wie ich glaube, leicht in der Entstehung, in dem Wesen 

9 

beider Epidemieen selbst ihre Erklärung. Das Schleimfieber, das 
bei und das ganze Jähr hindurch sporadisch herrscht, ist, wenn 
es zur Epidemie sich erhebt, das unmittelbare Product der In- 
nern fortschreitenden Entwickelung des genius epidemicus; wäh- 
rend , ganz verschieden davon , die Influenza offenbar das Product 
eines uns viel entfernter liegenden kosmisch - tellurischen Miasma 
ist, das auf seiner Wanderung in eine Stadt einfällt, als ein äufse- 
rer zufälliger Einbruch in ihren localen genius epidemicus. Da- 
mit hängt auch der viel raschere Verlauf sämmtlicher Influenza- 
EpTdemleen im Vergleich zu den Epidemieen des Schleimfiebers 
zusammen. Zwefr Epidemieen des ' letztern nahmen zusammen 
8 Monate in Anspruch, die drei der ersteren im Ganzen nur 
5. Ohne eine innigere Verbindung mit der herrschenden Krank- 
heitsconstitution einzugehen, verläfsf die Influenza nach rascher 
Verheerung den Ort, wo sie nur als Gast geweilt hatte, bald 
wieder; während die Existenz des epidemischen Schleimfiebers 
an die langsamere Entwickelung und Umwandlung der Krankheits- 
constitution selbst gebunden ist 

Die einzige Cholera- und Ruhr -Epidemie vom Sommer 1834 
stimmt in* ihren numerischen Resultaten mit der Behauptung und 
den Resultaten von Fenger in Copenbagen überein. Es kamen 
bei ihr auf 100 epidemisch Kranke 363 andere Kranke , und die 
Zähl der letztern verhielt sich zur Durchschnittszahl der Kranken 
in fepidemiefreien Zeiten wie 10# zu 100. Somit überstieg also 
wählend der Herrschaft dieser Epidemie die Zahl der 'ihr nicht 
angehurigen Kranken selbst noch die sonst gewöhnliche Kranken- 
zähl. Der Grund dieser Erscheinung mag wohl in der geringen 
In- und Extensität der beiden fraglichen Epidemieen liegen , die 
zwar' allerdings, gleich dem Schleimfiebbr, als das unmittelbare 
Product T der' epidemischen KjankheUscönstitution anzusehen sind, 



Medic. -statistische Beiträge. 321 

aber zu unbedeutend waren, als dafs die epidemische Krankheits- 
eonstitution ganz in ihnen aufgegangen wäre, sich ganz in ihnen 
erschöpft hätte. 

Fenger nennt in seiner Schrift die einzelnen Epidemieen, 
die seiner Berechnung zu Grunde lagen, nicht; die von ihnv an- 
gegebenen Zahlen aber lassen vermutheo , dafs er es mit keiner 
Epidemie von bedeutenderer Intensität zu thun hatte; so wie auch 
das Hospital, das ihm seine Beobachtungen lieferte, zu den klei- 
neren gehört, und jährlich nicht mehr als 500 Kranke zählt 
So glaube ich den Grund seines von dem unseren abweichenden 
Resultates hauptsächlich in der Kleinheit seiner Zahlen und in 
der Beschränkung seines Terrains suchen zu müssen. — Ich 
glaube , dafs durch unsere hier yorgejegten Berechnungen ein Bei« 
trag zur Bestätigung und sicheren Begründung des alten Glaubens, 
den Fenger unbedingt umzustofsen versucht, gegeben wurde, 
und dafs der Ausspruch immer noch im Allgemeinen gültig ist: 
zur Zeit von Epidemieen vermindert sich die Zahl 
der übrigen Krankheiten. — Eine Vergleichen^ zahl- 
reicher verschiedener Epidemieen in ihrem Verhalten zu diesem 
Gesetze, und eine nähere Untersuchung über die verschiedenen 
Krankheitsformen, die durch ejne jeweilige Epideniie zurückge- 
drängt oder auch vermehrt werden, wäre eine siqher nicht frucht- 
lose und unverdienstliche Arbeit im Bereich r d>r niediciniscben 
Statistik, die aber ein wety ausgedehnteres Material erfordert, 
als es unser Hospital bis jetzt zu bieten inj Stande ist. 



XL 

Zur Behandlung der Contracturen und Anky- 
losen des Kniegelenks« 

Von 

Dr. F. W. Fabricius 

iu Frankfurt s. M. 



"ie Ankylosen und Contracturen des Kniegelenks gehören zu 
den am häufigsten vorkommenden ' Difformitäten. Fast überall be- 
gegnet man solchen Unglücklichen , die entweder an Krücken ein- 
herschaukeln, oder auf irgend einem, oft sehr abenteuerlich con- 
struirten, Apparate sitzend sich fortschieben. Erst der neueren 
Zeit war es vorbehalten, ein Heilmittel gegen dieses Uebel zu 
finden; Stromeyer und Dieffenbach haben sich dadurch 
ein unvergängliches Denkmal gestiftet. 

In einem früher von mir mittelst Sehnendurchschneidung und 
nachheriger allmähiiger Streckung nach Stromeyer's Vorgang 
operirten Falle von Contractur beider Kniee (bei einem 12jährigen 
Knaben in Folge von in früher Kindheit Statt gehabtem Hirnleiden 
entstanden) hatte ich mich von der Langwierigkeit , Schmerzhaf- 
tigkeit, so wie von dem unvollkommenen Resultate der Behand- 
lung mittelst allmähiiger Streckung überzeugt. Und doch hatte die 
Krankheit in diesem Falle nur in den Muskeln und Sehnen ihren 
Sitz, keine feste Verwachsung zwischen den Knochen fand Statt. 
Bei wahrer Ankylose versprach demnach diese Behandlungsart 
keinen Erfolg, und die Resultate» die Louvrier durch seine 
gewaltsame Brechung der Ankylose erhielt, reizten gleichfalls 



Contracturen des Kniegelenks. 323 

nicht zur Nachahmung. Um so erfreulicher war es mir, in Dief- 
fenbach's trefflichem Werke aber die Durchschneidung der Seh- 
nen und Muskeln zahlreiche Fälle zu finden, in 'welchen dieser 
kühne Operateur bei wahren Ankylosen nach Durchschneidung 
der Sehnen sogleich die gewaltsame Streckung des Gliedes vor- 
genommen hatte. Der Zufall wollte , dafs mir alsbald mehrere 
geeignete Fälle vorkamen» und ich beschlofs» dem Vorgange des 
Meistere zu folgen. Die Erzählung der einzelnen Fälle halte ich 
defshalb nicht für unnuthig, weil ich offen bekenne» dafs ich mich 
zu dieser scheinbar sehr gewaltsamen Operation nur mit Wider- 
streben und nicht ohne grofses Bedenken entschlofs ; da es nun 
vielen meiner Collegen ebenso ergehen dürfte» so mochte vielleicht 
die ungeschminkte Erzählung dieser Fälle und deren befriedigen- 
der Ausgang etwas dazu beitragen , sie zu dieser Operation zu 
bestimmen» und dadurch den zahlreichen Nothleidenden dieser 
Art Hülfe zu verschaffen. 

« 

1) Fritz Gotthold» 20 Jahre alt» Sehneidergeselle» ein blü- 
hender und kräftiger Mann» hatte von seinem 5ten bis 12teu Jahre 
an einer scrophulusen Entzündung des linken Kniees gelitten. Zum 
Aufbrechen war es nicht gekommen» doch zeigte die bedeutende 
Geschwulst des Kniees, dessen vollige Unbeweglichkeit und seine 
Stellung in einem spitzen Winkel gegen den Oberschenkel deut- 
lich das Vorhandenseyn einer Ankylose. Das Knie bildete einen 
unförmlichen Klumpen , an dem weder Condylen noch Patella un- 
terschieden werden konnten» Ober- und Unterschenkel waren 
aufs Aeufserste abgemagert» die Muskeln nur angedeutet und ganz 
schlaff» der Fufs hing schlottrig herab» war in seinen Dimensio- 
nen kleiner als der gesunde » und nur geringer Beweglichkeit an 
den Zehen fähig. Die Abmagerung erstreckte sich auch auf das 
Gesäfs und den Rücken dieser Seite ; zugleich war eine bedeu- 
tende Ausweichung der Wirbelsäule nach rechts in Folge des 
schlechten Ganges vorhanden. Zum Gehen bediente sich nämlich 
der Patient eines Sförraig gebogenen Stocks von der Länge der 
gesunden Extremität» auf welchem oben ein kleiner gepolsterter 
Sitz angebracht war. Auf diesem safs er mit dem Sitzknorren 
der kranken Seite und schlang den Fufs um die Krümmung» wäh- 



324 Fabricius. 

rend die Spitze desselben auf einem ungefähr in der Mitte des 
Stocks befindlichen Querholze ruhte. Zum Fortbewegen dieser 
Maschine war neben dem Sitze ein Griff angebracht, den er mit 
der linken Hand fafste, hob und, während er die ganze linke 
Seite vorschob , brachte er so die Stelze vor den anderen Fuf**. 
Trotz der ^Unbequemlichkeit dieses Apparats hatte er es durch 
langjährige Uebung zu einer grofsen Fertigkeit im Gehen ge- 
bracht; er wünschte aber dennoch sehnlichst, von seinem Uebel 
befreit zu seyn, und willigte mit Freuden in die ihm vorgescbla- 
gene Operation. Dieselbe wurde am 8ten März in Gegen- 
wart mehrerer meiner Freunde und Collegen ganz nach Dief- 
fenbach's Vorgang voi genommen. Nach Durchschneidung der 
Sehnen des Biceps, Semitend. und Semimembranosus, so wie 
mehrerer harter fibröser Stränge in der Kniebeuge wurde die Ex- 
tremität erst ganz, gegen den Hintern zurückgebogen und dann un- 
ter lautem Krachen gerade gestreckt. Als dieselbe fast gerade 
war, traten die Condylen der Tibia so scharf unter der Haut vor, 
dafs ich es nicht für rathsam hielt, die Streckung noch weiter 
fortzusetzen , aus Furcht , die gespannte Haut zu zerreifsen. Der. 
Kranke, der die Durchschneidung der Sehnen ohne einen Laut 
des Schmerzes ertragen hatte, war bei der Streckung ganz aufser 
sich ; er schrie furchtbar und schlug so um sich , dafs ihn 5 Assi- 
stenten kaum halten konnten. Bei dieser Gelegenheit wollte ich 
jedem CoUegen , der diese Operation , besonders an einem Er- 
wachsenen, machen will, ratben, stets 6 — :8 Assistenten bei der 
Hand zu haben , da man die Gröfse des Widerstandes nicht vor- 
her zu berechnen vermag. Nach der Operation wurden die nur 
wenig blutenden Einstichwunden mit Heftpflaster verklebt, ein 
Charpieballen in die Kniekehle gelegt, darüber eine Compresse, 
die das ganze Knie umgab und mit einer kleinen zweiköpfigen 
Binde befestigt wurde. Hierauf wurde das Glied in eine gepol- 
sterte Blechrinne gelegt und eingewickelt. Der Unterschenkel 
und Fufs waren leichenblafs , kalt und vollkommen unempfindlich, 
das Kniegelenk schmerzte heftig. Die Gestalt der ganzen Extre- 
mität war nach der Streckung sehr auffallend gewesen , indem das 
Knie eine starke Hand breit gerade über der Tibia hervorstand, 



\ 



Contracturen des Kniegelenks. 325 

ein Beweip, dafs eine Art Luxatio spontanea Statt fand» und die 
Gelenkfläche der Tibia auf der hinteren Fläche der Condylen des 
Oberschenkels aufsafs, wefshalb auch bei der Streckung die hin- 
tere Fläche der Condylen der Tibia so scharf unter der Haut vor- 
gesprungen waren. Zugleich zeigte sich die Extremität um 5 Zolle 
kürzer als die gesunde. 

Die Nervenaufregung hielt nach der Operation noch fast 24 
Stunden an, die Nacht verging schlaflos, trotz zweier Gaben 
Opium von 1 gr. p. d. Die Schmerzen währten ebenfalls in den 
ersten 24 St. heftig fort , am zweiten Tage liefsen sie nach , am 
dritten waren sie verschwunden. Am zweiten Tage trat auch die 
Wärme in dem Fufse wieder ein, das Gefühl kam aber erst nach 
14 Tagen wieder, so dafs ich noch 8 Tage nach der Operation 
eine Nadel in die Fufssohle und Wade stechen konnte, ohne dafs 
es der Kranke spürte. Am vierten Tage wurde der Verband er- 
neuer! Es war etwas Blut ausgelaufen ; die eine Einstichwunde 
war geheilt, die andere eiterte etwas, war aber nicht entzündet 
und heilte nach weiteren drei Tagen. Jch suchte nun, durch den 
Verband die Stellung des Kniees zu verbessern , indem ich in der 
Blechrinne eine dicke Compresse unter die Wade legte , während- 
dem der Druck der Binde besonders auf das vorstehende Knie 
gerichtet wurde. Dies setzte ich 4 Wochen lang fort, und hatte 
die Freude, die. Stellung so verbessert zu sehen, dafs das Knie 
nur noch etwa 1£ Zoll vorstand , an Umfang bedeutend abgenom- 
men hatte , und die Verkürzung der Extremität nur poch 4 Zolle 
betrug. Sechs Wochen nach der Operation wollte ich nun den 
Kranken , nachdem inzwischen ein steifer. Schnürstiefel mit Kork- 
sohle angefertigt worden , Gehversuche machen lassen. Die Ex- 
tremität zeigte sich aber so schwach, dafs selbst das leiseste 
Auftreten , während der Oberkörper durch Krücken gestützt war, 
das Gefühl des Zusammenknickens erzeugte. Um nun das Knie 
zu stützen , umwickelte ich * da die Anfertigung einer gegliederten 
Stahlschiene mit Beckengürtel zu viel Zeit und Geld gekostet ha- 
hen würde, dasselbe mit einer leinenen Binde, bestrich diese 
mit Kleister, legte dann eine Rinne von feuchter Pappe an die 
hintere Seite von der Mitte der Wade bis zu der des Schenkels, 



326 Fabricius. 

und umwickelte diese wieder mit der bestrichenen Binde. Nach- 
dem dieser Verband trocken geworden und an dem Stiefel wegen 
Schwäche und leichter Einwärtsdrehung des Fufses eine seitliche 
Stahlschiene angebracht war, ging das Gehen viel besser von 
statten. Nach 6 Tagen legte Patient die Krücken ab und ging 
mit dem Stocke ; nach einigen Wochen konnte er weite Wege ma- 
chen» Nach 6 Wochen nahm ich den Verband ab ; das Knie war 
noch dunner geworden , etwas passive Bewegung desselben war 
möglich , der Gang war gut; Ober- und Unterschenkel hatten, 
wenn auch noch nicht an Umfang, doch an Derbheit zugenom- 
men , und der früher schlottrige Fufs zeigte bedeutende Festig- 
keit. So geht nun der Geheilte einer fortschreitenden Kräftigung 
entgegen, die er noch durch Bäder und Einreibungen zu fordern 
sucht 

2) Heinrich Waltz, 13 J. alt, hatte in seinem ersten Lebens- 
jahre eine scrophulöse Knieentzündung bekommen. Zahlreiche 
Fisteln bildeten sich und Exfoliation von Knochen fand Statt Seit 
3 Jahren ist Alles gehellt Das Knie ist im rechten Winkel ge- 
bogen, vollkommen unbeweglich, mit zahlreichen Narben bedeckt, 
die Kniescheibe festgewachsen. Ober- und Unterschenkel sind 
noch ziemlich muskulös, der Fufs etwas nach hinten in die Hohe 
gezogen und wenig beweglich. Der Kranke geht an 2 Krücken, 
wodurch seine Brust sehr beengt ist Allgemeinbefinden und Aus- 
sehen sehr gut 

Am 21 Juli durchschnitt Dr. Varren trapp die Sehnen, 
und wir streckten das Bein ohne besondere Kraftanstrengung ge- 
rade. Die Zerreifsung der Zwischensubstanzen konnte man deut- 
lich vernehmen, doch war das Krachen bei der starken Rück- 
wärtsbeugung stärker als bei der Streckung. Der Unterschenkel 
war nach der Streckung weder kalt noch unempfindlich , nur in 
der Wade ein Gefühl von Taubheit, was auch einige Tage an- 
hielt Die Extremität zeigte sich bedeutend kürzer als die ge- 
sunde. Verband wie oben. 

Die Schmerzen hielten fast 2 Tage ziemlich heftig an, am 
2ten Tage zeigte sich Fieber und Erysipelas an der vorderen 
Seite des Oberschenkels (Laxans und Kräutersäckchen). Bei 



Contracturen des Kniegelenks. 32? 

Abnahme des Verbandes am 4ten Tage entleerte die demBiceps 
entsprechende Wunde viel blutigen Eiter und die Kniekehle bil- 
dete eine grofse Abscefshöhle. Umschläge und Injectionen von 
Chamillenthee , seitliche Anlegung einer Schiene ; nach 14 Tagen 
war der Abscefs geheilt, ohne dafs die Stellung des Glieds ge- 
litten hätte. Der Kranke machte nach 4 Wochen Gehversuche, 
erst mit Krücken , dann mit dem Stock , wobei der Fufs durch 
eine 6 Zoll hohe Stelze gestützt werden mufste. Da der Absatz 
noch durch die gespannte Achillessehne in der Höhe gehalten 
wird, so soll diese, wenn sie nicht durch das Gehen nachgiebi- 
ger wird, noch durchschnitten werden, wodurch dann noch eine 
Verkürzung der Stelze um etwa einen Zoll erreicht werden dürfte. 

3) Friedrich Reichard , ein grofser starker Mensch von 18 
Jahren, hat von seinem dritten bis zehnten Lebensjahre an 
scroph. Caries des Kniegelenks und der Tibia gelitten. Nach 
seiner Heilung war er fortwährend gesund und sieht blühend aus. 
Das Knie ist im rechten Winkel gebogen, ganz unbeweglich , mit 
Narben vom caut. act. bedeckt , die Patella festgewachsen ; ein- 
gezogne Fistelnarben zeigen sich in grofser Zahl an dem Knie 
und Unterschenkel. Der Oberschenkel ist muskelüs, der Unter- 
Schenkel abgemagert , der Fufs kleiner als der gesunde. Zum 
Gehen bediente sich Patient eines ähnlichen Apparats wie No. 1. 

Die Operation ward am 25. Juli gemacht. Die Gradestre- 
ckung nach Durchschneidung der Sehnen erforderte eine sehr be- 
deutende Gewalt , und war Ynit lautem Krachen verbunden. Der 
Fufs war nach der Operation etwas kühler, aber nicht unempfind- 
lich ; ein Gefühl von Eingeschlafenseyn in der Wade hielt fast 
14 Tage an. Die Extremität zeigte sich 4 Zoll kürzer als die 
gesunde. Verband und Nachbehandlung wie oben. Es traten 
aufeer den zwei Tage währenden sehr heftigen Schmerzen keine 
weitern Zufälle ein ; die Wunden heilten per pr. int. In der 
4. Woche konnten ohne allen weitern Verband Gehversuche mit 
einem passenden Stiefel gemacht werden ; auch liefe ich fleifsig 
passive Bewegungen des Kniegelenks machen. In der 5. Woche 
ging Patient mit Leichtigkeit mit einem Stocke und konnte selbst 
das Knie etwas' beugen und strecken. Ich bin überzeugt, dafe 



1 



328 Fabricius. 

in diesem Falle» wenn die Verkürzung Dicht wäre, der Gang 
so natürlich werden würde, dafs Niemand eine Spur der frühem 
Difformität bemerken würde. 

Aus diesen Fällen geht das Zweckmässige dieser Operation 
sattsam hervor. Gefahr scheint nur dann vorhanden zu seyn, 
wenn dieselbe zu schnell nach der überstandnen Kniekrankheit 
gemacht wird oder wenn die letzterer zu Grunde liegende Dys- 
crasie noch nicht völlig getilgt ist Auffallend war mir, dafs 
Dieffenbach nur in einem Falle (dem zweiten) von Verkür- 
zung der Extremität spricht, welche in allen Fällen, die ich ge- 
sehen , vorhanden war und welche eine natürliche Folge der man- 
gelnden Ernährung und des Nichtgebrauchs des Gliedes ist. Zur 
Unterstützung eignet sich am besten ein Schnürstiefel, bei Schwä- 
che des Fufsgelenks mit steifen Seitenwänden, und einer nach 
unten schmäler werdenden Korksohle, die mit Leinwand um- 
leimt, mit Leder Qberzogen, unten rund und etwas convez ist. 
Ist auch der Gang mit einer solchen Sohle immerhin noch ein 
Mifsstand, so ist er doch weit dem mit Krücken oder andern 
Vorrichtungen, die immer einen nachtheiligen Einflufs auf den 
übrigen Körper ausüben , vorzuziehen. 

Bei dieser Gelegenheit wi|l ich noch auf einen Umstand auf- 
merksam machen, der mir bei der Bekleidung operirter und ge- 
heilter Klumpfülse von Wichtigkeit scheint. Wie mehrere andere 
Beobachter, so habe auch ich bei allen einseitigen Klumpfiifsen 
eine wahre und nicht blofs scheinbare Verkürzung der Extremität 
wahrgenommen. Diese bleibt natürlich, auch wenn der Fufs 
seine richtige Stellung gegen den Unterschenkel genommen hat ; 
isie wird aber oft dadurch maskirt, dafe der Kranke die ganze 
Körperseite herabsenkt und so die Differenz ausgleicht. Dies 
darf durchaus nicht gestattet werden, indem, besonders bei noch 
im Wachsen begriffnen Individuen , dadurch Herabsenkung des 
Beckens und Krümmung der Wirbelsaule befördert wird , und zu- 
gleich der Gang stets etwas Wackelndes behält Man mnds den 
Kranken entkleidet $m Liegen untersuchen, um ganz genau die 
Gröfse der Verkürzung zu ermitteln und mufs dann eine dieser 
entsprechende Sohle dem Stiefel unterlegen. Freilich hat man 



Contracturen des Kniegelenks» 329 

dann bisweilen mit dem Vorurtheile und der Eitelkeit der Kranken 
zn kämpfen, man soll aber zu ihrem eigenen Heile nicht nachge- 

■ 

ben. Namentlich soll nicht das Tragen eines hlos erhöhten Ab- 
satzes, wozu die Patienten sich zuweilen williger zeigen, geduldet 
werden , denn dieser nähert den Fufs wieder seinem alten Miß- 
stände. Im Gegentbeile lasse ich gern die Unterlage unter dem 
Vorderfufse etwas höher machen, um den Fufs immer mehr im 
Gelenke zu beugen. 



XII. 

Kurze Mittheilungen. 

Von 

Dr. Eteenmanm 



Vorschlag zur Behandlung des Schielens durch 

Elektricität. 

JLiange zuvor, ehe man daran dachte, das Schielen durch die 
Myotomie zu heilen, kam ich auf den Gedanken, gegen diese 
Mifsstaltung die Elektricität anzuwenden, und habe schon im Som- 
mer 1838 meine desfallsige Ansicht dem Dr. Dieterich in 
München mitgetbeilt. Ich hatte längst erkannt, dafs das Schie- 
len durch eine zu starke Contraction des aufsern oder des innern 
geraden Augenmuskels bedingt sei; auch nahm ich an, dafs die 
zu starke Contraction bald ein wirklicher Contraction« -Excefs des 
geraden Augenmuskels, bald nur dasErgebnifs einer Schwäche oder 
Parese seines Antagonisten sei. Die fruchtbare Idee, den wirk- 
lichen Contractions-Ezcefs eines geraden Augenmuskels durch 
die Myotomie zu brechen, ging bei mir vorüber, um einem Glück- 
licheren 4 ) Ruhm und Ehre zu bringen; dagegen nahte sich mir 
der Gedanke, es dürfte die relative Schwäche oder die Parese 
des äufseren geraden Augenmuskels bei dem ohnedies am häufig- 
sten vorkommenden Strabismus convergens durch die Elektricität 
zu heilen seyn, wenn man die elektrischen Schläge durch diesen 



*) Daff ich dabei nicht an den Belgier Cunier mit seinen lächer- 
lichen Ansprüchen denke, versteht sich von selbst. 



Kurze Mittheilungen. 331 

Muskel mittelst einer in denselben eingedrehten Nadel leiten 
würde. Das Verfahren dabei kann nicht schwierig seyn, denn 
da der Augapfel nach innen gezogen ist, so mufs der äufsere 
gerade Augenmuskel jedenfalls viel leichter zugängig seyn als der 
innre , den man doch bei der Myotomie mit ziemlicher Sicherheit 
erreicht ; es handelt sich sohin vorzüglich um die Anwendungsart 
der Elektricität. Am geeignetsten dazu schien mir eine galvani- 
sche Säule, deren Kraft man beherrschen kann, und was das 
Verfahren betrifft, so habe ich bereits angedeutet, dafs dasselbe 
in Form der Elektropunktur zu realisiren sei: es wird nämlich 
eine Nadel in den genannten Augenmuskel und eine zweite in den 
Nacken eingedreht ; dann bringt man den einen Pol der Säule mit 
der letzten Nadel in stete Berührung, und schliefst und öffnet nun 
die Kette, indem man die erstere Nadel mit dem Pol von Zeit zu 
Zeit berührt. Eine Hauptsache dabei bleibt aber die Bestimmung 
des hier zu benutzenden Grades der elektrischen Spannung, und 
diese Frage verdient um so mehr Beachtung, da eine Unvorsich- 
tigkeit in dieser Beziehung grofses Unheil stiften kann, worauf 
nicht jeder Arzt gefafst zu seyn scheint; denn erst neuerlich hat 
ein Arzt, als er von meinem Vorschlag in Kenntnifs gesetzt wurde, 
im Widerspruch mit meiner Angabe behauptet, dafs man eine 
Säule von wenigstens 20 — 30 Plattenpaaren anwenden müsse, um 
eine Wirkung auf den Augenmuskel hervorzubringen ; und dieser 
Arzt hat sich viel mit physikalischen Versuchen und namentlich 
mit pathologisch - elektrischen Beobachtungen beschäftigt. Ich 
finde es daher nofh'ig, die diesfallsigen Beobachtungen des rühm- 
lichst bekannten Stokes in Dublin*) in Erinnerung zu bringen. 
Wenn man nämlich die Elektricität durch eingedrehte Nadeln auf 
den Organismus wirken läfst, so ist diese Wirkung unter sonst 
gleichen Umständen viel heftiger als bei elektrischen Entladungen 
durch die unverletzte Oberhaut. Dieselbe ZahF von Platten, wel- 
che auf die unverletzte Oberhaut wirkend wenig oder keine Em- 
pfindung veranlassen, erregt durch eingedrehte Nadeln convulsi- 
vische Zuckungen der Muskeln , meistens auch heftigen Schmerz 



*) Cf. Schmidt t Jahrbücher Uli. 



332 Eisenmann. 

und sogar eine Anwandlung von Ohnmacht und Neigung zum Er- 
brechen. Die verschiedenen Tbeile des Korpers zeigen überdies 
gegen die Elektropunktur eine sehr verschiedene Empfindlichkeit ; 
während man auf die Muskeln der untern Glieder, z. B. gegen 
Ischias 50 kleine Plattenpaare wirken lassen mute, um des 
Erfolgs sicher zu seyu, verträgt der Kopf und namentlich die 
Augen nur wenige Paare: einem amaurotischen Soldaten ward 
die eine Nadel oberhalb der linken Augenbraue, die andere am 
untern Theil des Hinterhaupts eingeführt, und drei Platten paare 
von einem Quadratzoll mit verdünnter Schwefelsäure (drei Drach- 
men Säure auf 8 Unzen Wasser) geladen und durch diese Nadeln 
entladen, gaben ihm einen Schlag, als wäre er mit einem schwe- 
ren Stock getroffen worden; überdies klagte er über einen hef- 
tigen, durch den Kopf stechenden Schmerz und über Lichtflam- 
men vor den Augen, und Stokes nimmt an, dafs 25 Plat- 
tenpaare den Mann hätten tödten können. Demnach 
ist es rathsam, zu dem oben bezeichneten Zweck eine Kette von 
nur zwei Plattenpaaren anzuwenden. Die Platten dürfen aber 
etwas grofser seyn und ungefähr zwei Zoll im Quadrat haben, 
denn mit derGröfse der Platten wird bekanntlich die Spannung der 
Elektricität nicht vermehrt 

Ferner hat Stekes die Beobachtung gemacht, dafs jedes- 
mal die Nadel, welche vom Zinkpol berührt wurde, durch Ver- 
stärkung der organischen Contraction an dieser Stelle sehr schwer 
wieder ausgezogen werden konnte ; auch lehren die neusten Be 
obachtungen, dafs der Kupferpol auflosend und verpflüssigend, 
der Zinkpöl aber consolidirend und härtend wirkt; es dürfte dem- 
nach der Zinkpo) mit der Nadel des Augenmuskels , der Kupfer- 
pol mit der Nadel des Nackens in Berührung zu bringen seyn *). 

Ueber die Cwstruction der zu dieser Operation bestimmten 
galvanischen Säule habe ich noch Folgendes zu bemerken : Die 
Säule besteht, wie gesagt, aus zwei Kupfer- und zwei Zink- 



*) Die Wirkung wäre vielleicht noch sichrer, wenn man den Ku- 
pferpol mit dem erschlafften Augenmuskel in Berührung brächte, allein 
diese Methode ist schwer ausführbar. 



Kur sb e Mittheilungen. S33 

Platten Von zwei Zell im Geviert; die untere Kupfer- imd die ober* 
Zfnkplatte haben jede ein Oehr; um die Leitung»- undEatiadungs» 
dräthe daran zu befestigen. Die Säule wird dann so aufgebaut: 
erst kommt eine Glasplatte, die ein Bischen gr&fser ist als die Ale* 
tallplatten, dann die Kupferpiaite mit dem Oehr und dem eiuenErit* 
ladungsdrath,*dann ein Stück Tuch, etwas kleiner als die Metall* 
platten und mit verdünnter Schwefelsäure getränkt, dann 4 die Zink- 
platte, dann «die zweite Kupferplatte, dann wieder ein Stuck Tuch 
mit verdünnter Schwefelsäure getränkt, dann die zweite Zfnkplatte 
mit dem- Oehr und dem Entladungsdratb und zuletzt wieder eint 
Glasplatte. Die beiden Glasplatten machen es thnutidh, die kleine 
Vorrichtung in die Hand zu nehmen und zwischen Zeige* und Mittet* 
fingfer unten, und den Daumen oben zu halten, ohne auf die galva- 
nische Strömung einen Einflufs zu üben. Die Leitungsdräthe werden 
durch kurze Stücke von Thermometerrohren gezogen* um sie zu wo- 
Kren und sie fassen zu können, ohne dafs sie sich in der Hand des 
Operateurs entladen. Der Entladungsdratb des Kupferpols b& 
kommt vorn eine kleine Schlinge, mit welcher man ihn an'&e 
im Nacken eingedrehte Nadel hängen kann^ während man die 
kleine Säule» in der einen Hand haltend, mit der' andern den Drath 
des Zinkpols von Zeit -zu Zeit mit der in dien Augenmuskel einge- 
drehten Nadel in Berührung bringt. 

• * • • * * 

Dieses ist die Vorrichtung, die feh mir bereits habe ; anfer- 
tigen lassen, weil ein am Strabismus leidendes Dienstmädchen 
sieh der vorgeschlagenen" Operation unterwerfen wollte ^ der Ver» 
such Wurde aber nicht ausgeführt, da das Mädchen in Folge von 
Einflüsterungen ihr gegebenes Wort zurücknahm. Aehnlich ging 
es mir mit einem andern Mädchen , das ebenfalls an. Strabismus 
convergens litt; und einige. andere Aerete (inSüddeutscMand), die 
ich um solche« Versuche anging,- meldeten mir; dafs sie» kaum 
holten, Kranke zu finden, die sich dieser Operation unterzögen/ 
Da ich ms ' unter "meinen- gegenwärtige» Verhältnissen nicht sei 
balfl Gelegenheit ' inden werde , diese Operation : auszuführen , b# 
glaube ich, m^ine Ansicht auch ohne vorhergegangenen 'Veriwitek 
bekannt machen zu müssen,' tbeüs am iah 4te Priorität dieser 

23 



SM Etseiimttin. 



i. -T i 



Operation zu sichern, tbeils. um andere Aebrzte zu Venutchen mit 
derselben anzuregen« 

£0 versteht sich, dafs dieses Verfahren nicht in allen Fällen 
von Strabismus zum Ziele führen wird; namentlich wird es da 
ohne Erfolg bleiben, wo dar Strabismus durch ebe heftig» Coo- 
traction oder gar durch Verkürzung des iunereu Augenmuskels be- 
dingt ist; dagegen wird es um so schwerer, wirken, wenn der 
äufsere Augenmuskel sieh Im Zustande der Parese befindet; es 
wird demnach gerade in jenen Fällen heilsam, seyu, wo Dief- 
fenbaeh's Myotomie wenig oder nichts leistet; und es werden 
sich sofain diese beiden Operations -Arten nicht befeinkftebtigen, 
sondern sich wechselseitig ergänzen« 

Man wird aber bei nur etwas veraltetem Schielen kaum hof- 
fen dürfen, mit einer einmaligen Anwendung der Elektropuuhtur 
die Sache in. Ordnung zu bringen , hei alledem wird die Heilung 
auf diesem Wege kaum eine längere Zeit in Anspruch nehmen, als 
die Myotomie mit ihrem loconvalescenzstadium. Möge mein Vor« 
schlag Beachtung finden* 

* » • » * 

Eine merkwürdige Eigenschaft des Opiums. 

Schon, längst haben ejokeme Aerzle die Beobachtung; ge- 
macht, dafs dieses oder jenes Arzneimittel .btistar vertragen 
wird und sich selbst heilkräftiger zeigt, wenn man ihm etwas 
Opium beisetzt; .6s, hat aber* meines Wissen», aocjh kernet. daran, 
gedacht,, dem- Opium ew>en corrigirenden und die Heilkräfte Met- 
geraden Einfluis auf ajle anderen Arzneimittel Anzuschreiben* Ich 
wurde auf diese allgemeine Eigenschaft des. Opiums besonders: im 
Jahre 1836 aufmerksam* Ich haltte einem Mitgefangenen -gegen 
Rheuma der Blasenmuskel das Vtaum semiuum colebici mit: einer 
Solution des Kali subcacbanlcum verordnet*; das Mittel that an- 
fangs die besten Dienste , bald .stellten steh aber* Durchfälle ein, 
und seine Heilwirkung war nun verschwunden, was, mir schoa frü- 
her vorgekommen war, in diesem Fall aber gans deutlich auftrat; 
die . eigenthumUchen Anfälle von Strangurie kehrten, wieder. ; Ich 
setzte mm dem Colchicum - Wein (^a^.Tinat^a optt crdcate bei, 
und mm Nfebfe rieht: J^ 



Kurze* M Unheil ringen. $35 

tet wurde audh schnell mit äeta; Blasen -läeumatianiufe.fertir* 
Bald darauf' brach die Cholera in München au», «od der der 
Frohnveste zugetheilte Chol öra- Arzt, Dr. K u eh ler, hatte die 
Gefälligkeit, auf mein Ersuchen einigen Kranken das schwefel- 
saure Kupfer zu geben. Die Wirkung desselben' war erwünscht, 
aber es wurde nicht immer vertragen, und' verursachte Erbrechen. 
Dieses war namentlich bei einem alten Oberschreiber der Fall, 
der sich in einem bedenklichen Zustände befand. Dr. Kuchler 
setzte nun dem schwefelsauren Kupfer Opium -bei, und nun ver> 
trug es der Kranke und genafs. Diese und früher gemachte' Be> 
obachtungen, zusammengehalten mit den Beobachtungen anderer 
Aerzte älterer und neuerer Zeit , rwelche das Optniri bald diesem, 
bald jenem Arzneimittel zugesetzt haben, ; versnlafsten mich, der 
corrigirenden Wirkung des Opiums ein besonderes Äugenmerk zu 
widmen, und. nachdem sieh seit jener Zeit meine Erfahrungen 
über diese Eigenschaft des genannten Mittels sehr gemehrt haben, 
kann.' ich folgende Behauptung verfochten: 

Das Opium besitzt die merkwürdige Eigenschaft, dafoe» die 
ausleerenden und die giftigen Wirkungen vieler , wenn nicht aller 
Arzneimittel beschränkt, und dennoch die «Heilkraft derselben 
nicht blofs ungeschwättht Ififet, sondern sogar steigert; oder, viel« 
leicht richtiger gesagt, zu der Heilkraft dieser Mittel die seinige 
hinzufügt Eine solche . Behauptung mag jedem , der mit den ent- 
sprechenden Thatsaehen ' nicht bekannt ist , • sehr' anfallen , da' ge- 
rade die giftige Wirkung der Ärzneinuttel es ist, welche eine 
Alteration in der vegetative» oder plastischen Spliäre«des Orga- 
nismus hervorbringt, - und dadurch die vorhandene anomale Plastik 
▼erdrängt, es sohin ein Widerspruch zu seyri scheint, dafs die 
deletäre Wirkung eines Arzneimittels durch einen anderen Kör- 
per geschwächt, seine Heilkraft' aber gesteigert werden könne. 
Ich wiU mich nicht darauf beziehen, dafs die deletäre Kraft der 
Arzneimittel nur in gewisser Beschränkung stets nachtheilig alte- 
rirend. heilsam wirk», und dafs söhin obige Behauptung wohl 
auch eine theoretische Rechtfertigung zulasse, sondern ich wiH 
Beber gleich den: praktischen. Böw eis durch Thatsaehen antreten. 
. Das Jod in der Form des Jedkaliums wird) bereits von meh~ 

23* 



336 < • Ei s ehrt an n. :• • r 

reren Aerzten in Verbindung mh Opium angewendet, und es äu- 
fsert diese Verbindung entschieden eine grofsere Heilkraft, als das 
für sich gegebene Jödkalium. Ich habe dieses Mittel einige mal, 
zum Theil schon in früherer Zeit gegen Scropheln und Syphilis 
mit gutem Erfolg gebraucht, besonders auffallend aber war «eine 
Wirkung in einem Fall von veralteter Syphilis , welchen der Herr 
Bataillons -Arzt Rufsei zu behandeln hatte, und der den Mer- 
curialien hartnäckig getrotzt: Schon nach wenigen Tagen trat 
entschiedene Besserung ein, und binnen 14 Tagen war eine 
dauernde Heilung erzweckt. 

Das Ammonium ist mit Opium verbunden- in der Bes Bardi- 
schen Tincturä antisyphilitiea, die sich einstens eines grofsen 
Rufes , namentlich in Bayern , zu erfreuen hatte. Freilich war 
B e ö n a r d damals Leibarzt. 

m 

Das Blei als essigsaures Blei wird nur dann zum Heilmittel, 
wenn man es mit Opium verbindet. Es ist bekannt, dafs man in 
neuerer Zeit das Saccharum saturni mit Opium 1 mit merkwürdigem 
Hellerfolg gegen Pneumonieen angewendet hat , und dafs keine 
schlimmen Nebenwirkungen beobachtet wurden, mit Ausnahme 
eines von Dr. Bichhorn beobachteten Falles,, wo leichte Blei- 
symptome erschienen, an denen aber eine Idiosynkrasie des Krao^ 
ken mit Schuld gewesen seyn mag. Wie weit die corrigireudd 
Kraft des Opiums in Bezug auf das Bier reicht, mag man daraus 
ersehen, dafe ich selbst im Jahre 1835 zwölf Tage lang täglich 
3 Pulver aus zwei Gran Saccharum saturni. und einem halben Gran 
Opium, sohin täglich' 6 Gran und im Gänzen 72 Gran Bleizucker 
ohne die geringsten Folgen nahm, mich im Gegenthejl dabei viel 
besser befand als lange zuvor und lange darnach. 

Das Kupfer als schwefelsaures Kupfer ist in Verbindung mit 
Opium eins meiner Lieblings * Mittel. Ich habe dasselbe nicht 
nur in einigen Fällen der Cholera sehr beilsam gesehen, sondern 
habe eis auch gegen andere verwandte Krankheiten mit' gleich gün- 
stigem Erfolg angewendet Ausgezeichnete Dienste leistet ös na- 
mentlich gegen die sogenannte Zahnrubr der Kinder, denn es wur- 
den zum Skelett a&geaehrie Kinder, die nach altem menschlichen 
Vorhersehen unrfettnar verloren schienen, durch dieses Mittel bin- 



Kurze Mittheilungen. $3? 

neu weniger Tage in den. Gene^unggzuBtand geführt Ellio.tr 
8 an ruhfrit da£ schwefelsaure Kupfer in Verbindung mit Opium 
sehr gegen die Ruhr ; er bemerkt , die acute Ruhr , die früher io 
Londou so häufig gewesen« komme jetzt sehr selten dort vor» 
dagegen sehe er öfter chronisch gewordene Ruhren, welche seine 
Landsleute aus heifsen Ländern mit zurückbringen , ubd gegen 
diese sei das eben genannte Mittel so heilkräftig, dafs er bei 
dessen Gebrauch beinahe gar keinen Kranken dieser Art verliere» 
er könne sich wenigstens nicht erinnern, wenn ihm der letzte ge- 
storben; überdiefs sei es ganz unschädlich, denn ein Mann habe 
dasselbe gegen eine besondere Art von Durchfall 3 Jahre lang 
ohne allen Nachtheil genommen. Ferner reagirt dieses .Mittel 
vortrefflich, gegen eine merkwürdige Art von Durchfall, welchen 
die Engländer öfter aus Indien mitbringen; und leiden nur Mannet 
an demselben, nie Weiber; die Abgänge sind ganz weife, wie 
dünner Mörtel, frequent, copiös and ohne Schmerzen; die Ktan? 
ken magern ab und sterben. BaJlie, der diese Krankheit be* 
reits beschrieben hat, erklärt, dafs es ihm nie gelang, einen sol- 
chen Fall zu heilen; Ell i.otson aber hat zwei ihm vorgekom- 
mene Fälle durch den anhaltenden Gebrauch des Kupfervitriols 
mit' Opium geheilt*). Ich bedaure, dafs* ich nicht Gelegenheit 
hatte, diese Verbindung beim Croup zu erproben, denn ich. bin 
überzeugt, dafs. dieselbe noch mehr leisten wird, als der fär sich 
gegebene Kupfervitriol, und ich wünschte, gerade durch solche 
Versuche den Ausleerung» -.Therapeuten zu beweisen, dafs es 

nicht die emetische Kraft des Kupfervitriol« ist, welche den 
Croup heilt. 

Das Quecksilber wind als.Catomel schon seil Hamilton in 
Verbindung mit Opium gegen verschiedene Krankheiten, nament- 
lich gegen Pneumonie und. Hepatitis, gebraucht, und namentlich 
muf» bemerkt werden, dafe das Calojnel mit diesem .Zusätze nicht 
so leicht Speichelflufe machte als ohne denselben. Es. wäre wohl 
werth, zu versuchen, welchen Einflufe ein Zusatz von Opium auf 



*) Eine specielle Arbeit über die Heilkraft dieses Mittels gegen die 
bezeichnete Krankheit mit Beifügung einiger Krankheitsgeschichten 
habe ich an das Correspondeusblatt bayrischer Aerite geschickt. 



888 ; Eigenmann. 

die grofsen Oaben Von Calomel übt, welche man in der neueren 
Zeit gegen das Abdominal - Typhoid anwendet Nicht Hofs das 
Calomel, sondern auch der Sublimat gewinnt durch einen Zusatz 
von Opium an Zuverlässigkeit und Heilkraft, was schon Bartels 
in seiner Klinik gezeigt hat. Dieser Zusatz ist aber nicht blofs 
bei der inneren , sondern auch bei der Örtlichen Anwendung des 
Sublimats sehr nützlich. Bin Referent in v. Ehrhart stein'* 
med«*cbir. Zeitung hat darauf aufmerksam gemacht, dafs Ein- 
spritzungen einer Sublimatsoltftion mit Opium gegen die in Ver- 
schwörung übergegangene Otitis interna heilsam seien, und 
ich selbst habe einen solchen Fall beobachtet, wo nach Eutlee- 
hing des Eiters alte Erscheinungen der Caries zugegen waren, 
und trotz des sehr bedenklichen Zustandes des Kranken durch die 
Anwendung der eben genannten Einspritzungen binnen vier Wo- 
chen vollkommene Genesung erzweckt wurde; sogar das Gehör 
stellte sich auf dem leidenden Obre wieder ein, was ich nicht zu 
hoffen gewagt hatte. Endlich ist bekannt, dafs auch das rothe 
Quecksilber - Oxyd früher häufig in Verbindung mit Opium gege- 
ben wurde, und dafs mehrere Aerzte diesen Zusatz namentlich 
defswegen wählen , um Speicbelflufs zu verbäten. 

•Das Anthnonium hat als Brecbweinstein einen grofsen Ruf 
ge&en Pneumonie, Pteufesie, acutes Gelenk- Rheuma *nd manche 
andere Krankheit erworben; da* -aber der Brechweinstein in der 
ntithigen grofsen Gabe gern Durchfall macht* so kam man, wenn 
ich nicht irre, zuerst in Frankreich auf den Ausweg, seiner Auf- 
lösung eine Unze Syrtfpus Piacodion zuzusetzen. Die Durchfälle 
blieben nun aus, und seine Heilkraft trat um so entschiedener 
hervor. Man sollte 1 den BrechWeinstein als Antiphlogisticura im- 
mer in Verbindung mit Opium geben, besonders bei alten lieuten, 
wo erschöpfende Durchfälle so sehr zu fürchten sind. Dieser Zu- 
satz dürfte auch diö gefährliche Eruption des Brechweinstein» 
Exanthems auf der Schleimhaut des Mahrungskanals verhüten-. 
Um sich davon zu tiberzeugen, dürfte man den Versuch auf der 
äufseren Haut anstellen , indem man bei einem Kranken an einer 
Stelle die reine Solution des Brech Weinsteins , an einer anderen 
Stelle die «opiumhaltige Solution einreiben oder durch Fomentatio- 



Kurze Mittheilängen. 880 

nen einwirken \äht • Es wird sich dann bald zeigen, welche For- 
mel leichter Pusteln erzeugt. Eisern solchen Versuche kann aber 
richte im Wege stehen , da Fontanelle längst mit Beziehung 
auf seine Beobachtungen empfohlen hat» den Brechweinstein ge- 
gen die genannten Krankheiten nicht blofs innerlich, sondern auch 
äufserlieh in Fomentationen anzuwenden. In aolchen Fällen, wo 
das Opium absolut eontraindicirt ist, würde freilich der Zusatz 
desselben zum Brechwetastein zu vermeiden seyn. Solcher Fälle 
aber werden dem aufmerksamen Arzte wenige vorkommen, denn 
sowie das Opium die ausleerende. Kraft des Breebweiasteins be- 
schränkt, so dchwftcht der Brechweinstein die narkotische» Hirn- 
eoogestiorien verursachende Kraft des Opiums» 

Arsenik: Jäger hat bei seinen Versuchen gefunden, dafs 
Kaninchen and Tauben nach einer 2— ämai gröfseren Dosis Arse- 
nik, als zu ihrer Vergiftung aothigist, am Leben blieben, wenn 
dem Arsenik gleiche Theile oder die Hälfte Opium beigesetzt wa- 
ren; Brera und Harlefs aber haben längst beobachtet, dafs 
der Arsenik viel entschiedener und viel schneller gegen die Wech- 
selfieber reagirt, wenn er mit Opium verbunden ist, und noch 
viele Andere Aerate gaben den Arsenik in der Regel mit Opium» 
und hatfen sich' der schönsten Erfolge an erfreuen» 

Colchicum autmnuale* Es ist bekannt, dafs das Vitium Se- 
minom colebiei «utumnalis für sich gegeben nar in sehr kleinen 
Dosen vertragen wird, denn es macht sehr leicht Durchfall, und 
dann ist seine. Heilwirkung sehr unsicher oder ganz nichtig. Mein 
Freund Siebert hat in seinem Scbriftchen über die rothe Ruhr 
S. 8 , da, wo er ein fingirtes Beispiel eines durch Verkältung ent- 
standenen Gelenk - Rheumatismus mit Pericardkis anfuhrt, die 
Meckerei mit einfliefsen lassen : „Der Vitalist ist ein Aeronantiker, 
der, aus der Vogelperspective die mit Pulver gefüllte Mine nicht 
entdeckt. Der gegebene Fall ist bei ihm rheumartrithisches Fieber; 
dagegen wandte er oft mit bestem Erfolg Colchicum mit Lands- 
mim an , daher auch hier. Wenn nicht trotz dessen das Herz ent- 
lastet wird, wenn. nicht trotz des Laudamims die Herbtszeitlose 
starke Durchfalle o. s. w. erzeugt, so verloscht die Fackel ans 
Uebetftufe an Brennmaterial." Neckerei gegen Neckereil, loh 



<ttO Biaemrffttan. 

giabbeV mein, ebrenwerther Freund, der Mch 1m Luftballon aus 
Tder Vogelperspective observiren läfst, ist, während die erzählte 
Geschichte vorfiel, am Whist -Tisch gesessen und hat aus der 
Gavalierperspective observirt, und daher hat er troU «eines schar- 
Jen Gesichts übersehen, dafs, wo. das Colchicum wirklich starke 
Durchfalle erzeugt hat, mit dem abgehenden Brennmaterial auch 
die Heilkraft des Mittels durch die hintere Pforte entwichen ist, 
und .den Kranken seinem Schicksal überlassen bat. Ich wiederhole 
es, dafs die Heilkraft des Colchicrans in demselben Grade erloscht, 
m welchem es Durchfalle macht,- und ich hahe bei dieser Be- 
hauptung gewifs keinen ernstlichen Widerspruch au fürchten. 
Daher kam ich auf den Gedanken, dem Colchicum kleine Do- 
sen Leudarium beizufügen. Ich habe folgende Formel adbptirt: 
R. Yioi sem. colchici autumn« drachmas tres, Tiocturae opii 
crecatae Drachm. semis. . M., und diese Mischung • nenne ich 
kurzweg Vinom. colchici opiatum. Dieses Mittel mm wird zu 
80— .30 Tropfen pro dosi recht gut vertragen, und; ich habe 
mich ' wiederholt überzeugt, dafs bei heftigen rheumatischen 
Krankheiten auch Dosen von 20 — 25 Tropfen nothig sind, wenn 
man* .sich eines sicheren und raschen Erfolgs erfreuen will; und 
wenn einer oder der andere meiner Freunde von diesem Mittel im 
Stiche gelassen worden seyn sollte, so möge er vor Allem un- 
tersuchen, ob er bei der Anwendung desselben nicht au .ängst- 
lich war. Ich habe ein Paar Fälle von heftigem rheumatischem 
Fieber mit Angina, Gelenkschmerzen u. s. w« bei jungen Män- 
nern behandelt, welche einer Verabreichung von 15 — 18 Tro- 
pfen des Vinum colchici opiatum keine entschiedene Besserung 
wahrnehmeii liefsen.;. sowie ich aber: 25. Tropfen pro cjosi alle 
3 — 4 Stunden gab, war die Krankheit über Nacht gebrochen. 
Mit solchen Dosen habe ich rheumatische Fieber in allen Spiel- 
arten, acuten Gelenk -Rheumatismus, Pneumonieen, PJeuresieen, 
Anginen', Gastritis, Epihepatitis, rheumatische Diarrhoeen, Asth- 
nxa, rheumatische Neuralgieen, einen Fall von Delirium tremens 
uw fe, w» in auffallend kurzer Zeit geheilt. Dieses Mittel hat mir, 
einen Fall von Otitis interna ausgenommen, die in Eiterung 
fiberging, nie den Dienst versagt, obgleich ich «eine 



, Kurze Äfitth*>iiüngen. 341 

ctarcU keiö anderes Mittet untersftltzt umf seine Anwendung nie 

durch Blutentleerungen vorbereitet habe. Bei plethotischen Sub- 

« 

jeeteh dürfte es aber doch rätbsam Seyn> vor seinem Gebrauch 
eine entsprechende Blutentieerung zu machen. 

Die China wurde ebenfalls and sehen von Talbot, Nigrfr- 
«ol, Piteairne, Hellwig und Andern in Verbindung mit 
Opium gegeben, und Geletnecki steht diese Verbindung sogar 
dem Chinin vor. Das mag seinen Grund haben; wenn man aber 
dem Chinin Opium beisetzt, wie schon mehrere Aerzte < und ich 
selbst gethan habe* «o gewinnt man ein noch kräftigeres Heh% 
mittel*. 

In der neueren Zeit hat man sogar gefunden, dafs selbst 
andere Tfarcotica an Heilkraft gewinnen, wenn man ihnen Opium 



So weit reichen die Erfahrungen über die bemerkte Eigen- 
sebaft des Opiums; dieselben werden aber gewifs eine viel grfc- 
fsere Ausdehnung -erreichen , wenn die Aerzte diese Eigenschaft 
beachten und allseitiger benutzen werden. 

Zur Naturgeschichte der Menschen-Epiphyten. 

lachen verum. 
Im Jahre 1822 oder 23 wurde ich eines Tages durch ein be- 
deutendes Jucken am Scrotum auf eine merkwürdige EfHorescenz 
der Haut des Hodensacks aufmerksam gemacht. Es hatte sich ein 
rother Fleck gebildet (ich glaubfe wenigstens , es war nicht mehr 
als einer) der etwa den Umfang einer halben Krone hatte, und 
der sich wie der Thallus der Lichenes verhielt ; es standen näm- 
lich auf demselben mehrere schon gelbe napffurmlge Schüssel- 
chen , welche ungefähr eine halbe Linie in der Dicke und zwei 
Linien im Durchmesser battön. Jeder Botaniker, dem man ein 
solches Schüsselchen gezeigt hätte, würde dasselbe gewifs für 
das Fmcbtlager einer Flechte, etwa von der Gattung Evernia ge- 
halten haben. Ich hatte damals keine so grofse Freude an sol- 
chen Curiositäten , um die mit ihrer Beobachtung am eigenen Kor- 
per verbundene Unbequemlichkeit der Wissenschaft zum Opfer 
zu bringen, und da das Epipbyt stark juckte, so bestrich ich es, 
nachdem ich es einem Freunde gezeigt hatte, mit einer Graphit- 



.i!' ,. Eis^nmaiin; \t : . 

salbe, dun* die ta denn auch binnen 24' Stauten gänzlich ver- 

drängt wurde. 

Ich hatte früher nicht den Math, die Aufmerksamkeit der 
Aerzte für eine so isolirt stehende Beobachtung in Ansprach za 
nehniefi; nun aber, da die E|>i- und Endophyten nach Seh ön- 
lein's Vorgang verdienterinafeen gewttridigt werden, glaubte leb, 
diesen nicht unwichtigen Beitrag zur Naturgeschichte dieser 'Pa- 
rasyten geben zu mfisfeem Ich: habe dieses Epipfayt Liehen ge- 
nannt,, weil es wirklich ein Liehen ist; ich habe ferner provi- 
sorisch das Beiwort verum zugesetzt/ um es von jenen chront- 
schen Hautausschlägen zu unterscheiden, welche den Namen Li- 
ehen mit weniger Recht tragen. 

Dieses fitr die Naturhistoriker;. den Nosologdn bin, ich aber 
über die Aetiologie dieser wahren Flechte noch folgenden Bericht 
schuldig. ' Ich habe nie an Scropheln , Pdrrignies , Tripper oder 
Schanker gelitten« Im Jahre 1809, als ich 14 Jahre alt war, be- 
ks& ich .die -Krätze, welche mehreren vom Atzte verordneten 
Mitteln trotzte, dann vernachläfeigt wurde und so ungeföbr eis 
Jahr ,rait aufsergewuhnlicher Heftigkeit und Verbreitung fortbe- 
stand: an den beiden Ellenbogen -Gelenkeu hatten sich Borken 
jgebjjdet, welche die Dicke und das Ausseben von Baumrinden 
hatten. Ob nicht .etwa diese Borken schon, epiphytiseber Natur 
.waren» darüber läfst sjch natürlich jetzt nicht. mehr urtheüen. 
Dieser «Ausschlag wurde 1810 durch, eine Salbe aus, Schwefel 
und Baumöl beseitigt, oh radical gebeilt, steht, in Frage.. Ich 
blieb darauf gesund bis zum Jahre 1820. Um diese Zeit fühlte 
ich öfter an der äufsern Seite der rechten Wade ein Jucken, und 
da ich diese $teUe zuweHen. mit dem .sie bedeckenden tuchenep 
Beinkleide rieb , so entstand ein herpetischer Ausschlag, der an- 
fangs den Umfang* eines Kreuzers hatte, sich aberallmälig über 
den ganzen Unterschenkel verbreitete und stark näfiste, ,so zwar, 
dafs nach erhitzenden Bewegungen eine Art Sevum geradezu ab- 
tropfte. Zu Ende des Jahres 1821 und im Januar 1822 heilte ich 
.diesen Ausschlag durch den reichlichen inneren Gebrauch der 
Holztränke und durch die anhaltende ortliche Anwendung warmer 
adstringif ender Fomentationen, welche aus einem Eichenrinden- 



Kurze llittheilungen. M& 

decoct nfit Alaun bestenden* "Der Eüfs wurde ganz/ rain^ so tUfi 
auf der. Haut keine Spür tod dem lange. bestandenen Uebel zurück* 
blieb. Einige Zeit später bekam' ich! dann das oben beschriebene 
Epiphyt 

Man sieht» die Zabi der Menschen*Epiphyten riehst stab tag* 
lieh , und dieselben nehmen sehen eine, besondere Stellung lim 
System in Anspruch. Damit wir .aber bald den Umfang, dieser 
Classe Von Natarkörpern beurtheäen können, mufs jeder sein Bis» 
chen Wissen dazu beitragen und selbst blofse Andeutung«! dürft 
teo willkommen seyn* Von diesem Gesichtspüncte aus erlaube 
ich mir, darauf aufmerksam zu. machen, dafs auch die Rhypia 
nichts Anderes als ein Epiphyt sei. Ich habe im Jahre 1830 mit 
Schonlein eine Rhypia bei einem jungen Manne behandelt* 
welche gerade auf dem Scheitel safs und eine selche' Höhle er* 
reichte,- dafs der Kranke selbst sie sein Thfirmchen nannte; sie 
erreichte, wenn sie abgefallen war, bald wieder : die Höbe yott 
einem bis anderthalb Zoll, was ♦ei der gewöhnlichen Borkenbifc 
düng nicht hätte ' geschehen keimen und nur durch eine Art Ve* 
getation möglich war* . • .,{ 

Ich kann nicht schliefsen, .ohne mit Achtung eines älteren 
Arztes zu gedenken» Wolf in^Heidelberg schreibt unterm 1 5 JTe-t 
bruar 1816 in der medic. chiri> Zetamg 1816 I. 330. „Gefehlt 
haben die Aerzte , dafs sie bisher keinen Unterschied zwischen 
krankem Körper {Verletzung organischer Gebilde, Wunden, Vepfr 
renkungen) und Krankheiten im Körper, die ab eigeothibtttieh* 
Wesen im Organismus* des Erkrankten hausen , wie «z* R. Polten; 
Lustseuche, Nervenfieber u. s. w* festsetzten* ~— — — Dafs die 
Krankheiten des* Lebensprincips. wirklich lebende Wesen sind> 
Itfst sich schon aus ihrer bestiinraten Entwickelungs-,Bildung^ r 
4md Kortpflanzungszeit, desgleichen aus ihrem regelmäßigen Alter 
entnehmen. Man sollte nun denken, dafs diese täglich vorkam? 
menden Erscheinungen. in Krankheiten, desgleichen die auffallen- 
den sogenannten Afterproductionen, noch niehr aber "die/ bei Krank- 
heiten der Thiere Statt finden, Spul, Maden-, Band wärmer u.s. w., 
die Krätzmilbe, dann die Läuse, MorpionstU* s* w» endlich die 
verschiedenen Afterpflanzen, z* £u Moos« und Schwammarten. 



t 



344 Eisenmann. 

Misteln u. e* w., wodurch' die gesundete Pfladzeii abzehren und 
zu Grunde geben -*— dafs diese handgreiflichen Thatsachen , die 
stündlieh unter den Augen der Aerzte entstehen, doch die vielen 
Jahrtausende her irgend einen Arzt auf den Gedanken und zur 
(Jeberlegung brächten: ob die Krankheiten, die gleich den uns 
bekannten Organismen (Pflanzen und Thiere) ihr eigentümliches 
Leben, Wachsthum, Handein, Wandeln u. s. w. sowie ihre re- 
gehnäfsige Erzeugung und Alter haben, nicht etwa selbst lebende 
Pflanzen und Thiere sind. 

Das Oel als Heilmittel. 
Da dieHedaction des Archivs durch ihren Anhang zu Baur's 
interessanten Mittheilungen über die Heilkraft des Oels gegen 
Scropheln im 2ten Hefte des lsten Bandes angedeutet hat, dafs 
ihr das Oel als Heilmittel einer besondern Beachtung würdig er- 
scheine, so wird ihr nicht unwillkommen seyu, zu vernehmen, dafs 
das Baumöl in manchen Gegenden. Deutschlands nicht blofs als 
an allgemeines Antidotuin, sondern adfcb namentlich als ein er- 
probtes Mittel gegen Tripper und Nachtripper beim Volk im Ge- 
brauche ist. Ich selbst kenne die Krankheitsgeschichte eines Un- 
terofflciers der schon öfters an Tripper gelitten hatte und seit ei- 
nem halben Jahr mit- einem Nachtripper geplagt war, als er mich 
hm Ruth fragte. • Da ich unter den gegebenen UmstSndten nicht 
Sicher war, ob die Krankheit nicht schon Verengerungen in der 
Harnröhre gebildet habe, ich aber die zur Untersuchung nüthigen 
Bougies 'nicht; «er Hand hatte, so wies ich den Kranken- zum Be- 
huf der Untersuchung vorläufig an einen andern Arzt Allein statt 
meinem Ratbe zu folgen , nahm der Kranke ein starkes Glas (ftjcbt 
ganz einen Schoppen) Baumöl auf einmal and zwar mit baldigem 
und vollständigem Erfolg, denn derNacbtri^per verschwand' binnen 
wenigen Tagen vollkommen. Derselbe litt zwar später an ver-* 
schiedentin Uebeln,. seine Leiden waren aber nicht der Art, dafs 
man sie einem unterdrückten Tripper bitte zur Last legen kön- 
nen. Howship und Elliotson fanden das Olivenöl aoeh ge- 
gen Fettentleerungen durch den After und durch die Harnröhre 
wirksam; eie geben es zu 4—8 Unzen auf einmal. 



Recensionen. 

Sydenham. Ein Beitrag zur wissenschaftlichen. Medicin. Von 
F e r d. J a h n> Ebenach, bei Joh. Friedr. Barecke. 1840. 
S. XVI. u. 288. 

* i 1 

Recensirt von Dl\ HL SpieSS *)♦ 



MUs ist ein nicht genug zu bewunderndes. Gesetz der Natur, dafs 
wie in der Körperwelt» so auch in dem Bereiche des Geistes die 
Gegensätze sich überall hervorrufen uud gegenseitig- bedingen. 
Ist in der Körperwelt das Bestehen alles Vorhandenen durch die- 
ses Gesetz gesichert , so in dem Bereiche des Geistes alles Fort* 
schreiten , das bei der Mangelhaftigkeit der menschlichen Natur 
bekanntlich nie in gerader, das endliche Ziel unverrückt im Auge 
behaltender Richtung, sondern immer nur in schwankender Be- 
wegung, mit grösseren oder geringeren Abweichungen, bald nach 

4 ■ » m 

der einen, bald nach der andern Seite bin Statt findet, — In ei- 
nem solchen Verhältnisse des Gegensatzes nun scheinen uns auch 

die beiden Hauptbestrebungen jzu stehen,, «die unserer Ansicht 

■ • • ■ ■«.'•.•., 

nach die medicinische Wissenschaft unserer Tage vorzugsweise 
upd in erfreulicher Weise charakterisiren , und von deren verein- 
tem Wirken, wir uns deshalb auch die gedeihlichsten Früchte ver». 



*) Das Archiv gilt bereit« im l'ublikam als dap Organ der naturr 
historischen Schule. Einer der ersten Grundsätze dieser Schule ist die 
unbeschränkte Meinungs- und Redefreiheit, die sie ihren Anhängern ge- 
stattet. Zufolge dieses Grundsatzes hat die Redaction keinen Anstand 
genommen*, die folgende AbhaB^lang eine« dieser Schule nicht ange- 
hörigen Arztes aufzunehmen, welchen für das Archiv gewonnen zu ha-* 
ben sie sich glücklich schätzt. 

Dr* H. Hasser. «« 



348 . . r Süiefs. 'mI: f- 



natura* notäfio et antmadverrio peperit, stA patim varü* cujus- 
aaujue. Jktatii doct&rum' iaboribus coaceroata saptentki dieenda 
est, hemimanque mkdtoritm mens in unum quasi coUeeto." 

Bezeichnet dar Verf. m diesen Worten die 'ganze Gräfte der 
Aufgabe, deren Lftsung er sich mit edlem Elfer zum Ziele seines 
Lebens gesetzt bat» '-— die nns jedoch die Kräfte eines jeden 
Einzelnen leider weit zu übersteigen «eheint, — ■ so verspricht er 
weiterbin, mit näherer Beziehung zu seinen geschichtlichen Studien, 
neben einer, ausführlicheren Darstellung des B'ara'efelsns, — 
auf den in neuerer Zeit zuerst : wieder dnngerid auimerksam ge- 
macht zu haben, ihm zu besonderem Verdienste gereicht»' ***** auch 
die Lehren des Hippocrates, Helmoot, Stahl und eini- 
ger anderen „Leuchten der Bfedicin" in - genauer Bearbeitung der 
OeffentEchkeit übergeben zu wollen, um ihnen <fär die Entwürdi- 
gung , die sie durch so manche hochgehaltene Geschicbfscbreiber, 
und namentlich auch durch Sprengel erlitten haben Sollen, eine 
▼olle Genugthuung angedeihen zu lassen. Den Anfang aber macht 
er mit'Thi. Sydenfaam, den er vor aßen' hochhält,, der 
ihm namentlich auch als einer der- Vorläufer: der heutigen natarhi- 
storischen Schule und als einer der vornehmsten Begründet der 
Physiatrfk erscheint, und der deshalb schon. frühe seihe Aufmerk- 
samkeit vorzugsweise auf sich gezogen hatte. - 

Ueber die Art und "Weise nun, die der Verf.' bei der Dar- 
stellung von Syden harnte Lehren befolgt bat, um ein ihQglichst 
treues Bild von ihm uns vor die Augen zu fuhren , und die ganze 
Bedeutung desselben uns kennen zu lehren, spricht er sich' selbst 
in folgenden Worten der Anleitung aus , wo er dagt: (S. &) „leb 
lasse meinen Mann, um ein völlig naturgetreues, Zug für Zog 
ihn* entsprechendes, durch überflüssige Zuthat, pragmatisches 
Geschwätz", ' unbefugt meisternde Kritikasterei , philosophische 
Construction und Befleckung mit meinen -Schwächen und Gebre- 
chen nicht entstelltes Gemälde von ihm zu liefern v so viel als 
moglieh ihit seinen eignen Worten redes, und Ihn so gleichsam 
sicn selbst darstellen, 'bringe aber irierbei die von ihm- in seinen 
Werken zerstreut ausgesprochenen Lebrmeimmgen , sie passend 
an eitiander reihend, in .eh»* dureb die Natur der GegensuSilde 



Jahn's Sydeiiham. 

Ordnung, in eine systematische Reihenfolge, um auf 
diese Weise einen klaren Blick in und über sein Lehrgebäude zu 
gewähren. In einigen Notizen über sein Leben und einer kurzen 
Uebersicht über seine Ansichten schicke ich denselben, einen deu> 
tenden Schlüssel voraus." 

Diesem Plane getreu ordnet der Verf. dann die in seht 
grofser Vollständigkeit aus Sy den ha ms Werken ausgezogenen 
Materialien unter folgenden Rubriken, deren Ueberschrifted wir 
nur anfuhren , um wenigstens einigermafsen eine Idee zu geben 
von der Reichhaltigkeit des hier Gebotenen: I. Sydenham's 
Ansichten über die Medicin im Allgemeinen (S. 27 — 44). IL Par 
thologie. A- der naturgeschichtliche oder naturwlssenschaftr 
liehe, nicht der philosophische Standpunct, ist dem Pathologen 
nothig. B. Natur und Bedeutung der Krankheit ; Genesis dersel- 
ben; Eintheilung der Krankheiten; naturhistorische Krankheits- 
lehre; Veränderungen des Organismus beim Krankseyn; Reactio*- 
neu des Lebens wider die Krankheiten — Heilungsprocefs; Ano- 
malieen der Heilbestrebungen ; — Tod (S. 55 — 95). G. Theor 
rieen einzelner Krankheiten (S. 95 — 138). D« Seuchenlehre (S. 
138— 18i). HL Therapie. A. Allgemeines. B. Specielles 
(8. 186 — 288). 

In allen diesen Abschnitten zeigt sich der Verf. als auf das 
Innigste mit seinem Gegenstande vertraut, überall erkennt man» 
mit wAeb besonderer Vorliebe und daraus entspringender Gründ- 
lichkeit er Sydenham's Ansichten sich gann su eigen gemacht 
hat, und besonders rühmend ist hervorzuheben, dafs es nicht 
eine lose und blofs äufserlich susammengeDeihte Folge von Auszü- 
gen .und Citaten ist, die er uns giebt, — womit man sich in einigen 
neueren ähnlichen Darstellungen älterer Aerzte auf bedauerliche 
Weise begnügt hat, — sondern ein wohlgeordnetes, von einem gei- 
stigen Faden überall durchwehtes und zusammengehaltenes Gan- 
zes. Man wird es uns- gern erlassen, diese unwidersprechlichen 
Vorzüge im Einzelnen nachzuweisen, da es unmöglich unsere Ab* 
sieht seyn kann, Auszüge von Auszügen zu geben. Um so mehr sei 
es uns erlaubt, über. das Ganze, den Zweck sowohl, als die Aus* 
fähnirig einige allgemeinere Bemerkungen hier anzuknüpfen. 

24 



Spiels. 

• Wir wollen und dürfen mit dem Verf. Hiebt darüber rechten 
warum er bei den mancherlei von ihm beabsichtigten medickuscb- 
geschlchtlichen Arbeiten grade mit Sydenham den Anfang ge- 
macht hat. Nicht als ob wir Sydenham nur im Mindesten 
geringer achteten , als irgend einen der ersten Heroen unserer 
Wissenschaft. Im Gegentheile scheint er auch uns als eine 
der hellsten Leuchten in der Geschichte unserer Wissenschaft 
zu strahlen, — wie wir noch weiter. anzudeuten gedenken, — 
und kaum möchte Einer zu finden seyn, der zu allen Zeiten 
und unter allen Umständen mehr als er verdiente, auf das Ei- 
frigste studirt zu werden. Nichtsdestoweniger hätte er unse- 
rer Ansicht nach aus mehr als einem Grunde einer solchen müh- 
samen und ausführlichen Bearbeitung weniger bedurft, als man- 
cher andere, vielleicht weniger verdienstvolle, aber auch um so 
weniger bekannte Schriftsteller, jSydenham's Schriften sind 
nämlich einem Jeden leicht zugänglich; bei ihm ist nicht, wie 
bei vielen anderen, ein süfser Kern hinter einer harten, nur müh- 
sam zu durchbrechenden Schale versteckt, noch sind vereinzelte 
Goldkorner unter Haufen unnützer Spreu verborgen; im Gegen- 
theile, wo wir Sydenham's Schriften aufschlagen 9 * begegnet 
uns der klassisch gebildete Arzt, seinem ruhmvollen Vorbilde, 
Hippokrates, in Allem nacheifernd , und schon deshalb die 
Resultate seiner besonnenen Forschungen in aller Einfachheit, 
aber mit meisterhaften Zügen darstellend, so dafs es kemsjfctühe, 
sondern Gennfs gewährt, sich von ihm belehren zu lassen* ..Dann 
aber scheint uns auch, als ob es sich bei dem Studium Syden* 
ham's weit weniger um die positiven Resultate seiner Forschun- 
gen, — die doch allein in Auszügen sich wiedergeben lassen, — 
handele, da sie wohl schon längst Allgemeingut der Wissenschaft 
geworden sind, wie z. B. die von ihm zuerst so vollständig auf- 
gestellten Gesetze der epidemischen Krankheiten , die richtigere 
Behandlung mancher akuter Krankheiten, besonders mehrerer 
Ausschlagsformen u. s. w , als vielmehr um seine ganze Persön- 
lichkeit, wie sie sich in seinen Schriften so klar abspiegelt, und 
die unstreitig das würdigste Vorbild eines jeden nach tüchtiger 
Ausbildung strebenden Arztes ist In dieser Beziehung finden wir 



-H 



Jahn's Sydenham. Ö5I 

einen grofsen Unterschied zwischen Sydenham auf der einen, 
und Paracelsus, Helmont, auch selbst Stahl und manchen 
Anderen auf der anderen Seite. Wenn der Letzteren Schriften 
nothwendig einer mühsamen Bearbeitung von Seiten solcher be- 
dürfen, die zu so speciellen Studien Zeit, Neigung und Geschick 
haben , damit auch andere , denen eins oder das andere von die- 
sen abgeht, Thei! haben können an den Resultaten ihrer Forschung 
gen und ihres tiefen Nachdenkens; so sollten Sydenham's 
Werke im Gegentheile in der Hand eines jeden Arztes , sie soll- 
ten sein beständiger Führer und Lehrer seyn. — Doch soll hier- 
mit , wie gesagt , ' dem Vf. in keiner Weise ein Vorwurf gemacht 
werden, da wir überzeugt sind, dafs er, bei seiner un verkenn- 
baren Vorliebe für Sydenham, das Studium* der Werke des- 
selben durch seine mühsame Arbeit gewifs nicht hat überflüssig 
machen , sondern dazu nur noch mehr hat anregen wollen. Auch 
wollen wir gern anerkennen , dafs namentlich einzelne Abschnitte 
in des Vfe. Arbeit, so insonderheit der mit sehr verdienter Aus- 
führlichkeit behandelte über die Seuchenlehre, durch die wohl- 
gelungene Zusammenstellung der in Sydenham's Werken über- 
all zerstreuten einzelnen Aeufserun^n , auch für sich höchst dan- 
kenswerte Gaben sind. 

Mehr müssen wir dagegen bedauern, dafs es dem Vf. nicht 
gefallen hat, über die Charakteristik Sydenham's im Allgemei- 
nen und seine Stellung zur Wissenschaft überhaupt und deren 
Entwicklung sich etwas weiter zu verbreiten. Ein jeder Schrift- 
steller kann nur mit und aus seiner Zeit verstanden und richtig 
gewürdigt werden, und gerade bei Sydenham, der wegen 
seiner vielen unbestrittenen Vorzüge, und namentlich wegen sei- 
ner acht praktischen Richtung uns immer als Vorbild hingestellt 
wird,, auf den man sich, wie auf Hippokrates, immer beruft, 
wenn man angeblich falsche und irrige Richtungen unserer gegen- 
wärtigen Zeit als solche zu bezeichnen sich bemüht , wäre eine 
nähere Berücksichtigung seiner Zeit und der eigentümlichen Ver- 
bältnisse der damaligen .Wissenschaft besonders wünscbenswerth 
gewesen. Irren wir nicht sehr, so hätte sich manches Mifsver- 
ständoifo , was unserer Ansicht nach auch in des Vis. Schrift sich 

24* 



86t Spiefs. 

eingeschlichen bat, dadurch vermeiden lassen, und es hätte triefe 
fiberfaaupt viel klarer herausgestellt, was wir auch heutzutage 
noch an Sydenbam haben können und sollen, worin er uns 
auch jetzt noch ein glänzendes Vorbild seyn mag und worin nicht» 
Denn ein Ueberschätzen pflegt gemeiniglich nicht bessere Folgen 
au haben, als unbegründete Geringachtung. — Dafs wir hierbei 
keiner „unbefugt meisternden Kritikasteret ," keinem „pragmati- 
schen Geschwätz," auch keiner willkürlichen „philosophischen 
Construction" das Wort reden wollen , ist wohl nicht nutkig zu 
bemerken« Doch darf auch das nicht übersehen werden, dafs 
man von dem Sehten Geschichtschreiber nicht blofa möglichst 
unbefangene treue Darstellung, sondern auch ein tieferes Eingehen 
und eine Nachweisung des Innern nothwendigen Zusammenhanges 
des Dargestellten zu erwarten berichtigt ist 

Auch unser V£ nämlich scheint an S y d e n h a m als an einem 
in jeder Beziehung nachzueifernden Vorbild hinauf au schauen; 
er hält ihn nicht blofs hoch wegen seiner treuen , unbefangenen 
Beobachtung der Natur und seiner meisterhaften, filr alle Zeiten 
geltenden Beschreibungen und Darstellungen der von ihm beobach- 
teten Krankheiten, ihre* Entstehung, ihres Verlaufe «nd ihrer 
sonstigen mannichfachen Verhältnisse zu einander;, nicht Wob 
wegen seiner bescheidenen Hochachtung vor der Heilkraft «kr Na- 
to, die ihn manche Krankheiten so viel richtiger behandeln lehrte, 
als diefs bei den meisten seiner Zeitgenossen der Fall war; son* 
dem er scheint ihn fest noch mehr au bewundern wegen seiner 
allgemeinen pathologischen, mehr theoretischen Ansichten übet 
die Natur und die Entstehung der Krankheiten, die er deshalb 
auch in seiner Schrift mit grosserer Weitläufigkeit, als sie uns zu 
verdienen scheinen, abbandelte, und in diesem Puncte können 
wir gar nicht mit ihm übereinstimmen« Wir glauben nämlich, dafis 
der Verf. , befangen durch eine sehr erklärliche Vorliebe für sein« 
eigne Ansicht von der naturhistorisehen Bedeutung der Krankhet» 
ten, wonach dieselben eigeutbumüehe Lebensformen , Afternrga- 
nismen, Schmarotaerwesen seyn sotten, wie er dieselbe nach 
Stark 1 » Vorgänge bereits in mehreren Schriften näher zu begrün- 
den versucht halt, und wofür er in Sydenham eine willkommen« 



Jahns Sydenham. 158 

Stütze an finden glaubte, steh hat verleiten lassen, Manches in 
diese hinein zu tragen , was wir bei der rahigsten Prüfung nicht 
darin haben finden können. Es erfordert diefs eine nähere Nach« 
weisung, die um so mehr nttthig seyn dürfte, als diese Ansieht 
von der naturhistorischen Bedeutung der Krankheit von so ta* 
lentvotlen und geistreichen Männern vertheidlgt, trotz des ihr 
su Grunde liegenden argen Irrthums , leicht einen grOfseren Ein* 
finfs gewinnen kanntet» als flir die heutige Entwicklung der me- 
drcinfcjchen Wissenschaft gut wäre« 

Man pflegt wohl Sydeftham, wie insbesondere auch Hip- 
pocrates, die man ihrer innigen Verwandtschaft wegen gern 
und gana richtig zusammenstellt, als vorzügliche Begründer und 
Stützen der praktischen Medicin au betrachten, — worin be- 
kanntlich viele das alleinige Heil finden , — und stellt ihnen dann 
.wohl andere, wie s. B. Galen, Stahl, Brown als solche ge» 
genüber, die mehr in theoretischer Weisedle medicinische 
Wissenschaft auszubilden bestrebt waren, und gerade dadurch 
dieselbe oft mehr in gefährliche Irrgänge , als zur Wahrheit sollen 
hingeführt haben. Ganz treffend scheint uns diese Gegenüber* 
Stellung der Praktiker und Theoretiker nicht zu seyn) 
wenigstens wird damit der letzte Grund ihrer wesentlichen Ver- 
schiedenheit nicht bestimmt genüg bezeichnet, denn auch Hip- 
pocrates und namentlich Sydenham haben ihre Theorieen, 
wie über die Natur und Entstehung jeder einzelnen Kabnkheit , so 
auch Über das Wesen und die Entstehung' der Krankheiten über* 
haupt; während auf der anderen Seite die mehr theoretischen 
Aerzte sich wenigstens immer auf die Erfahrung berufen, von 
praktischen Ergebnissen ausgehen und in Ihnen wiederum den Be- 
weis für die Richtigkeit ihrer Ansichten zu finden glauben. Rick« 
tlger dürfte sich daher dieser Gegensatz bezeichnen lassen , wenn 
wir anerkennen, dafs Ale sogenannten Praktiker Hlppoorates, 
Sydenham u» A. ausschliefeUch vom pathologischen, die 
gegenüberstehenden Theoretiker Galen, Stahl, Brown u. A. 
dagegen von allgemeinerem naturwissenschaftlichen, namentlich 
physiologischen Standpuncte ans die medtehrische Wisset*» 
sthaft auszubilden bemüht wann» Hieraus erklärt sich den antfc 



S54 Spie fs. 

wehetfcfo der allerdings grobe Unterschied zwischen der Theorie, 
wie der Praxis der einen und der anderen« . Hippoerates und 
Sydenham gehen, eben wegen ihres auäwcbliefslich pathologi- 
schen Standpunctes , nicht mir von der Krankheit selbst, als dem 
durch die Beobachtung gegebenen au«, sondern bleiben auch bei 
ihr stehen, suchen ihre Ursachen auf, so weit dieselben nämlich 
ebenfalls durch bestimmte Beobachtung sich ermitteln lassen, ver- 
folgen ihre Entwicklung, ihren Verlauf, ujni lernen so die Mittel 
und Wege kennen , durch welche die Natur selbst die Krankhei- 
ten zu heilen sich bemüht. Die Theorieen , die sie sich dabei 
bilden, sind vielmehr nur vereinreite Hypothesen, wodurch sie, 
um* dem unabweisbaren Bedürfnisse des menschlichen Geistes zu 
genügen, die Lücke zwischen Ursache und Wirkung, sowohl bei 
der Entstehung , als bei der Heilung der Krankheiten auszufällen 
suchen. Dergleichen Hypothesen sind nun freilich unschädlich, 
eben weil sie nur für den einzelnen Fall gebildet und ohne notb- 
wendige allgemeinere Beziehungen dem allein als gültig anerkann- 
ten' Resultate der sinnlichen Beobachtung sieh immer anpassen 
müssen; aber sie haben eben defehalb auch gar keinen Werth 
als Theorie, d. h. sie geben unserem Erfahrungswissen weder 
nicberen Halt, noch, was doch da* Haupterforderaifs wäre, aff- 
gemeineren Zusammenhang und vernunftgemäße Einheit Mach 
letzteren wesentlichen Vorzügen ächter Theorie strebten aber aue 
die, welch* den blofs pathologischen Standpenct defehalb verlas- 
send, und den näheren und nächsten Bedingungen des Erkran» 
kens, den wirklichen Verbindungsgliedern zwischen Ursache und 
Wirkung nachforschend, auch die Physiologie und die mit dieser 
innigst verbundenen Naturwissenschaften überhaupt zu Hülfe nah- 
men,' und auf einer richtigen Lebenslehre, eine wahrhaft begrün- 
dete Krankheitslehre aulzuhauen sich bemühten. Sind ihre viel- 
fachen Bestrebungen , aus 'Mangel an den nothwendig zu Grande 
zu legenden Vorarbeiten, auch Ins jetzt ohne* den gewünschten 
Erfolg gewesen, -ja, haben sie nicht selten die Heilkunde auf die 
traurigsten Abwege geüKhrt, so müssen wir doch demungeacbtet 
anerkennen, dafs sie aus einem ganz richtig erkannten Bedürfnisse 
hervorgegangen sind, und dafs dieb Bedürfnüs nie schweigen 



Jahns Sydenham. 856 

wird, bis eine vollständige Durchdringung der Theorie und der 
Praxis herbeigeführt seyn wird. 

AHein zwischen Hippocrates und Sydenham bestellt 
ungeachtet des ihnen gemeinschaftlichen rein pathologischen Stand- 
punctes doch noch ein Unterschied, der nicht zu übersehen ist 
Zu Hippokrates Zeiten, der, theils das ihm Ueberlieferte; 
theils seine eigenen sorgfältigen Krankheitsbeobachtungen zusam- 
menstellend , gerade hierdurch den ersten notwendigen Grund 
legte zu einer zukunftigen Beilwissenschaft, gab es noch keine 
Physiologie und keine Versuche zur theoretischen Bearbeitung der 
Medicin. Aber beides llefs, wenn auch nur in erstem, höchst 
unvollkommenen Versuchen nicht lange auf sieh warten. Dogma* 
tiker, Methodiker, Pneumatiker und Eklektiker machten sich den 
Rang streitig, bis Galen, ausgerüstet mit eben so erstaunlicher 
Gelehrsamkeit, als für seine Zeit ausserordentlicher Kenntnifs de* 
gesammten Natur, sie alle vereinigte, und indem er die Lehre 
von den Krankheiten , wie sie bis dahin erfahruugsmä&ig ausge- 
bildet worden war, auf seine Physiologie gründete, die selbst 
wieder in seinen allgemeinen naturphilosophischen Ansichten wur- 
zelte, eine unbestrittene Herrschaft, einen über viele Jahrhun- 
derte sich erstreckenden Einflufs auf die Heilkunde übte. Es ist 
hinlänglich bekannt, wie die Galenische Lehre im Laufe der Zei- 
ten ausartete, wie sie unter den Händen der Scholastiker in ganz, 
leere, der lebendigen Natur gänzlich abgewandte Speculationeu 
sich verlor, so dafs selbst die aus den unverftlsejiten Quellen 
wieder schupfenden, mit klassischer Bildung ausgerüsteten Aerzte 
des sechszehnten Jahrhunderts ihr kein neues Leben wieder ein- 
zuhauchen > sie mit der uuterdefe doch fortgeschrittenen und na* 
menttich auf Hippocrates Ansichten wieder mehr sich stüzen- 
den ärztlichen Praxis in keiner Weise in Einklang zu bringen ver- 
mochten , und wie es Paracelsus* und seinen Nachfolgern 
mit ihrem der Zeit allzu sehr voraneilenden Idealismus eben so we- 
nig gelang, eine bessere Lehre fest zu begründen und allgemein 
zu/ verbreiten. Da trat Sydenham au£ Ihm gegenüber be- 
stand eine physiologische Medicin» aber es. war die des Syl- 
vius* die aUe Mgngel der späteren .Galeuischen Lehre raijt zaM? 



Spiefs. 

iosen neuen Irrtbümern in rieb vereinigte. So nah er denn die 
einzige Rettung der Median in der Rückkehr zu dem ersten Grün- 
der derselben, zuHippoerates; so bemühte er sich, alle die 
physiologischen und philosophischen eitlen Speculationen als die 
Ursache des traurigen Zustande« der Heilkunde seiner Zeit von 
Herzen verachtend, durch treue, «orgfaltige Beobachtung der 
Krankheiten wieder einen neuen Grund zu legen» — Diese eitlen 
philosophischen Speculationen aber Gegenstände der Natur sind es 
denn auch wohl» — um diefs nur im Torbeigeben zu bemerken, — 
wovor Sydenham an so vielen Stellen seiner Werke auf das 
Entschiedenste warnt, nicht aber die höhere Philosophie über- 
haupt, oder die Metaphysik, wie unser Vf. (S. 15) zu verstehen 
giebt, und die der letztere geradezu als „leere, hohle Träume- 
reien von übernatürlichen Dingen, von einer Gottheit, die über 
und aofser der Welt oder der Natur stehe", bezeichnet; denn 
auch dem im Bereiche seiner Wissenschaft durchaus nur auf sinn- 
liche Erfahrung fassenden Arzte dürfte es wohl anstehen, ein Hü* 
heres über und aufser dieser vergänglichen Welt glaubend anzu- 
nehmen« 

Nach dieser vielleicht etwas zu langen Abschweifung, die 
nns jedoch' aifthig schien , um den eigentbümlichen Standponer 
Sydenham** und den Charakter der ihm gegenüber stehenden 
Zeit genau zu bezeichnen , wird es sich nun leichter darthun las- 
sen, welche Bewandnifs es mit Sydenham** angeblicher Lehre 
von der naturhistorischen Bedeutung der Krankheit hat, auf die 
unser Vf. einen, wie uns dünkt, übergrofsen Werth legt. Da 
Sydenham es auf seinem blofs pathologischen Standpunote nur 
mit der der Beobachtung sich darbietenden Krankheit zu thun hat, 
da er namentlich von aller physiologischen Begründung derselben 
absichtlich abstrahirt, und alles Bemühen, die näheren im Kör- 
per selbst etwa befindlichen Ursachen der äufseren Krankheitser- 
scheinungen genauer ausfindig zu machen, für unnütze, ja ge- 
fährliche und schädliche Specufetion erkürt , so mutete Ihm aller* 
dtags der Gedanke nahe genug liegen , die Krankheiten mit ande- 
ren Natnrwesen zu vergleichen, bei denen wir auch von dem letz- 
ten Grunde ihres Daseyns nichts wissen können, deren gesetz- 



Jahn 9 « Sydenham. 851 

m&feige Entwicklung und deren Lebenslauf wir aber durch Beob- 
achtung kennen lernen. Und um so passender mufete ihm dieser 
Vergleich scheinen, je mehr seine sorgfältige Beobachtung sowohl 
in der Entwickehmg und dem Verlaufe einzelner Krankheiten, wie 
namentlich in dem Verhalten der von ihm mit besonderer Vorliebe 
verfolgten EpidemSeeo , eine ähnliche Gesetzmäßigkeit ihn kennen 
lehrte. Bei diesem Vergleiche bleibt Sydenham aber auch 
mit weiser Bescheidenheit stehen; ja, er bedient sich' desselben 
vorzugsweise nur da» wo er vor jenen eitlen Speculatfonen Aber 
die nächste Ursache, über das Wesen der Krankheiten warnt» 
und statt dessen, seiner eigenen Richtung gemäfs, dringend er- 
mahnt, dieselben nur nach ihren Gelegenheitsursachen, nach ih* 
rer Entwickehmg, nach ihrem Verlaufe gerade so zu beobachten, 
wie man andere Naturwesen nach ihren Eigentümlichkeiten beob- 
achtet So in der Hauptstelle in der Vorrede zu den Observat. 
(vergl. bei Jahn S. 56) und au vielen anderen Stellen seiner 
Werke. Es erbellt wohl, schon hieraus zur Gnüge, wie weit 
Sydenham davon entfernt war, zu glauben, als ob mit einem 
solchen, wenn auch theilweise recht treffenden, doch immer nur 
auf einen vethäitnifsmäfsig geringen Tfaeil der Krankheiten an- 
wendbaren Vergleich über das eigentliche Wesen der Krank- 
heiten, womit der Arzt sich nach seiner Ansicht ja gar nicht be- 
schäftigen soll, irgend etwas Bestimmtes ausgesagt sei, oder gar 
durch weitere Verfolgung eines solchen bloben Vergleichs bis in 
die einzelnsten Verbältnisse hinein ein vollständiges Lehrgebäude 
der Pathologie begründen zu wollen. Sydenham hält Über- 
haupt, wie auch bei seinem oben näher bezeichneten Standpuncte 
zu erwarten steht, sehr wenig von Theorie überhaupt Seine An* 
sieht in diesem Puncto spricht er recht klar in folgenden Worten 
ans, wo er sagt: „mihi, qtd nan ultra, quam res ipsa loquitotr, 
uipere audeo, perinde est, an haec an aHa hypotkesis phaeno- 
mena rectius sofoat." Wie wenig er aber daran dachte, die 
Krankheiten wirklich fllr eigentümliche Lebensformen im Sinne 
der neueren naturhistorischen Schule zu halten , ergiebt sich voll- 
ends daraus, dafe, während er nur hier und da, und immer zu 
dem schon erwähnten Zwecke sich jenes Vergleiches bedient, er 



i 



S58 Spiefs. 

gleich das erste Kapitel seiner Qb$ervat, damit anhebt; die Krank- 
heiten als das Bestreben der Natur zu definireri , einen Krank- 
heitsstoff (nicht ein eingenietetes individuelles Scbmaroizer- 
wesen, einen Afterorgaoismus) aus dem Körper ' zu entfernen 
(„Dictat ratio, si quid ego hie judieo, morbum, qüantum Übet 
ejus caussae kttfnano corpori adversentur, nihil essealmd, quam 
naturae conamen, matertae mörbificae exterminationem, 
in äffjri sakttem omni ope tnoHentis") , und däfe diese einfache 
Hippokratische Lehre von der Natur der Krankheit auf jeder Seite 
seiner Werke als eigentliche Grundansicht wiederkehrt. Mit die- 
ser Ansicht von der Natur der Krankheit hängt denn auch seine 
weitere Lehre auf dos Innigste zusammen -, dafs alle Krankheiten 
ursprünglich allgemeine, den ganzen Körper betreffende seien, — 
der Begriff des Fiebers, in dem jenes Naturbestreben sich am 
Deutlichsten kund thut, ist ibin, so zu sagen, gleichbedeutend mit 
dem der Krankheit, — und dafs alle Örtlichen Krankheiten nur 
Reflexe eines allgemeinen fieberhaften Leidens, entweder eines 
offenbaren, oder, wo es gar nicht bemerkbar war, eines versteck- 
ten Fiebers seien. Da ferner Sydenham jedes Fieber als eine 
Entzündung des Blutes ansiebt, so fährte ihn diefs wieder zu der 
Annahme, dafs alle diese Krankheiten von einer ursprünglich im 
Blute haftenden, dasselbe verändernden und entzündlich aufregen- 
den Krankheitsursache herrührten, und hieraus folgte wieder als 
sehr nahe liegend, dafo er, um doch die durch die Beobachtung 
sich ergebende Verschiedenheit der Krankheiten , z. B. der remit- 
tirehden und intermittirenden Fieber, der Pest, der Pocken» des 
Scharlachs, der Masern, der Cholera, der Ruhr, selbst der loca 
len Entzündungen, der Pleuritis und Pneumonie u. s. w., denen 
sämmtlich ein durch einen Krankheitestoff bedingter entzündlicher 
Zustand des Blutes gleichmäfsig zu Grunde liegen soll, sich nur 
einigermafsen zu erklären, sich genftthigt sah, eine specifiscbe, 
aber welter nicht zu erforschende Verschiedenheit dieser Krank- 
heitsmalerlen anzunehmen , die dann dieser specifisehen Verschie* 
denheit gemäfs auch auf eben so verschiedene Weise zunächst 
das Blut und weiterhin den ganzen Körper krankhaft verändern 
sollen« -Somit beruht Sydenhanfc Ansicht von den specifiscb 



Jahn's Sydenham. 

verschiedenen und anderen Naturwesen zu vergleichenden Krank* 
heitswesen, — so weit dieselbe nämlich bei ihm wirklich vorhan- 
den ist, — im Grunde nur auf einer sehr einseitigen und mangel- 
haften Ansieht von v dem Entstehen, der Krankheiten überhaupt, auf 
der ausschliefslichen Berücksichtigung nämlich des einen Factors 
des Erkranket», der äufseren Ursache, bei gänzlichem Ueberse- 
hen des anderen unendlich raannicbfakigeren und defsbalb wichti- 
geren Factors, des erkrankenden. Organismus selbst und seiner 
einzelnen Theile. Immer aber handelt es sich bei Sydenham 
doch nur von specifisch verschiedenen Materien, die dann auch 
nur als Krankheitsursachen, nicht aber von eigentbflmUchcB 
Lebensformen, oder gar Afterorganismen, die das Krankheits- 
wesen selbst ausmachen sollen, wie unser V£ diels auszulegen 
sieb bemüht Denn wenn Sy denn am die Wirkung jeneispeei- 
fischen Krankheitsursachen auf das Blut mit den Worten nä- 
her bezeichnet: „humöres in formam substantialem seu speciem 
exaltaniur," so finden wir darin nur eine eigentümliche Entmi- 
schung der Säfte überhaupt angedeutet, aber durchaus keine Ent» 
stehung eines eigenen substantialen Lebenswesens. 

Aber gesetzt auch, bei Sydenham fitude* sich die Lehre 
von der naturhistorischen Bedeutung und von der Individualität 
des Krankheitsproeesaes viel vollständiger ausgebildet und viel 
bestimmter ausgesprochen, als wir diefo zuzugeben im Stande 
sind, — unser Vf. selbst betrachtet Sydenham ja nur als 
Vorläufer der heutigen uaturhistorischen Schule — ; so ent- 
stünde immer noch die wichtige Frage, oh; was für Syden- 
ham zeitgemäß» war, es ebenso auch für uns ist} denn da/s in 
theoretischen Ansichten, die nothwendig nach Zeit und Umstän- 
den sieh ändern müssen,' eine Autorität, und wäre sie in ande* 
rer Beziehung die hochgestellteste, von nur sehr geringem Ge- 
wicht ist, bedarf wohl kaum der Andeutung. Alles, was wir 
oben sowohl über Sydenham's rein pathologischen Standpunct 
Überhaupt, als über seine allgemein pathologischen Gnmdlehren 
angeftfhrt haben, mwb uns nun' wohl die Ueberzeugtmg geben, 
dafs derselbe nicht gerade in jeder Beziehung das pas 
Vorbild fär unsere Zeit ist, so sehr seine treue und be»< 



S60 Bpiefo 

Natutbeobaehtung zu allen Zeiten nachgeahmt zu werden ver-* 
dient. — Es ist aber eigen, dafs die Anrieht von der Individua- 
lität des KraehheitsproceBses auch schon früher, nnd zwar viel 
bestimmter von einer Seite her ist geltend gemacht worden , die 
mit Sydenham in jeder Beziehung im schroffsten Widerspruche 
steht» — zum Beweis, dafs sie mit Sydenham's wesentlicher 
Eigentümlichkeit lange nicht so enge verbunden ist, als man uns 
will glauben machen, — wir meinen nämlich von Paracelsus 
und Helmont. Allein es ist auch bekannt, wie Paracelsns, 
bei seinem steten Bestreben , die unter den Händen der scholasti- 
schen Nachbeter Gaien's erstorbene Natur wieder zu beleben; 
in seiner eindringlichen poetischen Sprache Allem und Jeden eio 
besonderes Leben beilegte; nnd wenn wir in unserer Zeit diese 
poetischen Ausdrücke wörtlich nehmen und in gemeine Prosa 
übersetzen wollten, so wäre das unseres Bedünkens ganz dasselbe, 
als wenn man den aufs geistige Leben bezüglichen Ausspruch 
des Apostels : „ich fühle ein doppeltes Gesetz in mir" u. s» w., 
dessen hochpoetische Ausdrucksweise und dessen tiefe symboli- 
sche Wahrheit Niemand verkennen kann, wörtlich so auslegen 
wollte, als ob in der That ein Gott und ein Teufel in Person sich 
fortwährend in uns bekämpften« Auch das ist von jeher gesche* 
hen, nnd geschieht auch heutzutage noch; aliein mit welcheo 
Folgen, -braucht nicht weiter hier ausgeführt zu werden. 

in so entschiedenem Gegensatze aber Paracet aus und 
Sydenham in Bezug auf ihre Bestrebungen , die Heilkunde zu 
fördern , standen , in einem Puncte zeigen sie doch ein Gemein- 
schaftliches, darin nämlich* dafs ihnen beiden gerade das noch 
gänzlich abging, was das Eigentümlichste unserer Zelt ist, wir 
meinen eine Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 
und so möchte schon hieraus wenigstens ein Verdacht entspring 
gen , als ob die ihnen beiden gemeinschaftliche Ansicht von der 
naturhistorischen Bedeutung des Krankheitsprocesses, mit eines 
erfahrungstnäfeigen Physiologie nicht viel zu thqn habe. Und so ist 
CS wirklich. Es würde hier nicht der passende Ort seyn, in eine 
specielle Widerlegung der Starkschen Lehre von der Individua- 
lität des KrankheitspTscesses einzugehen; bei einer anderen Gele- 



Jahns Sydenham. 861 



genbeit haben wir bereite das Irrige dieser Lehre , wenigstens ih- 
rer» Principe nach , darzuthun uns bemüht, uad auch von vielen 
andern Seiten sind bereits die gegründetsten Einwendungen da* 
gegen gemacht worden. Uns war es hier» gegenubertdem Ver- 
suche unseres Verb. , dieser Lehre eine geschichtliche Stütze au 
geben, nur darum zu thun, die eigentliche Bedeutung der g& 
schichtlicben Elemente dieser Lehre etwas näher au beleuchten, 
und so auch von dieser Seite her au eisern richtigen Verständaüs 
in etwas beizutragen. 

Was aber die Physiologie als Erädirungswissenscbaft der 
Pathologie seyn und leisten soll , das bat schon der erste und 
vorzüglichste Begründer derselben» H. Boerhaave, richtig cr> 
kennt und klar ausgesprochen. So sehr dieser mit Sydenham 
in vieler Beziehung geistig verwandt ist, so vollkommen er mit ihm 
übereinstimmt in unbegrenzter Hochachtung des Bippokrates 
und der von diesem als Muster aufgestellten treuen Beobachtung^» 
weise, so sehr er deshalb ebenfalls allen eitlen Speeulationen 
über ein angebliches Krankheitswesen abgeneigt ist} und sich 
hon Gegentheile auf das Eifrigste bemüht, auf die durch unsre 
Sinne vermittelte Erfahrung allein die Pathologie zu gründen ; so 
sab er von der andern Seite doch eben so entschieden ein, dafs 
der blofs pathologische Standpunct nicht hinreiche, dafs eine Er- 
kenntnifs der Krankheiten, insofern dieselben nur durch Störun- 
gen der Functionen zur Erscheinung kommen, auch nur bei einer 
genügenden Erkeontaib der normalen Korperfunctionen möglich 
werde, dafs, wie die normalen Korperfunctionen nur die Aeufse* 
rang einer bestimmten normalen materiellen Beschaffenheit der 
verschiedenen Organe sind , so einer jeden Störung dieser Fun* 
ctienen auch eine krankhafte Veränderung in der materiellen Be- 
schaffenheit der Organe entsprechen müsse, und dafs es deshalb 
vor Allem darauf ankomme, diese materiellen Veränderungen, diese 
inneren Bedingungen der Krankheitserscheinungen mit möglichster 
Genauigkeit zu erforschen, indem in dem Grade, als uns dieses 
gelinge, die ganze Natur der Krankheit, das so vielfach und so 
vergeblich gesuchte Wesen sich von selbst ergeben müsse. Dafs 
i eine möglichst sorgfältige und unbefangene Beobachtung 



Stil Spiels. 

der ftufsern Krai&beitserseheimmgen selbst nach dien ihren Be- 
ziehungen und Verhältnissen nicht ausgeschlossen ist, sondern* Im 
Gegentheile als nothwendig vorausgesetzt wird , indem sie ja erst 
die Gegenstände für die physiologische Deutung feststellen mufe, 
▼ersteht sich von selbst; und so verdanken wir denn auch dieser 
von Boerhaave unserer Wissenschaft so klar vorgezeichneten 
Richtung bereits die wesentlichsten Bereicherungen der Patholo- 
gie, und dafs diese Bereicherungen bis jetzt nicht noch viel bedeu- 
* tender und fruchtbringender geworden sind, dafs gerade innerhalb 
des letzten Jahrhunderts die Medicin wiederholt in so arge Irr- 
tbümer verfallen ist, hat unstreitig nur darin seinen Grund, dafs 
man auch seit Bo erb aaveV Zeiten nur zu oft diesen allein rich- 
tigen Weg .wieder verlassen, oder auch, statt rüstig fort und dem 
noch unendlich weit entfernten Ziele entgegenzuschreiten , mit lee» 
ren Abstractionen Halt gemacht bat, in denen man das innerste 
Wesen der Erscheinungen im gesunden wie im krankhaften Zu- 
stande endlich erfafst zu haben wähnte. 

Leider läfst man sich aber auch in unseren Tagen diese man« 
nichfachen traurigen Erfahrungen nicht - genug zur Lehre dienen, 
und während man bei den erfreulichen Fortschritten aller übrigen 
Naturwissenschaften es als allgemein anerkannt erachten sollte, 
dafs nur auf dem langsamen Wege besonnener Erfahrung und 
durch treue Befolgung einer streng genetischen oder experimen- 
tellen Methode auch fiir die Pathologie das Heil allein zu erwarten 
stehe, sehen wir auch unsere heutigen Pathologen nur allzu häu- 
fig in leeren , nichtssagenden Abstractionen , an denen sie sich 
vollkommen genfigen lassen, befangen, oder mit eitlen Speeuia- 
tionen über ein angebliches Krankheitswesen beschäftigt, dessen 
Erkenntnifs, wenn es überhaupt existiren sollte, doch. nur das 
letzte Resultat der dann vollendeten Wissenschaft seyn konnte. 

Sollen wir nun unsere Ansicht von dem, was gerade heutzu- 
tage der Pathologie Noth thut, in wenige Worte zusammenfassen, 
so ist ihre Aufgabe, wie uns dünkt, eine doppelte. Einmal näm 
lieh wird man immer eine möglichst genaue Beobachtung der 
Krankheiten, ihrer' Ursachen, ihres Verlaub, ihres Verhältnisses 
zu einander, nach dem Vorbilde des Hippokrates, Syden- 



Jahn'g Sydenham. 868 

ham und mancher Anderer fortzusetzen Ijaben, fiean bei aMeni 
Reichthum der bereits vorhandenen Krankheitsbilder ist auch hier 
noch viel zu thun, und überdies treten unter dem Einflufs verän- 
derter Krankheitseonstitution und sonstiger mannichfacher Verhält- 
nisse immer wieder neue Kraukheitsbtlder hervor, deren Verglei» 
chung gerade mit früheren ähnliehen oft zu den bedeutendsten 
Aufschlüssen führt. Hierbei mag man immer diese Krankheite- 
bilder nach der Uebereinstimmung oder der Verschiedenheit der 
sie charakterisirenden einzelnen Krankheitserscheinungen , Behufs 
leichterer Uebersicht und gegenseitiger Verständigung, in beson- 
dere Gruppen und Familien zusammenstellen , und man mag auch, 
wenn man auch heutzutage noch wie zu Sydenham's Zeiten 
eines solchen Hüi&mittels zu bedürfen glaubt, die Krankheiten 
als eigenthümliche reale Wesen betrachten und sie in dieser und 
jener Beziehung mit andern Naturwesen vergleichen. Nur glaube 
man nicht, auf diesem Wege zu einer Einsicht in die eigentliche 
Natur der Krankheiten, zu einem darauf gegründeten sogenann- 
ten natürlichen Systeme derselben, kurz zu einer nur einiger- 
mafsen genügenden Theorie gelangen zu kennen. Alles, was auf 
diesem Wege der blofs pathologischen Beobachtung erlangt wird, 
ist nur eine Feststeilung von Thatsachen , die von einer andern 
Seite her ihrer Deutung und ihrer Bearbeitung entgegensehen; 
und nicht blofs die einzelnen Ergebnisse der Beobachtung , auch 
die durch vielfache Erfahrung, sowie durch Analogie und Indu- 
ction gewonnenen Resultate, wie z. B. die durch Sydenham 
aufgestellten sogenannten Gesetze über die Entstehung und den 
Verlauf der Eptdemteen, sind, insofern, sie wirklich begründet 
sind, doch auch nur ähnliche Erfahrungstatsachen, die erst in 
ganz andere Beziehungen gebracht werden müssen, um zu einer 
vernünftigen, theoretischen Erkenntnifs zu werden. 

Ist die Pathologie aber überhaupt einer theoretischen Be- 
arbeitung fähig, — - und wer wollte und könnte von vornherein 
daran zweifeln, — so kann sie dieselbe nur von Seiten der Phy- 
siologie erlangen , so wie diese wieder ihre theoretische Begrün- 
dung, — die allgemeine Physiologie, — • nur in der allgemei- 
nen Naturlehre findet Wie aber die Physiologie , seit sie wahr- 



iSpiefs. 

hafte Erfahrtrigswiss^aecbaft geworden ist, mit Recht damit he^ 
ginnt , die spedellsten und einfachsten physiologischen Erfahran* 
gen mit Zuhülfeziehung der Anatomie so wie der übrigen Natur* 
Wissenschaften , der Physik und . Chemie , au erforschen , und 
nur, insoweit ihr dieses gelungen» zu den allgemeineren Gese- 
tzen vorsichtig aufsteigt» so sollte auch die Pathologie es sich 
vor Allem angelegen seyn lassen» die einseinen und einfachsten 
Krankheitserscheinungen mit Hülfe der Physiologie zu deuten 
und au erklären, indem thatsächlich die unter einander innigst 
verketteten materiellen Veränderungen im Innern des Organismus 
und ihre Entatehusgsweise nachgewiesen würden» die die Krank* 
heitserschemungen zunächst bedingen » und somit die notwendi- 
gen Verbindungsglieder abgeben zwischen der entfernteren Ur- 
sache und der in Folge der Krankheit eintretenden Functions- 
Störung, — und das betrachte» wir als die zweite und wich- 
tigste Aufgabe der Pathologie unserer Zeit 

Dafs diese zweite Aufgäbe mit jener ersten in keiner Weise 
in Widerspruch steht» geht schon daraus hervor» dafo wir für 
sie gerade dieselbe und nur die. Erfahrung in Anspruch nehmen» 
auf die auch jene erste Aufgabe allein sich gründet* und die 
unser Vf. als Sydenhani's Lebenselement eben so wahr als 
lebendig schildert (S. 13); nur wollen wir sie auf einem andern 
Felde und als nothwendige Ergänzung jener angewendet wissen« 
Wenn aber auch kein Widerspruch» so ist doch eine wesent- 
liche Trennung zwischen. den beiden von uns aufgestellten Auf- 
gaben» zwischen der blofs pathologischen und der physiologi- 
schen Bearbeitung unserer Wissenschaft nicht zu verkennen» Al- 
lein die soll auoh nicht weggeleugnet werden» sie soll im Ge- 
gentheil recht klar hervertreten ; denn es dankt uns viel erspriefo- 
licher» die noch obwaltende Trennung zwischen der Theorie und 
Praxis bestimmt ins Auge zu fassen, sobald damit nur auch er- 
kannt wird» auf welche Weise die zwischen beiden befindliche 
Kluft alimählig mag ausgefüllt werden, als durch gewaltsam oder 
listig erschlichene» immer dock nur kurze Zeit täuschende» an- 
gebliche Vereinigung der Theorie und der Praxis die Kluft vor 
den Augen der unachtsamen Menge zu verdecken. Dafs aber 



Jahn'? Sydenham. 365 

dfcese Khrft sich alhnählig und gründlich wird ausffiBeft lä*s*6ft,' 
davon zeugen doch schon als Beweise manche Abschnitte tiüse- 
rer Pathologie , indem einzelne Krankheiten, z. B. die Entzün- 
dung, durch erfahfungsmäfeige Nach Weisung der ihr zu Grande- 
liegenden krankhaften Veränderungen und durch eine richtige 
physiologische Deutung derselben nicht nur schon vielfach aufge- 
klärt worden sind, sondern auch die bisher nur empirisch und in 
Nachahmung der NaturheiBcraft dagegen angewendeten Heilmittel 
und deren Wirkung ihr richtiges Verständuifs erhalten haben, und» 
damit thellweise wenigstens die Theorie mit der Praxis in Ein*» 
klang gebracht worden Ist. In der gröfseren Mehrheit von FäUw 
können wir uns freilich eines solchen Verständnisses noch nicht 
rühmen, oder wo diefs auch der Fall wäre, vermögen wir doch- 
vielleicht nicht mit unseren unzulänglichen Hfflfsmitteln dem ei- 
gentlichen Grunde der Krankheitserscheinungen eatgege*Biiwt*« 
ken, und hier sind wir dann noch darauf beschränkt, und wer« 
den es auch theilweise wohl immer bleiben, ih ganz empirischer 
Weise, sei es nach den Regeln der Pfcysiatrik oder mittels* 
spezifischer Heilmittel die Hteilkunst zti üben; allein toderAtts» 
bildung dieser Physfätrffc sowohl , als in dem Auffinden mtfgHehsfr 
vieler specifischer Heilmittel die wahre Aufgabe der wissenschaft- 
lichen Bfedichr und das höchste Heil derselbe« finde» zu weilen* 
scheint uns eben so irrig, als weufn mau wähnt, durch MsA* 
Beobachtung der Krankheiten zu einer wahrer Theorie derselbe» 
zu gelangen. Denn Irren wir nfcht gänzlich , so wird eine fort* 
gesetzte physiologische Betrachtung und Deutung der KrftöfcfceHs- 
erscheinungen immer klarer erkennen lassen, dafs, was wir 
Krankheit nennen , doch nur eine Verkettung von einzelnen , bald 
so bald anders sich zu einander ordnenden einzelnen Krankheits- 
erscheinungen ist, die als Functionsstörung sich äufsernd immer 
doch in materieller Veränderung gewisser Körpertheile begründet 
sind, da£s aber weder die Functionsstörung, noch auch die ma- 
terielle Veränderung die Krankheit selbst, sondern erstere nur 
die Wirkung, letztere dagegen nur die Ursache derselben ist, 
kurz dafs es keine Krankheit als eignes Wesen, und mithin 
streng genommen überhaupt keine Krankheit, sondern nur ein 

25 



Spie fg. 

Krankseyn giebt, indem das Regelmäfaige » GesetzmUsige und 
Notbweudige» was wir in den Krankheitserscheinungen und deren 
mannichfaltigem Verhältaifo zu einander . beobachten , nicht von 
der Krankheit selbst, sondern von dem erkrankten Organismus 
und theilweise auch wohl von der krankmachenden Ursache her- 
rührt In Bezug auf die Therapie aber würde hieraus weiter 
folgen» dafs die Entfernung und Beseitigung der den einzelnen 
Krankheitserscheinungen zu Grunde liegenden materiellen Verän- 
derungen, so weit dies nämlich in unserer Macht liegen dürfte, 
mitbin eine mit vollem Bewufstseyn geübte eigentliche Causalbe- 
handlung» die dann auch in jedem Studium des Krankheitverlaufs 
zulässig wäre» wenigstens das Ziel ist» worauf die Heilkunst 
hingerichtet seyn mufs. 

Doch wir haben die uns vorgezeichneten Grenzen wohl schon 
mehr als billig überschritten, indem wir» statt eine Recenston 
zu liefern »uns verleiten liefsen, über das» was uns das wesent- 
lichste Bedürfnifo der heutigen Pathologie scheint» so weitläufig 
uns auszusprechen. Möge der Vf. , der uns durch sein Werk die 
Veranlassung dazu gab» diefs als einen Beweis ansehen» mit 
welch lebhafter Theilnahme. wir seinen mannichlachen tüchtigen 
Bemühungen um Förderung unserer Wissenschaft gefolgt sind» 
und möge er sich überzeugt halten» dafe, wenn wir auch in wesent- 
lichen Puncten nicht mit ihm übereinstimmen können» es doch 
derselbe lebendige » nur das Wohl der Wissenschaft im Auge hal- 
tende Eifer ist» der uns auf so verschiedenen W^en und auf so 
verschiedene Weise dasselbe suchen labt 



Die krankhaften Veränderungen der Haut und ihrer Anhänge, 
in nosologischer und therapeutischer Beziehung darge- 
stellt von Conrad Heinrich Fuchs, Professor in Göt- 
tingen. Mit dem Motto: „Oitius emergit veritas ex 
erröre, quam ex confusione. Baco, de fortn. caliä. 
Jphor. X" In drei Abtheilungen (mit drei Titelblattern). 
Göttingen , 1840. Druck und Verlag der Dieterichschen 
Buchhandlung, gr. 8. LVIII und 1322 S. 

Recensirt von Dr« Eisenmanii. 



öchönlein und seine Schule haben in der neuesten Zeit von 
verschiedenen Seiten her Angriffe erfahren, die durchaus keine 
wissenschaftliche , wohl aber unverkennbare egoistisohe Motive 
hatten, daher auch mit entsprechenden Waffen gefuhrt wurden; 
und zuweilen geradezu die Form und den Gehalt des Pasquils 
annahmen , wie z.B. des bedauerlichen Geheimenraths Bischof 
Ausfälle im medicinischen Argos. Wenn nun auch manche dieser 
Angriffe , namentlich solche, wie der des Herrn von Ringseis» 
in welchem nicht blofs Personen-, sondern auch Principien-Feind- 
schaft den Streit fähren, zu einer directen Bekämpfung auffordern* 
so bedarf die S c h o n 1 e X n sehe Schule nicht der Logomachie zu 
ihrer Vertheidigung, sie antwortet ihren -Gegnern durch ihre wis- 
senschaftlichen Leistungen, und wenn* solche Antworten auch nicht 
für die Leser der allgemeinen Zeitung berechnet sind, so wwd 
der Sieg dennoch nicht zweifelhaft seyn. Herr von Rings eis 
meint freilich, Schönlein habe nur die Studenten und die Li- 
beralen für sich ; allein ein solcher Einwurf mufs uns von einem 

25* 



308 Eisenraann. 

so schriftgelehrten Herrn sehr in Erstaunen setzen : hat er nicht 
von Moses gelernt, dafs man die Alten ihrem Schicksale in der 
Wüste überlassen mufs , und nur mit einer jungen Generation das 
gelobte Land des Lebens wie der Wissenschaft erobern kann ? 
Ja, Schonlein ist der Abgott der Studenten: sie folgten ihm 
nach Würzburg , sie folgten ihm nach Zürich , sie folgen ihm 
nach Berlin , und seine Lehren werden in ihren jugendlichen Gei- 
stern einen bleibenderen Eindruck zurücklassen, als die Mähr- 
chen Vom Sündenfall und Schlangensaamen. 

Eine der oben bezeichneten wissenschaftlichen Antworten auf 
die Angriffe der naturhistorischen Schule der Medicin giebt der 
rühmlichst bekannte Professor Fuchs in Gottingen, ein ausge- 
zeichneter und treuer Schüler Schünlein's, durch das vorlie- 
gende Buch. Wir besitzen viele Handbücher Über Hautkrankhei- 
ten, aber meines Wissens keins, welches dem theoretischen, 
wie dem praktischen Bedürfniss in der Art entspräche, wie das 
Fuchs'sche; keins, welches so objectiv und dabei so geistreich 
gehalten wäre, wie das vorliegende. Um aber unseren Gegnern 
den Vorwurf übertriebenen und parteiischen Lobes auf den Lip- 
pen zu erdrücken, mufs ich beisetzen, was sich eigentlich von 
selbst versteht, dafs ich nicht gesonnen bin, diesem Buch abge- 
schlossene Vollkommenheit zuzugestehen, wie denn auch der 
Verfasser, dessen Freundschaft ich mich rühmen darf, weit ent- 
fernt ist, auf Vollkommenheit und Vollendung Anspruch «ü ma- 
chen, sondern nur beabsichtigt, sich diesem Ziele in so weit zfc 
nähern , als es der gegenwärtige Stand unseres Wisäens erlaubt ; 
und diesen Zweck hat er gewifs auf ehrenvolle Welse erreicht 

Der Verfasser hat den gewöhnlichen Weg» bei den flaut* 
kränkheiten vorherrschend die äufsere Form derselben ins Auge 
m fassen und zum Eintheilungs * Princip derselben zu wählen, ver- 
lassen, er greift im Interesse der Nosologie und Therapie tiefer, 
er forscht nach dem patbSschen Prraelp, welches den versehfed*- 
*et> Hautkrankheiten zu Grunde liegt» und wählt dasselbe zum 
Pr toeip seiner Emthellungen. Ich gebe gern zu , und es wird aus 
dem Verlaufe dieser Anzeige auch zur Genüge hervorgehe , dafs 
dies* Methode hei dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens 



Fuchs, Hautkrankheiten. 909 

noch nicht cousequeot durchgeführt werden kann , da wir von gar 
manchen Hautkrankheiten den au Grande biegenden Krankheit** 
procefs picht genau oder gar nicht kennen; aliein angefangen raufs 
mit dieser Methode einmal werden, nnd ich mute aie hei unserem 
Verfasser uni so mehr billigen , da ich selbst längst derselben ge- 
huldigt habe. Der Verfasser theilt das ganze Heer der Hautkrank- 
heiten in drei Klassen : 

I. In die Klasse der Dermatonöeen, oder solcher Krankhei- 
ten , die ursprünglich in der Haut wurzeln ; 

II. In die Klasse der Dermapostasen , oder solcher Haut- 
krankheiten, welche durch Biutdyskr%sieen bedingt sind , und zu- 
nächst durch Ablagerung krankhafter Stoffe von innen nach aufsen 
entstehen ; 

in. In die Klasse der Dermexanthesen, oder solcher Krank- 
heiten, die ursprünglich auf inneren Häuten keimen und wurzeln, 
aber sich auf die äufsere Haut verbreiten , um sich auf der dem 
Lichte und der Luft zugekehrten Oberfläche des Korpers Fort- 
pflanzung* - Organe zu bilden , ohne dafs bei ihnen eine materielle 
Ablagerung specifiker Krankheitsstoffe anzunehmen wäre. 

Die Dermatonosen haben folgende Ordnungen, Familien, Sip- 
pen, Genera/ Arten und Varietäten: 

I, Ordnung« Morpbonosen der Qaut, Fehler der Form. 

Erste Familie: Teratoseo, angebomeBilduogsfebler der Haut 
Ernte Sippschaft ; Dysmorphosen, Bildungshemmungen. Gattung L 
Adermia. G. IL Albinismus. G. IIL Atrichia. G. IV. Anonychia. 

Zweite Sippe : Heteroinorphosen , Bildungsverirrnngen. G. V. 

Naevus. Art 1. Naevus spilus, Pigmentmaal, Var, 1. Naevus Spi- 
lan simple*. Var. 2. Naevus spilns figiiratus , erhabenes Pigment- 
maal. Art 2. Naevus vascularis, Blutmaal. Var. 1, Naevus vascu- 
laris flammen* , einfachen Blutmaal. Var. 2. Naevus vaac. funge- 
sus. G. VI, Ochthianie, angeborne Fetthautgeschwülste. G. V0. 
PolytricWa , . angeborne Haarigkeit G. VIII. Polonyebia, fiber- 
Oblige Nägel. 

Zweite Familie : Hypertrophieen der Haut» G. t Tyloma, 
dir Schwiele. G. II. Clavus. Q. III Dermatokeras, Hornaus- 



BW Eigenmann* • 

wuchs. 6. IV« Verruca. 6. V. Tricbaoxe, Haarbypertrophie. 
G. VI. Onychauxe, Nagelhypertrophie. 

Dritte Familie : Atrophieen der Haut 6. 1. Achroma, Schwinde 
des Hautpigmeats. 6. II. Poliosis , Schwinde des Haarpigments. 
Art I. Poliosis senilis. Art 2. Poliosis praematura. Art 3. Po- 
liosis -circumscripta. G. III. Alopecia» Haarschwinde. Art 1. 
Alop. senilis. Art 2. Alop. praematura. Art 3. Alop. circum- 
scripta. G. IV. Onychatrophia, Nagelschwinde. 

Vierte Familie: Tranmatosen , Wunden der Haut G. I. Ex- 
coriatio, HautschSrfung. Art 1. Excor. simplex. Art 2. Excor. 
unguis , der abgerissene Nagel. G. IL Dermatotrauma, Haut- 
wunde. 

Zweite Ordnung: Haematonosen oder Blutkrankheiten der 
Haut 

Fünfte Familie: Eczematosen, einfache Secretionskrankhei- 
ten der Haut — Erste Sippe: Ephidrosen, anomale Schweifse. 
G. h Hyperhidrosis« Schweifsflufs. Art 1. Hyperh. universalis. 
Art 2. Hyperh. localis. G. II. Chromidrosis, farbiger Schweifs. 
G. III. Bromidrosis , stinkender Schweifs. — Zweite Sippe: 
Acarpae (fruchtlose), Fleckausschläge. G. IV. Amorpha, der 
Fratt Art 1. Amorpha infantilis. Art 2. A. adultorum. G. V. 
Lentigo, Sommersprossen. Art 1. L. ephelia. Art 2. L. per- 
stans. G. VI. Chloasma, Pigmentflecken. Art 1. Ch. vulgare, 
'Leberflecken. Art 2. Ch. uterinum. Art 3. Ch. endemicum. 
G. VII. Argyria, Silberfilrbung der Haut . & VIII. Pityriasis, 
»Kleienausschlag. Art 1. P. simplex. Art 2. P. infantilis. Art 3. 
P.sefailis. Art 4; P. rubra. — Dritte Sippe : Polycarpae (Viel- 
Mchfler), Flechtenausschläge. G. IX. Psoriasis, Schuppen- 
flechte. Art 1. P. figurata. Var. 1. P. guttata. Var. 2. Ps. 
scutellata. Var. 3. P. gyrata. Art 2. Ps. diffusa. Var. 1. Ps. 
diff. vulgaris. Var. 2% Ps. diff. inveterata, Art 3. Ps. localis 
Var. 1. Ps. palmaria. G. X. Liehen, Knotchenflechte. Art 1. 
L. simplex. Art 2. L. agrius. Art 3. L. figuratus. Var. 1. L. 
circumscriptus. Var. 2. L. marginatus. Var. 3. L. gyratus. Art 4. 
• L. tropicus. Var. XL Herpes , Bläsebenflechte. Art 1. H. mi- 
liaris. Art 2. HL figuratus. Var, 1. H. circinata«. Var. 2. EL Iris. 



Fuchs, Hautkrankheiten. 371 

Art 3. H. localis. Yar. EL pseudosyphilis. G. XII. Impetigo, 
Pustelflechte. Art 1. I. figurata. Art 2. I» confluens. Art 3. 
I. faciel. Yar. 1. I. fac. lactea, Milcbborke. Yar. 2. I. fac. ru- 
bra. Art 4. I. Achor. Yar. 1. I. Achor mucosus. Yar. 2. I. 
Aeb. granulatus. — Vierte Sippe: Monocarpae (Einfrüchtler), 
RippenausschlSge. 6. XIII. Stropfaulus. Art 1. St. neonatorum. 
Yar. 1. St. neonat, intertinctus. Yar. 2. St. neon. albidus. Yar. 3. 
St neon. lenticularis. Art 2. St dentitlonis. Yar. 1. St dent 
confertus. Yar. 2. St dent. volaticus. Art 3. St. juvenilis. Yar.l. 
St. juv. acutus. Yar. 2. St. juv. chronicus. G XIV. Psydracia, 
Bläschen - Ausschläge. Art 1. Ps. acuta. Yar. 1. Ps. ac. vulga- 
ris. Yar. 2. Ps. ac. Hidroa, Schweifeausschlag. Yar. 3. Ps. ac. 
solaris. Yar. 4. Ps. ac. mercurialis. Yar. 5. Ps. ac urticata. 
Yar. 6. Ps. ac. flavescens, eiteriger Bläschenausschlag. Art 2. 
Ps. chronica. Art 3. Ps. localis. Yar. 1. Ps. loc. auriculae. 
Yar. 2. Ps. loc. mammae. Yar. 3. Ps. loc« penis et scroti. Yar. 4. 
Ps. loc. muliebrium. Yar. 5. Ps. loc. podicis. Art 4. Ps. Tinea» 
schuppiger Kopfgrind. Yar. 1. Ps. Tin. furfiiraeea. Yar. 2. Ps. 
Tin. amiantacea. G. XY. Ecthyma , Eiterpustel. Art 1. Ec vul- 
gare. Art 2. Ec. antimuniale. Art 3. Ec. pseudopsora. G. XVI. 
Acne, Finne. Art 1. A. vulgaris. Yar. I. A. Vulg: simplex. 
Yar. 2. A. vulg. indurata. Art 2. A. Mentagra. Art 3. A. rosa- 
cea. — Fünfte Sippe: Seborrhoen, einfache Secretionskrank- 
heiten der Talgdrüsen der Haut G. XVII. Comedo. G. XVIII. 
Seborrhagia, Gneis. Art 1. S. adultorum. Art 2. S. neonatorum. 

Sechste Familie : Phlogosen, Hautentzündungen. G. I. Der- 
matitis. Art 1. D. simplex. Art 2. D. pseuderysipelas. Art 3. 
D. ambustionis, Hautentzündung durch Verbrennung. Yar. 1. D. 
amb. bullosa. Yar. 2. D. amb. escharotica. Art 4. D. venenata. 
Art 5. D. decubitus. G. II. Phyma, Entzündungsgeschmilst der 
Haut Art 1. Ph. simplex. Art 2. Ph. fiirunculus. Art 3. Pb. 
Hordeolum. Art 4. Ph. Pernio, Frostbeule. G. DI. Paronychia, 
Magelwurm. Art 1. P. vulgaris. Art 1. P, lateralis. 

Siebente Familie: Typhoide, Fäulen der Haut G. I. An- 
thrax , Brandbeule. Art 1. A Carbunculus , gewöhnliche Brand- 
heule. Yar. 1. A. Carb. benignus. Yar. 2. A. Carb. Termiüthus, 



BteseubraiMlbeule. Art 2. A. malignus. Var. 1. A. mpL 
cus. Var« 2, A, mal» esthonicus. Var* 3. A. mal. botbnicus. 
Var, 4. A. mal hungariciis. G. II. Tranmatocace, Wundfaule. 
G. HL Noma. G. IV. Filaria, Fadepwurm. Art 1. F. medi- 
nensis. Art 2. F. Wolosez. 

Dritte Orduuog; Neuronosen oder Nervenkrankheiten der Haut. 

. 8te. Familie; Neuronosen. G. L Dermatotypesis, Wechsel- 
krankbeit der Baut. G. IL Dermatalgja. G. HL Anaesthesin 

Die II. Klasse, die Klasse der Dennapostasen , welche die 
zweite Abtheilung bildet, bat folgende Unterabtheilungen: 

Erste Ordnung : Einfache Dennapostasen, Ablagerungen tbie- 
risctjer Stoffe in die Haut 

9te Familie: Haematochrosep » Blutsuchten. G, L Cyaoosis. 
G. IL Pneumatelectasis, Sticksucbt G. III. Purpura,. Blutfleck eo- 
ttrankbeit . Art I, P. sirnplex. Var. 1. P. siropl. minima. Var. 

2. P. simpl. diffusa. Var. 3. P. simpl. senilis. Art % P. hae- 
morrhagica. G. IV. Scorbutus. G. V. Sclerosis, Zellgewebs- 
verhgrtung. 

. JOte Familie : Melanosen, Schwarzsuchten. G. L Melasma, 
Hautmelanose. Art 1. M. universale. Art 2« M. maculosum. 
Art 3. M • granulatum. 

Ute Familie: Hydropsieen. G. I. Anasarca. Art 1. A. acu- 
tus. Art % A. chronicus. Var. A* chrQn. localis,, Oedem. 

I2te Familie; Chymoplanieen, Secretionsmetastasen — Erste 
Sippe: Cbploplaaieen, Gallenversetzuugen. G.l. Icterus. Artl. 
L neoBalonun. . Art 2. L ipfaotilis. Art 3, I. acutus. Art 4. 1. 
chronicus. Art 5. L symptomaticus. -7 Zweite Sippe : Uroplanieen, 
Haraversetzuuge». G, IL Uridrosis, Harnscbweifs. Art 1. U. 
vulgaris. Art 2, U. crystallina. G. III. Cuesmus , Haqtscbabe. 
Art 1. C. vulgaris. Art 2. C. acariasis, Milben - Hautschabe, 
sogenannte Läusesucht G. IV. Paedpphlysis , Schälblasen, Art 
1. P, madeseens, näfeende Schälblasen. Art 2. P. bullosa«, Art 

3. P. escharotica. G. V. Pompholyx. Art 1«. P. vulgaris. Var. 
JL P, vulg. coaferta. Var. 2. P. vulg. pruriginosa. Var« 3. P. 
vulg. spütaria- Art 2. P. Epinyctis. G. VL Estbiomenus, Haut- 
frais. Art 1. E. serpens. Art 2. E. rodens. G. V|L Urelcosis, 



Fuchs, Hautkrankheiten. 8T8 

Harngeschwär» — Dritte Sippe: Menoplanjeen , Bleastrualverse- 
tzungen. G. V11I. Bfenidrosis, Menstrualschweifs. G. IX. Me- 
nokelis, Blenstrualfleck. G. X. Menelcosis, Menstrualgescbwür. 
— Vierte Sippe : . Galaetoplameen , MilchversetzuDgeo. G. XL 
Galactidrosis , Milchschweifs. G. XII. Galactophiysi*. . 
Zweite Ordnung: Spezifike Dermapostasen, 
13te Familie: Arthragrosen, Gichtfbraen. G. L Artbropbly- 
rl^, Gicbtausschlag. Art 1. A. vulgaris. Art 2, A. cardiaca, 
.Gichtausschlag bei Herzleiden. G. IL Arthreleosis, Gichtge- 
schwür, 

14te Familie: Haemorrhoiden. G. I. Pygagria, HSmorrhoi- 
dal - Ausschlag. Art 1. P. amorpha, Intertrigo baemorrhoidalis. 
Art -2. P. granulata. G. II. Dennathaemorrbois, Hfimorrhoidal- 
Blutschweife. G. III. Haeraorrhoidelcosis, Hämorrhoidal-Geschwär. 
löte Familie: Scropbulosen. — Erste Sippe:. Scrophulose 
Pustelformen. G. I. Favus. Art 1. F. vulgaris, gewöhnlicher 
Erbgrind (Porrigo lupinosa). Art 2. F. scutiformis (Porrigo scu- 
tulata). Art 3. F. suberinus. Art 4. F. acbatinus, G, IL Alpbus, 
der Mehlgrind. Art 1. A, confertus. Art 2. A. sparsus. G. III. 
Rbypia. Art 1. Rh. vulgaris. Art 2. Rh, prominens. — Zweite 
Sippe: Scrophulose Tuberkelformeo. G. IV. Lupus« Art 1. L« 
exedens. Var. 1. L. exed. sine tuberculis. Art 2. L. excorticans. 
Var. 1. Lupus excort sine tuberculis. Art 3. L. tuniidus, Art 
4. L. exuberans. (Sycosis scrophulosa). G. V. Molluscum, Kno- 
tenausscblag. Art 1. M. simples. Art 2. M. contagiosum. G. 
VI. Kelois, das Keloid. .— Dritte Sippe: Scrophulose Hautfor- 
men ohne Fruchtbildung. G. V1L Scropbulopbyma, Zellgewebs- 
Scropbel. Art 1. Sc. circumscriptum. Art 2. Sc. diffusum. G. 
VIII. Scropbulonycbia, Nagelscropbel. G. IX. Scrophulelcosis. 
G. X. Maliasmus, Wurm- und Rotzkrankheit. Art 1. M. Sim- 
plex. Art 2. fif. maliguus. 

l$te Familie: Psoriden, Krätzforraen. G. I. Prurigo, KihH- 
cheskrätze» G. IL Scabies, Bläsebenkrätze. G. IIL Psora, Pu- 
stelkrätze. Art 1. Ps. microcarpa. Art 2. Ps. macrocarpa. G. IV. 
Serpiga, Borkenkrätze. Art 1. S. iaciei. Art 2. & diffusa, G. 
V. Psorelcosis, Kräizgeschwür. % 



314 Eisenmann. 

17te Familie: Leprosen, Aussatzformen. — Erste Sippe: 
Ausgebildete Leprosen. 6. I. Ophiasis» Schuppenaussatz. Art 
1. O. Leuce, weifser Schuppenaussatz. Art 2. O. sordida, r&n- 
diger Schuppenaussatz. 6. IL Elephantiasis. Art' 1. E. tuirer- 
culosa. Art 2. E. mutilans, verstümmelnder Elephantenaussatz. 
6. III. Neolepra, Sommeraussatz. Art 1. Neol. asturiensis, Rose 
von Asturien. Art 2. Neol. lombardica, Pellagra. Art 3. Neol. 
aquitanica, Sommeraussatz von Guyenne. Art 4. Neol. pari- 
siensis. — Zweite Sippe: Leproide, unvollkommene Aussatzfor- 
men. G. IV. Ichthyosis. Art 1. I. simplex. Var. 1. I. simpl. 
vulgaris. Var. 2. I. simpl. scutellata. Art 2. I. Cornea. Var. 1. 
I. coro, verrucosa. Var. 2. I. com. acuminata. G. V. Pachy- 
dermia, Knollenkrankheit. Art 1. P. vulgaris. Var. 1. P. vulg. 
cruris. Var. 2. P. vulg. scroti. Art 2. P. lactiflua. Var. I. P. 
lactifl. cruris. Var. 2. P. lactifl. scroti. G. VI. Lepretcosis* G. 
VII. Plica. 

18te Familie: Thymiosen, Beerschwimme. G. h Fraraboe- 
sia. G. IL Radesyge. Art 1. R. septentrionalis. Art 2. IL 
scotica, Sibbens. Art 3. R. istrica, Scarlievo. Art 4. R. cana- 
densis. G. HL Pyrophlyctis, Feuerbeule. Art 1. P. syriaca, Beule 
von Aleppo. Art 2. P. peruviana. * 

19te Familie: Syphiliden. G. I. Sypbilokelis , Fleckeosy- 
philid. Art 1. S. fugax. Art 2. S. perstans. G. IL Syphilo- 
lepis, Schuppensyphilid. Art 1. S. 'guttata. Art 2. S. scutellata. 
Art 3. S. exulcerans. Var. 1. S.exulc. peripherica. Var. 2. S. 
exulc. centralis. Art 4. S. palmaria. Var. 1. S. palm. simplex. 
Var. 2. S. palmaria Cornea. G. III. Syphilopsydrax , Knötchen- 
Syphilid. Art 1. S. acutus. Art % S. lenticularis. Art 3. S. 
circumscriptus. G. IV. Syphilophlysis , BlSschensyphilid. G. V. 
Syphilopemphyx, Blasensyphilid. Art 1. S. vulgaris. Art 2. 
S. fungosa. G. VI. Syphilojonthus , Pustelnsyphilid. Art 1, S. 
confertus. Art 2. S. ienticuluris. Art 3. S. latus. G. VII. Sy- 
philidochthus , Knotensyphilid. Art 1. S. disseminatus. Art 2. 
S. confertus. Art 3. S. rodens. Art 4. S. serpiginosus. G. VIII. 
Syphilomykes, Schwammsyphilid. Art 1. S. planus. Art 2. S. 
Condyloma. Art 3. S. morus. G. IX. Syphilophyma, Zellge- 



Fachs, Hautkrankheiten. S?5 

webssyphilid. Art 1. S. circurascriptum. Art 2* S. dlftisum. 
6. X, Syphüopsiloma , venerische Kablheit. 6. XI. Syphilooy- 
chia, Nagelsyphilid. Art 1. S. exulcerans. Art 2. S. sicctf. 
G. XII. Syphilelcosis. Art 1. S. primaria. Art 2. 8. secundaria. 

20ste Familie : Carcinosen. G. I. Scirrhoma. Art 1. Sc. vul- 
gare. Var. 1. Sc. caminianorum. Art 2. Sc. tuberosum. Var. 1. 
Sc. eburneum. G. II. Encephaloma, Markschwamm. Art 1. E. 
vulgare. Art 2. E. melanodes. G. 111. Splenoma, Blutschwamm. 
G. IV. Carcinelcosis , Krebsgeschwür. Art I. C. Simplex. Art 
2. C. fungosa. 

Die dritte Klasse oder dritte Abtheilung enthält folgende 
Hautkrankheiten : 

21ste Familie: Rheumatosen. G. IL Miliaria* Art I. M. pe- 
ctoralis* Art 2. M. abdominalis. G. II. Rheumatokelis, Flufsfle- 

s. 

ckeo. G. III. Plantaria, Dandyfieber. 

22ste Familie : Catarrhosen, G. I. Morbilli. 

23ste Familie : Erysipelatosen. — Erste Sippe : Flache Haut- 
rosen. I, Erysipelas. Art 1. E. vulgare. Var. 1. E. extreniita- 
tum. Var. 2. E. mammarum. Var. 3. E. muliebrium. Var. 4. 
E. virilium. Var. 5. E. variegatum. Var. 6. E. oedematodes. 
Var. 7. E. bullosum. Var. 8. E. synochale. Var. 9. E. nervo- 
sum. Var. 10. Ei- septicum. Var. 11. E. odontalgicum. Var. 
12. E. otalgicum. Var. 13. E. anginosum. Var. 14. E. trauma- 
ticum. Art 2. E. neonatorum. Art 3. E. senile. G. IL Ery- 
theme. Art 1. E. cireumscriptum. Var. 1. E. annulare. Var* 2. 
E. urticans. Art 2. E. diffusum. G. OL Scarlatina. G. IV. Ru- 
beolae* — Zweite Sippe: erhabenfe Hautrosen. G. V. Urticaria. 
Art 1. U. Vulgaris. Var. I. U. vulg. ephemera. Var. 2. U. vulg. 
acuta. Var. 3. U. vulg. chronica. Art 2. U. tuber osa, Art 3. 
ü. vesiculosa. G. VL Phlyctaenosis , Feuerbläschen. Art 1. 
Ph. labialis. Art 2. Ph. sparsa. G. VIL Zoster. G. VIII. 
Pemphigus. — Dritte Sippe : Blatterformen. G. IX. Varicella. 
G. X Variola. G. XL Variolois. G. XII. Vaccina. 

24ste Familie : Typhosen. G. I. Porphyrotyphus , Petechial- 
typhus. G. 11. Anthracotyphus, Pest. Ochrotyphus, Gelbfieber. 



•W Riten min*. 

Diese« die Einteilung und der reiche Inhalt des vorliegen- 
den Buchs. Ehe ich auf die Verdienste und Vorzüge dieser 
Kraokheits - Einteilungen und Krankheit* -Beschreibungen auf- 
merksam mache» mufs ich mir einige Bemerkungen erlau- 
ben , theils im Interesse der Wissenschaft , theils um meine Un- 
parteilichkeit zu constatiren, theils um mich gegen die Meinung 
zu schützen , als sei ich mit allen von dem Verfasser aufgestellten 
oder adoptirten Ansichten einverstanden , was nur dann der Fall 
seyn könnte, wenn ich mehrere meiner eigenen nosologischen 
Grundsätze aufgegeben hätte. 

Was zuerst die Eintheilung betrifft, so kann ich der Klassi- 
fikation der Hautkrankheiten in ^ermatonosen, Dermapostasen und 
Dermexanthesen nicht beistimmen und zwar aus zwei Gründen. 
1) Die Eintheilungsgründe sind nicht ganz zuverlässig , denn dafs 
alle jene Krankheiten , welche der Verf. unter den Dermatonosen 
aufführt , idiopathische Hautaffectionen seyen, glaubt er selbst 
nicht, sondern gesteht vielmehr zu, dafs mehrere derselben durch 
verschiedene Leiden innerer Organe bedingt seyen. Verf. meint 
freilich (II. 331), bei dep Dermatonosen würden keine dem norma- 
len Secrete der Haut fremde, mehr oder minder specifike Materien 
gebildet ; allein diese Meinung ist in Bezug auf die meisten Der- 
matonosen unerwiesen und in Bezug auf die Typhoide der Haut 
geradezu irrig. Ferner bat die Aufstellung einer Klasse von Der- 
matonosen das Unangenehme, dafs eine und dieselbe Krankheit 
je nach ihrer Entstehungsweise in zwei verschiedene Kjassen 
fallt, was sich mit. dem natürlichen System gewifs picht verträgt: 
so sagt der Verfasser, wenn das Typhus -Miasma unmittelbar auf 
die Haut wirke, so erzeuge es Hauttyphoide, welche als Der- 
matonosen verlaufen, die Haut erkranke hier primär; wepn es 
aber durch die Schleimhäute in die Gesammtsäfte - Masse Über- 
gefährt werde, so erzeuge es Typhus, oder die Hauttyphojde 
entstünden, wenigstens unter typbösem Allgemeinleiden an ver- 
schiedenen Stellen .zugleich, und seyen nun keine idiopathischen 
Hautkrankheiten mehr, sondern typhöse Dermexanthesen. Nach 
dieser Ansicht müfste auch die Krätze, welche der Verf. unter 
den Dermapostasen abbandelt, wenn sie durch Ansteckung als 



fuchs, Hautkrankheiten. $f? 

primäre Hautkrankheit entsteht, In die Klasse der Permatonosen 
fallen, wenn sie aber später entsteht, wäre sie eine Dermapdstase; 
Eben so läfst sich Vieles dagegen sagen, wenn der Vf. behauptet 
die Dermapostasen seyen das Ergebnifs specifischer Blutdyskra- 
sieen , und ihrem Wesen nach Ablagerungen specifiker Kranke 
heitsstoffe ; die Dermexanthesen aber hätten weder in einer Blut* 
dyskrasie ihren Grund , noch kämen bei ihnen materielle Ablage- 
rungen specifiker Krankheitsstoffe vor. Nach meiner Ansicht ist 
bei den Dermexanthesen eben so gut eine Blutdyskrasie zugegen, 
vVie bei den Dermapostasen , und es läfst sich daran um so weni- 
ger zweifeln, da nach den Beobachtungen von Stevens bei vie- 
len exanthematischen Krankheiten das Blut schon vor dem Aus-» 
brach der Krankheit deutliche Veränderungen zeigt ; und was die 
Ablagerung specifiker Krankheitsstoffe bei den Dermexanthesen 
betrifft , so betrachten ja die meisten Aerzte die Exantheme als 7 
eine Art Krise , durch welche die im Blute enthaltenen specifiketf 
Krankheitsstoffe auf die äufsere Haut abgesetzt werden , und er- 
klären sich so die mit dem Ausbruch der Exantheme gewöhnlich 
eintretende Remission des Aflgemeinleldens. ' 

2) Wenn aber auch die Eintheilung der Hautkrankheiten in 
Dermatonosen, Dermapostasen und Dermexanthesen consequenf 
durchzufuhren wäre, so würde ich ihr dennoch meinen Beifall 
versagen. Wenn der Botaniker die Flora eines Landes beschreibt, 
so theilt er die in demselben gedeihenden Pflanzen nicht in sol- 
che, welche ursprünglich in diesem Lande heimisch und in solche, 
welche eingeführt worden sind ; sondern er legt seiner Flora das- 
jenige Pflanzensystem zu Grund, welches er fiir das beste hält 
und läfst die in diesem Lande vorkommenden Pflanzen- Gattungen 
und Arten nach der Ordnung des gewählten Systems auf einander 
folgen. Wenn der Nosologe die in einem Theil des menschii- 
eben Kdrpers vorkommenden Krankheiten* beschreibt, so mufs er, 
besonders wenn er sich zur naturhistorischen Schule bekennt, die 
in diesem Theire vorkommenden Krankheiten einzig und allein 
Aach dem natürlichen System klassificiren, resp. deren Klassen,- 
Ordnungen) Familien , Gattungen nnd Arten In derselben Ordnung 
aufeinander folgen lassen, wie sie hfi natürlichen jfystem des ge- 



S18 Bisenmann. 

Mmmten Krankheitsreichs auf einander folgen. Man wende nicht 
ein, dafo eine noch anderweitige Klassification therapeutischen 
Vortheil habe» denn in dem vorliegenden Fall dürfen z. B. viele 
Dermatonosen eben so wenig rein Örtlich behandelt und unter- 
drückt werden wie die Dermapostasen. 

Was nun die Klasse der Dermatonosen betrifft, so hat der 
Verfasser den hier aufgestellten Krankheiten einerseits einen spe- 
zifischen Charakter oder das Vermögen , speciüsche Stoffe zu er- 
zeugen , abgesprochen, und anderseits dieselben als selbsständige 
Krankheiten erklärt, welche mit anderen Krankheiten, namentlich 
mit Dyskrasieen Verbindungen eingehen können. Ich habe bereits 
angedeutet, dafo mehreren von des Verfassers Dermatonosen eine 
specifike Natur nicht abgesprochen werden kann, so z. B. den 
Hauttyphoiden, den schuppigen Kopfgrinden (Psydracia tioea), ja 
die letzteren möcbte ich mit anderen Aerzten zu den Aussatzfor- 
men zählen, wofür schon die bei ihnen nicht selten vorkommende 
Mifsstaltung der Nägel spricht; wichtiger aber ist die Frage; m 
wiefern die Dermatonosen selbstständige Krankheit«) seyen. Der 
Verfasser erklärt sie als solche, und betrachtet z. B. die grofse 
Sippe der Polycarpae oder Flechtenausschläge, SQhin die Arten 
von Psoriasis, Liehen, Herpes und Impetigo als eben so abge- 
schlossene Krankheiten, wie Masern, Scharlach, Variolen u«s.w«, 
und nimmt an, dafs sie mit anderen ,^ namentlich dyskrasischen 
Krankheiten Verbindungen eingehen können : so ist ihm die syphi- 
litische Psoriasis eine Verbindung von Psoriasis und Syphilis, 
der syphilitische Liehen eine Verbindung von Liehen und Syphi- 
lis. Ob aber eine solche Ansicht die richtige ist, steht noch sehr 
zu untersuchen. Nach meinem Dafürhalten giebt es hinsichtlich 
des Verhältnisses der Form des Exanthems zum Krankheitproeeis 
zweierlei Arten von Exanthemen , nämlich speeifische Exantheme, 
welche nur einem bestimmten Krankheitsprocesse zukommen, wie 
z. B. die Masern, die Variolen, und deren sind wenige; ferner 
symptomatische Exantheme, welche keinem Krankheitsproceb 
ausschliefslich eigen sind, sondern mehr als Krankheitsformen 
erscheinen, unter welchen sehr verschiedene Krankheitsprocesse 
auftreten können. Und so erkenne ich denn auch die Intertrigo, 



Fuchs, Hautkrankheiten« 379 

die Fleckausschlfige und die ganze Sippe der Flechtenausschläge 
u. s. w. för Krankheitsformen, unter welchen Haemorrhois, Gicht» 
Scropbelu, Syphilis und noch andere Krankheiten erscheinen kön- 
nen. Ob diese meine Ansicht die richtige ist, lasse ich dahin ge- 
stellt ; jedenfalls verdient die hier angeregte Frage eine aufmerk- 
same Untersuchung, da ihre Beantwortung- für die Lehre von den 
Hautkrankheiten von der grOfsten Wichtigkeit ist 

Bei den Hautpblogosen sagt der Verf. , die Entzündung der 
Haut verbreite sich blofs nach der Continuität und nicht im 
Sprunge* Dagegen habe ich zu bemerken, dafs Entzündungen 
nach heftigen Verbrennungen sich nach den Gesetzen der Polari- 
tät, sohin nicht nach der Continuität, auf die inneren Häute ver- 
breiten. Uebrigens gestehe ich gern zu, dafs wahre Hautpblogo- 
sen keine Metastasen machen. 

In Bezug auf die Klasse der Dermapostasen und insbeson- 
dere der Uroplanieen, kann ich es nicht billigen, dafs der Ver- 
fasser die in dieser Familie aufgeführten Krankheiten kategorisch 
für die Wirkung von Harnmetastasen erklärt. Ich habe mich wie- 
derholt überzeugt, dafs solche Krankheiten bei Greisen erschie- 
nen , ehe irgend eine quantitive oder qualitative Veränderung im 
Harn zugegen war, und der Verfasser selbst hat solche Beobach- 
tungen gemacht; anderseits werden bei Harnverhaltungen in Folge, 
von Harnröhrenverengerung und selbst bei Unterdrückung der 
Harnabsonderung, bei der Bright sehen Krankheit keine von al-. 
len jenen Krankheiten beobachtet, welche Folgen der Harn Ver- 
setzungen seyn sollen ; es ist daher nicht zulässig, Cnesmus, Pom- 
pholyx, Esthiomenus, Asthma urinosum, Hydrothorax urinosus 
und das urinöse Triefauge fiir Uroplanieen zu nehmen, sondern 
diese Erscheinungen und die allmählig sich einstellenden Verän- 
derungen im Harn sind Coeffecte einer und derselben Ursache, so 
wie. bei der Gicht der Beichthnm an Harnsäure im Harn und 
die anderen gichtischen Erscheinungen Coeffecte des Gichtproces- 
ses sind. Ich habe defahalb die Krankheit, welche die oben auf- 
geführten ZuiUle veranlagst, provisorisch Geronoxys, Altersscbärfe, 
genannt Ich will niemand, zumuthen, diese Benennung und den . 
damit, verbundenen Begriff zu adoptjren , ich kann aber auch nicht 



380 Efsenmann. 

die Uroplanieen ta dem vom Verfasset adbrttfrten Sinne aner- 
kennen. 

Eben so wenig kann ich dem Verfasset beistimmen , wenn 
er bei der Haemorrhdis sagt, dafs die Mastdarm -Venen das pa- 
thiscbe Blut secerniren ; denn das Hämorrhoidal - Blut kommt ans 
der Capillarität der Mastdarmschleimhaut. Ich habe sogenannte 
Hämorrhoidal -Knoten gesehen , welche Hühnerei- grofse Säcke 
waren, gebildet ans der Schleimhaut, dem Zellgewebe und einer 
stark injicirten Capillarität, und die ein wenig mit Serum iofiltrirt 
schienen. (Jeberhaupt giebt es, abgesehen von Venenwundeo, 
keine venösen Blutnngen, was auch bereits Canstattin seinem 
Handbuch der Klinik behauptet hat. 

Wenn der Verfasser sagt, dafs es (zur Zeit) kein Merkmal 
der vollkommenen Heilung der Syphilis gebe, so stimme k£> ihm 
zwar bei, ich hätte aber gewünscht, dafs er das Kochsalz , den 
Schwefel , das Eisen und die Thermen von Gastein und I*feförc 
als Reageutien zur Entdeckung der latenten Syphilis einer Kritik 
unterworfen hätte. Auch hätte er bei der Therapie der Syphilis 
das Jodkali mehr berücksichtigen sollen , da Solches unbestreitbar 
grofse Dienste leistet • • 

Von den Carcinosen sagt der Verfasser, sie nehmen die be- 
nachbarten Gewebe in sich auf, und verwandeln sie in careMee 
Massen. Es dürfte richtiger seyn, za sagen; die Careinosen 
wachsen auf Kosten der benachbarten Gewebe, welche in den- 
selben Mafse, als erstere sich vergrvfsern, durch Resorption 
schwinden. Die organischen Gewebe können sich nicht in carei- 
nose Massen verwandeln, so wenig als sich da* Holz oder die 
Rinde des Eichbaums in die Stengel und Blätter des Misteis ver- 
wandeln , sie sind wahre NeuschOpfongen , die nur aus Flüssigem 
hervorgehen; ' • » 

Bei den Dermexanthesen hat der Verfasser die grofsen Wir- 
kungen und den vielseitigen Nutzen der lauwarmen Chlorwasebuft- 

* * 

gen nicht genug gewürdigt, und deren- Anwendung viel tu sehr 
beschränkt ; so empfiehlt er die Chlorwasehnngen beim Scharlach 
nur gegen dessen nervöse und faulige Abart, «nd sagt', sie seyeo 

• ♦ * 

auszusetzen , wenn die Perlode der Krise herankomme* Meine 



Fuchs, Hautkrankheiten. j&Sl 

Beobachtungen haben mich gelehrt, dafs es zur Beförderung der 
Krisen und zur Verhütung schlimmer Zufalle während der Krisen 
kein zuverlässigeres Mittel giebt, als die lauwarmen Chlorwa- 
schungen. Ich sah in mehr als einem Falle im Krisenstadium 
eine auftauchende Cerebral - Affection schnell wieder verschwinden, 
als ich die ausgesetzten Chlorwaschungen wieder machen liefs. 
Dadurch belehrt, habe ich dann diese Waschungen immer im Kri- 
senstadium fortgesetzt , und die schönsten Erfolge davon gesehen, 
namentlich ist nie nach diesem Verfahren Hautwassersucht einge- 
treten. 

* 

Bei den Variolen sagt der Verfasser : „Dagegen mufs^ ich be- 
zweifeln , dafs , wie manche Andere im Verlaufe heftiger Pocken- 
seuchen gesehen haben wollen , gesunde Mütter an Variolen lei- 
dende Kinder zur Welt bringen sollten." Dieser Zweifel kommt 
wohl daher , weil die bezweifelte Thatsache sich nicht wohl mit 
der Ansicht verträgt, dafs die Variolen und die anderen acuten 
Exantheme auf den Schleimhäuten keimen ; sobald der Verfasser 
diese Ansicht aufgiebt und dafür mit mir annimmt, dafs die Con- 
tagien der Exantheme durch die Respiration ins Blut gelangen und 
von hier aus rasch in der empfanglichen Capillarität sich fortpflan- 

4 

zen, wird auch obiger Zweifel wegfallen. Das Contag gelangt 
eben in das Blut der Mutter und von da ins Blut des Fötus, keimt 
aber nur in letzterem , weil es im mütterlichen Organismus keinen 
empfänglichen Boden findet. 

Der Verfasser sagt : „Es ist mir kein Fall bekannt, dafs jene, 
welche die Vorläufer - Symptome der Varioloiden überstanden, 
später von wahren Mittelpocken wären befallen worden." Ich habe 
im Sommer 1825 die Schwester meines gegenwärtigen Leidens- 
genossen Wiedemann am Vorboten - Stadium der Varioloiden be- 
handelt , über dessen Natur unter den gegebenen Umständen kein 
Zweifel bestehen konnte, und welches sich durch Schweifs, be- 
sonders aber durch eigene,, im Harn schwimmende Concremente 
.entschied, ohne dafs Varioloiden ausbrachen ; ungefähr 6 Wochen 
später wurde sie wieder von Varioloiden befallen , und das Exan- 
them nahm nun seinen gewöhnlichen Verlauf. Ferner sagt Fuchs: 
„Einen eigentlichen secundären Varioloiden -Ausbruch (nach Ein- 

26 



4 



♦ 

382 Eisenmann. 

impfung der Varioloiden) , wie er bei der Variola -Inoculatlon fast 
constant vorkam, sahen wir niemals u. s. w." Aber ich kenne 
einen solchen Fall» welcher 1825 bei dem Juristen Brand, vulgo 
Bastetchen, vorkam, bei welchem sich binnen 4 Tagen nach der 
Impfung Varioloiden an den Impfstellen und 10 Tage nach der Im- 
pfung seeundäre Varioloiden über den ganzen Körper entwickelten. 

Sacco behauptet, nach seinen Beobachtungen erzeuge das 
Varioloiden - Contag durch Impfung auch bei Nichtvaccinirten wie- 
der Variolois; wenn man aber von den durch Impfung erzeugten 
Varioloiden weiter impfe, so erzeuge das Contag, sohin in der 
zweiten Generation, wahre Varioloiden. \on dieser Behauptung 
hätte der Verfasser Notiz nehmen sollen. 

Bei den Typhosen sagt der Verfasser, im zweiten Stadium 
aller Typhen sei das Fieber, sein Charakter nfcge früher gewe- 
sen seyn , welcher er wolle , asthenisch. Diese Regel hat aber 
ihre Ausnahmen. Speranza und Kopp sahen, — letzterer wäh- 
rend einer mörderischen Petechialtyphus - Epidemie bei vier Kran- 
ken — den entzündlichen Charakter bis zur gänzlichen Entschei- 
dung der Krankheit andauern. Ferner behauptet der Verfasser, 
die Typben entstünden durch vegetabilische und animalische Faul- 
ptoffe, und räumt ein, dafs eigenthümliche elektrische Verhält- 
nisse der Luft und der Erde, über die ich Andeutungen gegeben, 
bei der. Genese der Typhen von Wichtigkeit seyn dürften, meint 
<aber, dafs wir darüber noch nichts Positives wissen. Ich habe 
in meinen vegetativen Krankheiten , iu meinen Typhösen , in mei- 
nen Cholosen und besonders in meinen Typosen alle bekannten 
und unbestrittenen Thatsachen in Bezug auf die miasmatische Ge- 
nese der genannten Krankheiten zusammengestellt, habe damit die 
Gesetze der Entstehung, der Qualität und der Verbreitung der 
Luftelektricität verglichen, und habe aus erwiesenen Vordersätzen 
den Schlufs gezogen, dafs die sogenannten Miasmen nichts Ande- 
res seyen, als gewisse Modificationen der Luftelektricität Ich 
habe gezeigt, dafs in allen jenen Verhältnissen , unter welchen 
Typhen entstehen, eine quantitativ mächtige Luftelektricität nach- 
gewiesen werden könne; ich habe sohin die Anforderung erfüllt, 
die man an einen Erklärungsgnind zu stellen hat, dafe sich nämlich 



Fuchs, Hautkrankheiten. 883 

♦ 

alle einschlägigen Erscheinungen durch denselben erklären lassen. 
Von jener Theorie, welche die Ursache der Typhen in vegetabi- 
lischen und thierrschen Faulstoffen sucht , kann man dieses nicht 
sagen, denn der Verfasser gesteht selbst, er wisse (nach der 
Theorie der Faulstoffe) nicht zu erklären , wodurch vulkanischer 
Boden eine Quelle von Miasmen werde, was Calabriens Erde zu 
einem Herde typhöser Krankheiten mache, woher es komme, 
dafs (wie die Seuchengeschichte nachweise) vorzüglich auf Erd- 
beben, Vulkanausbrüche, häufige Nordlichter und dergleichen 
•grofse welthistorische Typhusseuchen folgen u. s. w. ; und ander- 
seits haben die medicinischen Statistiker in Paris gefunden, dafs 
bei jenen Gewerben, welche den Einwirkungen vegetabilischer und 
thiertscher Faulstoffe am stärksten ausgesetzt sind, die Gesund- 
heit nichts zu wünschen übrig lasse. Endlich hat Most willkür- 
lich durch Einwirkung der Elektricität fieberhafte exantheraatische 
Krankheiten erzeugt. Es wird sich nun leicht entscheiden lassen, 
ob die Theorie der Faulstoffe oder jene der Elektricität die Tat- 
sachen und die Logik für sich habe. Eine solche Entscheidung 
ist aber för die Medicin von der griifsten Wichtigkeit; denn feilt 
sie zu Gunsten der zweiten Theorie aus, so fallen gar viele Lehr- 
sätze der Medicin, die man bisher geglaubt, aber nicht geprüft 
hat, in ihr Nichts zusammen, und auch der Verfasser mutete sich 
dann dazu verstehen , an seinen nosologischen Ansichten mancher 
Krankheiten ein und das andere zn modificiren. Er sagt z. B., 
die Typhoide und die Typhen haben entschiedene Neigung, mit 
Zersetzung der organischen Massen zu verlaufen , und sie ent- 
wickeln in diesem Dissolutions - Processe , so gut wie die Fäulnifs 
abgestorbener Organismen, Miasmen, welche, unter günstigen 
Verhältnissen auf gesunde übergetragen, wieder Infections - Krank- 
heiten erzeugen. Diese Fortsetzung der Infection unterscheidet 
sich von der Contagion schon dadurch, dafs das regenerirte Mias- 
ma häufig eine andere Infections -Krankheit erzeugt, als die ist, 
von der es ausgegangen , während das Contagium immer dieselbe 
Krankheitsform hervorruft. Es ist durch zahlreiche Thatsächen 
erwiesen, dafs die Ausdünstung Typhöser Hospitalbrand, Angina 
maligna, bösartige Ruhr, Carbunkel u. s. w. in Prädteponirten 

26* 



;*&* EiienipiMMUi. 

.veranlassen könne. — Diese letztbezeichneten Tbateacbep sind 
allerdings wahr, aber ihre Erklärung mub eine, andere wer<Jen, 
wfjnn die Theorie von der Elektricität den Sieg davon trägt. 

. Aber anch ohne, einen solchen Sieg läfst sich gegen die Ansicht 
,des Verfassers bemerken, dafs das Contagium nicht immer die- 
selbe Krankheitsform erzeugt, denn welche verschiedene Krank- 
heitsformen ruft. z. B. das Scharlach- Contag hervor? Es läfst 
sich fragen, warum die fauligen Blattern und andere faulige Krank- 
heiten, bei denen doch auch eine Zersetzung organischer Mas- 
sen Statt findet, nicht gleichfalls Petechialtyphus, Hospitalbrand, 
Angina maligna, typhose Ruhr, Carbunkeln durch ihre Ausdün- 

• stungen bei Anderen erzeugen ; kurz , man wird darauf zurück- 
kommen , dafs Pest , Petechialtyphus, Hospitalbrand, Angina ma- 
ligna, bösartige Ruhr, Kindbetttyphus u. s. w. Glieder einer 

, Krankheitsfamilie seyeo* und dafs das Contagium einer dieser 
Krankheiten unter Umständen, die ich fcier nicht weiter bespre- 
chen kann, ausnahmsweise eine aqdere Krankheit dersel- 
ben Familie erzeugt« Welche Menge von Pflanzen - Varietäten 

, kanp der Saame einer und derselben Pflanzen Species hervor- 
bringen, un£ doch ist der Pflanzensaamen l\ei weitem selbst- 
ständiger und vom Boden unabhängiger, als der Krankheitssaa- 
men vom Organismus! 

Diesen Bemerkungen gegenüber, die zum Theil auf sub- 
jectiven Ansichten beruhen, und dem Wertbe des vorliegenden 
Buches nichts rauben wollen und können, mufs ich nach bestem 
Wissen und Gewissen von den Leistungen des Verfassers Folgen- 
des rühmen : 

Er hat jeder wichtigeren Krankheit eine gedrängte» aber aus- 
reichende und gute Geschichte derselben voraugesetzt. Er bat 
die Erscheinungen der Krankheiten, meistens nach eigenen Beob- 
achtungen, meisterhaft beschrieben und die Symptome aufs ße&te 
geordnet. Er ist nicht an der Aufsenseite der Krankheiten, an 
der Krankheitsform hängen geblieben, sondern hat überall, so 
viel es nur immer thunlich war, das Princip derselben verfolgt, 
dadurch für die Nosologie, der Hautkrankheiten Wesentliches ge- 
leistet, und manche Verwirrung beseitigt« Welche Confusipn 



, KurzenÄHtth^i langen. Sil 

durch Keid anderes Mittet untersfttzt nadf* sitae : AirWBriitang nie 
durch BIutentleermigeQ vorbereitet habe. Bei plethorischeh Sub- 
jecteii dürfte es aber doch rathsam seyn, vor seinem Gebrauch 
eine entsprechende Blutentleerung zu machen. 

Die China würde ebenfalls und schön von T&lbot, Nlgri- 
sol, Piteairhe, Hellwig und Andern in Verbindung mit 
Opium gegeben, und 6 eletneoki zieht diese Verbindung sogar 
dem Chinin Vor. Das mag seinen Grund haben ; wenn man aber 
dem Chinin Opium beisetzt, wie schon mehrere Aerzte und ich 
selbst gethan habe« •©■ gewinnt man ein noch kräftigeres Heil- 
mittel.. 

In der neueren Zeit hat man sogar gefunden, dafs seihst 
andere Tfarcotica an Heilkraft gewinnen, wenn man ihnen Opium 
beisetzt 

So weit reichen die Erlabrungen über die bemerkte Eigen- 
schaft des Opi&tns y dieselben werden aber gewifs eine viel gre- 
isere Ausdehnung erreichen, wenn die Aerzte diese Eigenschaft 
heachten und allseitiger benutze A werden. 

£ur Naturgeschichte der Menschen-Epiphyten. 

lachen verum. 
Im Jahre 1822 oder 23 wurde ich eines Tages durch ein be- 
deutendes Jucken am Scrotum auf eine merkwürdige EfHorescenz 
der Haut des Hodensacks aufmerksam gemacht. Es hatte sich ein 
rother Fleck gebildet (ich glaube wenigstens , es war nicht mehr 
als einer) der etwa den Umfang einet halben Krone hatte, und 
der sich wie der Thalhis der Lichenes verhielt; es standen näm- 
lich auf demselben mehrere schon gelbe napftormige Schüssel- 
chen , welche ungefähr eine halbe Linie in der Dicke und zwei 

* • • * 

Linien im Durchmesser hatten. Jeder Botaniker , dem man ein 
solches Schüsselchen gezeigt hätte, würde dasselbe gewifs für 
das Fruchtlager einer Flechte, etwa von der Gattung Evernia ge- 
halten haben. Ich hatte damals keine so grofse Freude an sol- 
chen Curiositäten , um die mit ihrer Beobachtung am eigenen Kor- 
per verbundene Unbequemlichkeit der Wissenschaft zum Opfer 
zu bringen, und da das Epiphyt stark juckte, so bestrich ich es, 
nachdem ich es einem Freunde gezeigt hatte» mit einer Graphit- 



Die Blennorrhoe im Menschenauge. Eine ton dem deutschen 
ärztlichen Vereine in St. Petersburg gekrönte Preis- 
Schrift. Von Josef h Fr. Pirtnger, Dr. der Medicia 
und Chirurgie, ordinirendem Arzte des k.k. Siechenhauses 
und der okulistischen Abtheilung des k. k. Krankenhau- 
ses in Grätz, correspondirendem Mitgliede der k. k. Ge- 
sellschaft der Aerzte in Wien. Grätz, 1841. Franz Ferstl- 
sche Buchhandlung. 8. XVIII und 442 S. br. 

Recensirt von Dr* Wamatz zu Dresden. 



"er Verfasser dieser Schrift, schon längere Zeit rühmlichst be- 
kannt durch eine Arbeit über die Heilung des Pannus mittelst 
Einimpfung der Blennorrhoe (Oestreichische Jahrbücher. Neueste 
Folge. Bd. XV), beschäftigte sich seit 15 Jahren mit einem ge- 
nauen Studium der Blennorrhoe des Menscbenauges. Er kam bei 
jenen bekannten , mit glänzenden Erfolgen belohnten Versuchen 
einer möglichen Heilung des Pannus durch künstliche Inoculation 
der Blennorrhoe zu Erfahrungen trad Ansichten Über letzteres 
Uebel , welche zum grofsen Theile allerdings eigenthümlich sind, 
und von manchen bisher gültig gewesenen mehr oder weniger ab- 
weichen. Zum Theil bestätigen sie früher schon von v. Wal- 
ther, Jüngken u. A. Ausgesprochenes, Während dieser Stu- 
dien des Verfassers wurde von dem deutschen ärztlichen Vereine 
zu St. Petersburg 1836 über die ägyptische Ophthalmie eioe 
Preisaufgabe gestellt. Verf. war abgehalten, sogleich zu jener 
Zeit um den Preis zu concurriren , arbeitete aber an seiner Schrift 
ohne weitere strenge Rücksicht auf jene Preisfrage fort. Er be- 
schleunigte die Vollendung derselben , als um die Preisaufgabe, 
welche nicht gelöst worden war, 1839 von jenem Vereine ein 



Piringer, Blennorrhoe. 38? 

* m 

neuer Concurs eröffnet wurde., Der Verf. selbst sagt, dafs seine 
Arbeit nicht durch den ausgesetzten Preis hervorgerufen worden 
sei, auch wegen der eigentümlichen Ansichten, so wie wegen 
der ursprünglichen Gestaltung der Abhandlung den aufgestellten 
Forderungen des Vereines nicht habe entsprechen können. Da- 
her erklärte auch jener Verein : die vorliegende Arbeit habe trotz 
der Vortrefflichkeit einzelner Kapitel die gestellte Preisfrage nicht 
genügend erschöpft, es könne ihr daher nicht der volle Preis, 
sondern nur die Hälfte desselben zuerkannt werden. — Die fort- 
währenden Zerstörungen, welche die sogenannte ägyptische 
Ophthalmie noch in neuester Zeit in verschiedenen Armeen euro- 
päischer Staaten , namentlich Belgiens und Rufslands angerichtet 
hat und noch anrichtet, eben so die üblen Folgen der sogenann- 
ten Ophthalmia neonatorum, wie sie wenigstens in grofsen Städ- 
ten häufig beobachtet werden, rechtfertigen nicht allein die Preis- 
aufgabe, sondern fordern eben so sehr zu einer rühmlichen 
Anerkennung des Wirkens jenes ärztlichen Vereines in Peters- 
burg auf. •*' 

Diese Schrift läfst sich mit einzelnen ausgezeichneten Arbei- 
ten über diesen Gegenstand, welche in neuester Zeit geliefert 
wurden, nicht in Parallele stellen,, da jene meist nur einzelne 
Varietäten der Augenblennorrhoe, besonders die sogenannte ägyp- 
tische betreffen, diese aber als Monographie sämuitiiche Varietä- 
ten der Augenblennorrhoe umfafst, Sie stützt sich auf vielsei- 
tige Erfahrungen und Versuche, ist reich an Thatsachcn, arm an 
Hypothesen. Wenn dieselbe schon im Ganzen wegen der wich- 
tigen in ihr abgehandelten Frage die vollste Aufmerksamkeit allen 
Aerxte eben so f als die der Regierungen verdient, so möchte Rec. 
den Verf. noch darin besonders rühmen , dafs er die Pathologie, 
Aetiologie und Therapie dieses Uebels, nach Fischers Vor- 
gange , zu vereinfachen suchte. Ein detailürtes Urtheil über das 
Werk unter läfst Rec, da hierzu eine ebenso reichhaltige Erfahrung 
gehört, als sie dem Verf. in einem Krankenhause sich darbot. 
Eben so verschmäht Rec. den Tadel unwesentlicher Kleinigkei- 
ten , und vermifst nur eine genaue historische Erörterung des Ge- 
genstandes, wie man sie wohl von einer Monographie erwarten 



j 



Ä88 tVarnatz. 

dürfte. Auch möchte bei der Reichhaltigkeit der Schrift ein ge- 
naueres Register an seinem Platze gewesen seyn , als es durch ' 

• * 

eine summarische Inhaltsanzeige der einzelnen Paragraphen gege- 
ben worden ist. 

Die Eigentümlichkeiten Torliegender Schrift werden sich am 
besten durch eine Inhaltsanzeige derselben ergeben. Sie zerfallt 
in zehn Abschnitte« 

Erster Abschnitt. Allgemeine Vorbegriffe» 

§. 1. Function der Conjunctivae Sie ist eine seröse 
Membran und besitzt in ihrer ganzen Ausdehnung eigene drüsige* 
Organe, die kleine, äufserst zarte, mehr oder weniger kegel- 
förmige oder warzenartige Schleimbälge oder Papillen — Papillär- 
korper, Warzenkürper — , welche sich an der Conjunctiva bülbi 
nur mit der Loupe, an der der Lider aber mit blofsem Auge 
schon entdecken lassen und derselben ein eigenes, zwar unge- 
mein schwach sammtartiges , schwach punctirtes Schiltern ver- 
leihen. 

§. 2. Im krankhaft gereizten Zustande füllen sich die sonst 
nur Serum fuhrenden Gefafse derselben mit Blut; die Conjunctiva 
selbst schwillt dabei theils durch Congestion, theils durch neue 
Gefäfsbildung an. Die Papillen werden nicht verändert , die Se- 
kretion der Bindehaut wird aber vermindert oder vermehrt , bleibt 
aber immer serös. Nebst der sympathischen Congestionsrothe 
der Bindehaut bei den Entzündungen der Augenlider, der Mei- 
bom sehen Drüsen, des Augapfels und seiner Theile gehurt hier- 
her die Reizung durch fremde Kor per (Taraxis), die 
Phlegmone [Chemosis], der Rothlauf und zum Theil der 
Furunkel der Bindehaut. 

§♦ 3. Durch ganz eigens wirkende Schädlichkeiten schwel- 
len die Papillen der Bindehaut krankhaft an , treten an der Bin- 
dehaut deutlicher vor. Ihre Absonderung ist anfangs und bei je- 
der neuen Verschlimmerung vermindert und dadurch das Gefühl 
von Sand und Rauhigkeit am Auge bedingt. Doch tritt bald Ab- 
sonderung eines reichlichen, qualitativ veränderten Secretes ein. 
Es ist scharf, macht Excoriation, ist klebrig, minder serös, ei- 



Piring er, Blennorrhoe. ä89 

gentlich aber ohne Spur eines wahren Schleimes, vertrocknet aber 
an den Lidrändern zu Krusten : — ein f a eher Augenlr a t a r r h, ' 
Catarrhus oculi, katarrhalische Augenentzündung.' 
&!ö zieht nur bei Heftigkeit die Sklerotikalconjunctiva in Mitlei- 
denschaft ; ihre wichtigste Modificatlon ist die sogenannte scrophu- 
luse Ophthalmie. Nach der Verschiedenen Ausbreitung, Heftig-' 
keit, nach Verschiedenheit der Hauptsymptome, öo wie ddr Com-' 
plication mit anderen entzündlichen Affetfionen des Auges, wird 
jene bald Xerophthalmia , d. i. Ophthalmia sicca, oder Psor- 
ophthalmia, oder Epiphora, Ophthalmia humida, Lippitudo u.* 
«. w. genannt. 

§. 4. Dauert bei übler Anlage des Kranken und bei fortwäh- 
render Einwirkung von Schädlichkeiten ein solcher Katarrh länger» 
do entsteht Ueberfüllung der Conjunctivalgeftfee mit Blut, gieich- 
mäfsige Röthuog derselben. Die Papillen schwellen mehr und 
mehr, werden sichtbarer und verleihen der Bindehautfläche ein 
auffallend sammtartiges oder feinkörniges Ansehen, der Fläche 
einer aufgeschnittenen Feige ähnlich. Im ersteren Falle sind alle 
kranke Schleimpapillen — von ihrer Aehnlichkeit mit den Heisch- 
wärzcheo gut . eiternder Wunden auch Granulationen genannt — 
gleichmäfsig ergriffen und gleichmäfsig angeschwollen; im zwei- 
feo Falle ist es eine bedeutende Anzahl derselben mehr als die 
übrigen. Ihre etwas gesteigerte und nur in der Acerbation ver- 
minderte Absonderung liefert das erwähnte, auch in einem min-», 
deren Grade seröse Secret, welches keine Spur eines wahren 
Schleimes zeigt Dies ist die einfache chronische ka- 
tarrhalische Augenentzündung, der einfache chro- 
nische Katarrh der Bindehaut der Augenlider. 

§. 5. Greller einwirkende Schädlichkeiten afficiren die PapH- 
len der Conjunctiva noch mehr ; sie schwellen dann sogleich be- 
deutend an, und geben der Bindehaut ein aufgelockertes, stark 
sammtartiges oder korniges Ansehen ; sie sondern dann auch 
nach einem kurzen , oft kaum merkbaren Stillstande ihrer Abson- 
derung ein schleimartiges Secret , oder einen wahren Schleim in 
grösserer oder geringerer Menge bei gleichzeitiger Ausbildung 
aller sonstigen Zeichen einer Entzündung, 'als: höherer Rtitbe, 



390 Warnatz. 

vermehrter Bitte und deutlicherem Schmerze ab. Mao nennt ein 
solches entzündliches Leiden der Bindehaut des Au- 
ges mit Auflockerung und Vergrößerung ihrer Pa- 
pillen und mit Absonderung einer scbleiraartigent 
Flüssigkeit Augenschleim flufs , Blennorrhoe aocu- 
li, und bei Tripperkranken Au gen tripp er , bei Neugeborenen 
Augenentzündung der Neugeborenen, Ophthalmia 
neonatorum, ägyptische Augenentzündung aber dann 
gewöhnlich, wenn es in gröfserer Häufigkeit unter einem Men- 
schenkorper (?) (Menschenmenge) herrscht. 

§. 6. Die erste Spur dieser krankhaften Umbildung des Pa- 
pillarkOrpers zeigt sich stets im lockersten Theile der Bindehaut» 
in ihrer Tiefe, da, wo sie sich vom Augenlide zum Augapfel um- 
schlägt. Von da aus geht sie auf die ganze Augenlidbindehaut 
über, und bleibt in dieser beschränkt, oder geht auch auf die 
Aügapfelconjunctiva über. Im ersten Falle heilst sie Augenlid- 
schleimflufs, Blepharoblennorrhoea, im letztern Au g- 
apfelschleimflufs, Ophthalmoblennorrhoea. Je nach 
ihrem «Verlauf sind beide akut oder chronisch. So lange eine 
Blepharoblennorrhoe ein noch mehr wäfsriges , blofs scbleimarti- 
ges Secret liefert, gilt sie als Blennorrhoe des ersten Gra 
des, und als Blennorrhoe zweiten Grades, wenn bei 
höher ausgebildetem Leiden das Secret zu einem wahren Schleime 
sieb gestaltet. Den dritten Krankheitsgrad bildet jede 
Ophthalmoblennorrhoe. 

II. §. 7. Die Ursachen der Augenblehnorrhoeen sind prä- 
disponirende und gelegenheitiiche. 

§. 8. Die erste und fruchtbarste Gelegenheitsursache der 
Augenschi eimflüsse findet sich in den Blennorrhoeen der Ge- 
schlechtstheile sowohl der Männer als der Frauen. 

§. 9. Niemals seit 15 Jahren beobachtete P. nach Unter- 
drückung oder Hemmung eines Genitalienschleimflusses eine me- 
tastatisehe (vicarirende) Secretion der Bindehaut des Auges, oder 
einer anderen Schleimhaut, und er läugnet ganz und gar einen 
metastatischen Augentripper. . 



Piringer, Blennorrhoe. 391 

• §. 10« Die meisten Augentripper kommen mit einem zugleich 
bestehenden Genitaltripper vor. Consensueilen Augentripper giebt 
es nicht. Nicht jede Augenblennorrhoe, welche an einem Trip- 
perbranken auftritt , ist jederzeit eine Folge des Trippers. Auch 
der Tripperkranke kann durch äufsere schädliche Einflüsse auf 
seine Augen sich eine Blennorrhoe an denselben zuziehen , ohne 
dafs der Tripper dabei im Spiele ist. 

§. 11 — 15 entwickelt der Verfasser ausführlicher seine An- 
sicht» dafs nur eine einfache materielle Uebertragung des Trip- 
perschleimes an die Bindehaut des Auges die Quelle der aus dem 
Tripper sich bildenden Augenblennorrhoe sei. Gewöhnlich lei- 
det nach einer solchen Infection auch nur ein Auge , und nament- 
lich das rechte, weil in der Regel jeder Kranke immer mehr mit 
der rechten Hand an den kranken Genitalien beschäftigt ist, daher 
erstere eher verunreinigt , und weil in der Regel Jeder mit der 
homogenen Hand an das zufällig juckende Auge fährt. Eine sol- 
che Infection wird durch gleichzeitig bestehendes , z. B. katarrha- 
lisches Augenleiden mächtig unterstützt. Selbst bei kleinen Kin- 
dern ist eine derartige Infection durch dip Finger möglich, z. B. 
bei Askariden - Leukorrhoe. 

§• 12. Eine grofse Zahl der heftigsten Augenblennorrhoeen 
entsteht auch an übrigens ganz gesunden Individuen ebenfalls 
durch Uebertragung des Tripperschleimes. 

§. 13, Befleckung des Auges mit Tripperschleim bewirkt 
stets eine wahre Augapfelblennorrhoe, nie eine blofse Blepharo- 
blennorrhoe. 

.§. 14. Nach erfolgter Infection und nach Entwickelung des 
Augentrippers vermindert sich oft der Genitalienausflufs , nie aber 
hört er auf, weil er älter ist als jener. • Der Consensus , welcher 
zwischen der Bindehaut und Genitalienschleimhaut im normalen 
Zustande nur in geringem Grade besteht, tritt nach einem erzeug- 
ten Augentripper deutlicher hervor, gestaltet sich zum pathologi- 
schen Antagonismus, bewirkt somit ein schwächeres Fliefsen des 
Genitaltrippers, und zwar zuweilen in dem Grade, dafs mit einem 
neuerdings vermehrten Ausflusse aus den Genitalien der Schleim- 
flufg am Auge wieder geringer wird , und umgekehrt ; auch kann 



392 Warnatz. 



' r 



ein solcher antagonistischer Wechsel in Öinsicht der Stärke der 
Secretion mehrmals an einem und demselben Kranken in kurzer 
Zeit Statt haben. 

§. 15. Eine solche materielle Uebertragung des Tripper- 
Schleimes, namentlich von leukorrhoischen Müttern auf die Augen, J 
ist auch die Ursache einer grofsen Zahl der bei den Neugeboraeo 
vorkommenden Augenblennorrhoeen. 

§. 16. 17. Die Augenhlennorrhoe kann aber auch noch durch 
andere Ursachen, bald prädisponirende, bald veranlassende/ sich 
bilden. Indes immer noch sind dieselben in ein Dunkel gehüllt; 
denn es ist noch nicht evident, dafs jede Blennorrhoe überhaupt, 
oder eine einzelne entweder durch Alles, was Congestiön nach 1 
dem Kopfe und nach den Augen bewirkt, hervorgerufen wird/ 
oder durch Erkältung und unterdrückte Hautausdünstung, beson-' 
ders des Kopfes und der Augen , durch unterdrückte Diarrhoeen/ 
Runren, Hautausschläge, Fufsschweifse, durch Unreinlichkeit, 
unreine Luft, oder durch eine ganz eigene atmosphärische Con- 
stitution , oder eigenthümliche Veränderung der Atmosphäre ent- 
stehen: Verf. sucht hier aus seiner Erfahrung durch Fälle zu' be- 
weisen, dafs man aufser einer erwiesenen Ansteckung durchaus 
nie die wahre gelegenheitliche, oder nächste Ursache einer Ble- 
norrhoe werde auffinden können, sie möge sporadisch, oder ende- 
misch oder epidemisch erscheinen. Nie werde man es dahin brin- 
gen , durch Beseitigung der Ursachen' einer solchen Epidemie zu 
begegnen. 

§. 18. Allerorts entstehen zuweilen Augenblennorrhoeen ohne 
erweisliche Ursache; sie sind heut zu Tage häufiger als sonst, 
besonders bei Erwachsenen ; sind in gewissen Gegenden häufiger 
als in anderen, entwickeln sich an gewissen Orten epidemisch. 
Eine eigenthümliche, allerdings der Grundursache nach unbekannte 
Beschaffenheit der Atmosphäre scheint jedesmal die Hauptursache 
einer endemisch oder epidemisch auftretenden Blennorrhoe zu 
seyn. Bei Epidemieen oder Endemieen erscheinen die meisten 
Erkrankungen an solchen Personen , welche einen geschlossenen 
Menschen verein bilden , oder sich in einer schlechten azotreichen 
Luft aufhalten, wie bei dem Militär in Casernen, in Kantoune- 



Piringer, Blennorrhoe. r393 

, ments. Das häufigere Erscheinen bei der- Infanterie erkort sich 
aus den grosseren Beschwerden des Infanteriedienstes, und der 
Mehrzahl dieser Truppengattung bei allen Armeen. 

§. 19. Eine sichere und vorzugliche Ursache der Augen- 
: schleiraflüsse ist. der im gleichartig erkrankten Auge erzeugte ^p- 
steckungsstoff. Indem der Verf. hier bemerkt, dafs es nur eine 
Art contagioser Ophthalmie gebe, erwähnt er auch seine Versuche 
mit künstlicher Erregung einer Ophthalmoblennorrhoe durch Inocu- 
lation zur Heilung des Pannus. An 49 Individuen wurden 84 Au- 
gen absichtlich und erfolgreich mit Blennorrhoe augesteckt. Durch 
die jederzeit bewirkte Infection nächst anderen noch zu erwähnen- 
den Beweisen, entkräftigt Verf. die früher geltende Ansicht, dafs 
sich ein Contagium nur dort entwickle , wo viele gleichartig Lei- 
dende in gesperrte Räume zusammengehäuft wurden, und dafs 
nur die Depotenzirung eines Individuums die Quelle eines sich 
ausbildenden Contagiums werden könne. 

III. Anlage zu den Augenblennorrhoeen. 

§. 20. Die Anlage Ist nie eine allgemeine. 
§. 21» Sie ist am lebhaftesten bei Neugebornen und bei jun- 
gen unverheirateten Personen bis zum 36sten Lebensjahre , viel 
. weniger entwickelt aber in den Pubertätsjahren und in der Zeit 
des absteigenden Lebensalters ; sie ist lebhaft unter den Erwach- 
. senen, besonders in der untersten Volksklasse, bei den Gemei- 
nen der Infanterie, bei Rekruten. 

§. 22. Ungewife ist es, ob Individuen mit lichten Augen 
und röthlichen Haaren eine gröfsere Disposition besitzen als an- 
dere. In Bezug auf das Geschlecht stellte sich die Proportion 
von 43 Weibern und 57 Männern zu 100. 

§. 23. Eine allgemeine kakochymische Disposition ist nicht 

nuthig. 

§. 24. Eine schon einmal erlittene Blennorrhoe hebt die Mög- 
lichkeit einer neuen Infection nicht auf. Auch kehrt eine unvoll- 
kommen geheilte Blennorrhoe unter ungünstigen Verhältnissen 
schnell wieder zu ihrer früheren Heftigkeit zurück. 

§. 25« Verfasser sah nie, dafs das eine Auge gröfsere Dis- 



394 Warnatz. 

position zur Blennorrhoe zeigte als das andere. (Ref. sah, ohne 
es sich genügend erklären zu können, wenigstens bei der Ophthal« 

mia neonatorum, sehr häufig zuerst das linke Auge leiden.) 

i» • • • 

IV. Art und Beschaffenheit des blennorrhoischen 

Contagiums. 

§. 26. Nach des Verfassers Erfahrungen, welche von denen 
Adam's, Vansevendonk's, Mackesys, Kriebel's, Mo- 
bürg o's u. A. abweichen, ist der Träger des blennorrhoischen 
Ansteckungsstoffes das krankhafte, mehr oder weniger schleim- 
artige Secret der Bindehaut. Eine geringe Menge davon In die 
Bindehaut eines anderen Auges gebracht, ruft hier jederzeit Blen- 
norrhoe hervor. Tbiere scheinen keine Empfänglichkeit für das 
Cöntagium zu haben. 

§. 27. Ausgeschnittene Granulationen der Bindehaut an ein 
gesundes Auge gebracht können auch Ansteckung erzengen 
(Wernek). 

§. 28. Die reine, nicht durch blennorrhoisches Secret ge- 
mischte Thränenfeuchtigkeit scheint aber nicht ansteckend zu 
seyn. 

§. 29. 30. Au&er dem fixen Cöntagium durch den Schleim 
scheint kein flüchtiger Ansteckungsstoff entwickelt 
zu werden , und somit keine Ansteckung per miasma oder per 
ilutans Statt zu finden. Die auf P's. eigener Erfahrung beruhen- 
den Beweise entferäftigen die Annahme eines flüchtigen An« 
steckungsstoffes. Vf. beruft sich hierbei zum Theil auf die Er- 
fahrungen Anderer, z. B. Courtray's und Delamare's in 
Gent, v. WaltherV, Lerche's, welche ebenfalls durch das 
einfache Zusammenliegen Blennorrhoischer mit verschiedenarti- 
gen Reconvalescenten in einem Zimmer keine Ansteckung erfol- 
gen sahen. Blennorrhoeen verschlimmern sich, wenn mehrere 
solche Kranke in einem Zimmer liegen, nicht defshalb, sondern 
weil die Luft solcher Zimmer ziemlich stark verdorben wird. 
(Man denke an die üble Luft überfüllter Zimmer in Gebärbäu- 
sern.) 



Piringer, Blennorrhoe. 395 

{. 31. Selbst der wässerige Dunst des vertrockneten Se- 
cretes scheint kein Ansteckungsvermögen zu enthalten. 

V* Wirkungsweise des blennorrhoischen Conta- 

giums. 

§. 32. Wird ein mit Contagium besudelter Finger mit fri- 
schem Wasser rein abgewaschen und abgetrocknet , 60 verur- 
sacht man keine Ansteckung, wenn man auch mit demselben 
eine gesunde Conjunctiva berührt Infection ist nur möglich, 
wenn das Secret auf die Conjunctiva oder auf die Lidränder 
gebracht wird. Sie entsteht selbst nicht durch das Bestreichen 
der äufseren Lidfläche , wenn man dabei nur die Lidräuder ver- 
meidet. 

§. 33. 34. Der Schleim einer acuten Blennorrhoe des zwei- 
ten Grades ist eben so ansteckend, als der des dritten Grades; 
er ist unbedingt ansteckend. 

§• 35. Acute Blennorrhoeen des ersten Grades und chro- 
nische scheinen ein weit geringeres und mehr beschränktes An- 
steckungsvermögen zu besitzen. Eine mehr gesunde Bindehaut 
schien durch eine acute Blennorrhoe des ersten Grades und 
durch eine chronMche Blennorrhoe viel leichter angesteckt zu 
werden, als eine selche, welche bereits tiefere krankhafte Ver- 
änderungen zeigte. 

§. 36. Das Ansteckungsvermögen besteht so lange, als bei 
einer Blennorrhoe zweiten und dritten Grades die Absonderung 
des Schleimes Statt findet. 

§• 37. Ist eine Blennorrhoe des zweiten oder dritten Gra- 
des so weit zurückgetreten, däfs die bei noch gröfserer Em- 
pfindlichkeit des Auges gegen das Licht , bei noch höherer R5- 
the und bei nur noch schwacher Auflockerung der Augenlidbin- 
debaut bestehende stärkere Secretion rein serös, also vollends 
thränenartig sich zeigt , und nur zuweilen noch' in der Tiefe der 
Bindehautfalten ein kleines, in den Thränen schwimmendes 
Schleimflockchen angetroffen wird, dann scheint das Ansteckungs- 
vermögen völlig verloschen zu seyn. ' Dies bezieht sich auf 
acute Blennorrhoeen des ersten Grades und auf alle chronische, 



-996 , . Wafnajz. .... » 

« * 

wem? sie mehr die -Symptome eines, einfachen acuten T oder chro- 
nischen Katarrhe» .angenommen habeu. 

§. 38. Das frische blenuorrhoische Secret zeigte sieb zu 

•jeder Jafcre$fe£it| t bei, jeder Witterung ;Ui«l seihst d|tup,/wfyn 
es einige Zeit den grellen Sonnenstrahlen , oder der starren Eis- 

.kälte .ausgesetzt gewesen w$r, gleich wirksam»- gleich ansteckend. 

.Somit wird die Kraß des Coolagiums weder durch -intensive 

■ ■ * 

,tbierische Dünste, durch feuchtwarme Atmosphäre • erhöht , noch 
durch eine reine, unverdorbene Luft, oder durch trockene kalte 

» * * 

. Witterung vermindert. 

§. 39* Das Secret eines blennorrhoiscben Auges wirkt nwr 
auf die Bindehaut des Auges allein, und es ist ungewHs, ob 
dasselbe an anderen Schleimhäuten auch ein ähnliches blennor- 
phoisches Secret hervorbringen könne« 

6. 40. Das blennorrhoische Secret bewirkt sicher eine Au- 
steckung, wenn es frisch und flüssig an ein anderes Auge kommt. 

.JSein Anateckungsvermügen nimmt aber in dem Verhältnisse ab, 

.als es selbst altert, so zwar, dafs es mit 36 — 40 Stundep abzu- 
sterben anfangt, zu wirken aufhurt, und. nach drei Tagen org^- 

tnisch nicht mehr lebt. (Vasani will noch nach einem Monate 

, mit trockenem Secrete An^tepkung bewirkt b^en.) 

§.41. Die eben erfolgte Ansjteckung^ beurkundet sich an 
dem inficirten Auge weder durch ein subjeetives , noch durch ein 

•objectivjBs Zeichen. 

§. 42.. Die Zeit, welche von dem Momente der Ansteckung 
an bis zu dem Beginne der Krankheitsentwickelung verfliefst, ist 
verschieden, theils nach der Art- und Menge des zur Ansteckung 
.verwendeten Stoffes j theils nach der Individualität des angesteck- 
ten Individuums, theils nach der Ansteckung. Diesen Satz führt 
^der Verfasser in §. 42 — 59 durch. So erfolgt die Ansteckung in 
6 — 24 stunden desto sicherer und schneller, je hoher der Grad 
der Blennorrhoe, je stürmischer ihr Verlauf, je* frischer das von 

. ihr benutzte Secret ist, je schqeller und in je grofserer Menge es 
an das noch gesunde Auge gebracht wird, je reizbarer und blutrei- 
eher das Individuum ist« Die Nachtzeit scheint die Entwickelung 
d?r Blennorrhoe mehr zu fördern als die Tageszeit. Die Entste- 



PirinffEt, Blennorrhoe. 80T 



hungsursache der Blennorrhoe, von welcher an* die InfecUon er- 
folgte, ist ohne Einflufs auf schnellere Entwickelung derselben. 
Eine schon bestehende Bindehautkrankheit, z. B. katarrhalische, 
befördert nicht immer die schnellere Wirksamkeit des Ansteckungs- 
stoffes. 

In §. 90 widerlegt der Vf. die Annahme des ägyptischen Ur- 
sprunges der so benannten epidemischen Blennorrhoe, und über- 
haupt die Ansiebt, dafs dem Auge durch die Ansteckung nicht 
die Krankheit selbst, sondern nur der Keim derselben mitgeAheUt 
werde, dafs dieser «ehr lange in dem Organismus schlummern 
könne, und erst zu seiner Zeit und an seinem Orte durch den Ein- 
flufs begünstigender Umstände zur weiteren Reife gedeihe« uo4 
seine Wirkung' durch die Entwickelung der Blennorrhoe äufsere» 

§. 51. Form und Gnad der durch eine Ansteckung hervorge- 
rufenen Blennorrhoe hängt vorerst von der Qualität des zum Im- 
pfen verwendeten Secretes ab. So giebt jede durch UebertrH- 
gung eines wirklichen und nicht viel über 30 Stunden alten Wen- 
norrhoischen Schleims hervorgerufene Augenkrankheit eine sich 
rasch entwickelnde , acut verlaufende, bei viilöser oder feingriesi- 
ger Anschwellung des Paftillarkurpers stark fliefsende und heftige 
Blennorrhoe des dritten Grades, d. i. eine OpbtalmoWennerrhoe, 
wie bei leukorrhoischer Ophthalmie Neugeborener, wie bei Trip- 
perophtbalmie. 

§. 53 — 59« Die Individualität des angesteckten Auges wirkt 
modificirend auf die Gestaltung und den Verlauf der -sich ausbil- 
denden Krankheit. Ein und dasselbe blennorrhoische ConiagiufB 
kann, wenn es mehrere Individuen unter verschiedenen Verhält- 
nissen durchgebt , Blennorrhoeen von verschiedenem Verlaufe und 
Ausgange erzeugen. Alle am Auge auftretenden Blennorrhoeen 
aber sind Ihrem Wesen nach stets ein und dieselbe Krankheit, 
welche nur eben nach Verschiedenheit der Individuen (Korper- 
eonstitution , Alter, Geschlecht, Temperament, Stand und Ge- 
werbe) und nach Verschiedenheit der nebeneinwirkenden Um- 
stände (Qualität der Nahrungsmittel , Gewerbe , Gegend , Jahres- 
zeit, Witterung, allgemein herrsehender Krankheitscfaarakter) sich 
verschieden gestaltet. (Fischet«) Die katarrhalische und «pi* 

27 



898 Warnatz. 

demische (ägyptische), ebenso wie die gonorrhoische (durch Ge- 
nitalientripper entstandene)» die der Scropbulösen und die der 
Neugeborenen u. s. w. unterscheiden sich nicht wesentlich von ein- 
ander. Die Granulationen des Papillarkörpers sind keine Eigen- 
tbümlichkeit der sogenannten ägyptischen Blennorrhoe u. s. w. 
Es giebt in der Praxis nur eine Augenblennorrhoe, 
welche an den verschiedensten Individuen vom 
Neugeborenen bis zum alten Manne hinauf vor- 
kommt; mit den verschiedensten theils örtlichen» 
theils allgemeinen Krankheiten complicirt er- 
scheint» und dadurch manche, jedoch unwesent- 
liche und nicht coastante Modificationen erlei- 
det» eine verschiedene Ausdehnung und Heftig- 
keit, d. i. einen verschiedenen Krankheitsgrad er- 
reicht, bald sehr acut, bald mehr schleppend ver- 
läuft, oder wohl selbst chronisch wird, bald den 
torpiden, bald den erethischen, oder auch wohl 
synochösen Charakter entwickelt 

§. 59. Die bekannte Eintheilung in primäre und secundäre 
Blennbrrhoeen , je nachdem sie sich ^ns einer anderen Ophthal- 
mie entwickeln oder nicht, hat nur in sofern einen praktischen 
Werth, als man durch sie bestimmt wird, auf die der Blennor- 
rhoe vorgehende oder nicht vorgehende Augenkrankheit die gehö- 
rige Rüdesicht zu nehmen; aufserdem ist diese Eintheilung eben 
so grundlös, als die in idiopathische, sympathische und metasta- 
tische. 

VI. Entwickelungsweise, Grade, Verlauf und Aus- 
gänge der Blennorrhoe. 

§. 60— 77. Darstellung der Entwickelungsweise u. s. w. der 
acuten Blennorrhoe. Wo sie sich zu einem schon bestehenden 
Bindehautleiden gesellt, verschwindet dieses allniäblig ganz in 
den Erscheinungen der Blennorrhoe. Der V£ schildert hier §• 61» 
wie 'sich der erste Grad der acuten Blennorhoe entwickelt, wie 
(§. 62) die erste und schwächste Entwicklungsstufe der Blennor- 
rhoe —* die gelindere Form der Blepharoblennorrhoe — , der 



Piringefr, Blennorrhoe. 899 

erste der sogenannten ägyptischen Augenentzfindung mit granulö- 
ser Anschwellung der Papillen und mit dünnem Secret derselben 
(v. Gräfe's Hydrorrhoe und die gelindere und mehr chronische 
Form anderer Autoren) erscheint , wie sich ferner (§. 63) dieselbe 
bei Auftreten mit heftigeren Symptomen gestaltet» sich (§• 64) 
nach mehreren Tagen zur zweiten Entwicklungsstufe, — zur 
heftigeren Form der Blepharoblennorrhoe — zum zweiten Grade 
der ägyptischen Augenentzfindung (v.* Gräfes Phlegmatorrhoe, 
und zum Theii auch Pyorrhoe , die heftigere , mehr acutere Form 
anderer Autoren) mit villöser Anschwellung der Papillen und ko- 
pföser Absonderung dicklichen, wahrhaften Schleims erbebt, und 
(§. 65) als ausgebildeter, zweiter Grad der Blennorrhoe erscheint 
Häufig bleibt das Uebel auf diese beiden Grade beschränkt. Nicht 
selten . aber ($. 66) entwickelt sich dasselbe noch an der Skleroti- 
kalbindehaut, und tritt dann als Augapfelschleimhaut - Ophthal- 
moblennorrhoe — - dritter und höchster Grad der ägyptischen. Au- 
genentzfindung (v. Gräfe's Pyorrhoe) auf, besonders nach An- 
steckung mit sehr frischem Schleime , bei Tripperinfection. Wird 
dieser Grad nicht durch ärztliches Handeln coupirt , so bildet sich 
Keratitis blennorrhoica , mit Entwickelung der Papillen des Horn- 
hautepitheliums. §. 67. In jedem dieser drei Krankheitsgrade 
wechseln die Erscheinungen, z. B. Hitze, Schmerz, Secretion, 
Secret, Färbung der Bindehaut, je nach Verschiedenheit der In- 
dividuen und anderer Umstände. So vergrößert Syphilis und 
Scorbut die Gefahr ; Diarrhoeen und Ruhren vermindern den acu- 
ten heftigen Verlauf. 

§. 68. Selten und nur dort, wo eine Ansteckung an beiden 
Augen gleichzeitig vor sich gegangen war, werden beide Augen 
zugleich blennorrhoiscb ; sonst erkrankt in der Regel anfangs nur 
das eine Auge und das andere später. Ist aber einmal ein 
Auge blennorrhoisch , so bleibt das andere wohl zuweilen , jedoch 
nur sehen, verschont, besonders wo schon einmal Blennorrhoe 
vorhanden war. 

§. 69. 78. Die acute Blennorrhoe jeden Grades erreicht 
ihre Cnlmtnation in zwei bis fünf Tagen, und bleibt fünf bis vier- 
zehn Tage stehen, bis der Röcktritt, oder das zweite Stadium 

27* 



Spie fs. 

Mkben ia rieh i a thigle. So sab er den die 
einige Rettung der Medien in der Rückkehr su den ernten Grün- 
der derselben, zu Hippocrates; s* bemühte er sich, eile die 
physiologischen und philosophischen eitlen Speculationen ab die 
Ursache des traurigen Zustanden der Heftende seiner Zeit von 
Herzen verachtend, durch treue, «orgfaltige Benbacktnng der 
Krankheiten wieder einen neuen Grund zu leg»». — Diese eitlen 
philosophischen Speculationen über Gegenstände der Natur sind es 
denn andt wähl» — um diele nur im Yorbeigehen zu bemerken, — 
wovor Sydenham an so vielen fiteilen seiner Werbe auf das 
Entschiedenste warnt , nicht aber die höhere Philosophie über- 
haupt, oder die Metaphysik, wie unser Vf. (8. 15) su verstehen 
giebt, und die der letztere geradezu als „leere, hohle Träume- 
reien von übernatürlichen Dingen, von einer Gottheit, die über 
und aufser der Weh oder der Natur stehe'S bezeichnet; denn 
auch dem im Bereiche seiner Wissenschaft durchaus nur auf sinn- 
liche Erfahrung faltenden Arzte durfte es wohl anstehen, ein Hö- 
heres über und aufser dieser vergänglichen Welt glaubend anzu- 
nehmen« 

Nach dieser vielleicht etwas zu langen Abschweifung, die 
uns jedoch' outbig schien , um den eigentbümlichen Staudpunet 
Sydenhsm's und den Charakter der ihm gegenüberstehenden 
Zeit genau zu bezeichnen , wird es sich nun leichter darthun las- 
sen, welche Bewandnifs es mit Sydenham's angeblicher Lehre 
tun der naturhistorisehen Bedeutung der Krankheit hat, auf die 
unser Vf. einen, wie uns dünkt, übergrofsen Werth legt Da 
Sydenham es auf seinem blofs pathologischen Standpuncte nur 
mit der der Beobachtung sich darbietenden Krankheit zu thun hat, 
da er namentlich von aller physiologischen Begründung derselben 
absichtlich abstrahirt , und alles Bemühen, die näheren im Kör- 
per selbst etwa befindlichen Ursachen der äufseren Krankheitser- 
scheinungen genauer ausfindig zu machen, für unnütze, ja ge- 
fährliche und schädliche Speculation erklärt, so mufste ihm aller- 
dings der Gedanke nahe genug liegen , die Krankheiten mit ande- 
ren Naturwesen zu vergleichen, bei denen wir auch von dem letz- 
ten Grunde ihres Daseyns nichts wissen kennen, deren gesetz» 



Piringer, Blennorrhoe. 401 

§. 76. Zu den Nachkrankheiten der Bindehaut gehört das 
dflnne, vaskulöse Flügelfell ,. der dünne Ge&fspannua , diesam- 
metartige, oder auch kornige, jedoch blafsrotbe, weiche und 
irachgiebige Auflockerung der Papillen ohne fernere Scbleimsecre- 
tiou [einfacher chronischer Katarrh] , die leichte Anwulstung und 
Vergröfserung des Tarsus ; ferner die Verbildunggäbel der Binde» 
haut» als das dichte fleischige FKigelfell, der sarkomatöse Pan- 
nus; die festkörnige, fiscbroggenähnliche Entartung der Papillen; 
die fleiscbartigen Wucherungen der Bindehautfalten ; die fleischar- 
tige, schwammige oderhahnei&ammartigeBiudehautwucherung bei 
Ektropien ; die feste und härtliche Vergröfserung des Tarsus. 

§. 77. Chronisch wird die Blennerrhoe besonders leicht im 
ersten Grade. Sie erscheint dann als chronisch • entzündlicher 
Zustand der Bindehaut mit villöser oder granulöser Anschwellung 
der Papillen, mit Auflockerung der Bindehautfalten und zum Tbeli 
der Semilunaris, bei fortbestehender schleimartiger oder wahrhaft 
schleimiger Secretion. 

§.78. Beschreibung der chronischen Form. §.79. Sie ist ge- 
wöhnlich nur Blepharoblennorrhoe , selten Ophthalmoblennorrhoe. 
§. 80. Beschreibung der Rückbildung derselben und ihres Ueber- 
ganges in Gesundheit. Erfolgt erstere und wird das Secret grau- 
lich - weifs , weniger klebrig und sparsamer , so verliert es seine 
schleimige Natur und ansteckende Kraft. 

§. 81. Die chronische Blennorrhoe kann wieder acut wer- 
den. Sie ist dann sehr heftig und gefahrlich. §. 82. Nachkrank- 
heiten der chronischen Blennorrhoe, wie besonders granulöse» 
hügelartige Auflockerung der Bindehaut mit nach und nach dadurch 
entstehendem Xerophthalmos, Symblepharon* trockenem Pannus. 

§. 83. Selbst bei einer sonst gut geheilten Blennorrhoe bleibt 
lange Zeit Schwäche» Reizbarkeit und Empfindlichkeit zurück. 

VII. Dauer und Stadien der Blennorrhoe. 

§. 84. Die Blennorrhoe jeden Grades ist an ein bestimmte* 
Zettmaais durchaus nioht gebunden ; letztere« hängt von verschie- 
denen Umständen ab. Doch kau man den Zeitraum von vier Wo- 



402 Warnatz. 

eben als mittlere Dauer einer Blennorrhoe annehmen. Die chro- 
nische dauert ganz unbestimmte Zeit 

§. 85. Alle Einteilungen in zwei und mehrere Stadien, in 
das einer Infection , in das der Nachkrankheiten , in Hydrorrhoe, 
Phlegmatorrhoe , haben nur theoretischen Werth. Für den prak- 
tischen Augenarzt giebt es nur zwei Stadien» das erste, als das 
der Entwicklung, Zunahme, das zweite als das der Abnahme 
der Krankheit 

VDI. Prognostik. Ein sehr interessanter Abschnitt des 
Werkes. §. 86. Allgemeines. §. 87. Sporadische Blennorhoeen 
sind in der Regel , besonders wenn sie durch kein Contagium ent- 
standen, gutartiger und milder, als die durch vielfache Umstände 
sich viel gefährlicher gestaltenden epidemischen und endemischen. 
§. 88 — 99. Erörterung der Prognose nach den verschiedenen 
Graden, nach den äufserlich am Auge wahrnehmbaren Sympto» 
inen, nach den ortlichen Complicationen, nach den allgemeinen 
Complicationen , nach den an der Hornhaut sich bildenden krank- 
haften Veränderungen. Die mindeste Gefahr haben Blennorrhoeen 
ersten Grades, grössere schon die zweiten Grades, die grofste 
die des dritten Grades, die Ophtbalmoblennorrhoeen , z.B. alle 
durch frische Infection entstandene , wie die leukorrhoische Neu- 
geborener , die tripperige Erwachsener. Je grufser die Hitze am 
Auge, je schneller kalte Umschläge warm werden, je heftiger 
die Schmerzen sind, je häufiger sie wiederkehren und je mehr sie 
zunehmen, desto heftiger ist die Krankheit. Blutige Secretion der 

4 

Conjunctiva ist an und für sich gefahrlos. Hinzutretender Blepha- 
rospasmus ist eben so gefahrlich, als von Hause aus tiefe Lage 
der Augen. Unangenehm ist Complication mit Trichiasis, oder 
Ektropium. Ein schon früher bestandenes Ektropium hat viel we- 
niger zu bedeuten , als die Complication einer hochgradigen Blen- 
norrhoe mit Ektropium, oder mit einer wirklichen Verkürzung des 
oberen Augenlides. Schon vorher bestehendes katarrhalisches» 
rheumatisches oder erysipelatöses Leiden der Augen bedingt mehr 
öder weniger ein heftiges Auftreten der.BIennorboe. Schlimm ist 
auch deren Complication mit schon bestehenden Hornhautgeschwü- 



Piringer, Blennorrhoe. 403 

reo, indem leicht totale Ulceration der Hornhaut erfolgt. Sehr 
schlimm ist Complication der höheren Grade einer Blennorrhoe 
mit allgemeiner Syphilis, Arthritis oder Scorbut. Bei alten, 
schwächlichen , phthisischen oder anderartig kachektischen Perso- 
nen tritt die Blennorrhoe meistens minder heftig auf, verlauft aber 
langsam und hartnäckig. Gleichen Verlauf sah dar Vf. bei scro* 
phulösen Kindern. Heftig ist sie bei jungen, kräftigen, aber 
dennoch weniger gefährlich , als bei sensiblen , oder torpiden , le- 
bensatmen Menschen. Eine besondere Gefährlichkeit derselben 
bei Personen mit rothen Haaren sah der Verf. nicht. Die ge- 
ringste Spur einer beginnenden Hornhauteiterung ist gefährlich, 
weil, wenn auch nicht immer, Phthisis bulbi, doch fast gewöhn- 
lich Phth. corneae nachfolgt. Entsteht durch Hornhautflecken, 
Narben, IrisvorfähVund Synecbieen vollkommene Pupillensperre, 
und ist nur ein kleiner Theil der Hornhaut rein geblieben , so läfst 
sich von einer künstlichen Pupille wenigstens tbeilweise Wieder- 
herstellung des Sehvermögens erwarten. Aber nur Erwachsenen, 
d. b. solchen, welche im erwachsenen Alter blind wurden, leuch- 
tet diese Hoffnung, niemals einem Neugeborenen, oder einem 
Kinde unter zwei Jahren; diese bleiben für ihr ganzes Leben 
blind. Piringer machte die Pupillenbildung bei ihnen immer 
ohne allen Erfolg. Die Retina des Neugeborenen besitzt nämlich 
nur die Fähigkeit zur Perception des Lichtes , nicht aber zur Auf- 
fassung der Gegenstände selbst. Diese wird erst nach und nach 
durch Uebung erworben. Tritt also im frühesten Lebensalter Pu- 
pillensperre ein, so bleibt die Netzhaut, der einwirkenden Reize 
und der Uebung beraubt, auf dem Punkte stehen, auf welchem 
sie bei der Geburt war , und empfindet nur den Unterschied zwi- 
schen Licht und Finsterntfs. Wollte man deshalb auch die künst- 
liche Pupillenbildung im ersten bis zweiten Lebensjahre schon' 
machen, so würde der Erfolg derselben wegen der in diesem 
Aher sich aufstellenden Schwierigkeiten der Operation sehr unge- 
wifs seyn. Bisweilen wird, wo so zeitig das Sehvermögen auf 
jene Weise verloren geht, dasselbe tbeilweise durch die Staphy- 
lombildung der Hornhaut wieder hergestellt, indem nach und nach 
an der durch die Synechie gedehnten Stelle die Fasern der Iris 



4fef Warnatz; 

•ick am einander geben, und eine ISnglicbe Spalte ab Substi- 
tut einer Pupille entstellt. 

§. 100. Heilsam wird die Blennorrhoe höheren Grades bei 
dem Pannus jeder Art (mit Ausnahme des sogenannten trocknen), 
er mag neu oder alt, dünn oder dicht, also lymphatisch oder vas- 
kulos , oder fleischig oder wohl gar geschwürig seyn. Doch mnfe 
es dabei zur Entwickelung des dritten Grades kommen. Däa 
Experiment scheint ziemlich gefahrlos, denn von 59 pannosen zu 
diesen? Behufe mit Blennorrhoescbleim vom Verf. geimpften Kran« 
ken ging weder ein Auge verloren, noch entstand sonst ein Nach* 
theil. Zu dieser schon früher von Fr. Jaeger empfohlenen Im- 
pfung benutze man den Schleim einer milderen Blennorrhoe zwei* 
ten Grades , niemals aber den eines solchen Auges , an welchen 
bereits geschwürige Zerstörung der Hornhaut 'eingetreten ist (Im 
Mothfall müfste man immer den am häufigsten vorhandenen Schleim 
von einer Ophthalm. neonaten anwenden). 

§♦ 101. Die akute Blennorrhoe höheren Grades wird ferner 
beilsam bei der chronischen Blennorrhoe, aber nicht da, wo schon 
safcomat&se und härtliche Granulationen, Fleischauswücbse be- 
stehen , oder die Conjunctiva degenerirt ist. 

§. 102. Bei vielen Panttosen sab Piringer durch die Im- 
pfung mit Blennorrhoescbleim die Neigung zu schnell eintreten- 
den, oder beständigen Entzündungen der Conjunctiva verschwin- 
den. Hierbei wird aber durch grofse Sensibilität des Auges eben 
so grofse Vorsicht geboten. 

§. 103. Lymphtrübungen der Hornhaut werden durch eine 
Blennorrhoe eher noch vergröfsert als beseitigt oder verringert. 

IX. Diagnostik. Verf. entwickelt hier, §. 104 — 111, 
seine Ansichten über das Wesen der Augenblesnorrhoe und über 
den Unterschied derselben von ihr ähnlichen, oder wenigstens 
verwandten Augenübeln. Blennorrhoe is4 kein für sich 
bestehendes Leiden; sondern, nur das am meisten 
tu die Sinne fallende Symptom eines anderen all- 
gemeinen oder örtlichen, activen oder passiven 
Krankheitsprocefsee, oder im engeren und eigent- 



3«*- 



Piringer, Blennorrhoe. WS 



liehen Sinne des Wortes ein hochgradiger» der 
wahren Entzündung sich nähernder Katarrh der 
Bindehaut Den einfachen. Katarrh betrachtet Verf. als die 
erste, die Blennorrhoe ersten Grades als die zweite, die des 
zweiten Grades als dritte, und die des dritten Grades als die 
vierte Entwickeluogsstufe eines Augenkatarrhes. ' 

In §. 106 betrachtet Verf. die Unterschiede zwischen einem 
einfachen, gewöhnlichen Augenkatarrh und einer Blennorrhoe er- 
sten Grades. Letztere markirt sich durch sichtbare Anschwellung 
der Augenlider bindehaut, der Binden autfalten und der SemHuna* 
ris, durch sichtbare Anschwellung des Papillarkorpers an. der 
Bindehaut und ihren Falten, durch die gleichmäfsige dunklere, 
aus einem gleichmäßigen Gefäfeeonvolute bestehende Rothe, wel- 
che durchaus nicht das untergebreitete Zellgewebe, oder die 
Meibom'schen Drüsen durchscheinen läfst, so wie endlich durch 
das lymphatische , seröse , molkige , fast schleimige, an der Wä* 
sehe steife, gelbliche, deutlich sichtbare Flecken bildende und 
dabei ansteckende Secret. §. 107. Eine chronische Blennorrhoe 
unterscheidet sieb von einem chronischen Katarrh durch dunklere; 
fast wie rohes Fleisch, oder wie gesottener Krebs aussehende 
R&tbe der Bindehaut und ihrer Papillen , und durch das offenbar 
schleimige und ansteckende Secret, welches man sogar aus den 
Papillen herausquellen sieht Verf. macht hier die Bemerkung» 
dafs der gewöhnliche einfache chronische Katarrh in der Mehr« 
zahl der Fälle zur Zeit epidemisch herrschenden Augenblennor- 
rboe sieb an den Augen solcher Individuen einstellt , welche frÜ* 
her an einer sogenannten katarrhalischen Entzündung gelitten ha* 
ben; dies habe zu der Annahme Anlafs gegeben, dafs katarrha- 
lische Ophtbahftieen in den Zimmern blennorrhoiscber Kranker zu 
Blennorrboeen sich umwandelten , und dafs demgemäfs ein Coi* 
taghrai per distans existire. Piringer fiberzeugte sich aber 
durch viele Versuche von der Unwirksamkeit des Secretes eines 
solchen chronischen Katarrhe». 

§. 108. Die Hypertrophie der Papillen und Papillenpake- 
te(¥)> welche vorzugsweise bei jungen scrophulOsen Individuen 
bisweilen mit einiger Blennorrhoe verkommt, nachdem sie an öfte 



466 Warnatz. 

reu, sogenannten scrophulösen Ophtbalmieen gelitten hatten, be- 
sitzt auch Aehnlichkeit mit der Blennorrhoe im ersten Grade , un- 
terscheidet sich aber wesentlich von dieser; ebenso (§. 109) die 
bei Scrophulösen vorkommende Entzündung der Augenliderdrüseo 
in ihrer aknten und chronischen Form. Aber auch diese, so wie 
vorige steckt durch ein Secret nicht an ; auch sondert sich dieses 
bei letzterer aus den Meibom'schen Drüsen ab. 

§. 110. Zu den passiven Leiden der Bindehaut, welche mit 
Unrecht Blennorrhoeen genannt werden, gehurt unter anderen die 
Schleimsecretion der Bindehaut bei allgemeiner Schleimsucht; 
ferner die Blennorrhoea senilis. Verf. schiebt hier die Bemer- 
kung ein, dafs weder der gutartige weifse Flufs der Weiber durch 
Infection Blennorrhoe erregt, noch die gewöhnliche chronische 
Blennorrhoe des Thränensackes. 

§. 111. Nur von Ungeübten kann eine Blennorrhoe zweiten 
und dritten Grades mit einem Rothlaufe der Lider, oder mit einer 
Phlegmone des Auges oder der Bindehaut verwechselt werden. 

X. Prophylaktik. Verf. erörtert hier §. 112. noch die 
zwei wichtigen Fragen: 1) ob eine in ihrer Entwicklung begrif- 
fene Blennorrhoe gehemmt und gänzlich unterdrückt, und ob das 
Auge von dem in dasselbe gebrachten Ansteckungsstoffe wieder 
befreit werden kann. Er bestätigt die von Anderen schon ge- 
machte Erfahrung, dafs allerdings Eiskälte für den blennorrhoi- 
schen Krankheitsprocefs das vorzüglichste Hemmungsmittel abgiebt, 
dafs starkes Purgiren dieselbe wesentlich unterstützt, dafs na- 
mentlich auch das Auswaschen des Auges mit kaltem Wasser un- 
mittelbar und sogleich nach einer erfolgten Verunreinigung dessel- 
ben mit blennorrhoischem Secret, und somit schnelle Reinigung 
der Bindehaut von dem bereits anklebenden Secrete, sowie mehr- 
stündige Anwendung kalter Umschläge, die Aufnahme des Con- 
tagiums und den Ausbruch der Blennorrhoe zu verhindern vermag. 
Der örtliche Gebrauch des Sublimates, der Essigsäure, der 
Aetzung mit Kupfervitriol, des Chlorkalkes, der Chlordämpfe, des 
Rauches von gebranntem Kaffee, gab ihm nur zweifelhafte Re- 
sultate, oder gar keine. 

§.113. 114. Erwähnung der allgemein bekannten propby- 



Piringer, Blennorrhoe. 4MW 

taktischen Maaferegeln. Verf. bemerkt hierzu §. 115, , dafe die- 
selben nur im Allgemeinem das Krankwerden des Auges und 
des GesammtoTganismus verhüten sollen , dafs hingegen die' Ge- 
wifsheit des Vorbandenfeins eines gonorrhoischen und eines durch 
eine jede Augenblennorrhoe wieder neuerzeugten Ansteckungs- 
stoffes, so wie die Kenntnifs der Wirkungsweise dieser beiden 
identischen Contagien ein sicheres Vorbauungsverfahren ver- 
schafft, wie z. B. durch strenge Obacht auf Tripperkranke u. s. w. 

§. 116. Erörterung derselben Maafsregeln bei Epidemie. 

§. 117. Die ortliche Anwendung des Sublimates, weifsen 
Präcipitates, schwarzen Quecksilberoxydules , Calomels, selbst 
längere Zeit fortgesetzt, gewährt bei blennorrhoischen Epidemieen 
kein Präservativ gegen die Ansteckung und gegen das Erkranken 
durch den epidemischen Einflufs. Ein besseres Resultat lieferte 
immer noch das öftere Waschen der Augen mit frischem reinem 
Quellwasser. 

§. 118.. 119. Erörterung der in einem Spitale Blennorrhoi- 
scher zu treffeuden Maafsregeln. §. 120. Die Reinigung mit Was- 
ser und eine gute mehrtägige Lüftung bewirkt genügend die Ver- 
nichtung des irgendwo haftenden Contagiums. I£s bedarf keiner 
Verbrennung von Kleidungsstücken, keiner besonderen Desinfe- 
ction der Kleider, Wohnungen, Wäsche, Mobilien u. s. w. durch 
Chlor u. s. w. 

XI. Therapie. Allgemeines. §. 121. Ein direct ätio- 
logisches Verfahren fällt ganz weg ; es ist theils unmöglich, theils 
zeitraubend/ und dann nachtheilig. Die ganze ätiologische Kur 
beschränkt sich nur auf die Entfernung dessen, was die Krankheit 
steigern und unterhalten kann. Wegen der Gleichheit des We- 
sens aller Blennorrhoeen hat man in der Behandlung nebst der 
Individualität des leidenden Subjectes nur auf die Form dersel- 
ben zu achten, namentlich aber darauf, ob sie akut, oder chro- 
nisch sei; ferner auf Ausbreitung, Grad, Heftigkeit und Stadium 
derselben , mit Inbegriff der zufalligen Complicationen. 

Verfasser betrachtet dann sehr ausführlich die Therapie der 
akuten Blennorrhoe von §. 122 — 159., und stellt für dieselbe 
folgende drei Indurationen : 1) Dafs der blennorrboisch - entzünd- 



40» Warnatz 

liebe ProceJBs sogleich gebrochen werde» »ich nicht mehr stei- 
gere und weiter ausbreite, dafs also derselbe aus dem ersten 
Grade nicht in den zweiten , au» diesem nicht in den dritten über- 
gehe, und dafs er sich vor Allem nicht auch a^if dem Bindehaut- 
blättchen der Hornhaut ausbilde (mit Ausnahme «der durch Blen- 
norrhoe zu bewirkenden Heilung, des Pannus) , oder eine consen- 
suelle Hornhautentzündung hervorrufe ; 2) dafs das Abgesonderte» 
an und für sich schon mehr oder weniger, scharfe Secret nicht 
noch schärfer werde und nicht die Hornhaut anätze; .3) dafs die 
Anschwellung der Bindehaut und ihrer Papillen möglichst schnell 
zurückgedrängt , dadurch die allenfalls vorhandene Einschnürung 
und Pressung des Hornhautrandes aufgehoben , die Reibung der 
Hornhautfläche vermindert und endlich ganz beseitigt und der 
krankhaften Absonderung ein Ende gemacht werde. Die Erfül- 
lung der ersten lndication fällt ganz in das erste Stadium, die der 
dritten in das zweite Stadium. Die zweite Anzeige niufe vom 
Beginn bis .zum Ende der Blennorrhoe befolgt werden. 

Erste Anzeige §. 123 — 143. Sie erfordert den antiphlo- 
gistischen Heilapparat und ein indirectes oder directes antiphlo- 
gistisches Heilverfahren. Unter den indirecten Mitteln giebt Vf. 
den eiskalten Umschlägen aliein oder mit Blei den Vorzug, und 
zwar in allen Graden, so lange als noch sehr erhöhte Tempera- 
tur der Augen besteht, und so lange, als die kalten Umschläge 
noch schnell warm werden , d« h. besonders im ersten Stadium. 
Wenn jene hohe Temperatur nicht mehr besteht und das zweite 
Stadium eintritt, sind sie sogleich auszusetzen, und trockne, nicht 
gewärmte Compressen zu Substituten. Die kalten Umschläge 
dürfen, sollen sie nicht schaden, weder zu nafs aufgelegt, noch 
zu selten gewechselt, noch aber über die gehörige Zeit hinaus ge- 
braucht werden. Warme Umschläge und warme B&hun« 
gen sind vermöge ihrer theils Conjestion, theiLs 
Auflockerung und Seoretion erregenden Kraft bei 
einer jeden Blennorrhoe unter allen Umständen 
absolut schädlich, mögen sie nur einfach emolli- 
teftde, oder narkotische oder aromatische seyn. 
Sie passen nur in dem traurigen Falle entstehender Ophthalmoi 



Piringer, Blennorrhoe. 408 

pyosis. Neben den kalten Umschlägen wende man , im ersten 
Stadium einer Blennorrhoe jeden Grades antiphlogistische Abföh- 
rungsmittel an. Verf. warnt dabei treffend vor der alieinigen Dar- 
reichung des Cälomels bis zum Ptyalismus. Brechmittel müssen 
bestimmt indicirt seyn. Vor der Peschier'schen Anwendung 
des Tart. stibiatus hegt Verf. grofse Besorgnife. Aderlässe sind 
bei Blennorrhoeen zweiten und dritten Grade» zwa* nicht immer 
absolut notbwendig , selten aber ganz entbehrlich , häufig zu wie- 
derholten Malen anzuwenden. Sie passen nur bei starken Indi- 
viduen und bedeutender Kopfcongestion. Die Indication wird nur 
durch die Heftigkeit und Hohe der Blennorrhoe, durch die Schnel- 
ligkeit ihrer Entwicklung, durch das Alter, die Constitution und 
den Kräftezustand des Kranken , so wie durch die Euphorie be- 
stimmt. Blutegel schaden hn Allgemeinen mehr als sie nützen, 
und passen , wo sich ihre Anwendung ja nötbig macht, mehr nur 
im zweiten und dritten Grade. Skarificationen schaden. Aufch 
nützen Excisionen der Conjunctiva nichts, ebenso schadet die 
Ophthalmopäracentese. Hautreize helfen nichts , eben so Bäder. 
VerfL rühmt gegen den Schmerz im zweiten Stadium das Ungueut, 
neapolitanum mit Opium. Eine blos örtliche Behandlung der Blen- 
norrhoeen ist schädlich. Kttanedy's und lreland's örtliche 
Behandlung der hochgradigen Blennorrhoe mit Höllensteiosolutkm, 
oder mit trockenem Höllenstein nach K er st scheint mehr nur 
die Secretion zu beschränken , ohne die Krankheit in ihrer nach- 
theiligen Wirkung auf die Cornea aufzuhalten. 

Zweite Anzeige. §. 144—150. Die Erffilung dersel- 
ben erfordert fleifsiges Reinigen des Auges von dem blennorrboi* 
sehen Secrete, und zwar im ersten Stadium nur mit kaltem Was- 
ser» bei grofser Empfindlichkeit mit Aq. Opii, oder einem küh* 
ien Infos. Belladonnae, und zwar mittelst *emes Schwämmet, 

N 

oder durch Einspritzungen der Flüssigkeit, schwerlich durch ein 
Augenbad. Die wegen der Cornea nöthige Untersuchung des 
Auges geschehe nur zwei, höchstens dreimal täglich, nur auf 
eine Viertelminute, und zwar mit Vorsicht. Das sieberste Mit- 
tel gegen das Verhieben der Lider ist das oftmalige Waschet! 
des Auges. Die Anwendung der mtt Miteh , Aq. -Laurocerasij 



410 Warnatz« 

Infos. Belladonnae u. s. w. getränkter Compressen zwischen die 
Lider zu dem erwähnten Zwecke schadet jederzeit Nöthig ist, 
dafs Tag und Nacht unausgesetzt ein unterrichteter Wärter um 
einen blennorrhoischen Kranken beschäftigt sei. 

Dritte Anzeige. Sie erfordert Aussetzung der kalten 
Hinschlage und ortliche Anwendung zusammenziehender Mittel, 
des Bleizuckers, Höllensteins, Sublimats, Lapis divinus, Cupram 
aceticum, Präcipitatus ruber und albus, adstringirende Pflanzen- 
aufgüsse und Decocte u. s. w. Ais Uebergangsmittel von der 
Antiphlogose empfiehlt Vf. ein Augenwasser aus Bleizucker, oder 
ein noch stärkeres mit Hollenstein oder Präcjpitatsalbe, am mei- 
sten aber reines Laudanum, ein bis zwei Mai täglich applicirt 
So tbätig man aber im ersten Stadium und in den ersten Tagen 
des zweiten Stadiums einer jeden hochgradigen Blennorrhoe seyn 
mafs, eben so gelassenes Handeln ist fernerhin zu befolgen, 
wenn die Cornea von keinem Bindehautwalle mehr überragt wird, 
und di^ Krankheit zu einem dem ersten Grade ähnlichen Zu- 
stande zurückgekommen ist. Ruhiges Zusehen thut jetzt sogar 
besser, als eine zu grofse Geschäftigkeit Nachdem Verf. nun 
in diesen §§. noch die Behandlung der Hornhautgeschwüre und 
Irisvorfalle, ferner des sympathischen entzündliehen Leidens det 
Hornhaut (Laudanum), ferner der nervösen, periodischen Schmer* 
xen (Narcotica), so wie das der Ektropien des oberen und un- 
teren Lides betrachtet hat, bemerkt er, dafs unter dem ruhigen 
Fortgebraucbe des für das erste und zweite Stadium angegebe- 
nen einfachen, nicht stürmisch eingreifenden Verfahrens am sicher- 
sten der gänzliche Rücktritt der Auflockerungen der Augenlidbin- 
dehaut und ihres Papillarkürpers , wenn bisweilen auch erst nach 
längerer Zeit erreicht, somit die Krankheit zu Ende gebracht 
und am besten der Uebergang in chronische Blennorrhoe verhü- 
tet wird. 

II. Behandlung der chronischen Blennorrhoe. 

Verf. giebt hier §. 160 — 167. S. 400—407 einen reichen 
Catalog von Mitteln gegen die chronische Blennorrhoe. Dabei 
bemerkt er, dafs die Aerzte in der Behandlung derselben auf 



Piringer, Blennorrhoe. 411 

dieselben Schwierigkeiten und Unsicherheiten träfen, wie bei allen 
chronisch - entzündlichen Leiden anderer Organe. Man müsse 
daher zunächst bei einer chronischen Blennorrhoe darauf achten, 
ob sie so ebeu im Begriffe sei, aus der akuten Krankheit her- 
vorzugehen, oder ob sie bereits als solche schon länger am 
Auge bestehe. Er macht hier auf Veränderung des Wohnortes, 
der Luft, Diät u. s. w. aufmerksam, empfiehlt, da wo die Blen- 
norrhoe erst aus einer akuten hervorging, ein vorsichtiges alte- . 
rirend - adstringirendes Heilverfahren, Laudanum, Hollenstein, 
Calomel, Sublimat, Präcipitat, Jodkali, Tinct. Thnjae. Dort 
aber, wo sie als chronische Blennorrhoe schon lange am Auge 
bestand, trotzt das Uebei allen Mitteln, wenn die Schleimsecre- 
tion beträchtlich , die Anschwellung des Papillarkörpers aber nur 
gering (fast nur villöse Granulation) ist; ist aber die Anschwel- 
lung der Papillen, d. u die Granulation, beträchtlich, die krank- 
hafte Absonderung hingegen sehr gering, so ist bei noch beste- 
henden einigen entzündlichen Erscheinungen ein leicht antiphlo- 
gistisches Verfahren durch Goulard'sches Wasser und Eccopro- 
tica einzuleiten, und hinterher, nach Beseitigung dieser Sympto- 
me bei schwammiger, weicher Beschaffenheit der Granulationen 
von der Anwendung adstringirender Mittel oft viel zu erwarten. 
Schnelle Entfernung und Zerstörung der Granulationen zeigt den 
gföfsten Nutzen, und insofern empfiehlt sich hier als schnelles 
und radikales Mittel das Ausschneiden der Granulationen durch 
Scheere oder Messer (nicht aber das Skarificiren). Aus vielfa- 
chen Gründen stehen die Aetzmittel weit nach. Aeufsere Ablei- 
tungsmittel, welcher Art sie immer seyn mOgen, helfen in der 
chronischen Blennorrhoe eben so wenig, als in der akuten. Eben 
so rechtfertigt sich der Gebrauch innerer Mittel nur in einzelnen 
Fällen, bei sonst gesunden Individuen aber nie. 

Den Schlufs bildet ein sehr genaues, bis zum Jahre 1840 
gehendes Literaturverzeichnifs, welches, so weit Ref. die Lite- 
ratur der Augenbleonorrhoe kennt, die wichtigsten Schriften über ' 
diesen Gegenstand erschöpfend angibt 



8. 

Versuch einer medicinischen Topographie und Statistik der 
Haupt- und Residenzstadt Dresden. Von Dr. Ernst 
Julius Jacob Meyer. Stolberg am Bars »od Leip- 
zig, 1840. gr. 4. XX und 350 S. (Nebst QriuidrUs 
von Dresden und 3 Tafeln mit graphischen DarsteUwiT 
gen.) (SThaJer). 

Recensirt von Prof. Dr. H. E. Richter zu Dresden. 



Schon seit mehreren Jahren hat die Dresdner Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde, welche die meisten Naturforscher und 
Aerzte dieser Stadt, namentlich unter den letzteren die meisten 
älteren und die wissenschaftlich thätigen , vereinigt, den Be- 
schlufs gefafst, eine Topographie dieses Ortes auszuarbeiten und 
dereinst, vielleicht zur Begrüfsuqg des grofsen deutschen Na- 
turforscher-Vereins, herauszugeben. Zu diesem Zwecke sind 
die einzelnen Branchen an die betreffenden Sachkundigen ver- 
dient, alle übrigen Mitglieder zur Theilnahme aufgefordert, auch 
ein nicht unbedeutender Geld -Fond gespart und die besten bis- 
her erschienenen ähnlichen Topographieen angekauft worden. Bei 
so b£wandter Sachlage. hat uns Herr Dr. Meyer, welcher vor 
beiläufig 4 Jahren aus seinem Vaterlande Preufsen hieher fiber- 
siedelte*), mit seiner Topographie wirklich überrascht, in gu- 
tem und nicht gutem Sinne. Befremden mu& es, dafo derselbe, 
bei seinen ausgezeichneten Kenntnissen und Fähigkeiten, sich 
nicht ein anderes Feld wählte, wo ihm keine solche Concurrenz 
bevorstand, und dafs er seinen Plan, ohne die Gesellschaft da- 



*) Jetzt bat sich derselbe, wie es scheint für die Dauer, nach 
Rufsland begeben. 



Meyer, Topographie von Dresden. 413 

von zu benachrichtigen (da er doch Mitglied derselben war), 
durchführte. Auch hat die Kürze seines hiesigen Aufenthalts 
nicht ohne Einflufs bleiben können , indem sie in manchen Fällen 
ihm nicht gestattete, auf den Grund der Thatsachen einzugehen; 
ihn in vielen Fällen nötbigte, sich nur auf minder werthvolle 
fremde Arbeiten oder Angaben und auf Quellen, welche für solche 
Zwecke allzu trübe sind (z. B. manche die Krankenpflege und 
Mortalität betreffende lasten) zu stützen , auch in einzelnen Punkr 
t$n ihn zu einem oberflächlichen Aburtheilen verführte. Anderer- 
seits ist es aller Achtung und Anerkennung werth, wie viel Dr. M. 
trotz dieser Umstände geleistet hat, und wenn das Werk schon 
in dieser Beziehung wieder zeigt , wie viel schneller ein einzelner 
tüchtiger Mann, der sich auf den Gegenstand concentrirt, eine 
solche wissenschaftliche Aufgabe zu lösen vermag, so mute es 
aufserdem noch besonders hervorgehoben werden» dafe der Verf. 
seinen Zweck nur durch sehr grofse Opfer an Geld und Müho, 
jedenfalls nur aus rühmlichem Ehrgeiz und nicht aus gemeiner 
Speculation dargebracht, erreichen konnte. Die Mey ersehe 
Topographie wird daher für das vaterländische Medicinalwesen 
auch immer eine dankenswerthe Gabe bleiben , selbst wenn (was 
nicht zu bezweifeln steht) jene oben erwähnte ihr an die Seite 
treten wird. Sie hat fir letztere gleichsam das Feld abgesteckt, 
und die allgemeinsten trigonometrischen Vermessungen gemacht : 
zum Nachbessern im Einzelnen hat sie noeji viel Spielraum ge- 
lassen, wie dies die Natur der Sache mit sich bringt. — Zum 
Beleg für letztere Bemerkung will Ref. , ohne gerade Alles bei 
der Leetüre dieses umfangreichen (und leider auch, für Dresdens 
Aerzte wenigstens, sehr theuren) Werkes ihm Aufgefallene mit- 
theilen zu wollen , doch einige Zusätze und Verbesserungen bei- 
fügen. 

Was die Flora betrifft, welche hauptsächlich nach der 2ten 
Auflage des Ficinus'schen Werkes (bei den Kryptogamen nach 
der ersten), jedoch nicht mit Benutzung aller bieher gehörigen 
Autoritäten verfa&t ist (z. B. scheinen die Reichen bacb'scben 
Ieonographieen und Flora excursoria und das Herbar. des ausge- 
zeichneten Bryotogen, Obermilitärapothekers Hübner alibier 

28 



414 Richter. 

nicht benotet zu seyn): so vermifst Ref. unter den autjapezetehtie- 
ten Pflanzen Glechoma hetetophyllum, Polygala oxyptera, Pote- 
rium glaucescens, Papaver intermedium, Tilia vulgaris (da nur 
T. grandi£ und parvifclia aufgeführt sind), Pisum arvense, Hydro- 
cotyle Schkuhriana u. 6. w. Ebenso fehlen efa>ige wichtige Stand- 
orte, welche Reichenbach und seine gleich unermüdlichen 
zwei Söhne entdeckt haben , z. B. von Diplotaxis tenuifolia, Aspi- 
dium lobatum u.s. w. Dafs Scorzonera humilis bei Dresden ,*stete 
den Standort ändert", ist wohl ein Irrthum; deno diese Pflanze 
hat (wie die verwandte Sc. plantaginifolia, welche vielleicht ge- 
meint ist) eine perennireode, dicke, harte Wurzel s wo sie einmal 
steht, da findet sie sich auch meistens wieder. Bei Dresden 
scheint sie überhaupt selten zu seyn ; nicht aber kann sie wech- 
seln, wie diePlantae fogaces annuae oder segetales. Betonica 
officinalis soll wohl B. hirta seyn u. s. w. ; in diesen kritischen 
Hinsichten wäre wohl Manches zu bessern. So- sind auch die bo- 
tanischen Autoritäten oft falsch geschrieben; desgleichen die Dorf- 
namen, z. B. Rochwitz statt Wachwite, Radebeil st. Radebeul u. 
Sgl. m. — Unter den Stiftern der Dresdner Kinderheilanstalt ist 
gefade Dr. Küttner, welcher die erste Idee dazu aus Wien und 
Paris mitgebracht hatte, nicht genannt worden. — Unter den 
Naturforschern fehlt der oben genannte Hübner (F. Wolfg.), der 
auch von Botanikern wohl oft mit dem gleichfalls ausgezeichneten 
Bryölogen Hüben er (J. W. P.) verwechselt wird, übrigens al- 
lerdings selten schriftstellert. Zu den lebenden ärztlichen Schrift- 
stellern Dresdens gehören, aufser den vielen, welche hier ge- 
nannt sind, auch noch die DDr. Baumgarten, Flachs, Frän- 
zel, Gerson, Kohlschütter, Klose, Schilling, Schön, 
Schwarz, wo nicht noch mehrere. Falsch geschrieben sind: 
Dr. Petzhold (nicht Petzold), Dr. Sahlfelder (nicht Sahl- 
feder) u. A. Zu den Gehurärzten sind auch wohl Dr. Herzog 
und Seydel zu rechnen, zu den Operateuren Zeis, Schön, 
Baumgarten, Fränzel u. A. — Unter den Badeanstalten 
fehlen: das Herbst'sche Dampfbad, die Wasserheilanstalten zu 
Strehla und Leubnitz ; auch hätte hier das kurm&fsige Wasser- 
trinken , das Jahr aus Jahr ein , Winter und Sommer , an dem, 



Meyer, Topographie von Dresden. 415 

» 
allerdings sehr wohlschmeckenden und kalten Goldbraunen im 

grofsen Garten von den zahlreichen Wasserfreunden getrieben 
wird, erwähnt werden können« Das Haden'sche Bad ist als 
„Amienbad* in Dresden bekannter, und wird vom Besitzer, auf den 
Grund chemischer Analysen , ein „Mineralbad" zugenannt. 

Bei vielen Gegenständen hat sich der Verf. fast zu weit in 
die allgemeine Topographie hinüberziehen lassen, und Gegenstände 
erörtert, welche fast gar nicht medicinisch sind. Doch soll das 
kein Tadel seyn ; eher mochte Ref. tadeln , dafs bei vielen dieser 
Stoffe das eigentliche medicinische Punctum saliens unberührt 
bleibt. So z. B. wo von der Musikliebhaberei und den musikali- 
schen Instituten der Dresdner die Rede ist, hätte die ungunstige 
Lage, welche die Singakademie damals hatte, und die üble Ge- 
wohnheit , sofort nach beendetem Singen aus einander zu gehen, 
berührt werden können. Die Mortalität unter den Mitgliedern die- 
ser Akademie betrug auf 90 Mitglieder , wovon etwa die Hälfte 
activ waren , jährlich 2 , 3 bis 4 Individuen , was um so beträcht- 
licher ist, als die meisten wohlhabend und für ihre Gesundheit 
zu sorgen wohlbefähigt sind. — Die Communalgarde wird in 
der wichtigsten Hinsicht , nämlich in sofern sie kräftigend auf den 
Einwohnerstamm wirkt, aber auch gar manchen Einzelnen ruinirt, 
nicht besprochen. — So fehlt auch bei den Kinderb ewahr- 
anst alten, welche unter steter Aufsicht hochgestellter Damen 
musterhaft (vielleicht für ganz Deutschland) dastehen, gerade 
deren wichtigster , schon jetzt deutlich bemerkbarer Einflufs auf 
das Gedeihen der Kinder! Selbst rückwirkend auf Ordnung, Rein- 
lichkeit Und Sittlichkeit der Eltern zeigt sich hier und da der Ein- 
flufs dieser Anstalten! — Der Steinkohlendunst, wel- 
cher Winters - und Sommerszeiten als breite Wolke auf der Stadt 
liegt (was man besonders von den Loschwitzer Hoben sieht) , ist 
nicht blofs „für die Geruchsnerven unangenehm aflicirend," son- 
dern namentlich für die Lungenschleimhäute. Auch erschrecken 
Fremde oft über die schwarzen, kohlehaltigen Sputa, welche sie 
besonders an Wintermorgen auswerfen, und die ihren Grund in 
diesen Einathmungen haben. — Wo der Verf. von den gebräuch- 
lichen Kaffeesurrogaten spricht, hätte einiger hier und in 

28* 



#W ' Eiseorovm. 

Bbsenbrandbeule. Art 2. A. malignos. Var. 1. A. mal. Sibiri- 
ens« Var. % A» maL estbooicus. Var. 3. A. maL bothnicu». 
Var, 4. A. maL bungaricas. 6. II. Traumatocace, Wuudföule. 
G. HL Noma. G. IV. Filaria, Fadepwurm. Art 1. F. medi- 
nensis. Art 2. F. Wolosez. 

Dritte Ordnung; Neuronosen oder Nervenkrankheiten der Haut. 

8te Familie; Neurooosen. 6. I. Dermatotyposis, Wecbsel- 
krankbeit der Haut. G. IL Dermatalgia. G. HL Anaesthesin 

Die IL Klasse, die Klasse der Dermapostasen , welche die 
zweite Abtheilung bildet, bat folgende Unterabteilungen: 

Erste Ordnung : Einfache Dermapostasen, Ablagerungen thie- 
riscber Stoffe in die Haut. 

9te Familie: Haematochrosen , Blutsuchten. G. I. Cyanosis. 
G. IL Pneumatelectasis, Sticksucbt. G. UI. Purpura,. Blutfleck ea- 
tcrankheit. . Art 1, P. simplex. Var. 1. P. simpl. minima. Var* 

2. P. simpl. diffusa. Var. 3. P. simpl. senilis. Art 2* P. hae- 
morrhagica. G. IV. Scorbutus. G. V. Sclerosis, Zellgewebe- 
verbärtuqg. 

JOte Familie : Melanosen, Schwarzsuchten. G. I. Melasma, 
Hautmelanose. Art 1. M. universale. Art 2. Bf. maculosum. 
Art 3. M . granulatum. 

Ute Familie: Hydropsieen. G. L Anasarca. Art 1. A. acu- 
tus. Art 2. A. chronicus. Var. A. chron. localis» Oedem. 

12te Familie; Chymoplanieeu, Secretionsraetastaseu — Erste 
Sippe : Choloplanieen, Gallenversetzungen. G. 1. Icterus. Art 1. 
I. neonatorum- . Art 2. I. ipfantilis. Art 3. I. acutus. Art 4. I. 
chronicus. Art 5. L symptomaticus. — Zweite Sippe : Uroplanieen, 
Harsversetzuugen. G. IL Uridrosis, Harnschweifs. Art 1. U. 
vulgaris. Art 2. U. crystallina. G. in. Cnesmus , Hautschabe. 
Art 1. C. vulgaris. Art 2. C. acariasis, Milben - Hautscbabe, 
sogenannte Läusesucht G. IV. Paedopblysis , Schälblasen, Art 
1. P. madeseens, uäfsende Schälblasen. Art 2. P. bullosa.. Art 

3. P. escbarotica. G. V. Pompholyx. Art 1. P. vulgaris. Var. 
1. P. vulg. conferta. Var. 2. P. vulg. pruriginosa. Var. 3. P. 
vulg. soÜtaria. Art 2. P. Epinyctis. G. VL Estbiomenus, Haut- 
frais. Art 1. E. serpens. Art 2. E. rodens. G. VIL Urelcosis, 



Meyer, Topographie von Dresden. 417 

In der armem Volksklasse häufigste Form von Wasserkopf mitten 
inne, welche Vf. wahrscheinlich unter der Rabrik Erweichun- 
gen im Auge gehabt hat: es ist eine langsam heranschleichende* 
gegen die Periode des Zahnens oder der Fontanellen - Schlieftrang 
gewöhnlich tödtlich werdende Hirnscrophel, mit oder ohne gleich- 
zeitige eiternde Tuberkeln im Gehirn, meist mit Tuberkeln de» 
Longen» Mesenterialdrüsen u. s. w. complicirt, oder mit Rhachi* 
tis incipiens, Otorrhoeen, Exanthemen u. s. w. Zufällige Form 
des tftdtlichen Ausganges ist es, ob man bei der Sectio» Hyperae- 
mie des Hirns und Schädels, geringe Entzündungsspuren , oder 
Wasser in den Ventrikeln, oder totale oder partielle Hirnerweit 
chung , oder Eiterpunkte oder Eitersäcke findet. In unsern Tod« 
teillisten fällt sie besonders . die Rubriken „an Krämpfen" und 
„am Zahnen gestorben/ — Den sogenannten „Dresdner Aus- 
wischer" von dem Tilesius spricht, habe weder ich, noch 
irgend einer der vielen befragten einheimischen Aerzte und Laien 
je gesehen. Man glaubt allhier, es sei ein mifsverstandner Sehen ! 
— • Der in Sachsen fast endemische atonische Magenkrampf 
(besonders der Kaffeetrinkerinnen) ist keinesweges , wie uns Vf. 
ohne Noth belehren will, eine Gastritis chronica: weit treffender 
und auch den therapeutischen Resultaten allein entsprechend leitet 
Ihn Claras in Leipzig von venösen Congestionen ab. Daher 
allerdings seine Verwandtschaft zum Scirrbusl — - Die Häufigkeit 
der Syphilis anlangend, geht Meyer fast zu weit; und we- 
nigstens spricht er hier mit Unrecht von dem „Dresdner," dessen 
Sittlichkeit er doch an anderen Stellen sehr lobt , ausschliefeltcb. 
Man veranschlage nur die zahllosen zuströmenden Fremden und ihr 
Glück suchenden jnngen Leute beiderlei Geschlechts, um, trotz 
der Menge syphilitischer Kranker in Dresden , die Behauptung 
glaublich zu finden., dafs der Stamm der Dresdner Bevölkerung 
in dieser Hinsicht keiner andern gröfseren Stadt nachsteht. — 
Heber die letzte, eigentlich noch jetzt fortschleichende Typhus- 
Epidemie handelt der Verf. sehr unvollkommen, und Ref. mufo 
gegen das meiste darüber Beigebrachte im Interesse der Epide- 
miologie protestiren. — Dafs Faulfieber in Dresden selten 
seyen , widerlegt sieh nicht nur schon aus dieser Epidemie , wo 



418 Richter. 

die exquisitsten , in wenig Tagen tödtenden Faulfieber vodfaaften, 
sondern auch ans der, vom Verf. nirgends erwähnten Monogra- 
phie des froheren Stadtphysikus Roh er über die damals epi- 
demischen Faulfieber« 

Soviel im Speziellen. Auswärtige Leser mufs ich bitten, ans 
den vom Verf. mitgetheilten statistischen Nachrichten nur sehr 
behutsam Folgerungen zu ziehen. Theils sind mehrere benutzte 
Quellen für strengwissenschaftliche Kritik nicht geeignet und ihrer 
Bestimmung nach auch ohne Anspruch auf solche , theils ist es 
überhaupt mifslich, aus kahlen Zahlenverzeichnissen ohne spe- 
cielle Sachkenntnifs das Geringste zu folgern. Das gilt z. B. von 
den Mittheilungen über das Armenkrankenwesen , dessen Kosten 
u. s. w. Der Nahestehende weife, worauf solche Verhältnisse 
berufen, und warum hierorts Manches anders ist, als anderwärts. 
So z. B. lesen wir berichtet« dafs die katholische Bevölkerung 
Dresdens abnimmt (S. 184) und dafs mehr Katholiken sterben als 
andere Einwohner (S. 308) : sollte man nicht auf eine heimliche 
Ausrottung verfallen? Und doch beruht es in der Hauptsache nur 
darauf, dafs viele Katholiken zum Hof- und Kirchendienst, also 
erst in reiferen Jahren , einwandern« und dafs in beiden Hinsich- 
ten neuerdings Reductionen Statt gefunden haben/ welche diesen 
Andrang vermindern. — Auch lasse sich der geneigte Leser eicht 
durch die Schilderung, welche der Verf. von dem „exclusiven 
Wesen" der Dresdner macht, abschrecken; das mufs auf indi- 
viduellen Ursachen beruhen, denn meist rahmen die Fremden 
das Gegentheit, und mit Recht; in allen geschlossenen Cirkelu, 
die ich kenne, bestimmen die Gesetze freien Zutritt für jeden an- 
standigen Fremden. Auch wird man leicht hämisch in Dresden ; 
Ref. selbst kam vor 11 Jahren fremd hieher, und erfuhr fiberall 
ein freundliches und offenes Entgegenkommen. 

Die Ausstattung des Buches ist sehr gut, bis auf einige 
Druckfehler. Der beigegebene Plan umfafst nur die Stadt selbst; 
eine Karte der Umgegend ist zum Verständnis , namentlich des 
ersten Theils dieser Topographie, nicht zu entbehren. Wir empfeh- 
len dem Leser hierzu die, zu Ficinus Flora von Dresden 
gehörige geognostische Karte, welche in Arnold 's Buch- 



Fachs, Hautkrankheiten. 8tö 

webssyphHid. Art 1. S. circuroscriptum. Art 2. 6. diftisum. 
G. X. Syphilepsiloma , venerische Käblbeit G. XI. Syphileny- 
chia, Nagelsyphilid. Art 1. 8. exiilcerans. Art 2. S. sicca?. 
€L XII. Syphilelcosis. Art 1. S. primaria. Art 2. S. secundaria. 

20ste Familie : Carcinosen. G. I. Scirrhoma. Art 1. Sc. vul- 
gare. Var. 1. Sc. caminianorum. Art 2. Sc. tuberosum. Var. 1. 
Sc. eburneum. G. II. Encephaloma, Markschwamm. Art 1. E. 
vulgare. Art 2. E. melanodes. G. llf. Splenoma, Blutschwamm. 
G. IV. Carcinelcosis , Krebsgeschwür. Art I. C. simplex. Art 
2. C. fungosa. 

Die dritte Klasse oder dritte Abtheilung enthält folgende 
Hautkrankheiten: 

21ste Familie; Rheumatosen. G. II. Miliaria,. Art 1. M. pe- 
etoralis, Art 2. M. abdominalis. G. IL Rheumatokelis , Fiufsfle- 
cken. G. III. Plantaria* Dandyfieber. 

22ste Familie : Catarrhosen, G. I. Morbilli. 

23ste Familie: Erysipelatosen. — Erste Sippe: Flache Haut- 
rosen. 1. Erystpelas. Art 1. E. vulgare. Var. 1. E. extremita- 
tam. Var. 2. E. mammarum. Var. 3. E. muliebrium. Var. 4. 
E. virilium. Var. 5. E. variegatum. Var. 6. E. oedematodes. 
Var. 7. E. buiiosum. Var. 8. E. synochale. Var. 9. E. nervo- 
sum. Var. 10. E-. septicum. Var. 11. E. odontalgicum. Var. 
12. E. otalgicum. Var. 13. E. anginosum. Var. 14. E. trauma- 
ticum« Art 2. E. neonatorum. Art 3. E. senile. G. IL Ery- 
thema. Art 1. E. circumscriptum. Var. 1. E. annulare. Var. 2. 
E. urticans. Art 2. E. diffusum. G. EU. Scarlatina. G. IV. Ru- 
beolae* — Zweite Sippe: erhabenfe Hautrosen. G. V. Urticaria. 
Art 1. U. vulgaris. Var. I. U. vulg. epbemera. Var. 2. U. vulg. 
acuta. Var. 3. U. vulg. chronica. Art 2. U. tuberosa. Art 3. 
U. vesiculosa. G. VL Pblyctaenosis , Feuerbläschen. Art 1. 
Ph. labialis. Art 2. Ph. sparsa. G. VII. Zoster. G. VIII. 
Pemphigus. — Dritte Sippe: Blatterformen. G. IX. Varicella. 
G. X. Variola. G. XL Variolois. G. XII. Vaccina. 

24ste Familie : Typhosen. G. I. Porphyrotyphus , Petechial- 
typhus. G. IL Anthracotyphus, Pest. Ochrotyphus, Gelbfieber. 



430 Siebert 

Brucfclehre entsprechend and auf eine grandlose Weise fibetMe- 
tend, darf nnd kann kein Arzt und Wundarzt entbehrende* iet 
dadurch jede Monographie der Hernien ersetzt» und in manchen 
Theilen reformirt 

Die Gründlichkeit und Umsicht bei Plan und Ausführung die- 
ses Werkes sind unübertroffen, und kein Theil des Ganzen avf 
Kosten des andern vernachlässigt; während man sich versucht 
glaubt, dem anatomischen den Preis zuerkennen zu müssen, so 
wiederholt sich dasselbe im nämlichen Grade bei dem physiolo- 
gischen, pathologischen oder therapeutischen. Das Alte ist in 
dem Buche auf eine Weise dargestellt, wie man es selten oder 
niemals hörte ; die Veranschaulichung der schwierigsten anatomi- 
schen Aufgaben, z. B. Entwicklung und Herabsteigen des Ho- 
dens (trefflich unterstützt durch Taf. IV), Beschreibung des Bauch- 
rings, des Bauchfells, des Verlaufs der Arteria bypogastrica, ist 
so ungemein erleichtert, die Phantasie fesselnd und fixirend, dafs 
sie dem Gedächtnifs eingeprägt bleiben mufs. Des Neuen aber 
giebt es viel, und das ist alles wesentlich und von nun an unent- 
behrlich. Ueberdies beleuchtete und bewies der Hr. VfL die Ent- 
behrlichkeit mancher Neuigkeiten und Kunststücke, z. B. durch 
seine Kritik der Radikalkur, dafs wir uns zur Bereicherung ao 
guter Waare und Erleichterung Von unnothigem Ballast gtfafoli- 
ren dürfen. 

Zu den neuen und wichtigsten Dingen, welche wir in dem 
Buche finden , rechne ich unter vielem Andern : 

1) Eine gründliche Definition , wodurch die Hernien als be- 
sondere Krankheits r Ordnung festgestellt, und von jeder andern 
klar und deutlich unterschieden werden. Die im I. Kap. gegebene 
Definition gründet sich auf die charakteristischen Meikmale dieser 
Krankheitsform , und wer sie aufmerksam betrachtet und gründ- 
lich prüft, der wird keinen Augenblick mehr zweifeln, dafs die 
Hirnbrüche nicht unter die Hemmungsbildangen , und die Brust- 
brüche nicht unter die Spalten und Wunden gezählt werden dürfen« 

2) - Eine genaue und deutliche Angabe der charakteristischen 
Merkmale der verschiedenen Gattungen, Arten und Unterarten 
der Hernien , wodurch wir sie nicht nur unter einander , sondern 



Hegselbach, Herniol ogie. 421 

auch von andern, ähnliehen KrankheltsAmnen möglichst sicher 
unterscheiden« j • 

3) Treu nach der Natur und in natürlicher Grbfse gefertigte 
Abbildungen, durch welche die schwierige Lehre sattsam er* 
läutert, und dem Arzte recht eigentlich vor Augen geführt wird. 
Der Ver£ durfte sich darüber mit Recht in der Vorrede änfsern : 
„Selbst der beste Vortrag über die Erkenntnifs und Behandlung 
der Eingeweidebrüche ist nur hälbverständüch, wenn er nicht 
durch Abbildungen erläutert wird.' Sollen aber diese dem be- 
absichtigten Zwecke ganz entsprechen, so müssen sie nach der 
Natur und in natürlicher Gräfse gefertiget seyn, well sich nur 
aus solchen die natürliche Porm und gegenseitige Anlagerung» 
wie auch das Grftfsenverhältnifo der betreffenden Theile richtig 
erkennen und beurtbeilen läfst." 

Durch diese drei Punkte werden Lücken, die bisher schwer 
gefiitilt wurden} ausgefüllt, und überhaupt ein vollständiges Lehr- 
gebäude der Krankheitsordnung Hernia begründet. 

Die acht ersten Kapitel handeln von den Eingeweidebrüchen 
im Allgemeinen, und kein praktischer Arzt wird in denselben 
etwas vermissen, was ihm über die Ursachen und Behandlung 
näher Aufschlufs geben könnte, auch wird er in keinem beste* 
benden Hernienwerke dieses Thema so gründlich, deutlich und 
consequent abgehandelt finden« 

Das VUL Kap. enthält eine sehr werthvotte Kritik der Me- 
thoden zur RadicaUtnr (des nicht eingeklemmten Bruches) von C a- 
bziere, Kern, Dzondi, Beimas, Gerdy, Signorini, 
wonach dieselben, meist gefährlich , und entweder gar nicht, oder 
wenigstens nicht lange haltbar sind. Der Vf. bewies unter Ande- 
rem auch durch das Präparat eines äufseren Leistenbruches aus 
der anatomischen Sammlung zu Wurzburg, an welchem die in- 
nere Schicht grofseutheils verknorpelt und eine Linie dick ist, 
dafs durch zweckmäfsig gebaute und getragene Bruchbänder die 
Radkalbur bewirkt werden könne. 

In dem besonderen Theile beschrieb der Verf. auf das Ge- 
naueste uud Deutlichste die bezeichnenden Merkmale der verschie- 
denen Arten und Unterarten der Brüche, Verglich sie mit den ihnen 



Siebe.rt. 

ähnlichen Gescbwästen, und zeigte den Unterschied« b. dieser 
Beziehung mufs ich vorzüglich auf das Kap. XIV und XV. (Lei- 
stenbruch und. Schenkelbruch) aufmerksam machen , wo, neue und 
wichtige diagnostische Momente hervorgehoben Sind, »...B. die 
verschiedenen Formen den angeborenen und erworbenen äusseren 
Leistenbruches, sodann die vierlache Form des innerön Schenkel- 
bruches. 

Hesselbach's Herniotom, sein eigentümliches Nabel- 
bnicbband, das doppelt elastische Leistenbruehband, überhaupt 
seine Lehre vom Bau der Bruchbänder; sodann seine Behand- 
lung der freien« unfreien und efngeklemmten Brüche, seine .vor- 
treffliche Vorschrift zur Taxis, und seine Operationsmethode, 
nach welcher man den Ort der Einklemmung schich- 
tenweise von der Oberfläche nach der Tiefe zu 
durchschneidet, sind Bereicherungen, welche in der Con- 
currenz mit denen der Engländer und Franzosenftder deutschen 
Chirurgie Macht und Ansehen sichern. 



10. 

Medicinische Statistik der innerliehen Abtheilung des Gotha-* 
rinenhospitals tsu Stuttgart in seinem ersten Dec&mum 
1828 — 1888. Von Dr. Georg Clefs. Mit einer Li- 
thographie und sieben Tabellen. Stuttgart, Verlag von 
Ebner und Seubert. 1841. 4. Carton. VI u. 92 S- 

» 

Recensirt von Dr. C. Rösch« 



"ie Schrift zerfallt in einen allgemeinen und in einen medieini- 
schen TheiK Der erste zerfallt in drei Abschnitte, von den Er- 
krankungen , . von der Mortalität, von ..dem Einflüsse der verschie- 
denen Gewerbe auf Gesundheitszustand, und Mortalität Der. eiste 
Abschnitt bandelt 1) von der Gesammtzahl der aufgenommenen 



Clefs, Medicinische Statistik. 403 

l. 

Kranken , 2) von der Gesammtzahl der Beitragspflichtigen und 
dem Vorhalte isse '4er Erkrankten zu denselben, . 3>) von dem Alter 
dar Kranken, 4) von der Zahl der Verpflegungstage.iind durch- 
schnittlichen Bevölkerung des Krankenhauses, 5) von der Zahl 
der Kranken in den einzelnen Monaten und dem Einflüsse der 
Jahreszeiten auf den Krankenstand, In letzterer Beziehung fallt 
der cooslante hohe Krankenstand des Juni auf, und der Verfasser 
fragt, ob derselbe allein oder vornehmlich der naebtheiligen Ein- 
wirkung der ersten , hier und da nach rasch zu frostiger Witte- 
rung überspringenden Hitze und den dadurch leicht herbeigeführ- 
ten Erkältungen zuzuschreiben seyn möchte? — Der zweite Ab- 
schnitt: von der Mortalität p bandelt- 6) von der Zahl der Gestor 
benen und dem Sterblichkeitsverhältnisse, 7) von der Verglei- 
chung der Mortalität des Catharinenhospitala mit der anderer Spi- 
täler, 8) von der Verschiedenheit der Mortalität bei beiden Ge* 
schlechtem, 9) Von. der Zahl der Gestorbenen in den einzelnen 
Monaten,) und dem Einflüsse der Jahreszeiten auf die Sterblichkeit 
Hiebei fälltauf: a)die sehr geringe Mortalität, nämlich 1:29, 46, 
das günstigste Verhältnifs unter allen vom Verfasser verglichenen 
Hospitälern. ' Nur das (kleinere) Paulineohospital zu fleübroon 
unter der Dfrection des Dr. Sicherer bat (in den 5 Jahren sei- 
nes Bestehens , 1835 — 1839) ein Verhältnifs , wie 1 : 66 , 6, 
und das Militärhospital zu Stuttgart wie 1 : 68. Diese 3 Hospitä- 
ler haben viele Krätzige, das Militärhospital zu Stuttgart hat auch 
chirurgische und' syphilitische Kranke, alle haben vorzugsweise, 
das Militäthospital durchaus» Kranke im kräftigsten Alter, im C$- 
tharinenhospiCale werden unheilbare' Kranke nach £ Jahr, im Pau.- 
linenhöspKale schon nach 8 Wochen entlassen. Uebrigens verei- 
nigen sich für das Catharinenhospital , von "dem allein hier die 
Rede' ist, noch manche andere günstige Umstände, welche die 
Sterblichkeit mindern, unter welchen der Verf. gewifs mit allem 
Rechte- zuletzt auch die Art. und Weise der ärztlichen Behandlung 
(durch den ärztlichen Vorstand des Hospitals, den Vater des Ver- 
fassers) nannte. „Ein rationell - empirisches Verfahren , gleich 
weit entfernt von der einseitigen exclusiven Richtung vorgefafster 
Meinungen und Systeme , wie von einem eklektischen , leider so 



4*4 Rdsch. 

oft Ins Gewissenlose ausartenden Experimentiren , vor Allem aber 
4er Grundsatz der größtmöglichsten Einfachheit in der Behnnd- 
long Beben consequenter Verfolgung der eiiimal erkannte» Indica- 
Uon bilden die Grundlage dee ärztlichen Handelns im Catb^Hospi- 
tale." b) Es fallt ferner auf das viel g«nstigere Verhtitnife der 
Sterblichkeit des weibliehen Geschlechts, ~ 1:37, su demjeni- 
gen des männlichen Geschlechts» ZI 1:24. Der Grund seheint 
in den eigentbümlichen Verhältnissen derjenigen Klassen > welche 
das Contingent des Bospitales liefern» zu liegen. Mägde dienen 
in der Regel nicht, wenn sie nicht gesund sind , während unter 
den Handwerksburschen gar manche Siechen sich befinden u. s.w. 
— Der dritte Abschnitt» von demsfanflusse der verschiedenen 
Gewerbe auf Gesundheit und Mortalität» ist besonders interessant 
durch die von dem Verf. angestellte Vergleichung seiner Resultate 
mit denen von Fuchs (InHecker's neuen wissenschaftlichen 
Annalen, 1835. 2. Bd. 4.H.), mit welchen sie jn den meisten 
Punkten übereinstimmen. Der Verf. betrachtete 10) die Morbilli 
tat und Mortalität der verschiedenen Gewerbe im Allgemeinen, 
11) die Differenz der Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse 
der Gewerbe nach den verschiedenenen darauf einwirkenden Ein« 
flössen, 12) die einzelnen Gewerbe nach dem Stande ihrer Salubri* 
tat. Deber die einzelnen Krankheitsformen , die in den verscfcJe» 
denen Gewerben verherrschen» und über die vorherrschenden To» 
desarten bei jedem einzelnen Gewerbe finden sich einzelne Be- 
merkungen im zweiten Theile der Schrift. Fuchs in seiner schö- 
nen Arbeit habe die Lösung dieser beiden wichtigen Fragen aus 
deinem reichen Material (den Tabellen des Instituts für kranke Ge- 
sellen zu Würzburg von 1786 — 1834) versprochen , sei sie aber 
bis jetzt schuldig geblieben. 

Der zweite, raedicinische Theil zerfällt in zwei Abschnitte» 
von denen der erste in 3 Kapiteln (13. 14. 15.) voji der Krank» 
heitsconstitution , der zweite von der Statistik der einsehen 
Krankheiten handelt. Die gastrische Constitution zeigt sich als 
die stationäre in dem Jahrzebend in Stuttgart, wie allerwärts, 
und diese Constitution scheint dieser Stadt überdies endemisch 
anzugehören. Dem gastrischen gesellt sich vom Jahr 1831 der 



Ciefs, Medicinische Statistik. 426 

nervuse Charakter bei , der im Jahr 1833 tiad 1834 dem erysi- 
pelatiteen weichend , vom Jahr 1835 bis jetzt sich' erhalten hat 
Zwischen hinein kam die rheumatische und katarrhalische Con- 
stitution ; die entzündliche kommt nur vorübergehend während 
der grftfsten Winterkälte an die Tagesordnung. Von Epidemieen 
herrschte in diesem Jahrzehend die Influenza dreimal , Jnli and 
August 1831, Hai — Juli 1833, März und April 1837, jedes- 
mal häufig mit Entzündung (Lungenentzündung) complicirt. (Die- 
selben Epidemieen herrschten um dieselbe Zeit auch in Schwen 
ningen und in ganz WÜrtemberg.) Eine sehr bedeutende Epidemie 
bildete im Sommer 1835 das gastrisch -nervöse oder Schleim- 
fieber (in der nervösen Form n Abdominaltypbus). Im Verlauf 
dieses Deeenuiuins erschien in Stuttgart nur diese einzige Epi- 
demie (das gastrisch «nervöse* Vieber war von 1831 an in ganz 
Würtemberg häufig, und maoMe an vielen Orten wiederholte Epi- 
demieen. So beobachtete ich in meinem Bezirk eine kleine Epi- 
deririe im Jahr 1833 in Thüringen , eine ausgebreitete im Herbst 
1834 (ohne Diarrhoe) in Weigbeim, ziemlich ausgebreitete im 
Jahr 1838 und jetzt wieder (18ff) in Schwenningen. Aufser- 
dem kamen zwischen hinein einzeln und subepidemisch in allen 
Orten und zu jederzeit Fälle vor). Im Sommer 1834 Brechruhr, 
hierauf Ruhr (in meinem Bezirke wenig verbreitet). Eine zweite 
schwächere Ruhrepidemie herrschte im Sommer und Herbst 1836. 
(In meinem Bezirk kam die Ruhr 4 Jahre nach einander sub- 
epidemisch vor, 1834 — 1837, und in dem zuletzt genannten 
Jahr' noch am verbreiterten.) Scharlach trat nur einmal epide- 
misch auf, October 1830 (in Schwenningen im Sommer 18SQ, 
in einem anderen Orte meines Bezirks im Frühjahr 1834). Ma- 
sernepidemieen herrschten zweimal, im Frühjahr 1833 und im 
{äplrjahr 1837. (So auch in meinem Bezirk; hingegen herrach- 
ten die Masern wieder in Schwenningen im Herbste 1839.) hm 
ersten Semester des Jahrs 1838 herrschten in Stuttgart und na- 
mentlich im Cath. - Hospital die Pocken (Varioloiden) , zum er- 
sten Male seit Einführung der Kuhpockenimpfung. 

Der zweite Abschnitt des zweiten Tbeils handelt von der 
Statistik der einzelnen Krankheiten (Kap. 16—28). Das ltite 



426 Rösch. 

Kapitel handelt von den acuten und chronischen Krankheiten. I>as 
l7te Kap. betrachtet die Fieber (Gallen-, gastrisches, Schleim- 
und Nervenlieber). Das Sterblicbkeitsverhältnifs — 1:16," 5 ; 
beim Typhus allein = 1:3, 90. Die Erkrankungen sind beim 
weiblichen Geschlecht bedeutend häufiger als beim männlichen, 
dagegen ist bei dem ersteren der Cebergang in Typhus verhält- 
nifsmäfsig seltener, als beim letzteren. Die absolute Mortalität 
am Fieber ist bei den Weibern zwar grofser, die relative aber 
geringer als bei den Männern. 18tes Kapitel. Halsentzündungen. 
19tes Kap. Katarrhfieber und Brustentzündungen. Bei Bronchitis 
Überwiegen die Weiber, bei Pneumonie bedeuten'd die Männer, 
bei Pleuritis stehen sich die beiden Geschlechter gleich. ; Sterb- 
lichkeit bei Pneumonie rr 1 : 17, 94 , sehr günstig im Vergleich 
namentlich mit den Resultaten in den Pariser Hospitälern (C h o m e I 
und Louis). 20stes Kap. Bauehentzündungen. Peritonitis und 
Enteritis. In beiden überwiegt das weibliehe Geschlecht, £ der 
von Peritonitis Befallenen gehören dem weiblichen Geschlecht an. 
Slstes Kap. Cholera und. Ruhr. 22stes Kap. Rheumatismen. 
Viele Erkrankungen zu allen Jahreszeiten,- 23stes Kap. Rothlaal 
Das weibliche Geschlecht schlägt bedeutend vor. Unter mehr als 
dritthalbhundert Fällen von Gesichtsrose kein Todter. Antiphlo- 
gistisch - purgirende Methode. 24stes Kap. Pocken. In neuester 
Zeit ist ein abgesondertes Pockenhaus in der Nähe des Hospitals 
als Filial des letzteren errichtet worden. 25stes Kap. - Wechsel- 
fieber. Selten, doch in neuerer Zeit etwas häufiger. 26stes Kap. 
Bleichsucht. Eine der verbreiteteten Krankheiten unter dem weib- 
liehen Geschlechte in Stuttgart, alljährlich häufiger vorkommend, 
namentlich seit 1834; im Sommer am häufigsten. 27stes Kap. 
Lungenschwindsucht. Die an drohender und ausgebildeter Lun- 
genschwindsucht Leidenden bilden 3,16 Proc. von der G4sämmt- 
«umme der Kranken, von der Gesammtzahl der Gestorbenen 26,28 
Procent. In der Stadt Stuttgart erliegt nach den vom Verf. aus 
den Kirchenregistern gezogenen (freilich nicht vollkommen verläfs- 
lichen) Zahlen £ der erwachsenen Bevölkerung dieser Krankheit, 
und es gehurt dieses Verhältnifs nach den vom Verf. angestellten 
Vergleichungen noch zu den günstigeren.. Das männliche Ge- 



Clefs, Medicinische Statistik. 421 

schlecht überwiegt. (Louis beobachtete in den Pariser Ho- 
spitälern das Umgekehrte«) In "Beziehung auf die Gewerbe ist 
die Zahl zu klein , als dafs einigermaßen sichere Resultate dar* 
aus gezogen werden konnten, übrigens stimmen dieselben mit 
den Lombard' sehen fast durchaus überein. 28stes Kapitel. 
Krätze. Liefert sehr viele Kranke. Das männliche Geschlecht 
schlägt weit vor. Die wenigsten Kranken haben die Gerber, 
Steinhauer und Maurer, Zimmerleute, Bäcker, (Sold- und 
Silberarbeiter, Metzger, Buchdrucker, die meisten ha- 
ben die Weber, Schuster, Wagner, Schneider, Schrei- 
ner, Dreher, Flaschner, Buchbinder. Der Verfasser 
knüpft an dieses Ergebnifs interessante Bemerkungen. Sieben 
Tabellen als Grundlage und Belege «chttefsen diese gehaltvolle 
Schrift. Der junge Verfasser bat sieb durch die kenntnifsreiche, 
fleifsige und umsichtige Bearbeitung des ihm zu Gebote stehen- 
den trefflichen Materials ein nicht unbedeutendes Verdienst um 
die Wissenschaft erworben, und wir können nur wünschen, dafs 
bald Andere, die sich in ähnlicher glücklicher Lage befinden, 
dieses Verdienst mit ihm theilen möchten. 

Die typographische Ausstattung des Werkes ist vorzüglich. 



11. 



Commentatio de lithotomia Cehiana critico-chirur- 
gica, auctore Ign. Franc. Xav. Schoeman, Dr. et 
Prof. etc. Accedunt tabujae duae lapidi iqcisae. Jenae, 
prostat in libraria Bfaniana. MDCCCXLL 31 S» 4 

Recensirt von ©r. J. Itosenbaum b Halle. 



«I e lauter und zuversichtlicher in der neuern Zeit auch unter den 
Aerzten von gewissen Seiten her der Grundsatz verbreitet wird, 
das Alterthum mit seinen Reliquien sei eis längst ausgebeuteter 
Sehatz, welcher nichts mehr des reellen Gewinnes darbiete, und 
deshalb den in ihrem Buchstaben- und Silbenstudium verknöcher- 
ten Philologen zum fernem Betrieb zu überlassen sei — und selbst 
Universitätslehrer entblöden sich nicht, dergleichen ihren Schulern 
mit einem gewissen Pathos vorzudeklamiren — um so erfreulicher 
mufs es seyn, wenn Männer, wie der Verf. der anzuzeigenden 
Schrift die ihnen sich darbietende Gelegenheit benutzen, diesen 
^beuten der Gegenwart thatsächlich nachzuweisen, wie die Schrif- 
ten der Alten, noch so manches auch für unsere Zeit praktisch 
Brauchbare enthalten, was nur die kenntnifslose Oberfläch- 
lichkeit falsch gedeutet und die Ignoranz als unpraktisch ver- 
schrieen hat. Ergötzlich und betrübend zugleich ist es für den 
sich dem wirklichen Quellenstudium hingebenden Gelehrten, das 
Material zu einer Geschichte der Irrthümer, besonders in den 
Dingen, welche das Alterthum betreffen, so maafslos in den 
neuern ärztlichen Schriften sich anhäufen zu sehen, und die 
Stammbäume solcher Irrthümer werden endlich so lang, dafs man 
sich Maschinenpapier anschaffen mufs, um die vielfältigen Zweige 



Schöman, Lithotamia Celsiana. 

venBeictinea zu können. Einer schreibt <d*n 'Andern getrost ah, 
ohne das Original auch nur nach Seiten oder Kapitel zu verglei» 
eben , und so finden wir Citate in Menge, die Alles «her enthalt 
tee, als das, wozu sie angezogen sind; treffen sie aber ja zu, so, 
Ist oft ein Gebrauch von den Worten gemacht» dafs es dem Run* 
digen unbegreiflich wird, wie jemand dergleichen habe heran»« 
oder vielmehr bineinlesen können. Das nennt man dann geschieht* 
liehe Studien ! und je flüchtiger sie gemacht wurden , desto ent-r 
schiedener ist gewöhnlich dann die Ansicht der Scribenten auch 
gesprochen. 80 verhält es sich denn auch in mehrfacher Bezie- 
hung mit der Stelle des Celsus (VII. 26), welche die Beschrei- 
bung der Methode des Steinschnitts gibt, deren kritische Inter- 
pretation der Gegenstand der vorliegenden akademischen Schrift 
dfes Herrn Prof. Schon) an ist. Schon der würdige Kühn hatte 
in mehreren , in seinen Opusculis (Vol. II., nicht Vol. I., wie in» 
der Vorrede S. 4 gedruckt ist) wiederabgedruckten Programmen 
eine nicht unbeträchtliche Anzahl von IrrthCunern der bisherigen, 
besonders chirurgischen Interpreten nachgewiesen, ohne indest 
die Sache in aHen Beziehungen zu erledigen, weshalb eine noch-, 
malige Revision von einem auch in sprachlicher Hinsicht gehurig 
ausgerüsteten Mann vom Fach Noth that, wenn ein wirklicher 
Abschlufs erlangt werden sollte. Gerade in sprachlicher Hinsicht 
hatten die meisten Chirurgen gefehlt und nur deshalb weil , wie 
der Verf. sehr richtig bemerkt, in unsern Tagen nur Wenige den\ 
Celsus lesen, konnte Dupuytren's ganz irriger Behauptung 
allgemeiner Glaube geschenkt werden, dafs sein Bilateralschnitt 
ganz mit der Methode von Celsus (welche Velpeau aus Un- 
kenntnifs der Geschichte dem später lebenden Antyllus zu- 
schrieb) übereinstimme, während es vielmehr, wie der Vf. nach- 
weist, der Lateralschnitt ist, mit dem nicht geringe AehnBchkeit 
Statt findet. Auf der andern Seite hatte wieder die unklare An* 
sieht von der Methode des Celans diese selbst als unbrauch- 
bar bezeichnet, während sie doch richtig verstanden und in den 
Fallen angewendet, wo sie Celsus angewendet wissen will» 
wirklich noch jetzt die beste ist, nämlich für Knaben von 
9 — 14 Jahren, wenn der Catheter nicht eingebracht 

29 



480 Rosenbaum, 

und der Stein so im Blasenhalse liegt» dafs er mit 
den in den After eingebrachten Fingern leicht nach 
demPerinaeumzu hinabgedrfickt werden kann. Hier- 
für den Nachweis zu liefern, stellt der Verf. selbst als die Haupt- 
aufgabe seiner Abhandlung hin, welche in zwei Kapitel zerföllt, 
nach den zwei Schnitten, welche Celsus gemacht wissen wüJL 
Das erste Kapitel handelt von dem äufsern oder Haut-Schnitt; 
und der Verf. bemüht sich, darin die Worte des Celsus; plag* 
hmata juxta anum cvmUms ad coxat spectantibus paullum in- 
cidi debet cutU, so zu erklären, dafs der Einschnitt seit- 
lich und links vom After Statt finden soll, während 
seit Bromfield alle Interpreten, auch Dupuytren, der An- 
sicht waren, er solle oberhalb des Afters durch die Rhaphe 
(der V£ schreibt Raphe) geführt werden, welches Letztere ab* 
gewifs unrichtig ist, da die Alten Wunden der Rhaphe fiir ge- 
fährlich hielten; Aufserdem sagt auch Paul v. Aegina (VL 
60) ausdrücklich: f»na£v pht ttjg SSqoq xai täv itdvpmv % pq 
natu piaov dh tov ntQLvaiov, $U' i&fouttQu n^ig ra 
A$iaxtQix> itvyaly kot;rjv trjv öWortw, d.h. es solle geführt 
werden „zwischen dem AAer und den Hoden, nicht auf der 
Mitte des Perinaeams, sondern seitlich nach der lin- 
ken Hinterbacke zu ein schiefer Schnitt" Der Ver£ 
hätte. diese Stelle mehr berücksichtigen und sich nicht blas im 
Allgemeinen auf sie berufen sollen, denn sie enthalt mit einlachen 
Worten den Sinn der allerdings etwas dunklen Darstellung des 
Celsus; namentlich erklärt sie auch den etwas unbestimmt von 
Celsus gebrauchten Ausdruck coaas, welchen der Verf. nach 
Turcks Vorgange näher zu bestimmen sucht und sich ganz rich- 
tig für die Bedeutung von nates hier entscheidet, die es aber in 
der von ihm angefahrten andern Stelle (VIU. 10) nicht haben kann, 
da die Schienen beim Bruch des Femur dann an die hintere 
Flache des Oberschenkels zu liegen gekommen wären. Eigent- 
lich verstanden die Römer unter cqxa die ganze äu&ere Fliehe 
des Hüftbeins mit seinen Bedeckungen und dann (jedoch meistens 
mit dem Zusatz os) das Hüftbein selbst und zwar mit. dem Os 
Yschii, welches Celsus so wenig als die Griechen, die beide 



SchSman, Lithotomia Celsiana. 431 

Knochen hfjta nannten, davon treust, was am tasten aas einer 
Stelle der Isagoge Galen s (ed. Kühn Vol. XIV. p. 707) hervor- 
geht: 8taii%8vm ovv r\ 'octywg, %ng l&vg üvofuxatM, m& 8 |iw- 
vviAB&a • lyyu di «vwj $1$ ro isQov otnyvv'TutQ bt&stqa il xovtop 
rd lc%ta iovi, lq> olg ot yXovtol* x. t. X., wodurch zugleich auch die 
Stelle des Celsus VII. 1., welche der Verf. gleichfalls und zwar 
zunächst anführt , als sei das ganze Becken (?) darunter verstau* 
den , ihre Erklärung erhält. Bei der Lagerung zum Steinschnitt 
kommt der Kranke nur auf den äufsern und untern Rand der Not et 
oder coxae zu liegen , d. h. da, wo die Trocbanteren des Sahen* 
kels liegen , denn diese Partie gehurte auch noch mit zur coxa. 
Uebrigens sind die anatomischen Ausdrücke bei den Römern über» 
haupt nicht so distinkt gebraucht, um allzu viel Werth auf die 
Unterschiede legen zu können, und auch Aristoteles ge- 
brauchte (de partib. anim. IV. 10) k%la für Notes, die er den 
Affen abspricht und för den Mensches als Cbarakteristicum auf- 
stellt. Da nun die plaga hmata, d. h. der halbmondförmige 
Schnitt, HOrner haben soll, die nach den Notes zu gerichtet sind, 
so ist es klar, dafs Celsus damit nicht die innere (trich- 
terartige), sondern die äufsere Form desselben bezeichnet hat, 
wenn schon Paul von Aegi na, welcher nur einen Schnitt ge- 
macht wissen will, diesen trichterförmig zu bilden räth* 
indem er sagt: acte vqv tojwJv i$a»#cv BVQnj%aqtav ?X«*v, 
Svdo&sv &h f*i) icliov i? wtfw tov Xldw dvvrftrivai dl avxr t g 
bmtaeiv. Sollen die Hörner nun nach den Notes zugerichtet seyn, 
so müssen sie nach unten ihre Richtung haben und die Concavi« 
tat (resima plaga) gleichfalls , wie der Verf. dies auch in des 
Abhandlpitg wie auf der Abbildung sehr gut darstellt. Den da- 
für angefahrten Gründen hätte er hier noch den beifügen sollen, 
dafe der zweite Schnitt nach der richtigen Erklärung d>s Verls, 
vom Blasenhalse nach der Urethra hingeführt wer- 
den soll, also von oben nach unten, was unmöglich wäre, wenn 
die Hörner und die Concavität des äufsern Schnittes nach oben 
und aufsen gerichtet wären. Von jenem zweiten Schnitt 
handelt der Verf. nun im zweiten Kapitel und zeigt evident, 
dafe Celsus ihn von der Mitte der Concavität der halbmondför- 

29* 



s 

£82 Rogeibaum. 

jsigen Hautwunde ausgehend , so dafs die innere Wunde mit die- 
ser »sammen einen Schnitt bildet» gemacht wissen will« Denn 
die tra ns ver s a plaga geht nur auf das VerhSltniJs aar Hautwunde, 
auf das coüsan tesicae kann das transversa, wenn es auch die 
französischen Chirurgen so verstanden haben, weder den Worten 
des Celans, noch der Sache nach bezogen werden. Der Schnitt 
begann an der Stelle, wo der Blasenhals beginnt, da man Wunden 
der Blase selbst für gefährlich hielt, wie der Verf. aus Stellen 
den C e 1 s u s und anderer alten Aerate nachgewiesen hat , denen 
wir noch eine Stelle des Galen im Coinmentar au Hippocra- 
tes Aphorismen (Vol. XVIII. P. L p. 29) hinzufügen können, wo 
er sagt, dafe die Blasenwunden unvereinigt bleiben, weil die Blase 
nervig, dünn und blutlos sei; den Blasenhals dagegen sehen wir 
täglich bei denSteJnschnitten verheilen, da er fleischig ist*). Der- 
selbe (XIV. p. 7&7) beschreibt auch kurz die Operation, die nach 
Ihm mit einem Schnitt vollführt werden soll: „Die einen «Stein 
In der Blase Habenden operiren wir, indem wir den Stein in den 
Blasenhals einkeilen, darauf, den Stein als Unterlage gebrauchend, 
trennen wir mit einem Schnitt (a u f e i n m a 1) die darüber liegenden 
K&rpertheile und entfernen den Stein mit dem Litholabon. JHe 
Fisteln aber, so grofs sie auch immer seyn.mugen, schalen wir 
fort, indem wir die Caliosität, wenn sie sehr greis ist, rings her» 
um wegschneiden**)." Aus dem im Texte angeführten fvatoovg 
sehen wir zugleich, dafs bei. Geis us. ganz gut: fistulös, quam 
itto loco fvaöa Graeci vocant gelesen werden kann, wenn man 
nicht $vet8tmv schreiben will , wozu Tta&og zu suppUren ist, wie 
ans einer Stelle des Aretaeui ckron. effect. sympt. £6, //. c. 4* 
ed.Kühnp.\&\ hervorgeht, wo wir lesen: Qoiaöog ylyyszaloi 
na&og, was offenbar aber au ändern ist in $vadixog y/y. oiw- 



*) Kai roy tqccx^Xov ccvtrjg (nvatscog) OQmfiBv oßrjfiigai degccnsvc- 
pl*o* hß zciit U&OToploug , hteidy aaQxmdije ictl. 



Schöman, Lithotonita Celsiana. 40 

*fc>$ - <ef ist bekanntlich der D«tiv von o£.) Dario stimmt Ce I aus 
mit den Griechen überein, dafis der Bläseakfoper nickt rnngosetmit* 
tuen Werden soH , wfcil die Wände gefährlich, «nd wie Aretaeus 
sagt , lek&t ürinfistef «nteteht ; er vM aber auch die Urethra ew- 
Schneiden, was Galen nur in der dringendsten fioth räth (VuL 
XIX. p. 689), da dadurch meistens eine Urinfistel entstehe: di* 

Y&q vowUhmv %& xo ovqov tavtfjg >vfmmvinfov<stv* fir erzählt 
Aert zugleich , dafs er selbst einen in die Harnröhre gerathenen* 
Steift durch Einschnitt von oben entfernt haben Würde, tfetwes 
ihm nicht gelungen, ihn mit einer dünnen Zange aaszuziehee. 
(Die erste Hfilfte der Schrift de renmt afiectibns möchte wenig- 
stens von Galen seyn, die grufsere letzte ist sicher vom eirie«a 
christlichen Sklaven, welcher fcaiseHicher Leibarzt war.) — öerl 
Sklmitt wvrde mm nach £ eis es vom Blaseshalse aadr der Ute- 
4bra hin geführt, worin diese Metiwde sieh alieb vondem^etmV 
gen LatemJschnitt unterscheidet , da bei ihr der Schnitt von der 
Urethra ans «ach dem Btaeenhalse im begonnen wird; ^lena-amA 
bei Cef ses Methede wM die Biese der Lauge nach $e$& 
eet, nicht etwa quer, «de nach Bromfiel d die Ihmvüsistehea 
Chirurgen «us MHtoerstimdnife der trummmm pfaya angegeben 
haben. Alle übrigen Vorwürfe, welche 4er Methode res €ek 
bus gemacht wurden, hafcirtn «ich darauf, «bis asm eefeer'Augif 
liefe, dftfe C&tsiis die Operation nur an 9— It jähri- 
gen Knaben gemacht wissen will, wie denn «He Amen 
Überhaupt fast nur bei Knaben den Bmsensteinschnitt zu machen 
fär gerathen erachteten , weil bei ihnen sich der Stein am häufig- 
sten in der Blase bilde, bei Greisen (Aretaeus chron. affect. 
sympt. II. c. 3. p. 138), ja überhaupt bei Erwachsenen in den 
Nieren. (Galen. XIX p. 650: ra filv ovv naidia rovgiv warst 
ytwüSvta Xt&oig yulvttai . rovg d* iv xolq vetpQOig ot «xpa^oirsg.) 
Damit stimmt Paul von Aegina überein, welcher (VI. 60) ge- 
radezu schreibt: Pcrro inter eos quibus calculus excinditur, pueri 
quidem usque ad quatuordecim annos propter cor- 
porum mollitudinem, facile cuvationem accipiunt 
etc. Eben so Aetius und Avicenna, und deshalb sagt Ga- 



4M 



Rosenbaum. 



leo (XIX* p. 658) auch ganz kurzweg: flftfpsfe itadtipa v^g 
%vcnm$ if iriMoftg *aidf »ov. 

Der Verf. hat demnach durch seine nach des Ref. Ansicht 
durchaus richtige Interpretation bis zur Evidenz dargetfian , dafb 
die von Celans beschriebene, Methode, welche grpfeenfbeils 
mit dem Lateralschnitt übereinkommt, bei Knaben von 9 — 12 Jah- 
ren noch Jetzt branchbar und selbst nothwendig ist, anter folgen- 
den am SchlnJb angegebenen Verhältnissen : 1) wenn die Urethra 
so enge, oder der Stein so vor dem Orificium urethrae internem 
gelagert ist, dafs mau keinen Catheter einbringen kann, 1) wenn 
die Einbringung des letzteren Schmerzen oder Krämpfe hervorruft, 
3) wenn der Stein so im Blasenhalse liegt, dab er vom After ans 
leicht mit den Fingern in das Perinaeum hinabgedrtfekt werden, 
kann. Die beiden Steindrucktafeln versinnlicheb die beiden 
Schnitte auf eine sehr instructive Weise, und so wird gewib kei- 
ner der Leser die kleine Schrift unbefriedigt aus der Hand legen. 
Was wir selbst beibrachten, ist durchweg fast nur von der Art, 
dab es das vom Verf. bereits Angedeutete vervollständigt, und 
mag demselben zugleich als geringer Beweis der" Achtung und des 
Ernstes gelten, womit wir an die Leetüre der Schrift gegangen 
sind, welche unbezweifelt einen der schätzbarsten Beiträge zur 
Geschichte der Operationen abgibt Möchten wir noch öfter Ge- 
legenheit haben, dem Verf. auf einem ähnlichen Wege zu begeg- 
nen, des Dankes der Besseren kann er gewüs seyn. : Den Lesern 
aber rufen wir mit dem Verfasser zo : 

Legite Celsum! 



I '♦ 



•12. 

Gro/se Zusammenstellung über die Kräfte der, bekannten . et/i- 
fachen Heil- und Nahrtmgsmittel von Abu Mohammed 
Abdallah Ben Ahmed aus Malaga, bekannt unter dem Na- 
men Ebn Beithär. Aus dem Arabischen übersetzt von. 
Dr. Joseph von Sont heimer ^ k. wurttembergischeox 
Generalstabsarzt, Ritter des Ordens der wurt Krone und 
mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitglied. 1» Bd. Statt- 
gart, 1840. Hallberger'sche Verlagshaudlung. 8. XVI 
u. 592 S. nebst 1 S. Druckfehler. (Preis; 14 Thlr.) 

Recensirt von Dr. Ii« Choulant zu Dresden. 



JLFas grobe pharmakologische Werk, des Ebn Beith&r, von wel- 
chem bisher nur sehr wenig. durch« den Druck veröffentlicht wer« 
de» konnte (s. m. Bücherkunde fSr die ältere Medicin , 2. Aufl. 
S. 383) , hat in dem vorliegenden Bande den Anfang einer deut- 
schen Bearbeitung. erhalten, welche fü> die Geschichte der Me- 
dicin höchst danigenswerth genannt werden, mufs. Benutzt wurden 
dazu zwei Handschriften der Hamburger Stadtbibliothek» von wel- 
chen die, eine .freilich nur ein von M a 1 a j e s a gefertigter Auszug 
ist» und zur Erläuterung diente, besonders Spreng el's Commentar 
zu Dioskorides, Forskael und Prqsper Alpin.us. Die 
Vorstflcke enthalten Sn arabischer Sprache und deutscher Ueberse- 
tzung das Leben des Ebn Beithär von Abu Oseibiah und vonAbul* 
feda, so wie die Einleitung Ebn Beithäx's zu seinem Werke, letztere 
jedeeh etwas abweichend von dem Texte bei Casir i (bibL Es- 
curfal. L 278J, dereine andere Handschrift benutzte. Hierauf folgt 
das Werk selbst, eine Aufzählung der Heil- und Nahrungsmittel, 
geordnet nach den Buchstaben des arabischen Alphabetes (dieser 
1. Band geht bis zum Buchstaben Za einschliefslich , dem elften t 



486 Choulant. 

unter den 28 arabischen Buchstaben) ; bei jedem Artikel beginnt 
die deutsche Aussprache des arabischen Namens, hierauf der 
Name selbst in arabischen Typen, häufig auch die bekannte 
lateinische oder griechische Benennung, der Text selbst ist blos 
in deutscher Sprache gegeben. Angehängt sind S. 557 r Maafae 
und Gewichte der Araber nach den Dispensatorien des Antari 
und Ebu Serapion, die Benennung derselben in arabischen Typen 
mit der deutschen Aussprache; S. 554 fg. stehen An me r kun gen 
des Uebersetzers und S. 586 %• ein lateinisches Register zu die- 
sem ersten Bande. Dem Ende des Werkes sollen noch die Le- 
bensbeschreibungen der arabischen, in dem Werke selbst citirten 
Aerzte beigegeben werden, wobei zu .wünschen ist, dafe statt Her* 
belot (Vorrede 8. IV) die Quelle desselben, der jetzt zugän- 
gige Hadschi Chalfa nebst dem ebenfalls jetzt mehr zugängigen 
Ibn Chalfikän und Abu Oseibiah benutzt werden mögen. ' Der 
Druck ist sehr schön und ziemlich correct, selbst in den arabi- 
schen Worten, auch das Papier sehr vorzüglich, der Preis, wahr- 
scheinlich mit Rücksicht auf den geringeren Absatz, denn doch 
efw&s hoch, wobei' aber die von dem Uebersetzer und dem Ver- 
leger dabei gebrachten Opfer dankbar anzuerkennen sind. Den 
arabischen Text selbst beizugeben, hat der Uebersetzer, um de» 
Preis des Buches nicht noch mehr zu erhöhen , unterlassen ; ein 
Auskunftsmittel ist das von Wüstenfeld u. A. bereits ange- 
wendete, die arabischen Texte eigenhändig zu fithographiron, 
wodurch sie wohlfeiler sich vervielfältigen lassen , als durdh den 
Typendruck. Den Schlafs des ganze* Werkes soll ei* arabtech- 
fefeinfcehes Register der Arzneimittel machen , wie S. II 4er Vor- 
stücke versprochen wird« 

Da somit dem Ref. die Gelegenheit abgeht, Ober die Itidrtig» 
feeft der Üebersetzung irgend ein ürtheM zu ftllen, uratii efcb 
derselbe mit dieser allgemeinen Anzeige und ffindeutung auf das 
wichtige Werk begnügen, bis die Vollendung desselten duteh 
den noch fehlenden Theil eine vollständigere Beurtheühmg mög- 
lich machen wird. 



13. 

Hippooratis Über de oictua ratione in morbis acutis. EdidU 
F. Z. Ermerins, Med. Dock Accedunt eju»dem ob- 
servaüones • criticae in Soranum Ephesium de arte obste- 
tricia morbißque mulierum. Lugd. Batav», apud S. et J« 
LuchUnans, academiae typographos* M DCCCXLL gr. 9, 
XXX u. 391 S. 

Recensirt von Dr. Ii« Choulant zu Dresden. 



.Bereits im 1. Bande des Archiv» (S. 550 fg«) bat Ref* die da* 
mals neueste Schrift des für die Medicio des Alterthumes uner- 
mfldet tbätigen Herausgebers angezeigt, nämlich dessen Anecdet* 
medica graeca, weiche die spätere Gräcität betrafen. Die ge- 
genwärtige Bearbeitung hat eins der ältesten Denkmale ärztlicher 
Wissenschaft zu» Gegenstände, nämlich das Hippokratische Buch 
über die Diät in acuten Krankheiten, iceqi Sudtip 
d|foif , welches der Heransgeber für das Bruchstück eines Hippo- 
krati*chen Werkes über die Behandlung acuter Krankheiten hält* 
dessen spätere Abtbeilungen zwar verfafst worden , aber verlöten 
gegangen sind. So erklärt sich auch am besteu die ausführliche, 
weit ausholende Einleitung, welche sich lehrreich über die gegen- 
seitigen Verhältnisse der Knidisehen und Koischen Lehrme- 
thode verbreitet Das Werk selbst ist, so weit es für echt gel- 
ten mufs, zugleich eins der schätzbarsten Vermächtnisse des 
griechischen Alterthumes im Fache der Medicin , den eigeothünv 
liehen Kern Hlppokratiseher Heilkunst» die milde Behandlung acu- 
ter Krankheiten enthaltend. 

Was die Arbeit des Herausgebers betrifft/ so ist dieselbe 



i 



488 Choulant. 

eine durchaus philologisch -kritische, vom grammatischen Stand* 
punkte ausgehende» wenn gleich von neuen Hülfemitteln nur der 
zu Leiden befindliche Codex Vossiamu verglichen wurde» der 
nur wenig wichtige Varianten darbot; die gedruckten Arbeiten 
sind s&mmtlich benutzt Die Vorrede verbreitet sich, gleich der 
berühmten Vorrede F r e i n d's zu seiner Ausgabe von Hipp. Epid. 
L et HL und Triller's dadurch hervorgerufene Epistola ad J. 
Freind, Ups. 1718. 4., über den Werth der wichtigsten Aus- 
gaben des Hippokrates. Hiezu bat der Herausgeber durch seine 
schon bewährte Kenntnifs der H.'schen Bücher» die er namentlich 
in der Beurtheilung der Littre' sehen Ausgabe kund gab, sich 
ein Recht erworben, und zugleich gezeigt, dafs er nicht unvor- 
bereitet an die von ihm beabsichtigte kritische Ausgabe des Hip- 
pokrates und Aretaios gehe, zwei Aerzfe, die zwar durch 
Vaterland und Zeitalter weit getrennt sind, doch durch Sinnes- 
und Geistesverwandtheit wahrhaft zusammengehören. Nächst der 
Ausgabe des Mercurialis, deren Werth in neuer Anordnung der 
einzelnen Schriften, Vergleichung der vaticanischen Handschrif- 
ten und Beifügung von Anmerkungen unbestritten bleibt, wird die 
des Foesius am ausführlichsten betrachtet, und wohl ganz mit 
Recht der für alle Zeiten unschätzbaren Oecanomia Hippecratis 
nachgesetzt Weder die Kritik des Textes, noch die Ueber- 
setzung sei sehr vorzüglich, in der der ersteren sei zu wenig kühn 
verfahren worden, und namentlich dem Galen allzu viel vertraut, 
die letztere sei der des Cornariusso sehr nicht vorzuziehen, als 
man gewöhnlich behaupte. Es lasse sieh aus dem Apparate, wel- 
chen diese Ausgabe hat, ein weit besserer Text herstellen, als 
wir jetzt besitzen. In der Linden' sehen Ausgabe wird die kri- 
tische Scharfsicht gerühmt, die oft allein das Richtige getroffen 
habe. Sehr kurz wird über die Chartier'sche, Mack'sche 
und Kühn 'sehe Ausgabe als unbedeutend in kritischer Hinsicht 
hinweggegangen, die Littre' sehe Ausgabe wegen ihres reichen 
literarischen Apparates (aus den Handschriften der Pariser Biblio- 
thek) gepriesen , wenn sie auch in kritischer Hinsicht und in Auf- 
stellung des Kanon der Hippokratischen Schriften Manches zu 
wünschen übrig lasse. 



Ermerins, Hippocrates et Soranug. 439 

Es folgt hierauf noch ein Urtheil über Hipp, de capit «»k 
ed. Vertumamts. Paris., 1578. 8., über Epid. I. et IIL ed. 
Fr ein d. Land* 1717. 4. und De aere aqu. loc. ed. Coray. 
Paris 9 an IX. 8. Der Schlufs ist, dafs wir mit der Kritik und 
dem Kanon der Hippokratischen Schriften; noch sehr weit zurück 
sind» und» durch ganz unübersteigbare Hindernisse aufgehalten» 
nur sehr langsam darin weiter vorwärts schreiten können. Der 
Arzt, denn nur ein solcher sei zu diesen Arbeiten geschickt» be- 
dürfe dazu vor Allem der Grammatik : qua lucem praeferente de* 
mum fieri posse, ut eam medicinae Graecae imaginem mentibus 
informemus, quae veram eins formam erpresse referat. 

Das Buch über die Diät in acuten Krankheiten, selbst ist kri- 
tisch im Texte berichtigt» mit. einer neuen» nicht immer leicht les- 
baren» bisweilen etwas paraphrastischen Uebersetzung versehen» 
die unter dem Texte steht; hinter beiden folgt erst (S. 95— 292) 
der reiche Apparat von Anmerkungen , welcher theils die gewähl- 
ten Lesarten verth eidigt, theils auch in die Geschichte der Medi- 
cio und in die Kritik anderer ärztlichen Schriftsteller belehrend 
übergreift. So werden gleich Anfangs bei Gelegenheit der Er« 
wähnung von den Verfassern der knidischen Sentenzen» drei sol- 
cher Sentenzen erläutert» nämlich zwei bei Galen (comm. I. in 
Hipp. epid. VI) und eine bei Rufus Ephesius (de appellat. 
pari. corp. kam. ed. Clinch p. 40). Eben so Wird bei dem spä- 
teren unechten Theile des hier bearbeiteten Hippokratischen Bu- 
ches Vieles zur Erläuterung der alten Pharmakologie und Natur- 
geschichte beigebracht 

Von S. 293 an folgen Conjecturen zu dem Buche des Sora- 
nos nsql ywaws Uov na&tov, wie es in der bis jetzt einzigen 
Dietzischen Ausgabe (Königsberg 1838. 8.) sich befindet; voll- 
ständige Angabe der von Soranos citirten Schriftsteller und Eini- 
ges über die Person des S.» wobei die von Ref. früher schon aus- 
gesprochene Meinung, dafs die nach Suidas unterschiedenen 
beiden Personen dieses Namens wohl nur Eine und dieselbe seyn 
mochten, als die wahrscheinlichere Ansicht angenommen wird, 
wie sie denn auch bereits von H a e s e r (progr. de Sorano Ephesio. 
1840. 4.) mit neuen Beweisen unterstützt wurde. Vgl. zu diesen 



4M Chonlant • 

Coujectoren auch Ball, irilgem. Lit Zeit 1841. April, No. 65, 
SL 513 fg., eine Recension der Dietzischen Ausgabe tob Er- 
nierin*. ... 

Den Schlafs machen Addemda, ein Auter auctonan in t/mv 
but carrectio tentatur,. und ein Index verum ei verkomm, so dafis 
m leichter Auffindung des in diesem Werke niedergelegten man- 
nkhfachen Wissens der Weg gebahnt ist 

JMftge das schätzbare Buch der nahe Vorläufer einer Ausgabe 
des Hippokrates seyn, zu welcher der Vf. selbst es ab eine 
Kooftaftttfftevi} angesehen wissen will. Wohhhuend war es Ref., 
der alten Medicin eine so ernste, fruchtbringende Bearbeitung zu- 
gewendet zu sehen, als die hier betrachtete ist, da die Medicin 
als Kunst immer zu diesen alten Vorbildern zurückkehren wird, 
welche so Vieles als Kunstregel vorahnend auffafstenund feststell- 
ten, was die Wissenschaft erst weit später oder noch gar nicht 
theoretisch begründen konnte. 



Zufolge 4er Abwesenheit des Redacteurs wahrend de* Druckes der 
ersten Bogen dieses Heftes haben sich auf denselben folgende DrnciJeh- 
ler eingeschlichen: 

S. 311 Z. 6 von unten statt Spaetii lies Spachii. 

— 334 — 7 ▼. oben statt schwerer lies sicherer. 

— 341 — $ u. 6 ▼. o. UesNigrisole, Pitcairne. 

— 343—11 t. u. statt Folien lies Poeken. 

— 348 — - 3 t. o. statt collecto lies collect** 

— 352 — 14 v. o. statt berichtigt lies berechtigt. 

— 366 — 11 v, o. statt Studium lies Stadium. 

— 370 — 4 t. o. statt Poliosis lies Peliosis, 

— 874 — 3 t« o. statt rändiger lies rändiger. 



xm. 

Erinnerung an Willis. 

Von 

Prof. J. F. C Heck: er zu Berlin. 



JHkeine Entdeckung hat das Verständnifs derLebeDserscbeimtiigen 
so entschiede» gefördert, als Karl Bell 1 » Unterscheidung der 
empfindenden und bewegenden Nervenwurzeln am Rückenmark; 
Mit ihr ging für die Forscher in dem chaotischen Gebiete der 
Nervenlehre ein Leitstern auf, man lernte auch in der. Sphäre des 
Gehirns wie selbst in der dunkelsten des Gangliensystems die 
Grundverrichtung der Nerven mit besserem Erfolge unterscheiden, 
und was seit dreifsig Jahren durch die Anregung und den Fleifs 
der Physiologen geschehen ist, erscheint nur als das weiter ge- 
förderte Ergebnhs einer gefundenen Grundwahrheit. In der Pa- 
thologie ist der Einflufs der neuen Nervenlehre ein belebender, 
man sagt nicht zu viel, ein umbildender. Denn erkennen wir mit 
besserem Bewußtsein, als je, dafs das Vereinende des Ungleich- 
artigen in allen thierischen Organismen allein das Nervensystem 
ist, dafs ferner das Gesetz der Reflextbätigkeit nicht blofo im Ge- 
biete des Ruckenmarkes waltet, . in dem es zuerst aufgefunden 
wurde, sondern als das oberste und allgemeinste des Nerven- 
lebens die höchsten Aeufserungen der Seelenthätigkeit wie den 
organischen Bildungsprocefs umfafst, dab das innerste Wesen 
dieses Processes auf Nervenwirkung beruht, so liegt es am 
Tage , dafs die Pathologie sich mehr als je dem Nervensystem 
zuwenden mufste. Es wird sich also, wenn die Zeit ihre Aufgabe 
versteht, eine Nervenpathologie gestalten, und diese wird nicht, 
wie dieCullen'sche, in einer abstractenSensibflitiUslehre wurzeln, 
sondern mit physikalischer Strenge die Aeufserung des durch 

30 



Ml Hecker. 

Krankheit veränderten Lebensprocesses auf die Gesetze des viel* 
verzweigten Nervenlebens zurückfahren. 

Karl Bell 's Entdeckung stebt nicht allein. Sie ist nur 
eins von den vielen Ergebnissen der neuern unbefangenen For- 
schung, der nicht durch fertige Theoreme vorgeschrieben war, 
was sie finden sollte ; Untersuchungen wesentlicher, von einander 
verschiedener Lebensäufserungen des Nervensystems haben sie 
längst vorbereitet, und sind nicht erst von der neueren Experimen- 
talphysiologie begonnen worden» Die mechanische Zergliederung 
mutete hier überall vorausgehen und die Wege bahnen , es konnte 
nicht anders seyn, als dafs sie die meisten und verdientesten 
Foncher ausschließlich beschäftigte» sonst wäre sie nicht sclton 
im sechzehnten Jahrhunderte zu einem so hoben Grade von Ge- 
nauigkeit gediehen , sie wurde aber zu Zeiten durchaus nicht ein- 
sekig gefördert. Man wufste auch die Beobachtung des Lebens 
■dt ihr zu verbinden , und die Erkennutous des Eigenthümlicben 
in den verschiedenen Abtheikingen des Nervensystems , ja seihst 
In einzelnen Nerven, war in älterer und neuerer Zelt keineswegs 
so beschränkt, dafe man sie jetzt erst für ganz neu erworben hal- 
ten dürfte. Es ist daher der Blühe werth , einen historischen 
Ueberbliek über die Versuche zu gehen, die in der Weise der 
neuem Nervenphysiologie unternommen worden sind, um das 
fitarvenleben in seiner partienlären Verzweigung zu erkennen, 
Hierbei werde ich nur der einen Richtung folgen , welche durch 
des Wesen dieser Versuche angedeutet wird, alles zur Seite Lie- 
gende aber, was sieh auf diesem Gebiete in der reichsten Fülle 
darbietet, streng ausschliefsen. Die Erkenntnife des Eigentbünv 
Heben und Partienlären in den Nervenverrichtungea ist es überdies 
eilein, welche den Maasstab der Entwickelung der Nervenphy*- 
etobgie giebt, und einen fördernden Einfufs der letztem auf 
die Pathologie vermittelt bat; von allgemeinen Begriffen, wie 
ol B, der HaUer'schen Sensibilität, ist ein solcher Eraflufe immer 
«um so weniger zu erwarten gewesen, je leichter sie in das 
Oekemcbwängliofae ausarteten. 

Die Alesandrinisehen Anatomen, die eisten Zergliederer, 
öder vielmehr Entdecker des Nervensystems, traten sogleiefcmit 



Erinnerung an Willis. 443 

dem Axiom hervor/ dafs Empfindung ,' Bewegung und geistige 
Thfitigkeit allein dem Gehirn und den Nerven angehören , von 
deren Ursprung aus jenem sie sich überzeugten. Erwögt man die 
grenzenlose Verworrenheit der Begriffe aber diese Dinge, welche 
am meisten durch Platonische, zum Theil aber auch durch Art* 
stoteliscbe Ansichten und die allgemeine Unkenntnis der Ana- 
tomie veranlafst wurde, so ergiebt sieh leicht, dafs eben diese 
Entdeckung vielleicht der grufste Fortschritt war, dessen sich 
die Medicin jemals zu rühmen hatte. Der beibehaltene Name 
„Nerven," der ursprünglich Sehnen, nachher alle weifsen Theile 
in der buntesten Verwirrung bedeutete, sollte hiervon ffir immer 
Zeugnifs geben. Er verleitete noch später hier und da zu Irr- 
tbümern und Mißgriffen, weil die Kenntnifs der Alexandrini* 
sehen Anatomie keineswegs allgemein verbreitet war. Der See 
lengeist, meviicc ifw%ixov, wurde seit Erasistratus als das 
Princip der Nerventhfttigkeit, als das eigentliche Nervenagens 
von dem ganzen Alterthume anerkannt. Wie die Lehre vom 
Pneuma überhaupt, ungeachtet mancher Uebertreibungen, deren 
sich namentlich Erasistratus in Bezug auf das Geftfssystem 
schuldig machte, wohl ziemlich die beste der Theorieen war, 
die 'sich bei den Alten vorfinden, so liegt es auch am Tage, 
dafs sie, auf das Nervensystem angewandt, ferneren Untersu- 
chungen durchaus nicht hinderlich werden konnte. Denn wun 
zeit sie freilich in dem Materialismus der Elementartheorie, so 
ist doch der Unterschied «eines rein dynamischen Principe -von 
einer höchst verfeinerten, äufserst beweglichen Materie, durch 
welche man die Lebenserscheinung vermittelt werden labt, in 
der Praxis der Forschung sehr unerheblich. Bis zu der Zeit, 
wo man lernte, mit Imponderabilien umzugehen , und diese den 
Lebenserscheinungen entweder voreilig zum Grunde legte, oder 
die unbekannten Agentien derselben angemessener mit ihnen 
verglich, ist die pneumatische Annahme eines Nervengeistes 
allgemein geblieben, und hat niemals aufmerksame Forscher in 
Vorurtheile verstrickt. Sie steht auch offenbar nicht in einer 
Kategorie mit der Theorie der Elementarqualitfiten , von deren 
Grundfehlern sie durchaus frei geblieben ist. 

30 * 



4M Hecker. 

Es war natürlich, dafs man die Verschiedenheit der Ner- 
venverrichtungen feuerst in den Sinnorganen erkannte, und in den 
Nerven,»welche sich in Muskeln verbreiten, Bewegkraft voraus- 
setzte. Die schöne Beschreibung des Auges von H e r o p h i 1 u s, 
der den Sehnerven mit seiner Ausbreitung für das eigentliche 
Sehorgan erklärte , und diesen Nerven ohne allen Zweifel bis zu 
seinem Ursprünge verfolgte, ist uns am besten erhalten worden. 
Erasistratus hat den Gehurnerven untersucht, wobei vor der 
Hand wenig darauf ankam, ob er ihn von dem Gesichtsnerven ge- 
trennt haben möge, oder nicht, er hat die Nerven gesehen, die 
sich in die Zunge verbreiten und ihnen den Geschmack zuge- 
schrieben; den Geruchssinn, suchte er im Gehirn, ob er den 
Riechnerven als solchen erkannte, kann nicht mit Bestimmtheit 
versichert werden. Muskelnerven zergliederte er in Tbieren, die 
sich durch Kraft und Beweglichkeit auszeichnen. Vierhundert 
Jahre später berichtet derselbe Arzt, dem wir die Erhaltung der 
Herophileischen Beschreibung des Auges verdanken, Erasistra- 
tus habe Empfindongs* und Bewegungsnerven so unterschieden, 
dafs er ihre anatomischen -Merkmale angegeben« Wenn er aber 
behauptet , er habe jene für hohl gehalten , und von den Hirnhäu- 
ten hergeleitet, so steht damit im Widerspruch, dafs Erasistra* 
tus ausdrücklich anführt, die Nerven bestfinden in ihrem Innern 
aus Mark , das aus dem Marke des Gehirns entspränge , und sei- 
nen früheren Irrthum , die Nerven kämen von der harten Hirnhaut, 
entschieden widerruft. Dafs er den Ursprung der Bewegungs- 
nerven allein im grofoen und kleinen Gehirn gesqcht haben sollte, 
wie eben jener Arzt behauptet, fällt hiernach von selbst weg. 
Man sieht indessen, dafs schon bei diesen ersten kühnen und 
so überaus verdienstlichen Versuchen das Bedürfnifs sich fühl- 
bar machte, anatomische Unterschiede der Empfindung»- und 
Bewegungsnerven irgendwie aufzufinden. Dafs man den Rücken- 
marksnerven Aufmerksamkeit widmete, kann nicht bezweifelt wer* 
den. Herophilus stellte sie und die Hirnnerven ausdrücklich 
unter die Herrschaft des Willens, überhaupt aber sieht man aus 
den spärlich erhaltenen Andeutungen, dafs die Alfexandrinische 
Nervenlehre, umfangreich und bedeutend gewesen seyn mufs. 



Erinnerung an Willis. 445 

Während der nächsten vierhundert Jahre wn&te man aber das 
ruhmvoll begonnene Werk nicht weiter auszufahren , bis endlich 
Marinus mit der ganzen Anatomie auch die Nervenlehre wieder 
neu bearbeitete. Ob dieser äufserst fleifcige Zergliederer , aus 
dessen Schriften Galen eines seiner Hauptwerke corapilirte, und 
manche Untersuchung entlehnt haben mag, die ihm von der Nacb> 
weit als eigentümlich zugeschrieben wurde, in die Nervenphysio- 
logie tiefer eingegangen sei, ist zweifelhaft, aber so viel ist ge- 
wifs, seine anatomische Untersuchung des dritten, unseres fünf- 
ten Paares, ist nur erst in der neuern Zeit übertroffen worden. 
Ueberdiefs ist Marinus der Urheber der Galen'schen Nerven- 
zählung, die in der Folge als ein unveränderliches Schema sehr 
hinderlich geworden ist Die Ordnung, in der fortan die Hirn- 
nerven aufgeführt wurden, war folgende: 

1. N. opticus, 2. N. ocvliraotorius. 3. 4. N. divisus, des- 
sen Ramus maxillaris superior als ein besonderer Nerv betrachtet 
wurde. 5. N. acusticus. 6. N. vagus» 7. N. hypoglossus. 

Hier sind nur 6 Nerven aufgeführt, man würde indessen 
sehr irren, wenn man die Galensche Kennntnifs der Hirnnerven 
hierauf für beschränkt halten wollte. Beim fünften Paare hatte 
Marinus den Gehör- und Gesichtsnerven zusammengenom- 
men, den Verlauf und die Bestimmung des letztern aber sehr wohl 
erkannt Von Galen wird der Gesichtsnerv sehr gut beschrieben. 
Ferner unterscheidet dies6r beim sechsten Paare drei Nerven, die 
ans dem Foramen laeerum hervortreten, den Vagus, den recht 
deutlich angegebenen Glossopharyngeus, und den . Accessorius. 
Galen kannte "also 1) den Opticus, 2) den Oculhnotorhis, 3) den 
Divisus, 4) den Facialis, 5) den Acusticus, 6) den Vagus, 7) den 
Glossopharyngeus, 8) den Accessorius, 9) den Hypoglossüs; es 
fehlen mithin nur: der Olfactorius, der Trochlearis, der Abdu- 
cens. 

Ueber die Verrichtung der einzelnen Nerven, findet sich bei 
ihm recht viel Interessantes. 1) Den .Geruchsnerven hat er 
wohl ohne Zweifel gesehen , aber nicht als solchen erkannt In 
der Nasenschleimhaiit kannte et die Verbreitung der Aeste des 
Qmntm* schrieb ihnen aber ganz richtig nur die Function des 



i 



44t Heckex 

Tastsinns zu, und schloß» sie von der Wahrnehmung der Gerüche 
aus., indem er den Geruchssinn nach mancherlei spitzfindigen Ar- 
gumentationen in den vordem Hirnventrikeln suchte, wobei er sich 
auf einen bekannten , aber an sich ganz falschen Versuch mit 
Schwarzkümmel stützt 2) Bei dem Sehnerven konnte er nur 
das den Alexandrinern Bekannte bestätigen. 3) Seine Untersu- 
chungen ober die Mnskelnerven des Auges waren über- 
haupt ungenau, er blieb nur dabei stehen, was bereits Pelops 
darüber gelehrt hatte. Dafs hier zwei Nerven fehlten [4) der 
Trochltaris und 6) der Abducens] war nicht wieder einzu- 
bringen, und so mufste dieser schwierige, aber so höchst inter- 
essante Theil der Nervenlehre späteren Bearbeitungen aufbehal- 
ten bleiben. 5) Seine Andeutungen über die Verrichtungen des 
Quintui sind nicht unwichtig. Er erkannte in diesem Nerven 
hauptsächlich einen in der Nase» im Gaumen, in der Gesichts- 
haut für den Tastsinn bestimmten Gefählsnerven ; seine Beweg- 
kraft, da wo er Muskeln versieht» entging ihm nicht, in der Zunge 
aber hielt er ihn für den Geschmacksnerven, wobei es nur auffal- 
lend ist, dafs , wiewohl er den Glossopharyngeut bei seinem 
Austritt aus der Hirnhöhle offenbar gesehen, er ihn weiterhin doch 
nicht wieder beachtet. 7) Dafs der Gesichtsnerv sich in die 
Gesichtsmuskeln verbreitet, namentlich in den Buccfnaforius, hatte 
schon, wie es scheint, Mari aus au&er Zweifel gesetzt. Es 
stand also fest, dafe dieser Nerv nur zur Bewegung bestimmt sei. 
8) Zur Physiologie des Gehörnerven war nichts Erhebliches 
hinzuzufügen. 9) 10) 12) Von den drei, aus dem Foramen la- 
cerum heraustretenden Nerven hat Galen den Vagus mit einiger 
Verliebe und sehr glucklich bearbeitet. Dafs er um, und na- 
mentlich seinen Bamm teettrrens fär den Stimmnerven hielt, ist 
selbst in die Lehrbücher der Mittelalters übergegangen und all- 
gemein bekannt. Seine Versuche an Thieren, vermittelst der 
Durchscbneicmng die Verrichtungen dieses Nerven anschaulich zu 
machen, wurden noch überdies durch einen chirurgischen Fall hei 
einem Knaben bestätigt, der sogleich die Stimme verlor , als der 
Recurrens bei einer Operation am Halse durchschnitten wurde. 
Aber auch die Verbreitung des Vagus in die Lungen und sein 



Erinnerung an Willis. 447 

Anfheil an der Reapiration entging ibm durchaus nicht , und Book 
genauer erkaoale er ihn als den Nerven, tob dem im Magen die 
Empfindung des Bedürfnisses von Nahrung abhängt 11) der Ac- 
cess&rin* blieb von ihm in der Physiologie unbeachtet , 12) vom» 
Hypoglosms aber wütete er bestimmt» dafs er für die Bewegung 
«ler Zunge bestimmt sei. 

Auch Galen suchte» wie die Alexandrinischen Zergliederet, 
nach anatomischen Unterschieden der Empindungs* und Bewe- 
gungsnerven. Doch blieb seine Ansicht hierüber nur ganz hypo- 
thetisch, gründete sich auf ein mechanisches Verbältnifs, das nur 
von den Nervenhüllen, nicht einmal dem Marke selbst abhing, 
und war Yen allen am wenigsten fähig, folgerecht durchgeführt za 
werden. Die weichen Nerven, an dem vordem Theile des» 
Gehirns, sollten der Empfindung, die harten, vom Rücken- 
niarke, der Bewegung, and die zwischen ihnen mitten rone stehen- 
den oder gemischten Nerven beiden Functionen verstehen. 
Es ist kaum der Mühe wertb, die Folgewidrigkeiten und man- 
cherlei Ausflüchte anschaulich zu machen , die er sich hier er- 
laubte* Bald sollten an ihrem Ursprünge weiche Nerven in ihrem 
weitere Verlaufe allmälig erhärten, bald wird harten Nerven aas 1 
dem Rückenmarke Empfinduugskrafl zugeschrieben, wie dies auch 
bei seinen maaaichfaltigen und recht interessanten Untersuchungen 
der Rückenmarksnerven nicht anders geschehen konnte. Denn 
dafe von diesen Nerven aufser der willkürlichen Bewegung der 
Muskeln, worüber die Verletzung und Dürchschneidang einzelner 
derselben die genaueste Auskunft gab, auch der Tastsinn in 
der ganzen Haut, und die Empfindung in de* Muskeln 
wie überhaupt in dem Innern der Extremitäten benrühre*, war ihm 
hinreichend bekamt Gewifs ist, dafs diese ganze Hypothese 
weder ihm selbst, noch allen Späteren, die daraus mehr gemacht 
haben, als sie verdiente, wenigstens nicht hinderlich geworden 
ist leb wüfste kein Beispiet aufzufinden,, dafs irgend ein Spä- 
terer dadurch abgehalten worden wäre, das zn erkennen, wozu 
sein Scharfsinn, sein Fleifc und sein Zeitalter ihn irgend be- 
fähigten. 

Wen« vom Nervenagens die Redeist, so mnja> bemerkt 




448 * Hecker. 

werden, dafo Galen die pneumatische Ansiebt nickt überall bei- 
behielt, sondern eine bewegende oder empfindende Kraft im 
Sinne der Aristotelischen Kräfte annahm, und sehr wohl wulste, 
dafs diese bei Durchschneidung von Nerven unter der getrennten 
Stelle verloren geht, über derselben erhalten bleibt Fugt man 
noch hinzu, dafs Galen eine nicht ganz unbedeutende Kennt- 
nifs des Nervus sympatfaicus an den Tag legt, dafs ihm dessen 
Verbindung mit dem Nervus quintus bekannt war (die Wurzel ans 
dem sechsten Paar kannte er eben so wenig wie dieses selbst), 
dafs er seine Verbreitung in die Eingeweide der Brust und des 
Unterleibes, namentlich in den Darmkanal gesehen hat, dafs seine 
Ansichten von den Verrichtungen dieser Theile nichts weniger als 
oberflächlich waren , so wäre es freilich zu verwundern, dafis eine 
so gehaltreiche, so tief in das Besondere eingebende Nervenlehre 
so ohne allen Einflufs auf die höhere Theorie des Lebens , ge- 
schweige denn auf die Pathologie und die Praxis blieb, wenn 
nicht der Grund hiervon für jeden Kenner des Alterthums auf der 
Hand läge. Denn wie in der Person Galen's selbst der geis - 
reiche Forscher des Lebens gegen den trockenen Humoraltbeoreti- 
ker, den dialektischen Verfechter der Elementarqualitäten nimmer 
aufkommen konnte, so war die ganze Heilkunde des Alterthums 
mit Allem, was in ihr Ausgezeichnetes geleistet worden ist, so in 
diese Lehre verstrickt, die an sich selbst wahr machte, dafs Kälte 
und Trockenheit sich vereinen können, dafs ihr jeder Aufflug zu hö- 
herer Erkenntnifs geradehin unmöglich wurde. War einmal , wie 
hier durchaus consequent, und zwar mit Hülfe der Aristotelischen 
Logik, vor der sieb alle Geister beugten, Wirkung und Ursache 
verwechselt, so mufste ein so grundfalsches Princip überall , wo 
man sich an dasselbe hielt, unübersteigliche Hindernisse bereiten, 
und alle Ergebnisse unbefangener Untersuchung, an denen es 
durchaus nicht gefehlt bat, muteten von der Theorie des Lebens 
ausgeschlossen bleiben. Die Geschichte zeigt, dafe die überall 
durchführbare, dem Wesen des menschlichen Geistes so durchaus 
angemessene Aufgabe, höhere Erkenntnifo im Platonischen Sinne 
mit Erforschung der Sinnenwelt in Aristotelischer Weise zu ver- 
binden , von dem Alterthume weder begriffen noch gelöst worden 



Erinnerung an Willis. 449 

ist» und so blieb es denn bis zum Untergange der griechischen 
Heilkunde, ja bis zur Reformation der Wissenschaften im sech- 
zehnten Jahrhundert beim Alten. Zu dieser Reformation gab die 
Platonische Philosophie einen mächtigen Anstofs. 

Die Erforschung des Nervensystems bietet bis dahin nichts 
Erhebliches dar, die Entdeckung, oder vielmehr die richtige Be- 
schreibung des Riechnerven als solchen etwa ausgenommen, durch 
welche sich Theophilus im siebenten Jahrhundert ein Denk 
mal gestiftet hat. Die grofsen Zergliederer des sechszehnten Jahr- 
hunderts haben für die Anatomie des Nervensystems sehr viel 
gethan, das Meiste Fallopia, wiewohl auch er noch den Riech- 
nerven ausschlofs, und die Galen'sche Zählung wenigstens zum 
Theil beibehält. Er führt die Nerven in folgender Ordnung auf, 
an die sich Mehrere gehalten haben : 1) den Opticus , 2) den 
Oculimotorius , 3) den ganzen Quintus. 4) den Abducens, 5) o. den 
Acusticus, b. den Facialis, 6) a, den Glossopharyngeus, von dem 
er bemerkt , dafs er anderen Anatomen unbekannt zu seyn schien, 
b. den Accessorius, c. den Vagus, 7) den Hypoglossus, 8) den 
Trochlearis, der noch von Vesal fär einen Zweig des Quintus 
gehalten, von Eustacchi aber richtig abgebildet wurde. — 
Einen Theil des Nervus sympathicns, den er freilich für einen 
Plexus des sechsten Nerven, nämlich des Vagus hielt,, beschreibt 
er sehr anschaulich, namentlich die Balsgaoglien unter dem Na- 
men Corpora olivaria. 

Von eigenthümlichen Nervenverricbtungen ist bei diesen -Ana- 
tomen nicht eben die Rede, sie waren zu sehr mit der Zergliede- 
rung beschäftigt, und sie gingen daher nicht über die Kenntnisse 
hinaus , die bereits in den Galenischen Arbeiten enthalten waren. 

Mit ruhmwürdigem Streben und glänzendem Erfolge wurde 
aber die Nervenphysiologie bis in das Einzelne von Willis bear- 
beitet Die Verdienste dieses sehr bedeutenden Forschers sind 
durch die Ungunst der Zeiten zu weit in den Hintergrund gestellt 
worden, dafs es nicht als Pflicht der Gerechtigkeit erscheinen 
sollte, sie gebührend hervorzuheben. Willis ist der Gründer 
einerneuen, durchweg gesunden, auf Autopsie und Beobachtung 
basirten Nervenlehre, Willis ist es, der zuerst den Weg zu 



460 Hecker. 

einer Nerveopathologle anbahnte * die nicht aaf allgemefaien Vor- 
aussetzungen , auf abetractem Formalismus und tagen Begriffen, 
sondern auf streng gesonderter Kenntnifs dea Eigenthämlicben in 
den Centraltheilen wie in den Verzweigungen dea Nervensystems 
beruhete , in einer Zeit, in der »an immer gewohnt war, dunkele 
Erscheinungen des Nervenlebens dämonischer Zauberei zuzu- 
schreiben, und die mechanische Psychologie Descartes's durch 
ihre mathematische, anscheinend überzeugende Methode die be- 
sten Denker fiir die Theorie der Zirbeldrüse eingenommen hatte. 
Berufen als Lehrer der Naturphilosophie psychologische Vorle- 
gungen zu halten , in denen Sitz und Organe der Geisteskräfte, 
die Gemüthsaffecte , die äofeeren und inneren Sinne dargestellt 
werden sollten , bildete er sich, wie dies zu geschehen pflegt» ein 
ausführliches System über alle diese Dinge, mit philosophischem 
Formalismus, überzeugte sich aber bald, data mit allem Nach- 
denken hu Gebiete der Hypothesen a priori hier nichts aaszuricb- 
ten sei, und allein der Weg der Untersuchung und Autopsie zu 
einer haltbare» Theorie des Nervenleben« im gesunden wie im 
kranken Zustande führen könne. Diesen Weg verfolgte er mit 
ausdauerndem Fleifa im Bewufetseyn der Grdfee seiner Aufgabe, 
und mit der Bescheidenheit des wahren Verdienstes, ebne jemals 
Seine Vorgänger hart zu beurtheilea, oder sich über Zeltgenossen 
aus erteler Ruhmsucht zu überbeben. 

Willis begann seine Arbeiten bei dem Gehirn, mit dem 
Beistände des vieiverdienten Low er, der ihm viele der wichtig- 
sten Präparate verfertigte 9 und eben Theil der Zeichnungen be- 
sorgte, eines Forschers, dessen Werk über das Herz nie veral- 
ten wrrdr Die Bedeutung der einzelnen Hirnorgane anzugeben, 
hielt er für so schwierig, als ein Bild der Seele zu entwerfen. 
Dennoch wagte er den Versuch, ohne irgend erhebliche Vorar- 
beiten, denn die Annahmen des Pneumatikers Posid onius, bei 
denen die Psychologen nicht ohne Anregung stehen geblieben 
waren, konnten ihm nicht in Betracht hemmen. Alle diese Un- 
tersuchungen, die er zum TheB auf vergleichende Anatomie, 
durchweg aber auf Beobachtung des Lebens gründete, hingen mit 
seiner Nerveulebee genau zusammen, jnnd sind überhaupt so be- 



Erinnerung an Willis. €51 

deutend , dafs de auch in der nettesten , gegen fitere Verdienste 
oft so ungerechten Zeit die ihnen gebührende Aufmerksamkeit er- 
regt haben. Das Nerveuagens fafste er nach der uralten Annahme 
als ein Pneuma, als Spiritus animalis, oder Jiervorutn auf. Dieser 
Spiritus wird aus dem Arterienbhite in der Cortieakubstaaz berei- 
tet» die Meduliarsubstanz leitet ihn in alle Theile des Nerven- 
systems, und er ist fiberall der Vermittler der Empfindung und 
Bewegung. Einige chemische Vorstellungen , die der Zeit ange- 
hören, dafs z. B. der Nervengeist ans salzig-schvrefeligen Grund« 
Stoffen bestehe, kommen hier um so weniger in Betracht, da 
ihnen Willis selbst keine weitere Folge gegeben hat, und 
durch sie der Fortgang der Untersuchung in keiner Rücksicht ge- 
hindert worden ist. Ueberdies erkannte er aus den Erscheinungen 
des Nervenlebens die nicht zu berechnende Beweglichkeit des 
Spiritus animaHs , und verglich ihn deshalb geradehin mit dem 
Lichte, ohne zu behaupten , dafs er Licht sei, wie einige Neuere 
dieses und andere Imponderabilien ohne Bedenken in das Nerven- 
system fibertragen haben. Eine andere, ganz wunderliche , aber 
tiefgewurzelte Lehre seiner Zeit, die auch späterhin selbst von 
Santorini nicht aufgegeben wurde, die Lehre von dem Liquor 
nervosus , den man zum Ernährungssafte aller festen Theile hatte 
machen wollen, war Willis nicht im Stande, ganz zu beseitigen* 
ludessen modüBcirte er sie bedeutend, schrieb die Ernährung aller 
Theile des Körpers dem Arterienblute zu, und hielt nur den Hin- 
zutritt des Liquor nervosus für nothwendig und wesentlich, gleich- 
wie aus dem weiblichen Antheil bei der Zeugung kein neuer Kor» 
per entstehen k&nnte, ohne den männlichen. So materialistisch 
diese Vorstellung ist, so wird damit im Grunde doch nur der An- 
theil des Nervenlebens an der Ernährung angedeutet. Alle theo- 
retischen Vorstellungen in der Medien beginnen mit dem Mate- 
rialismus, und verfeinern sich nur nach und nach, manche sehr 
langsam. Zu verwundern ist es nur, wie man Überhaupt noch auf 
diese Ansicht kommen konnte. Denn bei 6 a I en, dessen Ansehen 
in der Physiologie auch noch damals alles galt, findet sich davon 
durchaus nichts, ja dieser leugnete entschieden die Bewegung 
irgend einer tropfbaren Flüssigkeit in den Nerven, die in, keiner 



£U Hecker. 

Rücksicht als Kanäle tu betrachten wären.' Man sieh) aber Wer 
wie bei vielen andern Gelegenheiten, daß» die wirklieh geistvollen 
und naturgemäßen Anrichten Galen's bei Weitem weniger ver- 
standen worden und in die Wissenschaft eingegangen sind, als 
alle die dürren Axiome, die der Lehre von den Elementarqualitä- 
ten angehorten , wiewohl die ganze ärztliche Welt in das Studium 
der Galenischen Schriften sich versenkt hatte. 

Die Anordnung der Hhrnnerven ist bei Willis, folgende: 
-]) Der OUactorhis, 2) der Opticus, 3) der Oculimotorius, 4) der 
Patheticus, 5) der Quintus, 6) der Abducens, 7) das Par audito- 
rimn, und zwar o) der Ramus durus (facialis), b) der Ramus mol- 
Us (acusticus), wobei zu bemerken, dafs die Galenische An- 
nahme von der Weichheit des Gefühls-, und der Härte der Bewe- 
gungsnerven hier und die noch ohne Schaden beibehalten wurde ; 
$) der Vagus. Er wird zwar von dem Accessorius ad vagum über- 
all und genau geschieden , aber doch mit ihm als Par octavum 
zusammengefafst. 9) Der Hypoglossus. Es fehlt also in dieser 
Zähking der Glossopharyngeus, was bei der sonstigen Genauig- 
keit der Willis'schen Nerveuanatomie umso mehr auffällt,* da 
bereits Fall opia diesen Nerven gesehen und angegeben hatte. 

Die Verrichtung des Geruchsnerven stellte Willis so dar, 
wie sie im Ganzen noch jetzt gelehrt wird, nicht ohne die Er- 
gebnisse der vergleichenden Anatomie derjenigen Thiere, in 
denen das Geruchsorgan entweder vollkommener ausgebildet er- 
scheint, oder mehr zurücktritt. Sein Austritt aus der Siebplatte 
und seine Vertheilung in die Nasenschleimhaut werden genau be- 
schrieben, und wenn. er noch zu viel auf die seröse Flüssigkeit 
giebt, die in diesem Nerven die Geruchstheile in ähnlicher Weise 
modfficiren soll, wie die Lichtstrahlen m den Flüssigkeiten des 
_Auges gebrochen werden, wenn er sogar noch annimmt, dafs 
jene Flüssigkeit durch die Siebplatte in die Nasenhohle ausgeson- 
dert werde, so Hegt hier weniger die uralte Theorie von den 
Katarrhen zum Grunde, als die auf den Menschen irrig übertragene 
Beobachtung der Geruchsnerven bei den Wiederkäuern , in denen 
derselbe hohl ist. Beim Menschen besteht bekanntlich ein solcher 
Bau nur *» Embryo und verschwindet später (SU mm erring). 



Erinnerung an Willig. 453 

In Betreff der Verzweigungen des Quintus in der Nasenhöhle 
ging Willis über die . Galenische Annahme darin hinaus, dafs 
er diesen Nerven als den hauptsächlichstem Vermittler der Mit- 
leidenschaft des Genichsorgans nicht nnr mit dem Geschmacks- 
sinn , sondern auch mit allen vom Nervus intercostalis versehenen 
Theilen betrachtete. + 

Ueber den, Sehnerven fügte Willis den damaligen, keines- 
weges geringfügigen Kenntnissen nichts Erhebliches hinzu. Auf 
die Ausführung des Einzelnen kommt es überhaupt hier weniger 
an, als auf die richtige Würdigung des Wesentlichen. 

Dasselbe gilt von dem Gehörnerven, den er von dem Ge- 
sichtsnerven so trennte, dafe er diesem durchaus keinen Antheil 
an der Wahrnehmung des Schalles zugestand , ohne jedoch seine 
Cooperation bei der letzteren zu. übersehen, die ihm nicht nur 
aus anatomischen Gründen, sondern auch aus den mannichfaltigen 
Bewegungen der Tbeile, die er versieht, wenn Aufmerksamkeit 
den Gehörsinn . spannt, hinreichend einleuchtete* Im Uebrigen 
hielt er diesen Nerven durchaus nurfür einen Bewegungsnerven, ab 
welchen er schon in der Galenischen Nervenlehre betrachtet wird. 

Für den Geschmackssinn blieb ihm, weil er den Glossppha* 
ryngeus übersah, nur der Quintus übrig; dem Hypoglossus sehrieb 
er die Bewegung der Zunge zu. 

Nur im Vorbeigehen will ich hier bemerken, dafis Willi* 
alle sinnlichen Wahrnehmungen als Pauiones, alle Bewegungen 
dagegen, und zwar im weitesten Sinne des Wortes, als Actio- 
nes ammae betrachtete, bei' jenen eine centripefale Richtung des 
Nervengeistes nach dem Gehirn, refractio,' refluxus spirituum, 
bei diesem dagegen eine centrifugale Richtung desselben von dem 
Gehirn nach der Peripherie, eine Emanatio spiritwm annahm; 
daferihm das verengerte Mark als der gemeinschaftliche Weg er- 
schien , durch den das Netvenagens abgeleitet wird , um zu be* 
wegen, und einströmt, um sinnliche Wahrnehmungen zu vennjt-, 
teln; defs er die gestreiften Körper für da* Sensorium commune 
hielt, in dem alle Empfindung wfthf gekommen und die Bewegung 
vermittelt wird ; d*f* er den Sitz de* Einbildungskraft, des Ge- 
dächtnisses , des Begehrungsvermögens . im Gehirn , der Empfin- 



I 
I 



a 

Verweh einer medichnschen Topographie und Statistik der 
Haupt- und Residenzstadt Dresden. Von Dr. Ernst 
Julius Jacob Meyer. Stolberg am Harz und Leip- 
zig, 1840. gr. 4. XX und 350 S. (Nehsl Grundrifii 
von Dresden und 3 Tafeln mit graphischen DarsteUun- 
gen.) (5Tbaler). 

Recensirt von Prof« Dr. II. E. Richter zu Dresden. 



Schon seit mehreren Jahren hat die Dresdner Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde» welche die meisten Naturforscher und 
Aerzte dieser Stadt» namentlich unter den letzteren die meisten 
filteren und die wissenschaftlich thätigen, vereinigt, den Be- 
schluß» gefafst, eine Topographie dieses Ortes auszuarbeiten und 
dereinst, vielleicht zur Begrülsung des groisen deutschen Na- 
turforscher-Vereins, herauszugeben. Zu diesem Zwecke sind 
die einzelnen Branchen an die betreffenden Sachkundigen ver- 
theilt, alle übrigen Mitglieder zur Theilnahme aufgefordert, auch 
ein nicht unbedeutender Geld - Fond gespart und die besten bis : 
her erschienenen ähnlichen Topographieen angekauft worden. Bei 
so bewandter Sachlage hat uns Herr Dr. Meyer, welcher vor 
beiläufig 4 Jahren aus seiuem Vaterlande PreuXseo hieher über- 
siedelte*), mit seiner Topographie wirklich überrascht, in gu- 
tem und nicht gutem Sinne. Befremden mute es, dafo derselbe, 
bei seinen ausgezeichneten Kenntnissen und Fähigkeiten, sich 
nicht ein anderes Feld wählte, wo ihm keine solche Concurreoz 
bevorstand, und dafs er seinen Plan, ohne die Gesellschaft da- 



*) Jetst bat sich derselbe, wie e» scheint für die Dauer, nach 
Ruftland begeben. 



Erinnerung au Willis. 455 

Gemütsbewegungen» wie Traurigkeit, Zorn, Hafs, Liebe» und an- 
dere Regungen so deutücfo, dafs die davon Ergriffenen, wenn sie 
auch Ihren Zustand sorgsam zu verbergen suchen, dennoch ihre 
Gefühle und ihr innerstes Vorhaben «Seht verleugnen kGnnen." 

lo gleicherweise beurtheilte'Willis die Bewegungen des 
Auges dureh den Abducens und den Quintus, den er als einen ge- 
mischten Nerven betrachtete , indem er auch auf ihn seine bei 
dem Vagus aufgeführte Bemerkung tibertrug, dafs bei denjenigen 
Nerven, die mit vielftdSgen Wurzeln entspringen, eine. Verschie- 
denheit der Verrichtung in eben diesen Wurzeln vorauszusetzen 
sei* Seine Beobachtung der Lebenserscheinungen in den Bewe- 
gungen des Auges ist überhaupt meisterhaft , und wenn er auch, 
auf sich selbst beschränkt und von seiner Zeit nichts weniger als 
begünstigt, nicht so weit vorzudringen vermochte, als hundert und 
fünfzig Jahre später C. Bell, der auf die besten Verarbeiten fu- 
feen konnte, und dies in einer Zeit, in 4er die Experimeatalmethode 
bereits alle Theile der Physiologie mächtig gehoben hatte» in 
der kein theoretisches Vorurtheil der Forschung mehr im Wege 
stand , so war doch der Geist seiner Untersuchung durchweg der- 
selbe , und sein Verdienst steht mindestens dem Verdienste kei- 
nes neueren Physiologen nach. 

Pathetische Bewegungen werden aufser dem vierten und 
-sechsten Paare nach vom Nervus quintus, wegen« seiner Verbin- 
dung mit dem Nervus intereostalis , und zwar in grtttster Ausdeh- 
nung «bor das ganze Gesicht, von dem Nervus facialis wegen sei- 
ner genasen Verbindung mit dem N. quintus, von dem Nervus 
vagus wegen seiner vielseitigen Verbindung mit dem N. interco- 
stake, und allen den Nerven, die mit den genannten eine grftfeere 
oder geringere Gemeinschaft haben, bewerkstelligt, wo denn nun 
alle die Bewegungen, die C. B eil unter den respiratorischen, und 
die meisten von denen, die Marshall Hall unter den excitir- 
tea oder reflectirten abgehandelt heben y sehr genau und ausfährtieb 
-nur Sprach« gebracht werden. In den anatomischen Nachweisen 
aller der hierher gehörigen mnlUigsn Sjrmpethiecn ist Willis 
h5chst genau und sergsam, namentfieh hat er den Vagus und 
den intereestahs bis in die entferntesten Verzweigungen vorzüglich 



456 Hecker. 

bearbeitet Ueberdies darf hier nicht ttergangen werden, daß» 
in aaiueni kkr ausgesprochenen Lehnatze: „Sinnesemdrileke (von 
denen die Regungen des allgemein verbreiteten Tastsinns wie des 
GcmeingeffiMg kein es weges ausgeschlossen sind) machen zuweilen 
Bewegungen ohne TheUnahme des Gehirns", d. h. unbewufcte, 
unwillkürliche Bewegungen , wobei ein Anfang der neueren Lehre 
von der Excitation oder Reflexion nicht zu verkennen ist die frei- 
lich ftr jetzt unmöglich weiter ausgebildet werden konnte. Grün- 
det sie sich doch nur erst auf die Entdeckung der doppelten Be- 
stimmung der Rflckemnarksnerven, und auf die Beseitigung der 
falschen Annahmen in Betreff der Ganglien, wenn diese auch im 
Zeitalter von Willis vielleicht weniger hinderlich waren, als im 
achtzehnten Jahrhundert, 

Willis machte einen sehr interessanten Versuch zur Be- 
gründung einer Nervenpathologie. Er gab freilieh nur Bruchstücke 
über die Krumpfe überhaupt, die Epilepsie, die Hysterie, die 
Hypochondrie , das Asthma und einige andere krampfhafte Krank- 
heiten, aHein es war gerade verdrießlich, hier nicht weiter zu 
gehen, als sein Zeitalter, oder vielmehr seine eigenen Arbeiten 
ihm erlaubten. Die Fehler der meisten, wo nicht aller patholo. 
logischen Systeme rühren von sanguinischer Voreil und Vorgriffen 
dieser Art her, die nicht einmal immer zur rechten Zeit widerru- 
fen worden sind. Gewifa ist es aber, data man «seinen vielseiti- 
gen und unvergefslichen Bemühungen nicht die rechte Folge gege- 
ben hat. Betrachtet man den Zustand der Pathologie in den be- 
rühmten Werken der gro&en Praktiker in der ersten Hälfte des 
achtzehnten Jahrhunderts, so tnuCs man sich freilich wundern, 
dafe die Lehre von den Nervenkrankheiten nach einem Vorgänger 
wie Willis noch so erscheinen konnte, wie in den Vorlesungen 
von Boerhave, dafs die Abhandlung von Fr. Hoffmann 
„de potentia diaboli in corpora kumana" noch möglich war, dafs 
in dem Hauptwerk van Swieten's, das wenigstens von der 
Mehrzahl der Amte als das gelehrteste Werk, als das unerreich- 
barste Lehrbuch gepriesen . wurde, noch so viel dogmatischer 
Galenismus geltend gemacht werden konnte, und somit in die 
ganze praktische Heilkunde aus der Willi suchen Nervenlehre ge- 



Erinnerung an Willig. 45T 

radebin nichts aufgenommen wurde. Aber auch die Physiologen 
des achtzehnten Jahrhunderts haben die Willis'scbe Nervenlehre 
weder hinreichend gekannt noch gewürdigt ; ihrem Urheber wurde 
dasselbe Geschick zu Theil, wie vielen bedeutenden Männern, 
dafs sie für ihre Zeitgenossen vergebens arbeitet!*, und nur erst 
von den späteren Generationen geschätzt und verstanden wurden. 
Selbst Santorini's vorzügliche Untersuchungen über die Ner 
ven sind nur anatomisch» und Hall er, vor dessen Ansehen die 
Welt sich beugte» ging so wenig auf die altein fruchtbringend* 
Forschungsweise von Willis ein, dafe er mit all seinen uozäh" 
ligen Versuchen an lebenden Tbieren und seinem unendlich müh- 
samen Studium nur seine einseitige Sensibititätslehre zu Stande 
bringen konnte , deren abstrakte , aller Beobachtung des Beson- 
deren fern stehender Formalismus freilich nur der ganz ärmlichen 
Qntlen'schenNerveBpathotogie, mit allen Auswüchsen, die sicjt 
aus ihr entwickelten , zur Grundlage dienen konnte. Die neuere 
Nerventehre ist nur dadurch geworden, was sie ist, da£s man die 
strenge ForschuBg&weise von Willis wieder aufgenommen bat»* 
und dies ist» wenn auch sein Name selten genannt wird, die ge- 
rechteste Anerkennung dieses groften Physiologen de» siebzehn^ 
ten Jahrhunderts. 



31 



XIV. 

Kritische Nachlege auf dem Gebiete der Ruhr. 

Von 

Dr. Hauff, 

Oberamtaarzt zu Kirchheim anter Teck. 



iVie es immer von besonderem Interesse ist, die seuehenar- 
tigen Krankheiten; welche im Laufe der Zeit so manehfacben Aen- 
derungen unterworfen sind, im Auge zu bebaken, so mag es auch 
nicht ungeeignet erscheinen, jetzt, nachdem gerade ein Lustrom 
seit dem 'Erscheinen meines Buches 'über die Ruhr verflossen, 
das, was seither sich auf diesem Gebiete ereignet hat, «einen 
Hauptzögen nach wenigstens übersichtlich anzugeben, und daran 
einige Erörterungen zu knüpfen , welche theils durch verschiedene 
Aeufserungen über mein? Schrift hervorgerufen wurden , theils in 
dem Gegenstande selbst begründet sind, und vielleicht zu besserer 
Erkenntnifs des vielfach verschlungenen und so manche Seltsam- 
keiten darbietenden dysenterischen Krankheitsproce§ses führen. 

Im Jahre 1834, welches auch über Würtemberg die schwere 
Epidemie brachte, die ich beschrieben habe, gelangte diese Seu- 
che zu einer Intensität und Ausbreitung, wie seit vielen Jahren 
nicht mehr, so dafs sie im ganzen südlichen Deutschland, in der 
Schweiz, in Tyrol und in mehreren Departements Frankreichs 
herrschte , während, soviel mir bekannt, der nördliche Theil von 
Deutschland bei weitem zum gröfsten Theile verschont blieb. 
Wenn auch seitdem keine Ruhrepidemie mehr aufkam , die sich 
an Ausdehnung nur entfernt mit jener messen konnte , so ist doch 
auffallend, dafs in den zunächst auf 1834 folgenden Jahren, na* 



Ruhr. *59 

metrtlich von 1835 — 37, an sehr vielen Orten kleinere Epidemleen 
herrschten, welche , gleichsam als Nachzügler jener grof&en anzu- 
sehen sind, die ihrerseits als das Resultat eines in die Production 
des Ruhrproeesses gekommenen mächtigen Impulses erscheint, der 
nur aftmähirg wieder abnahm , und in den letzten Jahren, aus wel- 
chen keine irgend bedeutende Epidemie bekannt ist, in der That 
völlig aufgehört eu haben scheint. Ganz auf dieselbe Weise 
hat die im Jahre 18|$ in unsern Erdtheil eingedrungene Cho- 
lera von da an mehrere Jahre hindurch da und dort und in vielen 
grofseu Städten in kurzer Zeit zweimal nach einander gewüthet, 
um , allmälig an Intensität und Ausdehnung abnehmend, ebenfalls 
im Jahre 1837 völlig aus Europa zu verschwinden. — Dieses 
Verhalten der Seuchen spricht um so mehr für das Walten eines 
seinem Wesen nach uns völlig unbekannten eigentümlichen Ent- 
wickehrogsprbcesses, eines eigentlichen Lebensgesetzes, das ihrer 
Ausbildung jedesmal zu Grunde liegt, als sich die Witterungs- 
und andere Verhältnisse der äufsern Natur, überhaupt Alles das, 
von dem man glaubt, dafs es in seinem Zusammenwirken den 
Genua epidemictts bedinge, im Wesentlichen diese ganze Zeit hin- 
durch ziemlich gleich geblieben ist , und auch der Krankheits- 
character sich nicht verändert hat, sofern die verschiedenartigen 
Affectionen der der Assimilation dienenden Organe, wie damals, 
so auch jetzt noch die bei weiten zahlreichsten Krankheiten aus- 
machen, und wie damals, so auch jetzt noch, der auf der Darm- 
Schleimhaut wuchernde ganz eigentümliche Verschwärungspro«, 
eefs, wie er in dem Abdamtnaltyphus beobachtet wird, in unge- 
wöhnlicher. Häufigkeit und Heftigkeit vorkommt. Nun ist es gar 
nicht unwahrscheinlich , dafs dieses Aufhören der Ruhr (und der 
Cholera) durch das .gewaltige Hereinbrechen der Grippe im Winter 
18$$ .bewirkt Worden sey, einer ihrem Wesen nach dem Pneu- 
mocardiaealsystem zugewendeten Krankheit, die aber damals einen 
auffallend gastrischen Charakter hatte, und somit auch das Abdomi- 
nale mit in sich aufnahm oder auflöste. Auch sie ist seit dieser 
letzten grofsen, durch ganz Europa ziehenden Epidemie alljähr- 
lich da und dort in verschiedener Stärke wiedergekehrt, und hat 
besonders im verflossenen Winter und Frühling auch in meinem 

31* 



44» Hauff 

Wirkungskreis* Viele befallen, jedoch mit aller Gutartigkeit eii 
gewöhnlichen katarrhalischen Leidens, und völlig abweicheod Ton 
ihrem damaligen insidftsen Character. 

Kehren wir 'an der Ruhr zurfiek. — Ale eine der bedeu- 
tendsten Partieen der Epidemie des Jahres 1834 mufs noch die- 
jenige betrachtet werden , welche in dem Districte St Johann in 
Tyrol den ganzen Sommer jenes Jahres hindurch herrschte und 
erst im Winter aufhörte, (Ehrharter: die epuüemisch - gaJligte 
bösartige Ruhr im Districte St. Johann in Tyrol im Jahre 1834; in 
d.osterr.medic. Jahrb. XL Bd. 2. u. 3. St. und Schmidts Jahrb. 
III. Suppl. Bd. S. 45, ff.), denn von 36,708 Einwohnern genannten 
Districts erkrankten 6204 und von diesen starben 860, also 1 
von 7. Ebenfalls sehr mörderisch war die in dem baierischen 
Landgerichte Kemnath beobachtete, welche Minztdialer (die 
Ruhrepidemie im Jahre 1834 in dem baierischen Landgerichte 
Kemnath, in H u fe 1 a n d's Journal 1838. 1 1. Stück und S c h m i d t 'a 
Jahrb. 11. Sappl. Bd. S. 49.), beschreibt und in welcher, „ungeach- 
tet die Ruhr nicht bösartig war" (?) , von 400 Kranken 79, näm- 
lich 43 minnliche und 36 weibliche, 37 erwachsene Personen 
und 42 Kinder, also fast 1 von 5 starben, nach des Verf. Angabe 
meist in Folge von Vernachlässigung und verkehrter Behandlung 
der Krankheit durch Wein und andere erhitzende Mittel. Wie 
schon erwähnt , war die Ruhr von 1836 an die nächsten Jahre 
hindurch häufiger, als sonst. In Beziehung auf Wflrtemberg gilt 
dies besonders , von Scbwenningen und der Umgegend (Rösch, 
Geschichte des Vorkommens der Ruhr im Jahre 1834 — 1837, in 
den Heidelberger medic. Annalen 4. Bd. 3. Heft S. 422. ff.) , wo 
sie in jedem Jahre , wenn gleich milder, , als 1834* auftrat Sie 
blieb vom Monat November 1834 aus bis zum September 1835 
gastrisch; rheumatische Fieber mit Parotis, Rothlauf, locale Rheu« 
matismen , Husten und Aphthen bei Kindern waren ihr voraage* 
gangen. Sie hatte den rheumatisch -galligen Charakter und be- 
schränkte sich diesmal auf den Ort Schwenningen mit sehr weni- 
gen, D|pilich 9 ärztlich behandelten Fällen. Vom October 1835 
bis zum September 1836 blieb sie wieder aus, und jetzt kamen in 
Schwenningen selbst nur sehr wenige Fälle vor, während sie in 



Ruhr. 4fil 

der Umgegend epidemisch herrschte. Der Krankheitsprocefs war 
ebenfalls der rheumatisch * gastrische und unter den Kindern 
Brechruhren, unter den Erwachsenen Durchfalle vorausgegangen. 
Nun dauerte es wieder bis zu Ende Augusts 1837, wo sich dann 
die Ruhr in Schwenningen und der Umgegend zur wirklichen Epi- 
demie gestaltete. Jedoch scheint sie auch in diesem Jahre durch- 
aus leichterer Art gewesen zu seyn, denn in dem volkreichen 
Wohnorte des Verf. kamen nur 52 Fälle in ärztliche Behand- 
lung, and eine gleiche Anzahl von Personen mag nach seinet* 
Angabe leicht erkrankt seyn. Auch schildert er selbst die Epi- 
demie als eine im Ganzen gutartige, in der vorzugsweise die ere- 
Ibistische Form der Ruhr vorkam« Doch starben von den 52 Be- 
handelten 7, also fast 1 von 7. — Auch in andern Gegenden und 
Orten Wfirtembergs zeigte «ich die Ruhr in den genannten Jahren 
-da und dort, aber im Ganzen genommen in geringer Bedeutung 
und ausführlichere Nachrichten fehlen darüber. In meinem Be- 
zirke kam sie nur höchst vereinzelt und in leichten Fällen vor« ver- 
schwand von 1837 fast ganz bis zum Sommer und Herbst des 
vorigen Jahres, wo sie zwar in geringer Ausdehnung, aber mit 
grosser Intensität sich einstellte, und Fälle darbot, welche den 
schlimmsten unter den im Jahre 1834 beobachteten durchaus nicht 
nachstanden. In dem benachbarten Gro&herzogthume Baden 
herrschte sie in Heidelberg ebenfalls drei Jahre nach einander 
(Puch elt : Ueber die Ruhr. Die Ruhr im Jahre 1834, 35 und 
36; in Heidelberg, medic. Annalen V. Bd. 3. Heft S. 404.), 
scheint jedoch in den beiden letztgenannten Jahren beträchtlich 
milder gewesen zu seyn , als im ersten. Sehr erschöpfende Dia- 
rrhöen waren ihr in allen drei Jahren vorangegangen. In Bretten 
beobachtete Bodenius (Patholog. therapeut. Untersuch, über 
d. Ruhr. Medic. Annalen VI. Bd. 1. Heft S. 89) im Jahre 1836 
•eine Epidemie, welche im Juni ausbrach, bis in den October 
herrschte, kein Haus verschonte, und Oberhaupt nach der Schil- 
derung des Verf. zu den heftigen gerechnet werden raufs. Ebenso 
berichtet Sautter aus dem Pinzgau, dafs die Ruhr dfcselbst 
seit dem Jahre 1834 alljährlich epidemisch wiederkehre; (die seit 
dem Jahre 1834 alljährlich im Pinzgau des Herzogtums Salzburg 



468 Hauff. 

wiederkehrende Ruhrepidemie. Oesterr. medic. Jahrb. XVII Bd. 
4. St. und Schmidts Jahrb. IL Suppl. Bd. S. 50.). Im Sommer 
1836 beobachtete Boullet eine besonders im Verhältnisse zu 
der geringen Einwohnerzahl sehr ausgedehnte «Epidemie in 
St. Aiguon , einem Dorfe der Sologne, in welcher die Ruhr über- 
haupt häufig epidemisch vorkommen soll, und wo innerhalb zwei 
Monaten von 110 Einwohnern 75 befallen wurden , jedoch nur 
acht starbeu. (S. Ueber die Entstehungsursachen einer Ruhrepi- 
demie» welche im Sommer 1830 in einem Dorfe der Sologne 
herrschte. Annales d? Hygiene publique 1838. Not. 37. und 
Schmidt*» Jahrb. II, Suppl. Bd. S, 52.) Auch in Greifewald 
kehrte die Ruhr ganz mit demselben Grundcharakter , wie im 
Jahre 1834 im Jahre 1837 und sogar 1838 wieder (Seifert: 
Nosolog. therapeut. Bemerkungen über die Ruhr, nach eigenen 
Beobachtungen und Erfahrungen. Hufel. Journal 1838. 12. St. *). 
Diese, so wie die im Jahre 1838 von Siebert in. Bamberg 
beobachtete Epidemie (Zur Genesis und Therapeutik. der rothen 
Ruhr, Bamberg, b, Dresch 1839) sind die einzigen mir bekann- 
ten, welche nach dem Jahre 1837 noch vorgekommen . sind. So 
sehen wir also, dafs die Ruhr von 1834 an an vielen Orten meh- 
rere Jahre hindurch rasch nach einander epidemisch herrschte, 
'welche hinsichtlich der obwaltenden Witterungsverhältnis'se von 
dem durch seine Trockenheit und Hitze so ausgezeichneten Jahre 
1834 theils wenig, theils (wie das Jahr 1837J in jeder Bezie- 
hung verschieden waren. 

« 

Betrachten wir nun zunächst die Zeit des Vorkommens, die 
Entstehungs - und Verbreitungsweise, kurz die Au fsen Verhältnisse 
der Seuche . wie sie sich seit der grofeen Epidemie des Jahres 
1834 gezeigt haben, so finden wir in der neueren Zeit keine Mo- 
mente angegeben, welche uns über diese, theil weise immer noch 
nicht gehörig ermittelten Punkte , die gewünschte Auskunft geben, 
sondern dafs Alles so ziemlich noch ebenso steht, wie früher, und, 

*) bekanntlich wurde diese Schrift $eifert's von, Schar lau 
im meflic. Argos (2. Bandes 3. Heft) bedeutend angefochten, und die 
gegen sie vorgebrachtes Einwendungen durch sehr triftige Grpnde 
iinterstöUk 



Ruhr. 463 

^ * 

wie es in der Natur der Sacheliegt, wohl auch noch lange so stehen 
bleiben wird. Bespnders wird über Miasma und Contagium noch man- 
Diebfach gestatten. Alle diese neueren Epideinieen haben im Som- 
mer, namentlich im Spätsommer geherrscht, welche Jahreszeit in 
den genannten Jahrgängen bekanntlich höchst verschiedene Wit- 
teruDgsyerhäHnjsse zeigte. Besonders auflallende atmosphärisch^ 
Prozesse scheinen keiner derselben vorangegangen zu seyn , oder 
sie begleitet zu haben , ausgenommen die Epidemie in der So- 
logne,. welcher mich Boullet's Berieht grofse Hitze und gleich 
danach anhaltende und sehr heftige Regengüsse vorangegangen 
waren. . P, u c h e 1 1 leitet die Entstehung der drei von ihm beobach- 
teten Epidemieen von der wiederholten Erzeugung eines eigen- 
thümlichen Ruhrmiasmas her, ßodenius ist so ziemlich der 
gleichen Ansicht« und Rösch stellt den. herrschenden gastrischen 
Kratikheitsgenius als das bedeutendste aetiologiscbe Moment auf. 
Puchelt scheint ein Aergernifs daran genommen zii haben, 
dafs # ich in meiner Scjbrjft sagte, ein eigentliches Rubrmiasma 
.gebe es nicht und sucht ausfuhrlich die Existenz eines solchen 
darzuthun und seine speciellen Verhältnisse anzugeben. . Der 
Ruhr iitige, sagt er, ein Miasma zu Gnnfde, das ma*) aber, wie 
immer, nur aus seinen Ursachen und Wirkungen, hier also, zunächst 
ans, einer Vergleichuug .der Ruhr mit andern anerkannt miasmati- 
schen Krankheiten , wie Wechselfieber, Typhus u, s. f. erschlie- 
fsen könne, Nichts spreche dafür, dafs sie wandere qdei; einge- 
schleppt werde, , oft erscheine sie an einem gewissen Qrte, nicht 
.aber an einem andern,, der doch in stetem Verkehr mit dem be- 
fallenen stehe* Weil die Ruhr immer nur in wenigen Monaten 
gewisser Jahre grassire, so müsse sie in ^iocalverfinderungen be- 
gründet seyn, die sich oft erneuern, wie eben die Entstehung des 
Miasma» welches. sich alljährlich , erzeugen, und (im Winter) wiedejr 
.verschwinden könne. Ein gewisser Grad von Wärme und Feuchtig- 
keit, welche zusammen auf prganiseben Stoff einwirken, seien die 
allgemeinen Bedingungen für die Entstehung eines jeden Miasma, 
doch scheine bei der £rzjeugung des Rubrmiasma die Feuchtigkeit 
von geringerem Belange zu seyn, als die Wärme, weil f sie na- 
mentlich in trockenen Sommern so ausgebreitet vorkomme. , Ein 



4164 Hauff. 

fairer Grad Ton Feuchtigkeit scheine der Entstehung des Miasma 
rächt einmal gutartig zu seya, und selbst das Wechselfieber gras- 
sfre mehr bei sch&nen, als bei regntgem Wetter. An der dritten 
Bedingung, dem organischen Stoffe nämlich, könne ea wohl nir- 
gends fehlen, und der verschiedene Grad, in welchem Wärme und 
Feuchtigkeit, so wie die atmosphärische Luft selbst auf den 
in ihr« oder in der Erde befindlichen Stoff einwirken, möge die 
Entstehung der verschiedenartigen Miasmen und also aneh 
der verschiedenen miasmatischen Krankheiten veranlassen. Die 
'Ruhr komme, wie der Typhus, und oft gleichzeitig mit Ihm, 
in überfüllten Krankenhäusern, Lagern und Oberhaupt bei den 
Calamitäten , welche der Krieg mit steh ffcfjre, vor, und 
werde, ganz wie Typhus und Wechselfieber, oft- im Laufe 
-der Epidemie ansteckend, ungeachtet die ersten Fälle diesen 
•Grund der Entstehung nicht hatten, — der Grund fflr jedes €oo> 
4aginm sei in vorangegangener Wärme zu suchen. Auch das habe 
die Ruhr mit anderen miasmatischen Krankheiten gemein, dafs 
sie, wie Typhus und Wechsetfieber, vorzugsweise gewisse Säu» 
ser und Districte eines Ortes zu ergreifen pflege. Wie das 
Wechserfieber bei mäfeiger, das Typhusmiasma bei hoberar Tem- 
peratur entstehe, so scheine für die Ausbildung des Rubrmiasma's 
ein höherer Wärmegrad erforderlich zu seyn ; der Typhus breche 
gewöhnlich bei schnell steigender, die Rühr bei allmälig fallender 
Temperatur aus. Wie Wechselfi eberniiasraa vorzüglich aus vege- 
tabilischen , das Typhusmiasiha fast ausschliefsltch aus animali- 
schen Stoffen sich bilde , so scheine zur Entstehung des Ruhr- 
tniasma sowohl animalischer (vielleicht überwiegend?), als auch 
vegetabilischer Stoff verwendet zu werden u. s. f. So manches 
Wahre nun auch diese Deduction Puchelt's enthält, soläfät 
«ich doch Folgendes dagegen einwenden« Vor Allem mufs ich 
bemerken, dafs er mich mifsverstanden hat;' denn wenn ich he- 
hauptete, es gebe kein eigentliches Ruhrmiasma, d. h. kernen 
'Stoff, kein Agens der äufsern Natut , welcher fiberall und immer, 
wo er* einwirkt, Ruhr erzeugt, wie es z; B. ein Sunrpfmtasma 
giebt (das man ja sogar palpabel dargestellt, oder wenigstens auf- 
gefangen zu haben vermeint), welches immer und fiberall mehr 



R h h-r% #6& 

oder weniger bösartige Weebseffieber erzeugt . gleich dem Effiu- 
vien der pontinischen Sümpfe , besonders aber der feuchten Tbäler 
Ostindien'«, Afrika's und Südamerika^, in welchen für den Nicht- 
accHtnatisirten wenige Stunden Aufenthalt hinreichen, um ihm 
eine perniciöse Intennlttens zuzuziehen , 90 konnte es mir auf der 
andern Seite nicht einfallen, die spontane Genese der Ruhr, d. h. 
ihre Entstehung aus atmosphärischen und tellurischen Einflüsse« 
»Mir Im 45eringsten in Abrede zu stellen , wie diese ,au» meiner *m 
der betreffenden Stelle zu lesenden Exposition über das Verhält* 
nifs von originärer und secundärer Entstehung der Krankheiten» 
-mit der die P u ch e 1 t'sche überdies ziemlich gleich lautet, £u erse- 
hen ist. Ein gewisser Grad von Feuchtigkeit und Wärme «ad ein 
gewisser Stoff, der, bekannt oder unbekannt, das eigentliche Ma- 
terial hergiebt, vermitteln zusammen oBe Neubildung in der Natur 
von dem chemischen Process an bis zu der Infusorienbildung und 
der höchsten Stufe der zweigeschlechtigen Zeugung, und so ohne 
Zweifel auch die Bildung der Krankheitssaaraen , um mich dieses 
bezeichnenden Ausdrucks zu bedienen. Aber diese drei Factoren 
»wirken stets und aller Orten auf einander, und doch ist die Ent- 
stehung von, besonders seuehenartigen, Krankheiten eine im Ver- 
gleiche zu dieser unablässigen Wechselwirkung ungemein seltene 
•Erscheinung, kann also von ihr allein nicht herrühren , sondern 
erfordert notbwendig noch ganz andere Ursachen, welche uns aber 
so gut wie völlig unbekannt siud. Bafs sie localer Art seien, am 
Boden oder andern örtlichen Verhältnissen kleben, läfst «ich in 
Beziehung auf den bei weitem grGfsten Theil der Seuchen -nicht 
'annehmen * indem sich sonst die Entstehung einer und derselbe» 
«Epidemie am gleichen Orte weit häufiger wiederholen müfste, als 
•dies in der That der Fall ist Ohne Zweifel haben elektrische 
•Processe in der Atmosphäre, oder überhaupt stärkere Wechsel 
in ihren Elektricitätsverbältnissen , auf welche man nicht mit der 
Aufmerksamkeit zu achten gewohnt ist, welche sie verdienen» 
hier grofsen Antheil. Wenigstens höben manche Vorgänge wäh- 
rend der Cholera -Epidemie darauf hingewiesen, sofern diese 
mehrmals nach stärkeren elektrischen Erschütterungen in der At- 
mosphäre, wie nach schweren Gewittern, starkem meteorischem 



HaufC 

Masseoniederschlag, oder nach Ausscheidung des organischen Prin- 
cipe in ihr (wie der ockerartige Niederschlag in und um Znaim 
theils erst aasbrach, theils, dem Erlöschen nahe, wieder neues Le- 
ben gewann. Mehr, als manche andere Seuche hat die Ruhr eine be- 
stimmte Jahreszeit, in der. sie vorzugsweise entsteht und gedeiht 
und während z.B. der Typhus in unserem Klima zu jeder Zeit epi- 
demisch herrschen kann, so wird dieses von der Ruhr — Ausnah- 
men abgerechnet — in der Regel nur während des astronomischen 
Sommers beobachtet Theils defshalb, .theils weil der Vehikel 
ihrer weiteten Verbreitung und so auch das von ihr ausgehende 
Contagium flüchtiger Natur ist, dauert keine Ruhrepidemie lange 
über diese Zeit hinaus, und wird daher auch nicht .leicht in andere 
Länder und Zeiträume hinüber verschleppt, wie dies bei. andern 
Seuchen der Fall ist, sondern jede Epidemie entsteht und vergeht 
in engeren räumlichen und zeitlichen Gränzen. .Welcher der. drei 
oben genannten Factoren bei ihrer Entstehung vorzugsweise thätig 
sei, ist schwer zu sagen, sofern sie in nassen und kühlen Som- 
mern ebenso leicht herrscht, als in nassen und warmen, in hei- 
Ifeen und trockenen, und an den verschiedensten Legalitäten, in 
Tiefen! und auf Hohen, in der Nähe von Flüssen und stehenden 
{Gertässern, so wie entfernt von ihnen sich entwickelt. Der Um- 
stand aber, dafs sie ein nie fehlender Genosse kriegführender 
gröfserer Heere, und ein gewöhnliches Drangsal überfüllter Lager 
jrod belagerter Städte ist, scheint darauf hinzuweisen , dafs ani- 
malische, besonders menschliche Effiuvien der Ausbildupg ihm 
höheren Formen wenigstens sehr förderlich seien. Andrerseits 
•haben freilich bei uns im Jahr 1834 diese höheren Formen, ja sq- 
gar die höchsten und bösartigsten keinesweges gefehlt, ohne dau> 
einer, der zuletzt genannten Umstände vorhanden gewesen wäre. 
Eine weitere Analogie mit Typhus und Wechselfieber, welche 
Puchelt der Ruhr zu vindiciren sucht, dafs sie nämlich vor- 
zugsweise bestimmte Häuser . und Distrikte eines bestimmten Orts 
heimsuche,, hat sie theils mit allen andern Seuchen , namentlich 
mit der Pest und dem gelben Fieber gemein , theils gehört ein 
solches, gleichsam wähliges^V erhalten desselben doch mehr un- 
ter die Ausnahmen, als unter die Regeln, und es fet hiebe! doch 



Ruhr. Htm 

wesentlich auch ihre Verbreitung durch Contact von dem uispritog- 
licfaen Emanationsherde aus zu betrachten In einzelne^ FäHea 
freilich lassen sich die Gesetze des Cototactes für das Umsichgrei- 
fen der Krankheit nicht in Anwendung bringen , und obgleich der 
Grund des Vorzugs weisen BeJattenwerdenö gewisser Häuser' oder 
eines gewissen kleinen Distrikts ohne Zweifel Mos in eigetithuatt» 
liehen Verhältnissen dieser und ihrer Bewohner gesucht werden 
mufs, so entgehen doch diese Eigentümlichkeiten unserer Wahr* 
nehmung so oft, dafs wir sie auch nicht einmal annähernd »über- 
mitteln im Stande sind , und derartige Beobachtungen dann rät 
unseren gewohnten Begriffen von Salubrität in directen Wider- 
nehmung treten, wobei besonders. die Geschichte der Ruh* auffal- 
lende Belege giebt. — Die Wechselfieber herrschen allerdings 
nicht sowohl bei' regnischer Witterung; ab vielmehr unmittelbar, 
nachdem sie vorüber ist, d.h. wenn kräftiger Sonnenschein die 
Verdunstung des angesammelten Walsers und die in demselben 
eich entwickelnden Entmischüngsprocesse befördert, darum kann 
jhan aber nicht sagen, dafs sie vorzugsweise bei schönem' Wet- 
ter herrschen, als ob dieses an und für sich sie hervorzurufen 
geeignet wäre*) und der Behauptung Puchelt's, dafs der Ty- 
phus gewöhnlich bei hoher Temperatur herrsehe , widerstreitet 
die Erfahrung in sofern , als er sich am meisten und in der gro- 
ssesten Ausdehnung in nassen .und warmen Wintern, also |nur 
bei einer relativ hohen , absolut genominen aber ziemlich nieder q 
Temperatur entwickelt Wenn also auch ein Ruhrmiasma im 
weitesten Sinne allerdings anerkannt, d. b. ihre Entstehung aus 
dem Conflicte gewisser kosmischer und terrestrischer Agentien 
zugegeben werden mute, so ist uns! doch über die Eigentümlich- 
keit dieser Verhältnisse, über die Qualität, welche sie haben 



*) Daher enststehen ja auch Wcchselfieber in der Nahe von Süm- 
pfen und Seen nicht, so lange diese hinreichend mit Wasser gefüllt 
sind, sondern erst 1 dann, w«snn ihr feuchter und schlammiger Grund 
den Sonnenstrahlen ausgesetzt wird, und zwar scheinen diese selbst von 
wesentlichem Einflufs auf ihre Erzeugung zu seyn, da sie nicht entste- 
hen,* wenn die Austrocknüng solcher Stellen durch starke Winde hervor*- 
gebracht wird, 



466 Hauff. 

missen, um gerade die Ruhr «Ad nicht eine andere Krankheit her- 
vorzubringen, «ehr wenig bekannt» und auch die Geschichte, der seit 
1834 beobachteten Epidemieen giebt keine* weiteren Aufschlüsse 
darüber, sofern bei keiner derselben ungewöhnliche locale Ver- 
hältnisse concurrirten. Zwar sucht Boullet (a. a.O.) den Grand 
ffer die Entstehung der von ihm in St Aignon beobachteten Ruhr- 
epidemie zweitens in der Ausräumung einer grofseu sumpfigen 
Wasserfläche, wobei der Morast auf die Ufer ausgeworfen wurde» 
und wonach zuerst Wechselieber und dann die Ruhr ausbrach» 
ehe die dem Sumpfe zunächst gelegenen Häuser die meisten Ruhr* 
kranken hatten. Allein, wenn er gleich darauf sagt, dafo ^sod- 
derbartr Weise" die Ruhr in den gesundesten und von dem 
Sumpfe entferntesten Theilen des Dorfes zuerst ausbrach, und zu 
Anfang der Epidemie gerade hier die meisten Kranken 
waren, so ist dieser Umstand eben nicht geeignet, seine oben er* 
•wähnte Angabe zu bestätigen, sondern widerstreitet ihr gera- 
dezu. Im Udbrigen verbreiteten sich die Epidemieen auf sehr 
verschiedene Weise, bald nach